XIV.

»Endlich sieht man Sie wieder, Sie Fahnenflüchtiger!« drohte ihm die Gräfin lächelnd mit dem Fächer: »Wie von dem Erdboden verschwunden waren Sie, als wir unsere unendlich vergnügte und amüsante Ecke bildeten! Wie sehr schade, daß Sie in unserm kleinen Kreise fehlten, Sie würden sich fraglos sehr gut unterhalten haben!«

»Ich bezweifle es nicht, Gräfin!«

Das klang seltsam ernst, beinahe resigniert.

»Wie ist es Ihnen ergangen?« —

»Je weniger man erwartet, desto weniger kann man enttäuscht werden!«

Er sagte es sehr ruhig, und doch glichen seine Worte einem Seufzer.

Thea trat einen Schritt näher und sah mit ihren großen, dunklen Augen beinahe wehmütig zu ihm auf.

»Ich habe bereits davon gehört, wie unliebenswürdig Gabriele einmal wieder gewesen ist! — Es ist wirklich ewig schade darum, daß in diesem bildhübschen Körper eine so wenig sympathische Seele wohnt, denn diese Tatsache muß selbst ich, als beste Freundin, bestätigen!«

»Fräulein von Sprendlingen unliebenswürdig?« wiederholte Guntram Krafft beinahe erschrocken.

»Je nun! Haben Sie es noch nicht bemerkt? Man sagt mir, daß sie gerade gegen Sie recht beleidigend gewesen sei, und das hat mich ernstlich böse gemacht!«

Der Bär von Hohen-Esp hörte nicht den weichen, schmollenden Klang in Theas Stimme, welche sich so ostensibel zu seiner Anwaltin machte, er schüttelte nur betroffen den Kopf und strich mit der Hand die schweren Blondhaare aus der Stirn.

»Fräulein von Sprendlingen sprach sehr abfällig über das Meer, über das Rudern und Segeln — und das kann unmöglich mich beleidigen, so sehr ich ihre Abneigung auch bedauerte!«

Ein seltsamer Blick der Gräfin streifte ihn. »Wie freundlich und harmlos Sie sind, Graf! Wie fremd Ihnen unsere Welt und ihre Verderbnis doch ist! Es freut mich doppelt, wenn Gabrieles Worte Sie nicht kränkten, denn verliebten Menschen darf man nicht so genau nachrechnen, wie anderen Sterblichen!«

»Verliebten Menschen?«

Thea lachte. »Aber Graf! Haben Sie es denn noch immer nicht bemerkt, daß Fräulein von Sprendlingen keinen andern Gedanken mehr hat, wie ihren schneidigen Dragoner?« —

»Das wohl ... aber ...«

»Nun?...«

»Verlobt sind sie noch nicht!«

»Noch nicht öffentlich!« —

»Auf diese kleinen Unterschiede kenne ich mich noch nicht aus ...« murmelte er mit tiefem Atemzug.

Sie standen neben der Saaltür, ein lautes Lachen und Sprechen ließ sie momentan verstummen.

Ein paar junge Herren umringten eine sehr große, schlankgewachsene, junge Frau, von der man dem Grafen schon zuvor erzählt hatte, daß sie einen bedeutend kleineren Mann geheiratet habe. —

»Gnädigste Frau, ich habe eine Bitte!« rief einer der Herren mit übermütig blitzenden Augen. »Eine Frage hat man frei an das Schicksal — eine Bitte nicht!«

»Na — schießen Sie los, Karlchen, ich bewillige sie im Namen von Frau von Stark!«

»Oho!« —

»Also!« Der Kürassier legte beide Hände bittend auf die Brust: »Gnädigste Frau — pumpen Sie mir mal für vierzehn Tage Ihren Herrn Gemahl!«

»Wie? — Meinen Mann?!«

»Aber Karlchen! Jetzt schon? Vierzehn Tage nach der Hochzeitsreise??«

»Was wollen Sie mit ihm?«

»Ich möchte ihn so gern auf meinen Kaminsims stellen.... da fehlt mir nämlich eine Nippesfigur

Schallendes Gelächter!

Die junge Frau ist zuerst entrüstet, aber schließlich lacht sie doch mit und tanzt mit dem Spötter eine Extratour. —

Ein paar junge Mädchen treten in den Saal. Sie sehen den Grafen Hohen-Esp nicht, denn er steht hinter ihnen an der Tür.

»Nein, nein, Kläre! Wir müssen erst mal sehen, ob Parzival wieder tanzt! —«

»Reizender Anblick! — Erinnert an die graziösen Matrosen im fliegenden Holländer!«

»Pfui! Schäm' dich! Parzival ist ein vortrefflicher Mensch! Lotte sagte ja vorhin: ›Der einzige Diamant unter viel Simili!‹« —

»Hahaha! — Ein Diamant!... Aber ein noch völlig ungeschliffener!«

»Ich fürchtete schon,« — lachte eine der jungen Damen, »er würde à la Jürgen Wansbeck hier auftreten!«

»Jürgen Wansbeck? Wer war das?«

»Ein sehr verbauerter Krautjunker, welcher hier an den Hof kam und bei einem Ball die Handschuhe sparte. Der Herzog sah ihn scharf an und fragte gedehnt: ›Sie tragen keine Handschuhe, Baron?‹«

Da schüttelte der Biedermann treuherzig den Kopf und antwortete: »Nee, Hoheit, ich frier' ja nich' an die Fingers!« —

Jubelndes Gelächter. —

»Großartig! Brillante Geschichte!«

Thea war dunkelrot geworden und winkte Guntram Krafft hastig beiseite.

»Hier ist ein solches Gedränge, Graf! Wir wollen uns dort auf den Diwan setzen.«

»Wie Sie befehlen!« nickte Guntram Krafft und sah dabei völlig harmlos aus: »Die Menschen hier scheinen viel zu spotten, — ich machte schon die Bemerkung, daß die meisten Scherze auf Kosten der lieben Nächsten gemacht werden!«

»Leider und seltsamerweise werden gerade diese Witze am meisten belacht!«

Der Graf setzte sich neben der jungen Dame nieder und blickte ihr plötzlich mit seinen klaren, grundehrlichen Augen voll beinahe kindlichen Vertrauens in das blasse Gesichtchen.

»Gräfin ... Sie sind eine Freundin von Fräulein von Sprendlingen?« —

»Sogar eine ihrer vertrautesten!«

»Und Sie meinen es auch mit mir gut?«

»Von ganzem Herzen gut!«

»Würden Sie mir einen großen Liebesdienst erweisen, es mir gestatten, Ihnen rückhaltlos zu vertrauen?«

Sie streckte ihm die kleine Hand hin, ihr Blick leuchtete bezaubernd zu ihm auf. —

Niemand konnte es sehen; eine dreifache Reihe von älteren Herren bildete vor ihnen Spalier, um einem »Menuett der Königin« zuzusehen, welches von den Prinzessinnen und Prinzen nebst einer kleinen Schar von Auserwählten soeben vor dem Herzog getanzt wurde.

»Sprechen Sie, Graf!« flüsterte sie, »kein Mensch hier meint es ehrlicher mit Ihnen, wie ich!«

Er drückte beinahe krampfhaft die dargebotene kleine Rechte und nickte erregt: »Das bemerkte ich bereits, Gräfin! Sie waren von Anfang an so sehr liebenswürdig zu mir, Sie nahmen sich meiner so besonders gütig an, und wenn ich diesen Abend eine heitere Stunde genoß, so verdanke ich sie Ihnen!«

»Sie Ihnen zu bereiten, war wenigstens mein herzlichster Wunsch —!«

»Wundern Sie sich nicht über mich, ich bin fremd in der Welt und es gewohnt, seit jeher nur nach meinen momentanen Eingebungen zu handeln. Auch jetzt weiß ich mir keinen andern Rat, als mich an Sie zu wenden. —« Wieder senkte sich sein Blick wie der eines vertrauenden Kindes in den ihren: »Sie meinen es ja so gut mit mir ...«

»Seien Sie dessen versichert!« In Theas Wangen stieg es immer heißer und röter, ihre Augen flimmerten vor Spannung, und ihre Lippen bebten wie bei einem Menschen, welcher mit fieberhaftem Eifer einem Ziel entgegendrängt.

»Sprechen Sie offen und ehrlich, Graf! Ich bin glücklich, Ihnen irgendwie behilflich sein zu können!«

Er zögerte und blickte momentan starr vor sich nieder.

»Ich möchte es so gern wissen, ob Fräulein von Sprendlingen den Dragoner wahrlich so sehr liebt!«

»Soll ich es auskundschaften bei ihr?«

»Sie sind doch ihre Freundin ...«

»Nichts leichter, als das zu erfahren! Immerhin glaube ich aber, daß es Sie noch mehr interessieren wird, ob sie tatsächlich mit ihm verlobt ist?«

Er schüttelt nachdenklich den Kopf. »Ich las in Romanbüchern, daß heutzutage die Mädchen auch ohne Liebe heiraten. Schon manch eine Verlobung wurde aufgelöst, weil die Braut schließlich noch einen Mann kennenlernte, welchen sie mehr liebte, wie den allzu leichtfertig gewählten Bräutigam!«

»Seien wir ganz ehrlich, Graf!« Thea entfaltete den Fächer und flüsterte zu ihm auf: »Sie möchten wissen, ob Sie Aussichten haben, Gabrieles Herz zu gewinnen?«

Er ward dunkelrot. — »Ich glaube ... Sie treffen das Richtige, Gräfin! Es würde mir von großem Wert sein, zu wissen, wie ich es anfangen muß, um mir die Gunst Ihrer Freundin zu gewinnen! Das war es, was ich Sie fragen wollte!«

»Ich ahnte es! Sie sind von Gabrieles Schönheit bezaubert, und es würde keine liebere Mission für mich geben, als Ihnen das Herz der Gefeierten zuzuwenden!«

»Wenn Sie mir nur eine kleine Anleitung geben wollten, Gräfin, von was ich Fräulein von Sprendlingen unterhalten soll, was ich tun muß, daß sie mir ihr Interesse zuwendet! — Wenn sie es wüßte, daß sie mir so sehr, sehr gut gefällt ...« er unterbrach sich und strich abermals mit der Hand über die Stirn: »Das Reiten scheint ihr viel Freude zu bereiten ... und wenn sie Wert darauf legt, will ich gern ...«

»Dragoner werden?!« Thea hob beinahe entsetzt die Hand und sah plötzlich ganz blaß aus. »Wäre das Ihr Ernst, Graf?« —

Er lächelt. »Nein, daran ist gar kein Gedanke, Gräfin. Wozu das? Ich habe daheim ernstere Pflichten zu erfüllen, als wie hier in behaglicher Friedenszeit eine Uniform spazierenzutragen —.«

»Ganz meine Ansicht! Und eine Frau, welche das nicht einsieht, verdient es nicht, Ihre Gemahlin zu werden!«

»Solange wie meine Mutter lebt, werde ich mein Leben genau nach ihren Wünschen regeln, denn ich weiß, wieviel ich ihr zu verdanken habe, und erachte den Gehorsam gegen sie als meine Schuldigkeit.«

»Wie edel, wie schön von Ihnen gedacht, Graf!« rief Thea mit begeistertem Aufblick in sein Auge: »Wie sprechen Sie mir aus der Seele! Wie billige ich Ihre Denkweise so völlig! Ich kenne zwar Ihre Frau Mutter nicht, aber nach allem, was ich von ihr hörte, verehre ich sie höher wie alle andern Frauen und denke es mir als höchstes Glück, ihr zu Diensten leben zu können! Welch ein sündliches Begehren wäre es, der einsamen Frau noch ihren letzten Trost, ihren Sohn zu entreißen, um einer nichtigen Eitelkeit willen!«

Guntram Krafft blickte voll ehrlichen Entzückens zu der Sprecherin nieder. Die Verehrung für seine Mutter gewann ihr vollends seine Sympathien, und seine große Harmlosigkeit war weit davon entfernt, irgendeine Verstellung hinter solch begeistertem Gesichtchen zu suchen.

»O, wenn Fräulein Gabriele doch ebenso denken möchte, wie Sie! — Nein, Dragoner kann ich um ihretwillen nie werden, denn trotz aller Bravour und aller Reiterstücklein reizt mich der Militärdienst in Friedenszeiten nicht sonderlich, — aber ein guter Reiter könnte ich ihr zuliebe trotzdem werden ...«

»Es wäre lächerlich, wenn sie es verlangen wollte! — Reiten lernt ein jeder Rekrut — aber ein Segelboot durch Sturm und hohe Flut steuern, das ist ein Wagnis, ein Heldenmut, wie ihn eine Landratte gar nicht kennt!«

Er blickte hoch aufatmend in ihr erhitztes Gesicht, seine Augen strahlten wie verklärt.

»Also Sie haben Interesse für den Seemann, Gräfin? Sie lieben das Meer und alle seine Herrlichkeit?...«

Sie preßte voll Leidenschaft die Hände gegen die Brust, — die roten Blüten des Kleiderausschnitts rieselten wie Funken über die nervös bebenden Finger.

»Und ob ich sie liebe! — Noch nie lernte ich das Meer kennen, Graf, und doch sehne ich mich voll glühenden Verlangens seit Jahren schon nach seinem Anblick! — Nicht ›Neapel sehen und sterben‹ — seufzt meine Seele, sondern ›die See sehen und in ihrem Zauberbann leben bis zum Ende meiner Tage!‹ Das ist das Gebet, welches in meinem Herzen zittert! — Noch ist es nicht erhört worden, aber ich lasse nicht nach, zu hoffen und zu harren, — einmal muß auch mir das Glück zu Willen sein!«

Er lauschte wie im Traum ihren Worten, welche sich so weich, so innig und aus tiefstem Herzen quellend, in sein Ohr schmeichelten, als höre er nach wirrem Lärm und Mißgetön wieder traute Klänge aus der Heimat.

Ganz unwillkürlich rückte er näher an ihre Seite und legte die Hand auf ihren Arm. »Sie sollen ... Sie werden das Meer sehen, Gräfin ... Sie müssen zu uns nach Hohen-Esp kommen! Sicherlich wird es Ihnen in dem alten Bärennest gefallen, und welch eine Freude für mich, Ihnen das Meer zeigen zu können!«

Ja, eine Freude!

Schon jetzt leuchteten seine Augen bei dem Gedanken, und das Blut stieg ihm abermals so rot und warm in die Schläfen, wie stets, wenn ein glückseliger Gedanke ihm das Herz bewegte!

Und in diesem Moment gaukelte es plötzlich wie ein süßes Traumbild vor seinen Augen; wenn Gabriele die Hausfrau von Hohen-Esp war, mußte dann nicht ihre Freundin kommen, sie zu besuchen und sich an dem weltfernen Glück des jungen Paares zu erfreuen?

Dieser Gedanke trieb ihm pochende Glut in die Wangen, Thea aber hörte nur seine Worte und paßte seine Erregung einzig ihnen an.

Ihr Blick war noch weicher und sehnsüchtiger, ihre Stimme klang noch jubelnder wie zuvor: »Und ob es mir in der Stille Ihres trauten Heims gefallen würde?« flüsterte sie. »O, Graf, ich liebe die bunte Welt mit all ihrem Lärm, ihrem Falsch und Schein nicht! Meine Seele dürstet nach der Ruhe, nach dem Frieden solcher Waldeinsamkeit! O, und Ihre Frau Mutter! Wie wollte ich bemüht sein, ihr die Tage kurz und lieb zu machen! Wie würde mein Leben in ihrem Dienst ein so reiches, hochbeglücktes sein! — Und dann der Gedanke, von Ihnen, Graf, in die Wunderwelt des Strandes eingeführt zu werden, mit Ihren Augen die unendliche Schönheit des Meeres schauen zu lernen, — mit zitternder Seele die dräuende Gottheit im Donnerrollen der Wogen anzubeten!«

Sie sprach voll schöner Leidenschaftlichkeit, mit dem einschmeichelnden Organ, welches sich wie Silberfäden um das Herz strickt, und Guntram Krafft blickte ihr wie verklärt in die Augen und empfand die Nähe der kleinen Gräfin noch mehr wie zuvor als Wohltat! —

Er wollte antworten, in demselben Augenblick drängte sich jedoch ein junger Infanterieoffizier durch die Spalier bildenden Damen und Herren und verneigte sich hastig.

»Darf ich bitten, Komtesse, die Polka, welche Sie so gütig waren, mir zu schenken.«

Thea erhob sich zögernd.

»Ah, die Polka! — Eigentlich dürfte ich nicht mehr tanzen, ich bin todmüde ...«

»Das wäre grausam, Komtesse! Diese eine kleine Polka schadet Ihnen sicher nicht!«

Die junge Dame lächelte, — ein wahres Märtyrerlächeln, blickte zu Guntram Krafft auf und sagte: »So will ich es machen wie die Schwalben, welche zwar scheiden, aber doch jedesmal versichern: Wir kehren wieder!«

»Scharmant gesagt!« applaudierte der kleine Leutnant und bot der Sprecherin den Arm.

Gräfin Sevarille kehrte auch wieder, aber sie fand den Erbherrn von Hohen-Esp in sehr eifrigem Gespräch mit einem Ministerialrat, welchem Guntram Krafft seine Absicht, in Sachen der Rettungsgesellschaft für Schiffbrüchige hier zu wirken, ausgesprochen.

Der alte Herr hörte voll liebenswürdigen Interesses zu und nannte die Bemühungen des Grafen sehr anerkennenswert und hochherzig, versicherte aber, daß er selber in dieser Angelegenheit absolut nichts tun könne und verwies ihn an eine andere Adresse.

Das Gespräch drehte sich zu Theas großem Mißvergnügen noch längere Zeit um lauter sachgemäße Auseinandersetzungen und wollte absolut nicht wieder in jene hochinteressanten Bahnen lenken, wie zuvor. Der Graf schilderte die Gefahren, welche das Hamelwaat für die Seefahrer berge, er sprach mit bewegten Worten von seinen kühnen, zuverlässigen Schiffern und von ihren redlichen Bemühungen, Hilfe in der Not zu bringen — und so aufmerksam Thea anscheinend auch zuhörte und begeisterte Bemerkungen einflocht, — die Spitze ihres zierlichen Füßchens bewegte sich dennoch sehr ungeduldig unter dem Kleidersaum, und das nervöse Spiel mit dem Fächer zeigte es, wie höchst langweilig ihr diese Unterhaltung war!

Zu ihrem Ärger kamen auch wieder neue Tänzer, welche sie nicht gut abweisen konnte, und entführten sie, und der Ball näherte sich seinem Ende, ohne daß sie die so mühsam errungenen Vorteile bei dem Bären noch weiter ausnutzen konnte!

Fraglos hatte sie seine Sympathien gewonnen; solange aber die törichte Schwärmerei für Gabriele noch anhielt, waren ernsthafte Aussichten für sie ausgeschlossen.

Der moderne Parzival war anscheinend doch nicht ganz so unerfahren und weltfremd, wie sie angenommen!

Er hatte bereits die Erkenntnis gewonnen, daß Menschen von der Liebe allein nicht leben können, und »daß die Summe immer klein bleibt, wenn sich nichts mit nichts verbindet!«

Sicher taxierte er den egoistischen und berechnenden Herrn von Heidler richtiger wie sie alle und rechnete mit der Wahrscheinlichkeit, daß derselbe durchaus keine Heiratsgedanken habe, sondern sich lediglich darin gefalle, von der gefeiertsten jungen Dame als Held der Zukunft angeschwärmt zu werden.

Daß aber ein Mann mit reellen Absichten stets den Sieg über einen Courmacher davonträgt, ist eine so alte Tatsache, daß sie selbst in dem weltfernen Hohen-Esp bekannt sein dürfte. —

Thea hatte es längst durchschaut, daß Herr von Heidler viel zu hohe Ansprüche an die Mitgift seiner Zukünftigen stellte, um sich mit Gabrieles Vermögen, so ansehnlich dasselbe auch sein mochte, zufrieden zu erklären; daß dies dem Grafen Hohen-Esp aber möglichst unbekannt blieb, ja, daß er so radikal wie möglich von seiner Schwärmerei geheilt werde, das mußte fürerst die größte Sorge der Gräfin sein.

»Sie kommen doch morgen abend in den Petersburger Hof, wo wir zu Ehren der auswärtigen jungen Damen und Herren noch einmal tanzen?« flüsterte sie zum Abschied zu Guntram Krafft empor. Der folgte just mit einem seltsam verschleierten Blick dem Fräulein von Sprendlingen, welche, ohne nur den Kopf nach ihm zu wenden, lachend und plaudernd vorüberschritt.

»Ich weiß es nicht, Gräfin! Was soll ich da? Es liegen auch so viele Dinereinladungen für mich im Hotel — —«

Was fragte Thea nach denen!

Junge Mädchen wurden selten, fast nie zu Diners eingeladen, — außer auf den Bällen und der Eisbahn hatte sie keine Gelegenheit, den Grafen wiederzusehen.

Sie entfaltete den glitzernden Fächer und winkte ihn näher herzu.

»Ich gehe morgen nachmittag zu Gabriele und forsche sie aus!« flüsterte sie. »Und abends, während des Balles, teile ich Ihnen mit, was geschehen muß, um Gabriele für Sie zu interessieren! Ich werde bei meinem Besuch schon alles tun, um das spröde Herzchen möglichst für Sie zu erwärmen, — hoffentlich gelingt es mir, daß sie Ihnen einen Tanz aufhebt!«

»O, Gräfin ... wie sollte ich Ihnen das danken?« stammelte er und sah abermals aus, wie ein Kind, welchem man lockende Märchen erzählt. »Unter diesen Umständen komme ich natürlich!«

Sie nickte ihm lächelnd und vertraulich zu und freute sich, daß ein paar andere junge Damen, darunter auch Lotte, welche den modernen Parzival für einen Brillant unter Simili erklärt hatte, ihr Einverständnis mit dem Hohen-Esper sahen. —

»Was wollen wir morgen zusammen tanzen, resp. ›absitzen‹, Graf?« — fuhr sie flüsternd fort; »lassen Sie uns besser allsogleich etwas Bestimmtes verabreden, sonst wandere ich wieder von einem Arm in den andern und kann Ihnen nichts erzählen!«

»O, gewiß ... alles, was Gräfin befehlen ...«

»Gut, sagen wir also den ersten Walzer und das Souper! Bei Tisch ist man oft am ungestörtesten! Vergessen Sie es aber nicht! Das Souper und den ersten Walzer! — Selbstverständlich trete ich die Tänze an Gabriele ab, falls sie dieselben beanspruchen sollte, — aber nur an Gabriele, an niemand anders! O, Sie ahnen es nicht, Graf, wie gut ich es mit Ihnen meine!«

»Doch, Gräfin! Ich überzeuge mich ja ununterbrochen davon!« antwortete er mit warmem Dankesblick und erglühte abermals bei dem glückseligen Gedanken, daß Gabriele mit ihm tanzen könne, bis unter die lockigen Haare. »Ich vergesse Ihre gütige Zusage gewiß nicht! Wenn Sie derselben nur eingedenk bleiben möchten!«

Thea nickte ihm mit reizendem Lächeln zu und drückte seine Hand zum Abschied, und als Guntram Krafft in dem Wagen saß und nach dem Hotel fuhr, sah er im Geiste das herzgewinnende Gesichtchen der Gräfin beinahe deutlicher vor sich, wie das kalte und abweisende Antlitz Gabrieles, deren Worte ihn erbarmungslos verfolgten bis in den kurzen, unruhigen Schlaf hinein. — —

Am nächsten Vormittag gedachte der Graf von Hohen-Esp für jene Angelegenheit zu wirken, welche ihn ursprünglich hierher in die Residenz geführt.

Er wollte den Finanzminister aufsuchen, um ihn, wie der Ministerialrat gestern abend geraten, für die Anlage einer neuen Rettungsstation zu interessieren.

Er mußte lange warten, bis Seine Exzellenz einen Augenblick Zeit erübrigen konnte, und kaum, daß er ein paar einleitende Worte gesprochen, lächelt der alte Herr sehr verbindlich und reicht ihm die Hand.

»Ich ahne bereits, um was es sich handelt, mein lieber Graf!« sagte er, »und möchte Ihre und meine Zeit nicht unnötig in Anspruch nehmen. All diese Angelegenheiten, welche Sie da berühren, sind nicht meine Sache, — Sie dürften in erster Linie das zuständige See- oder Hafenamt interessieren! Gestatten Sie einen Augenblick, ich werde mich informieren und Sie allsogleich vor die rechte Schmiede schicken.«

Und Guntram Krafft wartete, und man schickte ihn weiter von Pontius zu Pilatus, und überall begegnete er viel Liebenswürdigkeit und viel höflichen Worten, — nirgends aber einer Zusage oder energischer Hilfe. Man schien die ganze Sache nirgends so recht ernst zu nehmen und mehr an eine müßige Spielerei oder ungerechtfertigte Ansprüche zu glauben.

Einer der Herren, welche beim Mittagstisch neben dem Grafen saßen, und welchem er sein Leid betreffs all seiner vergeblichen Bemühungen klagte, schüttelte lächelnd den Kopf. »Das Hamelwaat ist den Schiffen so gefährlich? Verzeihen Sie, Graf, ich habe noch nie von einer ernsten Havarie gehört, welche ein Fahrzeug dort erlitten.«

»Weil wir glücklicherweise stets noch rechtzeitig zur Stelle waren, um eine solche verhüten zu können!«

»Wer vollführte die Lotsen- resp. Rettungsarbeiten?«

»Freiwillige Fischer aus meinem Stranddorf!«

»O, vortrefflich! Haben Sie die Leute zu einer Auszeichnung oder Belohnung vorgeschlagen? Bitte, versäumen Sie das ja nicht, verehrtester Graf, und zeigen Sie eventuelle Verdienste der Leute bei dem zuständigen Landratsamt an. Im übrigen aber rate ich Ihnen, die wackeren Fischer ruhig weiter für ihre Kameraden sorgen zu lassen! Diese Selbsthilfe ist meist die praktischste und beste. — Die Gründung einer neuen Station ist mit sehr vielen Kosten und Umständen verknüpft, und wo es nicht absolut nötig ist, unterläßt man sie!« —

»Aber sie ist absolut nötig!«

»Ihrer Ansicht nach, verehrtester Herr Graf. Gewiß liegt es in dem Wunsche eines jeden ehrenhaft denkenden Mannes, der Hilflosigkeit überall, — nicht nur auf eng bemessenen Strecken, beistehen zu können, und ich glaube, daß Menschen, die viel oder gar stets an der See kleben, die Notwendigkeit doppelt einsehen, daß noch gar viel geschehen muß, um all den großen und schwerwiegenden Anforderungen gerecht zu werden.«

»Aber es geschieht nichts, wenigstens nicht bei uns!« —

»Wie weit ist die nächste Station von Ihnen entfernt?« —

»Den Kilometern nach nicht direkt außer der Welt, und dennoch absolut nutzlos für uns, da sie in dringenden Fällen — und die sind es zumeist — nicht erreichbar ist!«

»Wie dürfte das zu verstehen sein, Herr Graf?«

»Die ganze Lage des Hamelwaats zwischen vorgestreckten Dünen und Sandbänken, welche ihre Beschaffenheit beinahe mit jedem hohen Seegang wechseln, die sehr zuwidern Strömungen, mit welchen gerade in seiner nächsten Umgebung zu kämpfen ist, machen diese meine kleine Küstenstrecke besonders gefährlich. Wenn ein Schiff aufläuft, so geschieht das meist sehr unerwartet und so gewaltig, daß wir, die beinahe ständig auf der Lauer liegen, um uns nicht überraschen zu lassen, kaum schnell genug zur Stelle sein können, um das Schlimmste abzuwenden. Meilenweit Boten schicken und dann warten, bis von fernher ein Wagen mit Rettungsboot und Mannschaft von keuchenden Rossen durch Sand und Schlick herangeschleppt wird, ist eine Unmöglichkeit! — Wenn ein Schiff tatsächlich Havarie erlitten hat, liegt es kaum noch in unserer, so schnell bereiten Kraft, die Mannschaft zu bergen, geschweige das Fahrzeug selber zu retten! Unsere hauptsächliche Aufmerksamkeit wendet sich daher einer vorbeugenden Hilfeleistung zu. — Wir leisteten mehr Lotsendienste wie Rettungsdienste bisher, wir suchten stets rechtzeitig zur Stelle zu sein, um einem arglos segelnden Schiff, welches sich in den Molochsrachen des Hamelwaats treiben ließ, Warnung und einen Lotsen an Bord zu bringen, welcher ihm half, in sicherem Fahrwasser seinen Kurs zu nehmen! Und weil wir so manchen Unfall noch rechtzeitig verhüten konnten, ist die Aufmerksamkeit der Strandbehörden noch nicht genügend auf die Gefährlichkeit jener Küstenstrecke gelenkt. Habe ich mich klar und verständlich ausgesprochen, sehr geehrter Herr? — Ich bemühte mich, mit Hintansetzung aller ›technischen‹ Ausdrücke nur möglichst anschaulich zu reden!«

»Das taten Sie, Herr Graf! Ich verstehe vollkommen, was Sie bezwecken und wünschen, und würde mit Freuden der erste sein, welcher Ihre so uneigennützigen Wünsche möglichst fördert. Aber, aber!!...« und der Sprecher zuckte sehr bedauerlich die Achseln und schwieg.

»Welch ein ›Aber‹? — läßt sich dasselbe nicht durch den guten Willen überwinden?«

Immer röter und röter stieg es in Guntram Kraffts Stirn, immer ungeduldiger blitzte sein Auge.

»Nein, Herr Graf! Gerade dieses ›Aber‹, welches man wohl Ihren Bemühungen als Schranke gegenüberstellen muß, ist das einzigste, welches sich selbst mit dem besten Willen nicht überwinden läßt —«

»Ah!?«

»Ich meine das Geld!«

Der Bär von Hohen-Esp neigte jäh das erst so stolz und fragend blickende Antlitz.

»Das Geld?« wiederholte er mit etwas unsicherer Stimme. »Ich nehme an, daß die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger über genügende Mittel verfügt?«

Der alte Herr seufzte tief auf und rezitierte mit einem Versuch zum Scherzen: »Wollte Gott, dem wäre so! Nein, Herr Graf, da befinden Sie sich leider in großem Irrtum. Die Ansprüche, welche von Jahr zu Jahr an diese unvergleichliche, so bienenfleißig arbeitende und schaffende Gesellschaft gestellt werden, schwellen mit der stets und ständig wachsenden Not bis ins Ungeheure an, — während sich doch keine Quelle erschließt, dementsprechende Mittel neu zuzuführen!«

»Aber die Sammlungen im Lande?!«

»Deren Erträge sind so unbedeutend, daß man sich ihrer schämen möchte!«

»Mein Gott, wie ist das möglich?«

Abermals ein resigniertes Achselzucken.

»Man interessiert sich nicht dafür! — Die paar wenigen Menschen, welche im Sommer in die Seebäder reisen, der kräftigen Salzluft neue Kraft und Stärkung verdanken und die wundervolle Poesie des Meeres und des Seewesens liebgewinnen, die steuern wohl teilweise ihr Scherflein dazu bei, an dem großen, wichtigen, herrlichen Werk edler Nächstenliebe zu helfen; aber was will dieser verschwindend kleine Bruchteil im Gegensatz zu den enormen Kosten besagen, welche die Hilfeleistungen erfordern? Die große Menge kennt und liebt die See kaum.« —

»Undenkbar! — Schon aus Patriotismus ist es doch die Pflicht eines jeden, gerade für die Küste eines Meeres einzustehen, auf welchem Deutschlands ganze Zukunft ruht!« —

»So denken Sie, mein lieber Graf!«

»Und andere nicht?« —

»Vorläufig noch nicht! Wenn unserm deutschen Volk die Augen aufgehen, wird es auch die Hand öffnen und der heiligsten seiner Missionen nicht mehr kalt und fremd gegenüberstehen!«

»Und bis dahin?!« —

»Bis dahin müssen wir uns gedulden, hoffen und mutig ausharren, lieber Graf, und vor allen Dingen bemüht sein, uns nach Kräften selber zu helfen! — Haben Sie nicht bisher die gute Sache in umsichtigster und opferfreudigster Weise gefördert? — Lassen Sie es sich auch ferner in gleicher Weise angelegen sein, das Ihre zu tun. Man wird es Ihnen Dank wissen!« —

»Auf diesen möchte ich lieber verzichten, wie auf das kleinste Zeichen tatkräftigsten Interesses!«

»Das läßt sich nicht erzwingen.«

»Gott sei es geklagt.«

Das Gesicht des jungen Mannes sah blaß und finster aus, und da die Tafel just beendet war, erhob er sich, um sich zu verabschieden.

Noch ein paar sehr höfliche Redensarten, Worte der Anerkennung und des Dankes für die warme Teilnahme, welche der Graf dem Rettungswesen entgegenbringe — und dann schloß sich die Tür hinter ihm.

In tiefe Gedanken versunken schritt Guntram Krafft nach seinem Zimmer empor.

Ein Gefühl großer Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit wollte ihn überkommen.

Seine liebsten, schönsten Hoffnungen waren fehlgeschlagen, und sein Herz, welches voll so heißer, wahrer Begeisterung für die gute Sache schlug, blutete aus der Wunde, welche Gleichgültigkeit und der Mangel an echter Nächstenliebe ihm geschlagen.

Man interessiert sich im Binnenland nicht für die See? — Gott verhüte es, du deutsches Volk, daß nicht ein eisenklirrender Sturmwind daherrast und dich mit eherner Faust aus dem Schlafe rüttelt! —