XVII.

General von Sprendlingen war begraben, und in der Residenz wurde nur ein einziges Thema besprochen, die finanzielle Lage seiner Gattin und Tochter.

Wie ein Lauffeuer war es durch die Stadt gegangen, daß der alte Herr infolge einer ungeheuren Aufregung den Schlaganfall erlitten hatte.

Viele behaupteten, es sei längst kein Geheimnis mehr gewesen, daß der pensionierte Offizier spekuliert hatte, um den Ausfall des hohen Gehaltes durch reichere Zinsen auszugleichen.

Seine Damen sowohl wie er selbst waren so sehr verwöhnt, ein Bankkrach hatte ihm vor kurzem schwere Verluste gebracht — was Wunder, wenn der alte Herr dem Beispiel so vieler folgte, welche das Geld für sich arbeiten ließen, nachdem sie selber als verabschiedete Offiziere die Hände in den Schoß legen mußten?

Das Glück ist aber heutigentags noch dasselbe wetterwendische und launische Weib, welches es stets gewesen, und so wandte es Herrn von Sprendlingen treulos den Rücken, um seinen Goldregen über andere zu streuen, welche für den Augenblick seine Günstlinge waren.

Der General erhielt die verzweifelte Nachricht, daß alles verloren sei, just in dem Augenblick, als er sich anschickte, mit Frau und Tochter den Kavalierball im Hotel St. Petersburg zu besuchen, und sie traf ihn derart, daß er als ein zu Tode getroffener Mann unter ihr zusammenbrach.

Frau von Sprendlingen schien nicht ganz so unvorbereitet gewesen, wie man anfänglich angenommen; sie war gefaßter, als man glaubte, und Gabriele blickte so ruhig und zuversichtlich aus den tränenglänzenden Augen, daß man wohl annehmen konnte, ihre Zukunft sei durch eine nahe bevorstehende Heirat gesichert.

In Villa Monrepos vollzog sich voll grausamer Hast und Nüchternheit die traurige Wandlung, welche derartigen Ereignissen zu folgen pflegt. Die notwendige Auktion hatte stattgefunden, und die Damen bereiteten sich zur Abreise vor; denn da sie über keine weiteren Mittel als die karge Witwenpension verfügten, schien es fraglich, ob sie ein eigenes Heim in der Residenz gründen konnten. Vorläufig folgten sie der Einladung einer kinderlosen Verwandten, welche Frau von Sprendlingen und Gabriele für die Dauer des Trauerjahres zu sich gebeten hatte.

Zum letztenmal saßen Mutter und Tochter in den liebgewordenen Räumen, in welchen sie so viele, glückliche Jahre verlebt, beisammen. Von allen Seiten waren ihnen viele herzliche Zeichen von Liebe und Teilnahme geworden, und fast ununterbrochen kamen und gingen die Visiten, — lauter gute Freunde, welche den so allgemein beliebten Damen vor dem Abschied noch die Hand drücken und ihnen Hilfe, Rat und Tat anbieten wollten. Frau von Sprendlingen stand am Fenster, und ihr erst so ruhiges, bleiches Antlitz sah plötzlich so verstört, so verzweifelt und verfallen aus, als sei eine letzte Hoffnung, welche sie im Herzen gehegt, für immer vernichtet worden.

In der ersten Zeit des Schmerzes und der Aufregung hatte sie an den Grafen von Hohen-Esp gedacht wie an einen Retter in der Not, welcher sicher kommen muß, das bitterste Elend von ihnen abzuwenden.

Sie hoffte von Tag zu Tag auf seinen Kondolenzbesuch, — er blieb aus. —

Sie brachte es nicht über sich, nach ihm zu fragen, und so erfuhr sie erst heute zufällig durch eine befreundete Dame, daß Guntram Krafft am Morgen nach dem Hotelball Knall und Fall abgereist sei, ohne daß jemand einen Grund für diesen fluchtartigen Abschied wußte. Den Tod des Herrn von Sprendlingen habe er wohl gar nicht erfahren.

Tränen tiefster Hoffnungslosigkeit glänzten in den Augen der verwitweten Frau, und als Gabriele an ihre Seite trat, zärtlich den Arm um die Weinende zu legen, da schluchzte sie laut auf und flüsterte: »Ach, meine arme, arme Gabriele! Was soll nun aus dir werden?«

Das junge Mädchen hob das Antlitz wie in seligem Vertrauen zum Himmel, — es sah in all dem Leid so verklärt und ruhig aus, als sei ihr nie ein Zweifel an dem Glück der Zukunft gekommen.

»Er liebt mich, Mama!«

»Wer?« —

Da senkte Gabriele das Köpfchen.

»Hans Heidler! — O, Mütterchen, du ahnst es ja nicht, wieviel liebe Worte er mir noch auf dem letzten Hofball sagte, wie er mir die Hand drückte, wie unaussprechlich viel sein Auge mir gestand —«

»Sein Auge, aber nicht seine Zunge!« murmelte Frau von Sprendlingen bitter. — »Gabriele, glaubst du wahrlich, daß Heidler je an Heiraten gedacht — und daß er sogar jetzt noch daran denkt?«

Das junge Mädchen atmete hoch auf, preßte wie in begeisterter Versicherung die Hände gegen die Brust und nickte.

»Ja, ich glaube es, ich weiß es bestimmt! Ein Mann, der so ritterlich, so heldenhaft, so edel ist wie Hans, betrügt kein Mädchenherz.«

»Sprachst du ihn nach Papas Tode?« —

»Ich sah ihn nur bei der Beerdigung! Aber die Weise, wie er mir die Hand küßte ... wie er mich ansah ...«

Frau von Sprendlingen machte eine ungeduldige Bewegung.

»O Kind! Kind!!«

»Er sagte mir, daß er in den nächsten Tagen kommen werde —«

»Aber er kam nicht!«

»Er wird kommen!«

»Morgen reisen wir ab!«

»So kommt er heute noch! Warum mißtraust du ihm so sehr, Mama? Warum zweifelst du an seiner Aufrichtigkeit?« —

Frau von Sprendlingen schlang krampfhaft die Hände ineinander. »Weil ich die Menschen besser kenne wie du, Kind!« sagte sie gepreßt.

»Du bist jetzt nervös und verbittert, Mamachen, du wirst einsehen, wie unrecht du ihm tust!«

Das scharfe Klingeln der Hausglocke drang zu ihnen herauf, — Gabriele zuckte mit leuchtenden Augen empor, und auch die Baronin blickte wie in jäher Hoffnung nach der Tür. —

Nach wenigen Minuten stand der Portier auf der Schwelle, er hielt einen köstlichen Strauß von Orchideen und Tuberosen sowie eine Visitenkarte in der Hand.

»Eine schöne Empfehlung von dem Herrn Leutnant von Heidler, und er ließe den Damen herzlichst Lebewohl sagen und eine glückliche Reise wünschen! Der Herr Leutnant wäre gern selber noch vorgekommen, er ist aber zu seinem großen Bedauern verhindert!« —

Da die beiden Damen bleich und schweigend wie zwei Marmorsäulen vor ihm standen und keine Hand sich hob, den Strauß in Empfang zu nehmen, legte ihn der Sprecher seitlich auf den Tisch.

»Es ist nämlich die Schlittenpartie heute, die der Herr Oberleutnant arrangierte!« fuhr er fort, mehr aus momentaner Verlegenheit wie aus Geschwätzigkeit. »Der Enkelin des Herrn Ministers zu Ehren, wie meine Frau sagt, die hilft ja manchmal in der Küche bei Exzellenz aus, wie die Damen wissen! Na, da hört sie so mancherlei. — Der Herr Oberleutnant ist jetzt beinahe alle Tage da im Hause! Die Fräulein Enkelin soll ja wohl steinreich sein, darum gibt's so ein Fest ums andere! Ja, und was ich noch sagen wollte, Frau Baronin, die Koffer werden morgen früh schon um sechs Uhr abgeholt ... die Dienstmänner können es nicht gut anders machen ... und ... wie ist es mit einer Droschke, soll ich sie für die Damen bestellen? — Ich gehe nachher doch noch mal aus ...«

»Ich danke Ihnen, Hartlich, wir gehen zu Fuß. Die Koffer stehen auf dem Flur bereit. Guten Abend!«

Der Portier blickte die Sprecherin betroffen an. So geisterhaft hatte er die Damen noch nie zuvor gesehen, und die Stimme der Gnädigen klang wie aus dem Grabe.

Er verbeugte sich und ging.

Wie schwer wurde den Ärmsten der Abschied! Du lieber Gott, ja, — wenn in solch feine Häuser mal das Unglück hereinbricht, dann liegt es immer doppelt so schwer als da, wo man gewohnt war, es von Kindesbeinen auf mit sich herumzuschleppen.

Als sich die Tür geschlossen, breitete Frau von Sprendlingen schweigend die Arme nach ihrer Tochter aus, und Gabrieles Köpfchen sank wie eine sturmgebrochene Blüte an die Brust der Mutter nieder.

Sie sprach nicht, nur ein leises Zittern rann durch den weichen, schmiegsamen, jungen Körper.

Und dann hob sie jählings das Haupt und blickte mit herzzerreißendem Lächeln empor.

»Ich kann es nicht glauben, daß er nicht mehr kommen wollte, Mama! Er muß ja all diese Vergnügungen arrangieren, er verkehrt viel im Hause des Ministers, weil man ihn viel einladet! — Sein Herz weilt sicher bei mir, Mama! Es ist ja ganz unmöglich, daß diese meine herrlichste Idealgestalt so kläglich in Dunst und Nebel zerrinne!«

Frau von Sprendlingen küßte die Stirn ihrer Tochter und wiederholte nur leise: »O, du armes, armes Kind!« — Dann wandte sie sich zur Tür, in welcher das Stubenmädchen erschien und mit betrübtem Gesicht die gnädige Frau um ihr Abgangszeugnis bat. —

Gabriele blieb allein.

Sie stand an dem Fenster und starrte mit erloschenem Blick auf die stille, winterliche Straße hinab, wo die Sonne auf Eis und Schnee glitzerte und fröhlich plaudernde Menschen mit den Schlittschuhen vorübereilten.

Schlittengeklingel ertönte von fern und näherte sich in flottem Tempo.

Gabriele schrak empor, neigte sich vor und starrte mit weitoffenen Augen hinab.

Die Schlittenpartie! —

Da flogen sie heran, die Rosse, mit den bunten, lustig flatternden Schneedecken, da klingelten und rasselten die Schellen durch die schmetternden Musikklänge, und die ersten Schlitten mit den Trompetern jagten vorüber.

Dann mehrere »Familienschlitten« mit den Müttern, Tanten und Papas, und dann, als Erster an der Tete der Jugend, Hans von Heidler neben Fräulein Henny von Larsen. Sie verschwindet beinahe in dem mächtigen, gelben Löwenpelz, ihr spitzes Gesichtchen ist dem Dragoner zugekehrt, und dieser neigte sich so vertraut und keck, wie es seine siegesbewußte Art ist, und lächelt der Kleinen just »tief in die Seele!«

O, Gabriele kennt dieses Lächeln — diese Augen, diese betörende und bestrickende Art! —

Ihr Herzschlag stockt, sie neigt sich noch weiter vor und starrt hinab ... ihre Lippen öffnen sich, als wollten sie voll herben Wehes aufschreien: »Hans! — Hans! Hast du keinen einzigen Blick mehr für mich?« —

Nein, er hat weder Blick noch Gedanken mehr für die öde, verlassene Villa, in welche über Nacht die Armut eingezogen ist.

Der Schlitten fliegt vorüber, ohne daß Herr von Heidler Zeit gefunden, einen einzigen Blick nach dem Fenster emporzuwerfen, hinter welchem das bleiche, liebliche Mädchen steht, dem noch vor wenig Wochen seine leidenschaftlichsten Huldigungen galten. Gabriele taumelt zurück und sinkt auf einen Stuhl, — sie schlägt die kalten, zitternden Hände vor das Antlitz und möchte weinen — weinen — daß ihre ganze Seele in den Tränen dahinschmelze, ... aber ihre Augen bleiben trocken und starr, und ihr Herz blutet still verborgen aus der Wunde, welche falsche Liebe ihr so grausam geschlagen. —


Ein Jahr war vergangen. Frau von Sprendlingen lebte mit ihrer Tochter fernab der Residenz in dem einsamen Landhaus der Tante, welche viel zu schrullenhaft, unliebenswürdig und schroff war, um den beiden verlassenen Frauen auf die Dauer ein behagliches Heim bieten zu können.

Mutter und Tochter hatten schweren Herzens beschlossen, sich zu trennen.

Frau von Sprendlingen konnte zur Not von ihrer Witwenpension leben, wenn Gabriele ein anderes Unterkommen fand.

Dieses aber fand sich trotz eifrigster Bemühungen nicht. — Die Stelle einer Hofdame, welche die Herzogin für sie an befreundetem Hofe erhofft, war gegen alles Erwarten anderweitig besetzt, — andere Aussichten zerschlugen sich ebenfalls.

Voll banger Sorge bewarb man sich dort und hier, — doch stets ohne Erfolg.

Da las Frau von Sprendlingen eines Tages in einer Frauenzeitung eine sehr annehmbar erscheinende Offerte.

Eine ältere Dame auf dem Lande suchte ein junges, liebenswürdiges und heiteres Mädchen aus vornehmer Familie zur Gesellschafterin. Die Einsendung einer Photographie war zur Bedingung gemacht.

Die Baronin las Gabriele die Anzeige vor, und beide blickten sich in stummem, wehmütigem Einverständnis in die Augen. Zur selben Stunde noch schickte Frau von Sprendlingen Gabrieles Bild an die angegebene Chiffre ab. —

Ernst und still blickte Gabriele in den leuchtenden Frühlingsmorgen hinaus. — Wird eine Antwort kommen? Wird sie die Stelle erhalten?

Ach, ihr Schicksal, ihre Zukunft sind ihr so gleichgültig geworden.

Seit sie, kaum drei Wochen nach ihrem Scheiden aus der Residenz, Herrn von Heidlers Verlobung mit Henny, der reichen Erbin, las, und sehr bald danach durch den Brief einer Freundin aus der Heimat erfuhr, daß die Hochzeit des schneidigen Dragoners trotz der großen Jugend der Braut schon in den ersten Tagen des Mai stattfinden solle, — war die Welt leer und tot für sie geworden.

Der Mann, welchen sie bewundert, verehrt, vergöttert hatte, trat ihr Herz voll egoistischer Rücksichtslosigkeit unter die Füße. —

Er, der kühne, mutige und unerschrockene Held, war zu feige gewesen, den Kampf um die Existenz an der Seite eines geliebten Weibes aufzunehmen. — Und diese Entäuschung traf Gabriele herber als der Verlust ihres eigenen Glückes.


Als Guntram Krafft so unvermutet schnell nach Hohen-Esp zurückgekehrt war, ruhten die Augen der Gräfin voll bangen Forschens auf dem ernsten Antlitz des Sohnes, als könne sie die Gedanken hinter seiner Stirn lesen und die Gründe erforschen, welche ihn so plötzlich heimgetrieben.

»Warum kommst du schon jetzt zurück, Guntram Krafft? Ist dir etwas Unangenehmes begegnet?«

Er blickte ihr, ganz gegen seine Gewohnheit, nicht in die Augen.

»Wenn du alle gescheiterten Hoffnungen betreffs einer eigenen Rettungsstation unangenehm nennst, dann freilich ist mir viel Ärgerliches begegnet!«

»Und nur darum bist du Hals über Kopf abgereist?«

Er antwortete nicht direkt auf diese Frage, sondern er strich sich langsam die blonden Haare aus der Stirn.

»Ich bekam Heimweh, Mutter!« sagte er leise, mit einem beinahe schwermütigen Klang in der Stimme, »es gefiel mir nicht zwischen all den fremden Menschen. Ich kam mir so überflüssig, so vereinsamt dort vor. Ihre Interessen sind nicht die meinen, ihre Sitten und Ansichten sind neu, die meinen alt. Ich verstehe das Tanzen und Plaudern gar nicht, oder doch sehr schlecht im Vergleich zu den andern Herren. Die Leute waren nicht unfreundlich zu mir, aber auch nicht so, daß ich mich tatsächlich unter ihnen wohlgefühlt hätte. — Dazu wehte der Sturm so vorwurfsvoll daher und mahnte mich, da es gerade jetzt viel ernste Arbeit daheim gäbe. — Da hielt es mich nicht länger. Ich sehnte mich heim zu dir, Mutter, — hier ist mein Platz! Du hast mich lieb ... gleichviel wie ich bin!« —

Die letzten Worte klangen noch leiser und wehmütiger wie zuvor, und Gundula trat neben seinen Sessel und drückte voll weicher Innigkeit das Haupt des Sohnes an die Brust.

Ihr Blick ward nachdenklich und verschleiert, wie eine bange Sorge kam es plötzlich über sie.

Waren dies die Früchte, welche sie von ihrer starren und eigenwilligen Erziehung erntete? Hatte sie ihr Kind der Welt und dem Leben so völlig entfremdet, daß es nun einsam und verlassen blieb, sein Leben lang? Wiederum durchbebte die alte Bitterkeit ihr Herz.

Hatte sie darum zeitlebens gearbeitet und rastlos geschafft, die verlorenen Güter zurückzuerwerben, um ihren Sohn als trübseligen alten Junggesellen darauf zurückzulassen? Oder war es eine heimliche Kinderliebe, welche Guntram Krafft so fest und treu im Herzen saß?

Er hatte stets so gern mit Mike, der blonden kleinen Fischerdirne gespielt, — er hatte als Jüngling im Dorfkrug mit ihr getanzt ... wäre es möglich, daß er sein Herz an sie verloren, trotzdem die Gräfin ihn so sorgsam in den Ansichten, Manieren und Pflichten seines Standes erzogen hat? —

Gundula seufzte tief auf.

Je nun, mußte sie das Glück für ihr Kind auch tief, tief von unten heraufholen ... es soll ihm werden, — besser er freit ein Fischermädchen, als keine.

Die anfänglich so schwermütige Stimmung des jungen Grafen schwand von Tag zu Tag. Der Sturm heulte daher und schien nur auf die Rückkehr Guntram Kraffts gewartet zu haben, um seine gewaltige Kraft mit der des Bären zu messen!

Da gab es keine müßige Zeit mehr, da war es vorbei mit dem wehmütigen Sinnen und Grübeln!

Täglich fast gab es schwere Arbeit!

Schiff in Not! — — Und der Bär von Hohen-Esp reckte voll kühnen Muts die Pranken, scharte seine Getreuen um sich und warf sich in tollem Wagemut gegen die brandende Flut, der Tiefe ihre Opfer zu entreißen.

Die Kälte ward von Tag zu Tag grimmiger, am Hamelwaat knirschte das Eis ... das war die böseste Zeit.

Zwei Tage lang lag der Nebel dick und fest wie ein Brett vor der See; als ihn ein neu einsetzender Sturm auseinanderriß, stürzte ein Schiffer zur Burg und meldete, daß aus dem Waat das Wrack eines gesunkenen Schoners rage. In den Masten sei noch Mannschaft zu erkennen. Das war ein fürchterlicher Tag und eine grauenvolle Fahrt! —

Das erste Boot zerschellte in der Brandung, und Guntram Krafft und seine freiwilligen Lotsen konnten selber kaum geborgen werden; doch kaum, daß sich die Erschöpften erholt, bemannte der Graf ein zweites Boot, welches er in aller Eile zweckmäßig eingerichtet hatte.

Er ließ den fehlenden Luftkasten durch leere Fässer, welche möglichst gut verspundet und unter die Duchten gelascht wurden, ersetzen, ließ Ballast einlegen und einen Lenzsack nachbugsieren, um das Boot möglichst vor See zu halten und ein Beidrehen zu verhindern.

Dann ging es mit frischem Mut abermals hinaus, und nach zweistündiger schwerer Arbeit brauste das jubelnde Hurra der Heimkehrenden durch das Heulen der Flut. Sie hatten sechs Mann eingeholt. —

Kaum, daß man die Schiffbrüchigen noch zu den Lebenden zählen konnte.

Zwei Tage und Nächte lang waren sie ohne Nahrung gewesen, ihre Lage in der Takelage bei Sturm und bitterer Kälte bedeutete eine geradezu unbeschreibliche Qual.

Gräfin Gundula ließ die Geretteten nach Hohen-Esp schaffen und nahm ihre erfrorenen Glieder in Pflege, bis ein Arzt zur Stelle war.

Diese heldenmütige Rettung wurde bekannt. Guntram Krafft und seine Lotsen erhielten die Rettungsmedaille und ein ansehnliches Geldgeschenk, und mit leuchtenden Augen stürmte der Graf in das Zimmer seiner Mutter: »Nun können sie heiraten! Ich habe meinen Anteil an Jöschen abgetreten, dann reicht's zur Ausstattung, und den kleinen Katen am Seehaus habe ich ihm ja schon lange versprochen, den kann er sich in Gottes Namen zur Wohnung einrichten!«

»Jöschen will heiraten?« fragte die Gräfin überrascht; »davon ahne ich nichts; wen hat er sich zum Schatz genommen?«

»Nun, die Mike! — Die beiden sind doch schon seit Kindesbeinen an Brautleute!« lachte der Bär von Hohen-Esp. »Wie manch liebes Mal hat der Jöschen ihr seinen Apfel geschenkt, und als er von der Marine zurückkam, brachte er ihr schon den Ring mit. Es sollte nur nicht laut werden, bis sie Aussicht hatten zu freien, — sind ja beide so blutarm! Aber nun ist das Geld beisammen, und ich denke, sie warten den Mai kaum ab!«

Gundula blickte starr in das frisch gerötete Antlitz des Sohnes.

Mike heiratet den Jöschen! Und Guntram Krafft erzählt es ihr mit lachendem Munde. Nein, so sieht keiner aus, der selber in das Mädel verliebt ist.

Nachdenklich senkt die Gräfin das Haupt, ihr Sohn aber setzt sich nahe an ihre Seite und nimmt zärtlich ihre Hand zwischen die seinen.

Er sieht sie an, — so kindlich bittend wie stets, wenn er etwas auf dem Herzen hat.

»Mutter!« —

»Was willst du?« —

»Warst du zufrieden mit unserer Arbeit?«

»Sehr zufrieden, Gott lohne sie euch!«

»Sie hat aber einen schweren Verlust für uns bedeutet!«

»Wieso das?«

»Unser einzigstes Rettungsboot, welches wir mit so vieler Mühe als ein Peake-Boot zurechtgemacht hatten, ist von der See zerschlagen!«

»Oh! — Es wird sich Ersatz finden!«

»Mutter!« flüsterte Guntram Krafft und legte den Arm um die Gräfin: »Möchtest du mich wohl einmal recht glücklich sehen?«

»Welche Frage!«

»Du botest mir jüngst an, — ich solle auf Reisen gehen, — fremde Länder und Völker sehen ...«

»Ganz recht! Hast du dich entschlossen?«

»Nein, Mutter. Ich möchte dich aber recht inständig bitten, mir das Geld, welches solch eine Reise kostet, zu geben!«

»Wozu das?«

Guntram Krafft hob mit leidenschaftlicher Bewegung das Haupt.

»Es ist seit Jahren mein sehnlichster Wunsch, eine regelrechte Rettungsstation hier zu errichten. Mit der nötigen Ausrüstung und Unterstützung brauche ich meine braven Jungens nicht annähernd so zu exponieren wie jetzt. Von fremder Seite haben wir keine Unterstützung zu erwarten, — wollte man uns helfen, so hätte man es jetzt getan, nachdem die Rettung der Schiffbrüchigen die Aufmerksamkeit auf uns gelenkt. — Da heißt es also — hilf dir selber! Ich habe keine andere Passion, keine anderen Interessen mehr auf der Welt, als wie das Rettungswesen, ich kenne keinen höheren Wunsch, als aus eigenen Mitteln einen Schuppen mit Ausrüstung, Boot und Apparaten hier aufzustellen.«

Gundula sah dem Sprecher tief in die Augen.

»Wenn es dir ernstlich darum zu tun ist, so steht der Ausführung deines Planes gewiß nichts im Wege!«

»Mutter!« — Der Graf war dunkelrot geworden, »und das Geld dazu?« —

»Du bist majorenn und kannst über dein Vermögen verfügen!«

Er umkrampfte die schlanke Hand der Gräfin: »Mein Vermögen? Alles, was wir besitzen, hast du verdient, es ist dein Eigentum, Mutter ... und zehntausend Mark ist wohl das mindeste, was ich benötige!«

Gundula lächelte; zum erstenmal sah ihr ernstes Antlitz beinahe heiter aus in dem Gefühl, dem Sohn, welchen sie über alles liebte, einen Wunsch erfüllen zu können.

»Du weißt, daß ich für dich arbeitete, und du hast mir seit Jahren redlich dabei geholfen. Die zehntausend Mark hast du dir selber reichlich verdient. Wie du sie anwenden willst, ist deine Sache — sie liegen bereit!«

Das Antlitz des Grafen spiegelte die unaussprechliche Freude, welche er empfand. Er schlang die Arme um die Sprecherin und dankte ihr so strahlend glücklich, als sei das Geld ihm zu Genuß und Vergnügen, nicht aber für fremde Not gespendet.

Seit langer Zeit hatte man Guntram Krafft nicht so heiter und lebhaft mehr gesehen, wie jetzt, wo er voll ungeduldigen Eifers sogleich den Bau des Rettungsschuppens in Angriff nehmen und seine notwendige Ausrüstung herstellen ließ.

Alles leitete und ordnete er selbst, und bei der regen Beschäftigung blieb ihm keine Zeit, trüben Gedanken nachzuhängen.

Die Gräfin atmete, wie von Zentnerlasten befreit, auf.

Sie glaubte nun überzeugt zu sein, daß keine unglückliche Liebe das Herz des Sohnes erkranken ließ und seine zeitweise, unerklärliche Schwermut in der Tat nur dem Kummer entsprang, welchen seine vergebliche Mission in der Residenz ihm verursacht.

Gundula grübelte und sann, wie sie ihren Liebling zu einem glücklichen Mann und Gatten machen könne.

Ihn in die Welt zu schicken, hatte keinen Zweck, denn der Graf war zu ungewandt und fremd in der Gesellschaft, um den Mut zu haben, als Freier aufzutreten.

Auch schien es ihr ratsamer, dem so sehr Unerfahrenen in dieser wichtigen Angelegenheit zur Seite zu stehen. So verging Monat um Monat. Da kam ihr ein guter Gedanke.

Sie suchte in einer vielgelesenen Frauenzeitung eine junge Gesellschafterin aus bester Familie und wählte aus den eingesandten Photographien diejenige heraus, welche ihrem scharfen Auge am passendsten für ihren Plan erschien.

Zu dicken Stößen kamen die Briefe an.

Die Gräfin saß in ihrem stillen Turmzimmer, in welches die Frühlingssonne ihre goldhellen Strahlen warf, und erbrach voll lebhaften Interesses ein Schreiben nach dem andern.

Wie viel verschiedene Schriften, Schicksale, Bilder! Gundula sah ein jedes derselben lange scharf und prüfend an, doch da war keines, welches ihr so recht von Herzen sympathisch war.

Die nächsten Tage brachten neue Massen von Zuschriften, und die Bärin von Hohen-Esp las und überlegte und prüfte, bis sie plötzlich das Haupt jählings vorneigte und beinahe betroffen auf ein reizendes Mädchenantlitz schaute, welches mit wundersam ernsten, großen, klaren Augen aus dem Brief zu ihr emporschaute.

Dem Anzug nach erschien sie in tiefer Trauer, schlicht, einfach und anspruchslos.

Die Gräfin überflog den Brief, welcher nur sehr kurz im Verhältnis zu den meisten anderen war. Sie sah nach der Unterschrift: »Marie Antoinette, Freifrau von Sprendlingen, geborene Freiin von Dryfurth.«

Ein guter Name. — Und sie schrieb, daß sie für ihre Tochter Gabriele, 23 Jahre alt, musikalisch, perfekt im Englischen und Französischen, geschickt in Handarbeiten, aber noch unerfahren im Haushalt, eine Stelle als Gesellschafterin suche. Ihre Verhältnisse, welche seit dem Tode ihres Mannes sehr traurige seien, zwängen sie leider, sich von ihrem Kinde zu trennen.

Gundula nickte nachdenklich vor sich hin. Eine Witwe, welche ein Unterkommen für die Tochter sucht ... Arme Frau!

Wieder und wieder nahm sie Gabrieles Bild zur Hand, auch dann noch, als sie alle anderen Schreiben geöffnet und die Photographien recht gleichgültig beiseitegelegt hatte.

Wie eine geheime, unerklärliche Gewalt zog es sie zu dem entzückenden Antlitz mit den rätselhaften Augen.

Ein Bild täuscht ja sehr, vielleicht war die Kleine in Wirklichkeit nicht annähernd so sympathisch; aber gleichviel, darauf mußte man es eben ankommen lassen und es abwarten, ob Fräulein von Sprendlingen dem Geschmack Guntram Kraffts entsprechen wird.

Kurz entschlossen griff die Gräfin zu Feder und Papier und schrieb an Frau von Sprendlingen, daß sie gewillt sei, ihre Tochter voll herzlicher Freundlichkeit in ihrem Hause aufzunehmen.