1. Auftritt

Maria Alexandrowna, eine Dame mittleren Alters, und Michailo Andrejewitsch, ihr Sohn.

Maria Alexandrowna. Hör, Mischa, ich wollte schon längst mit dir sprechen: du mußt deinen Dienst wechseln.

Mischa. Meinetwegen morgen.

Maria Alexandrowna. Du mußt zum Militär.

Mischa (reißt die Augen auf). Zum Militär?

Maria Alexandrowna. Ja.

Mischa. Was sagen Sie, Mamachen, zum Militär?

Maria Alexandrowna. Warum bist du so erstaunt?

Mischa. Aber ich bitte Sie — wissen Sie denn nicht: man muß doch mit dem Junker anfangen!

Maria Alexandrowna. Nun ja, du wirst ein Jahr als Junker dienen, und dann wirst du Offizier werden — laß das nur meine Sorge sein.

Mischa. Aber was finden Sie Militärisches an mir? Auch meine Figur ist doch gar nicht militärisch. Ich bitte Sie, Mütterchen, wahrhaftig, Sie haben mich mit diesen Worten so überrascht, daß ich ... ich ... ich weiß einfach nicht, was ich davon denken soll. Ich bin Gott sei Dank ein wenig dick, und wenn ich noch die Junkeruniform mit den kurzen Schößen anziehen soll, werde ich mich schämen, mich anzusehen.

Maria Alexandrowna. Tut nichts. Man wird dich zum Offizier ernennen, und du wirst eine Uniform mit langen Rockschößen tragen, die deinen Embonpoint gänzlich verdecken wird, so daß man nichts davon merkt. Es ist sogar besser, daß du ein wenig beleibt bist — um so eher wird die Beförderung kommen: sie werden sich ja schämen, daß es in ihrem Regiment so einen dicken Fähnrich gibt.

Mischa. Aber Mutterchen, ich habe ja nur noch ein Jahr bis zum Kollegienassessor. Ich bin schon zwei Jahr lang Titularrat.

Maria Alexandrowna. Hör auf, hör auf! Dieses Wort „Titular“ peinigt meine Ohren; mir kommt immer gleich Gott weiß was dabei in den Sinn. Ich will, daß mein Sohn in der Garde dient, ich kann diese Garnitur jetzt einfach nicht mehr ansehen.

Mischa. Aber Mutterchen, bedenken Sie: sehen Sie mich einmal gut an, auch mein Äußeres. Schon in der Schule nannte man mich eine Schlafmütze. Beim Militär ist es doch immer notwendig, daß man mutig auf seinem Gaul sitzt, eine klangvolle Stimme, einen heldenhaften Wuchs und eine schlanke Taille hat.

Maria Alexandrowna. Das wirst du schon haben, das wirst du schon alles haben. Ich wünsche unbedingt, daß du dienst. Und es gibt einen wichtigen Grund dafür.

Mischa. Was für einen Grund?

Maria Alexandrowna. Nun — einen wichtigen Grund.

Mischa. Immerhin können Sie mir doch sagen, was für ein Grund das ist.

Maria Alexandrowna. Ach, ich habe meinen Grund — ich weiß auch gar nicht, ob du das richtig verstehen wirst. Die Gubomasowa, diese Närrin, sagte vorgestern bei den Rogoschinskis — und zwar absichtlich, damit ich’s hören sollte — ich saß als dritte in der Reihe: vor mir saß Sofia Wotruschkow, die Fürstin Alexandrin und nach der Fürstin Alexandrin gleich ich — und was glaubst du wagte diese abscheuliche Person zu sagen? ... Wahrhaftig, ich wollte mich schon von meinem Platze erheben und wenn nicht die Fürstin Alexandrin dagewesen wäre, weiß ich nicht, was ich getan hätte. Denk dir, sie sagte: „Ich bin sehr froh, daß man keine Zivilisten zu den Hofbällen zuläßt, die sind alle“ sagte sie, „mauvais genre, sie riechen nach etwas Unvornehmen. Ich bin froh,“ sagte sie weiter, „daß mein Alexis keinen solchen ekelhaften Frack trägt“. Und das alles sagte sie so geziert, in so einem Ton, so ... wahrhaftig, ich weiß nicht, was ich getan hätte. Und dabei ist ihr Sohn doch einfach ein Trottel, der nichts kann, als die Beine in die Höhe heben. So ein abscheuliches Frauenzimmer!

Mischa. Was, Mütterchen, das ist der ganze Grund?

Maria Alexandrowna. Ja, jetzt will ich es erst recht haben, ihr zum Trotz — daß mein Sohn bei der Garde dient und alle Hofbälle besucht.

Mischa. Aber Mütterchen, ich bitte Sie: — einzig weil sie eine Närrin ist ...?

Maria Alexandrowna. Nein, ich bin fest entschlossen: sie soll vor Ärger platzen, sie soll wütend sein.

Mischa. Aber ...

Maria Alexandrowna. Oho, ich werde es ihr schon zeigen! Sie mag tun was sie will: ich werde alle meine Kräfte anstrengen, und mein Sohn wird auch in der Garde dienen. Wenn er auch etwas dadurch verliert — er wird unbedingt dort dienen. Soll ich jedem ekelhaften Frauenzimmer gestatten, sich vor mir aufzublasen und ihre Stumpfnase noch höher zu tragen? Nein, nie wird das geschehen! Sie können machen, was Sie wollen, Natalia Andrejewna!

Mischa. Aber werden Sie sie damit auch ärgern?

Maria Alexandrowna. Nein, ich werde das nie zugeben!

Mischa. Gut, wenn Sie es verlangen, werde ich mich zum Militär versetzen lassen; aber wahrhaftig, es wird mir selbst lächerlich vorkommen, wenn ich mich in der Uniform sehen werde.

Maria Alexandrowna. Mindestens ist sie noch vornehmer als dieses Fräckchen. Und nun etwas anderes: ich will dich verheiraten.

Mischa. Wie, alles auf einmal? Ich soll den Dienst wechseln und mich außerdem noch verheiraten?

Maria Alexandrowna. Nun und was ist dabei? Als ob es nicht möglich ist, daß man den Dienst wechselt und zugleich heiratet.

Mischa. Aber ich hatte ja gar nicht die Absicht. Ich will noch nicht heiraten.

Maria Alexandrowna. Du wirst schon wollen, wenn du erst erfährst, wen. Mit dieser Heirat wirst du dein Glück machen: sowohl im Dienst wie in der Familie. Mit einem Wort: ich will dich mit der Fürstin Schlepochwostow verheiraten.

Mischa. Aber Mütterchen, das ist ja eine Gans allerersten Ranges.

Maria Alexandrowna. Gar nicht ersten Ranges. — Sie ist genau so eine wie alle andern. Ein ausgezeichnetes Mädchen, sie hat nur kein Gedächtnis: manchmal vergißt sie sich und sagt etwas Unpassendes; doch das ist nur Zerstreutheit, dafür klatscht sie nicht und sie wird sich nie etwas Schlimmes ausdenken.

Mischa. Aber ich bitte Sie, wie sollte sie auch klatschen! Sie kann ja kaum ein Wort hervorbringen und wenn sie es tut, dann nur so, daß man die Hände ringen möchte. Sie wissen ja selbst, Mütterchen, das Heiraten ist eine Herzensangelegenheit, man muß die Seele ...

Maria Alexandrowna. Nun ja! Als ob ich’s geahnt habe! Höre, laß diesen liberalen Tonfall! Er paßt nicht zu dir, ich habe dir das schon zwanzigmal gesagt. Anderen mag er vielleicht liegen, aber dich kleidet er schon gar nicht.

Mischa. Mütterchen, war ich Ihnen je ungehorsam? Ich bin schon bald dreißig Jahre alt, und ich gehorche Ihnen in allem wie ein Kind. Sie befehlen mir irgendwohin zu fahren, wohin ich in den Tod nicht fahren möchte — und ich tue es, ohne Ihnen auch nur zu zeigen, wie schwer es mir fällt. Sie befehlen mir, mich im Vorzimmer des Herrn Soundso herumzudrücken, und ich drücke mich im Vorzimmer des Herrn Soundso herum, auch wenn es ganz gegen meine Wünsche ist. Sie befehlen mir, auf den Bällen herumzutanzen — und ich tanze, trotzdem alle über mich und meine Figur lachen. Schließlich befehlen Sie mir den Dienst zu wechseln: und ich wechsle den Dienst, mit dreißig Jahren werde ich Junker, werde mit dreißig Jahren gleichsam von neuem geboren wie ein Kind — alles Ihnen zuliebe, und dabei reiben Sie mir jeden Tag den Liberalismus unter die Nase. Es vergeht kein Moment, wo Sie mich nicht einen Liberalen nennen. Hören Sie, Mütterchen, das schmerzt — ich schwöre Ihnen, das schmerzt. Ich habe doch wohl für meine aufrichtige Liebe und Anhänglichkeit an Sie mehr verdient, als ...

Maria Alexandrowna. Bitte, sprich nicht so. Als ob ich nicht weiß, daß du ein Liberaler bist! Ich weiß sogar, wer dir dies alles eingeredet hat: das kommt alles von diesem widerlichen Sobatschkin.

Mischa. Nein, Mütterchen, das ist zu viel, nun soll ich auch noch Sobatschkin folgen. Sobatschkin ist ein Lump, ein Spieler und alles, was Sie wollen. Aber daran ist er unschuldig. Ich werde ihm niemals erlauben, auch nur einen Schatten von Einfluß auf mich zu haben.

Maria Alexandrowna. Ach mein Gott, was ist das für ein furchtbarer Mensch! Ich erschrak förmlich, als ich ihn durchschaute. Ohne alle Grundsätze, ohne Tugenden — was für ein abscheulicher Mensch! Wenn du wüßtest, was er für Gerüchte über mich verbreitet hat! ... Drei Monate konnte ich mein Gesicht nirgends sehen lassen. Talgstümpfe soll man bei mir brennen! Wochenlang sollen die Teppiche in den Zimmern nicht mit der Bürste berührt werden! Die Pferde seien bei mir mit einfachen Stricken angeschirrt, und ich soll so spazieren gefahren sein: mit einem Kummet, wie bei einem gewöhnlichen Droschkengaul ... Ich wurde ganz rot vor Scham; über eine Woche bin ich nicht ausgegangen, ich weiß gar nicht, wie ich das alles überstehen konnte. Wahrhaftig, nur der Glaube an die Vorsehung hat mich noch aufrecht erhalten!

Mischa. Und Sie glauben, daß so ein Mensch Macht über mich gewinnen könnte? Sie glauben, ich würde erlauben, daß er ...

Maria Alexandrowna. Ich habe ihm gesagt, daß er es nicht wagen soll, sich vor meinen Augen zu zeigen, und es gibt nur ein Mittel, mit dem du dich rechtfertigen kannst: daß du jetzt deinen Trotz aufgibst und noch heute der Fürstin eine Deklaration machst.

Mischa. Aber Mütterchen, wenn das nicht möglich ist?

Maria Alexandrowna. Wieso ist das nicht möglich, wieso nicht?

Mischa (beiseite). Ein entscheidender Augenblick. (Laut.) Gestatten Sie mir, mindestens hier meine eigene Meinung zu haben, mindestens in einer Angelegenheit, von der das Glück meines zukünftigen Lebens abhängt. Sie haben mich bis jetzt nicht gefragt — aber wenn ich nun in eine andere verliebt wäre?

Maria Alexandrowna. Das ist ja etwas ganz neues für mich, ich muß gestehen, davon habe ich noch nichts gehört. Nun, und wer ist diese andere?

Mischa. Ach Mütterchen, ich schwöre dir, nie hat es ein ähnliches Wesen gegeben. Sie ist ein Engel: ein Engel an Leib und Seele.

Maria Alexandrowna. Und wo ist sie her? Wer ist ihr Vater?

Mischa. Ihr Vater ist Alexander Alexandrowitsch Odossimow.

Maria Alexandrowna. Odossimow? Der Name ist mir unbekannt. Ich weiß von keinem Odossimow ... Ist er ein reicher Mann?

Mischa. Ein seltener Mensch! Ein merkwürdiger Mensch!

Maria Alexandrowna. Und ist er reich?

Mischa. Was soll ich Ihnen sagen! Sie müssen ihn selbst sehen! Solche seelischen Vorzüge, wie er sie hat, gibt es auf der ganzen Welt nicht wieder.

Maria Alexandrowna. Aber was ist er? Wer ist es? Was ist sein Rang? Wie groß ist sein Vermögen?

Mischa. Ich verstehe, was Sie meinen, Mütterchen. Gestatten Sie mir, Ihnen meine Gedanken offen darzulegen. Wie auch die Verhältnisse sein mögen — es gibt jetzt in Rußland keinen Bräutigam, der nicht eine reiche Braut sucht. Jeder will seine Lage mit Hilfe der Mitgift seiner Frau verbessern. Das mag ja unter gewissen Verhältnissen verzeihlich sein: ich begreife, daß ein Mann, der im Dienste oder anderswo einen Mißerfolg gehabt hat, den vielleicht übermäßige Ehrlichkeit daran gehindert hat, sich ein Vermögen zu erwerben — kurz, was der Grund auch sein mag, — daß der ein Recht hat, sich eine reiche Braut zu suchen. Und vielleicht wären die Eltern ungerecht, die seine guten Eigenschaften nicht anerkennen und ihm ihre Tochter nicht zur Frau geben würden. Aber sagen Sie selbst: würde ein begüterter Mann gerecht handeln, der sich eine reiche Braut suchen wollte? Was sollte dann aus der Welt werden? Das ist doch ebenso, als wollte einer einen Mantel über seinen Pelz anziehen, wenn ihm schon ohnedies warm genug ist ... während dieser Mantel vielleicht jemand anderem die Schultern wärmen könnte. Nein, Mütterchen, das ist unrecht! Der Vater hat sein ganzes Vermögen der Erziehung seiner Tochter geopfert.

Maria Alexandrowna. Genug! Genug! Ich bin nicht imstande, mehr zu hören! Ich weiß schon alles — alles! Da hat er sich in eine Vagabundin verliebt, in die Tochter irgendeines Fourieurs, der vielleicht Gott weiß was treibt.

Mischa. Mütterchen ...

Maria Alexandrowna. Der Vater ist ein Säufer, die Mutter eine Köchin, und die Verwandtschaft besteht aus kleinen Polizeibeamten und Branntweinverkäufern! ... Und das alles muß ich mit anhören, muß das alles ertragen ... ertragen von dem eigenen Sohn, für den ich mein Leben nicht geschont habe! ... Nein, das werde ich nicht überleben!

Mischa. Aber Mütterchen, erlauben Sie ...

Maria Alexandrowna. Mein Gott, was für eine Moral haben denn die jungen Leute jetzt nur! Nein, das werde ich nie überleben, ich schwöre es dir, das werde ich nicht überleben ... Ah, wie wird mir, mir wird ganz schwindlig im Kopf. (Schreit auf.) Ach, ich habe Stiche in der Seite! ... Maschka! Maschka! Das Fläschchen! ... Ich weiß nicht, ob ich den Abend noch erleben werde! Grausamer Sohn!

Mischa (eilt auf sie zu). Mütterchen, beruhigen Sie sich. Sie schaden sich nur ...

Maria Alexandrowna. Und das alles hat dieser widerliche Sobatschkin angerichtet. Ah, ich weiß nicht, warum ich diese Pest bis jetzt noch nicht davongejagt habe.

Der Lakai (in der Tür). Sobatschkin ist gekommen.

Maria Alexandrowna. Was! Sobatschkin? Schickt ihn fort! Fortschicken, daß keine Spur mehr von ihm übrig bleibt!

2. Auftritt

Dieselben und Sobatschkin.

Sobatschkin. Maria Alexandrowna, seien Sie großmütig und verzeihen Sie mir, daß ich so lange nicht bei Ihnen gewesen bin. Aber bei Gott, es war mir unmöglich. Sie können sich gar nicht denken, wieviel Geschäfte ich zu erledigen habe ... ich wußte ja, daß Sie böse sein werden, wahrhaftig, ich wußte es ... (Er erblickt Mischa.) Guten Tag, Bruder, wie geht’s dir?

Maria Alexandrowna (beiseite). Ich finde einfach keine Worte. So ein Mensch! Und er entschuldigt sich noch, daß er so lange nicht hiergewesen ist!

Sobatschkin. Ich freue mich, daß Sie so wohl und gesund sind, soweit man nach dem Aussehen urteilen kann. Und wie steht’s mit der Gesundheit Ihres Herrn Bruders? Ich muß gestehen, daß ich ihn auch hier zu treffen hoffte.

Maria Alexandrowna. Da hätten Sie doch ihn aufsuchen sollen und nicht mich.

Sobatschkin (lächelt). Ich bin gerade zu Ihnen gekommen, um Ihnen eine höchst interessante Anekdote zu erzählen.

Maria Alexandrowna. Ich liebe die Anekdoten nicht.

Sobatschkin. — Von Natalia Andrejewna Gubomasowa.

Maria Alexandrowna. Was? Von der Gubomasowa? ... (Bemüht sich ihre Neugier zu verbergen.) Dann ist es wohl erst vor kurzem passiert?

Sobatschkin. In diesen Tagen.

Maria Alexandrowna. Um was handelt es sich denn?

Sobatschkin. Wissen Sie, daß sie ihre Mädchen eigenhändig prügelt?

Maria Alexandrowna. Nein! Was Sie sagen! Oh, was für eine Schande! Ist es nur möglich?

Sobatschkin. Ich schwöre es Ihnen, erlauben Sie mir, Ihnen den Hergang zu erzählen. Eines Tages befiehlt sie einem Mädchen, das sich irgend etwas hatte zuschulden kommen lassen, sich so, wie es sich gehört, aufs Bett zu legen. Sie selbst geht in ein anderes Zimmer — ich kann mich nicht mehr erinnern warum, aber ich glaube, um eine Rute zu holen. Inzwischen verläßt das Mädchen aus irgendeinem Grunde das Zimmer. Statt ihrer kommt Natalia Andrejewnas Mann hinein, legt sich aufs Bett und schläft ein. Natalia Andrejewna erscheint also mit der Rute, befiehlt einem Mädchen, sich dem auf dem Bett Liegenden auf die Füße zu setzen, deckt einen Lappen über ihn — und prügelt ihren eigenen Mann durch.

Maria Alexandrowna (schlägt die Hände zusammen). Mein Gott, welche Schande! Wie habe ich bis jetzt nur nichts davon erfahren? Aber ich muß Ihnen gestehen, ich war immer davon überzeugt, daß sie zu so etwas fähig sei.

Sobatschkin. Selbstverständlich. Ich habe es schon in aller Welt erzählt. Und da sagt man nun: dies Musterweib! Sie sitzt in ihrem Haus, beschäftigt sich mit der Erziehung ihrer Kinder und bringt ihnen selbst englisch bei! ... Eine schöne Erziehung! Jeden Tag prügelt sie ihren Mann durch wie eine Katze! ... Wahrhaftig, es tut mir leid, aber ich kann nicht länger bei Ihnen bleiben. (Verbeugt sich.)

Maria Alexandrowna. Warum haben Sie es so eilig, Andrej Kondratjewitsch? Schämen Sie sich nicht, nachdem Sie so lange nicht bei mir gewesen sind? ... Ich war immer gewöhnt, Sie als Freund des Hauses zu betrachten — bleiben Sie doch! Ich wollte noch mit Ihnen über etwas sprechen. Hör mal Mischa, der Wagenbauer wartet in meinem Zimmer auf mich: bitte sprich du mit ihm. Frage ihn, ob er es übernehmen will, die Kutsche bis zum ersten wieder in Stand zu setzen. Er soll sie blau anstreichen, mit hellen Ornamenten — in der Art wie die Kutsche der Gubomasowa. (Mischa entfernt sich.)

Maria Alexandrowna. Ich habe meinen Sohn absichtlich weggeschickt, weil ich mit Ihnen allein reden will. Sagen Sie, wissen Sie etwas darüber, ob es hier irgendwo einen Alexander Alexandrowitsch Odossimow gibt?

Sobatschkin. Odossimow? ... Odossimow ... Odossimow ... Ich weiß, daß es irgendwo einen Odossimow gibt ... aber ich kann mich ja genauer erkundigen.

Maria Alexandrowna. Bitte.

Sobatschkin. Ich erinnere mich ... Ja, ich erinnere mich, es gibt einen Odossimow, einen Tischvorsteher oder einen Abteilungschef ... ja, ja, es gibt so einen ...

Maria Alexandrowna. Denken Sie nur, es ist da eine komische Geschichte passiert ... Sie könnten mir einen großen Dienst erweisen.

Sobatschkin. Sie haben nur zu befehlen. Für Sie bin ich zu allem bereit: aber das wissen Sie ja selbst!

Maria Alexandrowna. Es handelt sich um folgendes: Mein Sohn hat sich verliebt ... oder richtiger gesagt, es ist ihm eine wahnsinnige Idee in den Kopf gekommen ... nun, er ist ein junger Mensch ... mit einem Wort: er ist in die Tochter dieses Odossimow verliebt.

Sobatschkin. Verliebt? Aber er hat mir doch nichts davon erzählt? Allerdings, wenn Sie es sagen, wird er wohl verliebt sein.

Maria Alexandrowna. Ich bitte Sie um einen großen Dienst, Andrej Kondratjewitsch ... Ich weiß, Sie gefallen den Frauen.

Sobatschkin. He he he! Woher wissen Sie das? Aber wirklich, denken Sie sich nur: in der Fastnachtswoche haben sich sechs Kaufmannsfrauen ... vielleicht glauben Sie, daß ich ihnen meinerseits irgendwie ... etwa den Hof gemacht habe oder sonst was ... Ich schwöre Ihnen, nicht einmal angesehen habe ich sie! Ja noch mehr! Kennen Sie diesen — wie heißt er nur gleich — Jermolay? Jermolay ...? Mein Gott, Jermolay, der in der Litejnaja wohnte, unweit der Kirotschnaja?

Maria Alexandrowna. Ich kenne dort niemanden.

Sobatschkin. Mein Gott, Jermolay Iwanowitsch, glaub ich — schlagen Sie mich tot, aber ich habe den Familiennamen vergessen. Seine Frau ist vor fünf Jahren in eine peinliche Geschichte verwickelt gewesen ... Sie kennen sie doch? .. Silphida Petrowna?

Maria Alexandrowna. Durchaus nicht. Ich kenne weder einen Jermolay Iwanowitsch noch eine Silphida Petrowna.

Sobatschkin. Mein Gott, der in der Nähe von Kuropatkin wohnte!

Maria Alexandrowna. Ich kenne aber auch Ihren Kuropatkin nicht.

Sobatschkin. Nun, Sie werden sich später daran erinnern. Also die Tochter ist fürchterlich reich. Bis zu zweimalhunderttausend Rubel Mitgift — ohne jeden Schwindel! Noch vor der Hochzeit soll man den Lombardschein in den Händen haben ...

Maria Alexandrowna. Nun, und Sie? Und da haben Sie sie nicht geheiratet?

Sobatschkin. Nein! Drei Tage lang lag der Vater vor mir auf den Knien und flehte mich an. Die Tochter hat es nicht verwinden können und sitzt jetzt im Kloster.

Maria Alexandrowna. Und warum haben Sie sie nicht geheiratet?

Sobatschkin. Mein Gott ... Ich sagte mir: der Vater ist Branntweinpächter, und die Verwandtschaft — lauter hergelaufene Leute ... Glauben Sie mir, später hat es mir wahrhaftig selbst leid getan. Bei Gott, hol’s der Teufel! Wie diese Welt eingerichtet ist! Überall nichts wie Konventionen und Rücksichten! Wie viele hat das schon zugrunde gerichtet!

Maria Alexandrowna. Und warum müssen Sie sich nach der Welt richten? (Beiseite.) Wahrhaftig, jetzt glaubt jedes emporgekommene Insekt, daß es ein Aristokrat ist. Der Mensch ist erst Titularrat, — und man höre nur, wie er spricht!

Sobatschkin. Nun ja, aber es ging nun einmal nicht, Maria Alexandrowna, wirklich, es ging nicht ... Sie verstehen, da hätte man gesagt: „Aha, weiß der Teufel, wen er geheiratet hat ...“ Allerdings passieren mir fortwährend solche Geschichten. Manchmal habe ich wirklich keine Schuld, von meiner Seite ist durchaus nichts geschehen, aber was soll man machen? (Spricht leise vor sich hin.) Dann findet man, wenn die Newa aufgeht, immer zwei bis drei ertrunkene Frauen — ich schweige lieber davon, weil man sonst noch in allerlei Geschichten verwickelt wird ... Ja, man liebt mich — und warum, frage ich? Man kann doch nicht sagen, daß mein Gesicht so sehr ...

Maria Alexandrowna. Hören Sie auf! Als ob Sie nicht selbst wüßten, daß Sie ein schöner Mann sind.

Sobatschkin (lächelt). Stellen Sie sich nur vor: schon als ich noch ein Knabe war, ging keine an mir vorüber, ohne mich mit dem Finger am Kinn zu fassen und zu sagen: „Oh, wie schön dieser Schelm ist!“

Maria Alexandrowna (beiseite). Ich bitte! ... Von wegen der Schönheit — das ist doch ein richtiger Mops! Und das bildet sich ein, daß es schön sei! (Laut.) Nun, dann hören Sie, Andrej Kondratjewitsch, bei Ihrem Äußeren wird das leicht zu machen sein. Mein Sohn ist bis zur Narrheit in das Mädchen verliebt und redet sich ein, daß sie die wahrhafte Güte und Unschuld ist. Wissen Sie, wäre es nun nicht möglich, ihm das Mädchen auf irgendeine Art in einem anderen Lichte erscheinen zu lassen? Sie sozusagen ein bißchen herabzusetzen? ... Wenn auch Sie keinen Eindruck auf sie machen, so daß sie sich in Sie vergafft ...

Sobatschkin. Seien Sie überzeugt, Maria Alexandrowna, streiten Sie nicht! Sie wird es: ich lasse mir den Kopf abschlagen, wenn sie sich nicht in mich verliebt. Oh, Maria Alexandrowna, lassen Sie mich Ihnen erzählen, mir passierten schon andere Geschichten ... erst in diesen Tagen ...

Maria Alexandrowna. Wie es auch enden mag — ob sie sich nun vernarrt oder nicht: es ist nur notwendig, daß sich in der Stadt das Gerücht verbreitet, Sie hätten ein Verhältnis mit ihr ... und daß mein Sohn es erfährt.

Sobatschkin. Ihr Sohn?

Maria Alexandrowna. Jawohl, mein Sohn.

Sobatschkin. Hm.

Maria Alexandrowna. Was — hm?

Sobatschkin. Oh, nichts. Ich machte nur so: hm.

Maria Alexandrowna. Sie finden vielleicht, daß es zu schwierig für Sie ist?

Sobatschkin. Oh, nein, gar nicht. Aber diese Verliebten ... Sie glauben gar nicht, zu welch sinnlosen Dingen und unpassenden Kindereien sie sich hinreißen lassen: bald sind es Pistolen, bald ... weiß der Teufel, was. Nicht etwa, daß mich das irgendwie ... aber wissen Sie, es schickt sich nicht in der guten Gesellschaft.

Maria Alexandrowna. Oh! Was das betrifft, da seien Sie ganz ruhig. Verlassen Sie sich nur auf mich — das werde ich schon nicht zulassen.

Sobatschkin. Übrigens war das nur eine Nebenbemerkung. Glauben Sie mir, Maria Alexandrowna, wenn es sich darum handelte, mein Leben für Sie aufs Spiel zu setzen: bei Gott, ich würde es mit Vergnügen tun! Ich liebe Sie so sehr, daß es mir, um die Wahrheit zu sagen, fast etwas peinlich ist: sie mögen Gott weiß was glauben, und doch ist es nur tiefe Verehrung. — Ach ja, ausgezeichnet, daß ich mich daran erinnere! Ich wollte Sie bitten, Maria Alexandrowna, mir auf kurze Zeit zweitausend Rubel zu leihen. Weiß der Teufel, was ich für ein idiotisches Gedächtnis habe! Als ich mich anzog, habe ich immerfort daran gedacht: nur die Brieftasche nicht vergessen! Ich lege sie absichtlich auf den Tisch, gerade vor meine Augen. Und nun hab’ ich alles mitgenommen, hab’ die Tabaksdose mitgenommen und ein zweites Taschentuch — nur die Brieftasche ist auf dem Tisch liegen geblieben.

Maria Alexandrowna (beiseite). Was soll ich mit ihm machen? Gebe ich ihm das Geld, so wird er mich vollends auspressen, gebe ich’s ihm nicht, so wird er in der ganzen Stadt solch einen Unsinn über mich verbreiten, daß ich mein Gesicht nirgends sehen lassen kann. Das beste ist, daß er noch behauptet, die Brieftasche vergessen zu haben! Die Brieftasche hast du bei dir, das weiß ich genau, aber sie ist leer. Doch was soll ich machen — man muß ihm das Geld geben. (Laut.) Bitte, Andrej Kondratjewitsch, warten Sie hier, ich werde es Ihnen gleich bringen.

Sobatschkin. Sehr schön, ich werde mich ein Weilchen hersetzen.

Maria Alexandrowna (während sie weggeht, beiseite). Ohne Geld wird der Lump ja doch nichts machen.

Sobatschkin (allein). Diese Zweitausend kann ich gerade ausgezeichnet gebrauchen. Meine Schulden werde ich davon allerdings nicht bezahlen: der Schuster kann warten, der Schneider kann warten, und Anna Iwanowna kann auch warten: sie wird natürlich wieder Lärm schlagen, aber was soll ich machen? Ich kann doch nicht überall mit dem Gelde um mich werfen! Sie hat an meiner Liebe genug, und was das Kleid betrifft — da lügt sie, das hat sie! ... Ich werde es so machen: nächstens wird ein Fest stattfinden, und wenn mein Wägelchen auch noch neu ist, so kennt es doch jeder und hat es schon gesehen. Aber ich höre, daß Jochim soeben mit einem Wagen fertig geworden ist, der ganz nach der letzten Mode gebaut ist und den er noch niemandem gezeigt hat. Wenn ich diese Zweitausend noch zu meinem Wagen hinzulege, so werde ich ihn sehr gut dafür eintauschen können. Ah, wissen Sie, das wird Effekt machen! ... Auf dem ganzen Fest werden höchstens ein oder zwei solche Wagen zu sehen sein. Überall wird man dann von mir sprechen ... Inzwischen muß ich allerdings über Maria Alexandrownas Auftrag nachdenken. Mir scheint, daß es das Vernünftigste ist, wenn ich mit Liebesbriefen beginne. Wie, wenn ich etwa einen Brief in ihrem Namen schriebe und ihn zufällig in seiner Gegenwart fallen ließe oder ihn auf dem Tisch in seinem Zimmer vergesse? Gewiß, es kann allerlei Böses dabei herauskommen. Nun und das wäre? Schlimmstenfalls kann es Schläge geben ... Schläge tun natürlich weh, aber doch nicht so, daß man ... Außerdem kann ich ja auch davonlaufen; und wenn es irgendwie gefährlich wird — laufe ich geradezu in das Schlafzimmer Maria Alexandrownas und zwar direkt unter ihr Bett. Mag er mich doch dort hervorholen! Die Hauptsache ist, wie der Brief geschrieben werden muß! Ich kann in den Tod keine Briefe schreiben: das ist mein Ende! Der Teufel weiß warum! Im Gespräch könnte ich alles, scheint mir, sehr schön auseinandersetzen; aber sowie ich die Feder anfasse, so ist es mir, als ob mir jemand eine Ohrfeige gegeben hätte. Konfusion und nichts als Konfusion — ich kann die Hand nicht bewegen, und alles ist aus ... Vielleicht geht’s so: Ich habe noch einige Briefe, die vor kurzem an mich geschrieben worden sind; wenn ich einen von den besseren aussuchte, den Namen wegradierte und einen andern an seine Stelle setzte? Hm — das ist wirklich nicht übel? Bei Gott, ich werde mal in meinen Taschen nachsehen, ob ich nicht einen finde, den ich brauchen kann. (Nimmt ein paar Briefe aus der Tasche.) Zum Beispiel dieser! (Liest.) „Ich bin Gottseidank gesund, aber ich werde krank vor Schmerz. Oder haben Sie mich ganz vergessen, mein Herzchen? Iwan Danilowitsch hat Sie im Teater gesehen, mein Herzchen — ach, wären Sie doch zu mir gekommen und hätten Sie mich durch Ihre heiteren Gespreche beruhigt.“ Hol’s der Teufel, ich glaube die Orthographie stimmt nicht. Nein, mit dem läßt sich keine Falle legen, glaube ich. (Liest weiter.) „Ich habe ein Strumpfband für Sie gestickt, mein Herzchen.“ Und jetzt wird sie zärtlich. Etwas reichlich bukolisch und schmeckt nach Chateaubriand. Ah, hier ist noch etwas, vielleicht findet sich etwas Besseres darunter! (Faltet einen Brief auseinander, kneift ein Auge zu und bemüht sich, ihn zu entziffern.) „Lie-bens-wür-di-ger Freund!“ Nein, das heißt nicht liebenswürdiger Freund: aber wie heißt es denn nur? „Zärtlichster, Teuerster?“ Nein, auch nicht Teuerster, nein, nein. (Liest.) „Lu-lu-lu-mp.“ Hm. (Beißt die Lippen zusammen.) „Wenn du verräterischer Räuber meiner Unschuld, wenn du dem Krämer das Geld, das ich in der Unerfahrenheit meiner Seele für dich geborgt habe, nicht bezahlst, werde ich dich, du ekelhafte Fratze (das letzte Wort preßt er beinahe zwischen den Zähnen hervor) ... der Polizei anzeigen!“ Der Teufel soll sie holen, wahrhaftig, der Teufel soll sie holen! Es steht doch wirklich garnichts in diesem Brief. Gewiß: man kann alles sagen, aber man muß es doch anständig ausdrücken; in Worten, die einen Menschen nicht verletzen. Nein, nein, ich sehe, alle diese Briefe sind nicht geeignet. Man muß etwas Kräftiges suchen, etwas, worin etwas wie Siedehitze, wie man zu sagen pflegt — zu spüren ist. Ah, hier, hier — sehen wir uns mal das an! (Liest.) „Grausamer Tyrann meiner Seele!“ Aha, das ist gut. „Laß dich durch mein Herzensschicksal rühren!“ Sehr edel! Bei Gott, sehr edel! Da spürt man doch die Erziehung! Man sieht gleich, wie sich jemand benimmt. So muß man schreiben: empfindsam und doch wird der Mensch nicht beleidigt. Diesen Brief werde ich ihm zustecken. Weiter brauche ich ja gar nicht erst zu lesen: ich weiß nur nicht, wie man den Namen so ausradieren kann, daß nichts zu sehen ist. (Er blickt auf die Unterschrift.) Aha, das ist schön! Es steht gar kein Name darunter! Ausgezeichnet! Das kann ich unterschreiben! Nein, wie sich die Sache von selbst macht! — Und dabei sagt man noch: das Äußere kommt nicht in Betracht! Wenn du nicht hübsch wärst, so würde man sich nicht in dich verlieben, so würde man dir keine Briefe schreiben, und hätte ich keine Briefe, so würde ich nicht wissen, wie ich die Geschichte anfangen soll. (Tritt vor den Spiegel.) Heut hab’ ich mich noch ein bißchen gehen lassen: manchmal ist mir’s sogar, als ob ich ein bedeutendes Gesicht habe ... Schade, daß meine Zähne schlecht sind, sonst hätte ich die größte Ähnlichkeit mit Fürst Bagration. Ich weiß nur nicht, wie ich mir den Backenbart stehen lassen soll: so, daß er ringsherum eine ausgesprochene Freese bildet — wie mit Tuch benäht, wie man zu sagen pflegt — oder ob ich alles kahl abrasieren und mir nur unter der Lippe etwas zulegen soll? Ah?

Nach dem Theater

(Epilog zu einer neuen Komödie.)

Deutsch von Alexandra Ramm

Der Vestibül des Theaters. Auf der einen Seite sieht man die Treppen, die zu den Logen und Gallerien emporführen; in der Mitte das Entree zu den Fauteuils und den Balkons, auf der anderen Seite den Ausgang. Man hört entferntes Applaudieren.

Der Autor des Stücks[3] (tritt hinaus). Ich habe mich herausgewunden wie aus einem Sumpf. Nun ist er endlich da, der Lärm und der Beifall! Das ganze Theater dröhnt! Das ist der Ruhm. Gott, wie hätte mein Herz vor sieben, acht Jahren geklopft! Wie hätte es mich emporgehoben! Aber das liegt weit hinter mir. Damals war ich jung, kühn — wie ein Jüngling. Gepriesen sei das Schicksal, das mich vor frühem Ruhm und Bewunderung bewahrt hat. Aber jetzt ... Die besonnene Kühle des Alters macht jeden weise. Endlich wird einem klar, daß der Beifall noch nicht viel bedeutet und daß er alle zu belohnen bereit ist: ob es ein Schauspieler ist, der die Geheimnisse der Seele und des menschlichen Herzens kennt, ein Tänzer, dem es gelungen ist, mit den Füßen künstliche Verschlingungen zu bilden, ein Gaukler — alle umtost der Beifall. Ob es der grübelnde Verstand, das empfindende Herz, die tönende Tiefe der Seele, die kunstvoll bewegten Füße oder die gewandt mit Gläsern spielenden Hände sind — auf sie alle plätschert der Beifall herab. Nein, nicht Beifall wünsche ich mir jetzt: ich wünschte in allen Logen zu sein, auf den Balkons, im Parkett, auf den Gallerien — überall möchte ich sein und aller Meinungen und Eindrücke hören, solange sie noch keusch und frisch sind und sich noch nicht der Kritik der Kenner und Journalisten untergeordnet haben, solange jeder noch unter der Wirkung seines eigenen Urteils steht. Ich muß es wissen: denn ich bin ein Komödienschreiber. Alle anderen Werke und Kunstformen stehen unter dem Urteil Weniger, und nur der Komödienschreiber unterliegt dem Gericht Aller; jeder Zuschauer hat ein Anrecht auf ihn, und jeder Stand ist über ihn Richter. Oh! Wie ich wünschte, daß mir jeder Einzelne alle Unzulänglichkeiten und Fehler sagte! Mag er über mich lachen, mag Mißgunst seine Worte leiten, Parteilichkeit, Empörung, Haß, alles — wenn nur die wahre Meinung gesagt wird. Es ist nicht möglich, daß ein Wort ohne Grund gesprochen wird, und aus allem kann ein Funke der Wahrheit aufblitzen. Wer es wagt, andern die lächerlichen Seiten der Welt zu zeigen, muß verständnisvoll die Hinweise auf seine eigenen Schwächen und Lächerlichkeiten hinnehmen. Ich will es versuchen, ich bleibe hier im Vorraum, während das Publikum das Theater verläßt. Es ist unmöglich, daß man nicht über das neue Stück spricht: die Menschen sind lebhafter unter der Wirkung des ersten Eindrucks und wollen ihre Meinungen austauschen. (Tritt zur Seite.)

Es erscheinen einige gutgekleidete Herrn (der eine spricht zum andern). Gehen wir lieber gleich, es wird nur noch ein unbedeutendes Vaudeville gespielt. (Beide entfernen sich.)

(Zwei Elegants von stattlichem Äußeren kommen die Treppe herab.)

Der erste Elegant. Es wäre gut, wenn die Polizei meinen Wagen nicht zu weit zurückgetrieben hätte. — Weißt du nicht, wie diese junge Schauspielerin heißt?

Der andere Elegant. Nein. Aber sie ist nicht übel.

Der erste Elegant. Sicher, nicht übel. Aber es fehlt ihr etwas ... Ich empfehle dir übrigens ein neues Restaurant, gestern hat man uns frische grüne Erbsen serviert. (Küßt sich die Fingerspitzen.) Entzückend! (Beide entfernen sich.)

Ein Offizier (läuft herein, ein anderer hält ihn am Arm fest).

Der andere Offizier. Bleiben wir doch.

Der erste Offizier. Nein, Brüderchen, zum Vaudeville wird mich nichts verlocken. Ah, wir kennen diese Stücke, die als Nachspeise serviert werden. Lakaien statt Schauspieler, und die Weiber — ein Ungetüm über das andere! (Sie entfernen sich.)

Ein Weltmann (stutzerhaft gekleidet, kommt die Treppe herunter). Ein Spitzbube, dieser Schneider. Er hat mir die Beinkleider so eng gemacht, daß ich die ganze Zeit vor Unbequemlichkeit kaum sitzen konnte. Dafür gedenke ich ihn noch etwas hinzuziehen und ihm die nächsten zwei Jährchen nichts zu bezahlen. (Er entfernt sich.)

Ein anderer Weltmann (etwas beleibter, er spricht lebhaft zum andern). Niemals, niemals, glaube es mir, wird er sich mit dir zum Spielen hinsetzen. Weniger als hundertfünfzig Rubel den Robber spielt er nicht. Ich weiß es genau, weil mein Schwager Pafnutiew jeden Tag mit ihm spielt.

Der Autor des Stückes (für sich). Und noch immer kein Wort über die Komödie!

Ein Beamter (in mittleren Jahren, kommt mit ausgestreckten Händen heraus). Das ist ja einfach — weiß der Teufel, was! ... So ein! ... So ein! ... Das ist doch unerhört! (Er entfernt sich.)

Ein Herr (der sich um die Literatur nur wenig kümmert, wendet sich zu einem andern). Das ist doch eine Übersetzung, nicht wahr?

Der andere. Aber ich bitte Sie, eine Übersetzung! Das Stück spielt doch in Rußland, es sind unsere Sitten, sogar unsere Titel.

Der Herr (den die Literatur wenig kümmert). Ich erinnere mich an etwas Französisches ... wenn es auch nicht ganz in dieser Art war. (Beide entfernen sich.)

Der eine von zwei Zuschauern (die sich auch hinausbegeben). Jetzt kann man noch nichts wissen. Warte ab, was die Zeitungen sagen, dann wirst du es erfahren.

Zwei Pekeschen (die eine zu der andern). Nun, und Sie? Ich möchte Ihre Meinung über die Komödie hören.

Die andere Pekesche (macht mit den Lippen eine bedeutsame Bewegung). Gewiß, natürlich, man kann nicht sagen, daß es daran ... fehlte ... sie ist in ihrer Art ... Natürlich, wer behauptet denn, daß es wiederum nicht ... und wo ist denn sozusagen ... übrigens aber ... (Drückt wie zur Bekräftigung die Lippen zusammen.) Ja, ja. (Gehen ab.)

Der Autor (für sich). Nun, diese haben bisher noch nicht viel gesagt. Übrigens, es wird noch viel herumgestritten werden: Vorne sehe ich heftig gestikulierende Leute.

Zwei Offiziere.

Der eine. Ich habe noch nie so gelacht.

Der andere. Ich meine: eine ausgezeichnete Komödie.

Der eine. Nun, nun, wir wollen doch abwarten, was die Zeitungen sagen werden: erst muß sie dem Urteil der Kritik unterzogen werden ... Schau, schau! (Stößt ihn am Arm.)

Der andere. Was?

Der eine (zeigt mit dem Finger auf einen von zwei die Treppe herunterkommenden Herren). Ein Literat!

Der andere (eilig). Wer?

Der eine. Dieser da! St! Wir wollen hören, was sie sagen werden.

Der andere. Und wer ist der andere neben ihm?

Der eine. Ich weiß nicht, ein unbekannter Herr. (Beide Offiziere treten zur Seite, um den Herunterkommenden Platz zu machen.)

Der unbekannte Herr. Ich kann über die literarischen Qualitäten nicht urteilen: aber mir scheint, sie enthält geistreiche Bemerkungen. Witzig, witzig!

Der Literat. Aber ich bitte Sie, was ist hier Geistreiches? Was für ein gewöhnliches Volk hier vorgeführt wird! Und was für ein Ton! Die Späße sind flach; einfach schmierig!

Der unbekannte Herr. Aha, das ist eine andere Sache. Ich sage eben: in bezug auf die literarischen Qualitäten habe ich kein Urteil; ich habe nur bemerkt, daß das Stück komisch ist und unterhält.

Der Literat. Aber es ist auch nicht komisch. Ich bitte Sie, was ist hier komisch, und worin liegt der Genuß? Das Sujet: unmöglich! Alles Unsinn; kein Auftakt, keine Handlung, keine Struktur.

Der unbekannte Herr. Nun ja, dagegen sage ich ja gar nichts. In literarischer Beziehung ist es schon so; in literarischer Beziehung ist sie nicht komisch, aber vom Standpunkt eines sozusagen Außenstehenden hat sie ...

Der Literat. Ja, was hat sie? Ich bitte Sie, sie hat auch das nicht! Was für eine Konversation! Wer spricht so in der besseren Gesellschaft? Nun sagen Sie doch selbst, sprechen wir so miteinander?

Der unbekannte Herr. Das ist allerdings wahr. Das haben Sie sehr fein bemerkt. Darüber habe ich eben auch selbst nachgedacht: in der Konversation ist keine Vornehmheit. Es scheint, daß alle Personen ihre niedrige Natur nicht verbergen können — das ist wahr.

Der Literat. Nun — und Sie loben noch!

Der unbekannte Herr. Wer lobt? Ich lobe doch nicht! Ich sehe es jetzt selbst ein, daß das ganze Stück Unsinn ist. Aber mit einemmal kann man das doch nicht einsehen, in literarischer Beziehung habe ich kein Urteil. (Beide entfernen sich.)

Ein anderer Literat (kommt mit zwei Zuschauern, mit denen er unter heftigen Gestikulationen spricht). Glauben Sie mir, ich kenne die Sache schon. Ein abscheuliches Stück! Ein schmutziges, ein schmutziges Stück! Kein einziger wirklicher Mensch, lauter Karikaturen! In der Natur gibt es so etwas nicht, glauben Sie mir, ich weiß das besser: ich bin selbst Schriftsteller. Man behauptet, es enthält Frische, Beobachtung ... aber das ist ja alles Unsinn! Das sind alles Freunde, Freunde, die es loben — alles Freunde! Ich habe schon gehört, man hat ihn neben die Von Wisins gestellt, und das Stück ist einfach nicht wert, eine Komödie zu heißen. Eine Farce, nichts als eine Farce, und keine gelungene Farce. Der schlechteste, leerste Schwank von Kotzebue ist im Vergleich mit ihr — ein Montblanc gegen einen Pulkowoberg. Ich werde Ihnen das alles beweisen, mathematisch beweisen — wie, daß zweimalzwei gleich vier ist. Die Freunde und Kameraden haben ihn so über alle Maßen gelobt, daß er wohl nun selbst glaubt, daß ihm nicht mehr viel zum Shakespeare fehlt. Bei uns übertreiben ja die Freunde immer. Zum Beispiel auch Puschkin! Warum spricht jetzt ganz Rußland von ihm? — Alles nur die Freunde: sie haben geschrien und geschrien, und nach ihnen hat auch ganz Rußland zu schreien begonnen. (Entfernt sich mit den Zuschauern.)

Die beiden Offiziere (treten hervor und nehmen ihre vorigen Plätze ein).

Der erste. Das ist richtig, vollständig richtig: nichts als eine Farce; ich habe es schon früher gesagt, eine dumme Farce, die nur durch die Freunde gehalten wird. Ich muß gestehen, manches war geradezu ekelhaft anzuschauen.

Der andere. Aber du sagtest doch, daß du nie so gelacht hättest!

Der erste. Ah, das ist wieder eine andere Sache. Du verstehst mich nicht, man muß dir das auseinandersetzen. Was ist denn das für ein Stück? Erstens keine Exposition, auch keine Handlung, absolut keine Kombinationen; lauter Unmöglichkeiten — und dazu lauter Karikaturen ...

Zwei andere im Hintergrunde.

Der eine (zum andern). Wer kritisiert da? Scheinbar einer von den Unseren.

Der andere (schaut dem Sprechenden von der Seite ins Gesicht und macht eine Handbewegung).

Der erste. Was? Ist er dumm?

Der andere. Nein, das nicht. Verstand hat er schon — doch erst nach dem Erscheinen der Zeitschrift, allein verspätet sie sich — ist so nichts in seinem Kopfe. Aber gehen wir doch. (Sie entfernen sich.)

(Zwei Kunstliebhaber.)

Der erste. Ich gehöre durchaus nicht zu denen, die immer nur zu Worten greifen, wie schmutzig, ekelhaft, schlechter Ton und ähnliches. Das ist doch eine fast bewiesene Sache, daß solche Worte meist aus dem Munde solcher kommen, deren Ton selbst zweifelhaft ist; sie sprechen vom Salon und werden nur im Vorzimmer empfangen. Aber von denen ist ja nicht die Rede. Ich spreche davon, daß das Stück keine Exposition hat.

Der andere. Ja, wenn man die Exposition in dem Sinne nimmt, wie sie gewöhnlich genommen wird, d. h. im Sinne einer Liebesintrige, so ist sie wirklich nicht vorhanden. Aber es scheint mir, daß es Zeit ist, mit der ewigen Berufung auf diese Exposition aufzuhören. Man muß nur scharf um sich blicken. Alles hat sich in der Welt längst geändert. Jetzt wird ein Drama durch das Bestreben der Helden exponiert, sich eine vorteilhafte Stellung zu erobern, zu glänzen, einen andern um jeden Preis in den Schatten zu stellen, Rache für eine Mißachtung, für eine Verhöhnung zu nehmen. Elektrisiert ein Amt, ein Kapital, eine vorteilhafte Heirat nicht mehr als die Liebe?

Der erste. Das ist ja alles sehr gut; aber auch unter diesem Gesichtspunkt finde ich keine Exposition in dem Stücke.

Der andere. Ich will jetzt nicht untersuchen, ob es in diesem Stück eine Exposition gibt oder nicht. Ich will nur sagen, daß man jetzt nur auf Einzelheiten achtet und die allgemeine Exposition überhaupt nicht sieht. Die Menschen sind einfach an diese unvermeidlichen Liebespaare gewöhnt, ohne deren Heirat kein Stück schließen kann. Gewiß ist auch das eine Exposition: aber was für eine! Ein Knoten im Zipfel eines Taschentuchs. Nein, eine Komödie muß sich selbst knüpfen — und zwar mit ihrer ganzen Masse, zu einem großen allgemeinen Knoten. Diese Exposition muß alle Personen umfassen, nicht nur eine oder zwei; muß berühren, was alle handelnden Personen mehr oder weniger tief ergreift. Hier ist jeder der Held: der Fluß, der Gang des Stückes bewirkt eine Erschütterung der ganzen Maschinerie. Kein einziges Rad darf stehen bleiben, als wäre es verrostet oder gehörte nicht zur Sache.

Der erste. Aber es kann doch nicht jeder der Held sein. Einer oder zwei müssen doch die andern leiten.

Der andere. Doch nicht leiten, sondern hervorragen. Auch in der Maschine bewegen sich bestimmte Räder bemerkbarer und stärker. Und man kann sie höchstens die Haupträder nennen; aber gelenkt wird das Stück durch eine Idee, durch einen Gedanken: ohne sie gibt es keine Einheit. Und exponieren kann alles: selbst das Entsetzen, die Angst der Erwartung, das ferne Gewitter des herannahenden Gesetzes ...

Der erste. Aber das heißt schon, der Komödie eine allgemeine Bedeutung zu geben.

Der andere. Ja ist denn das nicht ihre wahre und wirkliche Bedeutung? Schon von Beginn an war die Komödie eine öffentliche Angelegenheit des Volkes. Zumindest stellte sie sich so bei ihrem Vater Aristophanes dar. Später wurde sie in den Engpaß privater Beziehungen gedrängt, das Auf und Ab der Liebe wurde hineingetragen, immer dieselbe unvermeidliche Exposition. Und wie schwach ist sie deshalb selbst bei den besten Komödiendichtern! Wie nichtig sind diese Theaterliebhaber mit ihrer papierenen Liebe!

Ein dritter (tritt heran und klopft ihm leicht auf die Schulter). Du hast unrecht. Die Liebe kann ebenso wie jedes andere Gefühl Ingredienz einer Komödie sein.

Der andere. Ich sage ja auch gar nicht, daß sie es nicht sein kann. Aber die Liebe kann, wie andere erhabenere Gefühle, nur dann einen erhebenden Eindruck machen, wenn sie in ihrer ganzen Tiefe entwickelt wird. Hat man einmal begonnen, sie darzustellen, muß man alles andere aufopfern; alles, was eben den Charakter der Komödie ausmacht, verblaßt dann, und die Bedeutung der Komödie als Angelegenheit der Gesellschaft verschwindet.

Der dritte. Also muß der Gegenstand der Komödie unbedingt etwas Niedriges sein? Die Komödie ist also immer ein untergeordnetes Genre?

Der andere. Für den, der nur auf die Worte achtet und nicht den Sinn zu begreifen sucht, wird es so sein. Kann das Positive wie das Negative nicht der gleichen Absicht dienen? Können die Komödie und die Tragödie nicht den gleichen hohen Gedanken ausdrücken? Die seelischen Schwingungen eines schurkischen und ehrlosen Menschen, die gröbsten wie die feinsten, — zeichnen sie nicht schon das Bild eines ehrenhaften Mannes? Verraten denn nicht die Anhäufung von Niedrigkeiten, von Verletzungen der Gesetze und der Gerechtigkeit deutlich, was Gesetz, Pflicht und Gerechtigkeit von uns fordert? In den Händen eines geschickten Arztes heilen das heiße wie das kalte Wasser mit gleichem Erfolge dieselben Krankheiten. In der Hand des Talents kann alles ein Mittel des Schönen werden, wenn es nur durch die hohe Absicht, dem Schönen zu dienen, geleitet wird.

Ein vierter (tritt hinzu). Was kann dem Schönen dienen und worüber streitet ihr?

Der erste. Der Streit entstand bei uns über die Komödie. Wir sprechen allgemein von der Komödie, über die neue Komödie hat noch keiner ein Wort gesagt. Und was haben Sie zu bemerken?

Der vierte. Ich möchte folgendes bemerken: man spürt das Talent, Beobachtung des Lebens, viel Lächerliches, Richtiges, der Natur Abgelauschtes, aber ganz allgemein: dem Stück fehlt etwas. Man sieht weder eine Intrige noch eine Auflösung. Es ist doch merkwürdig, daß alle unsere Komödiendichter nicht ohne die Regierung auskommen können. Ohne sie schließt bei ihnen keine Komödie.

Der dritte. Das ist wahr. Aber übrigens, es ist andererseits sehr natürlich. Wir haben doch alle mit der Regierung zu tun, wir stehen ja fast alle in ihrem Dienst; unser aller Interessen sind mehr oder weniger mit der Regierung verknüpft. Es ist also nicht verwunderlich, wenn sich das in den Schöpfungen unserer Dichter spiegelt.

Der vierte. Richtig. Mag diese Beziehung auch spürbar sein, so ist es doch lächerlich, daß ein Stück keinesfalls ohne die Regierung auskommen kann. Sie muß unbedingt erscheinen: wie das unentrinnbare Schicksal in den Tragödien der Alten.

Der andere. Nun sehen Sie: es ist also beinahe etwas Unwillkürliches bei unseren Komödiendichtern. Und das bildet also ein charakteristisches Merkmal unserer Komödie. Unsere Seele enthält irgendeinen geheimen Glauben an die Regierung. Nun? Dabei ist doch nichts Schlimmes: Gott gebe, daß die Regierung immer und überall von ihrer Bestimmung, die Vertreterin der Vorsehung auf Erden zu sein, zu hören bekommt. Und daß wir daran glauben, so wie die Alten geglaubt haben, daß das Verbrechen vom Schicksal ereilt wird.

Der fünfte. Guten Abend, meine Herren. Ich höre nur immer das eine Wort „Regierung“. Die Komödie hat Lärm und Streit entfesselt ...

Der zweite. Wollen wir diesen Zank und Lärm nicht lieber bei mir austragen, als in diesem Theatervorraum. (Sie entfernen sich.)

(Einige würdige und anständig gekleidete Herren erscheinen einer nach dem andern.)

Erster Herr. So, so, ich sehe: es ist wahr, es gibt so etwas bei uns, aber es kommt auch anderswo vor, und noch Schlimmeres; aber zu welchem Zwecke, wozu so etwas darstellen? — Das ist die Frage. Warum diese Vorstellungen? Was für einen Nutzen bringen sie? — Erklären Sie mir das! Was nützt es mir, zu wissen, daß es da und dort Schelme gibt? Ich ... ich verstehe einfach die Notwendigkeit solcher Vorführungen nicht. (Er entfernt sich.)

Zweiter Herr. Nein, das ist doch keine Verhöhnung der Laster, das ist doch eine widerwärtige Verhöhnung Rußlands. — Das ist die Sache. Das heißt, die Regierung selbst in ein schlechtes Licht stellen, denn schlechte Beamte und Übergriffe, die in allen Ständen vorkommen, bloßstellen, bedeutet die Regierung selbst kompromittieren. Man sollte solche Vorstellungen nicht erlauben. (Er entfernt sich.)

(Herr A. und Herr B. treten ein, Männer von nicht geringem Rang.)

Herr A. Ich spreche nicht davon; im Gegenteil, Mißbräuche muß man uns zeigen; das ist notwendig, daß wir unsere Vergehen sehen; und ich teile nicht im geringsten die Meinung vieler allzu stark erregter Patrioten; aber mich dünkt, daß hier zu viel Trauriges vorkommt ...

Herr B. Ich wünschte sehr, daß Sie die Meinung eines sehr bescheiden angezogenen Herrn gehört hätten, der neben mir im Sessel saß ... Ach, da ist er ja selbst.

Herr A. Wer?

Herr B. Eben dieser sehr bescheiden angezogene Herr. (Wendet sich zu ihm.) Wir haben unser Gespräch nicht beendet, dessen Anfang mir sehr interessant war.

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Auch ich muß gestehen, daß ich sehr froh bin, die Unterhaltung fortsetzen zu können. Ich habe soeben allerlei Diskussionen gehört, zum Beispiel: daß das alles nicht wahr sei, daß es eine Verhöhnung unserer Regierung, unserer Sitten sei und daß das alles gar nicht vorgeführt werden dürfe. Das zwang mich, das ganze Stück noch einmal durchzudenken und in Gedanken zu überschauen. Und ich muß gestehen, daß mir der Gehalt der Komödie noch bedeutender erschien. Mir scheint, das Lachen trifft hier am stärksten und tiefsten die Heuchelei, die wohlanständige Maske, unter der Niedrigkeit und Schurkerei erscheinen, den Schelm, der sich hinter dem Äußeren eines ehrbaren Mannes verbirgt. Ich muß gestehen, ich empfand Freude, als ich sah, wie lächerlich die ehrbaren Worte im Munde eines Schurken klingen, und wie ungeheuer lächerlich wurde allen vom Parkett bis zum Olymp diese von ihm angenommene Maske. Und danach gibt es noch Menschen, die behaupten, daß man so etwas nicht auf der Bühne vorführen sollte! Ich vernahm eine Bemerkung, die ein, wie mir schien, sehr achtbarer Herr gemacht hatte: „Und was wird das Volk sagen, wenn es sieht, daß bei uns solche Übergriffe vorkommen?“

Herr A. Ich muß gestehen, entschuldigen Sie, daß mir selbst auch diese Frage aufgetaucht ist: und was wird unser Volk sagen, wenn es dies alles sieht?

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Was das Volk sagen wird? (Geht zur Seite, zwei Männer in Armjaks gehen vorüber.)

Der blaue Armjak (zum grauen). Frech waren die Woiwoden, aber sie erblaßten doch, als das Zarengericht begann! (Beide gehen hinaus.)

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Das wird das Volk sagen! Haben Sie gehört?

Herr A. Was?

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Es wird sagen: „Frech waren die Woiwoden, aber sie erblaßten doch, als das Zarengericht begann!“ Haben Sie gehört, wie sicher der Instinkt und das Gefühl des Menschen sind? Wie treu das einfache Auge sieht, wenn es nicht von Theorien und Gedanken verschleiert ist, die aus Büchern herausgezupft sind; sondern alles aus der menschlichen Natur schöpft? Ist es denn nicht ganz offensichtlich, daß nach so einer Vorstellung das Volk mehr Glauben an die Regierung bekommt? Ja, es braucht solche Aufführungen! Es soll die Regierung von ihren schlechten Vertretern trennen lernen. Es soll sehen, daß die Übergriffe nicht von der Regierung aus geschehen, sondern von denen, die ihre Forderungen nicht verstehen. Die der Regierung gegenüber keine Verantwortung auf sich nehmen wollen. Es soll sehen, daß sie edel denkt, daß sie mit wachem Auge alle gleich behütet, daß sie früher oder später die Verräter des Gesetzes, der Ehre und der heiligen Pflicht der Menschheit herausfinden wird, daß die, die kein reines Gewissen haben, vor ihr erblassen werden. Ja, es muß diese Vorstellungen sehen; glauben Sie mir, wenn es einmal am eigenen Leibe die Schikanen und Ungerechtigkeiten erfahren sollte, wird es getröstet, mit einem festen Glauben an das stets wache höhere Gesetz aus dieser Vorstellung hinausgehen. Auch noch eine andere Bemerkung gefiel mir: „Das Volk wird eine schlechte Meinung von seinen Beamten bekommen.“ Das heißt, man glaubt, daß das Volk hier im Theater zum ersten Male seine Vorgesetzten kennen lernt: wenn ihm zu Hause irgendein schurkischer Amtmann den Fuß auf den Nacken setzt, so wird es dies nicht bemerken, aber wenn es ins Theater geht, dann erst gehen ihm die Augen auf. Man hält unser Volk wirklich für dümmer als einen Klotz — für so dumm, daß es nicht imstande ist, zu unterscheiden, ob ein Kuchen mit Fleisch oder mit Brei gefüllt ist. Nein, jetzt scheint es mir sogar gut, daß auf der Bühne kein einziger ehrlicher Mensch vorgeführt wurde. Der Mensch ist so eitel: zeige ihm unter vielen schlechten Eigenschaften nur eine gute, und er wird stolz aus dem Theater gehen. Nein, es ist gut, daß nur Ausnahmefälle und lasterhafte Menschen dargestellt sind, die so in die Augen fallen, daß man nicht ihr Mitbürger zu sein wünscht, daß man sich zu gestehen schämt, daß es so etwas überhaupt gibt.

Herr A. Aber gibt es denn bei uns wirklich solche Menschen, genau solche?

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Gestatten Sie mir, Ihnen darauf folgendes zu antworten: ich weiß nicht, warum ich jedesmal traurig werde, wenn ich eine solche Frage höre. Ich kann offen mit Ihnen sprechen, in Ihren Zügen sehe ich etwas, das mich zur Aufrichtigkeit auffordert. Der Mensch stellt zu allererst diese Frage: „Gibt es denn wirklich solche Menschen?“ Aber hat man je gehört, daß einer diese Frage gestellt hätte: „Bin ich denn selbst ganz frei von diesen Lastern?“ Niemals, niemals! Noch eins — ich will ja offen mit Ihnen reden. — Ich habe ein gutes Herz und viel Liebe in meiner Brust, aber wenn Sie wüßten, wieviel seelische Anstrengungen und Erschütterungen es mich gekostet hat, um nicht in viele Laster zu verfallen, in die man unwillkürlich gerät, wenn man mit den Menschen zusammenlebt! Und wie kann ich jetzt sagen, daß in mir selbst, in diesem Augenblick, sich nicht die gleichen Neigungen regen, über die alle vor zehn Minuten gelacht haben, über die ich selbst gelacht habe?

Herr A. (nach kurzem Schweigen). Ich muß gestehen, Ihre Worte zwingen mich zum Nachdenken. Und wenn ich mich erinnere, wenn ich mir vorstelle, wie stolz uns unsere europäische Erziehung gemacht hat, wie sie uns überhaupt vor uns selbst verborgen hat, wie hochmütig und mit welcher Verachtung wir auf jene sehen, die diesen äußeren Schliff nicht empfangen haben, wie jeder von uns sich fast als Heiligen hinstellt, und von dem Schlechten immer in dritter Person spricht — ich muß gestehen, dann wird mir traurig zumute ... Aber verzeihen Sie meine Unbescheidenheit — Sie sind übrigens selbst schuld daran — darf ich wissen, mit wem ich das Vergnügen zu sprechen habe?

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Ich bin nicht mehr und nicht weniger als einer jener Beamten und nehme eine Stellung ein, deren Träger in der Komödie vorgeführt werden; und ich bin erst vorgestern aus meinem Städtchen hier angekommen.

Herr B. Das hätte ich kaum geglaubt. Und scheint es Ihnen nach alledem nicht peinlich, mit solchen Menschen zu dienen und zusammen zu leben?

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Peinlich? Darauf möchte ich Ihnen folgendes antworten: ich gestehe, daß ich oft die Geduld verloren habe. In unserem Städtchen gehören nicht alle Beamten zu dem ehrlichen Dutzend, oft muß man die Wände hinaufklettern, um eine gute Tat durchzusetzen, schon mehrere Male wollte ich den Dienst quittieren; aber jetzt, eben nach dieser Vorstellung, fühle ich eine Frische und zugleich neue Kraft, um meine Tätigkeit fortzusetzen. Mich tröstet schon der Gedanke, daß die Gemeinheit bei uns nicht verborgen bleibt oder gar gefördert wird. Daß sie dort, im Angesicht aller ehrlichen Menschen vom Lachen getroffen wird; daß es eine Feder gibt, die es nicht unterläßt, unsere niedrigen Taten bloßzustellen, wenn dies auch unserem nationalen Stolze nicht schmeichelt, und daß es bei uns eine gute Regierung gibt, die es gestattet, dies all denen vor Augen zu führen, für die es bestimmt ist; und schon das allein gibt mir den Mut, meinen nutzbringenden Dienst fortzusetzen.

Herr A. Erlauben Sie mir, Ihnen einen Vorschlag zu machen. Ich bekleide ein Amt, ein ziemlich hohes Amt. Ich brauche wahrhaft edeldenkende und ehrliche Mitarbeiter. Ich biete Ihnen eine Stellung an, in der Sie ein weites Feld für Ihre Tätigkeit finden werden, die Ihnen unvergleichlich mehr Vorteile bieten wird und wo Sie an einer achtbaren Stelle stehen werden.

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Gestatten Sie mir, Ihnen von ganzem Herzen und ganzer Seele für Ihr Anerbieten zu danken. Und erlauben Sie mir zugleich, es abzulehnen. Wenn ich fühle, daß ich in meiner Stellung nützlich sein kann, wäre es dann anständig von mir, sie zu verlassen? Und wie kann ich sie verlassen, wo ich nicht fest überzeugt bin, daß nach mir nicht irgend ein Kerl kommen wird, der ein Schreckensregiment beginnt. Wenn Sie aber das Anerbieten als Belohnung gedacht haben, so gestatten Sie mir Ihnen folgendes zu sagen: Ich habe wie alle andern dem Dichter des Stückes applaudiert, aber ich habe ihn nicht hervorgerufen. Was für eine Belohnung käme ihm zu? Wem das Stück gefällt, der mag es loben, aber er — er hat nur seine Pflicht erfüllt. Wir sind wahrhaftig so weit gekommen, daß einer sich nicht nur um einer Heldentat willen, sondern schon wenn er einem andern im Leben oder im Dienst nicht schadet, für einen Gott weiß wie edlen Menschen hält, und ernsthaft beleidigt ist, wenn man dies nicht bemerkt und ihn nicht dafür belohnt. „Aber ich bitte,“ schreit er, „ich war Zeit meines Lebens ein ehrlicher Mensch, ich habe kaum eine Niederträchtigkeit begangen, — warum gibt man mir kein Amt, keine Orden?“ Ich dagegen denke so: wer nicht ohne Aufmunterung anständig sein kann — an dessen Anstand glaube ich nicht; sein Krämeranstand ist keinen Heller wert!

Herr A. Zumindest werden Sie mir doch Ihre nähere Bekanntschaft nicht versagen: verzeihen Sie meine Zudringlichkeit. Sie sehen ja selbst, daß sie die Folge meiner aufrichtigen Hochachtung ist. Geben Sie mir Ihre Adresse.

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Hier ist meine Adresse. Aber seien Sie überzeugt, ich werde nicht zulassen, daß Sie von ihr Gebrauch machen, und schon morgen früh werde ich selbst bei Ihnen vorsprechen. Verzeihen Sie mir, ich bin nicht in der großen Welt erzogen und kann nicht reden ... Aber bei einem Staatsbeamten diese großmütige Aufmerksamkeit, dieses Streben nach dem Guten zu finden ... Gott gebe, daß jeder Herrscher von solchen Leuten umgeben sei! (Entfernt sich eilig.)

Herr A. (dreht die Visitkarte in den Händen herum). Ich blicke auf diese Karte und den mir unbekannten Namen, und mir wird das Herz so voll. Wie sich dieser anfangs so traurige Eindruck von selbst verflüchtigt hat! Gott behüte dich, mein Rußland, das wir noch so wenig kennen! In der fernsten Provinz, in einem deiner verlorenen Winkel ist so eine Perle verborgen und sicher ist sie nicht die einzige. Sie sind wie die Körner einer Goldader, versprengt in den finstern Tiefen deines Granits. Es liegt ein Gefühl tiefen Trostes in einer solchen Erscheinung, und es wurde hell in meiner Seele nach der Begegnung mit diesem Beamten, wie es in seiner eignen Seele hell wurde nach der Aufführung dieser Komödie. Leben Sie wohl! Ich danke Ihnen, daß Sie mir diese Begegnung verschafft haben. (Entfernt sich.)

Herr W. (tritt zu Herrn B. heran). Wer war das, mit dem Sie sprachen? Ich glaube, er ist Minister, nicht wahr?

Herr P. (kommt von der anderen Seite). Hör doch Bruder, was ist das eigentlich für eine Geschichte? ...

Herr B. Was?

Herr P. Wie kann man so etwas aufführen?!

Herr B. Warum denn nicht?

Herr P. Aber ich bitte, urteile doch selbst. Was ist denn das eigentlich? Nichts als Laster und Laster; was für ein Beispiel sollen sich die Zuschauer daran nehmen?

Herr B. Ja, wird denn das Laster verherrlicht? Es wird doch dem Spott preisgegeben.

Herr P. Na Bruder, was du auch sagen magst: die Achtung ... aber dadurch geht doch die Achtung vor Amt und Beamten verloren.

Herr B. Nicht vor Amt und Beamten geht die Achtung verloren, sondern vor denen, die ihre Pflichten schlecht erfüllen.

Herr W. Gestatten Sie mir jedoch, zu bemerken: das alles ist immerhin eine Beleidigung, die mehr oder weniger alle trifft.

Herr P. Sehr richtig. Das wollte ich ihm schon selbst sagen. Das ist eine Beleidigung, die alle trifft. Jetzt führt man uns zum Beispiel einen Titularrat vor, und nächstens ... äh ... wird man uns noch am Ende ... äh ... einen wirklichen Staatsrat vorführen.

Herr B. Nun und was wäre dabei? Die Persönlichkeit darf nicht angetastet werden; aber wenn ich mir eine Figur erdenke und sie mit den Lastern versehe, die unter uns Menschen vorkommen, und wenn ich ihr einen Rang gebe, der mir geeignet erscheint, wenn es auch der eines wirklichen Staatsrats ist, und wenn ich sage, daß dieser wirkliche Staatsrat nicht so ist, wie er sein sollte: was ist dabei? Kommen denn solche Patrone unter wirklichen Staatsräten nicht vor?

Herr P. Aber nein, mein Lieber, das ist schon zu viel. Wie kann denn ein solcher Patron wirklicher Staatsrat sein? Vielleicht Titularrat ... Nein, du gehst schon zu weit.

Herr W. Aber warum soll man uns nur das Schlechte zeigen und nicht auch das Gute, das, was der Nacheiferung würdig ist?

Herr B. Warum? Eine merkwürdige Frage: Warum? So kann man oftmals „Warum“ fragen. Warum führte ein Vater seinen Sohn, um ihn dem liederlichen Leben zu entreißen, ohne viele Worte und Moralpredigten in ein Krankenhaus, wo ihm die furchtbaren Folgen eines lasterhaften Lebens in all ihren Schrecknissen offenbar wurden? Warum tat er das?

Herr W. Gestatten Sie mir, Ihnen zu bemerken: das heißt doch gewissermaßen Krankheiten der Gesellschaft entblößen, die man verhüllen, und nicht noch aufzeigen sollte!

Herr P. Das ist wahr. Ich bin damit vollkommen einverstanden. Bei uns muß man das Schlimme verbergen, und nicht noch aufdecken.

Herr B. Wenn ein anderer als Sie diese Worte gesprochen hätte, würde ich sagen, daß nicht wahre Liebe zum Vaterland, sondern Heuchelei sie diktiert habe. Nach Ihrer Meinung muß man die gesellschaftlichen Krankheiten, wie Sie sie nennen, nur verhüllen, nur äußerlich heilen, sie sollen nur vorläufig nicht zu sehen sein, aber im Innern mag die Krankheit fortwüten — das macht nichts. Es macht nichts, daß sie ausbricht und sich in solchen Symptomen offenbart, die keiner Heilung mehr fähig sind. Das macht nichts. Sie wollen nicht wissen, daß wir ohne ein tiefes herzliches Bekenntnis, ohne christliches Eingestehen unserer Sünden, ohne sie in unsern eigenen Augen zu übertreiben, nicht die Kraft haben, uns über sie zu erheben, wir nicht die Kraft haben, uns mit unserer Seele über die Gemeinheit des Lebens emporzuschwingen. Sie wollen es nicht wissen! Soll der Mensch taub bleiben, soll er schlafend durch das Leben wandeln, soll er nie erschüttert werden, nie aus tiefster Seele weinen, soll er seine Seele so einschläfern, daß nichts mehr ihn aufrütteln kann! Nein ... verzeihen Sie mir! Wer so spricht, dessen Lippen werden von kaltem Egoismus bewegt und nicht von heiliger, reiner Liebe zur Menschheit. (Er entfernt sich.)

Herr P. (nach einigem Schweigen). Warum schweigst du? — Nun wie gefällt er dir? Was er nicht alles erzählt hat! Wie?

Herr W. (schweigt).

Herr P. (fortfahrend). Er mag reden was er will — aber das sind doch immerhin unsere Wunden.

Herr W. (beiseite). Nein, was sich der mit seinen „Wunden“ hat! Jetzt wird er sie jedem vorsetzen, der ihm über den Weg läuft!

Herr P. Ich könnte vielleicht auch eine ganze Menge darüber sagen: aber was würde das beweisen? ... Ah da ist ja Fürst N. Höre Fürst, lauf nicht davon.

Fürst N. Was gibts?

Herr P. Nun, wir wollen uns ein wenig unterhalten. Na, wie ist das Stück?

Fürst N. Recht komisch.

Herr P. Sag doch bitte: wie kann man das nur aufführen! Wie ist das blos möglich?

Fürst N. Warum soll man es nicht aufführen?

Herr P. Urteile doch selbst, das geht doch nicht: Plötzlich steht ein Schurke auf der Bühne — das sind doch unsere Wunden!

Fürst N. Was für Wunden?

Herr P. Das sind doch unsere Wunden! Sozusagen unsere gesellschaftlichen Wunden.

Fürst N. (ärgerlich). Ich schenke sie dir! Mögen es meinetwegen deine Wunden sein, aber nicht meine! Warum schiebst du sie mir zu? Ich muß nach Hause. (Entfernt sich.)

Herr P. (fortfahrend). Und weiter: was für Unsinn hat er hier zusammengeredet? Er sagte, ein wirklicher Staatsrat kann ein Schelm sein. Wenn es noch ein Titularrat wäre ... das wäre noch möglich ...

Herr W. Aber wollen wir doch gehen. Genug von dem Gerede; ich denke, alle Vorübergehenden haben schon erfahren, daß Sie ein wirklicher Staatsrat sind. (Beiseite.) Es gibt Menschen, die die Kunst besitzen, alles in den Schmutz zu ziehen. Wenn sie deinen eigenen Gedanken wiederholen, wissen sie ihn so banal zu machen, daß man rot wird. Wenn du eine Dummheit gesagt hast, die vielleicht noch durchschlüpfen könnte, so findet sich immer noch ein Freund oder Verehrer, der sie in Umlauf bringt und sie noch dümmer macht, als sie ist. Es ist wirklich ärgerlich — wie wenn man in den Dreck gestoßen wird! (Sie entfernen sich.)

(Ein Militär und ein Zivilist treten zusammen auf.)

Der Zivilist. So seid ihr Herren vom Militär! Ihr sagt: „Das muß man auf die Bühne bringen“, ihr seid bereit, euch über einen Zivilbeamten lustig zu machen; aber greift man irgendwie das Militär an, sagt man nur, daß in dem und dem Regiment einige Offiziere — von lasterhaften Neigungen ganz zu schweigen — sich zum Beispiel schlecht benehmen, schlechte Manieren haben — so seid ihr gleich bereit, mit einer Klage zum Reichsrat zu laufen.

Der Militär. Nein hören Sie: für wen halten Sie mich? Gewiß, es gibt auch unter uns solche Don Quijotes, aber glauben Sie mir, es gibt auch viele wahrhaft vernünftige Männer, die froh sein würden, wenn man die, die ihren Beruf schänden, dem allgemeinen Spott ausliefern würde. Ja, wo ist denn hier eine Beleidigung? Geben Sie uns nur mehr davon! Wir sind bereit, jeden Tag zuzuschauen.

Der Zivilist. So sind die Menschen, immer schreien sie: „Gib uns, gib uns“. Aber wenn du es tust, sind sie empört. (Sie entfernen sich.)

(Zwei Pekeschen.)

Die erste Pekesche. Man nehme zum Beispiel die Franzosen; aber bei ihnen ist das alles sehr nett. Erinnerst du dich unter anderem des gestrigen Vaudeville: sie entkleidet sich, legt sich ins Bett, nimmt die Salatschüssel vom Tisch und stellt sie unter das Bett. Das ist natürlich indezent, aber allerliebst. Das alles kann man sich ansehen, das verletzt nicht ... Meine Frau und meine Kinder gehen jeden Tag ins Theater. Aber hier — was ist das nun? Irgend ein Lump, ein Bauer, den ich nicht in mein Vorzimmer hineingelassen hätte, macht sichs mit seinen Stiefeln bequem, gähnt und stochert sich in den Zähnen — wirklich, was soll das bedeuten? Wie sieht das aus?

Die zweite Pekesche. Bei den Franzosen ist das eine andere Sache! Dort machts die societé, mon cher! Bei uns ist so etwas unmöglich. Bei uns sind die Autoren ohne jede Bildung: zum größten Teil sind es alles Zöglinge eines Seminars. Sie neigen zum Wein, zur Ausschweifung. Auch zu meinem Lakei kam immer so ein Autor: wo soll der also eine Vorstellung von der guten Gesellschaft hernehmen? (Sie entfernen sich.)

Eine Weltdame (in Begleitung zweier Herren, der eine trägt einen Frack und der andere eine Uniform): Was für Menschen, was für Personen hier vorgeführt werden! Nicht einer, der einigermaßen anziehend ist ... Warum schreibt man bei uns nicht so, wie die Franzosen schreiben, zum Beispiel Dumas und ähnliche. Ich verlange keine Muster von Tugend; zeigt mir eine Frau, die irrt, die ihren Mann betrügt, die sich zum Beispiel einer lasterhaften und verbotenen Liebe hingibt — aber stellt es mir so hinreißend dar, daß ich mit ihr mitfühle, daß ich sie lieb gewinne ... Hier dagegen ist eine Person immer ekelhafter als die andere.

Der Herr in Uniform. Ja, so trivial, so trivial.

Die Weltdame. Sagen Sie: warum ist bei uns in Rußland alles noch so trivial?

Der Herr im Frack. Mein Herz, du wirst mir nachher erzählen, warum alles so trivial ist. Man ruft unsern Wagen auf. (Sie entfernen sich.)

(Drei Herren treten auf.)

Der erste. Warum soll man denn nicht ein wenig lachen? Man darf doch noch lachen: aber ist das ein Gegenstand für den Spott — Mißbräuche und Laster! Was gibt es da zu spotten?

Der zweite. Über was soll man denn sonst lachen? Etwa über die Tugenden, über die Vorzüge eines Menschen?

Der erste. Nein; das ist doch kein Gegenstand für eine Komödie, mein Lieber! Das soll sozusagen auch die Regierung treffen. Gibt es denn keine anderen Gegenstände, worüber man schreiben kann?

Der zweite. Was wären das für andere Gegenstände?

Der erste. Nun, gibt es denn so wenig komische gesellschaftliche Ereignisse? Nehmen wir zum Beispiel an: ich will zu einem Gartenfest auf die Apothekerinsel fahren, und der Kutscher würde mich plötzlich auf der Wyborgskaja oder bei dem Smolnikloster absetzen. Gibt es denn nicht genug solcher komischer Situationen?

Der zweite. Das heißt: Sie wollen der Komödie jede ernste Bedeutung nehmen. Aber warum solche absolute Gesetze aufstellen? Komödien in der Art, wie Sie es wünschen, gibt es ja in Unzahl. Warum soll es nicht zwei oder drei wie die eben gespielte geben dürfen? Wenn Ihnen solche Komödien gefallen, wie die, von denen Sie soeben sprachen, so brauchen Sie nur ins Theater zu gehen: dort können Sie täglich ein Stück sehen, wo einer sich unter dem Stuhl versteckt und der andere ihn am Bein hervorzieht.

Der dritte. Nein, nein, bitte, so ist es denn doch nicht. Alles hat seine Grenzen, es gibt Dinge, über die man sozusagen nicht spotten darf, die schon gewissermaßen etwas Heiliges sind.

Der zweite (für sich mit einem bitteren Lächeln): So ists immer auf der Welt. Lacht man über das wahrhaft Edele, über das, was das große Heiligtum unserer Seele ausmacht, so wird keiner dafür eintreten; lacht man aber über das Laster, über das Gemeine und Niedrige — dann schreien alle: „Er verspottet unsere Heiligtümer!“

Der erste. Na, nun sehen Sie’s; wie ich merke, sind Sie jetzt überzeugt: Sie sagen kein Wort. Glauben Sie mir, man muß überzeugt sein: das ist das Wahre. Ich selbst bin ein unparteiischer Mensch und ich will nicht sagen, daß ... aber das ist einfach keine Angelegenheit für einen Autor, kein Gegenstand für eine Komödie. (Sie entfernen sich.)

Der zweite (für sich). Ich gestehe, ich möchte um keinen Preis an Stelle des Autors sein. Allen soll man’s recht machen! Wählt man ein unbedeutendes gesellschaftliches Ereignis, so schreien alle: „Er schreibt Unsinn! Das hat doch keinen tiefen moralischen Zweck;“ wählt man aber einen Gegenstand, der irgendeinen sittlichen Kern enthält, so sagen sie: „Das ist nicht seine Sache, er soll spaßige Sachen schreiben!“ (Er entfernt sich.)

(Eine junge Weltdame in Begleitung ihres Mannes.)

Der Mann. Unser Wagen kann nicht weit sein, wir können gleich fahren.

Herr N. (tritt zu der Dame heran). Was sehe ich! Sie sind hergekommen, um sich ein russisches Stück anzusehen!

Die junge Dame. Was ist dabei? Habe ich denn gar keinen Patriotismus?

Herr N. Nun, wenn es so wäre: so werden Sie mit Ihrem Patriotismus doch nicht allzusehr auf ihre Kosten gekommen sein. Sie schimpfen doch wohl auf das Stück?

Die junge Dame. Gar nicht. Ich finde, daß vieles darin ungemein richtig ist: ich habe von Herzen gelacht.

Herr N. Warum haben Sie denn gelacht? Vielleicht weil Sie gern über alles Russische lachen?

Die junge Dame. Nein, nur darum, weil es einfach komisch war. Weil hier jene Niedertracht, jene Gemeinheit öffentlich entlarvt wurde, die immer die gleiche Gemeinheit und Niedertracht bleibt, welches Gewand sie auch anlegen mag, und ob sie sich in einer Kreisstadt oder hier, mitten unter uns abspielt: deshalb habe ich gelacht.

Herr N. Mir sagte eben eine sehr gescheite Dame, daß sie auch gelacht hat, aber bei alledem hat das Stück auf sie einen sehr traurigen Eindruck gemacht.

Die junge Dame. Ich mag nicht wissen, was Ihre gescheite Dame empfunden hat, aber ich habe keine so empfindlichen Nerven, und ich lache immer gern über das, was in seinem Kern komisch ist. Ich weiß, daß es unter uns auch Leute gibt, die im Herzen über die schiefe Nase eines Menschen lachen können, aber den Mut nicht aufbringen, über die häßliche Seele eines Menschen zu lachen.

(In der Entfernung erscheint noch eine junge Dame mit ihrem Mann.)

Herr N. Ah da kommt Ihre Freundin. Ich möchte ihre Meinung über die Komödie hören. (Die Damen reichen sich die Hände.)

Die erste Dame. Ich sah von weitem, wie du lachtest.

Die zweite Dame. Ja, wer hat denn nicht gelacht? Alle haben doch gelacht.

Herr N. Und hatten Sie denn gar kein trauriges Gefühl dabei?

Die zweite Dame. Ich gestehe, mir war wirklich traurig zu Mut. Ich weiß, daß das alles sehr wahr ist; ich habe viel Ähnliches gesehen, und es hat mich immer traurig gestimmt.

Herr N. Also hat Ihnen die Komödie nicht gefallen?

Die zweite Dame. Aber erlauben Sie, wer sagt denn das? Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß ich von ganzem Herzen gelacht habe und sogar mehr als alle andern; ich glaube sogar, daß man mich für eine Wahnsinnige gehalten hat ... Aber ich wurde deshalb traurig, weil ich den Wunsch hatte, wenigstens auf einem guten Gesicht ausruhen zu können. Diese Masse, diese Überfülle des Gemeinen ...

Herr N. Sprechen Sie! Sprechen Sie!

Die zweite Dame. Hören Sie: empfehlen Sie dem Autor, daß er wenigstens einen anständigen Menschen hineinbringt. Sagen Sie ihm, daß man ihn darum bittet, daß es wirklich gut wäre.

Der Mann der ersten Dame. Gerade dies sollten Sie ihm nicht empfehlen! Die Damen wollen unbedingt einen Ritter sehen, der bei jeder Gelegenheit von Edelmut spricht, und sei es auch in den banalsten Phrasen.

Die zweite Dame. Durchaus nicht. Wie wenig Sie uns kennen! Gerade Ihnen ist dies eigentümlich! Gerade Ihr liebt nur Phrasen und Reden von Hochherzigkeit und Edelmut. Ich habe einmal das Urteil eines von den Euren gehört: ein Dickwanst schrie so, daß er, wie ich glaube, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkte — das alles sei Verleumdung, solche Gemeinheiten und Schurkereien kämen bei uns nie vor. Und wer sagte das? — Der allerniedrigste und gemeinste Mensch, der stets bereit war, seine Seele, sein Gewissen und alles, was Sie wollen, zu verkaufen. Ich will ihn nur nicht beim Namen nennen.

Herr N. Aber sagen Sie es doch: Wer war es?

Die zweite Dame. Warum wollen Sie es wissen? Er war es ja nicht allein; ich hörte, wie man um uns herum unaufhörlich schrie: „Das ist eine widerwärtige Verhöhnung Rußlands, eine Verhöhnung der Regierung! Wie kann man nur so etwas zulassen? Was wird das Volk dazu sagen?“ Und warum haben sie so geschrieen? Etwa, weil sie wirklich so dachten und fühlten? — Oh nein, verzeihen Sie. Nur darum, um Lärm zu machen, damit man das Stück verbietet, oder vielleicht, weil sie etwas in ihm gefunden hatten, das sie an sich selbst erinnerte. So sind Ihre wahren Ritter, und — nicht die Theaterhelden!

Der Mann der ersten Dame. O bei Ihnen regt sich schon etwas wie eine kleine Empörung!

Die zweite Dame. Empörung — jawohl Empörung. Ja, ich bin empört, sehr empört. Man kann doch nicht ruhig bleiben, wenn man sieht, wie die Gemeinheit unter allen möglichen Masken auftritt.

Der Mann der ersten Dame. Nun ja: Sie möchten, daß sofort irgendein Ritter hervortritt, über einen Abgrund springt und sich das Genick bricht ...

Die zweite Dame. O nein, verzeihen Sie.

Der Mann der ersten Dame. Natürlich: was verlangt denn eine Frau? — Sie verlangt unbedingt, daß sich im Leben irgendein Roman abspielt.

Die zweite Dame. Nein, nein, nein! Ich könnte es zweihundertmal wiederholen: nein! Das ist eine ganz alte, banale Vorstellung, die Sie uns immer wieder aufdrängen wollen. Die Frau hat mehr wahrhaften Edelmut, als der Mann, die Frau ist nicht imstande, sie ist unfähig, alle jene Niedrigkeiten und Schurkereien zu begehen, die ihr Männer euch leistet. Die Frau kann nicht heucheln, wo ihr heuchelt, sie kann nicht durch die Finger sehen, wo ihr es tut, wo es sich um solche Gemeinheiten handelt! Sie ist anständig genug, um dies alles auszusprechen, ohne sich erst überall umzuschauen, ob es den Leuten auch gefällt — denn das muß ausgesprochen werden. Was gemein ist — ist gemein, da hilft kein Vertuschen und kein Beschönigen. Es bleibt eine Gemeinheit, eine Gemeinheit, eine Gemeinheit!

Der Mann der ersten Dame. Ich glaube, jetzt sind Sie wahrhaftig allen Ernstes böse.

Die zweite Dame. Weil ich offen bin und es nicht ertragen kann, wenn man die Unwahrheit spricht.

Der Mann der ersten Dame. Nun, nun, seien Sie nicht böse und geben Sie mir Ihr Händchen. Ich scherzte ja nur.

Die zweite Dame. Hier haben Sie meine Hand — ich bin ja gar nicht böse. (Sie wendet sich an Herrn N.) Hören Sie: bitte raten Sie doch dem Autor, daß er einen edlen und ehrlichen Menschen in die Komödie hineinbringt.

Herr N. Ja aber wie soll man das machen? Wie, wenn er nun einen ehrlichen Menschen hineinbrächte und dieser ehrliche Mensch ein Theaterheld würde?

Die zweite Dame. O nein, wenn er wirklich stark und tief empfindet, so wird sein Held kein Theaterritter werden.

Herr N. Aber ich glaube, das ist nicht so leicht zu machen.

Die zweite Dame. Sagen Sie doch einfach, daß Ihr Autor keine starken und tiefen Seelenregungen hat.

Herr N. Aber warum nur?

Die zweite Dame. Nun, wer unaufhörlich und immerfort lacht, der kann doch keine allzu hohen Gefühle haben: unmöglich kann ihm bekannt sein, was nur ein zartes Herz empfindet.

Herr N. Das ist ausgezeichnet! Also nach Ihnen kann der Verfasser kein edler Mensch sein?

Die zweite Dame. Sehen Sie! Sie legen es gleich ganz anders aus. Ich habe doch kein Wort davon gesagt, daß ein Komödiendichter nicht edel sein und keinen strengen Begriff von der Ehre im vollen Sinn dieses Wortes haben kann. Ich sage nur, daß er nicht imstande ist ... eine von Herzen kommende Träne zu vergießen und etwas aus ganzer Kraft, aus tiefster Seele zu lieben.

Der Mann der zweiten Dame. Aber wie kannst du das nur so positiv behaupten?

Die zweite Dame. Ich kann es, weil ich es weiß. Alle Menschen, die immer nur lachten, oder Spötter waren, besaßen eine große Eigenliebe und waren fast alle Egoisten; vornehme und edle Egoisten natürlich — aber immer doch Egoisten.

Herr N. Also Sie geben unbedingt jener Art von Werken den Vorzug, in denen nur die hohen Regungen der Menschen vorkommen.

Die zweite Dame. Aber natürlich! Ich werde sie immer höher stellen, und ich muß gestehen, ich habe mehr inneres Vertrauen zu einem solchen Autor.

Der Mann der ersten Dame (wendet sich an Herrn N.). Nun, du siehst doch, es kommt auf das gleiche hinaus — so ist der Geschmack der Frauen. In ihren Augen steht die banalste Tragödie höher als die allerbeste Komödie. Schon allein, weil es eine Tragödie ist ...

Die zweite Dame. Schweigen Sie, sonst werde ich wieder böse. (Wendet sich an Herrn N.) Nun sagen Sie, habe ich denn nicht die Wahrheit gesagt: ein Komödienschreiber muß doch unbedingt eine kalte Seele haben?

Der Mann der zweiten Dame. Oder eine glühende, denn ein reizbares Temperament fordert doch auch zum Spott und zur Satire heraus.

Die zweite Dame. Oder eine leicht erregbare Seele. Aber was bedeutet das? — Das bedeutet, daß der Anlaß zu diesen Werken immer nur Galle, Verbitterung, Empörung ist, wenn auch eine in jeder Hinsicht gerechte Empörung. Aber es fehlt das, was erkennen läßt, daß das Werk aus einer hohen Liebe zur Menschheit ... kurz aus Liebe geboren ward. Nicht wahr?

Herr N. Sehr richtig.

Die zweite Dame. Und nun sagen Sie: hat der Autor der Komödie Ähnlichkeit mit diesem Porträt?

Herr N. Wie soll ich Ihnen sagen? Ich kenne ihn nicht so gut, um über seine Seele urteilen zu können. Aber wenn ich überlege, was ich alles von ihm gehört habe, so muß er entweder ein Egoist oder ein sehr reizbarer Mensch sein.

Die zweite Dame. Nun sehen Sie, ich wußte es doch ganz genau.

Die erste Dame. Ich weiß nicht warum — aber ich möchte nicht, daß er ein Egoist wäre.

Der Mann der ersten Dame. Ah, da kommt unser Lakai, unser Wagen ist also vorgefahren. Leben Sie wohl. (Drückt der zweiten Dame die Hand.) Sie kommen doch zu uns, nicht wahr? Wir wollen doch bei uns zu Hause Tee trinken?

Die erste Dame (im Weggehen). Gern.

Die zweite Dame. Unbedingt.

Der Mann der zweiten Dame. Ich glaube, unser Wagen ist auch vorgefahren. (Folgen ihnen.)

(Zwei Zuschauer treten herein.)

Der erste. Erklären Sie mir nur das eine: wenn man jeden Akt, jede Person, jeden Charakter einzeln betrachtet, warum sieht man dann, daß alles wahr, alles lebendig und der Natur entnommen ist, und doch erscheint es im ganzen als etwas Ungeheuerliches, Übertriebenes, als eine Karikatur, so daß man sich nach Verlassen des Theaters unwillkürlich fragt: existieren denn wirklich solche Menschen? Und dabei sind es doch nicht eigentlich Verbrecher!

Der zweite. Nicht im geringsten — es sind durchaus keine Verbrecher! Sie sind einfach das, was das Sprichwort so ausdrückt: Kein böser Sinn, ein Schelm schlechthin.

Der erste. Und dann noch eins: diese ungeheure Anhäufung, dieses Übermaß — ist das nicht schon ein Fehler einer Komödie? Sagen Sie mir, wo gibt es eine Gesellschaft, die aus lauter solchen Menschen besteht, wo — wenn nicht die Hälfte — so doch mindestens nicht ein kleiner Bruchteil anständige Menschen sind. Wenn eine Komödie ein Bild, ein Spiegel unseres sozialen Lebens sein soll, so muß dieses sich in voller Deutlichkeit spiegeln.

Der zweite. Erstens ist meiner Meinung nach diese Komödie kein Bild, sondern eher noch eine Frontispice. Sie sehen, Szene und Schauplatz sind imaginär. Sonst hätte der Autor wohl keine Fehler und keine offensichtlichen Anachronismen begangen und nicht manche Personen solche Worte sagen lassen, die weder ihrem Charakter noch der Stellung, die sie einnehmen, entsprechen. Nur die erste Gereiztheit hat das für eine persönliche Anspielung nehmen können, worin auch nicht einmal ein Schatten von Persönlichem liegt und was mehr oder weniger allen Menschen eigen ist. Das ist vielmehr ein großer Sammelpunkt: von überall her, aus allen Winkeln Rußlands sind hier alle Abnormitäten, alle Mißbräuche und Verirrungen zusammengeströmt, um einer Idee zu dienen und dem Zuschauer eine lebhafte edle Abscheu vor vielem Häßlichen und Niedrigen einzuflößen. Der Eindruck wird aber immer größer, weil keine der dargestellten Personen alles Menschliche verloren hat: überall klingt dies Menschliche hindurch. Dadurch wird die seelische Erschütterung noch tiefer, und wenn der Zuschauer lacht, wendet er sich unwillkürlich um, wie wenn er fühlte, daß ihm das ganz nahe ist, worüber er lachte, und daß er jeden Augenblick darüber wachen muß, daß es nicht in seine eigene Seele hinüberfließe. Am amüsantesten mußte wohl folgender Vorwurf für den Autor sein, wie ich glaube. „Warum sind seine Personen und Helden nicht sympathisch?“ während er doch alles getan hat, um sie recht abstoßend zu machen. Und wenn auch nur ein anständiger Mensch in die Komödie hineingebracht worden wäre, mit der ganzen Anziehungskraft, die von einem solchen ausgeht, so hätten sich alle, bis auf den Letzten, auf die Seite des anständigen Menschen gestellt und die ganz und gar vergessen, vor denen sie jetzt so erschrocken sind. Diese Gestalten würden uns vielleicht nach der Vorstellung nicht so verfolgen, wie wenn sie lebendig wären; der Zuschauer nähme kein schmerzliches Gefühl aus dem Stück mit und würde sich nicht fragen: „Existieren denn wirklich solche Menschen?“

Der erste. Gewiß. Aber das wird man doch nicht gleich begreifen.

Der zweite. Sehr natürlich. Der innere Sinn der Sache wird immer erst nachher verstanden. Und je lebhafter, je deutlicher die Gestalten sind, in denen er sich verkörpert und auf die er sich verteilt, um so mehr bleibt die allgemeine Aufmerksamkeit an diesen Gestalten haften. Nur wenn man sie zusammenaddiert, erhält man die Summe und den Sinn einer solchen Schöpfung. Aber solche Zeichen schnell zergliedern und addieren, sie sogleich auf den ersten Blick lesen — das kann nicht jeder; und bis dahin wird man immer nur Zeichen sehen. Und ich sage es Ihnen im Voraus, Sie werden es noch erleben: vor allem wird jedes Kreisstädtchen in Rußland in Empörung geraten und behaupten, daß das eine böse Satire, eine platte und gemeine Erdichtung ist, die sich offen gegen dies Städtchen richtet. (Sie entfernen sich.)

Ein Beamter. Das ist nichts wie eine platte gemeine Erdichtung! Das ist eine Satire! Ein Pasquill!

Ein anderer Beamter. Jetzt ist also gar nichts mehr übriggeblieben. Man braucht keine Gesetze, man braucht auch dem Staate nicht zu dienen. Diese Uniform, die ich trage, — muß ich also fortwerfen: sie ist jetzt nicht mehr als ein Lappen.

(Zwei junge Menschen laufen herein.)

Der eine. Jetzt sind alle zornig. Ich habe schon so viel reden hören, daß ich schon, wenn ich einen bloß ansehe, erraten kann, was er über das Stück denkt.

Der andere. Nun, und was denkt dieser da?

Der erste. Der grade in die Ärmel seines Mantels fährt?

Der andere. Ja.

Der erste. Der denkt folgendes: „Für so eine Komödie solltest du mir nach Nertschinsk! ...“ Aber ich glaube, die Galerie kommt schon herunter. Das Vaudeville scheint schon aus zu sein. Gleich wird der Strom der kleinen Leute hereinbrechen. Wir wollen gehen. (Beide entfernen sich.)

(Der Lärm wird stärker; man hört und sieht die Menschen alle Treppen herunterlaufen. Es kommen: Bauernröcke, Pelzjacken, Hauben, lange deutsche Kaufmanns-Kaftans, Dreimaster und Federbüsche, Mäntel aller Arten: Friesmäntel, Militäruniformen, abgetragene und stutzerhafte mit Biberkragen. Die Menge stößt den Herrn, der in die Ärmel des Mantels fährt, weg; der Herr tritt zur Seite und fährt dort fort, den Mantel anzuziehen. In der Menge werden Herren und Beamte aller Art sichtbar. Lakaien in Livree bahnen den gnädigen Frauen den Weg.)

Man hört eine kreischende Frauenstimme: Herrgott, man erdrückt mich ja ganz von allen Seiten.

Ein geschmeidiger junger Beamter (läuft an den Herrn heran, der den Mantel anzieht). Erlauben Exzellenz, daß ich Ihnen den Mantel halte.

Der Herr im Mantel. Ah, guten Tag! Du hier? Du bist wohl hergekommen, um das Stück zu sehen?

Der junge Beamte. Jawohl, Exzellenz, es ist sehr gut und mit viel Witz beobachtet!

Der Herr im Mantel. Ach Unsinn! Da gibts gar nichts Witziges!

Der junge Beamte. Sehr richtig, Exzellenz! Absolut nichts!

Der Herr im Mantel. Für solche Sachen verdient man, ausgepeitscht und nicht noch gelobt zu werden.

Der junge Beamte. Jawohl, Exzellenz.

Der Herr im Mantel. Daß man die jungen Leute nur ins Theater läßt! Die werden dort viel Nützliches lernen! Auch du: jetzt wirst du wohl in die Kanzlei kommen und gleich mit Grobheiten beginnen?

Der junge Beamte. Wie könnte ich nur, Exzellenz! ... Gestatten Sie, daß ich Ihnen den Weg freimache. (Zu der Menge, während er ein paar Leute fortstößt.) He, ihr da, macht Platz! Ein General kommt! (Tritt mit übertriebener Höflichkeit an zwei stutzerhaft gekleidete Herren heran.) Meine Herren, tuen Sie mir den Gefallen, lassen Sie den General durch!

(Die gutgekleideten Herren treten zur Seite und geben den Weg frei.)

Der erste. Weißt du, was das für ein General ist? Es muß wohl eine bekannte Größe sein?

Der zweite. Ich weiß nicht. Ich habe ihn noch nie gesehen.

Ein redseliger Beamter (mischt sich von hinten in das Gespräch). Ein ganz einfacher Staatsrat vierter Klasse. So ein Glück! Nach fünfzehnjährigem Dienst hat er schon den Wladimir-, den Anna- und Stanislaworden, dreitausend Rubel Gehalt, und außerdem zweitausend Zuschuß und dazu noch Zulagen vom Rat, von der Kommission und vom Departement.

Die gutgekleideten Herren (einer zum andern). Gehen wir. (Sie entfernen sich.)

Der redselige Herr. Das sind wohl verwöhnte Muttersöhnchen. Dienen wahrscheinlich im auswärtigen Amt. Ich habe die Komödien nicht gern; meinem Geschmack entspricht mehr die Tragödie. (Geht ab.)

Eine Stimme aus der Menge. Wieviel Volk hier zusammengeströmt ist!

Ein Offizier (drängt sich mit einer Dame am Arm durch die Menge). He, ihr Langbärte da, drängt doch nicht so. Siehst du denn nicht — das ist eine Dame!

Ein Kaufmann (mit einer Dame am Arm). Wir haben doch auch eine Dame bei uns, Väterchen.

Eine Stimme aus der Menge. Jetzt hat sie sich umgesehen, siehst du, siehst du? Sie ist jetzt häßlicher geworden — aber vor drei Jahren ...

Verschiedene Stimmen. Hörst du, dreißig Kopeken habe ich von ihm zurückbekommen. — Ein schurkisches, schlechtes Stück! — Ein amüsantes Stück. — Was drängst du dich mir bis an die Gurgel ran?

Eine Stimme vom äußersten Ende. Das ist alles Unsinn! Wo hätte sich so ein Ereignis abspielen können? So etwas könnte höchstens noch auf der Tschukotzki-Insel geschehen.

Eine Stimme vom anderen Ende. Nun, ganz so eine Sache ist unserer Stadt passiert. Ich glaubte schon, der Autor habe — wenn er nicht selbst dort gewesen ist — doch zum mindesten davon gehört.

Die Stimme des Kaufmanns. Es ist — sehen Sie wohl — sozusagen mehr von der moralischen Seite gesehen. Gewiß, es gibt sozusagen sehr verschiedene Menschen. Aber wollen Sie bitte in Betracht ziehen, daß auch ein ehrlicher Mensch, wenn die Gelegenheit sich bietet ... Und von wegen der Moral — so kommt das auch bei den Adligen vor.

Die Stimme eines Mäzens. Wahrscheinlich ist er eine Kanaille, ein Schuft — dieser Dichter: alles hat er ausgekundschaftet, er weiß alles!

Die Stimme eines brummigen, aber offenbar erfahrenen Beamten. Was weiß er denn? Den Teufel weiß er! Und schwindeln tut er, schwindeln: alles, was er da geschrieben hat — alles ist gelogen! Man nimmt auch die Schmiergelder nicht auf diese Weise, wenn es darauf ankommt ...

Die Stimme eines andern Beamten aus der Menge. Ach was sagen Sie: „Lächerlich, ganz lächerlich!“ Wissen Sie auch warum das lächerlich ist? Das sind doch alles bestimmte Personen. Er hat nämlich alle seine Großmütter und Tanten dargestellt. Das ist das Lächerliche daran!

Eine unbekannte Stimme. Halt, man hat ein Tuch gestohlen!

(Zwei Offiziere, die sich erkennen, begrüßen einander über die Menschen hinweg.)

Der erste. Michèl, gehst du hin?

Der zweite. Jawohl.

Der erste. Nun, ich bin auch dort.

Ein Beamter von bedeutendem Äußern. Ich würde alles verbieten. Nichts braucht man zu drucken. Genieße die Errungenschaften der Bildung, lies — aber schreib nicht! Es gibt schon genug Bücher — wir brauchen keine mehr!

Eine Stimme aus dem Volke. Nun wenn er ein Schurke ist — so ist er eben ein Schurke! Sei kein Schurke, und man wird nicht über dich lachen.

Ein hübscher und wohlbeleibter Herr (spricht hitzig zu einem unansehnlichen kleinen Herrn). Die Sittlichkeit leidet darunter, die Sittlichkeit leidet darunter — das ist das Wesentliche.

Ein kleiner, unansehnlicher Herr von boshaftem Charakter. Aber die Sittlichkeit ist doch etwas Relatives.

Der schöne und beleibte Herr. Was verstehen Sie unter dem Wort „relativ“?

Der unansehnliche kleine Herr von boshaftem Charakter. Das, daß jeder die Sittlichkeit mit seinem eigenen Maßstabe mißt. Der eine nennt es sittlich, wenn man den Hut vor ihm auf der Straße lüftet. Der andere nennt das Sittlichkeit, daß man durch die Finger sieht, wenn er stiehlt; der dritte nennt die Dienste sittlich, die man seiner Geliebten erweist. Wie sagt doch jeder von uns gewöhnlich zu seinen Untergebenen? — Er erklärt von oben herab: „Mein Herr, geben Sie sich Mühe, Ihre Pflicht gegen Gott, Kaiser und Vaterland zu erfüllen,“ worauf das aber zu beziehen ist — das kannst du dir selbst zurechtlegen. Allerdings ist das nur noch in der Provinz üblich, in der Residenz passiert so etwas nicht mehr, nicht wahr? Wenn sich hier jemand in drei Jahren zwei Häuser anschafft — wie hängt das zusammen? Doch nur mit der Ehrlichkeit; nicht wahr?

Der hübsche beleibte Herr (beiseite). Der ist bös wie der Teufel und hat eine Zunge wie eine Schlange!

Der unansehnliche Herr von boshaftem Charakter (stößt einen ihm gänzlich unbekannten Herrn am Arm und spricht zu ihm, indem er auf den hübschen Herrn hinweist). Vier Häuser in einer Straße; alle nebeneinander, die sind in sechs Jahren aus der Erde gewachsen! Wie wirkt die Ehrlichkeit auf die Vegetation, was?

Der Unbekannte (entfernt sich eilig). Verzeihen Sie, ich habe nicht ganz verstanden ...

Der unansehnliche Herr von boshaftem Charakter (stößt einen unbekannten Nachbar am Arm). Wie sich heutzutage die Taubheit in der Stadt verbreitet hat, was? Das macht alles das ungesunde und feuchte Klima!

Der unbekannte Nachbar. Ja, und die Grippe. Bei mir waren sämtliche Kinder krank.

Der unansehnliche Herr von boshaftem Charakter. Ja, die Grippe, die Taubheit und der Ziegenpeter im Halse. (Verliert sich in der Menge.)

(Eine Unterhaltung in einer abseits stehenden Gruppe.)

Der erste. Man behauptet, daß mit dem Autor selbst eine ähnliche Geschichte passiert ist; er soll schuldenhalber in einem Städtchen im Gefängnis gesessen haben.

Ein Herr auf der anderen Seite der Gruppe (fällt ihm ins Wort). Nein, nicht im Gefängnis, sondern auf einem Turm. Vorüberfahrende haben es gesehen. Man sagt, es sei etwas Außerordentliches gewesen. Denken Sie sich, ein Dichter auf einem fabelhaft hohen Turm, ringsherum Berge, in einer entzückenden Lage und von dort herab rezitiert er seine Gedichte. Nicht wahr, darin offenbart sich doch ein ganz besonderer Zug des Dichters?

Ein positiv gesinnter Herr. Der Autor muß ein gescheiter Mensch sein.

Ein negativ gesinnter Herr. Aber nicht im geringsten. Ich weiß, er hat gedient, und man hat ihn fortgejagt: er war nicht einmal imstande, ein Gesuch abzufassen.

Ein ganz gewöhnlicher Lügner. Ein kecker, ein schlauer Kopf! Man wollte ihm lange keine Anstellung geben — und was glauben Sie? Er schrieb ganz einfach einen Brief an den Minister. Und wie der geschrieben war! — In Quintilianischem Stil. Schon allein der Anfang: „Sehr geehrter Herr!“ Und so ging es weiter, weiter und weiter ... so an die acht Seiten heruntergehauen! Als der Minister das las, sagte er: „nun, ich danke, ich danke! Ich sehe, du hast viel Feinde. Du sollst Chef der Abteilung werden.“ Und so hat er sich gleich von einem gewöhnlichen Schreiber zum Abteilungschef aufgeschwungen.

Ein Herr mit gutmütigem Charakter (wendet sich zu einem anderen kaltblütigen Herrn). Der Teufel weiß, wem man da glauben soll! Im Gefängnis hat er gesessen und auf den Turm ist er geklettert! Aus dem Dienst hat man ihn gejagt und eine Anstellung hat er bekommen.

Ein kaltblütiger Herr. Das sind ja alles Improvisationen.

Der gutmütige Herr. Wieso — Improvisationen?

Der kaltblütige Herr. Ganz einfach ... Zwei Minuten vorher wissen sie ja selbst nicht, was sie von sich hören werden. Ein Zungenschlag — und plötzlich platzen sie, ohne daß sie selbst etwas davon wissen, mit einer Neuigkeit heraus, sind zufrieden, — und kehren nach Haus zurück, als ob sie sich satt gegessen hätten. Am andern Tag aber ist alles vergessen, was sie selbst sich ausgedacht hatten. Es scheint ihnen, als ob sie es von andern Leuten gehört hätten, und dann gehen sie los und erzählen es in der ganzen Stadt herum.

Der gutmütige Herr. Aber das ist gewissenlos: lügen und es selbst nicht fühlen.

Der kaltblütige Herr. Oh, es gibt auch empfindliche Leute. Es gibt solche, die fühlen, daß sie lügen, aber sie halten es in der Unterhaltung für etwas Notwendiges: Wie das Korn auf dem Felde das Auge entzückt, so eine Lüge die Rede erst schmückt.

Eine gutsituierte Dame. Aber was für ein boshafter Spötter dieser Autor sein muß! Ich gestehe, daß ich ihm um keinen Preis unter die Augen kommen möchte: er würde sofort etwas Komisches an mir entdecken.

Ein Mann von Gewicht. Ich weiß nicht, was für ein Mann das ist. Das ist ... das ist ... das ist ... Für diesen Menschen gibt es nichts Heiliges: heut sagt er: der Rat Soundso ist kein guter Beamter, und morgen wird er erklären, daß es keinen Gott gibt. Bis dahin ist nur ein Schritt.

Ein zweiter Herr. Verspotten! Aber mit dem Lachen darf man nicht spaßen! Das heißt doch jede Achtung zerstören — ja das heißt es!! Danach kann ja jeder kommen und mir auf der Straße einen Schlag versetzen und sagen: „Man lacht doch über euch; du bekleidest doch dasselbe Amt, da hast du eine Ohrfeige!“ Jawohl, das bedeutet es.

Ein dritter Herr. Natürlich! Das ist eine ernste Sache. Man sagt: „so eine Kleinigkeit, so eine Bagatelle: eine Theatervorstellung!“ Nein, das ist gar keine solche Kleinigkeit. Darauf muß man ernstlich achtgeben! Für solche Sachen kommt man nach Sibirien. Wenn ich die Macht hätte — würde der Autor nicht zu mucksen wagen! Ich würde ihn an einen solchen Ort bringen lassen, wo kein Lichtstrahl hineinfällt.

(Es erscheint eine Gruppe von Menschen, von Gott weiß welcher Art, übrigens aber von vornehmem Äußeren und gutgekleidet.)

Der erste. Bleiben wir lieber hier stehen, bis die Menge sich verlaufen hat. Nein, was soll das wirklich! Lärm machen, in die Hände klatschen, als ob das Gott weiß was wäre! So eine Kleinigkeit, irgendein bedeutungsloses Theaterstück — und so einen Alarm zu schlagen! Schreien, den Autor hervorrufen — was soll das wirklich!

Der zweite. Immerhin war das Stück amüsant und unterhaltend.

Der erste. Nun ja, amüsant, so wie uns gewöhnlich jede Bagatelle amüsiert. Aber warum dieser Lärm, diese Diskussionen? Man streitet darüber wie über eine wichtige Sache, man applaudiert ... was soll das bedeuten! Schön, ich verstehe, wenn es sich noch um eine Sängerin oder Tänzerin handelte — das verstände ich noch: da bewundert man doch wenigstens die Kunst, die Geschmeidigkeit, die Geschicklichkeit, das natürliche Talent. Aber hier? Man schreit: „ein Literat, ein Literat, ein Schriftsteller“! Ja, was ist denn ein Schriftsteller? Weil ihm manchmal ein witziges Wort einfällt, oder weil er die Natur abschreibt ... Ist denn das so schwer? Was ist denn das für eine Kunst? Das sind doch alles Fabeln und weiter nichts!

Der zweite. Aber natürlich — eine höchst mittelmäßige Sache.

Der erste. Denken Sie selbst: Ein Tänzer zum Beispiel: Das ist doch immerhin Kunst, was er leistet, das kann ihm doch keiner nachmachen. Wenn ich es zum Beispiel wollte: ja bei mir würden sich einfach die Füße nicht von der Stelle bewegen. Ich sollte mal versuchen, einen Entrechat zu machen: ich würde keinen einzigen fertig bringen. Aber schreiben kann man, auch ohne es gelernt zu haben. Ich weiß nicht, wer der Autor ist, aber man hat mir erzählt, daß er ein absolut ungebildeter Mensch ist, der nichts weiß — den man irgendwo hinausgeworfen hat.

Der zweite. Aber erlauben Sie mal, etwas muß er doch wissen: ohne dies kann man doch nicht schreiben.

Der erste. Aber ich bitte Sie, was kann er denn wissen? Sie wissen ja selbst, was ein Literat ist. Der leerste Mensch! Das ist doch weltbekannt — zu nichts zu gebrauchen. Man hat schon versucht, sie irgendwie zu verwenden — aber man hat es aufgegeben. Nun sagen Sie selbst: was schreiben sie denn? Das sind doch alles Torheiten und Fabeln. Wenn ich wollte, könnte ich sofort so etwas schreiben, und ebenso Sie und er, jeder kann so etwas schreiben.

Der zweite. Nun ja ... gewiß — warum sollte man so etwas nicht schreiben können. Wenn man nur ein Funken Verstand im Kopf hat, so kann man es schon.

Der erste. Man braucht auch keinen Verstand dazu. Wozu denn Verstand? Das sind doch alles Fabeln. Ja, wenn es noch zum Beispiel eine schwierige Wissenschaft wäre, irgendeine Sache die man nicht kennt — aber was ist denn das? Das weiß doch jeder Bauer. Das kann man jeden Tag auf der Straße sehen. Man braucht sich nur ans Fenster zu setzen und sich alles zu notieren, was passiert — das ist das ganze Kunststück.

Der dritte. Das ist wahr. Wahrhaftig, wenn man nur bedenkt, mit was für Unsinn man seine Zeit vergeudet!

Der erste. Sehr richtig, das ist Zeitverschwendung und sonst nichts. Lauter Fabeln und Torheiten! Man müßte es einfach verbieten, ihnen Tinte und Feder in die Hand zu geben. Aber das Volk strömt heraus — wollen wir gehen! Lärm machen, schreien, Beifall klatschen! Und die Sache ist doch ganz wertlos! Fabeln! (Sie entfernen sich. Die Menge lichtet sich, einige Zurückgebliebene laufen vorüber.)

Der gutmütige Beamte. Nun immerhin, er hätte doch wirklich wenigstens einen anständigen Menschen auftreten lassen können. Aber nichts als Schurken und Gauner!

Ein Mann aus dem Volke. Hörst du, erwarte mich an der Straßenkreuzung! Ich laufe nur hinein und hole meine Handschuhe.

Ein vornehmer Herr (sieht auf die Uhr). Es ist bald ein Uhr. Noch nie bin ich so spät aus dem Theater gekommen. (Er entfernt sich.)

Ein Beamter der sich verspätet hat. Nichts als unnütz verlorene Zeit! Nein, ich gehe nie mehr ins Theater! (Er entfernt sich, das Vestibül leert sich.)

Der Autor des Stücks (tritt hervor). Ich habe mehr gehört, als ich vermutete. Was für eine bunte Menge von Ansichten. Wie glücklich ist doch der Komödiendichter, der einer Nation entstammt, wo die Gesellschaft noch keine kompakte unbewegliche Masse bildet, wo sie noch nicht von einer Rinde alter Vorurteile umgeben ist, die die Gedanken aller mit derselben Form und demselben Maß umschließt; wo jeder Mensch seine eigene Meinung hat, wo jeder selbst der Schöpfer seines Charakters ist. Welche Mannigfaltigkeit liegt in allen diesen Meinungen, und wie leuchtete doch aus allen der starke, klare, russische Geist hervor!: in dem edlen Streben des Staatsmanns, in der hohen Selbstverleugnung des in die Provinz verschlagenen Beamten, in der zarten Schönheit einer großmütigen Frauenseele, dem ästhetischen Gefühl der Kenner und in dem schlichten sicheren Instinkt des Volkes. Wie war selbst in den unfreundlichen Urteilen noch so vieles enthalten, was der Komödiendichter wissen muß! Ja, ich bin befriedigt. Aber warum wird mir so traurig ums Herz ...? Seltsam: es schmerzt mich, daß keiner die redliche Person bemerkt hat, die in meinem Stück auftritt. Und doch gibt es eine ehrliche, edle Persönlichkeit, die während des ganzen Stückes mitwirkt. Diese edle ehrliche Person war — das Lachen. Es war hochherzig, weil es sich hervorzutreten entschloß, trotz der gemeinen Bedeutung, die die Welt ihm beilegt. Es war hochherzig, weil es sich hervorzutreten entschloß, obschon es dem Komödiendichter einen schlechten Ruf einbrachte — den Ruf eines kalten Egoisten, und sogar die Leute zwang, an das Vorhandensein zarter Seelenregungen bei ihm zu zweifeln. Für dieses Lachen ist keiner eingetreten. Ich aber, der Komödiendichter, ich diente ihm treu und ehrlich, und darum muß ich sein Fürsprecher sein. Nein, das Lachen hat eine größere Bedeutung und ist tiefer, als alle glauben — nicht das Lachen, das ein flüchtiger Reiz, das die Galle oder ein krankhafter Charakter erzeugt; auch nicht das leichte Lachen, das der müßigen Zerstreuung und Unterhaltung dient — sondern jenes Lachen, das ganz aus der lichten Natur des Menschen strömt — das aus ihr hervorströmt, weil sich auf ihrem Grunde sein ewig sprudelnder Quell befindet; ein Lachen das den Gegenstand vertieft, und hell hervortreten läßt, was sonst flüchtig vorübergeglitten wäre, und ohne dessen durchdringende Kraft diese Kleinheit und die Hohlheit des Lebens den Menschen nicht so mit Schrecken erfüllen würde. Das Verächtliche und Nichtige, an dem er täglich gleichgültig vorbeigeht, würde nicht mit dieser furchtbaren, beinahe bizarren Gewalt vor ihm emporwachsen und er würde nicht in den Ruf ausbrechen: „Gibt es denn wirklich solche Menschen?“ während es, wie er selbst weiß, noch viel schlimmere Menschen gibt. Nein, die haben unrecht, die da behaupten, daß das Lachen uns empört. Nur das Finstere empört uns, das Lachen aber ist leuchtend und hell. Vieles würde den Menschen empören, wenn es ihm in seiner ganzen Nacktheit gezeigt würde, aber von der Macht des Lachens erleuchtet, bringt es unserer Seele Frieden und Versöhnung. Und wer an einem boshaften Menschen Rache nehmen will, söhnt sich schon beinahe mit ihm aus, wenn er gewahr wird, wie die gemeinen Regungen seiner Seele verlacht werden. Die sind ungerecht, die da behaupten, das Lachen wirke nicht auf die, gegen die es gerichtet ist, und daß der Spitzbube der erste ist, der über einen andern Spitzbuben lacht. Der Enkel des Schurken wird darüber lachen, aber über seinen schurkischen Zeitgenossen wird kein Spitzbube lachen können. Er merkt, daß sich der Eindruck seines Wesens schon allen unwiderstehlich eingeprägt hat, daß eine einzige gemeine Bewegung von ihm genügt, um ihm diesen Eindruck als ewiges Kennzeichen anzuheften; und vor dem Spott fürchtet sich sogar der, der sich vor nichts auf der Welt mehr fürchtet. Nein, nur dem ist jenes gütige Lachen gegeben, der ein von Grund aus gutes Herz hat. Aber man hört sie nicht, die gewaltsame Macht dieses Lachens; „was lächerlich ist, ist gemein“, sagt die Welt; nur das, was im erhobenem Tone gesagt wird, nur das wird als das Hohe bezeichnet. Aber mein Gott, wie viel Menschen gehen täglich an uns vorüber, für die es überhaupt nichts Hohes in der Welt gibt! Alles, was die Begeisterung erschuf, ist für sie Torheit und Fabelei. Die Werke Shakespeares sind Fabeln für sie, die heiligsten Regungen der Seele sind auch nichts als Fabeln. Nein, nicht verletzte kleinliche Dichtereitelkeit zwingt mich, das zu sagen, nicht weil meine unreifen schwachen Schöpfungen soeben als Fabeln bezeichnet wurden — nein, ich sehe meine Fehler ein, ich sehe ein, daß ich Vorwürfe verdient habe; aber meine Seele konnte es nicht gleichgültig ertragen, daß die vollendetsten Schöpfungen als Torheiten und Fabeln bezeichnet wurden, daß alle Leuchten und Sterne dieser Welt nur für Verfasser von Torheiten und Fabeln gehalten wurden. Das Herz tat mir weh, als ich sah, wieviel stumpfe, tote Menschen es hier, mitten im treibenden Leben gibt, die uns durch die starre Kälte ihrer Seelen erschrecken, durch die unfruchtbare Wüstenei ihrer Herzen; das Herz tat mir weh, als ich sah, wie auf ihren unempfindlichen Gesichtern auch nicht die Spur eines Eindrucks dessen aufblitzte, was einer von tiefer Liebe erfüllten Seele himmlische Tränen entlockt hätte. Und ihre Zunge zögerte keinen Augenblick, ihr ewiges „Fabeln“, „Fabeln“ auszusprechen. Doch sieh, Jahrhunderte sind verflossen, Städte und Völker sind vom Angesicht der Erde getilgt und verschwunden, wie Rauch ist alles verflogen, was einstmals war — aber die Fabeln leben noch und wiederholen sich bis heute, und andächtig lauschen ihnen weise Herrscher, tiefsinnige Fürsten, der herrliche Greis und der von edlem Streben erfüllte Jüngling. Fabeln ...! Es ächzen die Balkone und die Brüstungen des Theaters: von oben bis unten erschauert alles, ist ganz in ein einziges Gefühl, in einen Augenblick verwandelt, alles verschmilzt zu einem einzigen Menschen, alle Menschen treffen wie Brüder in einer seelischen Regung zusammen, und der einstimmige Beifallssturm wird zu einer hehren Dankhymne für den, der schon seit fünfhundert Jahren nicht mehr auf der Welt ist. Vernehmen es seine verwesten Knochen im Grabe? Gibt seine Seele Antwort, die im Leben so herbes Leid erduldet hat? Fabeln ...! Dort, in die Reihen der erschütterten Menge tritt ein vom Unglück und der schier unerträglichen Last des Lebens Gebeugter; schon will er in seiner Verzweiflung Hand an sich legen — da plötzlich entströmen erfrischende Tränen seinen Augen, er geht hinaus, versöhnt mit dem Leben, und bittet den Himmel um neue Leiden und Schmerzen, nur damit er leben und wieder Tränen vergießen kann über solche Fabeln. Fabeln ...! Die Welt würde einschlummern ohne solche Fabeln, das Leben verflachen, Schlamm und Schimmel würden die Seele überziehen. Fabeln ...! Oh! heilig seien die Namen derer, die solchen Fabeln andächtig gelauscht haben, heilig noch ihren Enkeln bis in alle Ewigkeit: der wunderbare Finger der Vorsehung schwebte ewig über dem Haupt ihrer Schöpfer. Selbst in den Zeiten des Unglücks und der Verfolgungen traten die Vornehmsten und Besten im Staate, als die ersten, schützend auf ihre Seite, und ein gekrönter Monarch beschattete sie mit seinem königlichen Schild von der Höhe seines unerreichbaren Thrones.

Wohlan denn, frisch auf den Weg. Nicht möge die Seele der Tadel verwirren, sondern hochherzig nehme sie die Hinweise auf ihre Mängel hin. Selbst das darf sie nicht betrüben, daß man ihr große Regungen und die heilige Liebe zur Menschheit abspricht. Die Welt gleicht einem Strudel: ewig kreisen in ihr Meinungen und Ansichten, aber sie alle zermahlt die Zeit: wie eine Schale fallen die falschen ab, aber gleich harten Körnern bleiben unerschütterlich die ewigen Wahrheiten bestehen. Was einst als hohl und leer angesehen wurde, kann später mit ernster Bedeutung ausgerüstet erscheinen. In der Tiefe eines kalten Gelächters entdeckt man vielleicht plötzlich glühende Funken einer ewigen, machtvollen Liebe. Und wer will es wissen — vielleicht kommt einmal die Zeit, wo alle Menschen anerkennen, daß kraft der gleichen Gesetze, nach denen der Stolze und Starke im Unglück klein und schwach erscheint, während das Elend den Schwachen zu einem Riesen emporwachsen läßt — daß kraft der gleichen Gesetze der, der häufig weint und bittre, von Herzen kommende Tränen vergießt, vielleicht mehr lacht als alle andern auf der Welt ...!

Anhang

Der Revisor

Diese Komödie ist im Jahre 1834 begonnen. Das Bühnenmanuskript wurde am 4. Dezember 1835 vollendet und am 2. März für die Aufführung freigegeben, trotzdem fuhr der Autor fort, auch nach der Freigabe durch die Zensur an diesem Texte weiterzuarbeiten. Am 19. April 1836 fand die erste Aufführung am Alexandertheater zu St. Petersburg, und zwar an einem Sonntage statt — das kleine Theater in Moskau folgte am 25. Mai desselben Jahres. Zugleich mit der Aufführung erfolgte die Drucklegung der Buchausgabe des Revisor, die sich in vieler Hinsicht von der Bühnenausgabe unterschied. Das Buch erschien im April 1836 (die Unterschrift des Zensors trägt das Datum: den 13. März 1836). Von diesem Zeitpunkt ab ist der Revisor mehrmals und zu verschiedenen Zeiten immer wieder umgearbeitet worden, bis er die Fassung erhielt, die im dritten Bande der ersten Ausgabe der „Werke Gogols“ abgedruckt ist. Die endgültige Umarbeitung des Textes fällt in den Zeitabschnitt zwischen dem März 1841 und dem 15. Juli 1842. Eine der letzten Fassungen, die im Druck vorliegen, weist folgende Abweichungen gegenüber den vorhergehenden Ausgaben auf:

1) Ist die stumme Schlußszene, die in den früheren Ausgaben folgendermaßen lautete, weit ausführlicher behandelt: „Alle stoßen einen Schrei der Überraschung aus und bleiben mit offenem Munde und langen Gesichtern stehen. Stumme Szene. Der Vorhang fällt.“

2) In der zweiten Ausgabe von „Gogols Werken“ fehlen folgende Ausführungen über die Gäste, die offenbar vom Verfasser herstammen: „Die Gäste müssen einen möglichst verschiedenartigen Charakter haben. Es müssen große und kleine, dicke und dünne, ungekämmte und gekämmte darunter sein. Auch müssen sie verschieden angezogen sein, die einen müssen Fräcke, die andern ungarische Röcke und andre Röcke von verschiedener Farbe und verschiedenem Schnitt tragen. Auch die Kostüme der Damen müssen dieselbe Mannigfaltigkeit aufweisen, die einen müssen ziemlich anständig angezogen sein, sogar mit einem gewissen Anspruch auf Modernität, doch aber muß es immer an etwas fehlen: entweder sitzt die Haube schief, oder sie haben einen ganz seltsamen Pompadour usw., wieder andre haben Kleider an, die überhaupt keiner Mode entsprechen — sie tragen große Tücher und Hauben in Form eines Zuckerhutes — überhaupt muß man auf das Ganze des Stückes achten. Angst, Entsetzen, Überraschung, Unruhe — das alles muß plötzlich und überall in der ganzen Gruppe der handelnden Personen zum Ausdruck kommen und sich zugleich in jedem Einzelnen in seiner Weise und gemäß seinem besonderen Charakter spiegeln“ ([Vergl. Seite 8]).

3) Die Stelle im Monolog Chlestakoffs ([Seite 35] „Dieser Hauptmann“ usw.) hatte in den beiden ersten Ausgaben folgende Fassung: „Dieser Hauptmann hat mich am meisten ausgebeutelt, übrigens: man kann sagen, was man will, die Bestie konnte glänzend die Volte schlagen. Kaum ein Viertelstündchen gespielt und ratzekahl geschoren! Er spielt wirklich fein! Wenn ich doch noch einmal irgendwo mit ihm zusammentreffen könnte! Übrigens, wie sollten wir noch einmal zusammentreffen? Zu alledem bedarf’s eines glücklichen Zufalls. Wenn ich doch nur schnell nach Hause fahren könnte. Wirklich, ich habe das Reisen satt. Und dazu muß es noch so ein ekelhaftes Nest sein! In andern Städten, da findet man doch noch wenigstens etwas: hier dagegen gibt es auch gar nichts. Im Obstladen, da gibt es zwar noch einen passablen Stör, aber die verdammten Verkäufer geben einem so schrecklich wenig zum Probieren“.

4) Ferner ist folgende Stelle aus den ersten beiden gedruckten Ausgaben des Revisor umgearbeitet: „Chlestakoff (erschrocken). Da haben wir die Bescherung! Daran hätte ich weiß Gott niemals gedacht. Diese Bestie von Wirt! Was nun, wenn er mich wirklich ins Loch steckt! Hm! In ein standesgemäßes Gewahrsam ... das wäre noch nicht so schlimm, da ginge ich vielleicht noch mit. Nein, was sage ich, ich ginge noch mit? Gestern haben mir zwei Kaufmannstöchter nachgesehen, und dann treiben sich da auch immerfort Offiziere herum ... Nein damit bin ich nicht einverstanden. Das kann er nicht machen, oder wenn er es täte, wäre er ein solches Schwein ... Das kann man sich wohl mit irgendeinem Krämer oder mit einem Handwerker erlauben ... Nein, nur nicht nachgeben (Mut fassend). Was kann er mir antun? Ich sags ihm geradezu. Wie können Sie! ... Ich will nichts davon wissen. (Die Türklinke bewegt sich, Chlestakoff erbleicht).“

5) Auch folgende Stelle aus der ersten und zweiten Ausgabe hat leichte Änderungen erfahren: [Seite 120]. „Schweig still, gar nichts weißt du, und menge dich nicht in anderer Leute Angelegenheiten. Anna Andrejewna, glauben Sie mir, ich bitte nur darum um Ihre Hand oder um die Ihrer Tochter, weil ich mich von herzlicher Liebe ergriffen fühle, und von Bewunderung für Ihre Vorzüge erfüllt bin. In so schmeichelhaften Ausdrücken bewegte er sich, ... und als ich sagen wollte, wir erkühnen uns nie, auf eine solche Ehre zu hoffen, da sagte er kein Wort, fiel plötzlich auf die Knie und rief in derselben vornehmen Art: Anna Andrejewna, machen Sie mich nicht unglücklich! Wenn Sie meine Gefühle nicht erwidern, so macht der Tod meinem Leben ein Ende. Und weiter — Kreisrichter. In der Tat! Ein außerordentliches Ereignis! Schulinspektor. Das gnädige Schicksal hat es so gefügt. — Hospitalverwalter (beiseite). Diesem Schwein fliegen auch immer die gebratenen Tauben ins Maul.“

Alle Korrekturen und Verbesserungen, die in der endgültigen Fassung des Revisors Aufnahme fanden, sind von Gogol in die erste in Druck erschienene Ausgabe eingetragen (1836).

Abriß aus einem Brief, den der Autor bald nach der ersten Aufführung an einen Schriftsteller richtete. Der erste Entwurf stammt aus dem April des Jahres 1836. Die endgültige Ausarbeitung für den Druck fand Anfang März 1841 statt.

Vorbemerkung für diejenigen, die den Revisor sachgemäß aufzuführen beabsichtigen. Ist wahrscheinlich gegen Ende des Jahres 1842 niedergeschrieben.

Zwei Szenen, die schon bei der ersten Ausgabe, als den Gang der Handlung störend, ausgeschieden wurden. Der erste Entwurf stammt aus den Jahren 1834 und 1835. Ende 1835 wurden sie noch einmal umgearbeitet. Die zweite von diesen Szenen erschien zum erstenmal im „Moskwitjanin“ (Der Moskauer) Band 3, 1841, und dann um einige Stellen vermehrt in der zweiten Ausgabe des „Revisor“, 1841 wurden beide Szenen für den Druck umgearbeitet.

Eine vom Autor in die Buchausgabe nicht mit aufgenommene Szene des „Revisor“. Stammt aus dem Jahr 1835.

Vorwort zu einer zum Besten der Armen geplanten Ausgabe des „Revisor“. Ist im Oktober des Jahres 1846 niedergeschrieben.

Die Deutung des „Revisors“. Stammt aus dem Jahre 1846.

Nachtrag zur „Deutung des Revisor“ stammt aus der zweiten Hälfte des Jahres 1847.

Eine Heiratsgeschichte

Der erste Entwurf dieser Komödie stammt aus dem Jahre 1833. 1834 wurde das Werk von Grund aus umgearbeitet, aber erst 1841 oder zu Anfang des Jahres 1842, erhielt das Stück nach wiederholten Umarbeitungen seine endgültige Gestalt. Es erschien zum erstenmal in der ersten Ausgabe von Gogols Werken im Druck.