XXI.
Der Lenz hatte einen außergewöhnlich frühen Einzug gehalten, und wenn auch die Tage sonnenhell und warm waren, so strich doch am Abend eine noch recht empfindlich kühle Luft von der See herüber und machte den Aufenthalt in warmen Zimmern notwendig.
Guntram Krafft hatte sich anfänglich sogleich nach dem Abendessen empfohlen.
Er saß mit seinen Zeitungen und Büchern in seinem stillen Zimmer, stützte das Haupt träumend in die Hand und las nicht.
Oft war er voll nervöser Unruhe aufgesprungen und noch einmal hinaus in den Wald oder hinab an den Strand gestürmt, aber Ruhe für sein Herz fand er auch dort nicht, wo der silberne Mondschein so bleich und kühl auf den Wogen spielte und ihm immer dasselbe Bild vor die Seele zauberte, Gabriele! —
Je länger er mit ihr zusammenweilte, desto tiefer und inniger ward seine Liebe zu ihr, obwohl seine leidenschaftliche Erregung nachließ und ihr heiteres, gleichmütiges Wesen auch ihm Ruhe und Unbefangenheit gab.
Er gewöhnte sich an ihre Gegenwart, er genoß voll heimlichen Entzücken ihren Anblick, sein Herz erzitterte bei jedem freundlichen Wort, welches sie zu ihm sprach, bei jedem Anzeichen von Interesse an seinem Tun und Handeln, — und doch klang ihm unausgesetzt das Dichterwort durch die Seele: »Die Sterne, die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht!«
Auch Gabriele wollte er als einen jener holden, ewig fernen und unerreichbaren Sterne betrachten, welche dem sehnenden Schwärmer wohl freundlich zublicken, ohne jedoch gewillt zu sein, aus ihrer Höhe hernieder an sein Herz zu sinken. —
Als Fräulein von Sprendlingen an seiner Seite durch den Schuppen seiner Rettungsstation schritt und mit großen, staunenden Augen alles betrachtete, was er barg, eifrig um Erklärungen bat und in ihrer aufrichtigen Weise kein Hehl daraus machte, wie fremd ihr alle diese Dinge waren, da stürmte ihm das Herz in der Brust und blitzte aus seinen Augen, und er empfand es als unaussprechliche Wonne, die Teilnahme der Geliebten an dem zu erwecken, was zum heiligen Inbegriff seines Lebens geworden.
Auch während des Abendbrots hatte sich die Unterhaltung sehr lebhaft um seemännische Dinge gedreht, und als Anton die dicke, schwarzlederne Posttasche mit den Zeitungen brachte, erhob sich Guntram Krafft nicht wie sonst, sich in sein Zimmer zurückzuziehen, sondern trat näher an das Kaminfeuer und sagte:
»Es ist abends recht kühl bei mir droben, und ich vermisse jetzt den warmen Ofen doch noch in dem großen Erkerzimmer ...«
»Aber Guntram, so sage doch Anton sofort, daß morgen nachmittag geheizt wird.«
Der Graf warf gerade ein neues Buchenscheit in die Glut und beobachtete angelegentlich, wie die roten Flammen an ihm emporzüngelten.
»Das wird leicht zu heiß, Mutter, und die zu große Wärme geniert mich dann mehr wie die Kälte. — Am liebsten bliebe ich hier. — Was unternehmt ihr denn jetzt? Stört meine Anwesenheit?«
Ein ganz feines, schier unmerkliches Lächeln ging um die Lippen der Gräfin, so froh und zufrieden, wie bei einem Menschen, welcher geduldig gewartet hat und nun dafür den gewünschten Lohn erhält.
»Welch eine Frage!« schüttelte sie den Kopf und rückte sich behaglich in ihrem hochlehnigen Sessel zurecht. »Wir freuen uns deiner Gesellschaft. Geheimnisse haben wir durchaus nicht zu verhandeln! Ich lehre Gabriele den Gebrauch des Spinnrades und freue mich meiner fleißigen Schülerin.«
»Spinnen? Sie lernen spinnen?«
Guntram hob ganz betroffen den Kopf, als habe er nicht recht verstanden, Gabriele aber räumte die gemalten Wappenhumpen, aus welchen man zuvor ein Warmbier getrunken und welche Anton soeben wieder aus der Küche zurückbrachte, in den uralten Kredenzschrank und sang lachend, ohne sich umzusehen:
»Ich kann stricken,
Ich kann flicken,
Feines Leinen
Kann ich spinnen ...
So fein, Graf, daß man fürerst noch Kettenhemden daraus schmieden kann!«
Guntrams Augen leuchteten.
»Da ich Ihnen diese Kunst doch nicht ablerne, so können Sie dieselbe neidlos in meiner Gegenwart ausüben!« scherzte er, rückte sich einen kleinen Tisch herzu, breitete die Zeitungen aus und nahm in einem der Rittersessel davor Platz.
Gabriele aber entzündete selber eine kleine Stehlampe, welche neben ihr auf dem Serviertisch stand, hielt sie, einen Augenblick sie stumm betrachtend, in der Hand und stellte sie dann vor dem Grafen nieder.
Dieser dankte durch eine höfliche Verbeugung, griff schweigend nach den Zeitungen und schien schon im nächsten Augenblick völlig in ihre Lektüre vertieft.
Aber er las nicht.
Er starrte wie ein Träumender gedankenlos auf das Papier und gab sich voll und ganz dem süßen Zauber, in Gabrieles Nähe zu weilen, hin.
So konnte er sie unbemerkt ansehen, konnte den weichen Wohllaut ihrer Stimme hören und voll und ganz das süße Behagen empfinden, welches ihre Anwesenheit dem ganzen Hause verlieh.
Wie Frieden zog es in sein sehnendes, gequältes Herz, und ein beinahe wunschloses Genügen, welches nicht mehr von dem Schicksal fordert, als wie es freiwillig gibt. Welch ein reizendes Bild war es, die beiden Damen am Spinnrad zu sehen! Über Gabrieles geneigtes Köpfchen zuckte das rötliche Flackerlicht des Kaminbrandes, das Antlitz trug den Ausdruck lächelnder Nachdenklichkeit, und die weißen Händchen arbeiteten, wenn auch noch unsicher und zaghaft, so doch graziös und anmutig, wie alle ihre Bewegungen es waren.
Neigte sich Gräfin Gundula helfend und erklärend näher, so traf sie der Blick der hellen Nixenaugen so warm und herzlich, daß das Herz des Beobachters schneller schlug in dem entzückten Empfinden: »sie liebt deine Mutter!« — und stand sie ihm selber auch ewig fremd und fern, diese Liebe zu Gräfin Gundula schlug dennoch eine Brücke zu seinem Herzen, welches ihn mit der Geliebten in gleichem Denken und Fühlen verband.
Die Bärin von Hohen-Esp nestelte an dem Wocken, dessen Flachsgewinde unter den Fingerchen Gabrieles etwas in Unordnung geraten war, und derweil flog der Blick des jungen Mädchens durch die mattbeleuchtete stille Halle und haftete wieder sinnend auf der Lampe vor Guntram Kraffts Platz, deren Fuß durch einen schreitenden Bronzebär gebildet wurde.
Und von da schweifte er weiter zu dem eigenartigen Kronleuchter, welcher von der gewölbten Decke herabhing und in Art der alten Leuchterweibchen gearbeitet war, nur schwebte anstatt des Frauenkörpers der Oberleib eines Bären in den schmiedeeisernen Ketten, und von ihm aus gingen acht mächtige Pranken, welche die Lichter hielten.
Die Sessel, auf welchen man saß, ruhten auf geschnitzten, behaglich ausgestreckten Bären, welche die Füße ersetzten, — braunzottige Bärenfelle lagen als weicher Teppich über den Estrich, Bären flankierten rechts und links den Kamin, und wohin man nur schauen mochte, zeigte die Täfelung der Wände das Bärenwappen, blickten von Schränken, Truhen und Geräten die Bärenköpfe mit starren Augen auf die einsamen Bewohner der Burg herab.
»Wie kommt es eigentlich, gnädigste Gräfin, daß alles und jedes in Hohen-Esp das Bild eines Bären zeigt?« fragte Gabriele leise und neigte das Köpfchen näher an die alte Dame heran, um den Lesenden nicht zu stören. »Man findet in andern Schlössern auch die häufige Wiederholung des Familienwappens, aber so, bis auf die kleinsten Gegenstände herab, sah ich es noch nie angebracht, und kam mir schon früher der Gedanke, daß dies einen besonderen Zweck haben müßte?«
Gundula schüttelte lächelnd das Haupt.
»Eine Liebhaberei! eine Laune der Besitzer! Die Bären von Hohen-Esp gefielen sich darin, ihre Höhle zu einem wirklich originellen, echten Bärennest zu gestalten. Der Urahne begann damit, und Kind und Kindeskinder führten es weiter und schufen halb im Ernst und halb im Scherz diese eigenartige Burg, in welcher die Nachkommen jenes ersten Bären von Hohen-Esp stets daran erinnert sein sollten, wem sie das Bestehen ihres Geschlechts verdanken!«
»Das Bestehen ihres Geschlechts? — Was haben die Bären mit Ihrer Familie zu tun, gnädigste Gräfin, und woher kommt es, daß die Hohen-Esp den seltsamen Namenszusatz: die ›Bären‹ von Hohen-Esp erhielten?«
»Wenn es Sie interessiert, so erzähle ich Ihnen gern unsere alte Familiensage, liebe Gabriele!«
Frau Gundula schob das Spinnrad der Genannten wieder zu und setzte ihr eigenes Rädlein abermals in surrende Bewegung, Guntram Krafft aber ließ mechanisch die Zeitung sinken und blickte wie in fragender Spannung zu dem jungen Mädchen hinüber.
»Und ob es mich interessiert, verehrte Frau Gräfin!« nickte Gabriele eifrig; »was könnte mir lieber sein, als wie mit der alten Welt, welche mich hier umgibt, recht vertraut zu werden! O, bitte, erzählen Sie! — Zu einem Spinnrad gehören seit jeher die Romanzen, wenn nicht die gesungenen, so doch die gesprochenen, und ich vermute, daß die Bärensage dieser Burg ein Stücklein jener poesievollen Ritter- und Heldenzeit ist, in welcher meine Gedanken so gern noch leben!« —
»Nun, so hören Sie, Gabriele! Und wenn Ihr Herzchen sich auch für die brave Bärin erwärmen kann, welche unserm Stammvater einst so große Dienste erwies, so bin ich überzeugt, daß die braunen Schutzpatrone dieser Burg all ihre schirmende Liebe auf Sie, die junge Gastin dieses Hauses, übertragen werden.«
Mit großen, forschenden Augen schaute das junge Mädchen auf, — ihr Blick hing an den Lippen der alten Dame, als ob sie, nur sie allein in dieser Halle anwesend sei, und Frau Gundulas Stimme klang tief und voll durch das leise, melodische Summen des Spinnrades:
»Unsere alte Familiensage ist anscheinend eine Nachbildung jenes phantastischen Ereignisses, welchem man die Entstehung Roms zu verdanken glaubt, — also weder neu noch originell, und doch aus jener grauen Vorzeit stammend, von welcher man wohl sicher annehmen kann, daß die Mär von Romulus und Remus ihr noch völlig fremd gewesen. Ein Beweis dafür, wie launig der Götterfunke Poesie um den Erdball blitzt und in Nord und Süd Flammen zündet, welche — durch eine halbe Welt getrennt — doch in geschwisterlicher Ähnlichkeit leuchten und ein und dasselbe Bild spiegeln, nur mit dem Unterschied, daß die rauhe, markige Wildheit der Deutschen sich die kraftvolle Bärin zur Amme eines ritterlichen Geschlechts wählte, während der kluge, geschmeidige und listige Römer die schlanke Wölfin dazu ausersah! — —
Eine Jahreszahl nennt unsere Wappensage nicht, sie greift weit, weit in die dämmernde Vergangenheit zurück und setzt da ein, wo die Grafen von Hohen-Esp bereits ein ritterliches und turnierfähiges Geschlecht, und als Schirmvögte bereits mit der Burg Hohen-Esp hierselbst belehnt waren. Da hebt sie an, von einer furchtbaren Seuche zu berichten, welche allerorts die Lande verödete und die Menschen dahinraffte wie Grashalme vor dem Messer des Schnitters. Auch hier an die Tore der Burg hatte die Pest mit knöchernem Finger geklopft.
Der Burgherr, seine edle Hausfrau, zwei Söhne und zwei Töchter starben in einer Nacht dahin, im Burgfried lag das Gesinde zu Haufen und hauchte sein Leben aus, und nur der Gräfin jüngstes, neugeborenes Söhnlein, eine alte Schwester des Hausherrn und die Amme des Kindes waren noch am Leben.
Da befahl das alte Fräulein in großer Angst und Sorge, daß die Amme mit dem Neugeborenen sich eilend aufmache und das Kind in das nahe Fischerdorf zu treuen Menschen bringe, welche es aufnehmen und warten sollten, bis daß der Würgeengel sei vorübergezogen in diesem Lande.
Ein Knappe stieg zu Roß, der Magd und dem Knäblein ein sicher Geleit zu geben. Da sie aber kaum eine halbe Stunde durch den Wald geflohen waren, kam den Mann die Todesschwäche an, er sank vom Roß und starb elendiglich am Wege.
Voll Angst und Grausen lief das Weib mit dem Kindlein in den finsteren Tann hinein, und kaum, daß sie das nahe Meer brausen hörte, sperrte ihr eine mächtige Bärin den Weg, stellte sich auf, hob dräuend die Pranken und brüllte aus blutigem Rachen.
Da wußte die Magd in ihrem Schrecken nicht, was sie tat, — sie warf das Kind, welches sie des kalten Windes wegen in einen warmen Fellsack gesteckt hatte, von sich und entfloh in sinnloser Furcht.
Sie kam in das Fischerdorf und verbarg sich in einer Hütte und wagte es nicht, von dem Ende des Kindleins zu berichten. Die Zeit verging, und eines Tages kam plötzlich das totgeglaubte alte Burgfräulein in das Dorf, erforschte die Magd, trat vor sie und forderte das Kind.
Die Ungetreue sank wehklagend in die Knie und beichtete von dem Tod des Knappen und dem Überfall des Bären, und daß sie bei der Flucht das Knäblein habe aus dem Fellsack verloren.
Ein großes Wehklagen erhob sich, und das Fräulein rief die Fischer und sprach: ›Lasset uns im Tann suchen! Die Heiligen im Himmel haben meine Gebete für das Kind erhört, so es ihr gnädiger Wille gewesen, erretteten sie es aus dem Rachen des Bären!‹
Die Fischer schüttelten zwar die Köpfe und meinten, das sei vor eines Mondes Länge geschehen und wohl kein Knöchelchen von dem jungen Grafenkind mehr zu finden; aber sie bewaffneten sich und gingen in den Wald.
Und als sie an die Stelle kamen, welche die Magd beschrieben, hörten sie ein gewaltiges Brummen als wie von einem Bären, und als sie durch das Dickicht herzuschlichen, sahen sie ein leibhaftiges Wunder. Da lag die Bärin im Moose ausgestreckt, und an ihr das noch in das Fell gewickelte Knäblein, welches sie säugte.
Sie lockten das Untier mit Geschrei heraus, und ein Beherzter sprang herzu und ergriff das Kind. — Das war lebend und gesund, stark und bärenkräftig, und solche Kunde drang bis zu dem Fürsten des Landes.
Der lachte der absonderlichen Mär, ließ das Knäblein vor sich bringen, wiegte es auf den Armen und lobte Gott:
›Ei, du Gräflein von Hohen-Esp, so dich Bärenblut gesäuget hat, so wirst du stark und kühn werden, und man wird dich hinfort ›den Bären von Hohen-Esp‹ heißen.‹
So sprach er und gab ihm den neuen Namen und den Bären in das Wappenschild, zur Erinnerung an das Gotteswunder, welches sich an dem Kind begeben.« —
Frau Gundula unterbrach sich und ließ momentan die fleißigen Hände ruhen; ihr Blick schweifte voll stolzer Zärtlichkeit nach dem Sohn hinüber und umfaßte seine hohe, markige Gestalt, dann zog sie abermals den feinen Faden aus dem Flachs und lächelte. — »Und nun gehen Sie hinauf in den Saal, Gabriele, und sehen Sie sich einmal das Bärengeschlecht an! Es ist wirklich ganz auffällig, wie die Bärenamme ihm ihren Stempel aufgedrückt hat! So hoch und kraftvoll gewachsen, so bärenhaft fest und trutzig ist kein zweites. — Die eckige Stirn und die große Gutmütigkeit haben die Hohen-Esp sicher von den Bären geerbt, vor allen Dingen aber das mutige und kühne Drauf- und Drangehen in Kampf und Gefahr, die Furchtlosigkeit, wenn es gilt, einen Feind zu packen, die zähe Ausdauer im Ringen mit dem Gegner, gleichviel ob derselbe aus Fleisch und Blut oder als Sturm und hohe Flut zum Gang auf Leben und Tod herausfordert!«
Gabriele hatte bisher nur Augen und Ohren für die Sprecherin gehabt, den schlanken, blonden Mann in dem Rittersessel vor dem Kamin schien sie völlig vergessen zu haben.
Jetzt plötzlich hob sie das Haupt, und ihr Blick traf Guntram Krafft.
Auge ruhte in Auge.
Wie wunderlich sah sie ihn an.
So groß, so forschend, so nachdenklich ... und doch brannte es wie ein geheimer Vorwurf in ihrem Auge, wie ein scharfer, ungestümer Widerspruch, welcher verächtlich sagt —: »nein! du irrst, Frau Gundula! Nicht alle Grafen von Hohen-Esp sogen Kraft, Mut und Kühnheit aus der Bärenmilch! — Hier, dieser letzte seines Geschlechts, ist entartet ganz und gar! — Er ist kein Held! er imponiert mir nicht! und darum werde ich nun und nimmer diesen ruhm- und tatenlosen Mann freien!« — Sprach es nicht so aus ihrem Blick? aus den großen, wundersam ernsten Augen?
Guntram Krafft hört und versteht nichts mehr als diese erbarmungslosen Worte, sein Vorurteil ist zu groß ... sein Blick ist verschleiert, er glaubt nicht mehr an das Glück und vermutet es nirgends.
Wieder steigt es heiß empor in Stirn und Schläfen, er senkt finster den Blick und begreift es nicht, daß er soeben noch sich ihres Interesses an seiner Familie gefreut.
Die Hohen-Esp sind keine verwegenen Reiter, welche in Kriegszeiten sich den Lorbeer aus feindlichem Feuer holen, — und nur solche Heldentaten imponieren dem stolzen Sinn einer Sprendlingen!
Nach wenig Minuten rafft der junge Graf die Zeitungen zusammen, steht auf und empfiehlt sich kurz.
Die Nacht ist so schön und mondhell, — er will mit den Fischern hinausfahren, wenn sie die Netze auswerfen.
Gabriele sieht ihn erstaunt an.
»Das tut man in der Nacht? — Warum das? Ist solche Arbeit am Tage nicht müheloser und bequemer?«
Ein herber, beinahe etwas spöttischer Zug liegt plötzlich um seine Lippen.
»Mühelos und bequem ist sie nach Ansicht der Binnenländer stets, gnädiges Fräulein, man rudert ein wenig hin und her und schöpft das Schiff voll Heringe und Dorsche! Ob bei Sonnen- oder Mondenschein — das ist höchstens eine kleine Abwechslung in dem ewigen Einerlei!«
Gräfin Gundula dreht mit ganz seltsamem Lächeln den Faden, welcher ihr gerissen, wieder zusammen, Fräulein von Sprendlingen aber sieht so harmlos aus, als ob sie von den Worten des Sprechers ganz überzeugt sei, und sagt nur nachdenklich: »Und doch ertrinken so oft die Menschen dabei! Ihre Fischer werden doch vorsichtig sein?«
Da lacht er laut und hart auf. »Unbesorgt, mein gnädiges Fräulein, die See ist wie ein Tischtuch, sie ist so, wie Sie's nicht lieben, träge, ruhig und langweilig, und dann fordert sie keine Opfer!«
»Wird sie nicht bald einmal böse und wild? Ich möchte so gern eine bessere Meinung von ihr bekommen!«
Ein beinahe finsterer Blick aus den sonst so lachenden Blauaugen trifft sie.
»Kurze Zeit müssen Sie sich wohl noch gedulden, die Ruhe scheint allen Wetterberichten nach noch anzudauern, aber in dieser Jahreszeit pflegt sie tatsächlich eine Ruhe vor dem Sturme zu sein!«
Er verneigt sich kurz, unhöflicher wie sonst, und geht, — Gundula aber schüttelt ernst das Haupt und sagt mit leisem Seufzer: »Sie wissen und verstehen es noch nicht, was Sie da wünschen, Gabriele! Für meinen Sohn bedeutet ein Sturm mehr wie ein schönes Schauspiel, und für seine braven Fischer ebenso! — Warum wollen Sie diese glücklichen Tage der Ruhe kürzen? Warum soviel Sorge und Not durch ein Unwetter heraufbeschwören? Ist das Meer in seinem ruhigen Schlaf wahrlich so langweilig? — Gehen Sie morgen einmal an den Strand und sehen Sie den Sonnenuntergang, — er ist verkörperte Poesie, das schönste Gedicht, welches unser lieber Herrgott mit Farben an den Himmel geschrieben!«
Gabriele nickte mit sinnendem Blick, ihr fielen plötzlich Guntram Kraffts Worte am Strand drunten ein.
Wenn er sie abermals lehren möchte, mit seinen Augen zu schauen! —
Die Gräfin schob ihr Spinnrad zurück und erhob sich. Sie war müde und wollte zur Ruhe gehen, man machte frühen Feierabend auf Hohen-Esp.
Gabriele stand an dem geöffneten Fenster ihres Turmzimmerchens und blickte hinaus in die stille, blütenduftige Pracht des kleinen Gartens, über welchen der Vollmond sein schier taghelles Silberlicht goß. Sie konnte nicht schlafen.
Wundersame Gedanken kreuzten hinter ihrer Stirn und nahmen ihr die Ruhe.
Sie dachte zurück an jene Stunde, wo sie neben Guntram Krafft am Strande stand und seinen so eigenartig poetischen Worten lauschte.
Gerade aus seinem Munde berührten dieselben so seltsam, weil Gabriele sie nicht erwartet hatte, und wenn ihr die Zartheit seines Empfindens zuerst auch etwas unmännlich erscheinen wollte, so ward doch dieser Eindruck schnell verwischt durch die Besichtigung des Rettungsschuppens.
Noch nie zuvor war ihr der Graf so kraftvoll männlich erschienen als wie hier in seiner energischen Art des Erklärens und Zufassens, in seiner so schönen und frischen Begeisterung für die Sache.
Gabriele verstand nicht viel von all den Dingen, aber sie fühlte instinktiv, daß es sich hier um mehr handelte, wie um einen harmlosen Sport.
Vielleicht war es auch das Ungewohnte in dem Anzug des Grafen, welches denselben schon während der ganzen Zeit seiner Anwesenheit auf Hohen-Esp so verändert erscheinen ließ.
Diese schmuck- und kunstlose, derbe Kleidung paßte so gut zu ihm, sie machte seine Erscheinung ernst und eigenartig, sie gehörte zu dieser Umgebung.
Ein Bär von Hohen-Esp ist keine Nippesfigur, er muß in die Höhle passen, welche er bewohnt. Deucht es ihr nur so, oder ist auch sein ganzes Wesen verändert?
Wie weggewischt ist das scheuverlegene Lächeln, die linkische Unbeholfenheit und Unsicherheit! —
Hier ist er Herr und Gebieter, — wohl ein gütiger, freundlicher Gebieter, aber dennoch einer, dessen Wort einen festen, stolzen Klang hat!
Das Anschmachten und entzückte Anstaunen hat er vollends verlernt.
Kaum, daß er sie beachtet, ihr die notwendigste Höflichkeit erweist! —
Er sucht ihre Gesellschaft nicht, — er meidet sie eher.
Und das ist keine Koketterie, kein Anreizen, — es ist seine ehrliche, schlichte Meinung.
Warum gefällt sie ihm nicht mehr?
Gabriele blickt gedankenvoll in die weißglänzende Pracht der Kirschbäume hinab.
Anfänglich war es ihr so angenehm, von ihm übersehen zu werden, — jetzt grübelte sie, aus welchem Grunde es geschehen mag.
Daß es so geschieht, ist gut, — es steht ihm wohl an, er gefällt ihr in dieser kühlen Gelassenheit.
Und wie seltsam schaute er sie heute abend an, als Frau Gundula von dem Mut und der Kühnheit der Hohen-Esp sprach?
Erriet er in jenem Augenblick ihre Gedanken?
Was dachte sie doch?
Sie sah ihn an — die große, eckige Stirn unter den blonden Haarlocken, die herrliche, »bärenhafte« Gestalt ... und sie dachte ... warum fehlt gerade ihm der Mut und die wilde Kühnheit, welche die verblendete Mutter an ihren Vorfahren preist? Er ist wie geschaffen zu einem Helden! — Warum ist er's nicht? —
Er schaut drein wie Parzival, der Schildträger — warum sitzt er ruhmlos daheim bei Frau Herzeleide? Verstand er diese Gedanken?
Las er sie von ihrem Antlitz ab?
Sein Blick ward so finster, so aufsprühend zornig, wie sie ihn noch nie zuvor gesehen — und er stand auf und antwortete ihr voll spöttischen Trotzes auf ihre Frage ... und ging mit hallenden Schritten davon.
Das war schön! — da war Jung Parzival ein Mann! — und sein Bild schwebt ihr vor bis in diese stille, einsame Stunde der Nacht.
Warum ging er? Warum zürnte er?
Woher kennt er die geheimsten Gedanken ihres Herzens?
Er kann sie nicht wissen, — es war ein Zufall. Horch ... drunten auf dem schmalen Kiesweg, welcher durch den Garten nach dem Wald führt, erschallen Schritte.
Das junge Mädchen neigt sich unwillkürlich vor und schaut hinab.
Der Mond scheint so hell, sie erkennt jeden Grashalm am Wege, und jene Gestalt, welche naht ... wer ist das?
So hoch ist nur einer in der Burg gewachsen, so stolz und elastisch schreitet nur ein Herr unter Knechten!
Es ist Guntram Krafft!
Aber wie seltsam sieht er aus?
Ist's ein Scherz, daß er sich so kostümiert hat, wie man es an den Fischern und Lotsen auf Seebildern so malerisch dargestellt sieht? Nein, dem Grafen Hohen-Esp war es heute gewiß nicht nach Scherzen zu Sinn! Der breite Südwester sitzt ihm weit im Nacken und gibt seinem Antlitz einen eigenartig verwegenen Ausdruck, die Fischerjacke steht über der Brust offen, das weiße Hemd leuchtet breit hervor und fällt in weichem Streifen über den Halskragen hinaus.
Die hohen Wasserstiefel reichen bis über die Knie empor, aber sie sehen nicht plump und häßlich aus, sondern geben der schlanken Gestalt etwas Keckes und Ritterliches, obwohl der Gang sehr ruhig und ernst erscheint.
Mit weitoffenen Augen starrt Gabriele hinab.
Ja, so schaut ein Seemann aus! —
Sie hat früher die Gemälde kaum beachtet, welche ein Stück Seemannsleben vorstellten, sie las keine Romane über Schiffervolk und Matrosen ... was interessierte sie, die Residenzlerin, solch eine fernliegende Welt!
Jetzt mit einem Mal deucht es sie, als habe sie viel, sehr viel versäumt.
Die Schritte drunten verhallen, die Schatten des Gebüsches decken die hohe Männergestalt. Graf Guntram Krafft will mit seinen Fischern hinaus zum Fang fahren, er stellt seine starken Arme in den Dienst der Seinen, so wie sie zu ihm stehen, wenn er sie aufruft zu Schutz und Trutz der Gefährdeten.
Gabriele hat sich das nie so recht vorstellen können, jetzt aber ist es ihr, als ob ein ahnungsvolles Verstehen in ihrem Herzen aufdämmere.
Kreist vielleicht jener Tropfen wilden Bärenbluts dennoch in seinen Adern?
Er schritt still und ernst vorbei, er hob nicht das Haupt und blickte nicht empor zu ihr, und doch wußte er, daß diese Fenster ihrem Zimmer angehörten.
Langsam wich Gabriele zurück.
Drunten rauschten die dunklen Waldwipfel leise im Hauch der Nacht, und fernher glänzte die See wie ein silbernes Märchenland. —