VII

Indessen gewöhnte sich Riesele an die Deichsel und durfte schließlich überallhin mit. Eines Tages wollte ein Fremder an den Bahnhof gefahren werden. Der Kutscherbock war zweisitzig; der feine Herr kam, wie er Riesele sah, aus der überdächelten Chaise hervor und setzte sich neben den Bauer Klaus, um das Riesele genau beobachten zu können.

Es lief erst züchtig, wie wenn es ziehen würde, neben der Mutter her und nickte gleich ihr mit dem Kopf nach unten, als sei die Last gar nicht so leicht, wie es scheinen mochte! Aber schon gleich auf der Landstraße riß es an seinem Halfter, schob die Hinterbeine seitaus und machte seiner Mutter große Beschwerden. Trudel, die Mutter, ließ sich nicht beirren und vermochte immer wieder durch gütiges Zureden, das den Menschen leider nicht erkennbar ist, den kleinen Burschen in Zucht zu halten. Jedoch nie lange! Trudel selbst begann aufgeregt zu werden, man sah ihr den Angstschaum am Maule stehen.

Als das Riesele aber wieder einmal am Halfter zerrte und gar zu bockeln anfing, sagte der Fremde zum Bauern Klaus:

„Würden Sie mir einmal Ihre Peitsche und Ihre Leine anvertrauen? Ich will mal meine Kunst probieren!”

Er schnalzte ein seltsames Gezisch mit der Zunge, und sogleich stellte Trudel die Ohren aufrecht, und sogleich drehte der Student die großen Augen einmal zurück nach dem Kutscherbock und lenkte die Hinterbeine ein.

Die Leine straffte, die Peitschenschmicke flatterte hochauf.

„Das ist ein seltenes Feuer, Herr, woher haben Sie es?” fragte der Fremde.

„Die Mutter brachte mir der Jude, das Kleine ist ein Gelegenheitskind: der Vater war bei einer Seiltänzergesellschaft!”

„Aha! Passen Sie auf!”

Der Fremde sprang ab, besah sich der Stute Gebiß, griff ihr an die Muskeln des Vorderbeines und tupfte dann mit dem Zeigefinger auf ein Plätzchen über der Kniescheibe, worauf die Haut, wie wenn eine Mücke dasäße, leicht erzitterte.

„Sie ist ein braver Ackergaul, nicht? Sie hat zwar Qualitäten gehabt, ist aber in falsche Hände gekommen und hat's zu nichts gebracht! Wollen mal beim Kleinen sehen!”

Er nahm Rieseles Kopf in die Hände, reckte ihn wie einen Rekrutenkopf zu sich in die Höhe, schnitt mit dem Fingernagel hinter den beiden Ohren zwei Halbkreise, und die beiden Ohren schlugen fast aneinander. Er tupfte an den Knien herum, und die beiden Vorderbeine knickten ein, und fast wäre Riesele hingefallen.

Der Fremde sah den Bauern lange an, nickte und sagte:

„Er ist wohl auch ein toller Bruder, was? Hören Sie, verkaufen Sie mir den Studenten, ich bezahle ihn gut!”

„Was soll aus ihm werden, Herr?” entgegnete der Bauer, „er ist ein einfaches Tier, das weder große Kraft noch große Arbeitslust haben wird. Anlagen hat er, ja, aber Anlagen zum Taugenichts, zum Guckindieluft, und da er Sternkundiger wohl nicht werden kann, muß er in stramme Zucht genommen werden für den Wagen!”

„Es gibt außer körperlicher Arbeit und außer der hohen Wissenschaft noch andere Dinge in der Welt, mit denen man die Menschen beglücken kann, mit denen man schließlich auch sein Brot verdienen kann, Dinge, die dem grauen Alltag ferne liegen!”

„Soll er etwa das lebendige Spielzeug werden verwöhnter Fürstenkinder, soll er Kinderschlachten schlagen helfen auf den umhegten Spielplätzen, vor denen wirkliche Soldaten Wache stehen? Soll er den Kopf senken vor den Herrschaften dieser Erde, wie wenn er ein Sklave wäre gleich den meisten unserer Mitmenschen?”

„Die Freiheit, Herr, steckt ihm zu sehr im Blut, als daß er sich hierzu eigne! Er soll, in Freiheit dressiert, ein großer Künstler werden zum Heil der Menschen!”

„Ich seh mein Gäulchen meiner Treu schon auf dem Hochseil tanzen! Nein, nein, wollten Sie gar einen Künstler aus ihm machen, gäb ich es erst recht nicht her. Auch in meinem Haus wird mehr gelacht als geweint.”

Riesele schritt indes züchtig einher, da die Schmicke der Peitsche über seinen Ohren drohte und nicht verschwinden wollte!

Am Bahnhof stieg der Fremde aus, nahm Rieseles Köpfchen zwischen die Hände und sagte zu ihm:

„Wir sehen uns wieder!” und zum Bauern sagte er:

„Glücklich sein oder glücklich machen: was dünkt Ihnen am schönsten, Herr?”

Der Bauer sah dem Fremden in die Augen, wußte nicht, was er sagen sollte, und wiederholte schließlich dieselbe Frage:

„Glücklich sein oder glücklich machen? Ja! Ja! Glücklich machen, natürlich! Aber was ist Glück?”

„Hahaha!” entgegnete der Fremde, „Sie gehen mir schon wieder zu weit! Zu tief, zu tief in die Erde, zu tief an die Wurzeln! Wir Menschen des Kaiserreichs treiben gern oben auf dem Wasser unserer Zukunft entgegen, leben über der Erde, wo die Blumen blühen und die Vögel singen!”

„Verstehen aber die Blumen nicht und die Vögel nicht und haben überhaupt die Wurzeln verloren! Nicht wahr?”

„Möglich, Herr, möglich; aber wer die Wurzel nun einmal verloren hat, wie Sie sagen, soll dem für die kurze Zeit, da seine Blüte noch standhält, das Glück versagt sein?”

„Das Glück wird ihm versagt sein müssen, denn Glück bedeutet: Wurzel haben! Aber den Schimmer soll man dem Schimmer lassen!”

„Den Schimmer soll man dem Schimmer lassen,” wiederholte spöttisch und nachdenklich der staunende Fremde, und fuhr dann fort: „Doch genug der leeren Worte: ich komme nach drei Wochen wieder und werde dann das Riesele abholen! und wie gesagt: Sie werden keinen Schaden haben bei der Sache!”

Als der Vater zu Hause erzählte, was ihm begegnet war, öffneten sich die drei kleinen Mäulchen und schlossen sich schier nicht mehr an diesem Abend. Der Vater hatte beim Militär allerhand interessante Stückchen gesehen: der Rittmeister war ein Narr gewesen: Kerle! sagte er oft zur Schwadron, ich bin der Teufel! Ich liebe meine Frau nicht und meine Kinder nicht: wie soll ich etwa euch lieben? Ein vollendeter Narr war der Rittmeister! Dazu ein Pferdenarr, der neunzehn Reitpferde besaß und sie dressieren konnte. Im Walzertakt ritt er an zum Appell; Schottisch auf den Hinterbeinen konnten zwei seiner Gäule flott tanzen! Einmal erschien er mit einem Rappen, dessen Hufe vergoldet waren, zum Appell.

„Vergoldet?” rief das Trudelchen, das in der Mutter Schoß lag, „und die Hufeisen, waren die auch von Gold?”

„Die waren natürlich auch von Gold!” erwiderte der Vater und erzählte weiter, wie dieser Rittmeister einmal in einem Zirkus ganz plötzlich, ohne daß irgend jemand zuvor davon gewußt hätte, angeritten sei mit einem schneeweißen Hengst, wie er nur einfach rundum geritten sei, und wie die Menge vor Begeisterung geschrien hätte. Alles habe geschrien „Bravo, bravo!” und er, der Vater, habe mit seinen Kameraden zuerst geschrien und zuerst geklatscht, und nachher hätte jeder drei Tage Urlaub bekommen und zwanzig Mark!

„Zirkus?” sagte die Mutter, „ja, wenn Riesele in einen Zirkus soll, da weiß ich auch Bescheid! Doch will ich heut abend nichts mehr erzählen, ich heb meine Sach auf bis zum Sonntag! Ja, wenn's Riesele in einen Zirkus soll, da ging ich auch mit!”

„Ich auch, ich auch!” versetzten die Buben und knöpften schon die Hosenträger ab, und Trudel, die schon halb geschlafen hatte, rieb sich die Augen und flüsterte:

„Ich auch, Mutter, gelt, ich auch?”

„Freilich, freilich, wir alle gucken, wenn das Riesele Walzer tanzt, oder auf dem Hochseil läuft, oder wenn es dem König sagt, wie lange er noch zu leben habe!”

Nun wurden alle Tage zu Sonntagen, die Buben schnitten sich Degen aus Holz, klebten Papierhelme, gürteten farbige Bänder um den Leib, und das Mädchen tanzte, wo immer sie ging und stand. Die Mär, daß Riesele in den Zirkus komme, wußte bald die ganze Jugend des Dorfes. Hüpfseile, Springreife, goldige Schnüren, Soldatengerät aller Art tauchten auf, und auch die Alten betrachteten das Tierchen mit den Augen ihrer Komödiantentage, wie jeder Mensch sie mit sich durchs Leben trägt. Das ganze Dorf begann inmitten der grauen Kartoffelernte zu leuchten im zukünftigen Glanze des kleinen Riesele, und alle sagten:

„Er hat sein Glück gemacht!”

„Glücklich sein, ist nicht Glück,” sagte der Bauer Klaus zum Herrn Pfarrer, „glücklich machen, das ist Glück! Oder wie denken Sie über diesen Fall, Herr Paschtohr?”

„Da ist nicht viel zu denken, Freund Klaus: wer sein Glück darin findet, daß er glücklich macht, der ist wahrlich ein kleiner Heiland!”

Als jedoch die drei Wochen herum waren und der Fremde wieder kam, da wollte niemand das Riesele hergeben. Die ganze Stube war voller Kinder, aber das Riesele stampfte ungestüm in seinem Hag, als wisse es, was geschehen solle, und als wolle es möglichst rasch fort in den Zirkus.

Der Fremde zählte zwei lange Reihen dicker Silbermünzen auf den eichenen Tisch, der Vater überzählte sie, indem er mit zwei Fingern auf je zwei tupfte und sie ein bißchen höher schob, und die Mutter hielt die Daumenspitze zwischen den Zähnen.

Die Buben liefen hinaus, wie sie das viele Geld sahen, und die Stube leerte sich fast. Trudel trat betrübt zur Mutter, und als die Mutter sie auf den Arm nahm, kollerten dem Kinde die Tränen aus den Augen, und es sagte ganz laut:

„Jetzt verkaufen wir das Riesele, wie die Brüder den Joseph verkauft haben um dreißig Silberlinge; da hätten wir das Riesele doch Joseph nennen sollen, wie's noch ganz klein war!”

Die Mutter konnte die Tränen auch nicht verbeißen, sie sah den Vater an und sagte:

„Dreißig Silberlinge, sind's nicht auch gerade dreißig Silberlinge, dreißig dicke Silberstücke, und dafür hat auch Judas den Herrn verraten!”

„Ja, willst du das Riesele behalten?” fragte der Vater.

„Die Kinder, die Kinder!” antwortete die Mutter, „da guck hinaus, die Buben führen's fort!”

„Was die Buben tun, gilt wohl nicht!” sagte der Fremde, zog seine Börse und legte drei Zehnmarkstückchen zu dem Geld, hob das eine wieder vom Tisch auf, reichte es dem weinenden Trudelchen und sprach:

„Hier, Kind, ein Füchschen für dein Räppchen, und das hier gibst du deinen Brüdern! Hier, sieh genau hin, der Mann, der da im Gold abgebildet ist, das ist der Kaiser!”

Das Kind betrachtete die Münze und rief zum Fenster hinaus:

„Gustav, August, kommt herein, ihr habt goldene Kaiser bekommen!”

Sie kamen herein, und das Riesele ging, ohne seiner Mutter Ade gesagt zu haben, von dannen, dem Zirkus des Lebens entgegen, den sich die Menschen eingerichtet haben.