Vorrede des Herausgebers

Eine Gesamtausgabe der Werke Gogols bedarf keiner besonderen Rechtfertigung; sie hat ihre Rechtfertigung in sich selbst. Unter allen großen Meistern des Romans, die die russische Literatur im XIX. Jahrhundert hervorgebracht hat, nimmt Gogol eine besondere und einzigartige Stellung ein; mögen die Vorgänger oder Nachfolger ihn, was Weite des Horizonts, Tiefe der Seelenanalyse, Reinheit und Kultur der Kunstform anbetrifft, erreichen oder gar übertreffen, an Originalität und Ursprünglichkeit kommt ihm keiner gleich. Er selbst hat immerdar zu seinem älteren Zeitgenossen Puschkin als dem unerreichten Vorbild einer reinen idealisierenden Dichtung emporgeblickt, und er hat in einer berühmten Apostrophe der „Toten Seelen“ dieser Differenz und dem Abstand zwischen seiner Begabung und der Puschkins in beredten Worten Ausdruck gegeben, doch selbst Puschkin bleibt bei seinem großen und einzigen Talent nur ein Zweig und Schößling am Stamm der großen europäischen Literatur. In Gogol aber schuf sich das junge russische Volk zum ersten Mal eine adäquate vollgültige dichterische Form, in ihm realisierte sie einen literarischen Typus, der von da ab das Muster und Ideal für alle kommenden Schriftstellergenerationen Rußlands geworden ist. Das ganze jüngere Dichtergeschlecht von Turgenjew bis Tolstoi, das sich das Interesse der westlichen Völker eroberte und unsere Aufmerksamkeit auf Rußland hinlenkte, geht auf Gogol als seinen Ursprung zurück. In ihm liegen alle Motive und Ideen, die sie entwickeln und entfalten, wie im Keime beschlossen, er gab das Thema an, das sie in mannigfachen Paraphrasen und Modulationen variieren; er schuf die Kunstform, an der sie sich schulten; sie dachten und dichteten in seiner Sprache. Und nicht in unsicheren unausgereiften Ansätzen vollzog er diesen Schöpfungsakt an der russischen Dichtung, sondern mit dem Siegel der Kraft und der Fülle der Vollendung rief er sein Werk — die russische Literatur — fast wie aus dem Nichts hervor. Wie nur bei ganz wenigen Ausnahmen, zeigen all seine Werke die gleiche reine Linie des großen Talents, und es gibt unter ihnen schlechterdings nichts Minderwertiges und Unbedeutendes. Und zugleich mit der Dichtung hat Gogol den Typus des russischen Dichters geschaffen, indem er in sich jenen ewigen Gegensatz, der das Leben der größten russischen Künstler beherrscht, zur Ausprägung brachte; den Gegensatz zwischen dem Dichter und dem Propheten, die in ihnen ständig im Streite liegen. Bei keinem aber tragen die Werke selbst trotz aller Objektivität so sehr den Stempel des Persönlichen, wie bei Gogol, sind sie so sehr das treue Spiegelbild der eigenen geistigen Lebenskämpfe, der Niederschlag ihrer Schwankungen und Stimmungen, wie bei ihm. Schon aus diesem Grunde wird für das Verständnis dieser so komplizierten und originalen Persönlichkeit der Überblick über das Gesamtschaffen des Dichters zur Notwendigkeit.

Einen solchen Überblick soll die vorliegende Ausgabe ermöglichen. Es wurde dabei von einer chronologischen Anordnung der Werke abgesehen und eine solche nach fachlichen Gesichtspunkten zugrunde gelegt. Die inhaltlich und formal zusammengehörigen Schöpfungen sollen hier auch zusammen erscheinen. Daß die Chronologie darüber nicht zu kurz kommt, dafür ist durch ausführliche redaktionelle Noten genügend gesorgt, die sich im Anhange eines jeden Bandes finden. In den folgenden zwei Bänden sind vor allem der Roman „Die toten Seelen“ und drei einzelne Novellen vereinigt, die auch durch einen ideellen Zusammenhang miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig beleuchten und erklären. Beide Bände führen den Leser sogleich auf den Gipfel des Gogolschen Schaffens und gewähren ihm einen großen Ausblick auf den Ideen- und Formengehalt seiner Dichtung. Die „Toten Seelen“ sind das größte Prosawerk des modernen Rußlands und eines der Hauptwerke der humoristischen und satirischen Literatur überhaupt: ein grauenhaftes Bild der Korruption und der allgemeinmenschlichen und spezifisch russischen Verkommenheit. Daneben ein soziologisches Gemälde eines historischen Zeitalters, in dem der Extrakt einer Kulturepoche konzentriert ist. Was aber dem Ganzen — neben diesen wahrlich nicht geringen Vorzügen — seinen Ewigkeitswert sichert — das ist das Menschliche und Typische, das es in sich birgt: die Darstellung des Menschenlebens, wie es, von der kulturell-zufälligen Einkleidung abgesehen, sich ausnimmt, wenn das Rangverhältnis der Triebe verkehrt, und das Dasein von aller Geistigkeit und Idealität entblößt wird. Es ist der Gerichtstag über die moderne Kultur, die den Erwerbstrieb sanktionierte und heiligte und das Denken und Trachten des modernen Menschen auf die rein materielle Macht und Beherrschung der Natur hinlenkte. Gogol hat diese Kulturtendenz nur in ihren Anfängen, in ihrer Entstehung beobachten können, aber er hat mit dem bewunderungswürdigen Scharfblick eines Hellsehers die ganzen Folgen dieser Erscheinung für das Geistesleben antizipiert: den seelenmordenden Fluch der Erwerbsjagd und des Besitzes, die nivellierende und alles erstickende Trivialität eines auf das Bloßstoffliche gerichteten Wesens. Es gab keinen stärkeren Schilderer des Gemeinmenschlichen, Alltäglichen und Brutalen, als Gogol, und so ist auch er es gewesen, der in den „Toten Seelen“ das grandiose Symbol und in dem irrenden Ritter des Erwerbs Pawel Iwanowitsch Tschitschikow — den unsterblichen Typus für das Triviale und Mittelmäßige fand, das die große Masse unseres Lebens und den Querschnitt unserer Kultur bildet. — Ein Gegenstück zu dem großen Gemälde der „Toten Seelen“ ist die romantische Novelle „Das Porträt“, in der der Dichter die verheerenden Folgen desselben Grundtriebes für Kunst schildert. Diese Novelle ist zugleich ein erschütterndes Bekenntnis von dem Zwiespalt der „zwei Seelen“, in dem sich Gogols Leben aufzehrte; der einen, die von einem glühenden Drange nach dem Idealen ergriffen, sich in der Welt der Körper nie dauernd wohl fühlte, und der andern, die wie keine zweite mit dem Blick fürs Irdische begabt, das Auge nie von der Erdenwelt und allem Menschlich-Allzumenschlichen abzuziehen vermochte.

Eine ausführliche Analyse der in diesem Bande vereinten Dichtungen findet der Leser in der Einführung des bekannten Gogolforschers und Mitgliedes der Petersburger Akademie der Wissenschaften, Nestor Kotljarewski, die wir dem ersten Bande vorausschicken, eine Gepflogenheit, der wir auch bei den folgenden Bänden treu zu bleiben gedenken.

Zum Schluß wage ich noch den Wunsch auszusprechen, daß der deutsche Leser dieser Gesamtausgabe Gogols die freie Empfänglichkeit entgegenbringen möge, die das Werk eines Dichters beanspruchen kann, der zwar der Gegenwart nicht mehr angehört, doch aber lebendig in ihr wirkt, und dessen Schätzung in seinem Vaterlande mit dem zeitlichen Abstand nur noch steigt und in fortwährendem Wachstum begriffen ist.

Charlottenburg, den 24. Dezember 1908.

Dr. Otto Buek.

Einführung

I.

Gogols Roman „Die toten Seelen“ nimmt in der russischen Literaturgeschichte des XIX. Jahrhunderts eine besondere und einzigartige Stellung ein. Es ist der erste Roman von künstlerischem Werte, in dem der russischen Gesellschaft ein großes und treues Bild ihres eigenen Lebens geschenkt ward, ein Bild, das aus dem Pinsel eines großen Künstlers und Realisten herstammte. In diesem Roman vergißt der russische Dichter zum ersten Mal sich selbst, seine persönlichen Sympathien und Antipathien, jene erbaulichen moralischen Betrachtungen, die er nach alter Sitte in seine Novellen und Erzählungen einzuflechten pflegte, und ist nur noch von einem Wunsche ergriffen: die nackte Wahrheit auszusprechen über die dunkeln Seiten des Zeitalters, in dem er lebt.

In diesem Sinne stellen die „Toten Seelen“ ein künstlerisches Denkmal dar, das in der Geschichte der russischen Literatur eine neue Ära eröffnet.

In den ersten Jahrzehnten des XIX. Jahrhunderts — dem Zeitalter der sogenannten „Romantik“ und des „Sentimentalismus“ gab es für den russischen Dichter nur ein Objekt, das ihn stetig beschäftigte, seine eigene Persönlichkeit. Es gab nichts Wichtigeres für ihn als sein eigenes Selbst, mit all seinen Gedanken, Stimmungen und dem freien Spiel seiner Phantasie. Er wußte vor allem davon zu erzählen, wie die gesamte Umwelt sich in ihm, dem Dichter spiegelte; und daher blieb sein Verhältnis zu dieser Umwelt immer rein subjektiv. Mit dem vierten Jahrzehnt des XIX. Jahrhunderts erfährt jedoch dieses subjektive Verhalten des Künstlers zu seiner Umgebung eine Wandlung, die sich sehr rasch vollzieht und schnell in der gleichen Richtung fortschreitet. Von nun ab geht das Streben des Künstlers vor allem darauf, das Leben so treu und vollständig als nur möglich zu ergreifen und wiederzuspiegeln; das Leben selbst in seiner ganzen Mannigfaltigkeit und in seinem Gegensatz zu ihm, dem Dichter wird jetzt der wichtigste Gegenstand seines Interesses. Er beginnt es bis tief ins Einzelne zu analysieren, um es dann im Ganzen oder in seinen Teilen rein und treu zu reproduzieren. Der Künstler sieht sein größtes Verdienst darin, seine eigenen Sympathien und Antipathien zurücktreten zu lassen und womöglich ganz zu verbergen. Er strebt nur darnach, jenen Stoff, den er zu bearbeiten hat, so objektiv und unparteiisch als möglich zu erfassen und restlos in sich aufzunehmen.

Erst mit Gogol tritt diese Hinwendung des Künstlers zur objektiven Darstellung in der russischen Literatur ganz unverhüllt ans Licht. Im „Revisor“ und in den „Toten Seelen“ besitzen wir zwei streng realistische Gemälde russischen Lebens aus der Epoche Nikolaus’ I. So wurde Gogol zum Begründer der sogenannten „naturalistischen“ Schule, die den Ruhm der russischen Literatur auch nach dem Westen trug. Und darin sind alle russischen Künstler den Spuren Gogols gefolgt, indem sie alle die Umwelt zum Gegenstand eines peinlichen und gründlichen Studiums machten, um sie dann als Ganzes oder doch einen Ausschnitt von ihr objektiv doch zugleich künstlerisch wiederzuspiegeln. Das war die Arbeitsmethode aller großen russischen Künstler; von Turgenjew, Dostojewski und Ostrowski bis zu Gontscharow, Tolstoi und Saltykow-Schtschedrin. Und wenn auch ein jeder von ihnen seine in seinen Werken eigene Weltanschauung zum Ausdruck brachte und mit besonderer Liebe bei den Gestalten verweilte, die ihm selbst am nächsten standen; wenn er mitten hinein in die Gemälde realer Wirklichkeit rein persönliche Betrachtungen einflocht, und sich’s erlaubte, eine Art Glaubensbekenntnis vor dem Leser abzulegen, so waren doch ihre Werke vor allem und in erster Linie ein großes und detailliertes Bild der lebendigen Wirklichkeit, ein historisches Dokument einer Epoche; es blieb stets die Hauptsorge des Künstlers: nicht seine persönlichen Ansichten und Gefühle zum Ausdruck zu bringen, sondern die Idee und den Umriß des Lebens zu erfassen, das sich vor seinen Augen entrollte.

So wird es verständlich, welch einen gewaltigen Einfluß das Schaffen Gogols auf die Entwickelung der russischen Literatur gewinnen mußte. Der sentimentale Roman mit seiner didaktischen Tendenz, die romantische Novelle, die dem Leben so fremd blieb, und die bekannten zahlreichen lyrischen Herzensergießungen in Prosa traten immer mehr zurück, um den Raum für die Milieuerzählung — für die realistische wirklichkeitstreue Novelle mit ihrem großen und weiten Horizont frei zu machen: für eine Prosaerzählung, die den Leser zu einem kritischen Verhalten gegen das Leben und die ihn umgebende Wirklichkeit erweckte.