II.
Aber der Schriftsteller, der so entschlossen damit begonnen hatte, eine Annäherung zwischen Kunst und Leben herbeizuführen — Nikolaus Wassiljewitsch Gogol (1809-1852) — war von Natur nichts weniger als ein nüchterner, kaltblütiger Beobachter, oder ein Mann von kritischem Verstande und einer Phantasie, die es versteht, ihre stürmischen Triebe zu bändigen.
Gogol war mit einer wahrhaft romantischen Seele zur Welt gekommen, und doch wurde es seine Mission, der Dichtkunst reine Muster einer realistischen, kühlen und nüchternen Naturdarstellung zu schenken. In diesem Widerspruche liegt die ganze Tragödie seines Lebens beschlossen.
Gogol gehört unbedingt zu jener Gattung von Menschen, für die die Gegenwart nur ein Hinweis auf ein zukünftiges Ideal ist, und die ein starker Glaube an ihre providentielle Sendung beseelt.
Das geistige Wesen eines solchen Menschen zieht ihn immer in eine andre Welt empor — eine Welt der Vollkommenheit, in die er alles verlegt, was ihm wert und teuer ist: all seine Begriffe von einer unerschütterlichen Ordnung der Gerechtigkeit, seinen Glauben an eine ewige Liebe und eine jedem Wandel entrückte Wahrheit. Diese ideale Welt begleitet ihn durch das ganze Leben, sie leuchtet ihm voran in Tagen und Stunden der Finsternis. Überall und jederzeit findet er in ihr seinen Lohn oder seine Strafe und Verurteilung, sie beschäftigt ununterbrochen seinen Verstand und seine Phantasie, und oft absorbiert sie seine Aufmerksamkeit so vollständig, daß sie ihn die Erde vergessen läßt; noch häufiger aber ist sie dem Menschen die einzige Stütze, die ihn aufrecht erhält bei der schweren Arbeit an der Gestaltung und Formung des irdischen Daseins.
Was immer für Überzeugungen solch ein Mensch haben mag, stets wird er entweder hinter dem Leben zurückbleiben oder ihm weit voraneilen. Er vermag sich nicht zu ergeben und zu demütigen vor dem Unabwendlichen und Tatsächlichen. Immer fast wird er das reale Leben entwerten, und es gewöhnlich verachten. Er vergewaltigt seinen Begriff und seine Vorstellung von der Wirklichkeit um seines Traumes willen, und sehnt sich meist nach der Vergangenheit, die er idealisiert; in der Regel aber lebt er vom Vorgeschmack einer schöneren Zukunft: ein nüchtern-kritisches Verhalten zu den Tatsachen bleibt ihm versagt, weil er diese Tatsachen stets im Lichte seines Vorurteils sieht, und sie in die Lebensprinzipien hineinzwängt, an die er glaubt, entgegen allen Tatsachen. Er ist es nicht gewöhnt, sein Streben mit seinem Kräftevorrat in Einklang zu bringen, und er vermag es nicht, ängstlich und peinlich innerhalb der Grenzen seiner Fähigkeit an seinem Lebenswerke tätig zu sein; die schwierigsten Fragen erscheinen ihm leicht lösbar, zugleich aber kann ihm schon der kleinste Mißerfolg, wie er keinem erspart bleibt, das Gleichgewicht rauben und mißmutig machen. Er ist verliebt in jenen idealen Begriff vom Leben, den er sich selbst zurechtgelegt hat, und darum wird es ihm so schwer, sich in die irdische Prosa hineinzufinden, die nun einmal ein unvermeidliches und notwendiges Erbteil unseres Lebens bildet.
Solche Menschen pflegen wir mit dem Namen „Romantiker“ zu bezeichnen, indem wir uns eines alten und dunkelen Wortes bedienen, welches das Übergewicht des Gefühls über den Verstand, und der Schwärmerei über das Interesse des Augenblicks in der menschlichen Seele kennzeichnen soll.
Die ganze Tragödie des Menschen und des Schriftstellers Gogol besteht eben darin, daß der romantische Zug seines Geistes in einen Widerspruch mit seinem eigenen Schaffen geraten mußte. Er war ein Romantiker mit allen charakteristischen Merkzeichen dieses Typus. Er liebte es, sich in einer phantastischen Welt, in einer Welt der Sehnsucht und Erwartung zu bewegen, d. h. entweder beschönigte und schmückte er das Leben aus, indem er es in ein Märchen verwandelte, oder er stellte es sich vor, wie es gemäß seinen religiösen und sittlichen Begriffen sein sollte. Er litt furchtbar unter dem Zwiespalt, der ständig zwischen seinem Traume und dem klaffte, was er um sich her erblickte, und es gelang ihm nie, das Gefühl der Qual und des Sehnens durch eine gesunde Kritik am Bestehenden und Unabwendlichen zu mildern. Wie alle Romantiker war er verliebt in jenes Lebensideal, das er sich selbst geschaffen hatte, und — was die Hauptsache ist — er hielt sich für berufen, das Herannahen dieses Ideals zu beschleunigen und seinen endgültigen Triumph auf Erden vorzubereiten. Er war nicht nur ein träumender, sondern auch ein kämpfender Romantiker.
Doch bei all seiner romantischen Veranlagung besaß Gogol eine wundersame Gabe, die das ganze Glück und die Schönheit, und zugleich das ganze Unglück seines Lebens ausmachte: er besaß die seltene Fähigkeit, die ganze Erbärmlichkeit, Kleinheit und Prosa, die Gemeinheit und den Schmutz des wirklichen Lebens zu entdecken und überall zu erkennen. All jene prosaischen Seiten des Lebens, die der Romantiker gewöhnlich absichtlich nicht beachtet, die er übersieht oder übersehen will, sie alle drängten sich auf Gogols Palette und verlangten gebieterisch nach einer künstlerischen Verkörperung. Nur selten hat die Natur einen Menschen hervorgebracht, der von Natur ein solcher Romantiker und zugleich ein solcher Künstler in der Darstellung alles Un- und Widerromantischen war, wie Gogol. Es ist daher ganz natürlich, daß der Künstler bei einer solchen Spaltung und Zerklüftung seines Gemüts und einer schöpferischen Begabung zu schwerem Leiden verurteilt war, und sich nie von dem harten Zwiespalt zu befreien vermochte, der nur mit dem Siege einer dieser beiden Seelenkräfte endigen konnte: entweder mußte das Talent, das Leben in seiner nackten Prosa darzustellen, im Künstler das romantische Drängen seiner Seelen ertöten, oder die romantische Stimmung mußte umgekehrt in ihm die Kraft wahrheitsgetreuer Widerspiegelung des Lebens durch die Kunst ersticken und zerstören.
Tatsächlich fand schließlich das Letztere statt: Gogols großes Talent zur realistischen Lebensschilderung erlosch, und er verwandelte sich immer mehr in den reinsten und aufrichtigsten Verkündiger religiöser und sittlicher Gedanken. Doch vor dem endgültigen Erlöschen leuchtete dieses realistische Talent noch einmal hell auf, um sich in den „Toten Seelen“ zum letzten Male in seinem ganzen Glanze zu entfalten.