XV.

Gräfin Thea Sevarille hatte eine schlaflose Nacht gehabt.

Mit weitoffenen, brennenden Augen hatte sie in den Kissen gelegen und überlegt, auf welche Weise sie mit einem einzigen geschickten Schachzug die Königin Gabriele matt setzen und selber als Siegerin aus dem Spiel hervorgehen könne.

Daß Guntram Krafft ein Mann war, welcher überlegte, hatte sie bereits bemerkt.

Seine aufflammende Liebe für Gabriele war bereits so stark, daß er auf Einflüsterungen nichts mehr gab — das hatte sie erfahren, als die ihm so geschickt beigebrachte Verlobung Gabrieles mit Heidler nur die eine Folge hatte, daß der Graf sich bei dem Souper an ihre Seite setzte und sich doppelt zu bemühen schien, den Nebenbuhler rechtzeitig aus dem Sattel zu heben.

Der »weltfremde« Parzival war gar nicht so unerfahren, wie sie annahm, er hatte zu viel Bücher gelesen und wußte ganz genau, wie schwer ein reicher Freier gegen einen mittellosen Courmacher in die Wagschale fällt.

Er mußte durch ein drastischeres Mittel überzeugt werden, um sein Rennen aufzugeben.

Gabriele selber war eine Närrin und fanatisch genug, den Erben von Hohen-Esp einer idealen Schrulle zu opfern, — bis jetzt sah es tatsächlich aus, als ob sie nicht gewillt sei, Theas Pläne zu durchkreuzen, wenn dieses abstoßende Wesen nicht doch die berechnendste Koketterie war, um den naiven Parzival auf das äußerste zu reizen und desto sicherer zu gewinnen.

Thea glaubte es zwar nicht, denn sie hatte Gabriele als wahrheitliebend und aufrichtig kennengelernt.

Sie war ein spröder, stolzer, leidenschaftlicher Charakter, viel zu aufbrausend und heftig, um berechnend handeln zu können, viel zu ideal beanlagt und in ihre törichten Schwärmereien verrannt, um aus schnöder Gewinnsucht ihre Überzeugung aufgeben zu können!

Thea lacht ironisch auf.

»Das Herz eines heldenhaft mutigen Mannes und eine Hütte!« das genügt dem Fräulein von Sprendlingen, aber die Mutter! — die müßte eben keine Mutter sein, wenn sie nicht mit hundert scharfen Augen über der Tochter wachte und die Torheiten derselben mit allen Mitteln korrigierte!

Mit welch auffallender Liebenswürdigkeit begegnete sie dem Bären von Hohen-Esp!

Wie suchte sie so geschickt jeden fatalen Eindruck zu verwischen, welchen die rücksichtslose Tochter gemacht!

Herr von Heidler rechnet in den Augen der Mama gar nicht mit, denn sie sucht eine gute Partie für die Tochter.

Man sagt zwar, daß Sprendlingens recht vermögend seien, — freilich tauchen auch oft Gerüchte auf, daß sie sehr über ihre Verhältnisse gelebt und bei einem jüngst erfolgten Börsenkrach ganz bedeutend verloren haben sollen.

Dieses Gerücht hat Herrn von Heidler bisher abgehalten, aus seiner Courmacherei Ernst zu machen und sich zu erklären, denn der schneidige Dragoner ist das verkörperte Rechenexempel und wird seine begehrenswerte Hand nur zum höchsten Angebot losschlagen.

Aber selbst in dem Falle, daß die bösen Gerüchte nur auf Verleumdung beruhen, sind wenig Aussichten bei den Eltern seiner Angebeteten.

Frau von Sprendlingen ist noch viel zu hübsch, zu jung und lebenslustig, um zugunsten der Tochter auf ein Vermögen und mit demselben auf die gesellschaftliche Rolle zu verzichten, welche sie trotz der erwachsenen Gabriele noch immer spielt.

Geteilte Zinsen sind nur halbe Zinsen, und das weiß auch der pensionierte Oberst mit dem Generalstitel genau so gut, wie seine gefeierte Gattin.

Herr von Sprendlingen ist Lebemann, er liebt eine vorzügliche Speisekarte, er huldigt noblen Passionen und hat nie Anlage zur Selbstkasteiung und niemals Sinn für eine strenge Pönitenz gehabt! Auch er zieht den reichen Freier einem mittellosen Schwiegersohn vor.

Wenn aber Heidler von den Eltern in nicht mißzuverstehender Weise abgewinkt wird, wenn die Mutter das Ohr und Herz des Töchterleins dauernd und wirksam bearbeitet, wird Gabriele dann auch auf die Dauer der Werbung des Grafen von Hohen-Esp so ablehnend gegenüberstehen wie jetzt? —

Thea beißt die scharfen, weißen Zähnchen in die Lippe und atmet schwer auf.

Nein! Darauf darf sie es unter keinen Umständen ankommen lassen!

Sie muß die Fäden endgültig zerschneiden, ehe ein Netz daraus geflochten werden kann!

Aber wie? —

Nur etwas ganz Überzeugendes, Augenscheinliches wird bei dem verliebten Bären von entscheidender Wirkung sein.

Und wie Thea die ungeduldig zuckenden Hände gegen die Schläfen preßt und über das »was« und »wie« grübelt, da durchfährt sie plötzlich ein Gedanke und jagt ihr heiße Glut in die Schläfen.

Gabrieles Zettel!

Jener Zettel, welchen das törichte, selbstbewußte Backfischchen vor Jahren geschrieben, der Zettel, auf welchem sie erklärt, nun und nimmer den Grafen von Hohen-Esp heiraten zu wollen!

In fliegender Hast entzündet Thea das Licht, wirft ihr Morgenkleid über und eilt an den Schreibtisch im Nebenzimmer.

Wie war es möglich, daß sie diesen kostbaren, unersetzlichen Zettel vergessen konnte!

Nein — vergessen hatte sie ihn nicht ... sie hatte ihn ja schon damals sorgsam aufbewahrt in dem Gedanken, daß er ihr einmal nützen könne ... Aber jetzt ... sie dachte nicht, daß sie ihn schon jetzt, so bald als schwerwiegendste Waffe gegen die Nebenbuhlerin ins Treffen führen werde! —

Besitzt sie ihn überhaupt noch?

Hat vielleicht ein tückischer Zufall ihn durch ihre Finger geblasen? —

Mit bebenden Händen durchwühlt Thea den Inhalt der Schublade, das Licht flackert und wirft rötlich zuckenden Schein über ihr blasses, aufgeregtes Gesicht.

Hier die altmodische kleine Schreibmappe, welche alle Raritäten aus ihrer Backfischzeit, der Tanzstunde usw. enthält.

In ihr liegt auch der bedeutungsvolle Zettel Gabrieles verwahrt!

Die dünnen, feingliedrigen Finger mit den langgebogenen Nägeln streuen achtlos die welken Blumen, Bandschleifchen und Tanzkarten, die Haarlocken und Stammbuchverse auseinander.

Hier! zwischen mehreren engbeschriebenen Blättern einer ausgeschriebenen Rolle, »Die Gouvernante«, von Körner, liegt das Gesuchte! Theas Augen leuchten auf, sie faßt den Zettel fest, so krampfhaft fest, als fürchte sie, er könne ihr noch jetzt entrissen werden, wirft den vergilbten Kram hastig in die Schublade zurück und eilt auf den weichen Sohlen ihrer roten Morgenschuhe fröstelnd in das Schlafzimmer zurück.

Dort liegt sie wieder in den Kissen und starrt mit brennendem Blick auf die noch sehr deutliche Bleistiftschrift hernieder.

Vortrefflich! Gabriele hat ihren Namen genannt, sie hat die Zeilen gewissermaßen an Thea gerichtet.

Der Inhalt ist überraschend gut.

Klarer, deutlicher und beleidigender kann er beim besten Willen nicht gedacht werden.

O, er wird Eindruck machen!

Die junge Dame lacht leise auf, ihre sonst so weichen, schwärmerischen Augen blitzen Triumph und hämische Freude.

Mit diesen wenigen, kleinen Bleistiftschnörkeln hat Gabriele das große Los durchgestrichen, welches ein gütiges Schicksal ihr so verführerisch präsentierte.

Die Herrschaft Walsleben, — Hohen-Esp, — eine Grafenkrone und ein bildschöner, ritterlicher Mann — dies alles zerrinnt wie Rauch und Nebel vor diesem winzigen Blättchen Papier, welches ein arrogantes kleines Fräulein sich selber zum Urteil schrieb.

Nun liegt es wie ein unüberwindliches Hindernis vor ihr auf dem Weg zu Glück, Reichtum und Rang, und eine andere kommt und nimmt Besitz davon.

Noch kurze Zeit wirbeln die Gedanken hinter Theas Stirn, dann ist sie einig mit sich, ihr Plan ist ausgereift.

Er ist einfach, sehr einfach, aber gerade dadurch verspricht er den Erfolg.

Gräfin Sevarille dehnt die Arme und schließt mit wohligem Lächeln die Augen.

Sie spielt ein Hazard um den Coeur-König, und schon morgen abend wird sie »va banque« sagen! —


Das Hotel St. Petersburg ist ein altes, bestrenommiertes Haus.

Man nennt es scherzweise »den russischen Krug« oder »die Petersburger Ausspanne«, weil es noch an die Zeit erinnert, wo die altehrwürdigen Kaleschen vor dem Dorfkrug Station machten, um die Pferde zu wechseln!

Ganz so schlicht ist das Hotel zwar nicht, aber es ist andererseits auch weit entfernt von den modernen Prachtbauten, welche ihre Marmorsäulen und Palmengruppen in elektrischem Licht spiegeln, — es hat schöne, einfache Räume, solide Preise, eine vorzügliche Küche und die beste Gesellschaft zu Gast. Daher besteht nach wie vor die Sitte, daß nach jedem Hofball eine Nachfeier im Hotel St. Petersburg stattfindet, eine Art Kavalierball, welcher sehr beliebt und viel besucht ist.

Auch Guntram Krafft hatte seinen Namen am Vormittag noch in die ausliegende Liste für die auswärtigen Herrschaften eingetragen, und er war auch schon als einer der ersten zur Stelle, als die Wagen heranrollten und all jene zauberhaft holden Frauen- und Mädchengestalten des verflossenen Abends aufs neue im Saal und in den Empfangsräumen zusammenströmten. Fräulein von Sprendlingen ließ, wie stets, sehr lange auf sich warten.

»Sie hat ja ihre Tanzkarte gestern abend schon gefüllt mitgenommen!« sagte einer der Herren zu einer jungen Dame, welche nach ihr fragte: »Warum soll sie sich da die Füße hier wund stehen? Auch Ballköniginnen pflegen erst zu erscheinen, wenn sich der Hofstaat vollzählig versammelte.«

Thea schwebte in einer rosa Tüllwoge in den Saal und winkte dem Grafen schon von weitem mit bedeutungsvollem Lächeln zu. Sie ward von Tänzern umringt, mußte die älteren Damen begrüßen und mit den jüngeren ein wenig plaudern, so daß schon die ersten Walzerklänge durch den Saal fluteten, ehe der Graf ihr guten Abend sagen und sie daran erinnern konnte, daß sie die Güte gehabt, ihm schon gestern zwei Tänze zuzusichern.

Sie reichte ihm mit reizendem Lächeln die Hand und sagte leise:

»Wie sollte ich diese Tänze vergessen! gerade auf Sie freue ich mich ja am meisten!«

Guntram Krafft ward dunkelrot und drückte die schlanken Fingerchen aufgeregt zwischen den seinen.

Thea freute sich auf die Tänze? Nun, dann hat sie ihm sicher etwas recht Angenehmes mitzuteilen!

Er wollte gern sofort mit ihr plaudern, sich auf einen Diwan mit ihr niedersetzen, wie dies auf dem Hofball der Fall gewesen; da aber am heutigen Abend sehr viel flotter getanzt zu werden schien, war es der vielen Extratouren wegen nicht möglich. Das sagten ihm schon etliche junge Damen, welche er gestern kennengelernt und soeben auch begrüßt hatte.

Gestern war der Tanz Nebensache.

Ein Hofball ist mehr eine glänzende Schaustellung, eine Parade, bei welcher nicht die Pickelhauben und Säbel, sondern die schönen Augen der Frauen blitzen, ein großes Stelldichein, welches sich Namen, Stellung, Prunk und Schönheit geben, gemeinsam dem Landesherrn und seinem erlauchten Haus ihre Ehrfurcht zu vermelden.

Der Hofball ist ein lebendes Bild, durch welches der Tanz nur ganz verschwindend seine goldenen Linien zieht; eine Nachfeier im Hotel St. Petersburg jedoch ist das schöne Recht der Jugend, wo sie alles nachholen will, was ihr die steifere Etikette der Hoffeste verkümmert hatte.

Gabriele war noch immer nicht erschienen; Guntram Krafft wandte kaum einen Blick von der Tür.

Er stand, in Wahrheit eines Hauptes länger denn alles übrige Volk, nahe am Eingang und schaute voll ungeduldiger Sehnsucht jener Einzigen entgegen, welche trotz ihres schroffen und abweisenden Wesens all seine Gedanken wie durch einen wahren Zauberbann gefesselt hielt.

Er hatte einmal in dem Bücherschrank seiner Mutter ein Gedichtbuch gefunden, welches er heimlich mit an den Strand nahm und, in dem knisternden Riedgras liegend, las. Da fand er ein paar Verse, welche ihn ganz besonders zum Nachdenken reizten; sie handelten von einer Rose »an Dornen ach nur allzu reich!« von der hieß es:

»Viel andre Blumen sah ich blühen
Und sie zu pflücken hab ich Wahl —
Doch immer treibt mich inneres Glühen
Zur Rose, zur geliebten Qual!
Ich schlürf' aus ihres Kelches Bronnen
Den Wonnentau, den süßen Schmerz
Und drücke sie samt allen Dornen
Vor Wollust an mein leidend Herz!«

Dieses Gedicht kam ihm plötzlich in die Erinnerung, und was ihm ehemals so unverständlich schien, das begriff er jetzt.

Warum fesselte Gabriele ihn so wunderbar, sie, die dornenreichste aller Rosen, welcher er im Leben begegnet war?

Warum gefiel ihm Gräfin Thea in all ihrer anmutigen Liebenswürdigkeit nicht tausendmal besser?

Warum stand er hier und blickte voll sehnender Ungeduld jener Schönsten entgegen, welche die einzige im Saal war, die für ihn kaum einen Blick, kaum einen Gruß hatte? Und je länger sie zögert, zu erscheinen, desto unruhiger hämmert das Herz in seiner Brust.

Herr von Heidler ist bereits anwesend und scheint sich nicht viel Sorge um das Zögern seiner Herzenskönigin zu machen. Er tanzt bereits sehr flott mit der Tochter des Divisionärs, seines Obersten, mit der Nichte des Hofmarschalls und der gestern zuerst bei Hof präsentierten Enkelin des Ministers.

Ein überschlankes Püppchen, mit trotz ihrer Jugend schon recht blasiertem, ausdruckslosem Gesichtchen. Man erzählte sich aber heute morgen im Hotel, wo verschiedene Herren in Gesellschaft Guntram Kraffts frühstückten, daß Fräulein Henny ein goldenes Kälbchen sei, um welches wohl bald ein recht lebhafter Tanz beginnen werde, — ein Tanz, welcher in diesem Fall wohl nur dem Götzen Gold huldige. —

Ja, er beginnt bereits! Und Herr von Heidler verschmäht es nicht, in Abwesenheit seiner angebeteten Gabriele mit recht zündenden Blicken in das spitze, sommersprossige Gesichtchen zu sehen.

Schon der zweite Tanz näherte sich dem Ende, und noch immer ist Fräulein von Sprendlingen nicht erschienen.

Auch Thea fällt es auf.

»Wo steckt denn Gabriele?« fragte sie einen der Vortänzer: »Hat sie etwa abgesagt?«

»Leider! leider!« dienert der Vielbeschäftigte, »noch in letzter Stunde ...«

»Undenkbar, aus welchem Grunde?« ...

Der Gefragte zuckte die Achseln.

»Nur mündliche Bestellung!... Durch plötzliche Krankheit verhindert! Möglicherweise hat das gnädige Fräulein gestern doch zu viel getanzt! Einige zwanzig Kotillonsträuße! Das ist eine Anforderung, welche kaum große Füße leisten können, geschweige eine solche Miniaturausgabe, wie die des Fräulein von Sprendlingen!«

Beinahe atemlos vor Interesse hat Thea zugehört.

Gabriele krank?

Günstiger konnte es sich für ihre Pläne ja kaum treffen!

Wenn man krank ist, nimmt man keine Besuche an, dann schreibt man mit Bleistift auf kleine Zettel, — das muß doch selbst dem Argwöhnischsten einleuchten!

Gräfin Sevarille sieht strahlend heiter aus, der Triumph, die Genugtuung blitzen aus ihren Augen.

Ein französisches Sprichwort sagt: »Der Abwesende hat immer Unrecht!« Auch Gabriele, die Rivalin, wird geschlagen werden, während sie fernab von dem Schlachtfeld weilt!

Ist es nicht ganz auffällig, wie sich das Interesse des Grafen schon jetzt der kleinen, hilfsbereiten Freundin zuwendet?

Wie innig drückte er ihr vorhin die Hand, wie allerliebst errötete er bei ihren Worten — wahrlich ein moderner Parzival, ein Kinderherz ohne Arg und Falsch, ebenso leicht durch ein paar Zuckerplätzchen gewonnen, wie ein solches!

Und hoffentlich auch ebenso leicht getröstet, wenn ein hübsches, buntes Spielzeug, nach welchem es naives Verlangen trug, aus seinen Händen gewunden wird. Man gibt ihm dafür ein anderes ... und es wird sich zufrieden geben und sich artig dem Willen derjenigen fügen, welche so sehr, sehr viel klüger und weltgewandter ist wie das große Kind aus dem Strandschloß.

Thea hatte eigentlich noch ein wenig warten wollen, ehe sie den großen Trumpf ausspielte; nachdem sie aber die köstliche Nachricht erhalten, daß Gabriele krank sei, hielt sie nicht länger zurück, sie brannte darauf, das Eisen zu schmieden, so lange es heiß war. Geschmeidig wie ein schillerndes Eidechschen wand sie sich durch die Plaudernden und stand im nächsten Augenblick vor dem Bären von Hohen-Esp, welcher ihr bereits voll fiebernder Ungeduld entgegensah und zum erstenmal seinen Posten an der Tür verließ, um Gräfin Sevarille den Arm zu bieten.

»Jetzt kommt unser Tanz, Gräfin, nicht wahr?« fragte er hastig.

Sie lachte und legte das Händchen mit allen Zeichen großer Erschöpfung auf seinen Arm. »Nein, Gott sei Dank, noch kommt er nicht, Graf! — Ich bin halb tot! Ich muß mich erst eine Weile ausruhen, und darum will ich vor dem nächsten Galopp flüchten und biete ein Königreich für einen Sessel!«

»In des Waldes tiefste Gründe flüchtete die Seherin!« rezitierte ein ganz junger Offizier und trat lachend zur Seite, während Guntram Krafft sehr ernst und eifrig nickte.

»Ganz recht, Sie tanzen viel zu viel, Gräfin, es wird Ihnen schaden!« sagte er und wandte sich nach einem Nebenzimmer, an dessen Spiegelwänden nur eine Reihe von Wiener Stühlen stand: »Kommen Sie bitte hier herein! — Es ist kühl und menschenleer!«

Seitlich im Zimmer hatten sich etliche alte Herren zu einem L'hombre zusammengesetzt; sie blickten flüchtig auf, ließen sich aber nicht stören, als die jungen Leute entfernt von ihnen, in der Fensterecke, Platz nahmen.

Guntram Krafft stand noch vor Thea, welche sehr graziös und so matt wie ein rosa Wölkchen in der Sommerhitze auf einen der Stühle niedersank.

»Wo bleibt Fräulein von Sprendlingen?« fragte er ohne jedwede Einleitung, so, wie sich ihm die Worte ungestüm auf die Lippen drängten.

»Gabriele? Wissen Sie es noch nicht? Sie ist krank!«

»Krank?! — Mein Gott, was fehlt ihr?«

Thea zuckte mit umwölkter Stirn die Achseln. »Vielleicht erkältet ... vielleicht auch nicht. Herzlose Mädchen kokettieren ja oft nur eine Indisposition, um sich rar und interessant zu machen!«

»Herzlose Mädchen ... kokettieren ...?«.., stammelte Guntram Krafft beinahe erschrocken. »Urteilen Sie so über Ihre Freundin?«

Thea blickte ihn seltsam an, — so warm, so innig und traurig, daß ihm abermals das Blut in die Wangen schoß.

»Setzen Sie sich zu mir, Graf!« hauchte sie weich, entfaltete den Fächer und blickte tief aufatmend auf seine gemalten Narzissen nieder.

»Graf ...!«

Er starrte sie momentan an. »Warum sprechen Sie nicht weiter, Gräfin?«

»Wollen Sie es durchaus, daß ich von Gabriele spreche?«

»Und wollen Sie es durchaus nicht

Sie seufzte: »Ich möchte Ihnen so gern alles Unangenehme ersparen! Ich meine es gut mit Ihnen, Graf, und bin auf Gabriele so sehr ... so ernstlich böse!«

Er hatte nur die ersten Worte gehört und zuckte unmerklich zusammen.

»Ich höre lieber Unangenehmes, wie gar nichts!« sagte er leise. »Und Sie sind so gut und rücksichtsvoll zu mir, Gräfin, daß aus Ihrem Munde sicherlich auch das Schlimmste noch erträglich klingt!«

Wieder traf ihn ihr Blick, in so herzlicher, ehrlicher Trauer, daß es ihm ganz wundersam zumute ward.

»Nein, Graf, ehe ich Ihnen so etwas unerhört Beleidigendes sagte, eher bisse ich mir die Zunge ab!« sagte sie erregt. »Ich finde meine Mission sowieso trostlos genug, denn wenn es nach mir ginge, sollten Sie wahrlich glücklich sein! Hätte es mir Gabriele nicht schriftlich gegeben, ich würde nie ...«

Er hatte sie erst mit warmem Dankesblick angesehen, jetzt hob er jäh das Haupt und unterbrach sie.

»Schriftlich gegeben?« wiederholte er erstaunt.

Sie zog ein Notizbüchlein aus dem Kleid und entnahm ihm einen Zettel, zog denselben jedoch hastig zurück, als Guntram Krafft mit allen Zeichen großer Erregung danach greifen wollte.

»Halt, Graf! Wenn ich Ihnen diesen Zettel zeige, begehe ich eine große Indiskretion an Gabriele, und ich tue es nur, weil Sie mich gestern zu einer gewissen Offenheit verpflichteten. Leicht wird es mir wahrlich nicht, ich leide unsäglich unter der Rolle einer Vertrauten, welche Sie mir zuerteilten! Wenn mich Ihr Schicksal nicht so außerordentlich interessierte, und wenn ich es nicht für meine heilige Pflicht hielte, Ihnen als guter Engel rechtzeitig die Augen zu öffnen, so würde dieser Zettel längst ein Raub der Flammen sein!« —

»Gräfin ... foltern Sie mich nicht ... lassen Sie mich lesen ...«

»Nur unter einer Bedingung ...«

»Ich gelobe alles, was Sie verlangen!«

»Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, schwören Sie es mir bei allem, was Ihnen heilig ist, daß nie ein Mensch, Gabriele selber am allerwenigsten — jemals es erfährt, wie indiskret ich handelte, Ihnen diesen Zettel zu zeigen! Sie geloben mir strengste Diskretion?«

»Ich gelobe sie und werde mein Wort halten!« Er bot ihr mit seinem offenen, grundehrlichen Blick die Hand entgegen, und Thea schlug ein.

»Gut; ich glaube Ihnen! Ich habe rückhaltloses Vertrauen zu Ihnen, Graf! Und nun lassen Sie mich erst erzählen, wie ich zu diesem Zettel kam!«

»Ich bitte darum!«

»Es interessierte Sie, zu wissen, welche Meinung Fräulein von Sprendlingen über Sie hege, und was Sie eventuell tun könnten, um sich ihre Sympathien zu erwerben!« Thea sprach schnell und leise, ihre schlanken Finger hielten den Zettel zwischen den rosa Tüllwogen auf ihrem Schoß. — »Ich wollte ihr demzufolge gestern morgen einen Besuch machen, um sie ein wenig auszuforschen, wurde aber nicht angenommen, weil das gnädige Fräulein um zwölf Uhr noch nicht aufgestanden war!! — Um zwölf Uhr! Das wird Ihnen so unglaublich scheinen wie mir! Aber Gabriele ist ja das verkörperte Großstadtleben: die Nächte durchwachen, die Tage verschlafen, das ist das Programm der Modedamen, welche nun einmal nicht für ländliche Verhältnisse geboren sind!«

»O, wie schade, daß Sie die Freundin nicht sehen konnten!« — Er strich mit der Hand über die Stirn, seine Stimme bebte vor Ungeduld.

»Ich ging nach Hause und versuchte mein Heil schriftlich. — Wahrlich, Graf, ich habe es sehr diskret angefangen und begreife nicht, wie Gabriele sogleich an Heiraten denken konnte, aber derart verwöhnte Mädchen wie sie wittern ja überall einen Heiratsantrag; selbst aus meiner durchaus harmlosen Plauderei las Gabriele einen neuen Sturm auf ihr so kaltes, anspruchsvolles Herzchen heraus. Hier, lesen Sie selber, in welch unerhört beleidigender Weise sie mir antwortet!«

Die Sprecherin reichte brüsk den Zettel dar, und Guntram Krafft nahm ihn und neigte das Haupt tief darauf hernieder.

Theas Blick heftete sich scharf auf sein Antlitz, sie sah, wie es erbleichte, wie sein Auge starr und glanzlos auf den Zeilen ruhte. Regungslos saß Graf Hohen-Esp, — sein Atem ging schwer, und der Zettel schwankte momentan in seiner Hand. —

Er antwortete noch immer nicht, und Thea legte leise und zart ihre Hand auf seinen Arm.

»O, sehen Sie, Graf, wie diese grausamen Worte Sie verletzten! O, wie beklage ich es, wie sehr bereue ich es nun, sie Ihnen gezeigt zu haben!«

Er schüttelte den Kopf, faltete den Zettel zusammen und schob ihn in die Brusttasche.

Thea griff hastig danach.

»O, geben Sie zurück, Graf ...«

»Unbesorgt, Gräfin, das Papier ist gut aufgehoben, — ich habe Ihnen ja Diskretion gelobt. Aber ich bitte Sie, mir den Zettel zu eigen zu lassen.«

Er sprach mit seltsam harter, klangloser Stimme, und Thea verschlang mit leiser Klage die Hände.

»Graf ... zürnen Sie auch mir

Er blickte sie fragend an. »Zürnen? Ich zürne weder der Schreiberin noch Ihnen. Daß Fräulein von Sprendlingen sich nur für einen Helden begeistern kann und mich niemals heiraten wird, weil ich ihr nicht imponiere, ist Geschmackssache, — dagegen läßt sich nicht streiten.«

»Aber daß sie es so beleidigend ausdrückt, das verzeihe ich ihr nie!«

»Sie ahnte ja nicht, daß ich diese Worte lesen würde, und warum sollte sie Ihnen gegenüber in meinem Interesse rücksichtsvoll sein? Je klarer und deutlicher sie sich ausdrückte, desto sicherer war sie, richtig verstanden zu werden!«

Er sprach sehr ruhig, beinahe monoton, und sein Haupt sank noch tiefer zur Brust.

»Graf!«

Er schrak empor. »Ich danke Ihnen, Gräfin, daß Sie mir jetzt schon erfahren ließen, was mir später wohl noch schwerer angekommen wäre. Ich weiß, daß Sie mir gewiß lieber einen freundlichen Gruß überbracht hätten. Sie haben sich meiner so gütig angenommen, obwohl Ihnen mein Benehmen gewiß äußerst eigenartig erschien. Ich bin ein Fremdling hier, — ich kenne Ihre Sitten so wenig und handelte nur so, wie es mir just in den Sinn kam. Bitte, vergessen Sie diese traurige kleine Episode.«

»Ich soll sie vergessen?« — Thea neigte sich vor und sah ihm voll rührender Innigkeit in die Augen: »Nein, Graf, Sie sollen vergessen, und zwar so schnell und so gründlich wie möglich! Blühen nicht so viele andere holde Blumen um Sie her? Warum muß es gerade die Königin Rose sein, welche an Ihrer Brust blühen soll? Glauben Sie mir, Graf, es ist eine traurige Tatsache, daß die schönsten Mädchen nicht immer die besten sind! Sie werden verwöhnt, eitel, egoistisch und tyrannisch, sie lassen sich von ihren Launen beherrschen und urteilen herzlos und oberflächlich ...«

Er hob mit beinahe flehendem Blick die Hand. »Rauben Sie mir nicht den Glauben an die Schönheit, Gräfin!« sagte er weich. »Wer sein Leben lang im Banne eines holden Märchens gestanden, findet sich so schwer mit der herben Wahrheit ab! — Schön und gut war bislang ein unzertrennlicher Begriff für mich, — — und warum soll ein Weib, welches bis zur Schroffheit aufrichtig ist, nicht dennoch gut sein? — Und nun reichen Sie mir Ihren Arm, Gräfin, das Souper scheint angekündigt zu sein, — die alten Herren verlassen den Spieltisch!«

Thea erhob sich, — das ironische Lächeln, welches um ihre Lippen spielte und welches der beinahe lächerlichen Sanftmut ihres schwärmerischen Partners galt, verlor sich.

»Ja, lassen Sie uns gehen! Der Sekt soll Sie auf heitere Gedanken bringen, und wenn die Flöten und Geigen wieder erklingen, wollen wir jedwedem Mißgeschick ein Schnippchen schlagen und uns doppelt und dreifach des Lebens freuen! Sie haben mir das Ehrenamt einer Vertrauten übertragen, Graf, und deren erste Verpflichtung ist es, ein trauriges Herz zu trösten und zu erheitern! Carpe diem

Sie nickte lustig dem Vortänzer, welcher in die Tür trat und winkte, zu, hing sich wie ein rosiges Flöckchen an den Arm ihres bärenhaften Tischherrn und schritt mit ihm, Triumph und Zuversicht im Herzen, zum Souper.