VI.

Wenn wir jene Stellen in den „Toten Seelen“, wo der Verfasser auf den geheimnisvollen Sinn seiner Dichtung und auf die folgenden Teile hindeutet, d. h. alle lyrischen Exkurse ausnehmen, in denen der Dichter selbst das Wort ergreift, dann bildet dieser Roman gewissermaßen die direkte, wenngleich viel reichere und vielseitigere Fortsetzung des „Revisors“. Beide Werke stellen ein ungeschminktes, in seiner Wahrheit erschütterndes Bild russischen Lebens dar. Die handelnden Personen im „Revisor“ waren Beamte, zu denen sich in den „Toten Seelen“ noch Gutsbesitzer und Leibeigene gesellen. Aber das Gemälde erscheint hier unendlich erweitert und vertieft. Die psychischen Regungen und Bewegungen der Helden des „Revisors“ waren noch wenig differenziert und nicht sehr vielgestaltig — ganz anders verhält es sich in den „Toten Seelen“, wo ein viel reicheres und nuancierteres Leben, voll starker Kontraste pulsiert. Eine ganze Galerie charakteristischer Typen rollt sich vor uns auf, und jede dieser Typen zeigt eine scharfe ausgesprochene Physiognomie, die von der ersten bis zur letzten Seite der Dichtung unbeirrt festgehalten wird. Inmitten dieser Personen, die wie lebendige, blutvolle Menschen vor uns stehen, lebt und bewegt sich der Held: Pawel Iwanowitsch Tschitschikow; ihn verbindet kein engeres Band mit der Gesellschaft, die ihn umgibt, sondern er kommt von außen hereingeschneit wie Chlestakow im „Revisor“. Dieser Held ist vom Autor mit besonderer Liebe und Sorgfalt gezeichnet. Er ist das Zentrum, um das sich alle Personen der Dichtung gruppieren, und unser Führer in diesem Panoptikum von Leibeigenen, Gutsbesitzern und Beamten, von denen jeder einzeln und für sich genommen so unendlich komisch und lächerlich wirkt, und die alle zusammengenommen einen so tieftraurigen Eindruck hervorrufen.

Und doch ist Gogol mit seinen Helden noch sehr gnädig verfahren. Es ist keine Frage, daß Tschitschikow ein Mann von recht zweifelhaften moralischen Qualitäten, einer dunklen Vergangenheit und einer recht unerfreulichen Aktualität ist. Als Mensch und Bürger ist er ein Gauner und Spitzbube im vollen Sinne des Wortes, als Persönlichkeit der typische Repräsentant einer sehr weit verbreiteten Durchschnittsmoral, die in ihrem tiefsten Grunde die Unsittlichkeit selbst ist, die aber selber lebt und leben läßt. Indessen hat sich der Dichter nicht mit dieser kühlen und unbefangenen Charakteristik dieses so liebenswürdigen und höflichen Räubers begnügt; er erzählt uns die ganze Geschichte seiner Jugend, er erklärt uns, wie in Tschitschikow diese räuberischen Instinkte entstehen konnten, und läßt uns darüber nachsinnen, ob die ganze Verantwortung für die Spitzbübereien und Gaunereien seines Helden wirklich auf Tschitschikow allein fällt, oder ob nicht die größere Hälfte seiner Schuld auf das Konto des Milieus, in dem er aufwuchs, abgewälzt werden muß. Ja, Gogol geht zuletzt sogar so weit, daß er dem Leser geradezu die Frage vorlegt: „Ist Tschitschikow denn tatsächlich ein solcher Lump?“ Und er fährt fort: „Warum gleich ein Lump? Warum sollen wir so streng gegen unsere Nächsten sein? — Er ist einfach das, was man einen guten Wirt und ein Erwerbsgenie nennt.“

Der Erwerbstrieb trägt die Schuld an allem: er ist die Ursache, daß Dinge geschehen, die die Welt als nicht ganz sauber bezeichnet. Tschitschikow ist das Opfer seiner Leidenschaft „und es gibt Leidenschaften, deren Wahl nicht in der Macht des Menschen liegt“.

Wenn es aber möglich war, schon für Tschitschikow soviel mildernde Umstände geltend zu machen, so war dies noch leichter bei seinen Freunden und Bekannten, die ja wirklich nicht einmal so schuldig waren. Und in der Tat verfuhr der Dichter gegen sie alle mit großer Milde; vor allem gegen die Adligen, die er mit noch größerer Nachsicht behandelt, als die Beamten. Freilich sind auch sie lauter hohle, armselige, elende Menschen, aber eine besondere Entrüstung und eine allzu große Empörung regen sie nicht in uns auf. Wir lachen wohl über sie, wir bemitleiden sie, aber schließlich würden auch wir mit ihnen leben können, ohne daß uns allzu große Opfer und Kompromisse zugemutet zu werden brauchten. Was ließe sich schließlich gegen den so vertrauensseligen und gutmütigen Manilow einwenden, der stets bei jedem nur die besten Absichten voraussetzt? Ja, selbst ein Sabakewitsch läßt sich fast ertragen: dieser grobe und ungeschlachte Halsabschneider, der uns nur hin und wieder durch seine tierischen Instinkte in Erstaunen setzt, die übrigens für seine Nächsten völlig unschädlich sind. Auch Pljuschkin und Korobotschka verdienen eher unser Mitleid als unsere Verurteilung. Der Autor selbst, der die ganze Kleinheit und Hohlheit ihrer Seelen und die Armseligkeit ihres Lebens offen zur Schau stellt, beeilt sich, den Leser vor einer voreiligen Verurteilung dieser beiden zu warnen. Er zeigt uns Pljuschkin in der glücklichsten, schon weit zurückliegenden Zeit seines Lebens, und wir verstehen, daß ein Unglücklicher vor uns steht, der ein Opfer der Leidenschaft ist, gegen die er nicht zu kämpfen vermag. Der Dichter spricht mit tiefem Schmerz von der Erbärmlichkeit, Kleinheit und Häßlichkeit, bis zu der ein Mensch herabsinken kann; er weist hin auf diese Entartung des Menschenbildes und gibt uns den weisen Rat, wenn wir aus dem weichen, zarten Jugendalter hinaustreten in das strenge verhärtende Mannesalter, uns mit einem möglichst großen Vorrat von Begeisterung und Idealismus zu versehen und ihn unterwegs nicht leichtsinnig zu verschwenden. Gogol droht uns mit diesen lebendigen Leichen, und doch spricht er stets in einer Weise von ihnen, daß sie nicht Abscheu hervorrufen, sondern uns eine Träne des Mitleids entlocken. Selbst Nosdrjow, diese Synthese von Unrast, Unverfrorenheit, Spitzbüberei und Zynismus, hat Gogol etwas so Gutmütiges und von jeder Böswilligkeit Freies verliehen, daß er uns beinahe völlig entwaffnet und die Fähigkeit nimmt, ihm ernsthaft zu zürnen.

So freundlich und milde verfuhr Gogol mit all jenen Personen, die er mit seinem Helden zusammenführte, d. h. mit jener Klasse von Freien, die keine eigentlichen Beamten darstellen. Dagegen war er weit strenger gegen dieselben Menschen, wenn sie irgend ein Amt im Staate bekleideten, mit andern Worten, wenn sie Beamte waren.

Wie der „Revisor“, so enthalten auch die „Toten Seelen“ keine Spur von einer politischen Anspielung. Die Satire berührte auch nicht mit einem Wort die höhere Obrigkeit und setzte sich bloß mit den niederen Klassen des Beamtenstandes auseinander.

Die ganze Dichtung bietet das Muster einer guten Gesinnung dar und daher konnte sie auch den Leser zu keinerlei Betrachtungen veranlassen, die sich gegen die Regierung und Administration richteten, mit Ausnahme etwa der schicksalsreichen „Geschichte vom Hauptmann Kopeikin“, die der Zensor durchaus nicht freigeben wollte, und die erst nach bedeutenden Änderungen und Zugeständnissen seitens des Autors die Zensur passierte. Diese Geschichte war die einzige gegen die souveräne Gewalt gerichtete Anspielung, die sich Gogol erlaubt hatte. In allen andern Fällen wählte er sich bloß die ausführenden Organe dieser Gewalt zur Zielscheibe, wobei er die Wucht seiner Angriffe genau nach Rang und Stellung seiner Helden abstufte. Je höher ein Beamter stand, um so milder beurteilte ihn der Verfasser, welcher freilich nicht die Absicht hatte, der Regierung durchaus nur Schmeichelhaftes zu sagen, sondern sich allein von der Erwägung leiten ließ, daß ein hohes Maß von Intelligenz den Menschen auch zu einer höheren Sittlichkeit verpflichte.

So sind denn in den „Toten Seelen“ alle höheren Beamten, selbst abgesehen vom Generalgouverneur und vom Gouverneur, lauter ehrenwerte und liebenswürdige Männer, die höchstens ein paar Seltsamkeiten oder Eigenheiten an sich haben. Diese ganze so nette Beamtengesellschaft gibt dem Moralisten nur wenig Anlaß zur Betrübnis, ja, er könnte sich nach Gogols Ausdruck unter ihnen ganz wie zu Hause fühlen.

Aber das Bild wechselt jäh und mächtig, wenn wir aus dem Kreise dieser relativ hochgestellten Provinzbeamten in die niederen Sphären hinabsteigen und zusammen mit Tschitschikow die mit kleinen Beamten bevölkerten Amtszimmer und Bureaus betreten. Hier befinden wir uns im Reiche der Akten, der schmutzigen und der sauberen, innerhalb dessen Unrecht und Bosheit einen viel freieren Spielraum haben. Wir sind zugegen bei der Herbeischaffung falscher Zeugen, die ohne viel Umstände unter den gerade anwesenden, größtenteils ungebildeten Gerichtsbeamten ausgewählt werden; wir sehen wie Tschitschikows Spitzbubenstück die Sanktion des Gesetzes erhält, wobei dem letzteren aus reiner Liebenswürdigkeit gegen ihn nicht einmal die gesetzlichen Gebühren abgenommen, sondern unbegreiflicher Weise einem andern Bittsteller aufs Konto gesetzt werden ... mit einem Wort, wir befinden uns mitten in einer Gesellschaft von wirklichen Gaunern und Betrügern, denen jede Spur von Sentimentalität, welche ihre Vorgesetzten auszeichnete, fremd ist, und die einem nüchternen illusionslosen Utilitarismus huldigen.

Wenn wir noch tiefer hinabsteigen, und uns aus der Stadt auf das Land begeben, so treffen wir hier schon auf ausgemachte Lumpen und Schurken, wie z. B. auf den Gendarmerieobersten Drobjaschkin, den Mann mit dem weichen und zärtlichen Herzen, der alle Dörfer heimsucht und sie wie eine verheerende Epidemie durchstreift, wofür er dann schließlich auch von den Bauern ins Jenseits befördert wird. Diese Seite, die uns von den Heldentaten der Dorfpolizei berichtet, ist sicher die kühnste in der gesamten Dichtung.

Der erste Teil der „Toten Seelen“ ist somit tatsächlich eine Epopöe der menschlichen Erbärmlichkeit und Nichtigkeit. Erbärmlich ist dieser Erwerbsritter mit dem Instinkte des Raubtieres, erbärmlich und armselig — diese ganze Stadtgesellschaft, Männer wie Frauen — erbärmlich dieses Reich der kleinsten, nichtigsten Interessen, dieses prinzipienlose Vegetieren, diese geistige Beschränktheit, dieser Klatsch und diese Verleumdung. Am charakteristischsten aber ist es wohl, daß auch der Bauernstand, von dem der Autor nur ganz kurz und bei Gelegenheit handelte, in den „Toten Seelen“ vorzüglich nach seiner unansehnlichen und erbärmlichen Seite dargestellt ist. Der Bauer ist weder schlecht noch tugendhaft, weder gut noch böse, sondern nur armselig, beschränkt und stumpfsinnig. Der Dichter wollte weder seinen Verstand, noch sein Herz idealisieren und erheben, wie das viele sentimentale und romantische Schriftsteller unter Gogols Zeitgenossen taten; aber er wollte ihn auch nicht schlecht machen, wie das wohl der Satiriker getan hätte, der die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Sünden und Laster unserer ärmeren und schwächeren Mitbrüder lenken will, um sein Nachdenken und sein Interesse für sie zu wecken.

Daß der Dichter ein herzliches Mitgefühl für diese seine Mitbrüder hatte, daran ist gar kein Zweifel. Ein kurzer Einblick in die Betrachtungen, die Tschitschikow über das Schicksal der von ihm gekauften Bauern anstellt, genügt, um sich zu überzeugen, daß sich der Dichter in seiner Phantasie das Los dieser Armen, denen ihre Herrn nach ihrem Tode ein so schmeichelhaftes Zeugnis ausgestellt hatten, in lebhaften Farben ausmalte. Aber jedesmal, wenn Tschitschikow auf seinem Wege einem Bauern begegnet, bekommt er nichts zu hören außer dem törichten Gerede eines Onkel Mitjaj und Onkel Minaj. In der ganzen Dichtung findet sich auch nicht eine Seite, wo der russische Bauer etwas von dem ihm angeborenen Mutterwitz und der Pfiffigkeit spüren läßt, wo er uns durch jene geistigen und seelischen Fähigkeiten erfreut, von denen alle Freunde des Vaterlandes uns so oft und sicherlich nicht ohne Grund zu erzählen wußten.