XIII.
Wenige Augenblicke, nachdem Gabriele sich so wenig höflich von Guntram Krafft abgewandt hatte, trat Frau von Sprendlingen zu ihrer Tochter heran und flüsterte ihr ein paar inhaltsschwere Worte in das Ohr.
Der breitgehaltene Fächer dämpfte den Klang derselben und verdeckte das Gesicht der Generalin, aber man bemerkte trotzdem, daß sie erregt und sehr energisch sprach.
Über Gabrieles reizendes Gesicht flog ein Schatten.
»Es war ja ein Glück, daß die Musik just schwieg.«
»Mama! Warum soll ich mit ihm tanzen? Es hat gar keinen Zweck! Begeistern werde ich mich nie für das Muttersöhnchen — warum also seine lächerliche Sympathie für mich durch irgend welche Höflichkeit nähren?«
»Es ist hier nicht Zeit und Ort, darauf zu antworten; ich befehle dir jedoch, den Grafen nicht unfreundlich zu behandeln, wenn er sich dir noch einmal nähern sollte! Hörst du, Gabriele? Ich verlange und fordere es von dir als ein Zeichen deiner Liebe für mich!«
Die junge Dame seufzte leicht auf.
»Ach, hätte Frau Gundula doch etwas Besseres getan, als ihrem Baby die verlorenen Taler wieder zusammengespart! Je nun ... ich werde versuchen, mich dem Reigen um diesen modernsten Götzen anzuschließen!«
»Frau Gundula handelte vortrefflich, indem sie für ihren Sohn sorgte, aber der alte Herr von Heidler, der die Güter verpraßte, anstatt sie seinem Erben zu erhalten ... wie handelte der?«
Gabriele kannte den scharf ironischen Zug um die Lippen der Mutter, sie zuckte beinahe wehmütig die schönen Schultern: »Geld macht ja doch nicht glücklich, Mama, — und es ist doch tausendmal besser und moralischer, einen armen Mann aus Liebe, als wie einen reichen aus Berechnung zu heiraten!«
»Narrheit! Wenn du doch endlich merken wolltest, daß gerade der ›arme‹ Mann viel zu klug und kaltherzig ist, um je aus Liebe ein unbemitteltes Mädchen zu freien!«
»Ich bin ja nicht unbemittelt, Mama!«
Frau von Sprendlingen biß momentan wie in großer Nervosität die Zähne zusammen. »Gleichviel, du tust, wie ich dir befehle!« sagte sie kurz, voll ganz ungewohnter Strenge, klappte den Fächer zu und wandte sich mit liebenswürdigstem Lächeln wieder ein paar Damen und Herren zu, welche sie schon seit Beginn des Festes wie den Stein der Weisen gesucht hatten! —
Man hatte sich zu Tisch gesetzt.
Gräfin Thea bemerkte es zu ihrem großen Verdruß, daß Graf Hohen-Esp sie nicht engagierte, so nahe sie es ihm auch gelegt hatte, daß sie das Souper »vorsichtigerweise« noch freigehalten habe.
Guntram Krafft reagierte nicht darauf. — Als er direkt nach seiner Extratour mit ihr zu Gabriele schritt und »beinahe« mit ihr getanzt hätte, grub Gräfin Sevarille die Zähnchen recht ärgerlich in die Lippen.
War denn der naive Schwärmer unverbesserlich, daß er so schnell den fatalen Eindruck, den die »Verlobung« des Fräulein von Sprendlingen auf ihn gemacht, abschüttelte und nach wie vor nach einem Zipfelchen ihrer Schleppe haschte, um es als blinder Sklave durch die Saison zu tragen?
Seltsam, seine erst so melancholische Stimmung schien der strahlendsten Laune Platz gemacht zu haben, welche selbst der »entgleiste« Walzer mit der Angebeteten nicht zu trüben vermochte.
Der Graf kehrte ebenso heiter und guter Dinge zu ihr zurück, als wie er von ihr gegangen, schien absolut kein Verständnis für die kleinen Bosheiten zu haben, welche Thea so geschickt auf Fräulein von Sprendlingen in Anwendung brachte, und bei welchen ihr ein paar verblühte Präsidententöchter und ein sehr dicker Jagdjunker eifrigst sekundierten. Er stand während der nachfolgenden Française vor dem erhöhten Wandpolster und folgte dem Tanz mit sichtlichem Interesse, dann sprach er noch recht lebhaft mit einem Ministerialrat, und als Gräfin Thea für etliche Minuten durch eine sehr amüsante Konfusion in Anspruch genommen ward und danach wieder verstohlen nach dem Bär von Hohen-Esp ausschaute, war derselbe zu ihrem nicht geringen Schrecken spurlos verschwunden!
Gerade jetzt, wo es zum Souper ging und Thea sich schon einen scharmanten kleinen Trick ausgedacht hatte, um sich den bis jetzt so unhöflich verweigerten Arm des Grafen zu erzwingen.
Wohin war er verschwunden?
Voll nervöser Unruhe schaute die junge Dame zuerst nach Gabriele aus und sah es zu ihrer großen Genugtuung, daß dieselbe am Arme Heidlers den Saal verließ.
Das beruhigte sie ein wenig, aber fatal war es momentan doch, daß sie über keinen Tischherrn verfügte.
Ein blutjunger Artillerist schaute sich suchend um und trat hastig näher.
»Sind Komtesse etwa nicht engagiert?«
»Selbstredend, — aber man scheint mal wieder Konfusion gemacht zu haben —«
»Darf ich gehorsamst bitten?« —
Etwas übellaunig und zögernd legte Thea die Hand auf den Arm dieses so sehr nichtssagenden und unbedeutenden Tischherrn. Seit zwei Jahren Leutnant! Gräßlich! So ein Gelbschnabel ohne jedweden goldenen Hintergrund rechnete bei ihr überhaupt nicht mit.
»Ich hatte mich mit Graf Hohen-Esp für denselben Tisch verabredet, Herr von Stark!« sagte sie schnell. »Der Graf ist fremd hier und wird gewiß hilflos umherirren und in den diversen Galerien nach mir suchen! Lassen Sie uns dem Ärmsten zu Hilfe kommen ...«
»Graf Esp? Haha ... moderner Parzival ... haha ... wird wohl schon seinen Platz an König Artus Tafelrunde gefunden haben! Müßte mich sehr irren, wenn er nicht von einem der Kammerherren in den Thronsaal beordert ist! Was denken Komtesse? Der Mann ist ja Landstand! Trotz seiner Hinterwäldlerart! — Die Güter verschaffen ihm Sitz und Stimme! — und wir ... haha ... in die Ecke, alter Besen! — Aber darum wollen wir in unserem Turmstübchen doppelt fidel sein! — Darf ich bitten, Gnädigste ... wir bekommen sonst überhaupt keinen Platz mehr!« —
Thea zog die Brauen sehr ungnädig zusammen und folgte in denkbar schlechtester Laune. Welch ein Pech, daß der naive Neuling nicht rechtzeitig daran gedacht, sie zu engagieren — im Thronsaal sitzen ist just das, was Gräfin Sevarilles Ehrgeiz endlich einmal befriedigen würde.
Dennoch wird es ihr in diesem Augenblick klarer wie je, daß Graf Guntram Krafft es sein soll und muß, welcher sie das nächste Mal nicht nur an die Tafel der höchsten Herrschaften, sondern baldmöglichst auch als Herrin und Gebieterin in die Burg seiner Väter führen soll.
Daß die alte Bärin in derselben noch ihre despotische Herrschaft führt, beunruhigt Thea durchaus nicht, denn wenn sie erst an der Seite des gutmütigen und willenlosen Gatten zu befehlen hat, wird sich gar manches ändern!
Die junge Dame hat schon ihren Plan fix und fertig ausgearbeitet, und der moderne Parzival und Frau Herzeleide spielen eine verschwindend kleine Rolle darin.
Graf Guntram Krafft gefällt ihr ja ganz gut, ja, sie müßte lügen, wenn sie ihn nicht hübsch fände, aber Thea Sevarille ist viel zu modern erzogen, ist viel zu sehr ein Kind ihrer übervernünftigen Zeit, um dem Herzen jemals eine bestimmende Macht in ihrem Leben einzuräumen.
Alles, was sie denkt und tut, ist sehr vernünftig, und wenn zufälligerweise das Herz mit der Klugheit Hand in Hand geht, so ist es ein Vorteil mehr, mit welchem sie rechnen kann!
Aber zu der »ungeheuren Fröhlichkeit«, welche Herr von Stark für ihre »unterste Ecke« prophezeit hatte, steuerte sie an diesem Abend wenig bei.
Währenddessen hatte Guntram Krafft mit hochklopfendem Herzen hinter seinem Stuhl gestanden und Fräulein von Sprendlingen entgegengeschaut.
Am Arm des Herrn von Heidler nahte sie, das sonst so kühle und spröde Antlitz rosig überhaucht und seltsam belebt, die herrlichen, wundersamen Nixenaugen zu ihrem Partner erhoben, so strahlend und bewundernd, daß dem Bär von Hohen-Esp der Atem stockt. Und als sie ihre Plätze erreicht haben, mustert der Dragoner den unvermuteten Nachbar mit einem seiner finster blitzenden, beinahe beleidigend arroganten Blicke und sagt laut: »Na nu! was ist denn das? An Ihrer Seite hatte doch Hardenstein belegt, mein gnädiges Fräulein?« —
Schon steht der Haushofmeister neben dem Sprecher und verneigt sich sehr devot.
»Um Entschuldigung, Herr Leutnant! Wir mußten auf Befehl noch Plätze einschieben!«
»Hätten Sie auch mehr an der Ecke besorgen können!« zuckt Heidler in seiner rücksichtslosen Art die Schultern und fügt brüsk hinzu: »Na — es hilft nichts, Fräulein Gabriele, nehmen wir Platz! Ist ja schließlich auch gleichgültig.«
Die junge Dame nickt und lächelt, wirft den Fächer auf den Tisch und läßt sich müde auf den Stuhl nieder, daß die starren Seidenfalten unter dem duftigen Goldflor leise aufrauschen.
Ihr Blick trifft den Bär von Hohen-Esp, und die Augen blicken wieder so kalt — so unsagbar kalt und abweisend drein, daß all die frohe, heitere Zuversicht des jungen Grafen sich an ihnen zu Tode friert. Aber sie erwidert wenigstens durch eine kaum merkliche Neigung des reizenden Köpfchens seinen stummen Gruß.
Während der ersten Zeit hat Fräulein von Sprendlingen kein Wort und keinen Blick für ihren Nachbar, sie plaudert leise und lebhaft mit Herrn von Heidler, wie Guntram Krafft aus vereinzelten lauten Worten des jungen Offiziers entnehmen kann über Reiten und Sport.
Erst als das Gespräch allgemein wird und sich um die letzten Rennen dreht, welche der Dragoner mit viel Erfolg mitgeritten hat, wendet sich Gabriele recht gezwungen, ja beinahe widerwillig zu Graf Hohen-Esp und fragt ihn, ob er auch ein passionierter Reiter sei?
Ihre erst so leuchtenden Augen werden wieder so kühl und gleichgültig, daß den Gefragten dasselbe Gefühl der Befangenheit überkommt, welches ihn in Gabrieles Nähe kaum noch verläßt.
Das Blut steigt ihm in die Schläfen.
»Reiten?« wiederholt er zögernd, »gewiß reite ich täglich auf die Felder oder in den Wald hinaus, je nachdem es meine Tätigkeit als Landwirt bedingt! Wir verfügen jedoch nur über Pferde, welche mehr dauerhaft wie elegant sind, denn wir brauchen in erster Linie Arbeitspferde, aber keine Vollblüter!«
»Dann ist das Reiten allerdings weder ein Sport noch ein Vergnügen!« zuckt Fräulein von Sprendlingen die Achseln, und ihre Augen sehen aus wie die klare See, wenn jähe Wolkenschatten sie dunkel färben, — Herr von Heidler aber lacht mit gedämpfter Stimme auf und fügt hinzu: »Donnerwetter, nein! ein Hürdenrennen auf einem Ackergaul gibt es nicht!« —
Gabriele sieht den Graf scharf an.
Wird er auf solch beleidigenden Spott eine stolze, energisch abweisende Antwort haben? Nein, das Muttersöhnchen lacht mutig mit und findet es entschieden viel zu gefährlich, mit dem schneidigen Dragoner Händel zu bekommen, er sagt sogar ganz zustimmend: »Ich möchte es wenigstens nicht versuchen! Selbst auf einem Ihrer gut trainierten Renner nicht, Herr von Heidler! Das Reiten ist eine Kunst, welche gelernt und viel geübt sein will, — beides habe ich bisher versäumt!«
»Es gehört auch recht viel Courage und Schneid dazu, um auf der Rennbahn etwas zu leisten!« lächelt Gabriele beinahe verächtlich und mustert noch widerwilliger wie zuvor ihren Nachbar, welcher so hünenhaft groß und gewaltig neben ihr sitzt und doch so kläglich vor ihrem kritischen Blick zusammenschrumpft, wie ein Schatten vor der Sonne. —
Auch diese Ironie scheint der zahme Bär entweder nicht zu verstehen, oder er hält es für praktischer, den Harmlosen zu spielen.
»Gewiß, mein gnädiges Fräulein! Es gehört viel persönlicher Mut dazu, um flott über alle Hindernisse hinwegzugehen, denn leider gibt es jährlich wohl traurige Beweise genug, daß auch der Turf seine Opfer fordert.«
»Traurige Beweise?« Heidler klemmt das Monokel ein und zieht die narbige Stirn in Falten: »Es ist meiner Ansicht nach nie traurig, wenn ein Mann sich in seinem Beruf aufopfert und einen frischen, schönen Reitertod stirbt! Gäbe es keine Gefahr bei Mauern und Gräben, würden sie jedweden Reiz für mich verlieren!«
Gabrieles Blick leuchtete wie verklärt zu dem Sprecher auf, und Guntram Krafft nickt zustimmend vor sich hin und sagt leise: »Ja, es ist seltsam, daß gerade die Gefahr einen so seltsamen Reiz ausübt!« und er denkt dabei an sein wildes donnerndes Meer und an das gebrechliche Lotsenboot, welches er auf Tod und Leben in die Brandung hinaustreibt.
Gabriele kann aber diese Gedanken nicht von seinem geneigten Antlitz ablesen, sie glaubt nur ein gewisses zaghaftes Gruseln aus seinen Worten herauszuhören, und ihr Blick flammt beinahe verächtlich zu ihm auf.
»Wenn Sie nicht reiten — was tun Sie sonst den ganzen Tag auf Hohen-Esp?« —
Er lacht, als ob ihn diese Frage amüsiere: »Ich bin der erste Arbeiter meiner Mutter und schaffe das Meine; wissen Sie nicht, daß es auf dem Lande unendlich viel zu tun gibt, wenn der Gutsherr nicht auf der faulen Haut liegt, sondern selber Hand anlegt, wo und was es auch sei?« —
Sie verzieht den Mund noch ironischer. »Ich kenne das Landleben nur vom Hörensagen und halte das Säen, Pflügen und Dreschen für recht harmlose Beschäftigungen. Irgendeinen Sport üben Sie gar nicht aus?«
Er sieht abermals sehr betroffen, beinahe verlegen aus, und dieser Ausdruck im Gesicht steht ihm nicht.
»Ich weiß nicht recht, was Sie unter Sport verstehen, mein gnädiges Fräulein! Wenn meine Arbeit getan ist, gewährt es mir viel Freude und Genugtuung, auf der See zu rudern oder zu segeln!«
»Also — also doch eine Art Wassersport! Das ist ja jetzt auch modern!«
»Lieben Sie das Meer?«
Sie schüttelt unendlich gleichgültig den Kopf.
»Nein! Ich habe nicht das mindeste Interesse dafür. So eine ewig gleiche, endlose Wasserfläche ist für mich unaussprechlich öde und reizlos!«
Mit weit offenen Augen starrte er sie an.
»Kennen Sie die See? Haben Sie schon einmal längere Zeit am Strande gelebt?«
»Nein! Gott sei Dank, wir mußten ja nach acht Tagen schon wieder von Heringsdorf abreisen, weil meiner Mutter die Luft nicht bekam. Ich denke mit großer Gleichgültigkeit an diese acht Tage voll blendender Sonnenglut, gelben Sandes und beinahe regungsloser Wasserfläche zurück. — Später suchten wir im Sommer nur noch Quellenbäder auf, und ich habe mich nie nach Heringsdorf zurückgesehnt!«
Noch immer starrte er sie an wie eine Vision. »Sind Sie im Boot gefahren?«
»Gewiß! Abends ruderten uns meine beiden Vettern in die ›blaue Unendlichkeit‹ hinaus, und wir schaukelten eine Zeitlang auf dem Wasser, sangen: ›Das Meer erglänzte weit hinaus!‹ und sahen die Sonne am Horizont verschwinden, — einen Tag wie den andern ...«
»Schwefelgelb und still und lautlos wie eine Apfelsine auf Gummischuhen!!« — warf Herr von Heidler mit übermütiger Grimasse ein, und ein schallendes Gelächter erhob sich im Kreise.
Nur Guntram Krafft lachte nicht mit.
Er starrte in sein Sektglas nieder und sah aus wie ein Mensch, welcher vor einem großen, unlösbaren Rätsel steht.
»Und einen Sturm, einen großen, gewaltigen Sturm sahen und erlebten Sie nie?« fragte er.
»Nein! Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, daß das Wasser, welches immer so glatt dalag wie ein Tischtuch, mal zornig aufbrausen kann! All die Seegeschichten, welche man hört oder liest, kann ich nie recht glauben, denn mir fehlt die Phantasie, um sie mir auszumalen!«
Heidler hob sein Sektglas und sah tief und leidenschaftlich mit einem seiner zündenden Blicke in Gabrieles Auge.
»Soll ich den Sattel an den Nagel hängen? Soll ich ein Seemann werden, und kommen Sie mit auf die weiten Meere hinaus, den fliegenden Holländer zu suchen?« —
Heiße Glut flammt über ihr Antlitz, die rosigen Lippen beben, und in ihren Augen steht die Antwort geschrieben, — aber sie beherrscht sich, schüttelt mit leisem Lachen das Köpfchen und antwortet: »Wenn Sie aufhören wollten zu reiten, würden Sie ein Verbrechen an dem modernen Heldentum begehen, und das würde ich Ihnen am allerletzten verzeihen! — Was wollen Sie auf dem Wasser? Da gibt es keine Lorbeeren zu holen ...«
»Erlauben Sie, meine Gnädigste! Die jüngsten, welche auf Chinas Boden sproßten, holte sich unsere Marine!«
»Die Marine! ja die!!« zuckte Gabriele die Schultern.
»Die besteht auch aus Soldaten und mutigen Männern, welche den Feind zu Schiff aufsuchen, weil sie ihn zu Lande nicht erreichen können! Die Marine imponiert mir fraglos, aber die Sportsmen, welche bei hellem Sonnenschein ein wenig die Ruder führen und in idyllischen Sommernächten eine Segelpartie machen, die können doch unmöglich mit unseren verdienstvollsten Männern rangieren!«
Der Blick der Sprecherin traf wie eine kühne Herausforderung den Bären von Hohen-Esp, welcher schweigend an ihrer Seite saß und vor sich nieder auf das Fürstenwappen inmitten seines Tellers sah, — er sah nicht den Ausdruck ihres Auges, er hörte nur ihre Worte, und sein erst so heiß gerötetes Antlitz ward um einen Schein blasser.
Die Umsitzenden hatten sehr betroffene Blicke gewechselt, Heidler murmelte sehr amüsiert: »Alle Wetter, mein gnädiges Fräulein, das war deutlich!« Dann lenkte ein gegenübersitzender Kammerjunker das Gespräch voll nervöser Hast auf ein anderes Thema und verwickelte Guntram Krafft voll besonderer Liebenswürdigkeit in ein Gespräch.
Gabriele aber warf triumphierend das reizende Köpfchen zurück und wandte sich wieder ausschließlich zu Heidler.
»Er mußte einmal meine aufrichtige Meinung hören!« flüsterte sie erregt, »es ist ja eine Schande, wenn ein Mensch, welcher wahrlich gewachsen ist wie ein Parzival, gar nicht zum Bewußtsein seiner Bärenkräfte kommt und ›das Eisen in der Halle rosten‹ läßt, anstatt es zu Ruhm und Ehren seines Vaterlandes im Feuer zu schmieden!«
Herr von Heidler gehörte zu den Menschen, welche ihr Licht mit Vorliebe auf Kosten anderer leuchten lassen, und da es seiner Eitelkeit schmeichelte, von dem reizendsten aller jungen Mädchen als Held gefeiert zu werden, so löschte sein scharfer Witz noch das letzte Fünkchen Sympathie, welches in Gabrieles Herzen für den Bären von Hohen-Esp geleuchtet hatte.
Das Souper näherte sich seinem Ende, und als man sich erhob, wieder nach dem Tanzsaal zurückzuschreiten, wandte sich Fräulein von Sprendlingen zum erstenmal wieder an ihren Nachbar zur Rechten und erwiderte seine stumme Verneigung nur durch ein kurzes, flüchtiges Nicken.
Sie wollte ihn nicht ansehen, aber ganz zufällig streifte ihr Blick dennoch sein schönes Antlitz und traf sein Auge.
Welch ein Ausdruck darin!
Nicht mehr das strahlende Entzücken, wie es ihr sonst daraus entgegengelacht, sondern eine schmerzliche, vorwurfsvolle Trauer, wie ein herb getadelter Knabe dreinschaut, ehe er anfängt zu weinen!
Mit jäher Bewegung wandte sich Gabriele ab.
Laut auflachen hätte sie mögen!
Jung-Parzival, welcher hinter Frau Herzeleides Schürze hervorschaut! —
Jung-Parzival, welcher noch nicht den Weg zu Frau Aventure gefunden hat, welcher auch nie und nimmer einen Platz unter den Rittern des Amfortas einnehmen und zeitlebens der beklagenswerte Tor bleiben wird, als welcher er auf seinem Ackergaul aus der heimatlichen Burg trabte!
Ja, Gabriele möchte lachen, wenn es ihr nicht gar zu traurig deuchte!
Die Zähne beißt sie zusammen und furcht die Stirn.
Schade ist es um die Reckengestalt! Ewig schade! — —
Ernst und schweigend steht Guntram Krafft in dem Tanzsaal und schaut mechanisch auf den wirbelnden Reigen, welcher wie ein wüster Fiebertraum vor seinen Augen kreist. —
Die Musik schmeichelt mit süßen Walzerklängen, — er hört sie nicht.
Vor seinen Ohren klingen nur Gabrieles Worte, jene unfaßlich grausamen Worte, daß sie das Meer nicht liebt!
Sein Meer! Das herrliche, majestätische, unbeschreiblich schöne Meer, welches keines Dichters Zunge genug rühmen, an welchem sich keines Menschen Auge jemals satt sehen kann!
Sein Meer! — Und sie liebt es nicht. — Sie schilt es langweilig, träge, reizlos. —
Und sie selber hat Augen, welche die Farbe dieses Meeres spiegeln, grünlich ... graublau ... schillernd wie Perlmutter ... dunkel und licht zu gleicher Zeit ... verkörperte Wassertropfen.
Wie ist es möglich, daß sie das, was er als Liebstes und Herrlichstes voll Leidenschaft preist, an welchem sein Herz voll unstillbarer Sehnsucht hängt, daß sie das verachtet und von sich stößt?
Die See! — Die blauwogende, unendliche See, deren brandende Wogen Pulsschläge der Ewigkeit sind, deren Sonnenlächeln wie bräutliche Wonne, deren zorniges Donnerrollen die Sprache Jehovas ist? —
Ach, daß sie ihm solches angetan!
Den herben Spott ihrer Worte, welche ihn selber als »armseligen Ruderer« so weit ab von allem Heldentum wiesen, welche in ihm nichts anderes als einen verdienstlosen Menschen sahen, welcher sein Vergnügen an ruhmlosen Spielereien findet — die Worte hatte er kaum gehört und beachtet.
Er war zu harmlos, zu unerfahren, um auf solche Anspielungen zu achten.
Sein Herz brannte nur in Schmerz und Weh um sein geschmähtes Meer.
Aus jedem anderen Munde würde ihm ein solches Urteil zu zornigem Widerspruch gereizt haben. — Gabriele von Sprendlingen gegenüber verstummte er in jener unerklärlichen Befangenheit, in welche ihn ihr Anblick vom ersten Moment an versetzt hatte.
Wie gleichgültig würde es ihm sein, ob fremde Menschen die See lieben oder nicht, — nur von einer einzigen würde es ihn namenlos beglücken, und gerade sie wendet das reizende Haupt gleichgültig ab und urteilt so hart, so grausam, so verständnislos ...
Ja, verständnislos!
Sie kennt ja das Meer gar nicht!
Jene acht Tage in Heringsdorf haben ihr nur ein einziges, winziges, unbedeutendes Bild in dem Kaleidoskop der unerschöpflich reichen, ewig wechselnden See gezeigt, ein Bild, welches durch den Staub des Modebades getrübt, mit kurzsichtigen Augen geschaut wurde!
Guntram Krafft atmet tief auf.
Ach, daß er sie lehren könnte, zu sehen, zu begreifen!
Die schnellebigen Stadtmenschen, welche ein paar flüchtige Wochen im Jahr an den Strand eilen, die müden Lebensgeister an Gottes Odem aufzufrischen, die haben keine Zeit, die erhabene Schönheit der Natur kennenzulernen.
Die promenieren bei rauschenden Musikklängen, diese sitzen in den eleganten Restaurants, die sehen nur die Toiletten, all die tausend bizarren kleinen Überraschungen, welche Göttin Mode und der Geschmack des zwanzigsten Jahrhunderts im Jugendstil auftischen, — die blicken kaum einmal hinab in ihr eigenes, ruheloses Herz, geschweige hinaus in die stille, weltfremde Götterherrlichkeit, welche auf den Wassern des Meeres wohnt. —
Ach, daß er, der Einsiedler, dessen Herz und Seele verwachsen sind mit der keuschen, unberührten Wunderwelt des Strandes, — wenn er der holden Spötterin Gabriele dieses Paradies erschließen könnte!
Ein tiefer Seufzer ringt sich über seine Lippen, die Musik schweigt, und neben ihm erklingt die Stimme Gräfin Theas, welche ihn aus seinen Träumen aufschrecken läßt.