XVI.

So schweigsam wie Graf Hohen-Esp bei Tische war, so sprudelnd heiter und amüsant war seine Nachbarin.

Die kleine Ecke der langen Tafel war bald eine recht fidele, und Thea beobachtete es voll Genugtuung, daß Guntram Krafft energisch seine Mißstimmung bezwang und, wenn auch nicht fröhlich, so doch etwas gesprächiger wurde.

Als Komtesse Sevarille das Thema sehr geschickt auf die See lenkte und die umsitzenden Damen aufs eifrigste in ihr schwärmerisches Entzücken einstimmten, leuchtete es sogar in Guntram Kraffts ernsten Augen wie heiße Sehnsucht auf, und als man gar anfing, ihn um seemännische Dinge zu befragen und seinen Bemühungen, die Damen und Herren für das Rettungswesen Schiffbrüchiger zu interessieren, ein lebhaftes Verständnis entgegenbrachte, da bemächtigte sich seiner sogar eine gewisse freudige Erregung, welche für den Augenblick die Schatten von seiner Stirn scheuchte.

Dieses Gespräch währte freilich nicht lange, dazu war die Jugend zu übermütig gestimmt, ja, ein Referendar sagte sogar mit sehr tragischer Geste: »Es ist seltsam, daß man hier auf dem Festland so wenig Sinn und Teilnahme für das Rettungswesen hat! Die Küste mit all ihren drohenden Gefahren, ihrem ›Seemann in Not‹ und ihrer schauerlich-schönen Sturmpoesie liegt den Leuten hier zu fern, um sie zu interessieren! Eine Gefahr, welche sie sich nicht vorstellen können, existiert nicht für sie, und ein Eisenbahnunglück wird ihnen stets mehr zu Herzen gehen wie eine Schiffskatastrophe. Für die Waisenkinder, das Blindenasyl und Findelhaus zahlt wohl jede Mutter gerührten Herzens ihr Scherflein, aber eine wackere Gesellschaft, welche manch tapfern Seehelden den Wogen entreißen und manch unglücklichen Schiffer von seinem Wrack einholen möchte, für die findet sich kaum eine offene Hand!« —

»Und wie not tun unserm Vaterlande gerade die guten, starken Hilfen am Strand!« nickte Guntram Krafft mit finsterm Blick; seine vergeblichen Besuche des heutigen Morgens, seine gescheiterten Bemühungen kamen ihm mit all ihrer niederdrückenden Erfolglosigkeit in das Gedächtnis zurück: »Deutschlands Zukunft ruht auf der See! und jeder gute Patriot sollte bemüht sein, im Sinne seines Kaisers zu handeln und dem Seewesen in vollem Umfang, sei es der Marine, dem Lotsen- und Rettungswesen oder den Seemannsheimen, sein tatkräftiges Interesse zuzuwenden! Hier tut Hilfe not! Hier trägt jede gute Tat ihren reichen Segen! Warum begeistern sich die deutschen Frauen so viel dafür, die Vergangenheit zu ehren, gründen Schiller- und Bismarckvereine — und denken so wenig an die Zukunft ihres Vaterlands? Diese ist wichtiger wie alles andere! Einmal haben sich Deutschlands Frauen allerdings schon treu bewährt, haben das Schiff ›Frauenlob‹ von dem Ertrag ihrer Sammlungen gebaut und es bewiesen, daß selbst die kleinste Hand kräftig genug ist, an Deutschlands Macht und Herrlichkeit mitzuarbeiten! Jetzt aber ist — mit wenigen Ausnahmen — so gut wie gar kein Interesse für die dringende Not an der Küste vorhanden, und doch steht unser Rettungswesen noch auf recht schwachen Füßen, obwohl gerade in letzter Zeit so manche Kunde über das tragische Schicksal Schiffbrüchiger wie ein mächtiger Hilfeschrei durch das Land hallte!«

Mit erstaunten Blicken hatte man den Sprecher gemustert, welcher in seiner Erregung ein Bild edlen Eifers schien und in nichts mehr an den ungewandten, tolpatschigen Bären von Hohen-Esp erinnerte!

Die Damen stimmten lebhaft zu und ließen nur zum Schluß die etwas ängstliche Frage laut werden: »Wer soll aber so etwas in die Hand nehmen?«

Und die Herren zuckten zweifelnd die Achseln und versicherten: »Das ist ja ganz unmöglich! Ein einzelner kann dabei gar nichts tun, wenn die Sache nicht von maßgebender Seite angeregt wird!«

Ein grimmes Lächeln zuckte um die Lippen Guntram Kraffts.

»Diese Antwort ist mir heute schon öfters geworden,« sagte er beinahe verächtlich, »und ich fürchte, ich werde sie noch mehrfach hören müssen. Gerade in dieser Ansicht liegt der Fehler, welchen alle begehen, weil keiner den Anfang machen will. Warum ›von maßgebender Seite?‹ Dies ist die Schanze, hinter welcher sich die Tatenlosigkeit verkriecht! Wenn jeder einzelne und jede einzelne das Ihre täten, wäre uns geholfen.« —

Die letzten Worte verklangen bereits in dem Lärm, welchen das Zurückschieben der Stühle und die lebhaftere Konversation bei Aufbruch der Tafel verursachten — der Graf von Hohen-Esp schwieg und verneigte sich vor seiner Dame, sie in den Saal zurückzuführen.

Thea flüsterte begeisterte Worte der Anerkennung zu ihm auf, sie versicherte, daß sie noch mehr über dieses Thema hören müsse, welches ihr bis jetzt unbegreiflicherweise noch so fremd geblieben sei, — der Graf aber schien zerstreut, weit ab mit allen Gedanken. Er sah seltsam verändert aus, er hatte so gar keine Ähnlichkeit mehr mit dem ehedem so linkischen, bei jedem Wort errötenden Jüngling, welchen die Spottlust der Großstädter den modernen Parzival genannt.

Er neigte flüchtig den Kopf.

»Ich tanze keinen Walzer, Komtesse, gestatten Sie, daß ich Ihnen einen zuverlässigeren Tänzer besorge!«

»O nicht doch — ich möchte tausendmal lieber mit Ihnen plaudern, Graf! Jener Platz am Fenster dort ist so gemütlich ...«

Er schien ihre Worte zu überhören, wandte sich zu einem seiner Tischnachbarn, welcher keine Dame geführt hatte, und bat ihn, bei Komtesse Sevarille zum Tischwalzer für ihn einzutreten, da er nicht tanze.

»Selbstverständlich, mit größtem Vergnügen!« versicherte der Angeredete, nachdem er den Grafen ein wenig erstaunt gemustert hatte, verneigte sich vor der jungen Dame und flog auf wiegenden Klängen mit Thea davon.

Guntram Krafft aber wandte sich kurz um und schritt dem Ausgang zu.

Er dachte nicht daran, ob er sich verabschieden müsse oder nicht; es gingen verschiedene Damen und Herren schon jetzt nach dem Souper. So ging auch er, nahm hastig Pelz und Hut und trat in die kalte, stürmische Winternacht hinaus.

Seine Verpflichtungen gegen Thea hatte er erfüllt, nun hielt ihn nichts mehr. Wie ein Verdürstender atmete er die klare, kalte Luft, — sein gequältes Herz hämmerte in der Brust, und seine Augen brannten so heiß, als glühten ungeweinte Tränen darin. Welch eine Beherrschung hatte die letzte Stunde von ihm verlangt!

Als er Gabrieles Worte gelesen, war es ihm zumute wie einem Menschen, welchem das Glück jählings aus den Händen gleitet und in Scherben zerbricht.

Es war der erste große, leidenschaftliche Schmerz, welcher sein Herz traf, es war die erste tiefe, unaussprechlich wehe Wunde, welche ihm geschlagen ward.

Seine Seele, welche bisher nichts anderes gekannt hatte als den stillen Frieden der Heimat, als die Treue, Liebe und Aufrichtigkeit der Seinen, sie lernte zum erstenmal alle Bitterkeit einer Enttäuschung, alle Qual einer hoffnungslosen, unerwiderten Neigung kennen.

Wie Feuer brannte der kleine Zettel auf seiner Brust, wie verzehrendes Feuer glühte ihm das Leid im Herzen.

Jetzt erst, nachdem er Gabriele für immer verloren, begriff er es, wie voll, wie ganz und innig er sein Herz an sie gehängt hatte. So auf den ersten Blick! —

So gläubig und vertrauend wie ein Kind, welches die Schönheit in seinem Märchenbuch liebgewonnen und voll sehnenden Entzückens die Arme nach ihr ausbreitet, wenn sie ihm im Leben unverhofft begegnet. Welch ein schwerer, tosender Kampf in seinem Innern, nach all dem friedlichen Glück vergangener Jahre! —

Dazu kam die herbe Enttäuschung, welche er in der Angelegenheit seiner ersehnten Rettungsstation erfahren.

Dieser Mißerfolg allein hatte schon etwas sehr Niederdrückendes für ihn und trug auch noch dazu bei, seine Stimmung zu verdüstern.

Eine Mutlosigkeit, ein Widerwillen gegen Welt und Leben, wie er ihn zuvor kaum geahnt, überkam ihn plötzlich.

Die Luft in dem Ballsaal war so schwül, so heiß gewesen, die Menschen so ungewohnt, die Musik so schrill und laut.

Hier war es still und einsam in den verschneiten Parkanlagen, und der Wind sauste ihm so frisch und gewaltig entgegen, wie ein alter, treuer Freund, welcher in toller Wiedersehensfreude die Arme um ihn wirft, ihn reißt und schüttelt und ungestüm ruft: »Wo bleibst du so lange? Komm heim! Komm heim!«

Und über ihm das kahle Gezweig knarrt und greint wie Rahe und Segel ... und die fernen Wipfel rauschen wie brandende See ...

Da überkommt ihn ein wildes, unbändiges Heimweh! Ein übermächtiges Sehnen nach der stillen Heimat, nach allem, was er liebt und was auch ihm in treuer, schlichter Liebe ergeben ist!

Guntram Krafft breitet jählings die Arme aus und stöhnt aus tief verwundetem Herzen: »Heim! — ja, ich will heim! — Was soll ich noch hier? Meines Schicksals Würfel sind gefallen. Ich bin kein Held! — Nie und nimmer mehr wird Gabriele mir ihre Liebe schenken ... was hält mich noch hier?«

Und er stürmt mit hämmernden Pulsen in das Hotel und kündet dem äußerst betroffenen Anton an, daß er die Koffer packen solle, — am nächsten Tage kehre er nach Hohen-Esp zurück.

»Herr Graf!« stottert der alte Mann mit sorgenvoll prüfendem Blick in das verstörte Gesicht seines Herrn: »Was wird Ihre Gnaden, die Frau Gräfin sagen?«

»Gleichviel. — Ich reise heim.«

Anton hört es dem halberstickten Klang der Stimme an, hier gibt es kein Widersprechen. Was mag geschehen sein?

Eine Dame ist wohl nicht im Spiel, — es ist allein der Ärger über die Mißerfolge bei dem Minister und Geheimen Rat, — der Graf sprach ihm ja selber davon, wie wenig Verständnis und Teilnahme er für sein Projekt finde.

Man nimmt den Bären von Hohen-Esp nicht ernst, man legt den Worten und Wünschen des verbauerten Krautjunkers keinen Wert bei!

»Haben der Herr Graf daran gedacht, daß wir zuvor Abschiedsbesuche machen müssen?«

»Ja; ich bestellte bereits bei dem Portier den Wagen. Wir werfen nur Karten ab; einzig bei der Gräfin Sevarille wünsche ich gemeldet zu sein. Ich werde jetzt noch die neu eingelaufenen Einladungen beantworten.«

Und der Graf wirft Pelz und Hut ungeduldig ab und tritt mit umwölkter Stirn in das Nebenzimmer.

Dort sitzt er und erledigt voll nervöser Hast die Einladungen.

Es ist schon spät in der Nacht, — Anton lugt besorgt durch die Tür.

Da sieht er Guntram Krafft über einen kleinen zerknitterten Zettel geneigt, das Antlitz bleich und verfallen, wie bei einem Kranken. »Wollen Herr Graf nicht zur Ruhe gehen?«

Er schrickt empor, streicht langsam über die Stirn und nickt.

»Du hast recht, — ich gehe.«

Er ging — aber den Zettel nahm er mit sich. — — —

Am nächsten Morgen wurden in großer Eile die Besuche abgefahren.

Da es eine ungewöhnlich frühe Stunde war, nahm Gräfin Sevarille noch keine Besuche an.

»Frau Gräfin sind bei der Toilette, und Komtesse schlafen noch.«

Guntram Krafft nickte. »Weiter!« befahl er kurz. —

In seiner großen Harmlosigkeit fiel es ihm nicht einen Augenblick auf, daß Gräfin Thea ebenso großstädtisch lange schlief, wie ihre Freundin Gabriele, — und sie hatte das doch gestern abend noch so scharf verurteilt. Zum Bahnhof! Fort! Fort von hier! — Er stirbt vor Sehnsucht nach der Heimat.

Der Zug setzt sich langsam in Bewegung und fährt in den kalten, nebligen Wintermorgen hinein, und als die Häuser und Türme der Stadt hinter dem modernen Parzival versinken, da atmet er tief auf, wie erlöst von einer unseligen Last. —

Da wird es allmählich wieder still und ruhig in seinem Herzen, — und als er endlich im Schlitten sitzt und durch die heimatlichen Wälder dahinjagt, als er mit aufleuchtendem Blick und weitgeöffneten Armen das bleigrau rollende Meer begrüßt ... da schaut er plötzlich um sich, wie ein Mensch, welcher aus tiefem Schlaf erwacht, wie ein Mensch, welchen ein böser, quälender Traum befangen hielt.


Gräfin Thea war nie so aufgeregt, so übellaunig und nervös von einem Balle heimgekehrt, wie von dem Tanzfest in dem Hotel St. Petersburg.

Ihre Augen brannten wie im Fieber, mit unsicheren Händen riß sie den Kranz aus ihrem Haar. —

Warum hatte der Graf das Fest so unvermittelt hastig, ohne ein Wort des Abschieds verlassen? —

Wohin ging er? —

Wird er tatsächlich verschwiegen sein?

Hat sie vielleicht zu kühn gehandelt? Sprach sie zu unbedacht die Unwahrheit und grub sich selber eine Grube? —

Wenn Gabriele nun gar nicht krank war? Wenn der Hohen-Esper vielleicht schon nähere Beziehungen zu Gabriele hatte, als sie ahnte? — Wenn Frau von Sprendlingen des Grafen Bewerbung unterstützt hatte? —

Theas Zähne schlugen wie im Schüttelfrost zusammen.

Er war so seltsam verändert, als er den Zettel gelesen, — auch gegen sie verändert, kühl, zerstreut ... zum Schluß, als er ohne Abschied ging, sogar unhöflich.

Zweifelte er an der Echtheit des Zettels? Wollte er der Wahrheit nachforschen? War der junge Bär doch nicht so naiv und harmlos, wie sie angenommen? Was soll daraus werden, wenn ihre Intrigue an den Tag kommt?

O, welch entsetzliche Blamage!

Thea wühlt das Gesicht in die Kissen und beißt vor Aufregung die Lippen blutig.

Wie im Fieber rasen neue Gedanken, neue Pläne durch ihr Hirn.

Wenn jede Schuld ihre Strafe in sich schließt, so erleidet sie Gräfin Thea in dieser dunklen, endlosen Nacht.

Sie schläft nicht, sie ist aufgeregt bis zum Wahnsinn. —

Erst spät am Morgen, als das Mädchen schon im Ofen das Feuer anzündet, schläft sie ein.

Und als sie erwacht, erhält sie die Nachricht, daß Graf Hohen-Esp bereits dagewesen sei. — Sie starrt die Sprecherin an wie eine Vision.

»Er war hier?« — Das klingt wie ein heiserer, jubelnder Aufschrei.

Sie preßt die Hände gegen die Schläfen, sie lacht jählings auf, wie aus Todesängsten erlöst. Dann macht sie in rasender Eile Toilette, frühstückt und geht in sehr gehobener Stimmung auf das Eis.

Als sie wiederkommt, sieht sie trotz der Kälte blaß und verstört aus.

Um ihre Augen liegen tiefe Schatten, und der Mund zeigt die Linien, welche man im ganzen Hause fürchtet, — sie zeigen an, daß die Komtesse sich in höchst gereizter und schwer geärgerter Stimmung befindet.

Dann wirft und schleudert sie alles.

So auch jetzt.

Sie bringt zwei Neuigkeiten mit nach Hause.

Die erste ist die, daß Fräulein von Sprendlingen persönlich sehr wohl und gesund ist, daß aber ihr Vater, gerade, als er im Begriff stand, für das Tanzfest im Hotel St. Petersburg Toilette zu machen, von einem Schlaganfall getroffen wurde.

Er liegt seit gestern abend bewußtlos, und die Ärzte fürchten das Schlimmste.

Das würde Komtesse Sevarille ziemlich gleichgültig sein, im Gegenteil, wenn »die Königin der Feste«, Fräulein Gabriele, Trauer bekäme und keine Bälle besuchen könnte, würde es für die Freundin Thea nur vorteilhaft sein.

Aber die zweite Neuigkeit!

Graf Hohen-Esp ist Knall und Fall abgereist. Kein Mensch weiß warum. — Man vermutet, daß er Nachrichten von zu Hause erhielt.

Ob er wiederkommen wird?

Viele behaupten »ja«, manche »nein«. — Gräfin Thea weiß es genau, — nein, er kommt nicht wieder. Und diese Überzeugung kann sie wütend machen — wütend! — Sie schließt sich in ihr Zimmer ein und tobt.