XXVI.
Ein aufgeregtes, überhastiges Leben entwickelte sich am Strand.
Die Leute hatten in größter Eile ihre hochzeitlichen Kleider mit dem in dem Schuppen bereithängenden Ölzeug vertauscht und waren soeben, voll ausgerüstet, bereit, den Wagen, auf welchem das Boot stand, durch den tiefen Sand bis an die See zu schieben. Eine schwierige, unsagbar mühselige Arbeit bei solchem Sturm!
Gabriele hatte sich in den Schutz des Gebäudes gegen die Mauer gedrückt und starrte mit hochklopfendem Herzen das fremdartige Treiben an.
Sie sah Guntram Kraffts herrliche Gestalt in dem derben Lotsenanzug, — welcher ihr schöner und kleidsamer deuchte wie die reichste Galauniform, — grell beschienen von den lodernden Fackeln, welche von schwieligen Fäusten geschwungen wurden, — sah, wie er mit Bärenkräften zufaßte und half und schaffte, der erste seiner Lotsen, ein ruhiger, besonnener, gewaltiger Kommandeur, ein Mann, welcher nicht nur befiehlt, sondern selber arbeitet und Hand anlegt!
Eine leise Stimme klang neben Gabriele.
»Dat wir sneller kamen, as wie dachten!« seufzte Mike und knüpfte das wollene Tüchelchen fester um den zerzausten Brautkranz in ihrem Haar, ihre hartgearbeiteten Hände griffen ein wenig unsicher zu, und ihr erst so blühend frisches Gesicht war blaß geworden.
»Ach, gnä' Frölen — un dat ok grad an min Hochtid!«
Gabriele blickte voll tiefsten Mitleids in die traurigen Augen der Sprecherin.
»Arme Mike!« sagte sie weich; »ja, das ist eine traurige Hochzeit! Aber so Gott will, kehrt dein Schatz bald gesund und heil zurück, und dann kannst du doppelt stolz auf ihn sein!« — Sie atmete tief auf und wiederholte mit glänzendem Blick: »Ja, stolz! sehr stolz mußt du doch auf einen solchen Mann sein!« —
Mike schien nicht ehrgeizig. Sie wickelte die Hände in die geblümte Schürze und sagte resigniert: »Wenn he man wedder kümmt!« Und dann entsann sie sich, daß ja das gnädige Fräulein nicht gut plattdeutsch versteht und fuhr — nicht ganz ohne Mühe — fort: »Vielleicht kriegen sie die Mannschaft mit der Rettungsboje herüber und brauchen nicht selber hinaus. Sehen Sie dort? Da schaffen sie an dem Mörser! Der Graf schießt bannig gut, aber bei Dunkelheit ist es doch immer ein übles Ding damit, noch dazu bei dem Sturm heut, denn die Windrichtung und Stärke desselben kommt gar sehr in Betracht dabei!«
»Man schießt nach dem Schiff?« wiederholte Gabriele überrascht. »Um alles in der Welt, warum das?«
Mike war zu traurig, sonst hätte sie wohl gelächelt. Sie strich wieder seufzend mit der verarbeiteten Hand über ihren Brautkranz und fuhr erklärend fort: »Das tut ja keinen Schaden nicht, gnädiges Fräulein, im Gegenteil! An der Kugel ist man eine dünne Leine befestigt, — sie wird über das Schiff hinübergeschossen, und die Leute müssen die Leine so rasch wie möglich auffangen und festhalten. Wenn das geglückt ist, muß als Zeichen dafür ein Blaufeuer angesteckt werden, oder man schwenkt auch nur eine Laterne — wie sie's aus so 'nen wracken Schiff noch grad möglich machen können ... dann wissen die Unsern hier Bescheid ...«
»Was für Bescheid? Was nützt die Leine?«
»O, man alles nützt die! Die Schiffsmannschaft muß die Leine dann vom Lande her anholen, bis sie den Steertblock daran finden, durch welchen ein Jölltau geschoren ist!«
»Und was soll damit?« — Gabriele blickte die wortkarge Mike beinahe ungeduldig an, und das junge Weib fuhr monoton fort —: »Ja, so, — das kennen Sie man alles noch nicht! Dieser Steertblock muß am Mast unter der Sahling befestigt werden ... oder, wenn die Masten schon über Bord geschlagen sind, an einem andern hohen Gegenstand ... und dann geben sie vom Wrack wieder ein Signal, damit die auf dem Lande das Rettungstau an dem Läufer befestigen, das ziehen sie dann vom Strand 'rauf aufs Schiff ...«
»Und Unsere hier ziehen damit das Schiff aufs Land?«
Nun ging doch ein schnelles, breites Lächeln über das Gericht der jungen Fischerfrau.
»Ach, aber nee! Dat geiht jo nich!« schüttelte sie den Kopf und fuhr, sich verbessernd fort: »Daran wird man bloß die Hosenboje nach den Gestrandeten hinübergeschickt, da setzt sich die Mannschaft nacheinander ein und wird übergeholt! Jetzt gleich wird es mit dem Schießen losgehen ... der Krischan zeigt schon die rote Latern'!«
Eine immer größere Aufregung hatte Gabriele erfaßt. Die wundersame schaurige Poesie dieser nächtlichen Rettung wirkte wie berauschend aus ihr so leicht empfängliches Gemüt!
All dieses fremdartige Hasten und Treiben, die drohende Gefahr, die Angst und Sorge um eigenes und fremdes Leben, die unbeschreiblich großartige Schönheit der wild entfesselten Elemente übten einen nie geahnten Zauber aus; es war, als habe Gabrieles Herz in tiefem Schlaf gelegen und nur auf diese Stunde geharrt, welche es erwecken soll zu einem neuen, köstlichen Leben, zu der jauchzenden Erkenntnis alles dessen, was ihre Seele voll schwärmerischer Begeisterung seit jeher erhofft und ersehnt. Und voll ungestümer Leidenschaft wandte sie sich und kämpfte sich durch den Sturm näher und näher zu Guntram Krafft heran, bis sie beinahe an seiner Seite stand, bis sie sein Antlitz schauen — seine Worte hören — jede seiner kraftvollen Bewegungen beobachten konnte.
Ihr Auge glänzte wie im Fieber — ihre Lippen lächelten wie im Traum.
Die Stimmen der Männer hallten wirr und zumeist unverstanden zu ihr her, — mit gewaltigem Krach entlud sich das Rettungsgeschoß, — die Rakete zischte wie ein greller Feuerstreif empor, nahm die Richtung nach dem gestrandeten Schiff und verschwand im Dunkel der Nacht.
Voll banger Spannung harrte man auf das Signal, das die Leine getroffen habe.
Guntram Krafft stand hocherhobenen Hauptes, den adlerscharfen Blick seeein gerichtet, als könne und müsse sein Blick die gähnende Finsternis durchdringen.
Ein paar Augenblicke tiefer Stille, nur der Sturm heult über sie hinweg, und die See donnert und braust immer gewaltiger gegen den Strand.
Krischan Klaaden schüttelt den Kopf.
»Dat helpt nich ... dor sin' keene Mast's miehr, de Brandungen gahn all öwer dat Schipp weg!«
»Denn man tau! — wi möten klor maken!« Der Bär von Hohen-Esp wandte sich in hoher Erregung zu seinen Lotsen.
»Vorwärts, Kinder! — es ist keine Minute mehr zu verlieren, — wir müssen hinaus!«
Ein leiser, sturmverwehter Schreckensschrei. Mike wirft sich an den Hals ihres Mannes, umklammert ihn sekundenlang mit den Armen. »Nee! — nee!« schluchzt sie auf — »an dissen Dage nich!!« —
Guntram Krafft eilt bereits nach dem Rettungsboot, er wendet hastig das Haupt, ein Schein tiefer Wehmut geht über sein schönes Antlitz.
»Bliev torück, Jöschen!« — flüstert er, »dat geiht ok ahn di'!« —
Der junge Fischer richtet sich jäh auf, küßt sein bräutliches Weib noch einmal hastig auf die blassen Lippen und faßt sie derb an den Schultern. »Denk' doran, was de Pastur hüt seggt hätt'!« ruft er, springt hastig seinem jungen Kommandeur nach und lacht ein fast grimmiges Lachen.
»Dat wier' woll dat ierste Mal, dat ich fehlen deer!«
Gabriele hat keinen Blick für die schluchzende Mike, sie folgt atemlos nach dem Boot, sie preßt die bebenden Hände gegen das Herz, sie starrt mit weitoffenen Augen auf Guntram Krafft.
Sie sieht nicht, wie Frau Gundula und der Prediger die Düne hinabeilen, wie die Gräfin die gefalteten Hände zum Himmel hebt, wie ihr farbloses Antlitz die Qualen spiegelt, welche ihr Mutterherz in diesem Augenblick durchbeben, — sie sieht nur, wie der Bär von Hohen-Esp in das Boot springt, wie er ein paar kurze, begeisternde Worte an seine Getreuen richtet, sie zu vollster, heiligster Pflichterfüllung ermahnt, und sie der starken Hilfe dessen versichert, der Himmel und Erde gemacht hat! — Und dann entblößen sie alle das Haupt —
»Chryste Kyrie
Sei mit uns auf der See!« —
»Amen! — Amen!« klingt die Stimme des Predigers durch den Sturm, — und dann ein frisches, kraftvolles — »Hohojohe! — Rennen los!!« — —
Noch einmal wendet Guntram Krafft das Haupt.
Sein Blick sucht Gabriele.
Er hebt die Hand — er winkt ihr zu ... und dann steigt das Boot hoch auf, — weiße Gischtwogen scheinen es zu verschlingen ... es sinkt tief ... tief ... hebt sich ... wie furchtbare Wasserberge rollt es schwarz und grauenvoll gegen das winzige Fahrzeug heran ... gähnende Finsternis ... und der Sturm heult, und die Brandung kocht wild auf ...
»Laßt uns beten, meine Freunde!« ruft der Pastor, er entblößt sein Haupt ... die weißen Haare wehen um seine Stirn, — um ihn her sinken die Weiber und Kinder auf die Knie, banges Seufzen und Schluchzen klingt durch seine Worte, welche im Sturm verhallen. Auch Gabriele will niedersinken und die bebenden Hände zum Himmel heben — sie kann es nicht. —
Sie muß stehen ... hochaufgerichtet ... sie muß hinausstarren auf das Meer, als könne sie dem kleinen Boot mit den Blicken folgen. Der Mond tritt hell aus den Wolken — mit Jubel und Dank gegen Gott begrüßt. —
Ja ... man sieht das Boot ... man sieht das gestrandete Schiff ...
Gabriele atmet fast keuchend.
Ihre ganze Gestalt bebt und schüttert wie unter heißen Fieberschauern.
Was weint und schluchzt ihr Weiber und Kinder?
Gabriele möchte laut aufjauchzend die Arme ausbreiten, möchte wie berauscht von leidenschaftlicher Glückseligkeit in den Sturm hinausjubeln — möchte vergehen in der namenlosen Wonne und Begeisterung, welche ihre ganze Seele erfüllt und in blendende Helle taucht. Ist es ein Wahn? ein Traum?... eine Vision, welche sie schaut?
Ist jener heldenhafte, tollkühne Mann in jenem gebrechlichen Fahrzeug wirklich der Bär von Hohen-Esp, derselbe, welcher einst so linkisch und mädchenhaft errötend auf höfischem Parkett gestanden? —
Ist dieser unerschrockene, verwegene Held wirklich Guntram Krafft?
O, wie gräbt sich sein herrliches Bild in dieser Stunde, wie mit feurigen Linien gezeichnet, so unauslöschlich in Gabrieles Herz!
Wie in bangem, wonnig wehem Ahnen all dieser blendenden Erkenntnis hat es schon all die Tage vorher in ihrer Brust gezittert, aber sie hat sich gewehrt gegen diesen Gedanken, wie gegen eine Unmöglichkeit!
Noch vorhin, als er sie im Arm gehalten, als er sie in nimmer endendem Tanz heiß und heißer an die Brust gedrückt, da ging es wie ein Morgendämmern der Liebe durch ihre Seele, da war es ihr, als müsse sie das Antlitz auf seine starken, kraftvollen Hände drücken und sagen: »ich weiß, was sie Gutes tun und Edles schaffen — und ich bitte dir all das schwere Unrecht ab, du wackerer Mann, welches ich dir ehemals so verblendet zugefügt!«
Und in jener Stunde hatte sie nur seine Größe geahnt und noch nicht mit Augen geschaut, wie jetzt!
Flammende Begeisterung durchglüht sie! Der Traum von edlem Heldentum, von sieghaftem Mannesmut ist zur Wahrheit geworden! Welch eine Fahrt auf Tod und Leben!
Welch ein trotzigkühner Kampf gegen die furchtbarsten Gegner, gegen Sturm und donnernde Meeresflut, gewaltig wie die anstürmenden Heere des Feindes, verderblich wie die brüllenden Geschütze auf dem Schlachtfeld, welche Tod und Verderben speien! — Auch hier grinst der Tod aus jeder Woge, auch hier lauert Untergang und Vernichtung in der Tiefe, hier tost der Feind auch in den Lüften und setzt seine urgewaltige Titanenkraft gegen ein paar armselige Menschenfäuste ein! —
Wie ein eisiges Grauen will es Gabrieles Herz beschleichen, wenn sie hinaus in die Nacht, auf die finsteren, tosenden Wasser blickt!
Drüben liegt das Schiff!
Mattes Mondlicht huscht gespenstisch darüber hin. —
Man sieht, wie schwere Seen über sein Deck schlagen, wie es immer tiefer auf die Seite sinkt, wie das Lotsenboot sich gegen die furchtbare Strömung näher und näher herankämpft.
Wird es gegen die Schiffswand geschleudert werden und zerschellen?
Wird es durch das Zurückprallen der See vollschlagen und kentern?
Gabriele hört wie im Traum die Worte der Umstehenden.
»Man jo nich' von de Luvsit' angehn!« jammerte eine Alte. »Dat Schipp sitt' jo fest un' die See brandet öwer weg!«
»Äwerst Mutting! de Graf is jo doarbi, der weet jo Bischeid!«
»Wenn nur nicht zu viel Spieren und Stücke von der Takelung treiben!« nickt die Mamsell und trocknet die Augen; »ich denke, der Graf nimmt die Schiffbrüchigen wieder vom Bug oder Heck aus ins Boot!«
»Wenn sie nur erst rankommen!«
Der Mond versteckt sich wieder, — eine bange, lange Stille, — leis gemurmelte Gebete, Seufzen und Schluchzen.
Gräfin Gundula ist nach dem Schuppen zurückgegangen.
Sie hat dort einen Spiritusapparat entzündet, um starken, heißen Tee für die Heimkehrenden bereitzuhalten.
Auch richtet sie alles vor, im Fall sie einem Verunglückten die erste Hilfe angedeihen lassen muß.
Wie oft hat sie schon diese Frottiertücher, die Bürsten und belebenden Essenzen zurechtgestellt, jedesmal mit demselben angstbebenden Herzen, aber auch jedesmal mit demselben Gottvertrauen und der festen Zuversicht wie heute.
Ruhig und umsichtig waltet sie ihres Amtes. Ihr Sohn, ihr Liebling, ihr einziges Glück auf der Welt, wird auch heute von Gottes Vaterhand heimgeleitet werden, wie in all jenen anderen schweren Stunden, wo sie ihn dahingeben mußte als einen Schirmherrn der Not, als einen treuen, opfermutigen Mann, welcher für fremdes Leben sein eigenes wagt!
Warum sollte Gott seine wunderbaren Wege selber durchkreuzen, nachdem er sie so herrlich und unfaßlich bis hierher geführt? O, Gräfin Gundula hat in den letzten Tagen in dem Herzen ihres Sohnes gelesen, und sie hat Gabrieles erglühende Wangen geschaut, sie weiß, welch ein Kampf in diesen beiden jungen Menschenherzen tobt, und weiß, wie herrlich der Sieg sein wird, welcher schon jetzt seine leuchtenden Strahlen vorauswirft.
Wie ein Wunder deucht es ihr, daß sie Gabriele, just diese, zu sich in die stille Strandburg rief, wie ein Wunder, daß das so reiche, gefeierte Mädchen eine arme Waise ward, deren ehemals so blinde Augen sehend werden sollten!
Wie ein Wunder muß sie es ansehen, daß die Einzige, für welche Guntram Kraffts Herz in heißer Liebe erglühte, ihm hierher folgen mußte, nachdem er den Kampf um ihren Besitz als hoffnungslos aufgegeben.
Warum das? —
Gräfin Gundula weiß es nicht und fragt auch nicht danach.
Sie wartet, und sie ist gewiß, daß das, was Gott der Herr so wundersam begonnen, auch von ihm zu gutem Ende geführt wird!
Ein lautes, jubelndes Schreien, Jauchzen und Rufen ertönt wie ein verworrenes Echo von dem Strand empor.
Das Rettungsboot kehrt zurück!
Die Bärin von Hohen-Esp hebt inbrünstig die gefalteten Hände zum Himmel, ihre Lippen zittern und flüstern leise, ihre Augen glänzen feucht.
Und ruhig, ernst und hochaufgerichtet wie stets schreitet sie abermals über den losen, wehenden Sand hinab, den Sohn zu erwarten.
Ihr schwarzes Gewand, das Trauertuch um ihre Schultern flattern im Sturm, wie verklärt leuchtet das bleiche Angesicht in dem Flackerschein der hochgeschwungenen Fackeln. Sie sieht, wie das Rettungsboot sich durch die letzte Brandung kämpft, sie hört die aufgeregten Menschen lachen und jauchzen — »sie bringen die Schiffbrüchigen! — sie sind gerettet!« — dann sucht ihr Blick Gabriele.
Sie steht regungslos noch auf demselben Fleck wie vorhin, die Hände wie in Verzückung nach dem Boot ausgestreckt, das schöne Antlitz in Gluten der Begeisterung getaucht.
Ach, daß Guntram Krafft sie so erblicken möchte! Alles drängt den Nahenden entgegen, die Männer springen in das schäumende Wasser, das Fahrzeug mit hilfsbereiten Händen zu fassen, um es auf den Strand zu ziehen, aber die Stimme des Grafen klingt kräftig durch Wind und Wogengebraus — »Halt! — laßt ab! Wir müssen noch einmal zurück! — Landet die Mannschaft ... es sind Norweger! — Versorgt sie!«
Noch einmal zurück?
Der Jubel verstummt — jähes Entsetzen malt sich auf allen Gesichtern.
Gott erbarm sich! noch einmal zurück! Noch sind nicht alle Gestrandeten geborgen!
Die fremden Seeleute springen über, bleich und ermattet, aber alle gesund und lebend; nur einen Schiffsjungen, welcher bewußtlos scheint, hebt Guntram Krafft mit starken Armen und trägt ihn selber an Land. —
»Es ist nichts, Mutter!« ruft er leuchtenden Auges, »als er über die Reeling kam, ist er hart aufgeschlagen, — das betäubte ihn! den Kopf kühlen ... und einen Kognak! — Sonst allright!«
Gundula schlingt die Arme um den Sohn und drückt ihn sekundenlang an das Herz.
»Noch einmal zurück willst du?« seufzt sie tief auf —; »muß es sein, mein Sohn?«
Er küßt hastig ihre Hände.
»Ja, es muß sein, Mutter! Drei Männer warten noch auf unsere Hilfe, unter ihnen der Kapitän. Das Schiff hat bereits an sieben Fuß Wasser im Raum! Das Ruder ist weggestoßen, und der Fockmast schwankt derart, daß er jeden Augenblick über Bord gehen kann! Das einzige Boot, welches noch vorhanden war, ist völlig leck geschlagen! Da ist keine Minute Zeit zu verlieren, — gebe Gott, daß wir nicht schon zu spät kommen! Nur einen Schluck zur Stärkung für meine Leute, und dann wird uns der barmherzige Gott auch zum zweiten Male helfen!« —
Der Pastor hat die Hände des Sprechers ergriffen und drückt sie mit warmen Segensworten, die Frauen reichen den Schiffbrüchigen und Lotsen die Becher mit dem Gemisch von starkem Tee und Rum. Sie umarmen ihre Männer, stumm und ergeben wie zuvor, sie weinen und klagen nicht, sie erschweren ihnen ihre saure Pflicht nicht noch mehr, — auch sie sind stark und heldenhaft, — wie sich's gebührt.
Nur Mike klammert sich ein wenig fester an ihren Neuvermählten und blickt ihm wieder und wieder in die Augen, bis Jöschen die Zähne zusammenbeißt, sich losreißt und nach dem Boote zurückwatet.
Auch Guntram Krafft wendet sich hastig. Noch einmal drückt er seiner Mutter die Hände — dann trifft sein Blick Gabriele. Sie hat bisher stumm zur Seite gestanden, jetzt plötzlich ist es, als ob ein Beben und Schüttern durch ihre schlanke Gestalt gehe, sie will nicht — sie muß ihm entgegenwanken, ihm die Hände reichen — zu ihm aufblicken ...
Herr des Himmels, welch ein Blick! welch ein Ausdruck in dem wunderholden Antlitz! Er zuckt zusammen, — er starrt sie an ...
So sah sie selbst damals Herrn von Heidler nicht an, als sie den kühnen Reiter um seiner Heldentaten willen bewunderte!
»Gabriele!« — murmelte er. — —
Ihre Lippen zittern, — sie drückt seine Hände fester, krampfhafter zwischen den ihren.
»Sie sind jetzt erschöpft, Graf — Sie können, Sie dürfen das Furchtbare nicht zum zweitenmal wagen!«
Wie ein Angstschrei klingt es zu ihm empor. Heiße Röte steigt in sein Antlitz, dieselbe, welche ehemals im Ballsaal seine Stirn färbte und ihr so weibisch und verächtlich deuchte, — jetzt sieht sein edles, kühnes Angesicht noch schöner darunter aus wie zuvor.
»Ich weiß nicht, was ich kann und tun darf, ich weiß nur, was ich muß!« klingt es wie ein Aufjauchzen von seinen Lippen, — sein strahlender Blick trifft noch einmal den ihren, dann gibt er ihre bebenden Hände jählings frei und springt in das Boot zurück.
»Chryste Kyrie —
Sei bei uns auf der See!«
Und abermals bäumt sich das Boot hoch auf und schießt hinaus in die grauenvolle, schäumende Wildnis der Wasser ... in die gähnende Finsternis hinein. —
Die Gräfin legt die Arme um Gabriele und neigt sekundenlang das Antlitz auf die Schulter des jungen Mädchens.
»Beten Sie für ihn, Gabriele! Beten Sie! Diese zweite Fahrt ist schlimmer, viel schlimmer, wie diese erste!«
Und dann richtet sich die Schirmvogtin von Hohen-Esp energisch auf und folgt festen Schritts den Männern, welche den bewußtlosen Schiffsjungen nach dem Rettungsschuppen tragen.
Nun gilt es auch für sie, treu und umsichtig ihres Amtes zu walten.
Sie muß dem Kranken die erste Pflege angedeihen lassen, für seine Überführung nach Hohen-Esp sorgen und das Unterkommen der gestrandeten Mannschaft bedenken.
Noch einmal zögert sie und blickt zurück, sie will Gabriele zu Hilfe an ihre Seite rufen, da sieht sie im dämmernden Mondlicht, wie die schlanke, weiße Mädchengestalt auf die Knie herniederbricht, wie sie die Hände in heißem, inbrünstigem Gebet verschlingt.
Ein seliges Lächeln geht über ihr ernstes Antlitz. Nein, sie darf nicht rufen.
Dieser lichte Engel muß am Strande treue Wacht halten!
Es ist stiller wie zuvor um Gabriele, — die Männer bergen die Rettungsgeschosse, welche überflüssig geworden sind, die Weiber und Kinder üben Samariterdienste an den Schiffbrüchigen.
Boten müssen nach der Burg gesandt werden, das Ingesinde hat Frau Gundula heimgeschickt, alles für die Ankunft des Kranken und der Mannschaft, welche in der »blauen Woge« kein Unterkommen mehr findet, vorzubereiten. Nun beginnt das Hasten und Treiben nach Dorf und Burg zu, und nur wenige sturmzerzauste Gestalten stehen wie dunkle Schatten am Strand bereit, die Heimkehr des Bootes rechtzeitig zu künden.
Still und einsam ist es um Gabriele.
Die hohe, leidenschaftliche Aufregung, welche sich ihrer zuvor bemächtigt, ist gewichen. Alles, was sie bisher empfunden, war eine glühende Begeisterung gewesen, das namenlose Entzücken, endlich das Bild ihrer Träume verkörpert zu sehen, den todesmutigen Helden zu schauen, welcher seit Jahren zum Inbegriff all ihres schwärmerischen Sehnens geworden war! —
Mit stürmendem Herzen hatte sie gestanden und das herrliche Bild Guntram Kraffts mit den Blicken umfaßt, als könne sie sich nicht satt schauen an einem solchen Schauspiel. Da hatte ihre Seele gejauchzt und den höchsten Flug genommen, da jagten ihre Pulse wie im Fieber, und nur ein Gefühl hatte sie beherrscht, die unaussprechliche Bewunderung eines Heldenmuts, dessen Größe sie kaum zu erfassen und begreifen vermochte!
Er war zurückgekehrt von seiner verwegenen Fahrt, und ihr war es zu Sinnen gewesen, als müsse sie vor ihm niederknien, seine Hände an die Lippen drücken und stammeln: »Vergib, du Gewaltiger, Herrlicher! vergib einer Blinden, daß sie dich ehemals so bitter und so ungerecht gekränkt! — Jetzt erst sind meine Augen geöffnet, und ich habe gesehen, wer du bist!« —
Jetzt erst? —
Ja, es ist so warm und licht in ihrem Herzen geworden, als ob nach langer, dunkler Winternacht der goldene Lenz erwachen solle!
Und als er ihr soeben in die Augen schaute, der kühne, sieghafte Held, als er sich stolz von ihr losriß und nichts Höheres und Heiligeres kannte, als seine Pflicht, — da fluteten die ersten, heißen Sonnenstrahlen durch ihr Herz, — da jauchzte es nicht mehr — »fahr' hinaus, und sei ein Held, auf daß ich dich bewundern kann!« — nein, da schrie es auf in zitternder Angst —: »bleibe hier, damit ich dich liebe!« —
Verweht und vergangen ist all die stolze Begeisterung, mit welcher sie ihn das erstemal das Wagnis vollbringen sah, — da konnte sie nicht beten für ihn, sondern nur schauen, schauen wie eine Berauschte, mit blitzenden Augen und wogender Brust!
Jetzt plötzlich rieselt es eiskalt durch ihre Adern, zitternde Todesangst kriecht ihr an das Herz, und die bleichen Lippen möchten aufschreien in bitterer Not um den Geliebten.
Wie ein Gespenst taucht plötzlich das Bildnis Wulffhardts vor ihr auf ... das entsetzliche Wort »ertrunken!« starrt sie mit grellen Buchstaben aus der schwarzwogenden See an — »ertrunken! — ertrunken ...!« —
Sie hebt in qualvollem Entsetzen die Hände, sie bricht nieder auf die Knie ... der Sturm weht über sie dahin und reißt das Spitzentuch von ihrem lockigen Haar.
Scharf und schneidend peitscht er den feinen Sand gegen ihr Antlitz und trinkt gierig die Tränen, welche haltlos über ihre Wangen tauen.
Wie aus dem geöffneten Rachen eines Ungeheuers brüllte die See, — die ehemals bespöttelte, so verächtlich belächelte See, und Gabriele fühlt, wie das Grauen sie schüttelt angesichts dieser zürnenden, furchtbar Gewaltigen! —
Ertrunken! —
Herr des Himmels, erbarme dich! —
Die Worte des Predigers klingen ihr plötzlich im Herzen, hell und zuversichtlich, wie ein jauchzendes Hosianna, welches alle Totenglocken übertönt! — »Das Gebet seines treuen Weibes ist des Seemanns sicherster Anker, ist der Mast, welcher nicht brechen kann, ist das Segel, welches in Sturm und Wetter nicht verloren geht! Das Gebet der gläubigen Liebe ist die Engelsschwinge, welche sein Schifflein durch Sturm und hohe Flut sicher in den Heimatshafen zurückführt.«
Das Gebet der gläubigen Liebe! —
Gabriele ist nicht das Weib des Schirmvogts von Hohen-Esp, sie hat nicht das Recht wie Mike, die junge, bräutliche Frau, den Geliebten mit Engelsschwingen sorgender Fürbitte zu umgeben, — aber Liebe! gläubige Liebe! Ja, die flammt ihr heiß und todgetreu im Herzen, eine Liebe, welche die Angst und Qual dieser finsteren Nachtstunde geboren! —
Wo bleibt er? —
Die Minuten schleichen dahin, — wie lang, wie entsetzlich lang währt diesmal die Fahrt!
Dort drüben liegt das Wrack ... schwarze, undurchdringliche Nacht umgibt es! —
Werden es die kühnen Retter sehen und finden? Wird die tosende Flut ihr Boot gegen die Schiffswand schleudern, daß es zerschellt ... daß alles junge Leben — alle süße, junge Liebe ein kaltes und tiefes Grab auf dem Meeresgrunde finde?
Herrgott, erbarme dich! —
Immer inbrünstiger, immer leidenschaftlicher ringt Gabriele die Hände im Gebet — und durch den Sturm klingt es wie goldene Harfen, und fernher vom Strand gellt ein Jubelschrei: »Sie kommen! — sie kommen!« —
Ein Lächeln irrt um Gabrieles Lippen, ihre Augen haften an dem Himmel, sie regt sich nicht.