XXV.
Über die hohe Düne, welche das Fischerdorf von der See trennt, stieg Gräfin Gundula an der Seite des alten Pfarrherrn, gefolgt von Gabriele und Guntram Krafft.
Der Pastor hatte den lebhaften Wunsch ausgesprochen, das Meer bei dem immer stärker werdenden Wind in seiner wogenden Schönheit zu sehen, und darum hatte man den kleinen Umweg gemacht und nahte dem Dorf nicht von dem Burgberg, sondern vom Strande aus.
Die Gräfin sprach sehr lebhaft und angeregt, und Gabriele, welche ebenso schweigsam wie der Bär von Hohen-Esp an dessen Seite schritt, gedachte der Worte des Predigers, welche dieser kurz zuvor zu Guntram Krafft gesprochen. »Welch eine auffallende und sehr erfreuliche Veränderung ist mit Ihrer Frau Mutter vor sich gegangen! So heiter und lebhaft habe ich die Gräfin seit langen, langen Jahren nicht gesehen! Mir deucht, der finstere Ernst, die tiefe Schwermut sind erst jetzt von ihr gewichen, und dafür sei Gott gelobt!« — Er hatte dann Gabriele herzlich beide Hände entgegengestreckt, und fuhr fort: »Das haben wir ganz entschieden Ihrem so günstigen Einfluß zu verdanken, mein gnädiges Fräulein! Sie haben den Sonnenschein wieder in das Haus der so tief gebeugten Frau getragen!«
Der Blick des Grafen hatte sie abermals getroffen, als er sich stumm und höflich, wie in schweigender Zustimmung vor ihr verbeugte, und es hatte warm aufgeleuchtet in den ernsten, traurigen Augen.
Ein paar gleichgültige Worte hatten sie später auf dem Weg zum Strande gewechselt, und als sie über die waldige Höhe schritten und zuerst den Blick auf das Meer genossen, war Gabriele unwillkürlich stehengeblieben und hatte mit leisem Ausruf des Entzückens auf die weißschäumende, hochgehende See hinausgeblickt.
»Nicht wahr, so gefällt sie selbst Ihnen?« hatte der Graf gelächelt, und das junge Mädchen nickte mit seltsam leuchtendem Blick und wiederholte: »Selbst mir!«
Dann brauste der Sturm daher und riß die weißen Narzissen aus ihrem Gürtel und verstreute sie durch das Riedgras, und während Gabriele mit beiden Händen den Hut festhielt, eilte Guntram Krafft den Blumen nach und sammelte sie.
Sein Blick überflog ihre schlanke, schneeweiße Gestalt, um welche die weichen Kleiderfalten in graziösem Spiele flatterten, und er behielt den Strauß in der Hand und sagte: »Ich werde die Narzissen bis zu dem Dorfe tragen, Sie haben jetzt genug zu tun, Hut und Kleid zu halten!«
Und er trug sie, bis sie abermals in den Schutz der Dünen gelangten und das Wirtshaus »Zur blauen Woge« vor ihren Blicken lag.
Da reichte er die Blüten zurück.
»Wir alle haben uns festlich geschmückt, Graf, nur Sie allein tragen kein einziges Abzeichen, welches auf die frohe Bedeutung dieses Tages schließen läßt!«
Um seine Lippen zuckte ein resigniertes Lächeln.
»Ich selber vergaß es, und andere dachten nicht an mich!«
Da wählte sie die schönsten Blumen aus ihrem Strauß und bemühte sich, sehr unbefangen zu lachen: »Welch eine grobe Unterlassungssünde! Erlauben Sie, Graf, daß ich das Versäumte nachhole und Ihr Knopfloch schmücke!«
Er nahm die Blumen und befestigte sie an der Brust.
»Wie freundlich Sie sich heute der Hohen-Esp annehmen!« sagte er sehr ruhig. »Den Ahnherrn Wulffhardt und mich bedenken Sie in gütiger Weise mit solch lieblichem Schmuck.«
Alles Blut stieg ihr in die Wangen, — vor ihren Ohren schwirrten plötzlich wieder die Worte —: »Mit weißen Totenblumen ... doch nicht mit einem Lorbeerkranz ...«
Sie schüttelte den Kopf und sagte leise: »Ich verfüge ja über keinen besseren Schmuck, Graf!«
»Und weder Wulffhardt noch ich werden je einen besseren tragen!«
Das Gespräch ward unterbrochen, aus dem Saal des Wirtshauses erschallten die lustigen Weisen der Harmonika, und das junge Ehepaar trat den vornehmen Gästen entgegen, sie mit herzlichem Händedruck zu begrüßen und zum Hochzeitstisch zu geleiten.
Gräfin Gundula saß zwischen dem jungen Ehegatten und dem Pastor, — Guntram Krafft an der Seite des bräutlichen Weibes, zu seiner Rechten war Gabriele der Platz angewiesen. Auf der Ofenbank saßen die beiden Harmonikaspieler und sorgten durch lauter schöne Seemannslieder und lustige Stücklein für Unterhaltung, dieweil es bei Tisch selber sehr ruhig zuging.
»Unsere Anwesenheit scheint die Leute in ihrer Fröhlichkeit zu stören!« flüsterte Gabriele zu dem Grafen auf.
Dieser lächelte: »O, durchaus nicht! Es würde eine Nichtachtung gegen die vergötterte Weinsuppe und den obligaten Schweinebraten sein, wollte man während dieser Genüsse viel sprechen! Das ist nicht Sitte hier, und die ›Stimmung‹ kommt zumeist erst mit dem Tanz. Dann werden Sie sehen, daß wir unsere Getreuen nicht stören. Ich bin überzeugt, daß wir hier von allen noch sehr viel mehr geliebt wie respektiert werden!«
Und so war es auch.
Als das, nach Ansicht der so wenig verwöhnten Leute, glänzende Hochzeitsmahl beendet war, als die Tische beiseite gerückt wurden und der Kaffeeduft so lieblich durch den Saal zog, daß allen Frauen das Herz im Leibe lachte, da schallten die Stimmen lauter und lauter durcheinander, da wagten sich die ersten verstohlenen Jauchzer hervor, und als die Harmonikas mit schallendem Ton den »Großvatertanz« anhuben, da umfaßte Jöschen seine strahlende junge Frau und begann sich mit ihr sehr langsam und würdevoll im Kreise zu drehen.
Aller Augen schauten auf den Grafen, ob er nicht mit dem wunderschönen jungen Fräulein solchem Beispiel folgen werde, aber der stand und sprach so eifrig mit ein paar alten Fischern, daß er gar nicht an den Tanz zu denken schien.
Da wagte sich denn der Vater der Braut herzu, machte seinen Kratzfuß vor Gabriele und tanzte mit ihr, schwer und wuchtig, als gelte es, eine holländische Kuff bei konträrem Wind zu lavieren, — und als er zum Schluß die junge Dame mit freundlichem Lob auf den Arm gepatscht, stand schon ein junger Lotse bereit und sah sie treuherzig bittend an.
Gabriele nickte ihm lachend zu und tanzte weiter, und ihre schlanke weiße Gestalt tauchte wie ein Traum zwischen dem derben Schiffervolk auf, so daß der Pastor ganz begeistert zu Guntram Krafft trat und sagte: »Wissen Sie, Graf, was mir soeben bei dem Anblick des wunderholden Fräulein von Sprendlingen einfiel? Ein Gedicht von Heinrich Heine: ›Wohl unter der Linde, da tönt die Musik, da tanzen die Burschen und Mädel ... da tanzen auch zweie, die niemand kennt, sie schauen so schlank und so edel!‹ — Sagen Sie selbst, ist es nicht, als ob die weiße Wassernixe aus der Flut gestiegen sei, sich unter das lustige Fischervolk zu mischen? — Wie ein Märchen deucht mir die lilienhafte Mädchengestalt, und wen Fräulein Gabriele mit den großen, klaren, wundersam glänzenden Augen anlächelt, der lernt an die Macht der Meerfrau glauben!«
»Man sagt, die Meerfei bringt Unglück dem, der sie schaut! Hören Sie, wie der Sturm um das Dach heult? Vielleicht wählt sich die Undine bereits ihre Opfer für die kommende Nacht aus!«
»Das verhüte Gott! Fürchten Sie bös Wetter?«
»In wenig Stunden haben wir es.«
»Arme junge Frau! Das wäre eine üble Hochzeitsmusik!«
Jöschen stand mit leuchtenden Augen vor seinem Jugendgespielen.
»Wollen Sie heute gar nicht tanzen, Herr Graf!«
Guntram Krafft richtete sich jäh auf. »Ich warte nur, daß du Mike einmal freigeben sollst!«
»Dor steiht se!« lachte der junge Ehemann, wieder in sein gemütliches Plattdeutsch verfallend, und der Bär von Hohen-Esp nickte, drückte dem Glücklichen die Hand und holte sich die Braut mit den rotglühenden Wangen zum Ehrentanz.
»Nu leggt he los!« flüsterte es im Kreis, und man wartete, daß der Burgherr nach der Mike das »gnä Frölen« zum Tanze holen werde; aber er trat mit umwölkter Stirn zur Tür zurück und hatte mit Krischan Klaaden ersichtlich viel ernste Dinge zu reden.
Und trotzdem das Rollen und Branden der See immer stärker und stärker herübertönte und der Sturm immer schriller durch die Taue des vor dem Hause aufgepflanzten Flaggenmastes pfiff, ward die Stimmung immer fröhlicher und ausgelassener, und schließlich stand die Mamsell vom Schloß und tuschelte unter listigem Augenzwinkern mit Mike und Jöschen.
Die Weiber, Mädchen und Burschen drängten drum herum, es gab ein leises, jubelndes Gelächter, und dann lichtete sich plötzlich der Kreis, einer der Fischer trat vor und rief mit kraftvoller Stimme:
»Tom Brutdanz binnen! Uns' Mike sall sich sin' Nachfolgern söken!« —
Großer Jubel erhob sich, Mike ging mit sehr schalkhaftem Lächeln zu Gräfin Gundula und bot ihr eine Schere dar, mit welcher die Burgfrau die beiden rosa Bänder der Kranzschleife abschnitt.
Die alte Dame lächelte dabei sehr amüsiert, und in ihren Augen leuchtete es auf, wie ein sehr wohlgefälliges Verstehen.
»Möchtest du die Rechte treffen, Mike!« sagte sie und händigte der jungen Frau die Bänder aus. — Diese wandte sich, reichte Jöschen flink eines der Rosenbänder, und schnell wie der Gedanke stürmte das junge Paar unter die laut kreischenden und jubelnden Hochzeitsgäste.
Erstaunt hatte Gabriele dem Beginnen zugesehen, als sie ihren Arm auch schon von Mike gefaßt und mit dem Band umschlungen sah, gleicherzeit zerrten und drängten die Männer Guntram Krafft heran, an dessen Arm Jöschen das andere Band geknüpft hatte, und ehe die beiden aufs höchste betroffenen jungen Leute recht wußten, wie ihnen geschah, waren ihre Arme durch die Bänder zusammengebunden, und ein jauchzendes Geschrei erhob sich: »Tom Brutdanz! Tom Brutdanz!« —
Guntram Krafft stand momentan regungslos, nur seine Lippen bebten, und die breite Brust hob und senkte sich unter stürmischen Atemzügen, dann neigte er sich zu Gabriele herab und stieß kurz hervor: »Befehlen Sie zu tanzen, mein gnädiges Fräulein?« —
Sie blickte zu ihm auf, — ihm deuchte es, ebenso kühl und ruhig wie sonst — und die kristallenen Nixenaugen leuchteten ganz nahe den seinen, und ihr roter Mund antwortete: »Ich füge mich der Sitte, Herr Graf!«
Da umschloß sie sein Arm, er machte eine kurze Bewegung mit der freien Hand, daß man Raum gebe, und dann tanzten sie.
Wie feurige Nebel wallte es vor seinen Augen, siedend heiß brauste das Blut durch seine Adern, wie befangen von einem wilden, leidenschaftlichen Rausch flog er dahin, und die weiche, schmiegsame Gestalt ruhte wieder an seiner Brust, und ihre krausen Löckchen flimmerten vor seinem Blick.
Freiwillig wäre er nie zu ihr gekommen — nun trieb sie das Schicksal selber in seine Arme, und er hielt die bleiche Meerfrau ... und drückte sie fest — immer fester und aufgeregter an sich, so fest, als wolle er sie nie wieder freigeben.
Seine Augen brannten wie im Fieber, all die heiße, unaussprechlich innige Liebe, welche er so stolz und gewaltsam bekämpft hatte, loderte in verzehrenden Flammen in seinem Herzen auf und benahm ihm alles klare Denken und Handeln.
Er tanzte — tanzte ohne Aufhören ... und er hatte nur einen tollen, wahnwitzigen Gedanken — so hinab mit ihr durch Nacht und Sturm bis zu den schäumenden Wogen! Sein Lieb im Arm hinab in die kühle, geheimnisvolle Tiefe, in den Kristallpalast der Meerfei, wo die Perlen auf weißen Wasserlilien glänzen und rote Korallen bis an das Abendrot des Himmels emporwachsen ... da wird sie das bleiche Antlitz lächelnd zu ihm heben, wird mit ihren kühlen, meerfarbenen Augen sein Leben trinken und ihn küssen in traumhaft süßem Glück ...
Weiter und weiter tanzt er ... und um die Fenster schrillt der Sturm ... und die Brandung donnert lauter und lauter empor ...
Gabrieles Köpfchen aber sinkt plötzlich tiefer und tiefer, und ihr Körper ruht schwer in seinem Arm.
Da erwacht er plötzlich wie aus tiefem Traum und starrt sie an.
Wie blaß sie ist! —
Erschrocken hält er inne: »Verzeihen Sie, Gabriele,« — murmelte er, — »ich war unbescheiden ... ich tanzte zu lange — —«
Sie lächelt und ringt nach Atem — und um sie her erhebt sich abermals ein tosender Jubel. »Dat wier äwerst 'n Danz! Dat wier jo gliek haf 'n Dutzend Dänz'!« — schallt es lachend im Kreise, und dann plötzlich jähe Stille.
Ein Schuß? —
Ertönte nicht draußen auf hoher See ein Schuß? — ein Notsignal? —
Alles lauscht einen Augenblick wie erstarrt, Guntram Krafft reißt das rosa Band, welches ihn an Gabrieles Arm fesselt, mit scharfem Ruck durch und stürmt nach der Tür, Jöschen, Krischan Klaaden und die andern Fischer folgen in jäher Hast.
Die lachenden geröteten Gesichter sind plötzlich blaß und ernst geworden, die Klänge der Harmonika sind verstummt.
Gabriele ist an die Seite der Gräfin geeilt und hat mit angstvollem Aufblick ihre Hand gefaßt.
»Was bedeutet das, Frau Gräfin?«
Gundula legt den Arm um sie und schreitet nach dem kleinen Fenster, einen Blick hinauszutun.
»Gott der Herr verhüte es, daß ein Schiff in Not ist!« sagte sie mit schwerem Atemzug.
»O, welch ein Wetter plötzlich!« schaudert Gabriele, »wie schwarz die Nacht, und welch furchtbares Brausen und Donnern! Man hat es zuvor bei der Musik nicht gehört, — jetzt merkt man erst, wie schlimm es geworden ist!«
Eine alte Fischerfrau tritt herzu und faltet die runzligen Hände. »Das ist eine grobe See geworden«, sagt sie leise. »Arme Mike ... muß den Jöschen heute nacht wohl hergeben!«
»Heute nacht?« wiederholt Gabriele mit entsetzten, weitoffenen Augen, »was sollte denn Jöschen bei dieser Dunkelheit für ein Schiff draußen tun?«
Die Alte schüttelt mit wehmütigem Lächeln den Kopf: »Hinaus muß er und Hilfe bringen, falls es not tut!«
»Hinaus? in diese Finsternis?... in diesen Sturm?« Gabriele hebt wie beschwörend die Hände. »Das ist ja gar nicht möglich ... das wäre ja ein tollkühnes, nutzloses Aufopfern!«
»Es wäre seine heilige Pflicht!« unterbricht die Gräfin ernst und ruhig, »und wahrlich nicht das erstemal, daß Guntram Krafft seine wackeren Lotsen in ein Unwetter hinausführt!« —
»Der Graf?« stammelte Gabriele ..., »er selber ... er fährt auch mit hinaus?« —
»Wenn es nottut, jedesmal!«
Da ist es plötzlich, als wüchse die schlanke Mädchengestalt empor, als lausche sie atemlos diesen Worten wie einer Offenbarung.
»Wo ist er? Wo sind die Fischer?« stößt sie hervor.
»Wohl auf der Düne draußen, nach dem Schiff zu spähen!«
»Lassen Sie mich hin! Lassen Sie mich sehen, Gräfin! Ich bitte, ich beschwöre Sie!«
»Undenkbar, Kind ... Sie sind vom Tanz erhitzt, und Sie ahnen nicht, wie der Sturm draußen pfeift! Das Haus hier liegt ja noch hinter der Düne geschützt ... wenn Sie sich auf der Höhe hinauswagen, können Sie kaum atmen; Sie sind solch einen Wind nicht gewohnt, Gabriele!«
Eine fieberhafte Ungeduld leuchtet aus ihren Augen. »Gleichviel ... ich hülle mich warm ein ... ach, ich flehe Sie an, Gräfin, lassen Sie mich sehen, was da draußen vorgeht!«
Einen Augenblick noch zögert Gundula, dann sagt sie kurz entschlossen: »Gut; dort auf der Bank liegen die warmen Sachen, welche Anton für den Heimweg brachte. Nehmen Sie ein Tuch um den Kopf und einen Mantel um, ich werde mit Ihnen gehen.«
Gabriele begreift es nicht, wie diese Frau so ruhig und still bleiben kann, wo möglicherweise ihr einziges Kind sich im nächsten Augenblick auf Tod und Leben hinaus in den Sturm wagen wird! —
Ihre Hand zitterte nicht, als sie das weiße Spitzentuch nimmt, es sehr sorgsam um das lockige Köpfchen ihrer jungen Gastin zu schlingen, sie prüft, ob der Mantel warm genug sei, und scheint mehr um das junge Mädchen wie um den Sohn besorgt.
Gabriele dankt ihr sehr herzlich, dann schlingt sie den Arm um die hohe Frauengestalt und hastet nach der Tür.
Hu, welch ein Sturm!
Er braust ihnen entgegen, als wolle er sie voll zornigen Unwillens in das sichere Haus zurückdrängen, über ihnen kreischt die kleine Wetterfahne, pfeift und schrillt es im Tauwerk des Flaggenmastes; Fräulein von Sprendlingen preßt unwillkürlich die Hände gegen die Brust und ringt nach Atem, sie strebt vorwärts und hat doch kaum die Kraft, gegen das Ungewohnte anzukämpfen. Da umfaßt Gräfin Gundula die schlanke Gestalt mit ihrem kräftigen Arm und leitet sie wie ein sicherer Lotse durch das Brausen und Heulen.
Droben auf der Düne steht Guntram Krafft, sie sieht seine herrliche Gestalt wie ein Schattenbild gegen den bleifarbenen Himmel gezeichnet. Das Auge gewöhnt sich an die Dunkelheit. Die Nacht ist nicht so rabenschwarz, wie es ihr von dem erleuchteten Zimmer aus geschienen, schwarze, phantastisch wilde Wolkengebilde jagen über den Himmel und verhüllen den Mond, nur hier und da bricht sein falbes Licht hervor, wenn der Sturm die Massen zerreißt.
Noch verdeckt die Düne vor ihnen das Meer, man hört nur die Brandung in nächster Nähe — wie Donnerrollen und dumpfes, unheimliches Pfeifen schallt sie empor.
Gabriele hat sich im ersten Moment wie ein angstzitterndes Vögelchen an die Gräfin geschmiegt, aber sie überwindet das Grauen, sie fühlt, wie eine leidenschaftliche Erregung sich ihrer bemächtigt, die sie ungestüm vorwärtstreibt an Guntram Kraffts Seite.
Wie ein Bild aus Erz steht er vor ihnen, kaum daß der Sturm sein lockiges Haar zerwühlt. Seine breite Brust trotzt dem wüsten Gesellen, hoch und gebieterisch ist sein Arm im Gespräch mit den Fischern erhoben und weist auf die See hinaus, als sei es der Schirmvogt von Hohen-Esp, welcher hier zu gebieten hat, und nicht der zigeunerhafte, landfahrende Gesell, der Sturmwind!
Jöschen liegt im Riedgras ausgestreckt, stützt die beiden Ellenbogen auf und späht durch den langen Fernkieker auf die See hinaus.
Die beiden Frauen kämpfen sich vorwärts, Fischerfrauen und Kinder folgen ihnen, fest aneinandergedrängt, starren sie stumm und ernst hinaus auf die wild empörten Wasser. Der Schutz der Düne hört auf, mit voller Wucht wirft sich der Sturm den Nahenden entgegen. Einen Augenblick hat Gabriele das Empfinden, sie müsse ersticken, — die Gräfin faßt sie fester in den Arm und kehrt ihr Antlitz dem Lande zu, — da braust es über sie hinweg, und sie kann momentan aufatmen und neu zu Kräfte kommen.
Dann ringen sie abermals gegen Wind und Wetter, und Gabriele gewöhnt sich nach den kurzen Anweisungen Gundulas an das Atmen im Sturm, sie überwindet ihre Bangigkeit und Schwäche, sie will stark sein! Sie will vorwärts ... sie will sehen und hören!
Guntram Krafft wendet sich flüchtig und blickt zurück, aber all sein Interesse scheint im Dienst der Pflicht zu stehen.
»Ist es tatsächlich ein Notsignal?« fragt die Gräfin.
Er nickt. »Vorläufig läßt sich noch nichts erkennen, wir müssen warten, bis die Wolken vorüber sind, — minutenlang muß der Mond hervortreten!«
Dann trifft sein Blick Gabriele.
Sie steht neben ihm, die Hände gegen die Brust gedrückt, das Antlitz von dem weißen Spitzentuch umflattern, mit einem leisen Schrei die Augen starr, weitoffen auf die See gerichtet.
»Ist dies dasselbe Meer ... dasselbe Meer von gestern und ehedem?!« —
Schwarz und furchtbar gähnt es in weiter Unendlichkeit vor ihr, — der hohe Wogenschwall wälzt sich donnernd heran, in zwei-, drei- und vierfacher Brandung kocht der weiße Gischt am Strande auf, gespenstisch rollen die aufbäumenden Seen heran wie Ungeheuer, welche in wütender Gier Strand und Land verschlingen wollen.
Da teilt sich die dräuende Finsternis.
Der Mond bricht durch die Wolken, sein weißgelbes Licht fließt minutenlang wie ein magischer Schein über die Wasser.
»Dort ... dort ... dat Schipp!!«
Wie ein Schrei gellt es von Jöschens Lippen.
»Richtig — dort is't!« —
»A's'n Turpedo sieht's ut!!« —
»Nee! Nee! Is 'ne lüttje Brigg ...«
»Ich seh' keen Mast nich —«
»De warn ja woll verlurn sin!« —
»Un keen Licht nich ...«
»Doch — achterlich de gröne Lantern!« —
»Äwerst keen Signal nich ...«
»Doch! — Obacht!«
»Dat Blulicht!!«
Ein scharfes, bläuliches Licht blitzte auf See auf ... hielt sekundenlang an und verschwand wieder, — gleichzeitig ein Kanonenschuß ...
»Das Schiff treibt auf —! Brandung voraus!« schrie Guntram Krafft. »Vorwärts, meine Braven, da ist keine Zeit zu verlieren! Zum Schuppen! — Gebt Signal! — Boot klar zum Auslaufen!« —
Die Stimmen klangen sekundenlang in wilder Hast durcheinander, — die Männer stürmten die Dünen hinab nach dem Rettungsschuppen. Wie in jähem Entsetzen hob Gabriele die Arme. »Jetzt hinaus in See? — Gräfin ... auf diese See hinaus?!« —
Gundula nickte. »Gebe Gott, daß sie noch zur rechten Zeit kommen. — Kehren Sie jetzt zurück in das Zimmer, Gabriele ... ich muß in den Schuppen hinab und alles vorbereiten, falls es gilt, einem Verunglückten Hilfe zu bringen!«
Sie sprach ruhig, beinahe tonlos, und ihr blasses, schönes Antlitz sah in dem Mondlicht wie versteinert aus.
Das junge Mädchen schüttelte aufgeregt den Kopf, in ihren Augen leuchtete es plötzlich auf wie heiße, leidenschaftliche Begeisterung.
»Ich bleibe bei Ihnen! Schnell, Gräfin — schnell ... ach, lassen Sie uns eilen ... lassen Sie mich das Unbegreifliche schauen!«
Und sie wartete nicht mehr auf den schützenden Arm Gundulas, sondern flog wie von den Sturmesschwingen getragen, dem Rettungsschuppen zu.
Ein grelles Flackerfeuer, wie von geschwungenen Teerfackeln herrührend, flammte wieder auf dem gefährdeten Schiffe auf, gleicherzeit leuchtete am Strand drunten, dicht neben dem Schuppen, ein rotes Licht, mehrere Augenblicke gezeigt, dann wieder verschwindend.