XX.

Gabriele wollte das erste Wiedersehn zwischen Mutter und Sohn nicht stören, und da bereits der schwere, spornklirrende Schritt Guntram Kraffts auf den Steinstufen der Vortreppe ertönte und sie die Tür der Halle nicht mehr erreichen konnte, ohne von dem Eintretenden gesehen zu werden, blieb sie an dem Fenster stehen und blickte mit nicht gerade sympathischen Empfindungen dem jungen Mann entgegen.

Wie ungeniert und behaglich hatte man ohne ihn hier gelebt!

Nun wird selbstredend ein gewisser Wandel eintreten und das gemütliche Zusammensein beeinträchtigen.

Gabriele wird sich gern einem jeden Zwang fügen, welchen der Verkehr mit einem jungen Herrn mit sich bringt, wenn ihr der Bär von Hohen-Esp nur nicht mit dem anbetenden Entzücken begegnet, wie in der Residenz!

Das würde ihr furchtbar sein und ihren Aufenthalt hier unmöglich machen, und doch tät es ihr leid, von der Gräfin und der Burg hier zu scheiden.

Die Gräfin hat sie bereits sehr liebgewonnen, und das alte Bärennest ist just das, was auf ihr so poetisch veranlagtes Gemüt einen hohen Reiz ausübt!

Guntram Krafft als Freund — wie schön wäre das! — Als Bewerber um ihre Gunst und Liebe — wie unerträglich! —

Mit heimlichem Seufzer schlingt sie die Hände ineinander und blickt der hohen Männergestalt entgegen, welche voll ungestümer Hast über die Schwelle tritt und mit ausgebreiteten Armen der Gräfin entgegeneilt.

Er hat den weichen Filzhut abgerissen, die blonden Haare fallen etwas wirr und von dem eiligen Ritt gefeuchtet in die Stirn, und auf dem heißgeröteten Antlitz liegt ein Ausdruck großer Angst und Sorge, welcher bei dem Anblick der Gräfin schwindet und einer beinahe leidenschaftlichen Zärtlichkeit Platz macht.

»Mutter! Du bist hier! Du liegst, Gott sei Lob und Dank, nicht zu Bett?«

Er ruft es mit halberstickter Stimme, neigt sich über den Sessel und schlingt die Arme um die Gräfin, zart und behutsam, wie man etwas sehr Zerbrechliches anfaßt.

Sein Blick sucht den ihren, und Gundula küßt seine Lippen, streicht über sein Haar und sagt innig: »Du guter Mensch! Bist du den ganzen Weg dahergejagt? Solltest dich ja nicht ängstigen, sondern nur heimkommen!«

Er läßt sich neben ihr auf das Knie nieder, nimmt ihre Hand zwischen die seinen und blickt noch immer besorgt zu ihr auf.

»Was fehlt dir, Mutter? — Hast du schon zu dem Arzt geschickt? War es etwa wieder Atemnot, wie sie damals nach der Influenza kam?«

Gundula lächelt: »Ich werde alt, Guntram Krafft, und mag nicht mehr allein sein! So treu und lieb Gabriele mich auch hegt und pflegt, gegen die Sehnsucht hat auch sie noch kein Mittel entdeckt!« und die Sprecherin wendet plötzlich den Kopf: »Liebe Gabriele ... wo stecken Sie? — Sind Sie noch im Zimmer?«

Das junge Mädchen hatte nachdenklich auf das schöne Bild vor dem lodernden Kaminfeuer geschaut. — Ja, ein schönes Bild, und eine gerechtfertigte Angst und Sorge — und doch schien sie Gabriele nicht männlich und imponierend! Hatte sie nur ein Vorurteil, daß sie in Guntram Krafft nie mehr erblickte, als wie das bange Muttersöhnchen, welches nach wie vor an der Schürze der Mutter hängt?

Ja, er gleicht dem Wulffhardt auf dem Bilde droben, aber welch anderer Charakter und Mut trotzt auf dem lachenden Gesicht jenes Vorfahren!

Jetzt, als die Gräfin ihren Namen ruft, schrickt er empor, erhebt sich und weicht jäh zurück. Nun wird er sie wieder anstarren, verlegen lächeln und erröten, wie damals in der Residenz.

Gabriele tritt langsam von dem Fenster herzu, reicht dem Grafen sehr gelassen die Hand und sagt zwar freundlich, aber doch sehr förmlich und kühl: »Ich freue mich, Sie wiederzusehen, Graf Hohen-Esp und hoffe, Sie gönnen mir ein Plätzchen an der Seite Ihrer Frau Mutter!«

Sie versucht sogar zu scherzen und ist ein wenig überrascht, daß Guntram Krafft nicht mit entzücktem Lächeln quittiert. Der aber berührt kaum ihre Hand in flüchtigem Gruß, verneigt sich sehr tief, ohne sie anzusehen und sagt so fest und ruhig, wie sie seine Stimme noch nie vernommen: »Ich danke Ihnen, mein gnädiges Fräulein, daß Sie den Opfermut besitzen, in diese Einsamkeit zu kommen und meiner teuren Mutter Gesellschaft zu leisten. Möchte Ihnen Hohen-Esp nicht allzu eintönig erscheinen!«

Und dann küßt er die Hand der Gräfin und bittet: »Gestatte, Mama, daß ich mich umkleide, der Ritt war eilig und der Weg grundlos! In kürzester Zeit stehe ich wieder zu deiner Verfügung!«

»Selbstverständlich, Guntram! Wir warten mit dem Abendbrot auf dich!«

Er verneigte sich noch einmal kurz und spornklirrend vor den Damen und schreitet durch die Halle zurück.

Nachdenklich blickt ihm Gabriele nach. Welch eine Veränderung ist in der äußeren Erscheinung des Grafen vor sich gegangen! Wie stattlich und markig sah er in diesem etwas verwilderten Reitkostüm aus, so ganz anders, wie in dem hocheleganten, gräßlichen Frack und den Lackschuhen, welche so geborgt und ungehörig an ihm aussahen. Gewiß wird er sich jetzt wieder als Dandy zurechtmachen und als sehr schicker, moderner Jüngling wiederkehren. —

Schade darum! —

Währenddessen stürmte Guntram Krafft die gewundene Holzstiege empor, nach seinen Zimmern.

Er stieß ungestüm ein Fenster auf und atmete wie ein Erstickender die kühle Abendluft.

Sein Herz hämmerte zum Zerspringen. Der qualvolle, gefürchtete Augenblick, das Wiedersehn mit Gabriele war überwunden, aber ihm deuchte es, als müßte dasselbe sichtbare Spuren in sein Antlitz gegraben haben. Er hatte es nicht für möglich gehalten, daß er ihre Hand halten, mit höflichen Worten zu ihr sprechen könne.

Er hatte gezittert vor seiner eigenen Schwäche, oder der wilden, leidenschaftlichen Heftigkeit, welche gegen dieselbe revoltierte.

Er glaubte, ihren Anblick nicht ertragen zu können, und hatte doch ruhig und ernst vor ihr gestanden und zu ihr geredet, ohne mit einer Wimper zu zucken.

Wie war das möglich gewesen?

Weil Gabriele selbst ihm so ruhig, so harmlos, so freundlich gelassen entgegenkam.

Da zuckte es ihm plötzlich durch den Sinn: »Du Narr! Warum erregst du dich? Warum fürchtest du es, ihr in die Augen zu sehen? Hast du es nicht auch in der Residenz getan? Und was ist seit jener Zeit anders geworden?«

Nichts!

Gabriele ahnt ja nichts von der Indiskretion, welche Thea an ihr begangen!

Sie läßt es sich nicht träumen, daß der kleine Zettel, auf welchem sie sich so grausam für ewige Zeit von dem ruhm- und tatenlosen Hohen-Esper lossagt, wie fressend Gift auf seiner Brust liegt!

Sie weiß es nicht, welche Qualen sein Herz um ihretwillen erduldet, wie es tropfenweise verblutet ist an dem ersten, großen, namenlos bitteren Leid, welches es erfahren.

Nein, davon ahnt und weiß sie nichts!

Guntram Krafft reckt sich plötzlich empor und drückt die Hände gegen die Brust, als sei ein eiserner Panzer, welcher sie eingepreßt, jählings zersprungen.

Er atmet hoch auf, — er wirft das Haupt in den Nacken und schließt momentan die Augen.

Daß er sich darüber nicht schon früher klar geworden ist!

Gabriele kam völlig ahnungslos und harmlos hierher, er braucht weder ihr Mitleid noch ihren Spott zu fürchten.

Weiß sie denn, wie sehr, wie unaussprechlich er sie geliebt?

Nein! —

Weiß sie, daß er um ihretwillen die Residenz verließ, wie in wilder Flucht?

Nein! —

Dies alles liegt in seiner Brust versargt, und keines Menschen Seele wird es je erfahren. Was fürchtet er?

Warum will er auch jetzt noch vor ihr, der Ahnungslosen, fliehen?

Das Vergangene ist überwunden.

Daß Gabriele ihn nie lieben und nie heiraten wird, weiß er, und daß er viel zu stolz ist, um die Liebe als Almosen zu erbetteln, das weiß er auch.

»Ritter ... treue Schwesternliebe widmet euch dies Herz —«

Heißt es nicht so im Gedicht?

Und warum soll sie nicht als Schwester neben ihm hergehen, warum soll er künftighin noch mehr in ihr sehen, denn solch eine stille, freundliche, gleichmütige Schwester?

Um der Mutter willen, deren Herz sie auch schon bezaubert und gewonnen hat, — um der armen, einsamen Mutter willen, muß er sich in das Unvermeidliche fügen.

Der Bär von Hohen-Esp lehnt sich weit vor in dem Fenster und blickt über die blühenden Obstbaumzweige hinweg, über die dunklen, schweigenden Wälder hinaus. Da hinten ... fern hinter den Wipfeln glänzt ein Streifen der See im silbernen Mondlicht! —

Wie hat Guntram Krafft sich in den stillen, einsamen Tagen von Walsleben nach ihrem Anblick gesehnt!

Voll leidenschaftlicher Innigkeit breitet er die Arme nach dem funkelnden Silberstreif aus.

»Du bist meine Geliebte, du blaue, herrliche, unergründliche See! Dir habe ich Treue gelobt, und dir halte ich sie! Auf deinem geheimnisvollen Grunde wohnen Nixen, die blicken aus denselben kristallhellen, wundersamen Augen wie Gabriele! Die haben Mitleid mit liebeskranken Menschenherzen und nehmen sie in die weißen Arme und betten sie drunten zu ewiger Ruhe, wenn ihnen das Leben zu schwer und unerträglich wird! — Dich will ich lieben, du blaue See — und du wirst den ruhm- und tatenlosen Mann von dir weisen!«

— Und Guntram Krafft hob mit finster trotzigem Blick das Haupt, entzündete eine Kerze und warf bei ihrem Flackerlicht die bespritzten Kleider von sich.

Sein Blick streifte die eleganten Anzüge, welche er aus der Welt draußen mit heimbrachte. Soll er sie jetzt wieder zu Ehren kommen lassen?

Ein beinahe rauhes Lachen.

Nein! Jene Zeit ist vergangen und nichts soll ihn mehr daran erinnern.

Kam das Fräulein von Sprendlingen in die Bärenhöhle, je nun, so mag sie sich auch mit dem bärenhaften Anblick ihres Bewohners abfinden!

Und er nimmt die schlichte Düffeljoppe und wirft sie über.

Der Bär von Hohen-Esp ist jetzt daheim! Da duldet sein zottiger Pelz den Tand nicht mehr, welchen man ihm in der Fremde um die Schultern gehängt! —


Guntram Krafft begreift es selber nicht, wie es ihm möglich ist, so ruhig und gleichmütig mit Gabriele zu verkehren.

Sie sehen sich allerdings nicht viel, eigentlich nur während der Tischstunden, und dann vermeidet er es, sie anzusehen, und antwortet ernst und zurückhaltend auf all das, was sie ihn freundlich und unbefangen fragt.

Er sieht und bemerkt es nicht, wie ihr Blick oft voll staunender Befriedigung seine hohe Gestalt streift, welche in der derben und praktischen Kleidung so ganz anders aussieht, so viel sicherer und selbstbewußter einherschreitet, wie dermalen auf dem Parkett.

Er beobachtet es auch nicht, wie erleichtert das junge Mädchen aufatmet, als sie seine Ruhe und Gelassenheit, die große Gleichgültigkeit im Verkehr mit ihr wahrnimmt.

Diese Veränderung deucht ihr eine Wohltat und macht sie fröhlicher und zutraulicher gegen ihn.

Sie redet ihn an, sie sucht ihn in das Gespräch zu ziehen, sie spricht selber lebhafter und heiterer wie zuvor, und wenn sein Blick sie hier und da flüchtig streift, so sieht er ihr sonniges Lächeln und die strahlenden Nixenaugen, welche zwar nicht mit dem Ausdruck auf ihm ruhen, wie ehemals auf dem bewunderten Dragoner, aber doch lange nicht mehr so kalt und abweisend blicken wie damals.

Und gerade dies wird ihm zur Qual und erschwert es ihm doppelt, seine unnatürliche Ruhe an ihrer Seite zu wahren.

Er hält sich beinahe den ganzen Tag am Strand auf und weilt nur so kurze Zeit wie möglich bei den Damen.

Gottlob hat sich die Gräfin schnell erholt, und es deucht Guntram Krafft, ihr sonst so strenges, resigniert dreinschauendes Antlitz habe das Lächeln gelernt, und in ihren Augen leuchte es jetzt oft so warm, wie nie zuvor.

Gabriele kehrt aus dem Garten zurück und schreitet über den Hof.

Da sieht sie den alten Anton im Sonnenschein stehen und eifrig an ganz seltsamen und lederartigen Kleidern hantieren.

Der Alte lächelte sie beinahe zärtlich an, denn die anmutige Schönheit der jungen Dame hat auch sein Herz im Sturm genommen, so wie alle in der Burg voll Entzücken den Zauber empfinden, welcher von ihrem Wesen ausgeht.

Fräulein von Sprendlingen nickt dem treuen Kammerdiener freundlich zu und tritt mit forschendem Blick näher.

»Ei, was haben Sie denn da für einen wunderlichen Anzug vor, Anton?« lacht sie. »Bei diesem schönen Wetter wollen Sie doch nicht Ihren Regenrock hervorholen?«

Anton dienert und freut sich der Gelegenheit, ein wenig plaudern zu können.

»Mein Regenrock? I bewahre, gnädiges Fräulein! Das ist ja das Ölzeug vom Herrn Grafen, welches ich mal wieder nachsehen und in den Rettungsschuppen hinabbringen soll!«

»Ölzeug des Herrn Grafen?« — Gabriele mustert überrascht den seltsamen Rock, die mächtigen Stiefel und den ganz eigenartigen Hut: »Zu was gebraucht der Graf diese schwere Kleidung? Zieht er die wirklich an?«

Anton reißt die Augen weit auf: »Nun, das versteht sich! Herr Graf muß doch Ölzeug tragen, wenn er in Sturm und Wogenschwall hinausfährt! Bei den Spritzern, die es da setzt, würde er ohne diese Schutzkleidung bald bis auf die Haut durchnäßt sein!«

»Er fährt mit hinaus? — Auch bei schlechtem Wetter?«

Antons Arm mit dem Putzlappen sinkt herab. Er starrt die Fragerin ebenso überrascht an, wie sie ihn. —

»Wissen denn das gnädige Fräulein nicht, daß unser Herr Graf alle Rettungen und Ausfahrten immer persönlich leitet? Daß er unser kühnster und unerschrockenster Seefahrer ist? — Seine Lotsen hat er sich alle allein herangebildet — ebenso wie er jetzt den ganzen Schuppen aus eigenen Mitteln erbaut und ausgerüstet hat! Nun ist er sein eigener Herr, so ein rechter, wahrer Lotsenkommandeur, wie man noch einen zweiten finden soll! Das Hamelwaat hat nun wohl seine Schrecken für die Schiffer verloren, solange der Herr Graf als Retter in der Not die Riemen führt! Wußten das gnädige Fräulein das wirklich noch nicht?«

Gabriele blickt wie im Traum auf den Anzug in Antons Händen nieder.

»Nein, — das wußte ich nicht!« sagte sie mit leiser Stimme. »Ist solch eine Rettung eigentlich gefährlich? Ich kann mir das gar nicht vorstellen!«

»Gefährlich? Gott im Himmel erbarme sich! Der arme Riek ist das letztemal dabei geblieben, und seine Leiche ist bis zum heutigen Tage noch nicht geborgen! Haben das gnädige Fräulein denn nicht von der kühnen Tat des Herrn Grafen und seiner Lotsen ... ich meine im vergangenen Winter ... gehört? Wie sie die Unglückskerle von dem Wrack der ›Sophie Johanne‹ geholt haben? Nein? Na, die Rettungsmedaille haben sie sich alle dabei verdient — —«

»Die Rettungsmedaille? — Auch der Graf?«

»Nun, der doch in erster Linie!«

Gabriele strich langsam mit der Hand über die Stirn: »Nein — das wußte ich nicht!« murmelte sie, »aber ... ich möchte doch wohl einmal an den Strand gehen und das Meer wiedersehen!«

»Und ob, gnädiges Fräulein! Etwas Schöneres gibt es ja auf der ganzen Welt nicht!«


Bei Tisch war Fräulein von Sprendlingen stiller wie sonst, — ihr Blick haftete oft sinnend und forschend auf Guntram Krafft, als schaue sie ihn heut zum erstenmal.

Die Gräfin schien ganz mit der Zubereitung des Salats beschäftigt.

»Gehst du heute wieder zum Dorf, Guntram Krafft?« sagte sie plötzlich leichthin, »so habe, bitte, die Güte und nimm Fräulein Gabriele einmal mit! Denk dir, sie hat, seit sie hier ist, noch nicht ein einziges Mal die See in der Nähe gesehen.«

Ein beinahe finsterer Ausdruck lag auf der Stirn des Grafen.

»Damit würde ich Fräulein von Sprendlingen kaum einen Dienst erweisen, — sie liebt das Meer nicht!«

»Nein, ich liebe es nicht und begreife auch nicht, wie man es so schön finden kann!« bestätigte Gabriele harmlos. »Aber gerade darum möchte ich einmal wieder an den Strand gehen, um zu sehen, ob es hier ebenso langweilig ist wie in Heringsdorf!«

Gundula lachte: »Wie habe ich Ihre Aufrichtigkeit so gern, Gabriele! Wenn Sie sich nun doch einmal zu ein paar anerkennenden Worten über unser liebes Bernsteinmeer hinreißen lassen, so weiß ich wenigstens bestimmt, daß es Ihre wahre Meinung und nicht nur eine höfliche Redensart ist!«

»Ich kann Fräulein von Sprendlingen unmöglich zumuten, so lange drunten zu bleiben, wie ich am Schuppen zu tun habe. Ich bitte dich, uns zu begleiten, Mutter, damit ihr beiden Damen jederzeit heimkehren könnt.« —

»Gut! Ich bin gern bereit!« Gundulas Blick streifte das geneigte Antlitz des Sohnes, und sie lächelte abermals.

Es war ein außergewöhnlich milder, sonniger Frühlingstag.

Kein Lüftchen regte sich.

Blau — weit ... unendlich lag die See.

Voll kristallener Klarheit spannte sich der Himmel darüber aus und verschwamm am Horizont mit der Wasserflut, daß man kaum die zarte Linie unterscheiden konnte, welche Himmel und Erde trennt.

Der Sonnenglanz lag breit auf dem Wasser, es spiegelte und schimmerte, und die weißen Segel der Fischerboote zogen traumhaft still durch die Ferne.

Der Strandhafer knisterte leis unter den Schritten der Nahenden und über ihnen stiegen zwei Lerchen mit hellem Jubel in den offenen Himmel hinein.

Die Gräfin hatte eine Fischerfrau, welche am Strand saß und Steine und Tang aus den Netzen las, angesprochen und blieb momentan neben ihr stehen, sich nach diesem und jenem zu erkundigen; Gabriele und Guntram Krafft schritten weiter, nahe herzu bis auf den festen, hartgewaschenen Sand, über welchen in graziösen Linien der silberschaumige Saum einer kaum merklichen Brandung spült.

Der Graf hatte den Hut von dem Haupt gezogen und blickte wie verklärt in die sonnige Pracht hinaus, — es lag ein weicher, beinahe kindlich milder Zug auf dem schönen Antlitz, und Gabriele schaute verstohlen zu ihm auf und fand es zum erstenmal, daß dieser Ausdruck doch nicht so unsympathisch sei, wie es ihr im Ballsaal geschienen.

»Es ist eine köstlich frische Luft hier!« sagte sie nach kurzem Schweigen: »Aber die See liegt ebenso still und träge, wie damals in Heringsdorf, und was Sie daran so schön finden, erklären Sie mir, bitte, Graf!«

Er sah sie nicht an, aber das Entzücken, welches sein Auge spiegelte, vertiefte sich.

»Wie kann man eine derartige Schönheit mit Worten nennen!« sagte er leise, »die analysiert man nicht, sondern empfindet sie! — Mir deucht, Sie haben sonst so viel Verständnis für Poesie, mein gnädiges Fräulein, und stehen ihr gerade hier, wo sie sich uns am reichsten und vollkommensten entschleiert, so blind gegenüber. Fühlen Sie es nicht mit allen Fasern Ihres Herzens, welch ein Stücklein Gottesfrieden sich rein und unverfälscht hier an der See erhalten hat? — Bekommen Sie nicht eine Ahnung von der Unendlichkeit, wenn Sie über diese weite — weite Flut schauen, die so ohne Anfang und Ende scheint, wie der Himmel uns zu Häupten? Und wenn Sie die Wellen schauen, wie sie in ewig gleicher Weise, Tag und Nacht, Jahr um Jahr, hier gegen den Strand rollen, von keines Menschen Kraft bewegt, geheimnisvoll kommend und gehend, dem ewig weisen Willen eines Gottes gehorchend, vor dessen Antlitz tausend Jahre sind wie ein Tag — — schauert Ihr Herz nicht zusammen in einem Gefühl unendlicher Andacht, in dem Empfinden jenes scheuen Entzückens: ›Jede dieser Wogen ist ein Pulsschlag der Ewigkeit?‹«

— Gabriele stand neben ihm, das Köpfchen lauschend erhoben, den Blick wie in staunendem Sinnen geradeaus gerichtet.

»Nein,« sagte sie leise, »diese Gedanken sind mir noch nie gekommen. In Heringsdorf wurde nur gescherzt und gelacht, aber nicht philosophiert.«

»Dies ist keine Philosophie!« lächelte er, »im Gegenteil, hier spricht nicht der Verstand, sondern lediglich Herz und Gemüt, aber gerade die — ich glaube es wohl — kommen überall zu kurz, wo der Lärm der bunten Welt sein Recht behauptet!«

— Gundula trat herzu, und Guntram Krafft wandte sich, ihr den Arm zu bieten.

»Ich habe in dem Schuppen einen kleinen Auslug anbauen lassen, wo die Damen hinter sicheren Glasscheiben, gegen Zug und Wind geschützt, ausruhen können. Darf ich dich hinführen, Mutter?«

»Macht es Ihnen Freude, die ›Rettungsstation‹ meines Sohnes zu sehen, Gabriele?«

»Ich bitte darum, denn ich interessiere mich dafür.«

»Dann laß uns getrost gehen, Guntram Krafft, und genaue Musterung halten, wir wissen ja, daß Gabriele keine Phrasen sagt!«

In den Augen des jungen Mannes leuchtete es auf, lebhafter wie zuvor unterhielt er die Gräfin, und schweigsamer wie sonst schritt Gabriele an Gundulas Seite.

Der Rettungsschuppen trug äußerlich die Form einer großen, massiv gebauten Scheune.

Zwei breite Tore gewährten den Eintritt, und unter dem spitzen Dach war das Wappen der Hohen-Esp unter dem roten Kreuz im weißen Felde eingefügt.

Alle modernen Errungenschaften auf dem Gebiete des Rettungswesens waren der inneren Einrichtung zugute gekommen.

Das Rettungsboot, eine Mischart der gebräuchlichsten Systeme, war aus Stahlblech gebaut und trug den Namen »Guntram Krafft« in goldenen Lettern.

Ein fester, sehr dauerhaft und widerstandsfähig gebauter Wagen trug es und diente zu dem Zweck, das Boot bequem zum Strand zu transportieren und es unmittelbar in das Meer zu lassen.

Auch ein Raketenapparat war zu schleunigstem Gebrauch auf dem Wagen montiert.

Seitlich und im Hintergrund des Schuppens waren alle erforderlichen Apparate und Gegenstände aufgestellt oder an Gestellen aufgehängt.

Die volle Ausrüstung der bedienenden Mannschaft, welche sich aus den wackeren, unerschrockenen Fischern rekrutierte, und von ihrem selbstgewählten Kommandeur, dem Grafen Hohen-Esp, befehligt wurde, die Rettungsgeschosse verschiedener Art, Raketen, Mörser und Handgewehre, Seelenretter, Korkjacken, Gürtel, Schläuche, Riemen, Schlepper, Segel und Loggleinen, Kompaß, Fernrohr und Handlot, Ölfaß, Eimer, Pfropfe und Reservedollen, Beil, Anker und Signalflaggen.

Gabriele konnte kaum so schnell schauen, als wie der junge Lotsenkommandeur an ihrer Seite mit blitzenden Augen erklärte und beschrieb, und während sie seinen Worten lauschte, streifte ihr Blick sein lebhaft erregtes Antlitz, und sie begriff es nicht, daß es dasselbe war, welches vor wenig Augenblicken noch in träumerischem Schwärmen hinaus auf die blaue See geblickt, dasselbe, welches im Ballsaal so weibisch schüchtern errötete und mit beinahe blöden Augen um sich schaute. Hier reckte und dehnte der Bär von Hohen-Esp die kraftvollen Arme, hier hob er schwere Lasten wie eine Feder hin und her, hier schritt er fest und selbstbewußt in den schweren Fischerstiefeln über einen Grund und Boden, welchem er aus eigener Kraft eine edle und hohe Bedeutung gegeben hatte. Warum hatte ihr kein Mensch zuvor gesagt, daß sich Guntram Krafft die Rettungsmedaille verdient? Warum heftete er sie nicht voll Stolz auf die Brust, so wie Heidler seinen Orden trug? — Und der war nur ein Kreuzlein, welches ihm ein königlicher Gast des Herzogs, bei dem er als Ordonanzoffizier Dienst tat, in Gnaden verliehen hatte!