XXIV.

Da der Wind ganz plötzlich wieder bedeutend aufgefrischt hatte und merklich kühl durch die blühende Frühlingspracht brauste, hatte Gabriele ein wollenes Kleid zu ihrem Anzug gewählt, welches nun in zart weißen Crêpefalten an ihrer schlanken Gestalt herniederfloß.

Es war noch eins ihrer »Fünfuhr-Tee«-Kleider, welche sie ehemals in der Residenz getragen, schick und elegant gearbeitet und doch einfach und anspruchslos wirkend, einzig geschmückt durch ein duftiges Spitzengeriesel, welches über die Brust fiel und den Saum des Rockes wie kräuselnden Wellengischt zierte. Die weiße Perlenschnur, welche sie damals auf dem Hofball getragen, glänzte auch jetzt auf ihrem graziösen Nacken, und in dem Gürtel duftete ein kleiner Strauß weißer Narzissen.

Hastig schritt sie über den Hof nach der Kapelle, und die Mamsell trat ihr entgegen, faltete behaglich die fetten Hände über dem Magen und betrachtete das junge Mädchen mit unverhohlenem Entzücken.

»Das lasse ich mir gefallen, Baronesse!« nickte sie wohlgefällig. »Wenn jetzt ein Fremder hier einschaute, der gehört hätte: ›Auf der Burg gibt's eine Trauung‹, dann würde er Stein und Bein darauf schwören, daß das gnädige Fräulein selber die Braut sei, auf welche die Gespielinnen mit dem Kränzchen und Schleier warten! — Na, ich denke, den Tag erleben wir auch noch, und dann will ich aber den Backofen für den Hochzeitskuchen heizen, daß die Flammen oben zum Schornstein hinausschlagen!«

»Ja, nicht, Mamsell! Dann brennt der schöne Kuchen am Ende an!« lachte Gabriele, aber sie fühlte es doch, wie ihr das Blut unter dem schelmisch zwinkernden Blick der Alten in die Wangen schoß. »Der Mike steht das Heiraten besser an als mir, darum wollen wir ihr recht viele Blumen auf den Weg streuen!«

»Erst ihr, dann Ihnen, gnädiges Fräulein! Die Blütenzweige stehen in dem Wasserkübel neben dem Altar!«

Noch ein neckendes Nicken und Grüßen, und die Mamsell faßte Besen und Staubtuch und schritt über den Hof zurück, Gabriele aber trat in die Kapelle ein, welche leer und still im Schimmer der bunten, kleinen Glasfenster vor ihr lag.

Voll andächtigen Entzückens schaute Gabriele um sich.

Rechts und links die wenigen Reihen der dunkelgebräunten, hochgeschnitzten Kirchenstühle, geradeaus der erhöhte Altar in seinem verblichenen lila Samtschmuck, auf welchem die Silberstickerei längst schwarz geworden war. Hocharmige Silberleuchter, ein elfenbeingeschnitztes Kruzifix, an welchem noch die Rosenkränze der gräflichen Beter aus der katholischen Zeit hingen.

Rechts und links von dem Altar die Familienbilder frommer Hohen-Esp, hohe, steiflinige Gestalten in schwarzen Nonnengewändern und weißen Kopftüchern, mit betend zusammengelegten, wachsgelben Händen und starren, hohläugigen Gesichtern.

Direkt hinter dem Altar ein kaum noch erkenntliches Gemälde: »Die Auferstehung des Herrn.« —

An dem offenen Grab kniet anscheinend der Stifter des Bildes, ein Graf von Hohen-Esp, mit seiner Familie; die Burgfrau gleicht in der Tracht und Aussehen der Katharina von Bora, und ähnlich wie Luthers Kinder sind auch ihre acht kleinen Grafen und Gräfinnen gekleidet. — Der Vater trägt ritterliche Rüste, der älteste Sohn ein kleines Schiff in der Hand. Alle heben voll inniger Anbetung die Blicke zu dem segnenden Heiland.

Zur Rechten erhebt sich die alte Burg Hohen-Esp, wie sie damals wohl ausgeschaut, im Hintergrund wogt ein grellblaues, zackenwelliges Meer, aus welchem drei geisterhafte Gestalten emporschweben. Offenbarung Joh. 20. 13. —

Seitlich von dem Altarbild sind Gedenktafeln, zwei halb vermoderte Kirchenfahnen, Fischernetze und ein zerbrochenes Ruder aufgestellt.

Ein welker, fast zerfallener Totenkranz mit Trauerflor ist um das Ruder gewunden.

Gabriele schaudert zusammen.

Dieses Ruder war wohl das einzige, was von dem Boot eines ertrunkenen Hohen-Esp an das Land zurückgespült wurde. —

Ihr Blick irrte weiter, über die mächtigen Bärenwappen, über die steinernen Grabplatten, welche die Familiengruft schließen und steife, liegende Rittergestalten zeigen, hinauf zu der niederen, gewölbten Decke, von welcher an rostigen Ketten eine ganze Anzahl von kleinen Schiffen herabhängen.

Fromme Stiftungen der Fischer aus dem Dorfe drunten.

Grob und plump geschnitzte Segelschiffe, in Form und Bau ihr hohes Alter zeigend, kleine Boote und schwerfällige Kuffs, allerliebst und kunstvoll getakelte, kleine Dreimaster, an welchen fleißige Hände wohl ein Menschenalter gearbeitet haben.

»Modell der ›Anne Marie Karsten‹, Kapitän Jochen Ulrich Grot« — gestrandet bei Kap Horn im Jahre des Herrn 1760. — »Dein Wille geschehe.« — — steht auf schwarzer kleiner Tafel an dem einen.

Leiser Schritt erklingt auf den Steinfließen, und Gabriele schrickt aus tiefen Gedanken empor und blickt sich um.

Ein schmächtiges, altes Männchen steht hinter ihr und dreht respektvoll den schäbigen Filzhut in der Hand.

»Ach, verzeihen die gnädige Herrschaft« — flüstert er mit devotem Kratzfuß, die lichte Gestalt der jungen Dame wie eine Vision anstarrend — »ich bin der Küster aus Karstein und soll bei der Trauung das Harmonium spielen! Die Frau Gräfin schickte mich, daß ich die Lieder erst einmal durchspiele!«

»O, das ist ja schön, Herr Küster!« nickte ihm Gabriele mit herzgewinnendem Lächeln zu, »da habe ich den Genuß schöner Musik während meiner Beschäftigung!«

Der kleine Mann dienert sehr geschmeichelt und klettert die schmale Holzwendeltreppe zu der Empore hinauf, Gabriele aber tritt an den Altar, nimmt sinnend die weißen Blütenzweige und schmückt die teuern Heiligtümer.

Wie wundersam leuchten die frischen Blumenkelche auf dem uralten, verschossenen Samt, wie grell der Kontrast zwischen Tod und Leben, zwischen dem sonnigen, bräutlichen Jetzt und dem grabstillen, grauen Ehemals! —

Ein Sonnenstrahl bricht durch das bunte Fenster und malt goldige Lichter um die schlanke Mädchengestalt, welche mit graziös erhobenen Händen die Blüten um das Kruzifix schlingt, welche die zarten Zweige durch die Arme der Leuchter flicht, — dann niederkniet vor der Altardecke und auch an ihr empor den holden Schmuck ranken läßt, sinnig und schön, so festlich, wie wohl dieser Tisch des Herrn seit langen Jahren nicht mehr ausgeschaut hat. —

Und während sie, selber wie ein bräutliches, junges Weib anzuschauen, ihres lieblichen Amtes waltet, ertönen über ihr die jubelnden Klänge: »Lobe den Herrn meine Seele und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat!«

Immer voller und duftiger gestaltete sich der Altarschmuck unter Gabrieles Händen, sie streut auch noch die weißen Blüten über die Grabsteine, sie nestelt die duftigen Narzissen in die grünen Tannenzweige, welche das Geländer um den Altar verhüllten ... und dann steht sie plötzlich wieder schweratmend still und starrt auf das zerbrochene Ruder unter dem verstaubten Trauerschleier.

Einen Schritt tritt sie näher ... noch einen und noch einen ... bis sie davor steht und ihre Hände wie in scheuer, banger Innigkeit über das wurmstichige Holz gleiten.

Jetzt fällt ihr Blick auch auf ein kleines Pastellbildchen, welches an dem Pfeiler, kaum sichtbar von der Kirche aus, aufgehängt ist.

Eine schlechte Kopie jenes Gemäldes aus dem Ahnensaal droben. — Wulffhardt von Hohen-Esp; ertrunken um 1503. —

Armer, armer Jüngling!

Die jubelnden Orgelklänge sind leise und ernst geworden, sie hallen und klingen wie Seufzer der Wehmut durch die Kapelle, wie eine leise Engelsstimme, welche um die Toten klagt.

Gabriele weiß nicht, warum sie es tut, aber sie schlingt die schneeigen Blütenzweige zum Kranz und schmückt das Bild des Wulffhardt von Hohen-Esp — und seine Augen schauen so lebendig drein ... sein Blick senkt sich in den ihren, und seine Lippen lächeln unter dem bräutlichen Schmuck ...

Wie gleicht er Guntram Krafft! —

Wird auch sein Bild einst hier hängen, wird auch unter ihm das grausige Wort »ertrunken« stehen ... wird ...

Gabriele macht eine jähe Bewegung und preßt schweratmend die Hand gegen das Herz — und als sie sich hastig zurückwendet, ringt sich ein leiser Schreckenslaut von ihren Lippen.

Dort an dem Kirchenstuhl steht Guntram Krafft, mit gekreuzten Armen, still und regungslos, und starrt sie aus weitoffenen Augen an.

Blick ruht in Blick ..., und die Orgelklänge flüstern, schwellen wieder an und klingen so voll und feierlich, als trügen sie schon jetzt das Dankgebet vereinter Herzen zum Himmel.

Der Graf macht eine Bewegung, als wolle er sich mit beiden Händen schwer auf die Lehne des Kirchenstuhles stützen, dann schreitet er langsam näher, tritt neben sie und schaut auf das geschmückte Bild Wulffhardts nieder.

»Warum taten Sie das?« fragt er mit leiser, fremder Stimme.

Gabriele sieht nicht auf zu ihm, sie wendet sich und ordnet mit bebenden Händen unter den Blüten auf dem Altar, welche bereits so wohlgeordnet liegen.

»Das Herz tut mir weh, wenn ich daran denke, wie früh er sterben mußte!«

»Ja, er starb früh, — an der Schwelle des Lebens. Er kannte weder Glück noch Liebe — und doch wäre er wohl auch so gern glücklich gewesen!«

Auch glücklich gewesen! —

Klang das nicht wie ein geheimer, leidenschaftlicher Seufzer der Sehnsucht?

Gabriele antwortet nicht, sie neigt das Haupt nur tiefer.

»Ich danke Ihnen in dem Namen jenes Armen, Einsamen —«, fährt der Graf sehr ruhig fort, »dessen Sie so barmherzig gedachten. Mir ist's, als müßte er jetzt ruhiger in der Gruft drunten schlafen, als müßte er nun versöhnter mit seinem inhaltlosen Leben sein.«

»Ein inhaltloses Leben, wenn ein Mann dieses Leben dahingab für die Brüder?«

»Er tat seine Pflicht!«

»Er tat mehr denn sie!«

Ein beinahe düsterer Blick brach aus Guntram Kraffts Augen.

»Wohl doch nicht in Ihrem Sinne, Fräulein Gabriele; er zog weder in den Krieg, noch konnte er große Taten für sein Vaterland tun! Der liebe Herrgott im Himmel, welcher auch das geringste Streben nach treuer Rechtlichkeit in seinem Dienst anerkennt, war wohl zufrieden mit ihm, die Welt aber hat den einsamen Mann auf Hohen-Esp kaum gekannt, noch anerkannt! Sein Name ist in keinem Heldenbuch verzeichnet, sein Andenken wird weder durch Wort noch Lied geehrt, — jene Stelle, wo die tosende Flut einen Jüngling verschlang, welcher einem gefährdeten Schiff Rettung bringen wollte, ist durch keine Spur gezeichnet, die Wogen rollen darüber hin und der Wind verweht die Kunde. — Das Schicksal der Hohen-Esp! Mit weißen Totenblumen schmückt eine mitleidige Mädchenhand nach Jahrhunderten wohl noch unser Bild und Grab, — mit Lorbeerzweigen nicht.« —

Er brach kurz ab und trat zurück.

»Der Hochzeitszug scheint zu nahen, Sie gestatten, daß ich meinen wackeren jungen Freund im Burghof begrüße!« —

Gabriele stand regungslos und schaute starren Blicks aus das Bild, — war es nur Einbildung, oder sahen die lachenden Augen Wulffhardts plötzlich ernst, beinahe wehmütig unter dem weißen Blütenschmuck auf sie nieder?

... nicht mit Lorbeerzweigen ... nicht mit dem Ehrenkranz, welcher dem Helden geziemt!

Es lag etwas seltsam Herbes in der Stimme des Grafen, als er das gesagt, etwas Vorwurfsvolles, was sie nicht verstand.

Hatte sie vielleicht damals auf dem Hofball nur den Mann einen Helden genannt, welcher auf dem Schlachtfeld sein Leben für Reich und Kaiser läßt?

Wohl möglich; — so war es ja ehedem auch ihre Ansicht.

Und jetzt?

Nachdenklich streicht sie die krausen Löckchen aus der Stirn; jetzt ist es ihr wie eine Ahnung gekommen, als ob ein Mann, welcher sich kühn in Sturm und hohe Flut hinaus wagt, auch ein Held sein könne! —

Zur Überzeugung ist es ihr freilich noch nicht geworden, sie hat von Guntram Kraffts mutigen Taten gehört, ohne sich eine rechte Vorstellung davon machen zu können, ohne sie mit eigenen Augen geschaut zu haben.

Ach, daß sie es einmal, nur einmal tun könnte!

Wie eine heiße, leidenschaftliche Sehnsucht überkommt es sie, gerade von ihm, von Guntram Krafft überzeugt zu werden, daß sie ihm ehemals in der Residenz bitteres Unrecht getan!

Seine Persönlichkeit ist ihr so gänzlich verändert hier in Hohen-Esp entgegengetreten, ein Zug wundersamer Romantik verklärt sie, — der Bär von Hohen-Esp, der Schirmvogt der Notleidenden hat ihr Interesse aufs lebhafteste geweckt, eine einzige kühne, mutige Tat, so wie sie für diese reckenhafte und poesievolle Seemannsgestalt paßt — und das Interesse wird lodernde Leidenschaft, und die Leidenschaft wird Liebe, — Liebe, welche getreu ist bis in den Tod! —

Wehe ihr, wenn es geschähe!

Ehedem lachte ihr das Auge Guntram Kraffts voll ehrlichen Entzückens entgegen, jetzt blickt er ernst und gleichgültig über sie hinweg.

Warum das? —

Weil der Bär von Hohen-Esp zu stolz ist, um ein Weib zu werben, welches ehemals seine Annäherung so schroff und beleidigend zurückgewiesen hat, wie sie. —

Gabriele senkt das Köpfchen tief, tief zur Brust, schlingt die Hände ineinander und schreitet langsam die Stufen des Altars hinab, der Gräfin entgegen, welche die Kapelle betreten hat, den Brautzug in ihrem hohen Kirchenstuhl seitlich des Traualtars zu erwarten.

Gundula nimmt die kalte, bebende Hand des jungen Mädchens in die ihre, streift mit einem warmen Blick inniger Bewunderung die liebreizende Erscheinung ihrer jungen Gastin und tritt mit ihr nach dem erhöhten Sitz, — die Orgelklänge ertönen, und mit dem golden durch die Tür hereinflutenden Sonnenlicht erscheint das Brautpaar in der Kapelle.

Guntram Krafft führt es zum Altar.

Mike schreitet zwischen ihm und dem Geliebten, eine blühende, kraftvoll schöne Braut. Sie tragt das goldblonde Haar schlicht gescheitelt und in Zöpfen herabhängend, ein dicker grüner Myrtenkranz legt sich um den ganzen Kopf und endet in einer rosa Schleife, welche lang über den Rücken herabflattert.

Eine dunkelgrüne Tuchjacke, mit Ärmeln, welche oben sehr weit, unten sehr eng sind, ein buntes, mit breiten Fransen besetztes Halstuch, ein schwarzer Warprock, welchen eine mächtig breite, geblümte Schürze beinahe verhüllt, bilden den Staat der Braut, welche ihr Gesangbuch gegen das Herz preßt und mit niedergeschlagenen Augen und hochroten Wangen daherschreitet, wie die Verkörperung eines echten, rechten Glückes!

Und Jöschen an ihrer Seite sieht nicht minder strahlend aus, wenngleich sein frisches Gesicht mit den hellblauen, lustigen Augen und dem weißblonden Flaum auf der Oberlippe recht verlegen ob all der Ehre, welche ihm geschieht, dreinschaut.

Sein dunkler, großer Filzhut ist mit rotem Band und Blumenstrauß geschmückt, ein ebensolcher ziert die offenstehende Fischerjoppe, unter welcher eine schwarze Manchesterweste mit rotem und grünem Sternchenmuster sichtbar wird.

Der Hemdkragen fällt blendenweiß über und wird von einem sehr grellfarbigen Schlips geschlossen.

Da Jöschen sich just nagelneue, hohe Wasserstiefeln hat machen lassen, trägt er sie selbstredend an seinem Ehrentag und stampft so kräftig durch die Kapelle, daß es auf den Steinplatten hallt.

Dem Brautpaar folgt die Schar der Gäste, Fischer und Fischerfrauen, wohl die gesamten Einwohner des kleinen Dörfchens.

Alle ernst und feierlich, in ehrwürdig, altväterischem Staat, einem Gemisch von bäurischer Tracht und einem ersten Anfang städtischer Kleidung, wenngleich das bäurische in diesem weltfernen Dörfchen bei weitem überwiegt.

Kinder mit Blütenzweigen oder bunten Sträußchen in der Hand, drängen sich scheu an die Mütter, — alte, wetterharte Seeleute mit dem Priemchen zwischen Zahn und Backe und dem Tonpfeifchen in der Rocktasche, folgen langsam im Zug, und dann schließt sich das Gesinde von Hohen-Esp an, alle so strahlend heiter und festfreudig gestimmt, als gehe Mike und Jöschens Glück sie alle an, als sei diese Hochzeit ihr aller Ehrentag, von welchem ein warmer Sonnenstrahl in jedermanns Herz fällt. —

Zuerst wurde gesungen, sehr lange und viel gesungen, wie es die Sitte verlangte, und Guntram Kraffts Stimme klang fest und laut hervor, ebenso wie Gundulas weicher Alt und die helle, schmetternde Stimme der noch sehr stattlichen Brautmutter.

Gabriele hatte gesehen, daß der Graf ihr just an der andern Seite von dem jungen Paar gegenüberstand, sie fühlte auch, daß sein Blick beinahe unverwandt auf ihr ruhte, aber sie schaute nicht auf, sie sang leise, kaum vernehmlich die Worte des Chorals mit, nur ihre Lippen regten sich.

Der Pastor trat vor den Altar, sprach in schlichter, sinniger Weise viel schöne und herzbewegende Worte, und wandte sich ganz besonders an Mike, sie auf die schweren Pflichten der Seemannsfrau aufmerksam machend. Wie treu, wie selbstlos, wie aufopfernd muß das brave Weib eines Fischers sein, wie wenig an sich selbst und das eigene Glück denken, wie tapfer und mutig den Herzliebsten in Sturm und Gefahr hinausschicken, wenn es gilt, fremder Not und gefährdeten Menschenleben zu Hilfe zu kommen! Gerade in solchen Stunden höchster Angst und Gefahr müßte sich die wahre Liebe eines treuen Weibes bewähren, nicht durch stumpfes »Dreinergeben«, nicht allein durch Handreichungen und kräftige Hilfe, sondern vor allen Dingen durch Gebet und Fürbitte, welche den Geliebten auf seiner schweren Fahrt durch Sturm und Wogen begleiten.

Da ist kein besseres Steuer, als die inbrünstige Bitte zu Gott dem Herrn, da ist kein sicheres Segel, als das Flehen eines liebenden Herzens zum Himmel! Solch ein Steuer bricht nicht, solch ein Segel reißt nicht! — Die Hände, welche ein treues Weib im Gebet zu dem Herrn der Welten erhebt, sind der Talisman, welcher den Seefahrer auch in höchster Not beschirmt, sie sind der Felsen, an welchem die verderbenden Wogen zerschellen und des Sturmes Macht sich bricht. »Darum leget eure Lebensschifflein an den einzigen Anker, welcher noch nie versagt und im Stich gelassen hat, den Anker fester und freudiger Zuversicht auf Gottes Gnade, den Anker treuen Glaubens an seine Barmherzigkeit, den Anker frommer Ergebung in seinen Willen ... wenn derselbe uns auch andere Wege führt, als wie wir gehen wollen!«

Mike blickte dem Pastor mit ihren großen, treuherzigen Augen aufmerksam in das gütige Antlitz, und sie nickte ihm zustimmend und so recht von Herzen überzeugt zu, und Jöschen machte auch hier und da eine unwillkürliche Bewegung, als wolle er versichern: »Jawoll, Herr Pastur, dat wollen wi allens so maken!«

Und dann knieten sie nieder und wurden gesegnet, und der Prediger nahm die Ringe und steckte sie ihnen an.

Da raschelte es leise an dem Steinpfeiler. Ein Blütenzweig löste sich von Wulffhardts Bild und fiel nieder auf das morsche Ruder.

Niemand bemerkte es, nur Guntram Krafft und Gabriele schauten auf — und ihr Blick traf sich plötzlich, — sie sahen einander in die Augen. Da zog eine heiße Purpurglut über die Wangen des jungen Mädchens; sie blickte verwirrt zu Boden und neigte das Köpfchen noch tiefer wie zuvor.


In der kleinen Dorfschänke, welche über den einzigen Raum verfügte, in welchem ein bescheidenes Fest abgehalten werden konnte, hatte der Graf von Hohen-Esp den Hochzeitsschmaus für seinen Jugendgespielen herrichten lassen.

Hier in dem niedrigen, verräucherten Saal, an dessen Deckbalken das Haupt des hochgewachsenen Bären beinahe anstieß, feierten die Fischer »Kaisers Geburtstag«, »Sedan«, Hochzeiten und Kindtaufen, hier saßen sie Sonntags und rauchten ihre Pfeifen beim Glase Bier, hier versammelten sie sich, wenn es Außergewöhnliches zu besprechen gab, oder wenn ein Sohn, Vetter, Bruder oder Onkel nach langer Seefahrt heimkehrte und von viel schweren oder glücklichen Fahrten zu erzählen hatte.

Als einziger Schmuck hing das Bild eines lang verstorbenen Landesfürsten, sowie das Kaiser Wilhelms des Großen an der Wand, darum her vergilbte Stiche und gewöhnliche Kreidezeichnungen von Schiffen, mit welchen Dorfbewohner als Matrosen oder Kapitäne gefahren, und über der Tür, ganz nach gutem alten Brauch, der fliegende Holländer mit käseweißem Gesicht, schwarzem Bart und großem Fischerhut, welcher starren Auges auf den Beschauer herabsieht, und unter welchem der Spruch steht —: »Gott gnade dem Mann auf stürmischem Meer — geht ihm der flyende Dutschman die Quer!«

Auf den wurmstichigen, uralten Schränken liegen große Korallen und fremdartige Muscheln, steht eine chinesische Vase, der der eine Henkel fehlt, und ein paar grellbunte, furchtbar fratzenhafte Götzenbilder, vor welchen sich die Kleinen im Dorf über die Maßen »grugeln«! —

In großen Glashäfen sind seltene Fische aus dem Südmeer, Schildkröten und Seeteufel in Spiritus aufbewahrt, eine kleine, sehr giftige Herrgottsschlange befindet sich auch in einer Flasche, und von ihr herüber bis zu der Vase ziehen sich Schnüre von getrockneten Seesternen und fremdartigen Tangs, welche irgendein Angehöriger des Schankwirts aus fernen Zonen heimgebracht.

Ehemals lebte der schöne große Papagei und ergötzte die Gäste durch sein erstaunliches Geschwätz, jetzt ist er ausgestopft und sitzt recht verstaubt und struppig auf einem Baumast an der Ofenwand.

Heute ist eine lange, lange Tafel inmitten des Saales aufgestellt, mit groben weißen Tüchern belegt und durch Tannengrün und Blumensträuße ganz besonders feierlich geschmückt.

Teller von jeder Art und Sorte sind aufgestellt, Napfkuchen duften schon jetzt sehr locker und festlich von des Tisches Mitte, und seitwärts lagert ein großes Faß Bier, auf welches mit Kreide »Vivat« geschrieben ist, und von den eben ankommenden Fischern mit schmunzelndem Entzücken zuerst besichtigt wird.

Das junge Ehepaar und die Hochzeitsgäste nahen, fürerst noch so schweigsam und ernst, wie es in der Art dieser wortkargen Menschen liegt, welche es mehr gewohnt sind, den schweren, sorgenvollen Kampf um das Dasein zu führen, als heitere Feste zu feiern.

Der Wind, welcher mehr und mehr auffrischt und manch altem, wettererfahrenen Schiffer ein bedenkliches Kopfschütteln und »Hm-Hm!« abgenötigt hat, spielte in den rosa Kranzbändern der jungen Frau und färbte ihre Wangen noch röter, und wenn auch Mike mit festem Händedruck ringsum die schwieligen Hände faßt, und Jöschen manch lieben Freund innig auf den Rücken klopft, so herrscht dennoch fürerst noch die feierliche, erwartungsvolle Stille, welche dem Nahen des Pastors und der gräflichen Herrschaft vorauszugehen pflegt. —