17.

Die Lehren dieses Kapitels sind einleuchtend. Dennoch wird es Männern von menschenfreundlicher Gemüthsart sehr schwer, sie anzunehmen. Sie hoffen immer, die Menschen werden zu ihren Gunsten eine Ausnahme machen. Ihre eignen Gesinnungen verleiten sie auch in Andern entsprechende zu wünschen – vergeblich zu erwarten. Aber es wird im Gegentheil demjenigen, der einmal im Rufe der Menschenliebe steht, von allen Seiten angesonnen, sich gefallen zu lassen, was keinem Andern widerfährt, und das ist der wahre Grund, warum die angebliche Tugend der Gutmütigkeit – sehr verschieden von der Liebe zum Guten – so allgemein erhoben wird. Sie ist in Wahrheit [pg 150]nur Schwäche eines harmlosen Gemüths und schon im Privatleben verächtlich. Wer den Menschen im Ernste wohl will und für sie thätig sein möchte, muß kämpfen und überwinden, den widerstrebenden Eigennutz der Schlechtgesinnten in Furcht setzen, die Schwachen zwingen mitzuwirken und oft diejenigen selbst, denen er wohlthun will, nöthigen, ihr eigenes Bestes zu besorgen. Im öffentlichen Leben gibt es gar keinen größeren Fehler, als jene Gutmüthigkeit, die immer nachgibt: Schlechte schont und Gute preisgibt; bescheidene Selbstverleugnung vorschützt, um zurückzubleiben, wo es die Pflicht erfordert, hervorzutreten, und die verächtlichste Feigheit mit dem nichtswürdigen Ruhme der Sündhaftigkeit im Leiden, da wo man sich wehren sollte, beschönigt. Vorzüglich ist Nachgibigkeit und unzeitige Schonung im Verhältnisse zu Untergebenen verderblich. Die Liebe zu Vorgesetzten erfordert einen überwiegenden Zusatz von Achtung. Diese ist mit der Furcht näher verwandt, als mit der Zuneigung. Ein anderer Bestandtheil der Liebe zu Vorgesetzten ist Vertrauen auf ihren Schutz. Dazu gehört wieder die Ueberzeugung, daß Andre sich vor ihnen fürchten. In einem andern Sinne als Macchiavelli es behauptet, ist es in der That wahr: die Furcht ist das Band der bürgerlichen Gesellschaft.