XXIII.

Die Bäume des Waldes rauschten im Wind und neigten sich, und blickten in das bleiche, ernste Antlitz Gabrieles, welches ihnen so seltsam verändert deuchte. —

Wo war die kühle, gleichgültige Ruhe geblieben, welche sonst aus ihren Augen geschaut?

Jetzt leuchtete es darin so schnell und irrlichtartig, wie Gedanken, welche aufzucken und schwinden, welche dem Frührot gleichen, dessen Strahlen gegen die Schatten der Nacht kämpfen müssen, ehe sie leuchtenden Sieg erringen.

War dieser kraftvoll energische Mann, welcher sie soeben durch schäumende Wogen gerudert, welcher sie mit starkem Arm gehoben und an der Brust gehalten hatte, — war es derselbe schüchtern verlegene Jüngling, welcher im Ballsaal der Residenz so unsicher über das Parkett schritt, als vermisse er das Gängelband der Mutter? —

War diese poetisch schöne Erscheinung des wetterharten Seemanns dieselbe, welche ehemals in Frack und Lackschuhen so ungeschickt einherschritt, wie ein täppischer Bär, welchen man zur Kurzweil in Maskentand gekleidet?

Nein, es war nicht derselbe! Es war nicht möglich, nicht denkbar, daß binnen kurzer Zeit ein solcher Wechsel und Wandel mit einem Menschen vor sich gehen kann!

Gabriele blieb stehen und blickte mit weitoffenen Augen dem vorjährigen Herbstlaub nach, welches der Wind raschelnd vor ihr her, den Burgberg hinantrieb.

Ein Wandel?

Nein, es ist kein Wandel.

Guntram Krafft ist wohl stets der kernige Mann gewesen, wie er jetzt vor ihre Augen tritt; die kurze Gastrolle aber, welche er in der Residenz gegeben, hatte ein Zerrbild aus ihm gemacht, dessen weichliche Züge in nichts der Wahrheit glichen.

Ist es nur das Neue, Überraschende, was Gabriele so fesselt, so ungewöhnlich erregt? Ist es Zauberspuk, daß sein schönes, eigenartiges Bild ihr vorschwebt, ob sie es sehen mag oder nicht?

Scharf wie ein Adlerblick war sein Auge, als er prüfend See und Himmel beobachtete, sichere Fahrt zu nehmen, und wie mild und träumerisch ward es, als der Sonnenuntergang seine geheimnisvollen Bilder vor ihm spiegelte, als er ihr leis und schwärmerisch seinen Zauber mit den Worten eines Dichters malte!

Das war nicht weibisch und sentimental, das war nur wie das linde Säuseln eines Windes, welcher stark genug ist, in nächster Stunde zum Orkan anzuwachsen.

Dieses Sinnen und Träumen paßt zu dem einsamen Mann, in dessen Herzen noch die Wunder der Natur leben, welche ihn rein und unverfälscht umgibt.

Herr von Heidler konnte auch flüstern in Worten des Dichters, aber das war eine schwüle, betäubende Poesie, der Gifthauch des Modernen, welches nur die Sinne berauscht und nichts gemein hat mit jenem unsterblichen Gotteshauch, welcher wie ein heiliger Lobgesang alles Schönen und Edlen über den Wogen des Weltmeers schwebt!

Herr von Heidler borgte sich den schillernden Mantel eines Dichters, um Erfolge zu erringen, um die Augen zu blenden und in frivolem Spiel Triumphe über Mädchenherzen zu feiern; Guntram Krafft aber sprach nur Worte, die seine eigene Seele geboren hatte, Worte, welche nicht um Beifall buhlten und keine selbstsüchtigen Zwecke verfolgten.

Er sprach wie in kurzem Traum ... und der Wind verwehte den Klang seiner Stimme, und als er erwachend das Haupt hob, war der Traum vergessen.

Da schafften seine starken Arme voll eiserner Kraft, — da machten sie sich die Elemente untertan und besiegten sie wie in harmlosem Spiel. —

Und dann ...

Gabriele atmete plötzlich schwer auf und schritt beinahe ungestüm weiter, — dann umfing sie dieser kraftvolle Arm und trug sie durch den kräuselnden Wellenschaum, und sie umschlang seinen Nacken und war seinem Antlitz so nahe — wenngleich er das seine auch abwandte in respektvoller Ritterlichkeit.

Warum schlug ihr Herz so heiß und leidenschaftlich auf in diesem Augenblick?

Warum gefiel es ihr so gut, daß er sein Gesicht weit wegkehrte von ihr, daß er so schnell und hastig ausschritt, daß er sie nicht ansah, als er sie sanft zur Erde gleiten ließ?

Gibt es dennoch jene stolze Männertugend, welche nicht das Ihre sucht?

O, wie anders hätte Herr von Heidler diesen Augenblick ausgenutzt!!

Wie würde er sie in wild begehrlicher Weise an sich gedrückt — wie süß und berückend, wie zwingend und lohnheischend würde er ihr in das Auge geschaut haben!

Langsam — ganz langsam wäre er wohl ausgeschritten, und die Worte, welche er in ihr Ohr geflüstert hätte, wären wohl auch Dichterworte gewesen, aber solche, welche wie sengende Höllenfunken in das Herz fallen! —

Im Spott und Übermut hat man den Bären von Hohen-Esp in der Residenz den modernen Parzival genannt! Und doch ... kein Name paßt schöner und besser für ihn, wie dieser! Einfalt, welche Tugend, — Weltunklugheit, welche Edelsinn eines Ritters ist, dessen Händen ein Heiligtum zum Schutze anvertraut wird! —

Parzival, der Held! —

Ist auch Guntram Krafft ein solcher?

Da zieht es wie ein Schatten über das verklärte Antlitz des jungen Mädchens.

Ach, daß er es wäre!

Daß sie eine einzige Tat der Kühnheit, des wagemutigen Heldensinnes bei ihm schauen könnte!

Horch, wie der Wind durch die Baumkronen braust, wie spöttisches, grimmiges Gelächter! Noch wenige Schritte, und die grauen, efeuumsponnenen Mauern von Hohen-Esp tauchen vor ihr auf. —

Die steinernen Bären sehen sie mit den bemoosten Augen an, als ob auch sie lachten, und sie heben die Pranken und kehrten ihr das alte Wappenschild zu.

»Christie Kyrie —
Zu Land und zu See —
Schirmherr der Not.
Das walt' Herre Gott!« —

Gabriele hat den seltsamen Spruch schon oft gelesen, — heute deucht es ihr, als schaue sie ihn zum erstenmal.

Schirmherr der Not! —

Gibt es einen edleren Helden als einen Mann, welcher hochherzig und selbstlos sein Leben einsetzt, der Not des Nächsten zu Hilfe zu kommen? —

Die Grafen von Hohen-Esp aber haben seit vielen Jahrhunderten ihr Schwert und ihren starken Arm in den Dienst der Not gestellt.

Auch Guntram Krafft ist ein Hohen-Esp!


Gräfin Gundula schien ihre junge Gesellschafterin bereits erwartet zu haben.

Sie trat ihr in der Halle entgegen und sah sehr heiter und zufrieden aus.

»Anton sollte dem leichtsinnigen, kleinen Fräulein noch ein warmes Tuch an den Strand nachtragen!« scherzte sie, »denn eine Stadtdame, wie Baronesse Gabriele, muß sich erst an unsere frischen Brisen gewöhnen! Statt dessen kommt der Alte unverrichteter Sache zurück und meldet, daß das gnädige Fräulein mit dem Herrn Grafen hinausgerudert sei! — Das nenne ich Courage, liebe Gabriele, denn soviel ich von hier aus beurteilen kann, ist die See bewegt!«

»Und wie bewegt, Frau Gräfin! Für meine Begriffe war es Sturm!«

Gundula lacht und kehrt das junge Mädchen dem Fenster zu.

»Lassen Sie sehen, wie Ihnen diese Extravaganz bekommen ist! Nun ja ... blaß, wie eine weiße Rose! Das konnte ich mir schon denken! Ich begreife meinen Sohn nicht, daß er Sie zum erstenmal bei Wind hinausgefahren hat! Schnell trinken Sie ein Glas Wein, damit Sie wieder Farbe bekommen!«

Jähe Glut stieg in Gabrieles Wangen, sie bemühte sich, so harmlos und heiter zu plaudern, wie sonst, und empfand es doch, daß es ihr heute nicht so leicht wurde, wie zuvor.

»Ihr Herr Sohn war völlig unschuldig, gnädigste Gräfin, und nur ein Opfer seiner großen Liebenswürdigkeit, welche ich hart auf die Probe stellte.« —

»Ah — so war es Ihr Wunsch, zu fahren?« unterbrach die Herrin von Hohen-Esp und sah noch erfreuter aus, wie erst: »Hat es unser schönes Meer Ihnen nun doch angetan?« —

»Es war in seiner Erregung entschieden viel berückender, wie in seinem dolce far niente!« lachte das junge Mädchen und trat noch weiter aus dem Fensterlicht zurück in die dämmrige Halle: »Ja, es war so herrlich anzusehen, daß mich das unwiderstehliche Verlangen ankam, mich einmal mutig hinauszuwagen. Der Graf kam mir just in den Weg, und da er die Gutmütigkeit der Hohen-Esp mit dem Bärenblut geerbt, so erfüllte er stehenden Fußes meinen unbescheidenen Wunsch!«

»Er wird sich gewiß sehr gefreut haben! Man kann ihm ja nichts Lieberes antun, als Interesse für die See und alles, was ihr angehört, zu zeigen!«

»Jedenfalls verstand er es meisterlich, sich in das Unvermeidliche zu fügen!«

»Und wo blieb er? Brachten Sie ihn nicht mit zurück?«

»Nein, liebe Burgfrau —« Gabriele neigte das Köpfchen und küßte beinahe zärtlich die Hand der alten Dame, welche sich auf ihre Schulter legte — »er muß nun erst wieder die Unordnung beseitigen, welche mein Übermut unter seinen Segeln, Riemen usw. im Boot geschaffen! Ich glaube, der edle Renner soll erst für die Nacht in den Stall geschafft werden!«

Gundula nickte heiter. »Der Wind scheint tüchtig aufzufrischen, da werden sie zur Nacht wohl alles am Strande bergen wollen, falls eine stärkere Boe einsetzt! Wie war Ihre Fahrt? Erwiesen Sie sich seetüchtig?«

»Es schaukelte furchtbar, und ganz unter uns gesagt, Frau Gräfin, ich habe mich schrecklich gefürchtet! Wollte mich nur nicht allzusehr vor dem Grafen blamieren, sonst wäre ich sehr bald wieder ausgestiegen, als ich merkte, wie hoch die Wellen gingen!«

»Fürchten? Wenn Guntram Krafft die Ruder führt?« — Wie ruhig, wie stolz und zuversichtlich klangen diese Worte. —

Gabriele neigte das Köpfchen: »Der Graf ist gewiß sehr stark und kräftig, aber gegen Sturm und Meer aufkommen, vermag schließlich niemand, und ich glaube, Ihr Herr Sohn wußte es anfangs selber nicht, wie arg der Wind war, sonst hätte er vielleicht die Fahrt gar nicht unternommen!«

Nun lachte die Gräfin ebenso laut auf, wie zuvor Guntram Krafft, als sie von dem Sturm gesprochen.

»Ich wünschte nur, Sie erlebten bald einmal das, was wir hier ›grobe See‹ nennen!« sagte sie dann mit seltsam leuchtendem Blick. »Ich glaube, Sie kennen bisher weder einen echten, rechten Seesturm, noch das Meer, wenn es zornig wird, noch den Bären von Hohen-Esp, wenn er beiden die Zähne weist. — Was bringen Sie, Anton? — Wollen Sie Licht anstecken? Wir warten mit dem Abendbrot auf den Herrn Grafen.«

Die Sprecherin war zu dem Kredenzschrank getreten, ein kleines Spitzglas voll Tokayer für Gabriele zu füllen, der alte Kammerdiener aber verneigte sich respektvoll und nahm eilig ein Tablett, dem gnädigen Fräulein den Wein zu servieren.

»Halten zu Gnaden, Frau Gräfin. Soeben bringt einer aus dem Dorfe die Nachricht, daß der Herr Graf nicht rechtzeitig zum Abendbrot kommen könne. Man wisse nicht, was die Nacht bringe, und es seien mancherlei Vorbereitungen zu treffen. Der Herr Graf lassen die Damen bitten, allein den Tee zu trinken, da es spät bis zu seiner Rückkehr werden könne.«

»Gut, Anton; ich dachte es mir schon. Es ist zwar noch keine telegraphische Sturmwarnung an meinen Sohn eingetroffen, aber der Seemann versteht sich schon auf die Anzeichen, welche Vorsicht gebieten. So stecken Sie die Lampe an und sagen Sie der Mamsell, daß für uns angerichtet werde.«

Gabriele hatte hoch aufgeatmet bei der Nachricht, daß Guntram Krafft heute fernbleiben werde. Sie wußte es selber nicht, warum sie ein gewisses Bangen empfand, ihm heute wieder in die Augen zu schauen. Noch schlug ihr Herz zu ungestüm, wenn sie an den Augenblick dachte, wo er sie an der Brust gehalten; es war gut, wenn sie Zeit gewann, ihre törichte Verlegenheit zu überwinden.

»Arme Mike!« fuhr die Gräfin mitleidig fort, »sie bekommt gewiß einen stürmischen Hochzeitstag! Das Heulen, Sausen und Wogenbranden ist zwar für eine wackere Fischerfrau gewohnte Musik, aber es sollte mir leidsein, wenn die kleine Frau ihren jungen Ehemann alsogleich in bös Wetter hinausschicken müßte!«

»Mike?« fragte Gabriele nachdenklich, »ist das nicht das blonde, hübsche Mädel, mit welchem Sie vorgestern im Dorfe sprachen, Frau Gräfin?«

»Ganz recht, dieselbe. Sie heiratet morgen den Jugendgespielen meines Sohnes, Jöschen Grotrian mit Namen, einen wackern, prächtigen Bursch, der beste unter Guntram Kraffts Lotsen. Vorhin war Mike mit der Mutter bei mir, um uns alle noch einmal feierlichst zur Hochzeit einzuladen! Ich habe zugesagt, auch für Sie, liebe Gabriele, denn ich hoffe, Sie teilen unsere Vorurteilslosigkeit in diesem Punkte! Wir Hohen-Esper und unsere braven Fischer drunten gehören in Freud und Leid zusammen! Wir sind in der langen Reihe der Jahre wie eine große Familie geworden, und gemeinsame Not, Angst und Sorge und manch einstimmiges Gebet am Strande waren der Kitt, welcher unsere Herzen treu zusammengefügt hat. — Da ist es undenkbar, daß sich im Dorfe drunten jemand freuen oder betrüben könne, ohne daß wir innigen Anteil daran nehmen. Sie haben gewiß noch keine Fischerhochzeit mitgemacht, liebe Gabriele, und die sehr primitiven Verhältnisse solcher Feiern sind Ihnen unbekannt! Dennoch hoffe ich, daß Ihr gutes Herz sich in all dies Fremde und für Sie gewiß sehr wenig ›Hoffähige‹ finden wird, und daß Sie mir zuliebe nicht das Näschen rümpfen, sondern lustig und guter Dinge mit den biederen Menschen sind!« —

Der Blick der Sprecherin hatte sich wie in nachdenklichem Forschen auf das reizende Antlitz des jungen Mädchens geheftet, und als sie das freudige Aufleuchten in den großen Augen und das Lächeln um die rosigen Lippen sah, streckte sie Gabriele jählings die Hand entgegen und sagte so herzlich, wie noch nie zuvor: »Ja, ich sehe es Ihnen an, Sie werden uns gern begleiten! Sie fühlen und denken, wie wir, Gabriele, und ich danke Gott dem Herrn, daß er Sie in unser Haus geführt!«

Wieder drückte Fräulein von Sprendlingen die Lippen auf die schlanken Finger Gundulas.

»Wo könnte es mir wohler sein, als wie in Ihrer Nähe, Frau Gräfin, gleichviel, wohin Sie mich führen! So neu wie mir diese Welt auch noch ist, so lieb ist sie mir doch schon geworden! Wo wird das junge Paar getraut werden? Müssen wir alle in das Nachbardorf zur Kirche?«

»O nein!«

»Aber drunten bei uns am Strande ist keine!«

»Sahen Sie noch nicht unsere alte, kleine Kapelle im Turm drüben?«

»Eine Kapelle? Hier in der Burg?«

»Wir benutzen sie für gewöhnlich nicht, um dem Pfarrer den sehr unbequemen Weg durch den Wald zu ersparen, auch müßte er zweimal an jedem Sonntag predigen, in Karstein und hier! Darum gehen wir alle zu ihm! Bei außergewöhnlichen Gelegenheiten aber kommt er hierher, und Mikes Hochzeit ist solch ein besonderer Fall.«

»O, wie praktisch ist das! Und wie angenehm für die Hochzeitsgesellschaft!«

»Wir lassen unsern lieben, kleinen Pastor mit dem Wagen holen, die Kirche wird geschmückt ...«

»O, herrlich! Wer besorgt das?« —

»Immer der, der fragt!« neckte die Bärin von Hohen-Esp. »Die Guirlande nagelt freilich einer der Knechte über die Tür, und die Tannenbäumchen stellt wohl die Mamsell mit den Mägden um den Altar herum auf, aber wenn sich sonst noch ein paar geschickte Händchen finden wollten, den Altar selber recht schön und poetisch zu schmücken, so wäre mir das sehr lieb, denn für gewöhnlich war das meine Sorge, welche ich jetzt aber gern jüngeren Kräften überlassen möchte!«

Gabrieles Wangen leuchteten in zartem Rot. »O, wie danke ich Ihnen für diese reizende Pflicht, Frau Gräfin, und wie freue ich mich darauf, die Kapelle zu sehen!«

»Wenn die Mägde morgen früh mit Fegen und Scheuern fertig sind, soll man Sie rufen, liebe Gabriele! Sie sorgen wohl selber im Garten für die Blumen! Kaiserkronen, Narzissen und Anemonen gibt es bereits, auch noch Krokus und Fürwitzchen, — nehmen Sie alles, was Sie brauchen, die Sträuße können dann später noch auf den Hochzeitstisch gebracht werden.« —

Die Damen plauderten, und die Stunden vergingen.

Spät erst kehrte Guntram Krafft heim.

Er sprach nicht mehr in dem Wohngemach der Gräfin vor, sondern schritt sogleich nach seinem Zimmer hinauf.

Auch Frau Gundula ward müde, küßte Gabriele auf die Stirn und sagte ihr »Gute Nacht«.

Wie allabendlich begleitete sie das junge Mädchen erst nach seinem Erkerstübchen.

Ganz erschrocken wich Gabriele zurück.

»Was ist das?« fragte sie betroffen.

Die Gräfin lachte und entzündete ihr Licht an der brennenden Kerze auf dem Toilettentisch. »Das ist der Wind! — Hörten Sie ihn noch nie um alten Gemäuer sausen und heulen? Die Burg liegt ziemlich frei, da braust es in allen Tonarten von der See herüber. Ich fürchte, die Nacht wird schlimm, — aber Gottlob ist niemand von unsern Leuten draußen. Die Armen aber, welche auf hoher See mit Wind und Wogen kämpfen! Vergessen Sie nicht, ihrer im Gebet zu gedenken, Gabriele, auch das ist so Sitte auf Hohen-Esp!« —

Das junge Mädchen stand regungslos und starrte nach den spitzen, kleinen Bogenfenstern, um welche es pfiff und schrillte.

»Fürchten Sie sich, liebes Kind?« Gundula legte zärtlich den Arm um die weiche, schmiegsame Gestalt ihrer jungen Gastin: »O, nicht doch! Sie sind hier sicher wie in Abrahams Schoß, und es ist heute nur das Ungewohnte, was Sie ängstigt! Für mich gibt es kaum noch ein behaglicheres Schlummerlied, als wie dieses Windesbrausen und das ferne Donnern der See! Auch Sie werden es bald lieb gewinnen! — Wenn freilich der Wind zum Sturm und Orkan wird, dann läßt einem der Gedanke an die Schiffe, welche draußen sind, keine Ruh ... dann kommt die Sorge, ob Guntram Krafft nicht hinaus muß, Hilfe zu bringen! Aber davon ist heute keine Rede, — diesen Wind haben wir oft, sehr oft, wir achten seiner kaum noch! Falls es ihnen aber lieber ist, Gabriele, will ich die Tür nach meinem Zimmer öffnen, — Sie fühlen sich dann nicht so vereinsamt!« —

»Nein, nein, liebe Frau Gräfin, das wäre noch schöner, wenn ich ein solcher Hasenfuß sein wollte! Nun, wo ich weiß, was für Stimmen da draußen lärmen, lachen und rufen, fürchte ich mich nicht mehr vor ihnen!«

Und als sich nach herzlichem »Gute Nacht« die Gräfin zurückgezogen, trat Gabriele an das Fenster und blickte in die dunkle Nacht hinaus.

Der Wind jagte schwarze Wolkenmassen über den Himmel — die Bäume drunten bogen sich und ächzten, und die Fensterriegel klappten und greinten wie mit leisem, wehmütigem Klagelaut.

Gabriele schloß die Vorhänge und begab sich zur Ruhe.

Aber sie fand lange keinen Schlaf.

Ihr war's, als säße sie noch in dem Boot, das auf und ab geschleudert ward von tosenden Wellen.

Guntram Krafft saß ihr gegenüber und führte das Ruder — und er sah sie nicht an, sondern blickte starr geradeaus in die gähnend finstere Nacht — und sein Angesicht glich dem jungen Wulffhardt von Hohen-Esp, der ertrunken war um 1503! —

Ertrunken! —

Gabriele schauerte zusammen und preßte das Antlitz in die Kissen.

Wie kam ihr plötzlich das Verstehen für dies grausige, entsetzliche Wort! —

Ertrunken!

Sie schlingt die Hände ineinander und betet mit zuckenden Lippen für alle die, welche mit Sturm und Wogen ringen — so wie Frau Gundula es ihr geheißen, aber ihre Gedanken weilen dabei nur bei einem, und vor ihren Augen schwebt ein Bild ... Guntram Krafft, — — und auch unter diesem starrt das furchtbare Wort: »ertrunken« ...

Sie schrickt empor ... sie lauscht ...

Droben, über Frau Gundulas Gemach liegt das Zimmer des Grafen.

Er schläft nicht, sie hört ihn auf und ab schreiten ... es schallt so sehr in dem grabesstillen Haus. —

Horch ... hin und her ... hin und her ...

Ruhelos wie sie! —


Gegen Morgen hat der Wind ein klein wenig abgeflaut.

Die Sonne leuchtet am Himmel, — hinter dem Wald blitzen die weißen Wellenkämme der See auf. —

Gabriele ist frühzeitig aufgestanden.

Sie hat gestern im Wald ein wildes Birnbäumchen gesehen, das stand in voller Blüte.

Welch sinnigeren Altarschmuck könnte sie finden, als diese duftigen, schneeigen Zweige?

Als sie in den Hof tritt, hört sie noch jenseits der Zugbrücke Hufschlag verklingen. Ein Knecht steht, die Arme behaglich in die Seiten gestemmt, und schaut dem Reiter nach.

»Ist eine telegraphische Nachricht gekommen, Christian? Die erwartete Sturmwarnung von der Seewarte?«

Der Mann lacht die Fragerin mit seinen hellblauen Augen vergnüglich an.

»Nee, gnä Frölen! Dat wi nähstens doch 'n ollen düchtigen Bö kreegen, dat weiten wi ganz alleen!«

»Wer ritt soeben fort?«

»Dat wier nur uns' junge Graf! He fall woll up'n Feldern nach'n Rechten kieken!«

»Auf den Feldern!«

»Wie hei seggt! — Du leiwe Tid! Wat het de Graf nich allens to bedenken! Keen Ruh' nich bi Tag un Nacht. Un hätt dat doch so goar nich nötig! Aber dat rackert sich af! Keen Dagelöhner duht sich so schinn'n as uns' leibe Jong! Um Glock fif rett hei weg, jeßt däht hei Frühstück eten, un nu heidi wedder up't Pierd!«

Tief in Gedanken verloren schritt Gabriele weiter.

Also drum war er so selten am Morgen zu sehen, darum kehrte er neulich so staubig und erhitzt zurück und hatte soviel Eiliges mit seiner Mutter zu verhandeln! Daß er nachts mit seinen Fischern ausfuhr, die Netze zu werfen, daß er am Tage oft segelte und ruderte und anstrengende Übungen mit seinen freiwilligen Lotsen machte, das war nur Erholung, nur Vergnügen nach der Arbeit!

Und diesen Mann hatte sie oft einen Bärenhäuter genannt, ihn als müßigen Tagedieb bespöttelt und verachtet?

Wieder schießt Gabriele das Blut heiß in die Wangen.

Wie traurig ist es doch, wenn ein Mädchen so gar keinen Begriff von Landarbeit und Seewesen hat. Was für falsche, irrige Ansichten bildet man sich in der Stadt davon, wie bitter unrecht tut man oft den Fleißigsten und Verdienstvollsten!

Gabriele ist es plötzlich zu Sinn, als habe sie ein schweres Unrecht an Guntram Krafft gutzumachen.

Nicht nur der Mann, welcher mit der Waffe in der Hand zu Felde zieht, für Kaiser und Reich zu kämpfen, erwirbt sich Verdienste um sein Vaterland, sondern auch der, welcher in stillem Fleiß seinen Grund und Boden kultiviert, für seine Arbeiter sorgt wie ein Vater, welcher gute Gesinnungen und edlen Patriotismus unter ihnen pflegt, welcher in treuer Selbstlosigkeit an der Küste Wacht hält, ein »Schirmvogt der Not« zu sein! —

Mit bebenden Händen pflückt Gabriele die blühenden Zweige im Wald.

Ein Flockenregen rieselt auf sie nieder und streut bräutlich-weiße Blättchen in ihr lockiges Haar, — in ihrem Herzen aber wächst aus kleinem Funken eine helle Flamme empor, noch flackernd und unsicher, aber dennoch stark genug, daß sie kein Aschenregen wieder ersticken kann.

Und diese Flamme brennt so vieles zu Tode, was ehemals in diesem Herzen als falsche Götzen gethront, — sie macht es so hell, wo es früher dunkel war, sie läßt es so warm, ach so warm werden, wo früher Schnee und Eis gestarrt ...

Die Arme und das hochgeraffte Kleid voll duftiger Blütenzweige geladen, kehrt Gabriele heim, und von der niedern, rund gewölbten Turmtür, welche zu der Kapelle führt, tönt das helle Gelächter und der Gesang der Mägde.

Sie sind noch fleißig bei der Arbeit, und die Mamsell tritt Gabriele entgegen und bittet: »Wollen das gnädige Fräulein nicht noch ein halbes Stündchen warten! Dann ist die Kapelle sauber wie ein Schmuckkästchen, und Baronesse haben einen so viel schöneren Eindruck davon!«

»Es ist aber schon recht spät geworden, liebe Mamsell, und die Hochzeit soll sehr präzise stattfinden! — Man heiratet hier schon zu recht früher Stunde!« —

»Ja, du liebe Zeit, gnädiges Fräulein, so verliebte Leutchen haben es immer eilig, und Mike und Jöschen vollends! Ist das ein Glück! Man braucht die beiden nur anzusehen, um zu wissen, wie gut sie einander sind! — Aber vielleicht machen das gnädige Fräulein erst Toilette? So ein bißchen was Weißes oder Rosiges gehört sich doch für den heutigen Tag!... Und die Zweige stellen wir derweil noch in Wasser! Je kürzere Zeit sie auf dem Altar liegen, desto frischer sehen sie aus!«

»Sie haben recht, Mamsell, das ist ein guter Gedanke! So will ich mir denn ein hochzeitlich Gewand anziehen und bin in einer halben Stunde wieder hier!« —