XIX.

Das schlechte Wetter hielt an und zwang die Damen, im Zimmer zu verweilen.

Gabriele war eifrig bemüht, sich mit den Räumlichkeiten der Burg bekannt zu machen und der Gräfin möglichst zur Hand zu gehen. Zu ihrer Überraschung bemerkte sie, daß es so gut wie gar keine Arbeit für sie gab, denn Gundula verrichtete nach wie vor alle Obliegenheiten der Hausfrau und beaufsichtigte, schaltete und waltete wie sonst in Haus und Hof.

Gabriele begleitete sie zwar auf Schritt und Tritt und bemühte sich, hier und da kleine Handreichungen zu leisten, doch schien ihr diese Beschäftigung schließlich so unbedeutend, daß sie die Gräfin um Arbeit bat.

Diese lächelte.

»Ihre Arbeit ist die, bei mir zu sein, liebe Gabriele!« sagte sie ruhig. »Fürerst sehen Sie sich alles an, wie ich gewohnt bin, den Tag einzuteilen, und falls es einmal nottut, vertreten Sie mich. — Am Nachmittag ist es oft stille Zeit, dann werde ich mich am meisten Ihrer Gesellschaft freuen. Heute zeige ich Ihnen die Zimmer der Burg, welche wir für gewöhnlich nicht bewohnen.«

Das geschah. —

Den riesengroßen Schlüsselbund an der Gürteltasche, schritt Gundula mit ihrem jungen Gast durch die wunderlichen Gemächer, in welchen eine längst vergangene Zeit gleich einem Dornröschen in tiefem Zauberschlafe lag.

Wie düster, wie still ringsum.

Die Schritte hallten auf den eingesunkenen Dielen, hier und da huschte der graue Schatten einer Maus unter altgeschnitztem Schrank oder silberbeschlagener Truhe hervor.

Am meisten interessierten Gabriele die Ölgemälde in dem Ahnensaal, einem viereckigen Gemach mit niedriger, getäfelter Decke und Parkettplatten, welche schreitende Bären als Muster aufwiesen.

Hier hingen die Familienbilder, und Gabriele las ernsten Blickes die Namen auf den kleinen Schildern, während Gundula wie in tiefen, schwermütigen Gedanken langsam weiterschritt und mit umflorten Blicken zurückschaute in eine Zeit, wo sie zum erstenmal am Arm des Geliebten diesen Saal betreten, ein überglückliches, leidenschaftlich empfindendes Weib, welches sich bei dem Anblick dieser alten Bilder zu all dem begeisterte, was sie später für ihren Sohn geschaffen, erstrebt und erreicht.

Gabriele las mit einigem Befremden unter verschiedenen Gemälden dieselbe Anmerkung.

Hier eine stolze, markige Männergestalt in schlichtem Wams und hohen Wasserstiefeln.

»Christoph Kaspar von Hohen-Esp, geb. anno domini 1522, ertrunken den 14. März 1570.«

Und hier eine schlanke, blühende Jünglingsgestalt, blondlockig, mit lachend hellem Blick — eine entschiedene Ähnlichkeit mit Guntram Krafft.

»Wulffhardt von Hohen-Esp, geb. 1481, ertrunken um 1503.«

Und dort —! Dieselbe reckenhafte Gestalt, wie sie fast alle Bären von Hohen-Esp aufweisen, dieselbe trotzig-feste Stirn, die kühn blickenden Augen und die energische Hand, welche hier ein breites Schwert über ein Segelschiff neigt.

»Diethelm von Hohen-Esp, Schirmvogt zu Land und See, geb. 1361, ertrunken im Kampf gegen seeräuberisch Gesindel um 1433.«

Und hier noch eins — zwei andere Bilder, mit lateinischen Inschriften, dem schwarzen Kreuz und der Wiederholung des Spruches: »Und das Meer wird seine Toten wiedergeben.«

Gabriele wandte sich zu der Gräfin.

»Wie kommt es, daß so viele Grafen ertrunken sind?« fragte sie leise, »mir deucht es seltsam, daß ein derart seltener Unglücksfall sich so merkwürdig oft in einer Familie wiederholt!«

Gundula blieb vor dem Bilde Wulffhardts stehen und nickte ihm wehmütig zu: »Das wundert Sie bei Männern, Gabriele, welche Schirmvögte einer Küste waren, die sowohl wegen ihrer gefährlichen Strömungen als auch wegen der Piraten, die in den undurchdringlichen Wäldern hier hausten, allgemein gefürchtet und verrufen war? Die Bären von Hohen-Esp haben aufgeräumt mit dem Gesindel, haben manch verwegenen Kampf zu Wasser und zu Lande mit ihnen bestanden und sind manch armem schiffbrüchigen Seefahrer in Sturm und Not zu Hilfe gekommen! Und wie gar mancher brave Soldat seine Treue mit dem Tod besiegelt, so haben auch die Hohen-Esp ihr Leben im Dienst für Fürst und Vaterland, für Recht und Pflicht gelassen! — Sehen Sie dort ... und dort ... und da drüben ... und an jener Seite dort ... sie alle sind den Heldentod auf dem Meere gestorben, Väter und Söhne, von den ältesten Tagen — bis in die heutige Zeit hinein! Ein ritterlich Geschlecht, dessen schönster Ehrenschmuck jenes schwarze Kreuz über dem Wappenschild, dessen heiligster Trost der Spruch des Herrn war: ›Und das Meer wird seine Toten wiedergeben!‹« —

Gundula schwieg, es war still und dämmerig, und Wulffhardts lachende Augen hafteten in beinahe unheimlicher Lebendigkeit auf Gabrieles Antlitz.

Dem jungen Mädchen war es plötzlich so feierlich, als stünde es in der Kirche.

Ein tiefer Atemzug hob ihre Brust, ihre Wangen färbten sich höher, und ihr Herz, welches seit jeher so begeistert für Mannesmut und Heldentum geschlagen, hämmerte in ihrer Brust.

Und während Gundula an das Fenster trat, um es für kurze Zeit zu öffnen, stand sie und blickte wie im Traum zu Wulffhardts jungem Heldenantlitz empor.

Ja, er glich Guntram Krafft ... und doch ... nein! da war dennoch keine Ähnlichkeit!

Hier der kühne, mutige Blick mit den blitzenden Augen und der stolzen Haltung — er hatte nichts gemein mit dem schüchternen, errötenden Nachkommen, welcher nichts ist, nichts leistet ... welcher nur behaglich hinter dem Ofen sitzt und erntet, was die Mutter gesät!

Gabriele faltet bei diesem Gedanken unmutig die Stirn, wendet sich hastig und folgt der Gräfin, welche ihr zu der Waffenhalle vorausschreitet, vor deren schmiedeeisernen Tür zwei wirkliche, echte Bären, ausgestopft, staubig und mottenzerfressen, aber dennoch durch ihren Anblick Grausen erregend, die Wache halten.


Von Tag zu Tag gewann Gabriele die Gräfin lieber, und auch Gundulas Herz schlug immer wärmer und zärtlicher für das anmutige Mädchen, an welches sich ihre liebsten und geheimsten Zukunftspläne knüpften.

Der fast ununterbrochene Verkehr im einsamen Hause führte die Menschen schneller zusammen und gestaltete auch das Verhältnis zwischen Gundula und ihrem jungen Gast von Stunde zu Stunde inniger.

Das sehr ruhige, ernste und doch liebenswürdige Wesen des Fräulein von Sprendlingen war der alternden Frau sehr sympathisch, die große Aufrichtigkeit, ihr ehrliches Bestreben, sich nützlich zu machen und fleißig zu sein, sowie ihre anmutige Schönheit gewannen ihr vollends ihr Herz.

Immer ungeduldiger sah sie dem Tag entgegen, an welchem Guntram Krafft heimkehren wollte, und nun verschob er diesen Zeitpunkt bereits zum drittenmal und deutete an, daß er fürerst überhaupt noch nicht an die Heimreise denke.

Die regnerischen Tage hatten lachendem, sonnenhellem Frühlingswetter das Feld geräumt, und Gabriele schritt zum erstenmal an der Seite der Gräfin in den Park hinab.

Der Inspektor trat den Damen mit respektvollem Gruß entgegen, starrte einen Augenblick wie gebannt in das reizende Mädchengesicht, dessen Anblick ihm so überraschend wurde und in dieser kalten Welt doppelt wohltat, und meldete der Gräfin mit etwas unsicherer Stimme, daß das neue Reitpferd, welches der Herr Graf angekauft habe, nach Walsleben nachgeschickt werden solle.

»Das ist ein Unsinn, lieber Möller! Ich hoffe, daß mein Sohn dieser Tage zurückkommt, und will auf alle Fälle erst noch einmal schreiben, ehe dem Tier der unbequeme Transport zugemutet wird!«

»Befehl, Frau Gräfin!«

Die Damen schritten weiter, und Gabriele blickte voll harmlosen Staunens zu der Burgherrin auf.

»Seit wann reitet Ihr Herr Sohn so gern, daß er sich sogar das Pferd nachkommen lassen will! Er sagte mir doch in der Residenz, daß der einzige Sport, welchen er eventuell gern ausübe, das Rudern sei?«

Gundula war stehengeblieben und starrte die Sprecherin an, als höre und verstehe sie nicht recht.

»Mein Sohn sagte Ihnen ...« wiederholte sie langsam, »ja, um alles in der Welt, kennen Sie ihn denn, Gabriele?«

Gabrieles große Augen blickten ebenso erstaunt wie die der Gräfin.

»Ja, gewiß! Ich lernte den Grafen in der Residenz auf einem Hofball kennen und nahm an, daß ich es seiner gütigen Fürsprache verdankte, hier im Hause aufgenommen zu sein! Hat Ihr Herr Sohn meinen Namen nicht erfahren?« —

Gundula schüttelte langsam den Kopf. »Kein Wort hat er mir davon gesagt ... und er sah doch sogar Ihr Bild, Gabriele!«

Das junge Mädchen schritt ruhig an der Seite der Sprecherin weiter. »O, so hat er mich wohl gar nicht wiedererkannt! Er hat so unendlich viele fremde Gesichter zu sehen bekommen und so viele Namen gehört, daß es nur ganz natürlich ist, wenn er die einzelnen nicht im Gedächtnis behielt!«

Gundulas Augen bekamen plötzlich einen auffallenden Glanz.

»Aber er tanzte mit Ihnen?«

»Doch nicht, Frau Gräfin. Der Graf kam sehr spät zu mir, da waren meine Tänze vergeben!«

»So bat er wenigstens um einen?«

»Er war so höflich!«

Ruhig und gleichmütig wie stets klang ihre Stimme.

»Und holte sich keine Extratour?«

»Auch dabei waltete ein Mißgeschick. Gerade als wir tanzen wollten, schwieg die Musik.«

»Ach, das hat er gewiß sehr bedauert. Plauderten Sie nicht zur Entschädigung zusammen?«

»Bei Tisch, gnädigste Gräfin. Ihr Herr Sohn saß neben mir. Sehr viel sprachen wir aber nicht, und was wir sprachen, weiß ich nur noch dem Sinne nach. Wir waren verschiedener Ansicht, — der Graf liebte das Meer, ich nicht. Sehr liebenswürdig erschien ich ihm sicherlich nicht, wenn er überhaupt meinen Worten Wert beilegte, was ich bezweifle.«

»Die Jugend war nicht plaziert bei Tisch?«

»Nein, nur die verheirateten Herrschaften!«

»So wählte Guntram Krafft selber den Platz an Ihrer Seite?«

Gundula sprach heiter und sehr ruhig, wohl nur, um die Unterhaltung fortzuführen.

»Ihr Herr Sohn war sehr fremd in der Gesellschaft, und da ich ihm zufällig schon bekannt war, so dachte er wohl ...«

»Sie waren ihm schon bekannt?«

»Durch einen kleinen Unfall, welchen ich mit dem Schlitten auf der Straße der Residenz erlitt. Der Graf kam mir zu Hilfe, richtete den Schlitten auf und sammelte mich aus dem Schnee empor!« — Gabriele lächelte.

»Ich dankte meinem Retter in der Not, doch stellte er sich in der Eile nicht vor und erfuhr auch meinen Namen nicht!«

»Und dann sahen Sie sich erst auf dem Hofball wieder?«

»Einmal saß mir der Graf noch im Theater gegenüber, doch lernten wir uns dort nicht kennen.«

Die Burgherrin von Hohen-Esp fragte noch so mancherlei, und Gabriele erzählte von dem Leben und Treiben in der Residenz. Sie kannte so viele Menschen, für welche sich die Gräfin noch lebhaft interessierte, und so legten die Damen den Spaziergang in sehr angeregter Unterhaltung zurück.

In der darauffolgenden Nacht lag Gundula mit weitoffenen Augen schlaflos in den Kissen. Ihre Wangen brannten in heißem Rot, und ihre Lippen lächelten.

Eine außerordentliche Aufregung hatte sich der einsamen Frau bemächtigt, seit sie durch Gabriele erfahren, daß Guntram Krafft sie bereits kannte.

Da war es, als ob plötzlich ein Schleier vor ihren Augen zerrissen sei.

Sie entsann sich plötzlich der seltsamen Veränderung, welche mit dem jungen Mann vor sich ging, als er Gabrieles Bild sah, — sie rief sich sein Benehmen in das Gedächtnis zurück und hatte den Schlüssel dafür gefunden.

Guntram Krafft hatte sein Herz an das auffallend reizende Mädchen verloren, das bewies ihr sein Verhalten auf dem Balle und seine Erregung bei dem Anblick ihres Bildes.

Gabriele gab es selber ehrlich zu, daß sie nicht sonderlich liebenswürdig zu ihm gewesen sei; das hatte der weltfremde, unerfahrene Mann für eine direkte Abweisung gehalten und ergriff in planloser Verwirrung die Flucht.

Und so wie er damals die Residenz um des jungen Mädchens willen verließ, so kehrte er auch jetzt in der ersten Aufregung Hohen-Esp den Rücken, um ein Wiedersehen zu vermeiden.

Die Gräfin lächelte.

Welch ein Kinderherz! als ob sich diese Flucht auf die Dauer durchführen ließe!

Vielleicht macht ihn seine Liebe auch scheu und befangen — er flieht aus Verlegenheit. Seine Schwermut, sein so ganz verändertes Wesen seit der Heimkehr, bestätigten diese Ansicht.

Und nun fügt es Gottes Gnade und Barmherzigkeit, daß die Mutter selber die Geliebte des Sohnes unter sein Dach führt!

Welch eine wunderbare, unbegreifliche Fügung! Wäre tatsächlich von Gabrieles Seite eine schroffe und definitive Abweisung erfolgt, so wäre das junge Mädchen nach Anlage ihres Charakters nie nach Hohen-Esp gekommen. Auch hätte sie nie so ruhig und gleichmütig von Guntram Krafft gesprochen.

Gabriele ist durchaus ahnungslos, und ihre Ruhe und Gelassenheit sind echt.

Gundula besitzt Menschenkenntnis, und weil sich ihre liebsten und sehnsüchtigsten Pläne an das junge Mädchen knüpfen, hat sie dasselbe mit dem argwöhnischen Scharfblick einer sorgenden Mutter beobachtet. Das Resultat dieser Beobachtungen war ein sehr günstiges, denn die große Aufrichtigkeit, welche Gabriele hier und da vielleicht etwas schroff erscheinen ließ, schätzte die Gräfin als eine Garantie dafür, daß sie nie aus Heuchelei oder Berechnung nach dem Ehering streben wird.

Guntram Krafft ist noch zu jung und weltfremd, um dies richtig zu beurteilen, und wenn Gabriele selber sagt, daß sie ihm wohl nicht liebenswürdig erschien, weil sie absprechend über Meer und Strand geurteilt, so ist der Schwärmer Guntram möglicherweise tief verletzt vor dieser Offenheit.

Auf alle Fälle ist es seine Absicht, Hohen-Esp um Gabrieles willen fern zu bleiben, und mit Vernunftsgründen richtet man bei verliebten Leuten nichts aus; also muß die Gräfin eine kleine List gebrauchen, den Flüchtling heimzuholen. Der Zweck heiligt die Mittel.

Im Verkehr mit Gabriele wird sie den Sohn alsdann unauffällig beobachten, und es wird ihr nicht schwerfallen, seines Herzens heimlichste Gedanken zu erforschen.

Die Ehen werden im Himmel geschlossen, und wäre Gabriele nicht für ihren Liebling bestimmt, so würde Gott der Herr sie nicht in so wunderbarer Weise hierher in die Einsamkeit geführt haben.

Mit einem Lächeln auf den Lippen schlief die Gräfin ein, und als sie früh am Morgen erwachte, schrieb sie alsogleich ein paar Zeilen an Guntram Krafft.

Sie teilte ihm mit, daß sie sich nicht wohl fühle, daß sie die Nacht meist schlaflos verbracht, sie sei eine alte Frau, welcher jeden Augenblick etwas zustoßen könne. Die Abwesenheit ihres einzigen Kindes sei ihr ungewöhnt und beunruhige sie, die Sehnsucht nach ihm wirke nachteilig auf ihren Zustand ein. So lieb wie sie Gabriele in der kurzen Zeit schon gewonnen habe, sei ihr dieselbe doch eine Fremde, welche den Sohn nicht ersetzen könne. Außerdem sei der alte Klaaden einige Male dagewesen, um voll Ungeduld nach dem Herrn zu fragen, wahrscheinlich sei seine Anwesenheit aus irgendeinem Grunde dringend notwendig. — Und zum Schluß bat sie den Sohn, unverzüglich abzureisen und zu kommen, falls er sie nicht noch kränker machen wolle!

Ein beinahe schelmisches Lächeln spielte um Gundulas sonst so herbe und ernst geschlossene Lippen, als sie das Schreiben adressierte und durch einen reitenden Boten sogleich besorgen ließ.

Nun wußte sie es bestimmt, daß Guntram Krafft noch an demselben Tage eintreffen werde. —

Aber ihre kleine Komödie mußte sie nun durchführen, und darum klagte sie auch Gabriele, daß sie eine schlechte Nacht gehabt und sich leidend fühle.

Das junge Mädchen war aufrichtig erschreckt und besorgt und bemühte sich, auf jede Weise die Kranke zu hegen und zu pflegen. Da sah Gundula, welch ein weiches, zärtliches Gemüt sich hinter all der ernsten Gemessenheit ihres Wesens versteckte, und sie freute sich dessen von Herzen.

Auch beobachtete sie es voll Interesse, mit wieviel Verständnis und Umsicht Fräulein von Sprendlingen das ihr so ungewohnte Amt einer Hausfrau übernahm und die Gräfin in Küche und Keller ersetzte.

Da lag es wie ein milder Sonnenglanz auf dem schönen, bleichen Antlitz der »Frau Herzeleide«, und zum erstenmal seit langen, schweren Jahren brannte ihr Herz in lebhafter, freudiger Erwartung auf ein Glück, welches sicher kommen mußte, — sicher und bald, das fühlte sie.


Als Gabriele in die große, gewölbte Küche trat, sah sie eine dunkel gekleidete, trübselig dreinschauende Frau, welche in einem Topf Essen empfing und mit bescheidenem Dank und Gruß davonschritt.

»Wer war die Frau? Eine Kranke?« fragte Gabriele die Mamsell.

»Nein, gnädiges Fräulein, das war die Witwe des Fischers Riek, welcher bei der letzten Rettung der Schiffbrüchigen von dem Wrack der ›Sophie Johanne‹ ertrunken ist.«

Ertrunken!

Gabriele sah plötzlich die Bilder aus dem Ahnensaal vor sich, unter denen neben schwarzem Kreuz dieses Wort geschrieben stand.

»Es ertrinken wohl viele Männer hier?« fragte sie nachdenklich.

Die Alte nickte laut seufzend. »Daß Gott erbarm! Ach, gnädiges Fräulein, es ist ein gar saures Stückchen Brot, welches die Fischer und Seeleute essen, und trägt wohl jeder alle Stund' sein Totenhemde auf dem Leibe.«

»Ich habe gar nicht gedacht, daß es so sehr gefährlich ist, auf dem Wasser zu fahren!«

»Im Binnenlande kann man sich das wohl meist nicht recht vorstellen! Wenn man die See aber einmal recht bös und grob gesehen und den Sturm aus Nordost pfeifen hörte, dann begreift man's.« —

»Kommt das oft vor?«

»Mehr wie zu oft, Gott sei gelobt, daß es gerade jetzt, wo der Graf abwesend war, nicht arg geweht hat!«

»Der befindet sich ja auf dem Lande in Walsleben! Da ist doch keine Gefahr für ihn!«

Es zuckte wie herber Spott um die Lippen der Sprecherin, aber die Mamsell sah es nicht, sie zerstampfte eifrig die Kartoffeln für den Schweinetrog.

»Für ihn nicht, bewahre! Aber für die Seefahrer! Und wenn was passiert wäre — meinte noch gestern der alte Klaaden — so hätten sie mit den neuen Apparaten doch noch nicht ohne den Grafen zuwege kommen können!«

»Ah — der Graf unterweist sie darin?«

»Wer anders denn er! — Ja, wenn der junge Herr nicht wäre, gnädiges Fräulein!«

Gabriele sah zwar noch nichts so Unersetzliches und kein so gewaltiges Verdienst darin, die Fischer ein wenig anzuleiten, aber sie nickte zustimmend und schritt weiter nach dem kleinen Küchengarten, welcher im hellen Sonnenschein seine jungen Kräutlein und frischerschlossenen Kirschblüten badete. Fern sah sie einen Strich der blauen See glänzen, so still und blau, wie sie damals in Heringsdorf vier Wochen lang gelegen, und sie schüttelte gedankenvoll den Kopf und begriff es nicht, daß dies glatte Wasser so gefährlich und unheimlich sein sollte.


Da es in dem großen, hallenartigen Speisezimmer noch kalt war, brannte ein loderndes Kaminfeuer, und Gräfin Gundula hatte ihren Sessel nahe hinzurücken lassen und verlangte nach ihrem Spinnrad.

»Ich kann es nicht ertragen, die Hände so müßig zu falten!« antwortete sie auf Gabrieles besorgte Bitte, heute ruhig zu bleiben, und als das Rad fröhlich schnurrte und der Faden lief, ließ das junge Mädchen die feine Stickarbeit sinken und blickte mit leuchtenden Augen zu.

»Wie schön! Wie poetisch das ist! O, das möchte ich auch lernen, Frau Gräfin!«

»Gewiß, liebe Gabriele, meine Mägde spinnen alle und können Ihnen sogleich ein Rad leihen! Ich bin so sehr für das eigengesponnene Leinen! Es ist derb und hält bedeutend länger als gekauftes Gewebe, namentlich in der Küche und für das Gesinde ist es durchaus praktisch!«

»So darf ich mir ein Rad holen?«

»Selbstverständlich; ich unterweise Sie gern!«

Gabriele eilte davon und trug sich nach kurzer Zeit ein Spinnrad herzu.

»Dieses ›Radeln‹ ist mir lieber, wie das moderne,« scherzte die Gräfin; »wir sind hier gut hundert Jahre zurück gegen die neumodische Welt!«

»Das ist schön, darum wohnt hier noch die Poesie in all ihrer unverfälschten Schönheit!«

»Sie lieben dieselbe?«

»Über alles. Mama neckte mich oft, daß es für mich besser gewesen wäre, zu eines König Artus' Zeiten zu leben. Ich begeistere mich so sehr für alles Ritterliche, Edle, Kühne und Herrliche — und gerade daran ist unsere prosaische Zeit so arm.«

»Nicht arm, Gabriele, — es tritt nur nicht so auffällig hervor wie ehemals.«

»Gibt es noch Helden im neunzehnten Jahrhundert?«

»Gewiß! Sie ziehen nur nicht mehr in glänzender Rüstung durch das Land und suchen Frau Aventure im Busch.«

»Unsere Männer und Jünglinge ziehen in den Krieg und werden totgeschossen, ehe sie dem Feind nur ins Gesicht schauen konnten; das ist kein heldenhafter Kampf, sondern nur Disziplin und müde Resignation, welche auf Kommando stirbt!«

»Oho, Gabriele! Dieses resignierte, gehorsame Sterben, dieses treue Ausharren auf dem Posten, inmitten des feindlichen Kugelregens, ist die höchste und heiligste Tugend des Soldaten!«

»Das wohl, — aber mir deucht, dieses kühne Aug' in Auge mit dem Feind, dieses todesmutige Hineingehen in eine Gefahr ist poetischer, und das findet sich im kleinen Überrest wohl nur noch bei der Kavallerie, welche eine schneidige Attacke reitet!«

»Und der tapfere Infanterist, welcher die Düppeler Schanze — die Spichererhöhe im Sturme genommen?« —

»Das ist Todesverachtung! Das erkenne ich auch als schöne und glänzende Soldatentat an, aber man hat als Mädchen keine rechte Vorstellung von der Tat des einzelnen! Und gerade diese macht die Poesie des Heldentums aus! Hätte Parzival, Dietrich von Bern, Ekke oder Beowulf in der großen Menge mitgekämpft, man hätte nicht die kühne, heldenhafte Vorstellung von ihren Taten wie so, wo wir jeden ihrer einzelnen Kämpfe bis auf den kleinsten Schwertstreich verfolgen können! Ich tue unseren modernen Tapferen vielleicht sehr unrecht mit solcher Ansicht, aber einem Mädchen verzeiht man es wohl, wenn es sich seine Ideale etwas eigenwillig bildet. Ich möchte einen Helden sehen, seine tollkühne Tapferkeit selber schauen, und das ist doch nur noch bei einem waghalsigen Reiter der Fall, welcher alle Gefahren eines Rennens vor unsern Blicken herausfordert und überwindet!«

Gundula lächelte ganz seltsam. »Sprachen Sie über dieses Thema vielleicht auch mit meinem Sohn?«

»Ich glaube ja. — Möglicherweise verargte er es mir.«

Die Gräfin schob das Spinnrad ein wenig zurück und hob lauschend das Haupt.

Von dem Hof herein tönte Hufschlag, lautes Rufen und eilige Schritte.

Glückselig verklärt blickten Gundulas Augen, sie atmete, wie von Unruhe und Spannung erlöst, auf und sagte leise:

»Er kommt! Es ist Guntram Krafft!«

Gabriele erhob sich und trat eilig an das Fenster, um hinauszublicken.

»Ja, es ist der Graf!« — rief sie der Burgfrau zu, und ihre Stimme klang nicht um einen Hauch erregter wie sonst.