IV.
Während seines Aufenthaltes im Auslande und besonders in Italien war Gogol sehr fleißig und die Arbeit ging glatt vonstatten. Es war die Zeit, wo seine Schöpferkraft in voller Blüte stand. Die romantischen Neigungen, die noch zum letztenmal in der schönen Novelle „Rom“ zum Ausbruch gekommen waren, traten allmählich zurück und machten einer nüchternen, ruhigen und humorvollen Lebensanschauung Platz. Das sich immer stärker entfaltende Talent des Schilderers, das zu einer innigen Verschmelzung der künstlerischen Wahrheit mit der Lebenswahrheit hinstrebte — gewann immer mehr die Oberhand, was nicht nur in der Zurückstellung und Aufgabe aller früheren Pläne, die noch im Geiste des alten romantischen Stils konzipiert waren, zum Ausdruck kam, sondern auch in der Art wie Gogol seine älteren Werke umschuf und neu bearbeitete.
In solch einem realistischen Geiste gestaltete Gogol zu dieser Zeit seine Erzählungen „Das Porträt“ und „Taras Bulba“ um. Am stärksten und freiesten aber entfaltete sich diese Kraft des Humoristen und Lebensschilderers, die in dieser Epoche ihre höchsten Siege über die sentimentalisch-romantischen Neigungen und Stimmungen des Dichters feierte, in der Novelle: „Der Mantel“. Dieses Werk nimmt eine ganz besondere Stellung in der Geschichte der russischen Literatur ein. Es ist das zeitlich erste und vielleicht vollkommenste Beispiel dieser Gattung, die später eine große Verbreitung fand und eine große soziale Bedeutung gewann. Es ist eine Seite aus der Geschichte der „Erniedrigten und Beleidigten“, die unmittelbar nach Gogol Dostojewski unter seinen besonderen Schutz nahm. Im Westen setzte dieses Eintreten für die Schwachen und Benachteiligten durch die Literatur und durch die Tat etwa um dieselbe Zeit mit dem Wachstum und der raschen Verbreitung der sozialistischen Ideen ein. In Rußland aber rührte der erste Versuch, die Gesellschaft für jene große Masse derer zu interessieren, an denen sie achtlos vorübergeht, von Gogol her, der ganz unbeeinflußt von den westeuropäischen Tendenzen in seinem „Mantel“ ein Werk schuf, das man mit Recht als den Ausgangspunkt und Ursprung der sogenannten „Anklageliteratur“ in Rußland erklärt hat. Man muß dabei nur im Auge behalten, daß in Gogols Erzählung der Protest und die Anklage sehr abgedämpft erscheinen und mehr durch ein weiches Gefühl der Teilnahme und des Mitleids ersetzt sind. Der Dichter läßt uns mit seinem unscheinbaren Helden alle wichtigsten Etappen seines Lebens durchleben; wir besuchen ihn in seiner Dachkammer, wo er langsam von jedem Rubel Groschen auf Groschen in sein kleines Büchschen zurücklegt, alljährlich das kleine Häuflein Kupfergeld nachzählt, um es durch Silbermünzen zu ersetzen, wo er hungert und friert, die Kerze spart, seine Kleider auszieht, damit sie nicht zu schnell fadenscheinig werden, und wo er einsam in seinem Schlafrock dasitzt, die ewige Idee des Mantels in seinem Geiste tragend; wir folgen ihm ins Departement, wo man ihn ebensowenig beachtet, wie eine vorüber schwirrende Fliege, wo man ihn verspottet, ihm Papierschnitzel auf seinen Kopf schüttet, wo er jahraus, jahrein hinter seinem Pulte hockt und die Buchstaben sorgfältig aufs Papier malt, oder die Akten beiseite legt, die er zu seinem eigenen Vergnügen kopieren will. Der phantastische Schluß, den Gogol dieser Erzählung gegeben hat, ist zwar etwas willkürlich, aber überaus glücklich erfunden und trägt einen ganz anderen Charakter als seine früheren phantastischen Erzählungen. Das Phantastische enthält eine solche starke Beimischung von Spott, Humor und Fröhlichkeit, daß es fast völlig gegen das letztere Element zurücktritt und seinen romantischen Charakter gänzlich einbüßt. Der Autor braucht das Wunderbare nur um der paar kleinen Genrebilder willen, mit denen er seine Novelle beschließt.
So stark war Gogols Kunst, wenn er sich von seiner alten Manier abwandte und seinem scharfen Beobachtungstalent und seinem Humor freien Lauf ließ.
Wer jedoch die Kraft und Macht dieser Gabe kennen lernen will, der muß zu der tragikomischen Dichtung „Die toten Seelen“ greifen. Hier legt jede Seite ein beredtes Zeugnis dafür ab.
V.
Die Arbeit an den Toten Seelen war für den Verfasser eine hohe Freude und ein großer Schmerz. Noch nie hatte er einen so erhabenen Genuß und eine solche innere Befriedigung empfunden, als in jenen Stunden, wenn ganze Seiten seiner Dichtung wie von selbst aus der Feder flossen, und nie hat er so gelitten, als in jenen langen Jahren, wo er monatelang auf die ersehnte Inspiration warten mußte. Diese Arbeit hat Gogol 16 Jahre lang beschäftigt: von 1835, als er die ersten Seiten des Werkes niederschrieb, bis zum Beginn des Jahres 1852, als ihm der Tod die Feder aus der Hand nahm. Von diesen 16 Jahren brauchte er 6: von 1835-1841 — während der er natürlich noch an andern Dichtungen arbeitete — um den ersten Teil zu vollenden. Die ihm noch übrig bleibenden 10 Jahre waren ganz mit Versuchen ausgefüllt, eine Fortsetzung für sein Werk zu finden.
Nach der Idee des Autors sollten die „Toten Seelen“ eine „Dichtung“ werden, in welcher Rußland in der ganzen Mannigfaltigkeit seines staatlichen und sozialen Lebens, mit all seinen lichten und dunkelen Seiten erscheinen sollte. Gogol wollte hier in neuer Form das alte Epos wieder aufleben lassen; daher nannte er wohl mit bewußter Anspielung auf die Homerischen Gesänge seinen Roman — ein Poem d. h. eine Dichtung. Der Gesamtplan des Werkes stand natürlich im Geiste des Verfassers nicht gleich völlig fertig da, und nahm mit den Jahren eine recht seltsame Richtung an. Die ruhige, uninteressierte epische Erzählung verwandelte sich immer mehr in eine Predigt sittlicher Wahrheiten, und der Wunsch, Rußland möglichst vollständig nach all seinen Seiten darzustellen, trat immer mehr hinter dem Ideal zurück, der ganzen Menschheit eine neue Lehre zu künden, die die Seele erheben und ihr Leben erhöhen sollte.
Gogol behielt den Entwurf zu seiner Dichtung für sich und sprach nur selten und ganz im Allgemeinen zu seinen nächsten Freunden davon, wie groß und tief sein Plan war. Die übertrieben stolzen Reden Gogols über sein Werk erregten die heftigste Opposition unter seinen Freunden und Bekannten, sie ärgerten und verstimmten sie. Hätten sie gewußt, wie großartig dieser Plan des Künstlers tatsächlich war, sie hätten ihm vielleicht seine Überhebung verziehen, die um so verzeihlicher war, als Gogol nicht so sehr auf sein Künstlertum stolz war, als vielmehr darauf, daß er im Besitze der sittlichen Wahrheit zu sein glaubte, und er fühlte sich verpflichtet, seinen Nächsten diese Wahrheit zu verkünden, sobald er dieser hohen Aufgabe würdig geworden war.
Aber obgleich Gogol den Plan zu seinem Werk geheim hielt, ist es dennoch möglich, nach gelegentlichen Äußerungen und Anspielungen, nach seinen Unterhaltungen mit nahestehenden Personen, sowie nach seinen Briefen und den Fragmenten des zweiten Teiles, das Geheimnis des Schriftstellers mit genügender Genauigkeit zu enthüllen; es ist zugleich das Geheimnis des Künstlers und Moralisten.
„Gott hat mich erschaffen,“ sagt Gogol einmal, „und er hat mir nichts von meiner Mission verheimlicht. Ich bin gar nicht dazu geboren, um eine Epoche in der Literaturgeschichte zu begründen. Mein Beruf ist weit einfacher und naheliegender: er besteht darin, woran überhaupt jeder Mensch und nicht ich allein vor allem denken sollte. Mein Gebiet ist die Seele, die starke, solide Sache des Lebens. Und daher muß auch mein Handeln und mein Schaffen stark und solide sein.“ „Die toten Seelen“ sollten in ihrem Gesamtaufbau ein solch „solides, starkes“ Werk werden, auf das der Mensch sich zu stützen vermochte, wenn Gewitterstürme über seine Seele dahinbrausten, sie sollten der Katechismus seiner Rettung sein. Diese Dichtung sollte dem Menschen ein Führer zu seiner sittlichen Wiedergeburt werden, wie es für den Verfasser ein reinigendes Gebet war, nach seiner geistigen und seelischen Erleuchtung, und nachdem er Buße getan hatte für seine eigenen Sünden.
Wie aber hatte dem Dichter eine solche Idee kommen können?
Gogol war von Natur sentimental veranlagt, er liebte es, zu belehren und zu predigen. Dieser moralisierende Ton findet sich schon in seinen frühesten Briefen und zeugt nicht nur von den Zweifeln, die den Knaben bewegten, sondern auch von dem lyrischen Schwung seiner Seele. Diese Lyrik in seinem Fühlen und Denken suchte auch einen Ausdruck in seinen Novellen, und so finden wir in diesen ersten Erzählungen neben einem unschuldigen Frohsinn und Humor eine starke melancholische Note; den Schmerz über die vielen traurigen Seiten des Lebens. Aber in demselben Maße, als Gogols Humor ernster wurde, wurde auch der Dichter immer stärker von dem Gedanken ergriffen, er sei berufen, etwas ganz Großes zu erschaffen, und so kam es, daß ihn die sittlichen Tendenzen immer mächtiger erfüllten und mit sich fortrissen. Nach der ersten Aufführung des „Revisor“ überzeugte er sich, daß er wirklich die Kraft zu einer sittlichen Einwirkung auf die Masse besaß, und von da ab war er entschlossen, diese Kraft in den Dienst einer großen Sache zu stellen und die Macht, die ihm verliehen war, nicht in kleinen Taten zu verzetteln. Schon in seiner Jugend, als er sich dieser Macht noch nicht bewußt war, träumte er davon, etwas Großes zu leisten, der Wohltäter und Lehrer seiner Nächsten und ein Held und Kämpfer für das Vaterland zu werden. Um diese hohe Mission durchzuführen, setzte er seine ganze Hoffnung auf sein Talent und begann nach einer seiner würdigen Aufgabe d. h. nach einem großen und bedeutenden Stoff zu suchen, der seinem Glauben an sich selbst Recht gab, und dessen Gestaltung zu einer wirklichen Wohltat für die Nächsten werden sollte.
So konnte die Anekdote von dem Kauf der „toten Seelen“ schnell ihren komischen Charakter verlieren und sich in einen Gegenstand verwandeln, für den der Dichter nicht gleich eine feste Begrenzung und einen passenden Rahmen fand. Auf dieses Sujet konzentrierte Gogol von nun ab die ganze Kraft seines Lyrismus, in ihm wollte er der Macht seiner eigenen sittlichen Überzeugungen Ausdruck verleihen; er begann diesen Stoff ständig zu erweitern und zu vertiefen, um ihn bis zu der Höhe jenes „großen Gegenstandes“ emporzuheben, nach dessen Gestaltung er sich sagen konnte: das hohe und teure Werk, von dem er seit seiner frühesten Jugend träumte, sei vollendet. Es ist begreiflich, daß eine solche Umformung einer schlichten Anekdote zu einer grandiosen Idee nur langsam und allmählich vor sich gehen konnte, und daß der Autor selbst bei Beginn seiner Arbeit nicht zu sagen vermochte, welche Gestalt sie bei ihrer Vollendung annehmen werde.
Neben dieser ethischen Tendenz gewann auch die patriotische Absicht des Dichters einen mächtigen Einfluß auf die Dichtung. Gogols Patriotismus hatte mit den Jahren bedeutend zugenommen, und als der Dichter an die Ausführung seines Planes ging, hatte sich seine Liebe zum Vaterland bereits zu einer stark konservativen Weltanschauung mit einer ausgesprochenen religiösen Färbung zusammengeschlossen. Und dieser Patriotismus wie das Streben, seinen Mitmenschen den Weg zur Wahrheit zu weisen, blieb nicht in seiner Entwickelung stecken, sondern erstarkte noch mehr in dem Maße, als der Dichter an der ständigen Erweiterung und Vertiefung seines Werkes tätig war. Gogol mußte in seinem Roman über Rußland sprechen, und er hat seinem Vaterlande, besonders im ersten Teil, manch bitteres Wort gesagt. Als er noch nicht an eine Fortsetzung seiner Dichtung dachte, ließ er uns seine Heimat nur von „einer Seite“ sehen, und noch dazu von ihrer allerunansehnlichsten. Der Held des Romans und alle Personen, mit denen er zusammentraf, waren Menschen von einer geradezu erbärmlichen Hohlheit. Sie so zu lassen — das bedeutete grausam und herzlos gegen das eigene Vaterland verfahren, das hieß über seine guten Seiten, hieß über alle Russen schweigen, die einen Anspruch auf unsere Liebe und Achtung hatten. Gogols immer wachsende Liebe zum Vaterlande verpflichtete ihn, seinen Mitbürgern in seiner Dichtung auch ein Wort der Ermutigung, der Teilnahme und der Liebe zu sagen. Je mehr sich der Rahmen der Erzählung erweiterte, um so drängender empfand er diese Verpflichtung. Und Gogol schritt vom Humor und von der Satire zur Verherrlichung Rußlands und zur Bewunderung der russischen Tugenden fort. Er wollte ihnen einen gebührenden Platz in seiner Dichtung einräumen und spielte schon im ersten Teil des Romans darauf an. Er wußte, daß der Leser ein Recht hatte, auch eine Darstellung der besten Seiten des russischen Lebens von ihm zu fordern; indem er diesem Wunsche entgegenkam und seinem eigenen patriotischen Gefühl Folge leistete, fing er an, nach neuen positiven Typen für sein Werk zu suchen und seine Seele wieder bis zur schwungvollen Begeisterung seiner früheren Werke emporzustimmen.
Dies ist der Anteil der patriotischen Idee am Gesamtplan der Dichtung. Einen kaum geringeren, wenn nicht noch stärkeren Einfluß auf des Dichters Schaffen gewann die religiöse Stimmung, die Gogol mit jedem Jahre immer machtvoller in ihren Bann schlug. Im Auslande entstand ihm die Überzeugung von der besonderen Mission, die er zu erfüllen habe. Ihn beseelte ein starker Glaube an Gott und Gottes besondere Anteilnahme an ihm und seiner Arbeit. Sein literarisches Schaffen steigerte sich in seinen Augen bis zu einer Art Gottesdienst, und so ist es nur natürlich, daß er sein Leben wie eine ernste und schwere Pflicht zu betrachten begann, eine Pflicht, für die sich der Mensch lange kräftigen und stählen muß, wenn er die große Aufgabe erfüllen will, die Gott in seine Hände gelegt hat. Gogol begann sich auf seine schriftstellerische Aufgabe durch Fasten und Gebet vorzubereiten; er „arbeitete ständig an sich selbst“, schonungslos suchte er alles in sich auszurotten, was er für unheilig und sündhaft hielt, und er richtete all seine Gedanken auf seine sittliche Wiedergeburt; nur mit reinem Herzen und einem verklärten Gemüt glaubte er seine hohe Sendung erfüllen zu können, und diese Stimmung fand natürlich auch ihren Ausdruck in seiner Dichtung. Diese sollte zu einer sittlichen Predigt werden, die sich an die Mitbürger und Mitbrüder wendete, und zu einem Akt der Reinigung von den eigenen Sünden.
So verschmolz für Gogol die schriftstellerische Aufgabe mit der eigensten Sache seines Herzens. Seine Dichtung wurde für ihn zu einem reinigenden Opfer. Die Sünden, von denen er in ihr sprach, forderten Sühne und Ahndung — die Sünden seiner Helden, wie seine eigenen. Sein Werk verwandelte sich in die Geschichte der Verklärung und Erleuchtung einer sündhaften und irrenden Seele, es nahm eine tiefe mystische Bedeutung an — einen ähnlichen Sinn wie das große Epos Dantes, das Gogol stets mit ehrfürchtiger Bewunderung las.
Gogol wollte selbst ein zweiter Dante werden, der aus der Finsternis zum Licht, aus der Hölle zum Himmel emporsteigt, der Gedanke, seine Helden mit sich emporzuziehen, sie durch Reue und Buße aus sündigen zu, wenngleich nicht heiligen, so doch edlen und sittlichen Menschen zu machen, ergriff und erschütterte die Seele des Dichters aufs tiefste. Dieser Gedanke sollte im zweiten und dritten Teile der Dichtung zur Ausführung kommen, aber Gogol kam nie über das Nachdenken und Entwerfen hinaus, und überantwortete schließlich das, was er davon niedergeschrieben hatte, den Flammen. So ist denn alles, was uns in vollendeter und dichterisch abgerundeter Form erhalten blieb, nur der erste Teil der Dichtung: die Geschichte vom Sündenfall des Russen, die Erzählung von seinen Lastern, seiner Hohlheit, seiner Nichtigkeit und Gemeinheit.