VIII

Der Fremde also führte das Riesele fort aus dem Paradies, am Buchenwäldchen vorbei in das nahe Städtchen an den Bahnhof, wo Riesele mit seiner Mutter schon einmal gewesen war. Die Kinder kamen wieder gelaufen, weil gerade die Schule aus war, und sie stellten sich ans Gitter des Güterbahnhofes, wo das schwarze Gäulchen auf den Zug warten mußte, und sie winkten ihm, da es in den Bahnwagen trat, und riefen seinen Namen, da sie es nicht mehr sehen konnten! Riesele blieb lange Stunden im Bahnwagen, und als es heraustreten durfte, hing vor seinen Augen ein ungeheures Licht, das langsam an einem Pfahl in die Höhe geleiert wurde. Nun pendelte es hoch oben, und ringsum zuckten kleinere Lichter auf, die Sperre schnurrte zurück, und Riesele schritt hinaus in den Abend und stapfte neben dem Manne her über eine große, flache Wiese, einem unheimlichen Hage zu, zwischen dessen Gebälk unabsehbar Gäule weideten, schwere Kerle, deren Köpfe sich nicht vom Grasboden erhoben.

Riesele brauchte nicht in einen dieser Hage; es wurde in einen Stall geführt, der ganz weiß getüncht war. Hier verbrachte es die erste Nacht in der Fremde.

Gleich am Morgen kam ein Mann in einem langen, weißen Kittel, der streichelte an dem jungen Körper herum, und dann kamen zwei andere Männer, die legten Riesele aufs Stroh nieder, und dann spürte es einen heftigen Stich in der linken Flanke, daß es ausgeschlagen hätte, wenn's ihm möglich gewesen wäre. Es konnte mit keinem Muskel zucken, so fest hielten die Männer das Riesele, und als sie es freigaben, wollte es sich nicht bewegen, so müde war es geworden. Es lag da, eine weiße Schnur war um seinen Leib gewickelt, und vor seinem Munde stand ein Napf mit Milch, den es aber nicht berührte.

Es trank indes gegen Abend doch die Milch, und am nächsten Morgen hatte es sogar Lust, sich auf die Beine zu stellen, stellte sich auch und fraß frischen Klee, und schon am andern Tag kam der Mann im weißen Kittel wieder und wickelte den Verband ab. Riesele war also wieder gesundet von einer Krankheit, die ihm zu Hause hinter seinen Bergen sicher erspart geblieben wäre.

Es durfte aus dem Stalle laufen, es durfte die großen Gäule besuchen an deren Hag, es durfte den Kopf hineinstrecken zu den Großen und ward geliebkost wie von seiner Mutter.

Eines Tages entdeckte es in einem der letzten Hage ein Füllen, das an der Brust seiner Mutter trank. Dieses Füllen trank noch an der Brust seiner Mutter, obgleich es viel größer war als Riesele. Riesele wollte durchaus nicht etwa mit ihm trinken: es hatte nur seine Freude an dem großen Säufer und dünkte sich sehr erwachsen. Jeden Tag trieb es sich bei Mutter und Kind umher, bis ein Wärter ihm gar die Tür aufmachte und es hineinlaufen ließ.

Hier im Schatten einer Mutterliebe verbrachte Riesele die nächsten Wochen seines Lebens, bis der Winter kam. Die Mutter hatte genug Liebe und verschenkte davon an das Riesele, soviel sie konnte, und Riesele wuchs mächtig heran! So sehr es sich aber im Wachsen beeilte: das kleine Mutterkind blieb größer! Es konnte seinen Kopf auf die dritte Querstange des Hages legen, aber Riesele konnte das nicht! Riesele war klein, Riesele war ein Zwerg gegen dieses Füllen, Riesele konnte sich strecken, soviel es wollte, aber es blieb klein. Trotzdem, wenn es auch kleiner war als der Säugling, so war es doch stärker als dieser, und sein Benehmen glich viel eher dem eines gesetzten Burschen.

Von Tag zu Tag glänzte Rieseles Haut mehr, seine Haare stellten sich dichter, da der Winter weiß auf den nahen Bergen hockte, die Blesse leuchtete etwas über den Augen, und in den Augen erschien ein seltener Glanz, der alle, die kamen, über die Maßen entzückte. Zugleich schossen die Haare des Schweifes tief hernieder und berührten fast die Hufe, die Mähne zottelte sich in weichen Kräuselwellen am Halse herab und fiel über die Schulterblätter, und die Stirnhaare wuchsen bis zur Blesse und hörten auf zu wachsen!

Rieseles Rücken blieb schmal, seine Brust wollte sich nicht breit auseinandertun, entfaltete sich zwar, blieb aber trotzdem schmal und zierlich. Seine Schenkel wulsteten sich nur kaum merklich hervor. Dennoch, obwohl die Muskelstärke nicht so sehr zutage trat wie bei Füllen, die für den Strang geboren sind, machte sich in diesem kleinen Körper ein reges Spiel der zarten Kräfte bemerkbar, das den Kenner und noch mehr den Menschen, der in dem Spiel der Muskeln das Leben sieht und die Schönheit und, was alles dahinter sich versteckt, höchlich entzücken mußte. Wenn die beiden Kinder miteinander spielten, so tolpatschte das größere, das jüngere, hierhin und dahin, ungelenk und steif und stieß bald an den Stangen an und rannte gegen die Mutter, und einmal warf es sogar das Riesele um auf den Grasboden, daß dem Riesele fast die Tränen kamen.

Dieses aber bewegte sich ganz anders! Die geringe Last seines Körpers schnellte, von den Vorderbeinen aufgewippt, überaus leicht und zierlich und anmutig den Rücken hernieder in die Hinterbeine, so daß die Vorderbeine sich fröhlich in der Luft ergingen, so daß die lange Zottelmähne umherwirbelte, der Kopf sich aufreckte, sich vor Uebermut schüttelte, so daß die Zähne hervorblitzten und die Ohren in der Luft herumstachen, wie wenn sie Fliegen schlagen wollten! Die geringe Last des Körperchens turnte in die Vorderbeine, daß die Hinterbeine befreit waren, daß die Hinterbeine nach allen Seiten ausfeuern konnten, als seien sie die schlimmsten Pferdebeine der Welt, daß sie aber nur fortgesetzt und immer wieder Löcher in die kalte Herbstluft schlugen.

Die Kraft, die sich in dem kleinen Körper regte, war durchaus nicht klein und wollte vertobt sein! Ein Spatz, der sich aufs Geländer des Hages setzte, eine Mücke, die heranflog, das Riesele zu stechen und von seinem Blut zu trinken, ein verspäteter Schmetterling, der irgendwohin flatterte und an Riesele zufällig vorbeikam, sie alle reizten des Riesele junge Kraft wie echte Feinde, und jeweils stürzte sich der kleine Mann auf das harmlose Tierchen los, der große Säugling tat dann auch mit, und wenn der Spatz endlich den Hag verlassen, wenn der Schmetterling sich weiter in die Höhe geschwungen, wenn das Bienlein das Weite gesucht hatte vor solcher Turnierwut, so gerieten die zwei Kleinen sich an die Köpfe und bissen sich gegenseitig in die Hälse, in die Kinnbacken, gar in die Ohren, und sie feuerten aus, trafen sich aber niemals! Der Säugling war ungelenk; sein Körper wartete noch auf größeren Kräftenachschub, war aber schon für diese größeren Kräfte einstweilen eingerichtet und stand oft breitbeinig da wie das hölzerne Pferd der Trojaner, das auch auf allerhand Kraft warten mußte. Riesele dagegen wußte mit sich umzugehen! Es konnte, wenn eine Fliege an seiner Brust saß, den Brustmuskel erzittern lassen und brauchte vor dieser Fliege nicht fortzulaufen wie sein Milchbruder! Es konnte, wenn der Bauch juckte, den Schweif herschwingen, oder es konnte den Kopf so weit zurückbiegen, daß es sich am Bauche schaben konnte, mit den Zähnen beißen konnte, daß es den Vorderhuf oder auch den Hinterhuf heben konnte und dabei nicht achtzugeben brauchte, ob es umfalle, wie der große Kleine! Er war wirklich einmal umgefallen, der Säugling: er wollte es dem Riesele gleichtun, wie es sich am Hinterschenkel biß, er drehte sich da oftmals im Kreise, und der Schenkel drehte sich auch und entlief dem Maule immer wieder im Kreise herum. Blieb endlich das Hintergestell an seinem Platze, so reichte der Hals nicht, d. h. gereicht hätte der Hals schon, aber er war zu steif, als daß er sich genügend gebogen hätte. Da nun in dem zukünftigen Ackergaul offenbar ein Stück Ehrgeiz rumorte, überspannte er den Bogen seines Halses und knackte um. Da lag er nun!

Diese Umbiegung, daß der Kopf sich dem Schweife näherte, war seitdem Rieseles liebstes Spiel, und dies Spiel sah sich köstlich an: die dünnen Rippen preßten sich am schwarzen Bäuchlein hervor wie mit dem Silberstift getönt, der Hals erglänzte längs der Rundung, die Mähnenspitzen ergossen sich über den gestreckten Kopf, und der ganze Körper ruhte gefestigt in dieser Stellung wie in Erz gegossen. Da mochte denn der braune Ehrgeiz nicht mehr von den Stangen des Hages weggehen und schabte, ob nicht bald die ersten Zähne kommen wollten!

Indessen: es wurde kalt, das ganze Gestüt ward abgebrochen, und Riesele kam in einen Stall.

Schon am zweiten Tage erschienen etliche Männer in dem Stall. Sie besahen sich die schweren Gäule, und plötzlich kommt einer der Männer auf Riesele zu und sagt zu den übrigen:

„Hier, staunt: brauchen wir denn nicht auch einen Dauphin? Er ist zwar von Haus aus ein Mädchen, aber was verschlägt's?” Er sagte das etwa so, wie ein Theatermann einen jugendlichen Liebhaber sucht oder eine Heldenmutter oder eine komische Alte!

Alle kamen zu Riesele her; alle besahen, befühlten, betätschelten Riesele, und Riesele stand da inmitten ihrer Lobpreisungen und spielte mit den Nüstern und spürte die vielen eingehenden Blicke wie Liebkosungen an sich umhergleiten. Seine Blesse ward gestreichelt, seine Ohren wurden gezerrt, seine Augen wurden mit einem kleinen Kerzenlicht beleuchtet, ob sie gesund seien, seine Lippen wurden wiederholt auseinandergenommen, seine Zunge herausgeholt, seine Zähne betickt mit einem blanken Schlüssel!

Riesele und mit ihm ein überaus starker Hengst, der auffällig rot gesprenkelt war, diese zwei mußten aus dem Stalle treten und wurden am selben Tage fortgeführt ans Bahnhöfchen.

Während der langen Fahrt freundeten sich die beiden Pferde an, und der große Hengst, der seine Nüstern oben am Viehwagen hinausstrecken konnte, was dem kleinen Riesele versagt war, schurfte mit seiner Nase oftmals an Rieseles Hals herum, als wolle er dessen Kopf hinaufziehen an das breite Luftloch. Aber Riesele war doch zu klein! Es legte sich auch einmal nieder, streckte die vier Beine von sich und streckte die Beine unendlich weit aus und wuchs zusehends. Auch den Kopf reckte es von sich, und wenn das garstige Halsband nicht gewesen wäre, das an der Eisenstruktur festgebunden war, so hätte Riesele ein Stündchen oder ein Viertelstündchen geschlafen.

Der Fuchs konnte sich nicht legen: er hatte Hufeisen an, die schon recht glatt abgelaufen waren, und so oft er's auch versuchte, glutschte er und schnellte vor Aufregung, vor Angst immer wieder in die Höhe.

Ungeheure Schenkel hatte dieser Gaul! Ueber den Knien wulsteten die Muskeln hervor wie Halbkugeln, und dann begann eine Fülle von gestrafftem Fleisch sich hinaufzubiegen, die in ihrer Fuchsröte den dunklern Schweif, der sehr kurz und zerfranst war, fast völlig in sich einbettete. Beinahe etwas zu wenig dick zog der Bauch nach den Vorderbeinen hin, gleichmäßig rund wie eine Walze, und vom rechten Vorderbein her ästelte eine Ader, dick wie ein Bauerndaumen nach oben und unterm Bauche her. Unten erhöhte sich das Rot zu einem überschmutzten Weiß, das sich gegen die Brust ergoß und zwischen den Beinen auf den stets federnden Brustmuskeln sich wieder verlor. Gerade wie Don Quichotes Beinschienen strafften die Muskeln dieser Vorderbeine nach unten, mehr Sehne als Muskel, von keinerlei Fettansatz verhunzt, von keinem warzigen Auswuchs verunstaltet, und die Hufe breiteten sich unter dem schmalen Zehengelenk, das scheinbar schwach aussah wie ein Brückenbogenaufsatz, kurz, straff, gepackt und fast rechtwinkelig zur Erde. Ueberaus zierlich standen diese Hufe da, kaum größer als die des Riesele.

Riesele aber hatte seine Freude an des Fuchses Hals! Es konnte und durfte mit seinen Lippen über die blanke Glätte hintasten, es konnte und durfte längshin die Rinne beschnuppern, die sich von der Brust bis an die Backen des Kopfes erstreckte, es konnte und durfte an der kurzen Mähne, die bald nach links, bald nach rechts äußerst zerzauselt herabhing, mit den Lippen, mit den Zähnen, mit der Zunge gar herumschmecken.

Riesele merkte bald, wie der große Freund Freude hatte an den kindlichen Schmeicheleien! Es schmarotzte auch an seinem Kopf herum: es biß mit seinen Milchzähnchen an den festen Nüstern, es leckte gar an die Zähne hinein, es schabte mit der Nase seitlich an die sehnigen Backen, wo Aederchen zitterten aus Zorn über die harten Halfterriemen, die da angeschnürt waren. Ha, wenn der Große den Kopf herniederbog, wenn der Hals hinter den Kinnbacken sich einfältelte wie ein Kinderkleid, ha, da boten sich dem Kleinen zwei Lichter dar, links eins, rechts eins, zwei Börnchen lebendigen Wassers, zwei wogende Schalen, in denen Kraft und Uebermut und Liebe und Schönheit fluteten, daß es dem Kinde angst und bange ward und warm ums junge Herz und bockelig vor Freude. Von der Stirn her quirlte ein angeknäulter Haarschopf gegen die Augen, die er aber nicht verdecken konnte, und die aufgespitzten Ohren hatten Mühe, sich aus diesem Quirle zu erheben.

Was für eine seltsame Freude war das doch in Rieseles Herz!

Aneinandergekoppelt schritten die zwei ungleichen Gesellen quer durch eine große Stadt und beschlossen ihre Wanderung an einem grauen Zelt, das neben anderen größeren Zelten auf einer Wiese stand. Kinder liefen an gelbgestrichenen Wagen umher, lüfteten die Zelttücher und sahen hinein, und Hunde bellten an ihnen herum, bissen aber nicht!

Die beiden Freunde mußten ein Weilchen warten, bis sie hinein durften ins Zelt. Sie standen vor einer Reklametafel, die ganz bedeckt war mit buntigen Tieren, mit Pferden, Tigern, Löwen, Elefanten und mit drei ganz kleinen Gäulchen, die Ball miteinander spielten. Sie besahen beide diese Herrlichkeiten! Der Fuchs regte sich nicht; selbst die vielen Kinder, die sich um sie herstellten, ließen ihn nicht aufmerken!

Ein kleines Mädchen scheuchte mit seinem dicken Muff nach des Fuchses Kopf, aber der Fuchs verzog keine Miene. Starr hafteten seine Augen an den grellen Farben der Holztafel.

Riesele aber konnte die Ruhe nicht bewahren! Sei es, daß die Kinder das kleine Gäulchen verwirrten, da sie ohne jede Scheu seinen Hals streichelten und seinen Rücken, sei es, daß das Kerlchen von dem, was auf der Tafel dargestellt war, ein Ahnen hatte, eine Lust, mit den drei Kleinen zu spielen, eine Ungeduld, hier angekoppelt sich begaffen lassen zu müssen!

Eine Sacktür öffnete sich! Riesele ward hineingezogen, der Fuchs kam hinter ihm drein. Warm war's hier, es roch nach Pferden, aber auch nach anderen Tieren! Löwen lagen hinter starken Gittern, ließen die Pranken heraushängen und blinzelten mit den Augen. Ein alter Affe lauste sein Junges. Und weiter hinten erst standen die Pferde! Ein Junges soff an seiner Mutter, etliche ganz kleine Gäulchen lagen wie Geschwister auf einem Häufchen und pflegten der Ruhe. Das Allerkleinste, viel kleiner als Riesele, war weiß und hatte hellrote Flecken am ganzen Körper. Die drei auf dem Häufchen sahen, ohne die Köpfe zu erheben, den Ankömmling an. Dieser verspürte Lust, mit ihnen zu spielen, und strebte nach ihrem Verschlag, mußte aber etwas weiter zurück in dem Stall. Der Fuchs hatte schon seinen Platz bei vielen Gäulen gleicher Größe, doch schien er stärker als alle.

Es dauerte nicht lange, so gab's reges Treiben im Stall. Eine Dame brachte den Löwen Fleisch und streichelte sie und nannte den einen Mäuschen, den anderen Herzblatt, den dritten Rapunzel, den vierten Kasimir Edschmid. Burschen kamen, sattelten, äußerst bunt, etliche der großen und alle die kleinen Pferde, und eine Mannsstimme rief irgendwoher:

„Dahinten liegt ein Paar Schuhe; wem gehören die denn?”

„Sind's weiße?” rief eine blecherne Frauenstimme dazwischen, und die Mannsstimme entgegnete:

„Nein, rote!”

„Die sind mir!” krischen etliche Weiber, und zwei liefen durch den Stall, die eine mit nackten Beinen, die andere ohne Bluse überm grünen Seidenhemd.

„Entree!” ertönte es, eine Peitsche knallte. Die Burschen, die alle schmutzig gekleidet waren, schoben fast alle Pferde nach dem Eingang. Die kleinen hatten grüne Lappen auf den Rücken liegen, die von gelbglänzendem Lederzeug festgehalten wurden. Schellen rasselten an dem Lederzeug!

Riesele stand! Riesele streckte den Kopf vor und scharrte mit dem Huf im Mist und riß an seiner Kette. Der Hengst lag und schnaufte.

„Entree!” rief eine dunkle, aber hellgestellte Stimme wieder.

Man schwang sich in die Sättel! Männer, als Empiresoldaten verkleidet, Frauen als Empiresoldatenmädchen verkleidet, schwangen sich in die Sättel. Lanzen ragten auf, Helme blinkten, Fähnlein hingen züchtig an den bunten Stangen. Zwei rotgefärbte Reiherfedern schnitten quer durch die Lanzenstangen; ganz hinten trippelte das winzige Schimmelchen, nicht größer als solch eine Feder.

Nein! Riesele durfte nicht mit!

Ein Vorhang hob sich, Trompeten erschollen, der Zug schob ab ins Entree! ... Was zurückkam, jubelte, wieherte, knirschte mit den Zähnen vor Lust; was zurückkam, stand begierig, wieder fort zu dürfen, hinaus, in die Manege, in die Herrlichkeit des großen Lebens, die Herren Menschen zu ergötzen!

„Tableau!” schrie hell die dunkle Stimme; die Pferde reckten sich schon.

Riesele, der Fuchs, das Füllen und seine Mutter blieben zurück, sonst niemand! Nicht einmal nach dem Vorhang durfte Riesele gehen! Was mochte sich da draußen abspielen?! Auch der Fuchs schlief nicht, sondern sah nach dem Vorhang.

Sie kamen schon wieder, die Pferde; sie wurden umtätschelt von den überaus lustig gekleideten Menschen, und eine Dame turnte auf den Rücken ihres Gaules und legte die Wange an den Hals des Tieres und sagte:

„Dat war aber mal eine leckere Chose, Schatz!”

Sie küßte das Pferd, dessen Augen rundum frohlockten. Riesele sah dies genau.

Ein Bursch schlug einem anderen Burschen, der eine dünne, lange Röhre schräg vom Kopf abragen hatte, ins Genick: er purzelte. Auch der erste purzelte, und so kamen sie auseinander, jeder zu dem Pferd, das er zu bedienen hatte! Die Löwen wurden in ihrem Käfig hereingezogen, die Dame, die bei ihnen am Gitter stand, trug einen Lorbeerkranz im Haar. Sie schillerte von glänzenden Steinen wie ein Heckenrosenstrauch im Juniregen. Ganz zuletzt erschien ein niedriggebautes arabisches Vollblut, das trug gesenkten Kopfes einen mächtigen Eichenkranz, der mit goldenen Schleifen durchwirkt war, um den Hals. Ein Mann im Trikot schritt neben ihm, nahm von einem Nagel im Pfosten drei schwere, silberne oder bleierne Ringe und streifte sie sich an die Finger.

Ein jeder sang, pfiff oder trillerte vor sich hin; alle Tiere, die draußen waren, sangen, pfiffen, oder trillerten vor sich hin. Was, um des Himmels willen, mochte draußen alles geschehen sein!

Riesele sah auf einmal dauernd zu dem Freunde hin, und auch dieser spitzte die Ohren und starrte zu Riesele her, als wünsche auch er Auskunft!

Mit einem Schlage jedoch verlöschten die Lichter, Riesele legte sich nieder und schlief ein, in Erwartung der Dinge, die seiner harrten.