Das Buch vom Fürsten.

Zueignung
an den Großmächtigen Lorenzo, Sohn des Piero, von Medici.[10]

Diejenigen, welche die Gunst eines Fürsten zu erwerben trachten, pflegen sich ihm mit dem zu nähern, was ihnen unter Allem, das sie besitzen, das Liebste ist, oder ihm am meisten zu gefallen scheint: daher ihm so oft Pferde, Waffen, Teppiche, Edelsteine und andre Zierrathen überreicht werden, die seiner Größe würdig scheinen. Indem ich mich Euch, großmächtiger Herr, mit einem Beweise meiner unterthänigen Ergebenheit zu nahen wünsche, finde ich nichts in meinem Vorrathe, was mir werther wäre, oder ich höher schätzte, als die Kenntniß der Handlungen großer Männer, die ich durch lange Erfahrung der neuern Zeit und unablässiges Lesen der Alten erworben. Diese habe ich mit großem Fleiße lange durchdacht und geprüft, und jetzt in ein kleines Buch zusammengefaßt, welches ich Euch überreiche, großmächtiger Herr. Und obgleich ich einsehe, daß es nicht werth sei, vor Euch gebracht zu werden, so hoffe ich doch von Eurer freundlichen Gemüthsart, es werde gut aufgenommen werden, in Anbetracht, daß ich kein größeres Geschenk zu geben vermag, als dieses, welches in den Stand [pg 32]setzt, in so kurzer Zeit Alles einzusehen, was ich in vielen Jahren, mit so vielen Gefahren und Mühseligkeiten erlernt und begriffen habe. Dieses Werk ist von mir nicht geschmückt, noch mit vielem Wortgepränge oder anderer Schminke und äußerer Zierde aufgeputzt, wie viele Andre ihre Werke zu schreiben und zu schmücken pflegen: weil ich wollte, daß die Sache selbst sich ehre und die Wahrheit des Inhalts und der Ernst der Ausführung allein das Buch empfehle. Es werde mir aber nicht als eine Anmaßung ausgelegt, daß ich, ein Mann von geringem Stande, es wage, über die Handlungen der Großen zu urtheilen, und mich erdreiste sie zurecht zu weisen. Denn so wie diejenigen, welche Landschaften aufnehmen, in die Ebene herabsteigen, um die Gestalt der Berge und Höhen zu betrachten, und auf die Berge steigen, um die Thäler zu beobachten, so erkennen zwar die Großen am besten die Natur des Volkes; um aber die Fürsten zu kennen, muß man aus dem Volke sein. Nehmt daher, großmächtiger Herr, dieses kleine Geschenk, in der Gesinnung, mit welcher ich es überreiche. Ihr werdet darin einen brennenden Wunsch sehen, daß Ihr zu der Größe gelangt, zu welcher Euch die Glücksumstände und andre Eigenschaften bestimmt haben. Wenn Eure Hoheit aber von Eurem erhabnen Standpunkte auf die niedern Orte herabsieht, in denen ich mich befinde, so werdet Ihr erkennen, mit welchem Unrechte ich ein anhaltendes widriges Schicksal ertragen muß.


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1. Verschiedene Arten der Herrschaft, und Wege, zu ihr zu gelangen.

Alle Staaten und Gewalten, welche Herrschaft über die Menschen gehabt haben und noch haben, sind Republiken oder Fürstenthümer. Diese sind entweder ererbt, indem sie von dem Geschlechte des Herrschers schon lange regiert worden sind; oder sie sind neu errichtet. Die neuen sind entweder von Grund aus neu, so wie die Herrschaft des Franz Sforza zu Mailand; oder sie sind nur als Theile dem erblichen Staate dessen, der das Land erwirbt, hinzugefügt, wie z. B. das Königreich Neapel dem Könige von Spanien gehört. Solche neu erworbene Staaten sind entweder schon früher an die Herrschaft gewöhnt gewesen, oder die Freiheit ist in ihnen hergebracht. Sie werden erworben: durch fremde Gewalt, oder durch eigne Kräfte; durch Glück, oder durch Tapferkeit.

2. Von den erblichen Fürstenthümern.

Von Republiken will ich nicht reden, weil dies von mir bereits in einem andern Werke ausführlich geschehen ist. Ich wende mich zur Alleinherrschaft, und werde nach der oben angegebenen Ordnung erörtern, wie solche erworben und behauptet werden kann. Ich sage also, daß in den erblichen Fürstenthümern, die an die Dynastie ihrer Herren gewöhnt sind, viel weniger Schwierigkeiten entstehen, sie zu erhalten und zu behaupten, als bei neuen: weil es nur darauf ankommt, die Verhältnisse, so wie sie unter den Vorfahren waren, nicht zu verändern, und bei allen Vorfällen in die Gelegenheit zu sehen. Ein solcher Fürst wird sich also stets auf dem Throne erhalten, es sei denn, daß ganz ungewöhnliche und außerordentliche äußere Gewalt ihn [pg 34]desselben beraube; und wird er der Herrschaft beraubt, so vermag er sie wieder zu erlangen, sobald dem, der sie ergriffen hat, etwas Widriges begegnet. Wir haben in Italien ein Beispiel an dem Herzoge von Ferrara, der den Venezianern im Jahre 1484 und darauf dem Papst Julius dem Zweiten durch nichts Anderes Widerstand geleistet hat, als durch seine in langer Zeit fest begründete Herrschaft. Denn der angeborne Fürst hat weniger Veranlassung, und ist selten in der Nothwendigkeit, zu beleidigen. Er ist daher mehr beliebt, und es ist natürlich, daß die Seinigen ihm wohlwollen, wenn er sich nicht durch außerordentliche Last verhaßt macht. In der Länge der Zeit einer fortgesetzten Herrschaft wird die Veranlassung und die Erinnerung der Neuerungen vergessen, wohingegen Eine Neuerung immer durch sich selbst die Veranlassung zu andern nachfolgenden zurückläßt.

3. Von vermischten Herrschaften.

Aber die neuen Herrschaften sind ganz andern Schwierigkeiten unterworfen. Und zwar erstens, wenn nicht das ganze Reich neu ist, sondern nur ein Theil davon, und es also ein vermischtes Reich genannt werden könnte, so entstehen gewaltsame Veränderungen aus natürlicher Schwierigkeit, welche allen neuen Herrschaften gemein ist, und daher rührt, daß die Menschen gern ihren Herrn verändern, in Hoffnung, daß es besser werden könne, und die Waffen hierauf ergreifen: darin aber irren sie, indem sie bald erfahren, daß es schlimmer wird. Und das liegt wieder in der Natur der Dinge: weil der neue Herr seine Unterthanen mit Soldaten und auf manche andre Art zu bedrücken genöthigt ist, blos weil die Herrschaft neu ist. Du wirst also alle diejenigen zu Feinden haben, die du durch die Eroberung selbst beleidigt hast, ohne diejenigen, durch deren Hilfe du Herr geworden bist, zu Freunden zu behalten, weil du sie nicht nach ihren Wünschen befriedigen kannst, [pg 35]und auch keine kräftigen Heilmittel anwenden darfst, wegen der Dankbarkeit, die du ihnen schuldig bist. Denn auch der Mächtigste bedarf der Begünstigung von Einheimischen, um in das Land einzudringen. Aus dieser Ursache hat Ludwig der Zwölfte von Frankreich Mailand so geschwind erobert, und so geschwind wieder verloren. Das erste Mal war die eigne Kraft des vertriebenen Herzogs Ludwig Sforza hinreichend, weil das Volk, das jenen eingeführt hatte und sich in seiner Hoffnung getäuscht fand, den Widerwillen gegen die neue Herrschaft nicht ertragen mochte. Es ist wahr, daß so zum zweiten Male eroberte Länder nicht wieder so leicht verloren gehen, weil der Herr von der Rebellion Veranlassung nimmt, sich durch strenge Maßregeln zu sichern, Verbrecher zu strafen, Verdacht aufzuklären, und an den schwachen Stellen Vorkehrungen zu treffen. Wenn es, um Mailand den Franzosen zu entreißen, das erste Mal hinreichend war, daß ein Herzog Ludwig an der Grenze Rumor anfing, so mußte sich zum zweiten Male die ganze Welt dagegen vereinigen, um die französischen Heere zu vernichten oder zu vertreiben. Die Ursachen sind oben angegeben. Dennoch verlor Frankreich das mailändische Gebiet zum zweiten Male. Die allgemeinen Veranlassungen der ersten Begebenheit sind erzählt; es bleibt also noch übrig, die Ursachen der zweiten zu betrachten, und die Mittel anzugeben, wie man sich in solcher Lage besser behaupten kann, als der König von Frankreich gethan hat. Ich sage also, daß solche Provinzen, welche erobert und mit den alten Staaten des Eroberers verbunden werden, entweder zu demselben Lande gehören und dieselbe Sprache reden, oder nicht. In dem ersten Falle ist es sehr leicht, sie festzuhalten, vorzüglich, wenn sie nicht an Unabhängigkeit gewöhnt gewesen sind. Um sie mit Sicherheit zu beherrschen, ist es hinreichend, die Familie ihrer vorigen Beherrscher auszurotten; denn weil die Einwohner ihre alten Gewohnheiten und Verhältnisse beibehalten, auch übrigens gleiche Sitten [pg 36]mit ihren neuen Mitunterthanen haben, so leben sie ruhig; wie man es in der Bretagne, Gascogne, Normandie gesehen hat, welche schon lange mit Frankreich verbunden sind. Wenngleich zwischen diesen Provinzen und dem übrigen Frankreich in der Sprache geringer Unterschied ist, so kommen doch die Sitten überein, und daher vertragen sie sich leicht mit einander. Wer solche Provinzen erobert hat und sie behalten will, muß auf zwei Dinge Rücksicht nehmen. Erstens: die Familie der vorigen Regenten zu verlöschen; zweitens: die alten Gesetze und Verfassungen nicht abzuändern: so werden alte und neue Staaten baldmöglichst zu einem Ganzen zusammenschmelzen. Aber wenn Provinzen eines Landes erobert werden, das an Sprache, Sitten, Verfassung verschieden ist, so entstehen Schwierigkeiten, und es gehört viel Glück und große Bemühung dazu, sie zu behalten.[11] Eines der kräftigsten Mittel ist, daß der Eroberer selbst sich hinbegebe, um daselbst seinen Wohnsitz aufzuschlagen. Dadurch wird der Besitz gesichert und dauerhaft. So haben es die Türken mit dem griechischen Reiche gemacht, welches sie trotz aller andern angewandten Bemühungen nicht hätten behaupten können, wenn sie nicht die Residenz in Konstantinopel genommen hätten. Denn wenn der Regent sich selbst da befindet, so sieht er alle Unordnungen in ihrer Entstehung und kann geschwind abhelfen. Ist er nicht gegenwärtig, so vernimmt er sie erst, wenn sie schon sehr angewachsen sind, und keine Hilfe mehr ist. Außerdem wird das Land nicht von den Beamten des Regenten ausgeplündert: es beruhigt die Einwohner, zu ihm selbst seine Zuflucht nehmen zu können. Ist er gut, so wird er geliebt; wo nicht, so wird er doch gefürchtet. Fremde, die den Staat angreifen möchten, haben mehr Rücksicht zu nehmen. So lange der Regent da wohnt, ist es schwer, ihn dessen zu berauben.

Das zweite vorzügliche Mittel ist, Colonien an einen oder zwei Orte zu senden, die Schlüssel des Landes sind. Dies ist nothwendig. Wer es unterläßt, muß wenigstens hinreichende Kriegsmacht daselbst halten. Die Colonien kosten dem Fürsten nicht viel. Er besetzt sie ohne vielen Aufwand und beleidigt nur diejenigen, die von Haus und Hof vertrieben werden, um neuen Bewohnern Platz zu machen. Dies ist immer nur der kleinere Theil. Diese Beleidigten leben zerstreut und sind arm: sie können wenig schaden, und alle übrigen werden leicht beruhigt, oder sie fürchten sich, daß es ihnen so ergehen möchte wie Jenen, wenn sie sich rührten. Wohl zu merken ist, daß die Menschen entweder zur Ruhe geschmeichelt, oder vernichtet werden müssen. Denn wegen geringer Beleidigungen rächen sie sich; wegen großer vermögen sie das nicht. Jede Verletzung muß also so zugefügt werden, daß keine Rache zu besorgen ist. Wird statt der Colonien Besatzung gehalten, so kostet das so viel, daß die Einkünfte des neuen Staats daraufgehen. Die Eroberung schlägt also zum Schaden aus und verletzt weit mehr, weil sie den ganzen neuen Staat trifft. Jeder fühlt die Last der Einquartierung, und Jeder wird Feind; diese Feinde aber bleiben, wenn sie geschlagen sind, in ihren eignen Wohnungen. Nach allen Seiten also ist diese Besatzung schädlich: die Colonien hingegen sind nützlich. Ferner muß der Herr einer solchen für sich bestehenden abgesonderten Provinz sich zum Oberhaupte und Beschützer der schwächern Nachbarn machen, und die Mächtigen unter ihnen zu schwächen suchen: vor allen Dingen aber verhindern, daß kein andrer Fremder, der so mächtig wäre als er selbst, hereindringt. Solche werden immer von Unzufriedenen, aus Ehrgeiz oder aus Furcht hereingelassen. Man hat einst gesehen, daß die Römer durch die Aetolier nach Griechenland gelassen wurden. Eben so sind sie in alle Länder, in die sie gedrungen, durch die Einwohner hereingerufen. Es geht damit also zu. Sobald ein Fremder in [pg 38]einem Lande Fuß faßt, so hängen sich alle Mindermächtigen in demselben an ihn, aus Neid gegen denjenigen, der im Lande selbst der Mächtigste war. Gegen jene Mindermächtigen ist also nur wenig zu thun. Sie sind leicht gewonnen, und machen gemeinschaftliche Sache mit dem neu eingedrungenen. Dieser hat nur zu sorgen, daß jene nicht mächtiger werden; und er kann leicht diejenigen, welche das Haupt emporheben, niederdrücken, und also selbst die Oberhand behalten. Wer diese Verhältnisse nicht gut zu regieren weiß, verliert seine Eroberung, und hat unendliche Mühe und Verdruß, so lange er sie behält. Die Römer führten ihre Sache in den eroberten Provinzen sehr gut, sandten Colonien hin, unterstützten die Schwachen, ohne sie zu stark werden zu lassen, demüthigten die Mächtigen, und ließen das Ansehen mächtiger Fremden nicht aufkommen. Griechenland dient hinlänglich zum Beispiele. Sie hielten die Achäer und Aetolier aufrecht, sie erniedrigten die Könige von Macedonien, vertrieben den Antiochus. Achäer und Aetolier konnten durch alle ihre Verdienste um sie doch nicht die Erlaubniß auswirken, irgend einen Staat mit sich zu verbinden; durch alle Schmeicheleien des Philipp ließen sie sich nicht verleiten, seine Freunde zu sein, ohne ihn niederzuhalten; Antiochus konnte mit aller seiner Macht nicht bewirken, daß sie ihm zugestanden hätten, in Griechenland festen Fuß zu fassen. Die Römer thaten in diesen Fällen, was alle vorsichtigen Regenten thun müssen, welche nicht allein auf die gegenwärtigen, sondern auch auf die künftigen Unruhen achten und diesen begegnen. Was man von ferne kommen sieht, dem ist leicht abzuhelfen; wenn man aber wartet, bis das Uebel da ist, so kommt die Arznei zu spät,[12] und es geht, wie die Aerzte von der Lungensucht sagen: daß sie zu Anfang leicht zu heilen, aber [pg 39]schwer zu erkennen; wenn sie aber im Anfange verkannt worden, in der Folge leicht zu erkennen und schwer zu heilen sei. Eben so geht es dem Staate. Auch in ihm sind die Uebel, die man von fern erkennt, (das vermag aber nur der, welcher Verstand hat) leicht und geschwind geheilt; hat man sie aber so weit anwachsen lassen, daß Jeder sie erkennt, so ist kein Mittel mehr dagegen zu finden. Die Römer also sahen die Verlegenheiten, ehe sie entstanden, von ferne, und ließen sie nicht näher kommen, um einen Krieg für den Augenblick zu vermeiden. Denn sie wußten, daß man einem Kriege nicht so entgeht, wol aber nur zum Vortheile des Gegners aufschiebt. Sie beschlossen also mit Philipp und Antiochus in Griechenland Krieg zu führen, um ihn nicht in Italien selbst bestehen zu müssen. Sie konnten ihn zu der Zeit wohl vermeiden; aber es gefiel ihnen nicht, was die Weisen unsrer Zeit im Munde führen: Zeit gewonnen, Alles gewonnen. Sie verließen sich vielmehr auf ihre Tapferkeit und Klugheit. Denn die Zeit treibt Alles vor sich her, Gutes wie Schlimmes; Schlimmes führt sie aber auch eben so leicht herbei als Gutes.

Jetzt wende ich mich zu Frankreich und will untersuchen, ob es eine ähnliche Politik beobachtet habe, und zwar rede ich von Ludwig dem Zwölften, und nicht von Karl dem Achten, weil jener sich länger in Italien gehalten hat, und der Gang seiner Unternehmungen daher klarer vor Augen liegt. Wir werden also sehen, wie er das Gegentheil von Allem gethan hat, was geschehen muß, um in einem fremden Lande Provinzen zu behaupten. Ludwig der Zwölfte ward in Italien durch den Ehrgeiz der Venezianer eingeführt, welche die Hälfte von Mailand dadurch zu erwerben hofften. Ich will diese seine Unternehmung nicht tadeln; denn da er einmal in Italien Fuß fassen wollte, und wegen des Betragens seines Vorfahren, Karl des Achten, keine Freunde in diesem Lande hatte, so mußte er wol die Verbindungen knüpfen, die sich anboten: und die Sache wäre [pg 40]auch gelungen, wenn er keinen anderweiten Fehler gemacht hätte. So wie der König die Lombardei eroberte, ward der Ruf, den Karl verloren hatte, bald wieder gewonnen; Genua fiel, und die Florentiner traten auf seine Seite. Alles kam ihm entgegen, der Marchese von Mantua, der Herzog von Ferrara, Bentivoglio (welcher Bologna inne hatte), die Dame von Forli, die Herren von Faenza, von Pesaro, von Rimini, von Camerino, von Piombino, die Republiken Lucca, Pisa, Siena, Alles bewarb sich um seine Freundschaft. Und nun konnten die Venezianer schon einsehen, wie unüberlegt sie gehandelt hatten, als sie, um selbst zwei Städte zu erlangen, ihn zum Herrn von zwei Dritttheilen von ganz Italien gemacht hatten. Jeder kann sehen, wie leicht es dem Könige gewesen wäre, sein Ansehen in Italien zu behaupten, wenn er die erwähnten Grundsätze befolgt, und dem großen Haufen seiner Freunde durch seinen Schutz Sicherheit gewährt hätte. Die große Zahl derselben mußte ihm wol anhängen, denn sie waren insgesammt schwach und fürchteten, einige den heiligen Stuhl, andere die Venezianer; durch sie aber konnte er wieder Alles, was noch groß und mächtig im Lande war, im Zaume halten. Kaum aber war er Herr von Mailand, so that er das Gegentheil, indem er dem Papst Alexander dem Sechsten zur Herrschaft in der Provinz Romagna verhalf. Er bemerkte nicht, daß er durch diese Entschließung sich selbst Freunde und Anhänger nahm, und den Papst erhob, da er diesem zu seinem so kräftigen geistlichen Ansehen noch so viel weltliche Macht gab. Dieser erste Fehler zog andere nach sich, so daß er am Ende selbst nach Italien kommen mußte, um der Macht Alexanders Grenzen zu setzen, und zu verhüten, daß dieser nicht Herr von Toscana werde. Nicht genug, daß er den Papst auf seine eignen Unkosten groß gemacht; aus Begierde, das Königreich Neapel zu erlangen, theilte er es mit dem Könige von Spanien. Das Schicksal von Italien war bis dahin ausschließlich in seinen [pg 41]Händen. Hiermit aber gab er sich selbst einen Genossen, an den Alle, die mit ihm unzufrieden waren, sich wenden konnten. Statt in jenem Reiche einen König zu lassen, der von ihm abhängig gewesen wäre, zog er einen hinein, der ihn selbst daraus vertreiben konnte. Sie ist in der That eine natürliche und gewöhnliche Sache, die Begierde zu Eroberungen: und die Menschen werden immer gelobt und nicht getadelt, die so etwas unternehmen, wenn sie es ausführen; wenn sie das aber nicht vermögen und doch unternehmen, es koste was es wolle: da liegt der Fehler, und darüber werden sie getadelt. Konnte Frankreich Neapel mit eignen Kräften angreifen, so mochte es dies thun: konnte es das nicht, so mußte es das Land nicht theilen. Und wenn die Theilung der Lombardei mit den Venezianern zu billigen war, weil man dieser Maßregel den Eingang in Italien verdankte, so verdient jene zweite Theilung Tadel, weil sie nicht nothwendig war. Ludwig beging also fünf Fehler. Er vernichtete die Mindermächtigen; vermehrte die Macht eines Mächtigen; rief einen sehr mächtigen Fremden herein; schlug selbst seinen Wohnsitz nicht im Lande auf und führte keine Colonien ein. Bei seinem eignen Leben hätten trotzdem diese fünf Fehler nicht geschadet, wenn nicht der sechste hinzugekommen wäre, die Venezianer herunterzubringen. Hätte er nicht den päpstlichen Stuhl so mächtig gemacht, und die Spanier nicht hereingerufen, so war es vernünftig und nothwendig, die Venezianer zu erniedrigen. Aber nachdem in jenes Erstere eingewilligt worden, durfte das Letztere nicht geschehen; denn so lange die Venezianer mächtig waren, hätten sie immer die Andern abgehalten, die Lombardei anzufallen. Sie hätten darin nie unter andrer Bedingung eingewilligt, als daß das Land ihnen selbst überliefert würde; die Andern hätten es aber nie den Franzosen nehmen mögen, um es den Venezianern zu geben, und beide zugleich zu bekriegen, hätte man nicht gewagt. Wendet man ein, König Ludwig habe dem Papst Alexander die [pg 42]Romagna, und Neapel den Spaniern zugestanden, um einen Krieg zu vermeiden, so antwortete ich: man muß aus den Gründen, die oben bereits angegeben wurden, niemals ein übles Verhältniß einreißen lassen, um einen Krieg zu vermeiden; denn er wird gar nicht vermieden, sondern nur zu deinem Nachtheile aufgeschoben. Sollte man mir aber etwa das Wort entgegensetzen, das der König dem Papste gegeben hatte, daß er ihm die Unternehmung auf die Romagna verstatten wolle, zum Lohne für die Einwilligung in Ludwigs Ehescheidung und für den erbetenen Cardinalshut des Erzbischofs von Rouen, so berufe ich mich auf das, was ich hiernächst über Treu und Glauben der Fürsten sagen werde, und über die Art, wie sie Wort halten müssen. König Ludwig hat also die Lombardei verloren, weil er nichts vom Allem beobachtet hat, wodurch Andere Länder erobert und behalten haben. Und so ist es gar nicht zu verwundern, sondern vielmehr sehr begreiflich und natürlich. Ich sprach darüber zu Nantes mit dem Cardinal d’Amboise, Erzbischof von Rouen, als der Herzog von Valentinois (wie der Cäsar Borgia, Sohn des Papstes Alexanders des Sechsten, gewöhnlich genannt zu werden pflegte), sich zum Herrn von der Romagna machte. Der Cardinal warf mir vor, die Italiener verständen sich nicht auf den Krieg. Ich erwiderte ihm aber, die Franzosen verständen sich nicht auf die Politik: sonst würden sie den heiligen Stuhl nicht so mächtig werden lassen. Die Erfahrung hat es bewiesen. Frankreich hat den Papst und die Spanier in Italien groß gemacht, und hat es selbst darüber verloren. Hieraus ist eine allgemeine Regel zu ziehen, die niemals oder doch selten trügt: Derjenige, der einen Andern groß macht, geht selbst zu Grunde. Denn es kann von ihm nur durch zwei Dinge bewerkstelligt werden: durch kluge Bemühung, oder durch Gewalt, und beides ist dem, der mächtig geworden ist, verdächtig.

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4. Warum das Reich des Darius nach Alexanders Tode gegen seine Nachfolger nicht aufstand?

Wenn man die Schwierigkeiten erwägt, welche es hat, eine neu errungene Herrschaft zu behaupten, so könnte man sich wundern, wie es zugegangen, daß das ganze von Alexander dem Großen innerhalb weniger Jahre eroberte asiatische Reich, welches er kaum in Besitz genommen, als er starb, und wovon man deswegen hätte glauben sollen, daß es gegen seine Nachfolger aufstehen werde, von diesen dennoch behauptet wurde, ohne alle andern Schwierigkeiten, als die, welche ihre eignen Uneinigkeiten erzeugten. Ich antworte darauf, daß alle Herrschaften, von denen man Kunde hat, auf zweierlei Weise regiert worden sind. Entweder durch einen Herrn, der sich nur solcher Diener bediente, die vermöge der ihnen aus Gnaden verliehenen Gewalt, blos als Werkzeuge, zu der Verwaltung mitwirkten; oder durch einen Herrn und kleinen Fürsten, die ihre Stellen nicht der Gnade des Herrn, sondern ihrer eignen Abkunft verdankten. Solche hohe Beamten haben eigne Länder und Untertanen, von denen sie als Herrn anerkannt werden, und die ihnen anhängen. Die Regenten, welche blos mittelst ihrer bestellten Beamten regieren, haben weit größeres Ansehn, weil Niemand im ganzen Lande ist, der nicht dieses Ansehn anerkennt: und wenn er einem Andern gehorcht, so ist es nur als dem Stellvertreter und Diener des Oberherrn. Solchen Personen sind aber die Unterthanen nicht sonderlich zugethan. Beispiele von beiden Arten von Regierungsform geben die Türken und die Franzosen. Das ganze türkische Reich wird von einem Monarchen regiert: die andern sind seine Diener. Es ist in Bezirke getheilt, die von einzelnen Personen verwaltet werden, welche der Sultan nach Willkür ein- und absetzt. Der König von Frankreich hingegen ist von einer großen Zahl von alten Fürstenhäusern umgeben, deren Herrschaft von ihren Unterthanen anerkannt [pg 44]und geliebt wird. Diese Fürsten haben Vorrechte, die der König nicht ohne Gefahr antasten kann. Wer diese beiden Regierungsformen betrachtet, wird finden, daß es schwer ist, das türkische Reich zu erobern: sobald es aber erobert wäre, würde es leicht sein, es zu behaupten. Die Schwierigkeiten der Eroberung sind folgende. Der Eroberer kann nicht durch inländische Fürsten hereingerufen werden, und darf nicht auf Unterstützung von Rebellen hoffen, aus oben angeführten Gründen. Da sie alle Knechte sind, so ist es schwer, sie zu bestechen, und wenn sie bestochen wären, so würde es wenig helfen, weil sie aus den angegebnen Ursachen nicht im Stande sind, das Volk mit in ihr Interesse zu ziehen. Wer also die Türken angreift, muß erwarten, sie einig zu finden, und darf nur auf seine eignen Kräfte rechnen, wenig auf die Uneinigkeit des Gegners. Wenn der Feind aber überwunden ist, so daß er keine Armee wieder aufzustellen vermag, so ist nichts mehr zu fürchten, als die regierende Familie, nach deren Untergange kein Mensch mehr Ansehn genug im Volke hat, mit Erfolg aufstehen zu können. So wie der Sieger vor dem Siege auf Niemand hoffen konnte, so hat er nach demselben Niemand mehr zu fürchten. Das Gegentheil findet statt bei Reichen, die so regiert werden, wie Frankreich, in die es leicht ist einzudringen, sobald man einen von den hohen Reichsbeamten gewonnen hat, unter denen sich immer Unzufriedne und Neuerungssüchtige finden. Diese vermögen es, aus oben angeführten Ursachen, den Weg ins Land zu öffnen, und den Sieg zu erleichtern. Nachdem aber hat es unendliche Schwierigkeiten, sich darin fest zu setzen: sowol mit denen, die Beistand geleistet haben, als mit den Ueberwundenen. Es ist alsdann nicht genug, das regierende Haus zu vertilgen: denn die Reichsherren bleiben übrig, die sich zu Häuptern aufwerfen, und das Land dem Eroberer bei erster Gelegenheit entreißen, wenn er sie weder zu vertilgen, noch zufrieden zu stellen weiß. Wenn man nun er[pg 45]wägt, von welcher Beschaffenheit das persische Reich war, so wird man viele Aehnlichkeit mit dem heutigen türkischen finden. Alexander brauchte also nur Schlachten zu gewinnen, und sobald Darius todt war, behielt der Sieger das Reich mit vollkommner Sicherheit. Auch seine Nachfolger hätten es in völliger Ruhe behalten können, und es entstanden in dem weiten Lande keine andern Unruhen, als die sie selbst durch ihre Uneinigkeiten erregten. Aber Länder, die solche Verfassung haben, wie Frankreich, kann man nicht so ruhig besitzen. In Spanien, in Frankreich, in Griechenland entstanden unaufhörliche Empörungen gegen die Römer, wegen der vielen einheimischen Fürsten. So lange das Angedenken an diese währte, blieb der Besitz ungewiß. Nachdem dieses aber erloschen war, erhielten sich die Römer durch ihre Macht und die Länge der Zeit in ruhigem Besitze. In der Folge, als die Römer unter sich selbst zerfielen, vermochte sogar jeder von ihnen einen Theil der Provinzen, nach Maßgabe des darin erlangten Ansehns, in sein Interesse zu ziehen, weil sie ihre eignen Fürsten ganz verloren hatten und keine andre Oberherrschaft anerkannten, als römische. Erwägt man dies Alles, so wird sich Niemand wundern, daß es Alexander so leicht wurde, Asien in Unterwürfigkeit zu halten, dagegen Andre, wie z. B. Pyrrhus, so viele Schwierigkeiten fanden, ihre Eroberungen zu behaupten. Der Grund liegt nicht sowol in der Heldenkraft des Eroberers, als in der verschiedenen Beschaffenheit der Eroberungen.

5. Wie Städte oder Fürstenthümer zu behandeln sind, die vor der Eroberung ihre eigne Verfassung hatten.

Wenn Staaten, welche erobert worden, wie wir angenommen haben, gewohnt gewesen sind, nach eignen Gesetzen und in Unabhängigkeit zu leben, so gibt es drei Wege, sie zu behandeln. Der erste ist, sie zu Grunde zu richten; der [pg 46]zweite, daß der Fürst seinen Wohnsitz daselbst aufschlage; der dritte, sie unter ihren eignen Gesetzen fortleben zu lassen, sich mit einer jährlichen Steuer zu begnügen, und die Regierung einer Oligarchie zu übergeben, vermittelst deren das Land in Unterwürfigkeit erhalten werde. Denn eine solche Regierung weiß wohl, daß sie sich nicht ohne Unterstützung ihres Schöpfers halten kann, und muß Alles thun, um ihm die Herrschaft zu sichern. Eine Stadt, die gewohnt gewesen ist, frei zu leben, wird am leichtesten durch ihre eignen Bürger im Gehorsam erhalten. Als Beispiele können hier die Spartaner und die Römer dienen. Die Spartaner hatten Athen und Theben inne, übergaben die Herrschaft derselben einigen Wenigen, und verloren ihre Eroberung trotzdem. Die Römer zerstörten Capua, Carthago, Numantia, und behaupteten sich daselbst. Sie versuchten es, Griechenland so zu beherrschen, wie die Spartaner es gemacht hatten, indem sie die Freiheit proclamirten und die einheimischen Gesetze bestehen ließen – und es mißlang; so daß sie gezwungen wurden, viele Städte im Lande zu zerstören, um die Herrschaft in demselben zu behaupten. Denn es gibt in der That kein sicheres Mittel dazu, als zu zerstören. Und wer sich zum Herrn einer Stadt macht, die gewohnt gewesen ist, in Freiheit zu leben, und sie nicht ganz auflöst, mag nur erwarten, selbst von ihr zu Grunde gerichtet zu werden. Denn der Name der Freiheit dient immer zum Vorwande des Aufstandes, und die alte Staatsverfassung wird weder über der Länge der Zeit noch über Wohlthaten vergessen. Was man aber auch immer für Vorkehrungen treffen mag, so kommen, wenn die Einwohner nicht getrennt und zerstreut werden, immer der alte Name und die alte Verfassung wieder zum Vorschein, so wie in Pisa nach so langen Jahren, die es unter der Herrschaft von Florenz gestanden hatte. Sind aber Städte oder Länder gewohnt gewesen, unter einem Fürsten zu leben, und dieser ist ihnen genommen und sein Geschlecht [pg 47]verlöscht; sind sie also gewohnt einen Fürsten zu haben, und haben doch keinen alten, so vertragen sie sich nicht darin, Einen aus ihrer Mitte zu erheben; frei leben aber können sie gar nicht. Sie ergreifen also die Waffen nicht so leicht, und ein Fürst bemächtigt sich ihrer ohne Mühe, und behält sie auch leicht im Gehorsam. Aber die Republiken bergen mehr Haß und das Andenken an die verlorne Freiheit. Man zerstört sie also am sichersten oder man wählt sie zur Residenz.

6. Von neuen Herrschaften, die durch eigne Waffen und Tapferkeit errungen werden.

Niemand wundre sich, wenn ich bei Allem, was ich von ganz neuen Herrschaften und von Regenten und Staaten überhaupt sagen werde, große Beispiele anführe. Denn da die Menschen fast immer in gebahnten Wegen gehen, und in ihren Handlungen Andre nachahmen, so muß bei allem Unvermögen, denen gleich zu kommen, die man nachahmt, ein Mann von Geist doch immer sich die edelsten Muster vorsetzen, damit er wenigstens, wenn seine Tugenden gleich das Ziel nicht erreichen, doch einigen Wohlgeruch von sich gebe; er muß es machen, wie kluge Schützen, die erkennen, daß das Ziel zu weit entfernt und der Bogen zu schwach sei, und deswegen die Richtung höher nehmen: nicht um durch Anstrengung bis dahin zu gelangen, sondern um dadurch das Ziel wenigstens zu erreichen. Ich sage also, daß ein neuer Fürst mehr oder weniger Schwierigkeit findet, sich in der Herrschaft zu behaupten, je nachdem er mehr oder weniger Geisteskräfte besitzt. Und da sowol Tapferkeit als Glück einen Privatmann auf den Fürstenstuhl erhebt, so können auch die Schwierigkeiten in der Behauptung der neuen Würde auf beiderlei Art vermieden oder vermindert werden. Oft hat der sich am längsten erhalten, der doch das wenigste Glück hatte. Es wird das Geschäft auch oft dadurch erleichtert, wenn der gänzliche Mangel andrer [pg 48]Staaten den Fürsten nöthigt, in seinem neuen Gebiete zu wohnen. Aber um auf die zu kommen, welche durch eigne Tapferkeit mehr als durch Glück auf einen Thron erhoben sind, so sage ich, daß Moses, Cyrus, Romulus, Theseus und ähnliche die vorzüglichsten gewesen sind. Von Moses ist hier nicht viel zu sagen, weil er nur ausführte, was ihm von Gott aufgetragen war, und er also nur deswegen bewundert zu werden verdient, weil Gott ihn seiner Aufträge würdigte. Wenn wir aber den Cyrus und Andere, die neue Herrschaften gegründet haben, betrachten, so finden wir sie selbst wirklich bewunderungswerth: auch sind sie wenig in ihrer Handlungsweise von Moses verschieden, dem göttliche Belehrung zu Statten kam. Wenn man ihr Leben und ihre Handlungen untersucht, so finden wir, daß sie dem Glücke wenig mehr als die Gelegenheit verdankten, das auszuführen, was sie ausgedacht hatten. Wenn die Gelegenheit gefehlt hätte, so wäre die Kraft ihres Geistes verhaucht: hätte es aber an dieser gefehlt, so wäre die Gelegenheit vergeblich dagewesen. So mußte Moses das israelitische Volk in egyptischer Sklaverei finden, damit es bereit sei, ihm zu folgen. Romulus mußte ausgesetzt werden, um den Gedanken zu fassen, Rom zu gründen und König zu werden. Cyrus mußte die Perser mit der medischen Herrschaft unzufrieden, und die Meder durch den langen Frieden weichlich und weibisch finden. Theseus konnte seinen Geist nicht beweisen, wenn er die Athenienser nicht zerstreut vorfand. Diese Gelegenheiten haben jene großen Männer glücklich gemacht: durch die Größe ihres Geistes aber erkannten sie die Gelegenheit, und dadurch ward ihr Vaterland glücklich und berühmt. Diejenigen, welche durch ähnliche Kraft Fürsten werden, haben Schwierigkeiten zu überwinden, um die Herrschaft zu erlangen: behaupten sie aber sehr leicht. Die Schwierigkeiten, die sie zu überwinden haben, entstehen zum Theil von den neuen Einrichtungen, die sie genöthigt sind einzuführen, um die [pg 49]neue Verfassung und ihre eigne Sicherheit zu begründen. Dabei muß man erwägen, daß es gar keine Sache von größerer Schwierigkeit und von zweifelhafterem Erfolge gibt, als sich zum Haupte einer neuen Staatsverfassung aufzuwerfen. Denn Alle die, welche sich in der alten Ordnung der Dinge wohl befanden, sind der neuen feindlich; und diese hat nur laue Verteidiger an denen, welche dabei zu gewinnen hoffen: theils, wegen der Furcht vor den Gegnern, welche die Gesetze für sich haben; theils, weil die Menschen von Natur mißtrauisch sind, und an eine neue Sache nicht glauben, bis sie sie wirklich klar vor sich sehen. Daher kommt es, daß diejenigen, die der neuen Ordnung feindlich sind, sie bei jeder Gelegenheit theilweise angreifen, die Freunde derselben sie aber mit solcher Lauheit vertheidigen, daß das Oberhaupt sammt ihnen in Gefahr gerathen kann. Um hier ein richtiges Urtheil zu fällen, muß man wohl untersuchen, ob die Neuerer auf eignen Füßen stehen, oder von Andern abhängen; ob sie mithin ihr Unternehmen mittelst guter Worte oder durch Gewalt durchsetzen können. Im ersten Falle geht es ihnen stets schlecht, und sie gelangen zu nichts. Wenn sie aber auf eignen Füßen stehen und durch eigne Kräfte mit Gewalt durchsetzen können, so mißlingt es selten. Daher haben alle bewaffneten Propheten den Sieg davongetragen; die unbewaffneten aber sind zu Grunde gegangen; denn zu jenen Ursachen kommt noch der Wankelmuth des Volks hinzu, welches sich leicht etwas einreden läßt, aber sehr schwer dabei festzuhalten ist. Und der Plan muß so angelegt sein, daß, wenn sie aufhören zu glauben, man sie mit Gewalt dazu anhalten kann. Moses, Cyrus, Theseus, Romulus hätten ihre Anordnungen nicht lange aufrecht erhalten können, wenn sie nicht Gewalt der Waffen hätten gebrauchen können; so wie es zu unsern Zeiten dem Fra Girolamo Savonarola gegangen ist, der mit sammt seiner neuen Staatsverfassung zu Grunde ging, als das Volk aufhörte ihm zu glauben, und er keine Mittel [pg 50]hatte, seine Jünger beim Glauben festzuhalten, und die Ungläubigen zu überführen. Solche haben daher große Schwierigkeiten zu überwinden, und müssen dies Abenteuer durch ihre eigne Tapferkeit bestehen. Sobald sie aber gesiegt haben und anfangen hohes Ansehn zu erlangen, ihre Neider daneben aus dem Wege geschafft sind, so bleiben sie mächtig, sicher, geehrt und glücklich. So großen Beispielen will ich noch eins hinzufügen, das zwar geringer ist, aber doch damit verglichen werden kann, und statt aller andern ähnlichen dienen soll. Dies sei Hiero von Syracus. Er ward aus einem Privatmann Fürst von Syracus, und das Glück hatte keinen weitern Antheil daran, als daß es die Gelegenheit herbeiführte: denn die Syracusaner, welche unterdrückt waren, wählten ihn zu ihrem Anführer, und in dieser Stelle erwarb er sich durch Verdienste die fürstliche Würde. Seine Eigenschaften waren so edel, daß von ihm erzählt wird, es habe schon als Privatmann ihm nichts zum Herrschen gefehlt, als die wirkliche Herrschaft selbst. Er löste die alte Armee auf und schuf eine neue; verließ seine alten Verbindungen und knüpfte neue an. Zahlreiche Freunde und Krieger hingen ihm an, mit deren Hilfe er jede Verfassung einrichten konnte: also, daß er zwar viele Mühe hatte aufwenden müssen, um zu erwerben, aber nur wenig, um das Erworbene zu behaupten.

7. Von neuen Fürstenthümern, die durch fremde Unterstützung und durch Glücksfälle erworben werden.

Diejenigen, welche durch bloßes Glück Fürsten werden, gelangen dazu ohne sonderliche Mühe; aber sich auf dem Throne zu erhalten, wird ihnen schwer. Auf dem Wege fanden sie keine Schwierigkeiten; denn sie wurden hinaufgehoben: aber wenn sie oben sind, so beginnen jene. Dieses trifft diejenigen, welche für Geld oder durch die Gnade eines Andern Fürsten geworden sind: zum Beispiel manche [pg 51]Griechen sind vom Darius zu Fürsten in Ionien und am Hellespont gemacht, damit sie seine Sicherheit und sein Ansehn beförderten. So auch sind viele Kaiser durch Bestechung der Soldaten zu ihrer Würde gelangt. Diese hängen lediglich vom guten Willen und dem Schicksale derer ab, welchen sie ihre Erhebung verdanken; Beides aber gehört zu den wandelbarsten Dingen auf Erden. Sie verstehen sich nicht darauf, und sie vermögen es auch nicht, sich auf einer solchen Stelle zu erhalten; denn wenn es nicht etwa ein Mann von großem Geiste und Kraft ist, so kann man nicht voraussetzen, daß derjenige, der immer im Privatstande gelebt hat, zu befehlen wisse: sie vermögen es auch nicht, weil sie keine Mannschaft haben, die ihnen ergeben und treu wäre. Ferner können plötzlich entstandene Herrschaften, gleichwie Alles, was geschwind entsteht und wächst, keine tiefen Wurzeln schlagen; mithin reißt der erste Sturm sie aus: es sei denn, daß derjenige, den das Glück erhoben hat, so viel Verstand und Talent habe, das, was ihm der Zufall in den Schooß geworfen hat, zu bewahren, und die Unterlage nachzuholen, die Andre sich angeschafft haben, ehe sie Fürsten wurden. Von jeder der beiden angegebenen Arten dazu zu gelangen, will ich je ein Beispiel aus der Geschichte unsrer Tage anführen. Diese sind Francesco Sforza und Cäsar Borgia. Der Erste ward durch große Tapferkeit und überlegte Anwendung der gehörigen Mittel Herzog von Mailand. Was er mit vieler Mühe erworben hatte, ward ihm durch die Umstände leicht zu bewahren. Der Andre, Cäsar Borgia, (insgemein Herzog von Valentinois genannt), gelangte zu seiner hohen Stelle durch den Glücksstern seines Vaters, und verlor sie zugleich mit diesem, trotzdem er alle mögliche Bemühung anwandte und Alles that, was ein kluger und muthiger Mann zu thun hat, um in dem Staate, den er durch die Waffen und das Glück eines Andern erhalten hatte, feste Wurzeln zu treiben. Denn wie schon gesagt ist, wer nicht [pg 52]damit angefangen hat, Grund zu legen, kann es allenfalls durch große Anstrengung nachholen, allemal aber doch mit Gefahr des Baumeisters und des Gebäudes. Bei der Betrachtung aller Fortschritte des Herzogs wird man finden, wie viel er gethan, um zu seiner künftigen Größe festen Grund zu legen. Ich halte es nicht überflüssig, dieses ausführlich darzuthun, weil ich einem neuen Fürsten keinen bessern Rath zu geben weiß, als seinem Beispiele zu folgen: und wenn seine Anstalten den Zweck dennoch verfehlten, so lag die Schuld nicht an ihm, sondern an einem ganz außerordentlichen und höchst widerwärtigen Schicksale.

Alexander der Sechste fand große Schwierigkeiten in dem Plane, seinen Sohn zu erheben: und das sowol in der Gegenwart als in der Zukunft. Vor Allem sah er gar keinen Weg, ihm zu andern Besitzungen zu verhelfen, als zu solchen, die im Kirchenstaate lagen. Er wußte aber wohl, daß der Herzog von Mailand und die Venezianer das nicht verstatten würden, weil Faenza und Rimino schon unter venezianischem Schutze waren. Außerdem sah er, daß die italienischen Waffen, besonders diejenigen, deren er sich bedienen konnte, denen anhingen, welche die Größe des päpstlichen Stuhls fürchteten. Sie waren sämmtlich den Orsini und den Colonna ergeben, und mithin war ihnen nicht zu trauen. Es war also nothwendig, diese Verhältnisse zu stören, und in den Staaten von Italien Alles aufzurühren, um sich eines Theils derselben zu bemächtigen. Dies ward ihm leicht, weil die Venezianer aus andern Ursachen damit beschäftigt waren, die Franzosen wieder in Italien hereinzuziehen. Alexander widersetzte sich diesem also nicht, sondern begünstigte es vielmehr durch die Einwilligung, welche er zu der Ehescheidung des Königs Ludwig des Zwölften ertheilte. Dieser brach hierauf in Italien ein mit Zustimmung der Venezianer und des Papstes: und kaum war er in Mailand, so hatte Alexander auch schon wegen des großen Rufs der französischen Macht [pg 53]hinreichende Mannschaft, um seine Unternehmung auf Romagna zu beginnen. Als er diese Provinz erobert und die Partei der Colonna geschlagen hatte, und nunmehro diese Eroberung sichern und weiter gehen wollte, standen ihm zwei Dinge im Wege. Erstens die unzuverlässige Treue seiner Soldaten; zweitens die Gesinnungen des Königs von Frankreich. Er fürchtete, daß die Truppen der Orsini, deren er sich bedient hatte, von ihm abfallen, und nicht allein an weitern Eroberungen verhindern, sondern auch die gemachten wieder entreißen möchten. Vom Könige fürchtete er das Nämliche. Mit den Orsini hatte er es ganz recht errathen: wie sich bewies, als er nach der Eroberung von Faenza Anstalt machte, Bologna zu belagern, und sie dabei so schlaff zu Werke gingen. In Ansehung des Königs ward die Sache klar, als er nach der Besetzung des Herzogthums Urbino Toscana angriff, und der König ihn nöthigte, von dieser Unternehmung abzustehen. Hierauf beschloß der Herzog, sich nicht weiter in Abhängigkeit von fremdem Glücke und fremden Waffen zu setzen. Er fing also damit an, die Parteien der Orsini und Colonna in Rom zu schwächen, indem er alle Edelleute, die ihnen anhingen, zu sich überzog, durch Stellen, Geld und Ehre, welches Alles er ihnen gab. In wenig Monaten war die Zuneigung zu ihren vorigen Anführern verlöscht und hatte sich ganz zu dem Herzoge gewandt. Hierauf sah er die Gelegenheit ab, die Orsini zu vernichten, so wie er schon die Colonna auseinander gesprengt hatte: und das ging ihm noch besser von statten. Die Orsini hatten sehr spät gemerkt, daß die Größe des Herzogs und des päpstlichen Stuhls ihnen den Untergang bereite, und sie kamen darüber zu Magione im Perusinischen zusammen. Hieraus entstanden die Rebellion von Urbino, die Aufstände in Romagna und unzählige Gefahren des Herzogs, die er mit Hilfe der Franzosen überstand. Als er aber dadurch wieder zu Ehren gelangt war und den Franzosen nicht traute, [pg 54]andern fremden Truppen eben so wenig, sie auch nicht auf die Probe stellen konnte, so legte er sich darauf, sie zu hintergehen, und wußte sich wirklich so zu verstellen, daß die Orsini sich mit ihm durch Vermittlung des Herrn Pagolo Orsini versöhnten. Er versäumte hierauf nichts, um sie zu gewinnen, beschenkte sie mit Kleidern, Geld und Pferden, bis sie sich einfältigerweise nach Sinigaglia in seine Hände locken ließen. Als er hier die Oberhäupter aus dem Wege geschafft und ihre Anhänger unterwürfig gemacht hatte, so war ein guter Grund zur Herrschaft gelegt, indem er ganz Romagna und das Herzogthum Urbino in seine Botmäßigkeit gebracht, und die Völker anfingen, sich darunter wohl zu befinden. Dieser Theil seines Betragens ist vorzüglich würdig, beachtet und nachgeahmt zu werden: daher ich mich darüber etwas verbreiten muß. Nachdem der Herzog die Romagna unter sich gebracht hatte, so fand er, daß dies Land ohnmächtigen Herren angehört hatte, die ihre Unterthanen mehr ausgeplündert als regiert, und mehr Unordnung veranlaßt, als öffentliche Ordnung gehandhabt hatten, so daß diese Provinzen voll von Straßenraub, Parteigängerei und aller Art von Gewalttätigkeit waren. Er fand also nöthig, sie zu beruhigen und der Obrigkeit unterthan zu machen. Zu diesem Ende gab er ihr den Remiro d’Orco zum Vorgesetzten, einen entschlossenen und grausamen Mann. Ihm ertheilte er volle Gewalt. Derselbe erwarb sich großen Ruhm, indem er das Land in kurzer Zeit zur Ruhe und Sicherheit brachte. Hierauf aber schien es dem Herzoge, daß eine so ausnehmende Gewalt nicht mehr gut angebracht sei, weil sie verhaßt werden möchte. Er ordnete also unter dem Vorsitze eines ganz vorzüglichen Mannes mitten im Lande einen Gerichtshof an, bei welchem jede Stadt ihren Vertreter hatte. Weil die vorige Strenge aber einigen Haß erzeugt hatte, so suchte er diesen auszulöschen und das Volk vollends dadurch zu gewinnen, daß er ihm bewiese, alle begangenen Grausamkeiten rührten nicht von [pg 55]ihm her, sondern von der rauhen Gemüthsart seines Stellvertreters. Er ergriff die erste Veranlassung, ihn eines Tages zu Cesena auf dem öffentlichen Markte in zwei Stücke zerrissen auszustellen, mit einem Stücke Holz und einem blutigen Messer zur Seite. Durch diesen gräßlichen Anblick erhielt das Volk einige Befriedigung und ward eine Zeit lang in dumpfer Ruhe gehalten. Aber um wieder auf die Unternehmung des Herzogs zurückzukommen, so fand sich derselbe mächtig genug und für den Augenblick gegen alle Gefahren gesichert, da er nach seiner Weise hinreichende Mannschaft angeworben, und die Truppen derer, die ihm in der Nähe gefährlich werden konnten, vernichtet hatte. Um weitere Eroberungen versuchen zu können, blieb nur die Rücksicht auf Frankreich übrig, von woher es schwerlich zugegeben werden konnte, nachdem der König den Fehler, den er begangen, obwol spät, eingesehen. Er fing also an, sich um neue Freundschaften zu bewerben, und mit Frankreich ein zweideutiges Betragen anzunehmen, als ein französisches Heer sich nach dem Königreiche Neapel zu gegen die Spanier zu bewegen anfing, die Gaeta belagerten. Seine Absicht war, sich dieser letztern zu versichern, und das wäre gelungen, wenn nur Alexander VI. leben blieb. So viel that er in Rücksicht auf die Gegenwart. In der Zukunft hatte er vornehmlich zu fürchten, daß ein nachfolgender Papst ihm weniger gewogen sein, und das nehmen möchte, was Alexander ihm gegeben hatte. Hiegegen hatte er vor, sich durch vier Mittel sicher zu stellen. Erstens, durch Vertilgung aller Geschlechter der ihrer Herrschaften beraubten Großen, um den Päpsten die Veranlassung zu entziehen, etwas gegen ihn vorzunehmen; zweitens dadurch, daß er alle Edelleute von Rom zu gewinnen trachtete, um mittelst derselben den Papst selbst im Zaume zu halten; drittens, indem er sich im Cardinals-Collegium so viele Freunde als möglich machte; und endlich viertens, indem er sich vor dem Tode des Papstes eine so große Herrschaft zu er[pg 56]werben suchte, daß er einem ersten Anfalle mit eignen Kräften hinlänglich widerstehen könne. Von diesen vier Dingen hatte er beim Tode Alexanders drei ganz und das letzte beinahe vollführt. Von den beraubten Herren hatte er, so viel er erreichen konnte, tödten lassen, und sehr wenige waren entkommen, die römischen Edelleute hatte er gewonnen, im Cardinals-Collegium hatte er die meisten auf seiner Seite. Was aber die Eroberungen betrifft, so hatte er es darauf angelegt, Toscana unter sich zu bringen: Perugia und Piombino aber besaß er wirklich, und Pisa hatte er unter seinen Schutz genommen. Gleich als wenn er auf Frankreich gar keine Rücksicht mehr zu nehmen hätte, (und wirklich konnte er dessen überhoben sein, nachdem die Spanier den Franzosen das Königreich Neapel abgenommen hatten, und nunmehro beide Theile sich um seine Freundschaft bewerben mußten) erklärte er sich zum Herrn von Pisa, worauf Lucca und Siena fallen mußten, theils wegen der Eifersucht gegen Florenz, theils aus Furcht; Florenz selbst hatte keinen Ausweg. Wenn dies gelungen wäre (und es mußte in dem nämlichen Jahre gelingen, in welchem Alexander starb), so erwarb er solchen Namen und solche Kräfte, daß er für sich selbst bestehen konnte, ohne von dem Schicksale oder der Macht eines Andern abhängig zu sein, sondern ganz allein von eigner Macht und Tapferkeit. Aber Papst Alexander starb fünf Jahre nachdem er das Schwert gezogen hatte. Er hinterließ seinen Sohn in folgender Lage. In Romagna allein festgegründete Herrschaft; mit allen übrigen noch in der Luft, und zwischen zwei sehr mächtigen feindlichen Heeren; dazu tödtlich krank. Der Herzog hatte solchen frechen Muth und solche Ueberlegenheit des Gemüths, er wußte so gut, wie man Menschen für sich gewinnt, und die Fundamente seiner Herrschaft, die er in so kurzer Zeit gelegt hatte, waren so fest gegründet, daß er alle Schwierigkeiten überwunden hätte, wenn er nicht nur jene beiden feindlichen Heere auf dem [pg 57]Halse gehabt, oder gesund gewesen wäre. Daß sein Ansehn gut begründet war, dafür dient zum Beweise, daß man ihn in Romagna über einen Monat lang ruhig erwartete; daß er in Rom selbst halb todt sicher war, und daß die Baglioni Vitelli und Orsini, die nach Rom kamen, sich keinen Anhang gegen ihn machen konnten. Er konnte, wo nicht den neuen Papst machen, doch verhindern, daß Keiner Papst werde, den er nicht wollte. Wäre er vollends beim Tode Alexanders gesund gewesen, so war ihm Alles leicht. Am Tage selbst, da Julius der Zweite auf den päpstlichen Stuhl erhoben ward, sagte er mir, er hätte an Alles gedacht, was beim Tode seines Vaters vorgehen könne, und Mittel gegen Alles ausgefunden; nur daran habe er nicht gedacht, daß er zu gleicher Zeit nahe am Tode sein könne. Wenn ich nun alle Handlungen des Herzogs zusammennehme, so kann ich ihn nicht tadeln. Vielmehr muß ich ihn allen denen als Muster aufstellen, die durch Glück und fremde Macht zu einer Herrschaft gelangen. Bei seinem hohen Geiste und dem Ziele, das er sich vorgesetzt hatte, konnte er nicht anders handeln. Der frühe Tod seines Vaters und seine eigene tödtliche Krankheit waren es allein, die seine Pläne störten. Wer also in seiner neuen Fürstenwürde nöthig findet, sich gegen Feinde sicher zu stellen, Freunde zu erwerben, zu siegen, sei es durch Gewalt oder durch List, sich beim Volke beliebt und gefürchtet zu machen, Anhang und Ansehn unter Soldaten zu verschaffen, vertilgen die beleidigen könnten, oder es nach ihrer Lage müssen, die alte Ordnung der Dinge auf eigne Weise erneuern, streng und gnädig sein, großmüthig und freigebig, untreue Kriegsheere auflösen, neue anwerben, die Freundschaft von Königen und Fürsten erlangen, so daß sie sich gern gefällig beweisen, und hüten zu beleidigen, der wird kein lebendigeres Beispiel finden, als die Handlungen dieses Mannes. Der einzige Vorwurf, den man ihm machen kann, ist der Theil, den er an der Wahl Papst Julius des Zwei[pg 58]ten nahm. Denn, wenn er gleich, wie oben gesagt ist, keinen Papst nach seinem eignen Sinne machen konnte, so vermochte er doch zu verhindern, und durfte nie einwilligen, daß einer von den Cardinälen erhoben würde, die ihn beleidigt hatten, oder die ihn, sobald sie den päpstlichen Stuhl bestiegen hatten, fürchten mußten. Denn die Menschen befeinden, entweder aus Haß oder aus Furcht. Diejenigen, die ihn beleidigt hatten, waren unter Andern der Cardinal von San Pietro ad Vincula, Colonna, San Giorgia, Ascania. Alle andern aber mußten ihn fürchten, sobald sie Papst wurden: nur allein den von Rouen und die spanischen ausgenommen. Diese wegen Verwandtschaft und Verbindlichkeiten; Jener, weil er dazu durch seine Verbindung mit dem Könige von Frankreich zu mächtig war. Der Herzog mußte also vor allen Dingen darauf dringen, daß einer von den spanischen Cardinälen zum Papst gewählt würde. Konnte er das nicht durchsetzen, so mußte er seine Zustimmung dem Cardinal von Rouen geben, und nicht dem von San Pietro ad Vincula.[13] Denn wer da glaubt, daß neue Wohlthaten bei den Großen alte Beleidigungen vergessen machen, der irrt sich. Der Herzog beging mithin bei dieser Wahl einen Fehler, welcher Ursache seines eignen Untergangs geworden ist.

8. Von Denjenigen, welche durch Verbrechen zur Herrschaft gelangen.

Es gibt noch zwei Wege, aus dem Privatstande zur fürstlichen Würde zu gelangen, ohne sie weder ganz dem Glücke, noch der eignen Kraft und Tugend zu verdanken. Ich will sie also hier erwähnen, obgleich von dem einen ausführlicher da gehandelt werden mag, wo von Republiken die Rede ist. Sie sind folgende. Wenn Jemand auf verbrecherischen und verruchten Wegen zur Herrschaft ge[pg 59]langt; und wenn der Bürger eines Freistaates durch die Gunst seiner Mitbürger auf den Fürstenstuhl erhoben wird. Hier also zuerst von jenem ersten Wege, von dem ich zwei Beispiele anführen will; ein altes und ein neues: ohne jedoch weiter in die Untersuchung darüber einzugehen, weil sie nach meinem Urtheile für denjenigen hinlänglich klar sind, der sich im Falle befindet, sie nachahmen zu müssen. Agathokles, der Sicilianer, ward nicht allein aus dem Stande eines Privatmannes, sondern sogar aus der niedrigsten und verworfenen Lage König von Syracus. Er war der Sohn eines Goldschmieds, und führte durch alle Stufen seines Glücks ein verruchtes Leben. Daneben besaß er aber solche Vorzüge des Geistes und des Körpers, daß er vom Soldaten bis zum Prätor von Syracus aufstieg. Hierauf beschloß er, Fürst zu werden und die Macht, die ihm eingeräumt war, mit Gewalt an sich zu halten, ohne dem guten Willen weiter etwas zu verdanken. Er verabredete sich darüber mit dem Amilcar, der mit einem carthagischen Heere in Sicilien stand; berief eines Morgens den Senat und das Volk von Syracus zusammen, unter dem Vorwande, daß er über Angelegenheiten des gemeinen Wesens zu rathschlagen hätte; ließ aber auf ein gegebenes Zeichen durch seine Soldaten alle Rathsherrn und die Reichsten vom Volke ermorden. Nachdem dieses vollbracht war, ergriff er die Herrschaft und hielt sie an sich, ohne daß irgend welche innere Bewegungen im Staate erfolgt wären. Er ward zwar zweimal von den Carthaginiensern geschlagen und zuletzt belagert, blieb aber doch nicht allein im Stande, die Stadt zu vertheidigen, sondern mit einem Theile seiner Macht, wovon er den andern zurückließ, Afrika selbst anzugreifen, dadurch Syracus in kurzer Zeit zu befreien und die Carthaginienser in das äußerste Gedränge zu bringen. Diese wurden genöthigt, sich mit ihm zu vergleichen, sich mit Afrika zu begnügen und ihm Sicilien zu lassen. Wer seine Handlungen und seine Tapferkeit erwägt, [pg 60]wird finden, daß hier in der That wenig dem Glücke beigemessen werden kann: da er, so wie oben gesagt worden, nicht durch Gunst eines Andern, sondern vielmehr durch ein mit vielem Ungemache und Gefahren errungenes Aufsteigen im Heere zur fürstlichen Würde gelangte, und diese mit so großer Entschlossenheit und Dreistigkeit in Gefahren behauptete. Man kann es nicht Tugend nennen, seine Mitbürger ermorden, Freunde verrathen, ohne Treu und Glauben sein, ohne menschliches Gefühl, ohne Religion. So kann man wol zur Herrschaft gelangen, aber keinen Ruhm erwerben. Wenn man nur die kriegerischen Tugenden erwägt, die Agathokles bewies, indem er sich in Gefahr begab und sie bestand: den großen Sinn, womit er das Unglück ertrug und bestand: so ist nicht abzusehen, worin er eben von den größten Feldherrn so sehr übertroffen werde. Aber seine wilde Grausamkeit, sein Mangel an menschlichem Gefühle und zahllose Unthaten erlauben nicht, ihn unter die vorzüglichsten Menschen zu zählen. Man kann also weder dem Glücke noch seiner Tugend zuschreiben, was er ohne das Eine und ohne das Andre erlangt hat.[14] Zu unsern Zeiten ist unter der Regierung Papst Alexander des Sechsten der Oliverotto von Fermo, der vor gar wenigen Jahren noch ganz klein gewesen war, von einem Oheime mütterlicher Seite, Namens Giovanni Fogliano, erzogen, und in seinen ersten Jugendjahren zum Kriegsdienste unter Paul Vitelli angehalten, damit er durch diese Zucht zu einer angesehenen Kriegsstelle gelangen möchte. Nach Pauls Tode diente er unter dessen Bruder Vitellozzo, und als ein Mensch von lebhaftem Verstande, von körperlichen und geistigen Vorzügen, ward er in kurzer Zeit einer der Ersten in dem [pg 61]Heere. Da es ihm aber zu niedrig war, unter Andern zu dienen, so versuchte er durch Hilfe einiger Bürger von Fermo, die lieber Knechte sein, als ihr Vaterland frei sehen mochten, und durch Unterstützung des Vitellozzo die Stadt Fermo unter sich zu bringen, und schrieb an Giovanni Fogliani, daß er nach so vielen Jahren einmal nach Hause kommen und nach seinem Erbtheile sehen wolle; weil er aber bis dahin nur nach Ehre gestrebt habe, so wolle er, damit seine Mitbürger sähen, wie er seine Zeit nicht vergeblich verwandt habe, auf eine anständige Art und in Begleitung von hundert Reitern, Freunden und Anhängern, erscheinen. Er bäte also, die Einwohner von Fermo möchten bewogen werden, ihn recht anständig zu empfangen; was ja ihm, seinem Oheime selbst, der ihn erzogen, zur Ehre gereichen würde. Giovanni versäumte nichts gegen seinen Neffen, bereitete ihm einen ehrenvollen Empfang von den Einwohnern von Fermo und nahm ihn in seinem Hause auf, wo der Oliverotto nach einigen Tagen, die mit Zubereitungen zu seiner Schandthat zugebracht wurden, ein Gastmahl gab, zu welchem er den Giovanni selbst und Alles, was in Fermo angesehen war, einlud. Nachdem die Mahlzeit und was sonst bei solchen Festen vorzugehen pflegt, beendigt war, fing Oliverotto absichtlich ernsthafte Gespräche an, redete vom Papst Alexander und seinem Sohne Cäsar und deren Unternehmungen. Da Giovanni und Andre sich hierauf einließen, stand er plötzlich auf, sagte, dies seien Sachen, die in einem geheimern Orte abgehandelt werden müßten, und zog sich in eine Kammer zurück, wohin ihm Giovanni und andre Bürger folgten. Kaum aber hatten sie sich gesetzt, so brachen aus verborgenen Orten Soldaten hervor, die den Giovanni und alle Andern umbrachten. Nach dieser Mordthat stieg Oliverotto zu Pferde, eilte durch die Stadt und schloß die Magistratspersonen im Rathhause ein. Diese wurden durch Furcht bewogen sich ihm zu unterwerfen, und ihn an die Spitze des Staates zu stellen. [pg 62]Da nun Alle, deren übler Wille ihm schaden konnte, getödtet waren, so befestigte er seine Herrschaft durch neue Anordnungen, bürgerliche und militärische: so daß er während des Jahres, da er die Herrschaft behielt, nicht allein in Fermo sicher, sondern auch allen Nachbarn furchtbar war. Es wäre schwer gewesen, ihn zu überwältigen, eben wie den Agathokles; wenn er sich nicht mit den Orsini und Vitelli von dem Cäsar Borgia zu Sinigaglia (wie oben bereits erwähnt ist) ins Garn hätte locken lassen, wo er zusammt dem Vitellozzo, seinem Lehrmeister in Heldentugenden und Schandthaten, erdrosselt ward. Man könnte die Frage aufwerfen, wie es zugehe, daß Agathokles und mancher Andre nach so vielen Verräthereien und Grausamkeiten lange in ihrer Vaterstadt sicher leben und sich gegen auswärtige Feinde wehren können, auch keinen Verschwörungen ihrer Mitbürger ausgesetzt gewesen: wohingegen Andre wegen ihrer Grausamkeit sich nicht einmal im Frieden, geschweige denn in den so gefährlichen Zeiten des Krieges, auf ihrer Stelle behaupten konnten? Ich glaube, daß dieses von der rechten oder schlechten Anwendung der Grausamkeit herrührt. Eine wohl angebrachte Grausamkeit (wenn es anders erlaubt ist, diesen Ausdruck zu gebrauchen) ist diejenige, welche ein einziges Mal zu eigner Sicherheit ausgeübt, und nächstdem, so viel möglich, zum Vortheile der Unterthanen benutzt wird. Schlecht angebrachte Grausamkeit ist diejenige, die klein anfängt und mit der Zeit eher ab- als zunimmt. Diejenigen, welche den ersten Weg einschlagen, können, wenn Gott will, mit Hilfe andrer Menschen, so wie Agathokles, ihre üble Lage verbessern. Die Andern können sich gar nicht halten. Es ist also wohl zu merken, daß derjenige, welcher sich der Herrschaft in einem Staate bemächtigen will, alle Grausamkeiten mit Einem Male vollführen müsse, um nicht alle Tage wieder anzufangen, und daß er wohl thue, die Freundschaft der Menschen zu erwerben, indem er von seiner Macht, ihnen [pg 63]wehe zu thun, keinen Gebrauch macht. Wer anders handelt, sei es aus Furcht oder aus Mangel an gutem Rathe, muß das Schwert beständig in der Hand halten, und kann sich nie auf seine Unterthanen verlassen, weil diese wegen der unaufhörlich erneuerten Beleidigungen kein Zutrauen zu ihm fassen können. Alle Verletzungen Andrer müssen auf Einmal geschehen, damit sie weniger überdacht und besprochen, und weniger tief gefühlt werden. Wohlthaten aber müssen nach und nach erzeigt werden, damit man sich unaufhörlich damit beschäftige. Vor allen Dingen aber muß ein Fürst sich einen Plan vorzeichnen, der gut genug überdacht ist, damit er sich weder durch günstige noch schlimme Zufälle bewegen zu lassen brauche, davon abzugehen: denn wenn schlimme Zeiten eintreten, so ist es nicht der Augenblick zu harten Verfügungen, und von wohlthätigen hat man keinen Dank, weil sie erzwungen scheinen.

9. Vom Volke übertragene Herrschaft.

Ich komme zu dem zweiten Falle: wenn nämlich Einer aus dem Volke nicht durch Verbrechen und Schandthaten, sondern durch die Gunst seiner Mitbürger Fürst in seinem Vaterlande wird. Dieses Fürstentum von ganz eigner Art könnte man allenfalls ein bürgerliches nennen. Es wird nicht blos durch Talente oder Glück, sondern vielmehr nur durch eine glückliche und schlaue Geschicklichkeit erworben. Man gelangt dazu mittelst einer Begünstigung, entweder des Volks, oder der Großen in ihm. Denn in jedem Staate gibt es zwei verschiedene Gemüthsbewegungen, die daher rühren, daß das Volk die Herrschaft und Unterdrückung des Großen nicht ertragen mag, die Großen aber das Volk zu beherrschen und zu unterdrücken trachten. Aus dem Streite dieser verschiedenen Bestrebungen entsteht entweder eine Alleinherrschaft, oder die Freiheit, oder unbändige Gesetzlosigkeit. Die Herrschaft wird entweder vom Volke oder von den Großen herbeigeführt, nachdem der eine [pg 64]oder andre Theil dazu Veranlassung erhält. Denn wenn die Großen sehen, daß sie dem Volke nicht widerstehen können, so suchen sie Einem unter sich einen großen Namen zu machen und erheben ihn zum Fürsten, um unter dem Schutze seines Ansehns ihre eignen Begierden zu befriedigen. Ebenfalls das Volk macht, wenn es sieht, daß es den Großen nicht widerstehen kann, einen vorzüglich Angesehenen zum Fürsten, um von ihm geschützt zu werden. Wer durch Hilfe der Großen Fürst wird, erhält sich schwerer als der, den das Volk dazu gemacht hat. Denn er findet sich umgeben von Vielen, die sich ihm gleich dünken, und die er nicht nach seinem Sinne zu behandeln und ihnen zu befehlen vermag. Aber derjenige, welcher durch die Gunst des Volks Fürst wird, steht ganz allein so hoch, und ist mit wenigen Ausnahmen von lauter Leuten umgeben, die ihm zu gehorchen bereit sind. Außerdem kann er auch die Großen nicht befriedigen, ohne Andre zu beleidigen; wohl aber das Volk: denn die Wünsche desselben sind viel billiger, als die Wünsche der Großen. Diese wollen unterdrücken: jenes aber ist zufrieden, wenn es nur nicht unterdrückt wird. Hierzu kommt noch, daß der Fürst sich eines feindselig gesinnten Volkes gar nicht versichern kann, weil dessen zu viele sind: wohl aber deren, die nur wenige sind. Das Schlimmste, was derjenige zu fürchten hat, dem das Volk abgeneigt ist, besteht darin, von ihm verlassen zu werden: aber wem die Großen feind sind, der läuft Gefahr, daß sie ihn nicht allein verlassen, sondern selbst gegen ihn aufstehen: weil sie mehr Einsicht und mehr Schlauheit haben, zum Voraus auf ihre Sicherheit denken, und sich bei demjenigen beliebt zu machen suchen, von dem sie glauben, er werde den Sieg davontragen. Der Fürst ist außerdem genöthigt, beständig mit dem nämlichen Volke verbunden zu bleiben; er kann hingegen ohne die Großen fertig werden, weil er darunter nach Gefallen erheben und erniedrigen, Ansehn geben und nehmen mag. Um dieses noch in helleres Licht [pg 65]zu setzen, sage ich, daß es zwei Arten gibt, die Großen zu behandeln. Sie betragen sich nämlich also, daß sie sich entweder ganz an dich hängen oder nicht. Diejenigen, welche sich dir verpflichten und nicht habsüchtig sind, müssen in Ehren gehalten werden und verdienen große Zuneigung. Diejenigen hingegen, welche sich dir nicht verpflichten wollen, müssen wieder auf zwei verschiedene Arten betrachtet werden. Entweder sie thun dies aus Feigheit und natürlichem Mangel des Muthes. Solcher muß man sich bedienen: absonderlich wenn sie Verstand haben; denn so lange es gut geht, wird man von ihnen geehrt, und im Unglücke hat man sie nicht zu fürchten. Wenn sie sich aber aus ehrgeizigen Absichten nicht verpflichten wollen, beweisen sie damit, daß sie mehr an sich selbst, als an dich denken. Vor diesen muß sich der Fürst hüten, und sie als heimliche Feinde behandeln, denn sie sind wirklich immer bereit, im Unglücke zuzutreten und ihn mit zu stürzen. Wer durch das Volk Fürst wird, muß das Volk zum Freunde zu behalten suchen. Dies ist leicht, da es zufrieden ist, wenn es nur nicht gedrückt wird. Wer aber gegen den Willen des Volks durch den Beistand der Großen Fürst wird, muß vor allen Dingen suchen das Volk zu gewinnen, was ja sehr leicht ist, wenn er es nur in Schutz nimmt. Und da die Menschen einem Wohlthäter, von dem sie Uebles erwarteten, desto dankbarer werden, so wird das Volk ihm noch mehr unterthan, als wenn es ihn selbst erhoben hätte. Die Mittel und Wege, wodurch der Fürst das Volk gewinnen kann, sind mannichfaltig, und richten sich ganz nach den Umständen, weshalb ich sie ganz übergehe. Ich ziehe indessen den allgemeinen Schluß, daß man suchen müsse, das Volk auf seine Seite zu ziehen, weil sonst im Unglück kein Rettungsmittel ist. Nabis, der Fürst der Spartaner, hielt eine Belagerung von allen Griechen aus und von einem siegreichen römischen Heere; er vertheidigte sich und seinen Staat dagegen, und dazu war es hinreichend, sich [pg 66]einiger weniger Personen zu versichern. Wäre das Volk ihm feind gewesen, so hätte jenes nicht hingereicht. Man setze mir auch nicht das bekannte Sprichwort entgegen, daß, wer sich auf das Volk verläßt, auf den Sand bauet. Denn dieses ist nur alsdann wahr, wenn ein Bürger etwa die Hilfe des Volks gegen die angebliche Unterdrückung seiner Feinde oder der Obrigkeit anruft. In diesem Falle kann er sich gar leicht mit falscher Hoffnung täuschen, so wie es dem Gracchus zu Rom und zu Florenz dem Georg Scali[15] ging. Ein Fürst aber, der zu befehlen versteht und Herz hat, darf nur im Unglücke nicht weichen, sondern fahre fort Veranstaltungen zu treffen, halte dreist auf seine Anordnungen und suche das Volk zu beleben. Er wird sich in seiner Erwartung von ihm nicht betrogen finden. Solche Herrschaften gerathen in Gefahr, wenn sie aus einer eingeschränkten Verfassung zur freien Alleinherrschaft aufzusteigen suchen. Denn diese Fürsten führen ihre Sache selbst oder durch Magistratspersonen. Im letztern Falle ist ihre Macht unsicher und schwach, weil sie von denen, welche die obrigkeitlichen Stellen verwalten, gar sehr abhängen. Diese können, absonderlich im Unglücke, leicht das Oberhaupt umwerfen, indem sie sich ihm widersetzen, oder auch nur den Gehorsam verweigern: der Fürst aber darf in den gefährlichen Augenblicken nicht daran denken, die unbeschränkte Herrschaft an sich zu reißen, weil die Bürger und Unterthanen, welche gewohnt sind, den obrigkeitlichen Personen zu gehorchen, ihm keine Folge leisten, und es ihm schwer wird, Personen zu finden, denen er trauen kann. Diese Fürsten kennen sich gar nicht auf das verlassen, was sie in [pg 67]ruhigen Zeiten sehen, da die Bürger der öffentlichen Ordnung bedürfen. Alsdann läuft Jeder, verspricht Alles und will für ihn das Leben lassen, so lange der Tod entfernt ist. In unglücklichen Zeiten aber, wo der Staat Bürger nöthig hat, finden sich wenige. Ein solches Experiment ist desto gefährlicher, da man es nur ein einziges Mal machen kann. Ein kluger Fürst muß daher auf Mittel denken, zu bewirken, daß seine Unterthanen seine Herrschaft beständig und zu allen Zeiten und unter allen Umständen bedürfen – dann werden sie ihm treu bleiben.

10. Wie die Kräfte der Fürstentümer zu schätzen sind.

Bei der Betrachtung der Beschaffenheiten aller dieser Herrschaften kommt es noch darauf an, ob ein Fürst so viel vermag, daß er sich selbst im Falle der Noth vertheidigen kann, oder ob er dazu fremder Hilfe bedarf. Um dieses deutlicher zu machen, sage ich, daß diejenigen ihre Herrschaften selbst zu behaupten vermögen, welche Menschen oder Geld genug besitzen, um eine zureichende Armee aufzustellen, und demjenigen, der sie angreift, eine Schlacht zu liefern. Dahingegen bedürfen diejenigen allezeit fremder Hilfe, welche nicht gegen den Feind in das Feld rücken können, sondern genöthigt sind, sich hinter ihre Mauern zurück zu ziehen, um nur diese zu vertheidigen. Vom ersten dieser Fälle ist bereits oben geredet, und wird in der Folge noch Mehreres vorkommen. Im zweiten Falle kann man dem Fürsten nichts Anderes rathen, als seine Stadt zu befestigen, und das Land preiszugeben. Wer seine Stadt wohl befestigt und sich gegen Nachbarn und eigne Unterthanen so betragen hat, wie hier oben angerathen ist, und ich ferner anrathen werde, der wird auch nicht leichtsinnig angegriffen werden, weil Niemand gern Dinge unternimmt, die Schwierigkeiten haben; und es so leicht nicht ist, den anzugreifen, der wohl befestigt ist, und seine eignen Unter[pg 68]thanen zu Freunden hat. Die deutschen Städte haben große Freiheiten, wenig Territorium, gehorchen dem Kaiser so viel sie Lust haben, und fürchten weder dieses noch irgend eines andern Benachbarten Macht, weil sie auf solche Art befestigt sind, daß jeder wohl fühlen muß, wie schwierig und langweilig es ist, sie zu erobern: sie haben nämlich Wall und Graben, Geschütz in zureichender Menge, Lebensmittel und Holz zur Feuerung, auf ein Jahr in Vorrath. Außerdem haben sie die Veranstaltung, das Volk, ohne Nachtheil des Gemeinwesens, auf ein Jahr in dem Gewerbe, wovon die kleinen Bürger leben, beschäftigen zu können, um ihm seinen Unterhalt zu verschaffen. Auch halten sie die Kriegs-Uebungen in Ehren, und haben dazu mancherlei Anordnungen. Der Fürst, der eine Festung besitzt, und bei seinem Volke nicht verhaßt ist, kann nicht angegriffen werden: und würde er es, so müßte der Feind mit Schanden abziehen; denn die Zufälle sind in dieser Welt so mannichfaltig, daß es beinahe unmöglich ist, ein ganzes Jahr das Feld zu halten, um ihn zu belagern. Und wenn man etwa antwortete, daß das Volk, welches seine Besitzungen draußen hat und selbige verheeren sieht, es überdrüssig werden und seinen Fürsten verläugnen wird, so antworte ich, daß ein mächtiger und entschlossener Fürst diese Schwierigkeiten stets überwinden wird; indem er bei seinen Unterthanen bald die Hoffnung erregt, es werde nicht lange mehr währen, bald Furcht vor der Grausamkeit des Feindes einflößt, endlich auch sich auf eine geschickte Art derer versichert, welche ihm zu dreist scheinen. Außerdem ist der Feind genöthigt, damit anzufangen, das Land mit Feuer und Schwert zu verheeren, während die Bürger noch guten Muth und Lust zur Verteidigung haben. Der Fürst darf daher um so weniger Anstand nehmen: denn wenn die Gemüther sich abkühlen, so ist der Schade schon geschehen; es ist vergeblich, darüber zu klagen und die Menschen werden sich desto enger mit dem Fürsten vereinigen, für den sie ihre Habe [pg 69]und Gut preisgegeben haben, wofür er ihnen Dank schuldig ist. Der menschlichen Natur ist es gemäß, sich durch das Gute, was man Andern erzeigt, eben sowol zu verbinden, als durch das, was man empfängt. Wenn man dieses Alles erwägt, so wird man finden, daß es einem Fürsten nicht schwer ist, die Gemüther seiner Unterthanen bei einer Belagerung festzuhalten, wenn er nur Lebens- und Vertheidigungsmittel genug hat.

11. Von geistlichen Fürstenthümern.

Es bleibt nur noch übrig, von geistlichen Herrschaften zu reden, bei welchen alle Schwierigkeiten nur vorhanden sind, bis man zum Besitze gelangt ist: denn sie werden durch ausgezeichnete Kraft oder durch Glück erworben; aber erhalten, ohne das eine und ohne das andre; denn sie beruhen auf den alten heiligen Einrichtungen der Religion, welche mächtig genug sind, ihre Häupter in ihren Stellen zu erhalten, sie mögen sich aufführen wie sie wollen. Diese allein haben eine hohe Stelle, und brauchen sie nicht zu vertheidigen; sie haben Unterthanen und regieren sie nicht; ihre Staaten werden nicht vertheidigt und ihnen doch nicht genommen. Ihre Unterthanen bekümmern sich nicht darum, daß sie nicht regiert werden, und denken nicht daran, sich ihnen zu entziehen, können es auch nicht. Diese Fürsten also sind allein sicher und glücklich. Aber da dieses von höhern Ursachen abhängt, an die der menschliche Verstand nicht reicht, so will ich nicht davon reden. Gott schützt sie: es wäre vorwitzig und dreist, wenn der Mensch darüber urtheilen wollte. Wenn mich aber Jemand befragte, wie es zugegangen, daß die Kirche zu solchem weltlichen Staate gelangt, und daß, nachdem bis auf Alexander den Sechsten jeder, ich sage nicht mächtige italienische Fürst, sondern jeder Baron und Freiherr, sich im Weltlichen nichts daraus machte; gegenwärtig der König von Frankreich davor zittert, und von ihr aus Italien vertrieben ist; Venedig daneben [pg 70]zu Grunde gerichtet: so will ich darüber folgendes obwol schon genugsam Bekannte, in das Gedächtniß zurückrufen. Bevor Karl der Achte nach Italien kam, war dieses Land unter den Papst, Venedig, den König von Napoli, den Herzog von Mailand und die Florentiner vertheilt. Diese Mächte hatten ihr Augenmerk auf zwei Dinge zu richten: erstens darauf, daß keine fremde Macht mit den Waffen eindringe; zweitens, daß keine unter ihnen selbst die Oberhand gewönne. Diejenigen, welchen dieses am meisten anlag, waren der Papst und Venedig. Um den letztern Staat klein zu halten, mußten sich alle übrigen vereinigen, so wie sie es auch wirklich thaten, um Ferrara zu verteidigen. Den Papst zurückzuhalten, bediente man sich der römischen Barone, welche in zwei Factionen getheilt waren, die Orsini und die Colonna. Unaufhörliche Uneinigkeiten unter diesen veranlaßten sie stets, unter den Augen des Papstes in den Waffen zu sein, und dieses hielt den heiligen Stuhl klein und schwach. Und wenn gleich dann und wann ein Mann von Geist den päpstlichen Stuhl bestieg, so wie Sixtus (der Vierte), so konnte doch weder Glück noch Verstand von diesen Verhältnissen befreien. Die Kürze ihrer Regierung war eine Ursache. Denn in zehn Jahren (so lange dauerte eine päpstliche Regierung im Durchschnitte) konnte kaum eine der beiden Parteien herunter gebracht werden: und wenn zum Beispiel der Eine die Colonna und ihre Anhänger gedemüthigt hatte, so folgte Einer, der den Orsini feind war, und hob jene, die in der kurzen Zeit nicht ganz vertilgt sein konnten, wieder empor. Daher kam es, daß die weltliche Macht des Papstes in Italien so wenig geachtet ward. Es stand inzwischen Alexander der Sechste auf und bewies besser, als irgend ein Andrer jemals gethan hat, wie viel ein Papst mit Geld und mit seinen Kräften ausrichten kann. Er bewerkstelligte mittelst seines Sohnes, des Herzogs von Valentinois, und bei Gelegenheit des Einmarsches französischer Heere, alles das, [pg 71]was ich oben, als ich von der Handlungsweise des Herzogs sprach, auseinandergesetzt habe. Seine Absicht ging nicht dahin, den heiligen Stuhl groß zu machen, sondern nur sich selbst. Durch die Wendung, die die Sache nahm, gewann aber der Stuhl, welcher nach seinem Tode die Früchte aller Arbeiten des Herzogs erbte. Auf ihn folgte Julius der Zweite, welcher den Stuhl schon groß und mächtig fand, da er die Romagna besaß, und daneben alle römischen Barone durch Alexanders Bemühungen zerschlagen waren. Daneben besaß er Mittel, Geld zusammen zu bringen, die man vor Alexander nicht gekannt hatte. Julius trat in dessen Fußtapfen, suchte Bologna zu erwerben, Venedig herunter zu bringen und die Franzosen aus Italien zu vertreiben. Dieses gelang ihm Alles zusammen, und gereicht ihm zu so viel größerer Ehre, da er es nicht zu eignem Privatvortheile, sondern zu Gunsten des Stuhles unternahm. Die Parteien Colonna und Orsini erhielt er in dem Zustande, worin er sie fand. Obwol einige Ursache zu Uneinigkeiten zwischen ihnen vorhanden war, mußten sie doch ruhig bleiben: erstens, weil ihnen die Größe des päpstlichen Stuhls imponirte, und zweitens, weil sie beide keine Cardinäle unter sich hatten, von denen immer alle Unruhen herrühren. So oft Cardinäle aus diesen Häusern sind, so können diese nicht ruhig sein, weil jene in und außer Rom die Parteiungen unterhalten, und die Barone genöthigt sind, sie zu vertheidigen. Aus dem Ehrgeize solcher Prälaten entstehen mithin die Zwistigkeiten und Aufruhr unter den Baronen. Es hat also Papst Leo den heiligen Stuhl schon groß und mächtig gefunden, und so wie seine obgedachten Vorfahren ihn durch die Waffen gehoben haben, so ist zu hoffen, daß er ihm durch seine großen persönlichen Eigenschaften und seine Milde Ansehen verschaffen werde.

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12. Von den verschiedenen Arten der Truppen.

Nachdem ich die verschiedenen Beschaffenheiten der Herrschaften erwogen, von denen ich mir vornahm zu reden, und die Ursachen angezeigt, aus denen es ihnen wohl oder übel ergeht, nebst den Mitteln, womit man versucht hat, sie zu erwerben und zu erhalten, so bleibt mir noch übrig, im Allgemeinen die Arten des Angriffs und der Vertheidigung durchzugehen, welche dabei vorkommen können. Wir haben bereits erwähnt, daß eine Herrschaft auf guten Gründen beruhen müsse, wenn sie nicht zusammenstürzen soll. Die hauptsächlichste Stütze aller Staaten, der neuen wie der alten und der vermischten, sind gute Gesetze und tüchtige Kriegsmacht. Gute Gesetze können nicht bestehen ohne eine gute Kriegsmacht. Diese aber setzt gute Gesetze voraus. Ich lasse also die Gesetzgebung liegen und rede von der Bewaffnung; ich sage, daß die Kriegsmacht, womit ein Fürst seinen Staat vertheidigt, entweder aus eigner oder gemieteter Mannschaft oder aus Hilfstruppen besteht, oder aus diesen allen zusammen. Gemiethete Mannschaft und Hilfstruppen sind unnütz und gefährlich. Wer seine Herrschaft durch Miethlinge zu schützen denkt, steht nicht fest, und kann nie sicher sein, weil diese unter sich uneins, unbändig, ohne Disciplin, untreu, übermüthig gegen ihre Freunde, feig gegen die Feinde sind, Gott nicht fürchten und treulos gegen die Menschen handeln. Der Untergang ist also nur bis dahin verschoben, wo der Angriff erfolgt. Im Frieden wird man von ihnen selbst beraubt; im Kriege vom Feinde. Die Ursache hiervon ist, daß sie nicht aus Zuneigung und aus keiner andern Ursache im Felde erhalten werden, als um eines geringen Soldes willen, deswegen sie ihr Leben nicht preisgeben werden. So lange kein Krieg zu führen ist, wollen sie wol Soldaten sein: so wie aber der Feldzug eröffnet wird, laufen sie davon oder gehen nach Hause. Es sollte wol ohne viele Mühe ein[pg 73]leuchten, daß dies sich also verhält; da Italien aus keiner andern Ursache zu Grunde gegangen ist, als weil man sich so viele Jahre lang auf Miethstruppen verlassen hat, welche dann und wann einige Vortheile übereinander erhielten und ganz tapfer schienen; sobald aber fremde Heere kamen, zeigte es sich, wie sie beschaffen waren. Daher konnte Karl der Achte Italien so geschwind überziehen. Wer behauptete, dies geschehe um unsrer Sünden willen, hatte ganz Recht: aber nicht um derjenigen willen, die darunter verstanden wurden, sondern wegen derer, die ich angegeben habe. Die Fürsten hatten die Fehler begangen und mußten dafür leiden. Ich will die unglücklichen Folgen solcher Vertheidigungsanstalten noch besser beweisen. Die gedungenen Feldherren sind entweder vorzügliche Kriegshelden oder nicht. Im ersten Falle kann man sich auf sie nicht verlassen, weil sie nach eigner Größe streben, und deshalb darauf denken, entweder denjenigen selbst, der sie gedungen hat, oder Andre gegen den Willen desselben zu unterdrücken. Ist der Feldhauptmann kein rechter Krieger, so geht derjenige gemeiniglich zu Grunde, der ihn gedungen hat. Will man hierauf antworten, daß es einerlei sei, ob derjenige, der die Kriegsmacht anführt, gedungen ist oder nicht, daß er in einem Falle handeln werde, wie im andern, so erwidre ich, daß ein jeder Fürst selbst ins Feld gehen und sein eigner General sein müsse; Republiken aber Einen ihrer Mitbürger an die Spitze des Heeres stellen müssen, denselben zurückrufen, wenn er sich nicht hinlänglich geschickt beweiset, und wenn er der Sache gewachsen ist, ihn im Zaume der Gesetze halten. Die Erfahrung beweist es, daß Fürsten und Republiken durch eigne Truppen allein Fortschritte machen, und daß Söldnerheere nur Unglück anrichten. Eine Republik, welche sich mit eignen Waffen vertheidigt, wird nicht so leicht von einem ihrer Mitbürger unterjocht, als wenn sie ein gedungenes Heer hält. Rom und Sparta sind viele Jahrhunderte lang bewaffnet und frei gewesen. Die Schwei[pg 74]zer sind höchst kriegerisch und frei. Von Miethstruppen aber gibt Carthago ein Beispiel, welches nach dem ersten Kriege mit den Römern von ihnen unterdrückt ward, obgleich die Carthaginienser eigne Bürger zu Generalen bestellt hatten. Philipp von Macedonien ward von den Thebanern nach dem Tode des Epaminondas zum Feldherrn erwählt und nahm ihnen dafür die Freiheit, sobald er einen Sieg erfochten hatte. Die Mailänder besoldeten nach dem Tode des Herzogs Filippo (Visconti) den Franz Sforza, um gegen die Venezianer Krieg zu führen. Sobald derselbe sie aber bei Caravaggio überwunden hatte, verband er sich mit ihnen gegen seine Dienstherren, die Mailänder. Sein Vater Sforza war im Dienste der Königin Johanna von Neapel, und ließ diese mit einem Male ganz ohne Vertheidigungsmittel, so daß sie sich dem Könige von Arragonien in die Arme werfen mußte, um ihr Reich nicht zu verlieren. Wenn Venedig und Florenz sich durch solche Waffen vergrößert haben, und die Anführer derselben sich nicht zu Herren haben aufwerfen können, so antworte ich auf diesen Einwurf, daß Florenz viel Glück gehabt hat, indem von den tapfern Generalen, die ihm furchtbar wurden, einige im Kriege nicht glücklich gewesen sind, andre Widerstand von andrer Seite her gefunden, endlich noch andre ihre ehrgeizigen Absichten auf andre Orte gerichtet haben; z. B. hat Giovanni Acuto[16] nicht gesiegt; daher nicht offenbar geworden, wie weit ihm zu trauen gewesen wäre, wenn er gesiegt hätte. Jeder aber muß eingestehen, daß er in diesem Falle mit Florenz machen konnte, was er wollte. Franz Sforza hatte beständig den Braccio und seine Leute sich gegenüber: einer hielt den andern zurück. Francesco richtete seine Absichten auf die Lombardei, Braccio [pg 75]auf den Kirchenstaat und Neapel. Wir wollen die neusten Zeiten betrachten. Die Florentiner haben den Paolo Vitelli zu ihrem Feldherrn erwählt: einen tapfern Mann, der im Privatstande den größten Ruhm erworben. Wenn derselbe Pisa erobert hätte, so ist gar nicht zu läugnen, daß er mit Florenz schalten konnte, wie er wollte; denn wenn er zu ihren Feinden überging, konnten sie nichts machen: und wenn er es mit ihnen ferner hielt, so mußten sie ihm gehorchen. Betrachtet man die Fortschritte der Venezianer, so wird man finden, daß diese sicher und glücklich waren, so lange sie sich dazu ihrer eignen Kräfte bedienten: das ist, bis sie ihre Unternehmungen auf dem festen Lande anfingen; denn bis dahin hatten sie tapfer mittelst ihres eignen Adels und Volkes Krieg geführt. So wie sie aber anfingen auf dem festen Lande Krieg zu führen, machten sie es wie die übrigen Italiener. Im Anfange ihrer Eroberungen brauchten sie ihre Generale nicht sonderlich zu fürchten, weil ihr Staat noch nicht sehr groß war, und sie dafür desto größeres Ansehen genossen. Als sie aber ansehnliche Fortschritte zu machen anfingen, welches unter dem Carmignuola geschah, merkten sie, daß sie auf falschem Wege waren. Sie sahen, wie gefährlich seine Tapferkeit ihnen zu werden drohte, und sobald sie unter seiner Anführung den Herzog von Mailand geschlagen hatten und sahen, daß er nunmehr erkaltete, sie also keine weiteren Vortheile durch ihn zu hoffen hätten, ihn aber nicht entlassen konnten noch wollten, um das Erlangte nicht zu verlieren, so sahen sie sich genöthigt, ihn zu ihrer eignen Sicherheit ums Leben bringen zu lassen. Sie haben hierauf den Bartolomeo von Bergamo, Ruberto von San Severino, den Grafen von Pitigliano und andre Generale gedungen, bei denen sie nur zu fürchten hatten, daß sie geschlagen würden, aber nichts von ihren Fortschritten besorgen durften: so wie es denn auch zu Vaila ging, wo sie in einer Schlacht Alles verloren, was sie in achthundert Jahren mit so vieler Mühe [pg 76]errungen hatten. Denn solches Kriegssystem bringt langsame und geringe Fortschritte, und plötzlichen erstaunlichen Verlust mit sich. Da ich auf diese italienischen Beispiele gekommen bin, in welchem Lande Alles seit vielen Jahren mittelst gedungener Krieger ausgerichtet wird, so will ich darin noch etwas höher hinauf gehen, um den Ursprung und die Fortschritte des Uebels zu zeigen, damit man ihm desto besser begegnen möge. Da in den neuern Zeiten das kaiserliche Ansehn in Italien fiel, und das weltliche Ansehn des Papstes dagegen zunahm, war dieses Land in verschiedene Staaten zertheilt. Mehrere der großen Städte ergriffen die Waffen gegen die Herren, welche sie unter Begünstigung des Kaisers in der Unterdrückung hielten; der päpstliche Stuhl aber unterstützte jene, um sich weltliches Ansehn zu verschaffen. In manchen andern erhoben sich Bürger zur fürstlichen Würde. Italien gerieth mithin gewissermaßen in die Hände des heiligen Stuhls und einiger Republiken: Beide aber, Priester und Bürger, waren nicht an die Waffen gewöhnt, und fingen an Truppen zu miethen. Der Erste, der eine solche Miliz zu Ehren brachte, war Alberigo da Como Romagnuolo. Aus seiner Schule gingen unter Andern Braccio und Sforza hervor, die zu ihrer Zeit über Italien walteten. Auf sie folgten alle Andern, die bis zu unsern Zeiten die italienischen Heere befehligt haben. Das Ende ihrer Heldenthaten aber ist gewesen, daß Italien von Karl dem Achten überrannt, von Ludwig dem Zwölften ausgeplündert, von Ferdinand von Arragonien bezwungen und von den Schweizern geschändet worden. Jene Anführer von Miethstruppen fingen damit an, das Fußvolk um seine Ehre zu bringen, um selbst zu größerem Ansehn zu gelangen. Dieses thaten sie, weil sie selbst ohne Länder und auf persönliche Mittel beschränkt, mittelst weniger Fußvölker kein großes Ansehn erhalten, zahlreiche aber nicht ernähren konnten. Sie beschränkten sich also auf Reiterei, wo sie denn mittelst einer geringern [pg 77]Zahl Unterhalt und Ehre zu gewinnen vermochten. Die Sache war dahin gekommen, daß in einem Heere von 20,000 Mann kaum 2000 Mann zu Fuß waren. Außerdem wandten sie Alles an, um sich und ihren Leuten Mühseligkeiten und Gefahr zu ersparen, indem sie in den Schlachten einander nicht tödteten, sondern ohne Verwundung gefangen nahmen. Sie machten des Nachts keine Angriffe auf die Festungen, keine Ausfälle aus denselben, sie befestigten ihre Lager nicht und hielten das Feld nicht im Winter. Alles das war ihrer Kriegsordnung gemäß, und wie ich schon gesagt habe, ausgedacht, um Mühseligkeit und Gefahr abzuwenden. Italien ist darüber aber völlig in Sklaverei und Schande gerathen.