XI
Wenk bekam schlechte Nachrichten über das Befinden Karstens. Er hatte, da er sich scheinbar sofort energisch zur Wehr gesetzt hatte, wohl von einer zweiten Person Hiebe mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf bekommen, die die Schädeldecke gesprengt hatten. Er gewann das Bewußtsein immer noch nicht wieder und war seit der Tat in einem überfeinen Zustand, der sich nicht nach der einen und nicht nach der andern Seite zu lösen vermochte.
An eine Aussprache mit ihm, sagten die Ärzte, sei in zwei, drei Wochen nicht zu denken, selbst wenn er durchkommen sollte.
Der Carozza gegenüber, über die er, wie sein Ruf, sie zu verhaften bewies, etwas hätte aussagen können, was ihre Anteilnahme an dem Verbrechen genauer bestimmt hätte, mußte sich Wenk mit dem Unternehmen der Gräfin begnügen. Heute war Montag, und um vier Uhr erfuhr er auf alle Fälle, ob etwas von der Carozza an Klärung zu erwarten war oder nicht.
Wenk verließ sein Haus an diesem Tag nicht. Die zwei Pole, zwischen denen er seine Kräfte sammelte, waren persönlich nicht erreichbar für ihn: der eine war das Frauengefängnis, der andere, wichtigere wohl war Konstanz. Von dort wurde er öfter angerufen. Dieser Poldringer durfte keinen Augenblick aus dem Apparat herausspringen.
Da er all die Stunden zu Hause verbringen und viel warten mußte, ging er in einer erregten Ungeduld hin und her und öfter ans Fenster.
Da fiel ihm schließlich ein Mann auf. Er hatte ihn um acht Uhr in der Frühe zum erstenmal gesehen. Dann vielleicht eine halbe Stunde später nochmals. Darauf nicht mehr. Aber auf einmal wieder. Der Mann ging immer rasch an seinem Hause vorbei, wenn er ihn sah, oder er stand ferner an einer Ecke.
Hatte dieser Mann die Aufgabe, ihn zu überwachen? Wenk wollte die Probe machen.
Er bat einen Beamten der Geheimpolizei, sich so zu maskieren, daß jemand, der ihn nur flüchtig sah, ihn für den Staatsanwalt selber halten konnte. Dann holte der Chauffeur das Auto zu Wenks Wohnung, wo der Maskierte wartete, und der Verkleidete begab sich hinab in einem Augenblick, wo der Unbekannte wieder an einer Straßenecke sichtbar wurde. Der Geheimpolizist stürzte rasch das kurze Stück von der Haustür auf den Wagen zu, drückte sich in eine Ecke, und das Auto sauste davon. Diesen einfachen Trick will ich mir merken, dachte sich Wenk.
Der Fernsprecher rief: Konstanz dringend kommt!
„Der Beobachtete hat 3 Uhr 16 die Burschen, mit denen er zusammen saß, zum Bahnhof gebracht. Um 3 Uhr 36 fährt der Schnellzug nach Offenburg. Es ist ungewiß, wer von der Gesellschaft mit verreist. Die einen haben Handtaschen, die andern haben keine. Vor allem ist es ungewiß, ob der Beobachtete selber mitfährt. Ein anderer hat sieben Karten gelöst, nach Offenburg. Sie sind aber mit dem Beobachteten zu acht. Einer darunter sieht anders aus und wurde hier noch nicht gesehen. Es ist möglich, daß er der Führer der Burschen wird und in französischem Dienst steht. Was sollen wir tun?“
„Stellen Sie drei Zivilbeamte bereit. Fahren alle acht, reisen auch die drei Beamten mit. Bleibt einer oder mehrere zurück, bleibt einer der Beamten ebenfalls zurück, der diesen oder diese nicht außer acht lassen darf. Es wäre möglich, daß sie getrennte Routen reisen.“
Der Beamte in Konstanz wiederholte.
„Gut! Melden Sie schon jetzt das Gespräch an für die Abfahrt des Zuges. Schluß!“
Wenk bat um Verbindung mit Offenburg. In fünf Minuten konnte er sprechen.
„Mit dem Konstanzer Schnellzug kommen sieben oder acht Leute. Geheimbeamte fahren im selben Zug. Halten Sie auf alle Fälle sechzehn Mann bewaffnet am Bahnhof bereit. Es ist wahrscheinlich, daß die Reisenden Pässe nach dem Elsaß haben. Sie sind gefälscht ... Wenn Sie verhaften, so vermeiden Sie, bitte, alles Aufsehen. Mitteilung an die Presse nur, daß es sich um Deutsche handelt, die in die Fremdenlegion gelockt worden seien, und vor allem: sie seien gleich wieder freigegeben und nach Hause expediert worden. Über die falschen Pässe zeigen Sie sich nicht unterrichtet. Falls sich einer namens Poldringer oder Hinrichsen unter ihnen befindet, so ist er abgesondert zu halten und sehr stark zu bewachen.“
Bald danach kam wieder Konstanz: „Sieben sind abgereist. Poldringer allein zurückgeblieben. Er ging zum ‚Schwarzen Stier‘ und wird beobachtet.“
„Es ist gut, danke. Bitte, läuten Sie wieder um sieben Uhr an! In der Zwischenzeit, wenn Wichtiges vorliegt, an die Kriminalpolizei!“
Dann wollte sich Wenk rüsten, um die Gräfin im Gefängnis abzuholen. Es war 3 Uhr 30. Er war allein zu Hause. Er telephonierte nach seinem Auto. Als er es unter den Fenstern rattern hörte, ging er hinaus. Er öffnete seine Tür.
Da stand ein älterer Mann draußen. Der Herr war gebeugt, hatte einen buschigen schneeweißen Schnurrbart, feste rote Backen und lichtblaue Augen.
„Herr von Wenk?“ fragte er.
„Bitte!“ sagte der Staatsanwalt. „Verübeln Sie mir nicht ... ich habe einen eiligen amtlichen Ausgang vor.“
„Einen Augenblick nur,“ antwortete der andere. „Mein Name ist Hull. Ich bin der Vater!“
Wenk verbeugte sich und ließ den Herrn herein. Er führte ihn in sein Arbeitszimmer.
„Herr von Wenk, man hat mir gesagt, Sie führten die Untersuchung. Edgar war mein einziger Sohn. Ich habe ihn schlecht erzogen. Mein Leben war meine Arbeit. Meine Fabriken waren groß. Meine Frau starb früh. Es ist vielen Söhnen unserer Zeit so gegangen.“ Er sprach mit einer graden Stimme, fast rauh. „Das nimmt meine Schuld nicht von mir. Unsere Söhne waren unser Luxus, unsere Arbeit war unsere Pflicht. Besser, wir hätten es umgekehrt gehalten. Sein Leben kann ich nicht zurückverlangen. Was ich von anderer Seite über die näheren Umstände erfahren, genügt mir. Ich will nicht mehr wissen. Ich habe mir erlaubt, wegen anderm zu kommen. Mein Sohn bekam zehntausend Mark monatlicher Rente von mir. Ich habe aus dem ganzen Unglücksfall nur den einzigen Wunsch übrigbehalten, diese zehntausend Mark monatlich so weiterzugeben, als sei er noch da. Ich will weitere zehntausend dazu legen. Das Geld soll dienen, etwas zu schaffen, was die Menschen gut machen hilft. Und was bleibt. Herr von Wenk, können Sie mir raten?“
Wenk antwortete zögernd: „Ich muß Ihnen ... gestehen ... zuerst ... Herr Hull, Sie machen mich betroffen!“
Wenk war von der Haltung des Vaters tief erregt. Gebändigte Menschenkraft, erwürgter Vaterschmerz, unbesiegbare Menschlichkeit ... alles, was da so unvermutet vor ihn hingetreten war, machte ihn im ersten Augenblick vor Bewegung und Anteilnahme unsicher. „Ja, ich weiß nicht ... Herr Hull ... weshalb wenden Sie sich gerade an mich?“
„Das kann ich Ihnen genau sagen, Herr Staatsanwalt. Sie haben die Pflicht, die Mörder zu vernichten. Ich möchte das, was Sie an Schlechtem aus unserer Heimat zu entfernen haben, durch etwas Gutes ersetzen. Das Andenken meines Sohnes soll fruchtbar werden. Von seinem Leben habe ich nichts gehabt. Sein Tod soll mir nun etwas geben, was ich mit in die Ewigkeit nehme.“ Seine Stimme blieb fest bis zum letzten Wort.
„Sie haben es eilig. Vielleicht ist es gerade dieser Unglücksfall, der Sie verhindert, mir mehr Zeit zu widmen?“
„Allerdings,“ sagte Wenk.
„Kann ich Sie morgen oder an einem andern Tag in Ruhe sprechen? Wenn Sie frei sind?“
„Ich bin morgen frei, Herr Hull. Kommen Sie, wann Sie wollen. Am besten vormittags. Sie brauchen sich auf keine Stunde festzulegen. Ich bin immer zu Hause. Ich danke Ihnen. Wir können zusammen ein Werk schaffen, glaube ich!“
„Nein, ich habe Ihnen zu danken, daß Sie mir helfen wollen, dies bescheidene Denkmal zu setzen, damit der Name des Unglücklichen nicht nur im Blut unter den Menschen bleibt.“
Sie gingen zusammen aus dem Hause.
Wenk fuhr zum Gefängnis. Er kam eine halbe Stunde später, als verabredet worden war. „Die Frau ist schon lange vor vier Uhr fortgegangen,“ sagte der Direktor.
„So!“ machte Wenk enttäuscht. „Was hat sie hinterlassen?“
„Nichts!“
„Und Sie selber wissen auch nichts? Über das Ergebnis? Hat sie Erfolg gehabt?“
„Ich habe nicht gefragt!“
„Weshalb nicht?“ fragte Wenk, durch den Ton gereizt.
„Es stand nicht in meinen Instruktionen, das zu fragen,“ antwortete der Direktor mißlaunig.
„Es handelt sich nicht um Ihre Instruktionen, sondern um den Versuch, eine der gefährlichsten Verbrecherbanden Deutschlands aufzuspüren. Sie scheinen das mißzuverstehen. Sie und Ihre Instruktionen sind absolut nichts in dieser Sache.“
„Um so besser. Wenn ich dann bitten darf, mich nächstens mit solchen Neuerungen zu verschonen ...“
„Sie scheinen sich in Ihrem Amt nicht mehr wohlzufühlen, Herr Direktor. Ich werde ein Wort für Sie beim Minister einlegen. Ich empfehle mich!“
Was ist geschehen? fragte sich Wenk. Er war enttäuscht und zornig, als er zu seinem Auto hinauseilte. Was ist los?
*
Die Gräfin fuhr um sieben Uhr dieses Tages zum Geheimrat Wendel. Sie kam in dieselbe Gesellschaft wie das letztemal. Sie sah so wenig von dieser Gesellschaft, wie sie das letztemal gesehen hatte. Um sie und ihren Tischnachbar, den Dr. Mabuse, stiegen die Gespräche wie ein Netz von Tönen, wie eine Laube von Lauten, abschattend alles von draußen. Ihr Nachbar war schweigsamer an diesem Abend. Aber was er sprach, sagte er mit einem eindringlichen Zielen auf einen unerkennbaren Punkt.
Die Gräfin stritt die ganze Zeit mit sich, ob sie ihm nicht das Erlebnis im Gefängnis erzählen sollte ... daß sie mit dieser Frauenseele zusammen gewesen, die so stark war wie die Erlebnisse und Gestalten seiner Worte, und noch stärker, da sie in der Entsagung und Frau war und alles nur in der Abwehr erlebte und erkämpfte. Sie spann sich so ein in diese Vorstellungen, und das Ereignis ihrer Begegnung mit der Verbrecherin nahm in der Entfernung so plötzliche Verhältnisse an, daß die Kraft des Mannes daneben zu verblassen begann. Die Erfüllung der zweiten Begegnung mit ihm gab nichts von dem, was die Sehnsucht leidenschaftlich erwartet hatte. Der Mann sank hin vor ihr.
Sie bemerkte, daß, wie er sie am ersten Abend mit den starken Worten seines Mundes, er sie heute mit dem gewaltsamen und verlangenden, aber kalten Strahl seiner Augen an sich zog. Diese Augen waren von einem steinernen Grau. Da bekam sie ein wenig Angst, und aus der Angst heraus sehnte sie sich nach der Anteilnahme eines Menschen, die sie erwärmen und ihr Inneres mild beschatten könnte.
Sie blickte zu ihrem Mann hinüber. Der Graf saß neben der Somnambulen. Er sprach auf sie ein. Es war, als ob seine Worte nur um die ziervollen Bewegungen seiner Finger spielten. Der Ring beherrschte die Hände. Da erhob sich aus dem Herzen der bewegten Frau ein ganz fernes Gefühl, das wie die Lösung eines Fiebers ihr Herz warm überrieselte ... ein Gefühl edlen, frauenhaften Mitleids. Er ist ein Kind! sagte sie sich. Wenn er mich nicht hätte, wäre er schutzlos. Wäre er ein Reifen, der die Straßen hinabrollt, von den Steinen und Unebenheiten des Weges gestoßen und geführt.
In dies Empfinden drang dann wieder die Glut ihres Erlebnisses mit der Tänzerin Carozza, hob sie vom Alltag, verwühlte sie, machte sie von einer heißen, sprühenden Inbrunst und dann wieder eiskühl und fern. Orgiastisch lief sie hinterher. Es schien ihr dann, sie sei auf der Jagd nach ihrem Mann, und wenn sie zugreifen wollte, patschte sie mit den dünnen, weißen Fingern in die Teiche der großen wolkengrauen Augen ihres Nachbarn.
Mabuse wurde immer schweigsamer. Er aß nichts. Er legte sich auch keinen Zwang an, seine Schweigsamkeit zu bemänteln. Er gab sich ihr im Gegenteil mit einer drohenden Eindringlichkeit hin, als habe sich die ganze Gesellschaft um ihn herumgesetzt, um diese Schweigsamkeit wie die gottgegebene Tyrannei eines afrikanischen Königs zu erdulden und anzubeten. Die Menschen aßen nur, um sich zu dieser Anbetung zu stärken.
Nur der Graf Told tänzelte wie auf Steckelbeinen mit zierlicher Komik an der Somnambulen herum, die schwarzhaarig, mit dicken, bleichen Backen, fett und fest neben ihm saß und ihre Blicke um ihn in die Gesellschaft entließ. Da haßte die Gräfin den Mann, der neben ihr saß und schlecht gelaunt war, während ihr Gatte so gefährlich auf der Scheide des Lächerlichen hüpfte. Nein, es war nicht Haß. Es war der innere Grimm zwischen Abwehr und dem Willen zur Hingabe an ein selbststarkes und selbstsicheres Hirn und Blut.
Die Tafel wurde aufgehoben. Eine Weile stand man plaudernd rundum.
Mabuse hatte sich von seiner Tischnachbarin gelöst und die Gesellschaft des Grafen Told aufgesucht. Er brachte ihn in ein Gespräch über die Psychologie des Glücksspiels.
„Ich bin eine Spielernatur eigentlich,“ sagte der Graf, „ich bleibe eiskühl, wenn ich verliere; ich entflamme und werde in der Phantasie fruchtbar, wenn ich gewinne.“
Mabuse sagte: „Das Glücksspiel ist die älteste Form, die stärkste und allgemeinste Form, in der der Mensch, dem nicht die Gabe einer Künstlerschaft gegeben ist, sich Künstler zu fühlen vermag.“
„Interessant,“ antwortete der Graf, „führen Sie das, bitte, weiter aus.“
„Weil im Glücksspiel ein jeder Mensch die Erzwingung einer Annäherung wenigstens an einen Schöpferakt durchsetzen kann. Die Erschaffung durch das Prinzip, dem sich alles Leben verdankt, speist ihre Macht aus dem Kräfteparallelogramm von Willen und Zufall. Unter Zufall ist das Unerwägbare, Unmeßbare, Fremde und zum Erkennen aus sich selbst heraus Unmögliche zu verstehen. Dies ist auch die seelische Mechanik der Geschöpfe, denen die Natur einen Teil der Urkraft verliehen hat: der Künstler! Zwischen den Polen Willen und Zufall läuft ihre Tätigkeit in einer Art von Trancezustand. Goethe hat das von sich selber gesagt, wenn er dichtete. Die Synthese des glückenden Spiels ist dieselbe: der Zufall gibt dem Spieler das Material; es kann winzig und nichtig und es kann alles beherrschend sein. Den Willen setzt er dann hinein, aus diesem Zufall ein Werk eigener Schöpfung zu machen.“
„Sie sind auch Dichter, Herr Doktor?“
„Nein, ich bin psychopathologischer Arzt!“
„Das sind ja gerade unsere modernsten Dichter. Denn sie geben der Kunde des Unbewußten, oder des Unterbewußten vielmehr, die sichtbare Form. Das Unterbewußte aber, das steht doch heute fest, trägt unser Seelenleben. Wir spielen nachher Bakkarat, nicht wahr?“
„Gut!“
Die Somnambule sollte ihre Tätigkeit beginnen. Ein Arzt führte sie vor und setzte sie in den hypnotischen Zustand, in dem sie ihre Wunder der Erinnerung vollbringen sollte. Sie hatte am ersten Abend, das erzählte der Graf mit ehrfürchtig flüsternder Stimme Mabuse, Erlebnisse erzählt, die sich in ihrem Innern während ihrer ersten Gehversuche abgespielt hatten.
Der Graf fühlte eine Wärme, die unnatürlich seinen Hinterkopf bestrahlte, während er das sagte. Er drehte sich um. Aber es war nichts hinter ihm als die Tapetenwand, an der Gemälde hingen, die älterer Schule waren und ihn gleichgültig ließen.
Die Somnambule gehorchte dem Willen des Suggestors nicht. Sie entglitt wohl dem Wachsein; aber jeder Zuschauer konnte erkennen, wie allmählich der Ausdruck ihrer Augen wie aus der Ferne wieder hervorkam, bis er ganz vorn stand und plötzlich wieder wach aufstrahlte, wach und unwillig. „Einer quält mich,“ sagte sie.
„Niemand quält Sie,“ sagte die Stimme des Arztes eintönig und skandierend. „Man will Sie in die frühen Länder Ihrer Jugend geleiten ... eins ... zwei ... drei ... schlafen Sie ... ein ... eins ... zwei ... Sie schlafen! ...“
Er rieb langsam, kaum berührend mit der Hand über ihre Stirn, immer wieder ... zählend ... „Drei ... eins ... zwei ... Wie alt sind Sie jetzt?“
„Ich bin jetzt zehn Monate alt und drei Tage.“
„Was hat morgens die Mutter gemacht, wenn sie Sie aus der Wiege hob?“
„Hat mich losgewickelt und geschmerzt und ... und ...“
Sie seufzte, erwachte rasch: „Es ist jemand da, der soll fort. Wer quält mich?“
„Es geht heute nicht. Es sind kreuzende Störungen vorhanden, die ich nicht erkennen und infolgedessen auch nicht abstellen kann,“ sagte der Arzt.
Der Geheimrat trat auf Mabuse zu. „Herr Doktor, wollen Sie nicht einmal versuchen? Nach den Proben, die ich damals von Ihnen sah, verspreche ich mir von Ihrem Eintreten eine Behebung der Störungen.“
Mabuse wollte wohl versuchen, sagte er. Aber Erfolg vermöge er nicht zu versprechen. Er sei lahm im Kopf von einer Erkältung. Er trat aber sofort einen kleinen Schritt auf das Medium zu. Man sah, daß dieses auf die unscheinbare Bewegung hin wie ein Eisenteilchen vor einem Magneten sich anders richtete. Mabuse sagte kein Wort zu ihr. Er überstrich einen Teil ihres Körpers mit den Augen. Das Mädchen wurde wie mit einem Schlag blasser, als es war. Ohne daß das Medium auch nur eine Bewegung machte, ward deutlich zu erkennen, daß in ihr ein Kampf gegen fremdes Unsichtbares aufging ... daß ein Widerstand rasch erlahmte, daß ihre Augen fielen ... fielen ...
Dann sagte Mabuse mit hastigen, vergewaltigenden Worten: „Sie liegen in Tüchern. Sie haben die Arme fest an den Leib gebunden. Sie sind sechs Monate alt. Es ist Abend. Sie schreien. Weshalb schreien Sie?“
Und aus dem schweren Körper dieses bei offenen Augen schlafenden Mädchens drang eine piepsende, winzige Stimme: „Im Bauch drückt es!“
„Das ist schlechte Luft. Man gab Ihnen zuviel zu trinken. Wer gab Ihnen das?“
„Der Leib einer Frau,“ sagte das Stimmchen.
„Lieben Sie den Leib?“
Da ward das Mädchen aschfahl, und durch die piepsende Stimme drang ein schriller, qualvoller und böser Ton: „Nein!“
„Was wollten Sie tun?“
„Ihn mit dem Gaumen zerbeißen!“
„Weshalb?“
Doch ein Zittern brach über die Lippen des Mediums, teilte sich dem Körper mit, und Mabuse sagte: „Jede Minute länger ist Lebensgefahr. Ich muß die Sitzung beschließen!“
Er legte das Mädchen auf ein Sofa. Mit beruhigenden Bewegungen erlöste er es, wusch ihm das Gesicht mit Wein, und als es zu sich gekommen war, wurde es zu Bett geführt.
Die Unterhaltung stürzte nun über Mabuse. Man fragte, riet, was es sagen gewollt hatte.
„Das ist ein Märchen gewesen,“ sagte Told, „ein Märchen vor dem Tor des Lebens! Sie sind ein Genie, Herr Doktor. Was wollte es aber sagen, das es so zittern gemacht hat?“
Eine Dame schob sich heran und fragte. Aber Mabuses Augen suchten die Gräfin. Sie trat heran. Auch sie fragte.
Da sagte Mabuse: „Sie wollte sagen: Weil ich ihr Blut so gehaßt habe!“
Die Gräfin erschrak. Die andern schwiegen, peinlich betroffen. Die Gräfin lehnte sich auf und sagte hart: „Ein Kind kann nicht hassen!“
„Woher wissen Sie das?“ fragte Mabuse brutal.
„Das weiß ich ... von mir selber!“ antwortete sie.
„So freuen Sie sich über sich. Denn dann sind Sie nicht nur ein Genie an Erinnerungskraft, sondern auch ein Engel an Gemüt!“ entgegnete Mabuse höhnisch.
Gespräche lösten die Gesellschaft auseinander. Nur der Graf Told war schweigsam geworden. Immer dieser unnatürliche Hitzstrahl gegen seinen Hinterkopf! Er schaute hinter sich. Er faßte mit der Hand den Schädel ab. Nichts! Er ging zu einem Spiegel! Nichts! Er setzte sich hin, und ihm war, als solle er einschlafen. Aber er sah alle Menschen und hörte alles. Er wollte etwas sagen, doch fühlte er, wie die Worte von seinem Mund weggepflückt wurden gleich fallreifen Früchten.
Als eine Weile so vergangen war, erhob er sich, trat auf den Kreis zu, in dem Dr. Mabuse stand, und sagte: „Wir wollten Bakkarat spielen!“
„Wie Sie wollen! Wenn wir noch Spielliebhaber finden!“ antwortete Mabuse.
Da wurde Told lebhaft. „Großartig, mit Ihnen Bakkarat spielen! Geheimrat, was? Machen Sie auch mit?“
„Ich habe gesellschaftliche Pflichten gegen die Damen. Aber Sie werden Partner genug finden,“ antwortete der Geheimrat.
Bald saßen sechs Herren um den Spieltisch. Er stand in einem Raum, der an den Wintergarten stieß. Die Lampe mit einem tiefen Schirm neigte sich über den Tisch und ließ das Zimmer in einer schummerigen Dunkelheit. Im Wintergarten, in den man durch ein Fenster sah, leuchteten dunkel die gespenstischen Arme der fremden Palmen gegen das von Sternenschein angegeisterte Glas der Wände. Sie sahen aus wie Leitern, die, aus ihren starren, hölzernen Formen erlöst, dunkel und wie ekstatische Schatten sich gegen Himmel erstreckten.
Man schlug die Karten, wer zuerst die Bank halten sollte. Gäste umlagerten den Spieltisch. Die Gräfin Told stand im Dunkeln abseits und schaute herüber. Mabuse sah ihr Fleisch leuchten auf dem dunkelroten, weit ausgeschnittenen Kleid, das sie trug. Er war finster und kalt. Kaum sprach er ein Wort. Alles, was in ihm aufsteigen wollte, unterdrückte er, und nur um den Grafen Told häuften sich seine Gedanken und türmte sich sein Willen hoch. Wenn jemand ihn anredete, antwortete er kurz und abweisend. Er spielte scheinbar mit großer Aufmerksamkeit. Aber er spielte in Sprüngen.
Bald begann es, daß die Herren, die mit geringen Sätzen angefangen hatten, ihm dies Beispiel nachmachten. Dadurch ging die Werteinschätzung des Einsatzes verloren. Neben drei Mark standen fünfzig Mark, standen zweihundert Mark. Die drei Mark schämten sich, wurden rasch zwanzig und rascher hundert und zweihundert ... Es ging nicht lang und niemand wagte, weniger als hundert Mark zu setzen.
Als man begann, fand man Zeit, die Zwischenräume zwischen dem Kartenablegen und dem Aufheben der neuen Karten mit Gesprächen zu füllen. Diese Unterhaltung versickerte, verschwand. Die Zuschauer wurden stumm. Unter den Spielern entbrannte der Kampf, kreiste das Fieber. Es ging auf die Zuschauer über.
Die Gräfin sah, welche Summen ihr Mann setzte.
Er hat nie gespielt! Was ist los mit ihm? fragte sie sich.
Der Graf gewann. Er ließ Einsatz und Gewinn stehen. Es war ihm, als sei er ein Pferd, über dessen Flanken der Reiter bedrohend und anfeuernd hing und hetzte. Er warf Geld hin.
Der Graf sollte als Letzter in der Runde die Bank bekommen. Es war ihm, als stände der Augenblick, in dem er selber die Karten verteilen und das vierfache Risiko an Gewinn oder Verlust haben sollte, wie eine Empore vor ihm, deren reiche Geheimnisse zu erklettern ein wunderbares Glück sei.
Es wurde heiß. Aus den Phantasien zuckte die Hitze durch den Raum.
Die Gräfin beugte sich in dem halben Licht vor, gebannt von dem unbegreiflichen Tun ihres Mannes. Auf einmal berührte der volle Lichtschein den Ansatz ihrer Brust, der sich klar und schön aus dem Kleidrand hob. „Norden und Süden!“ sagte Mabuse, der diesen Zwillingspfirsich sah; bös und voll dunkler Wut sagte er es. „Norden und Süden, warte! ...“
Dann wich sein Blick zurück und legte sich dem Grafen Told auf die Hände.
Der übernahm in diesem Augenblick die Bank.
Er teilte die Karten aus. Er war auf einmal verwirrt, als sei etwas geschehen. Er war froh, wie er das Paket verteilt hatte. Er gewann sämtliche Einsätze. Es war sonderbar, daß sich auch das zweitemal dasselbe Gefühl der Unsicherheit wiederholte. Er gewann wieder.
Das geschah nun öfter hintereinander. Die Spieler wie die Zuschauer erregten sich an der Glücksserie des Grafen.
„Ihr Gatte!“ wandte sich jemand an die Gräfin, „schauen Sie, er gewinnt jedesmal.“
Alle warfen einen Blick, den die Karten rasch wieder zurücknahmen, auf die Gräfin.
Der Graf teilte die Karten wieder aus. Er deckte sein Blatt auf; er hatte zwei Figuren und schickte sich eben an, eine Karte zu kaufen.
„Halt!“ rief plötzlich eine Stimme, wie von einem Unteroffizier. Eine Hand fuhr rot und roh auf den Tisch, auf die schöne, schmale weiße Hand des Grafen, an der der farbige Stein funkelte, riß sie empor, und alle sahen, daß der Graf im Begriff gewesen, die Karte, die unten lag, statt der obersten zu seinen Karten zu nehmen.
Es war eine Neun.
„Aha, eine Neun! Jetzt verstehe ich Ihr Glück, Sie Kujon!“ schrie die schnarrende Stimme. „Sie sind ein Falschspieler!“
Alles sprang auf. Man rief durcheinander. Der Graf Told saß klein und zusammengebrochen an seinem Platz. Er saß da wie ein eingeschlagener Hut und schaute hilflos auf.
Der mit der schnarrenden Stimme drang auf den Grafen ein. „Das Geld her! Sie!“ rief er drohend. „Alles Geld!“
Zuschauer und Spieler waren durcheinander gemengt. Ein Schrei fiel im Dunkeln. Durch die gewaltsamen Bewegungen des starken Mannes, der den Grafen entlarvt hatte, war ein Herr hingefallen, hatte einen andern mitgerissen. Der wollte sich am Tischtuch anhalten. Das Tuch wurde von der Platte gezogen. Geld und Karten streuten sich auf dem Boden unter den Füßen der Menschen durcheinander. Die Menschen drüber her! Da erlosch die elektrische Birne.
Aber der Dr. Mabuse, der auf den Schrei aus dem Dunkeln gewartet hatte, war auf die hinfallende Gräfin gestürzt, hatte sie hoch in seine Arme gerissen, und einen Sprung später war er zwischen den Palmen und trug die Ohnmächtige hinaus in den Park unter die Sterne und die Bäume und weit nach hinten durch Gebüsch zu der kleinen Mauer, an der eine Straße vorbeiführte. Er hob sie über die Mauer hinüber. Jemand half von drüben. Und einen Augenblick später toste das Automobil wie ein Räuber davon.
„Nord- und Südkugel!“ sagte Mabuse ingrimmig und laut in die Fahrt hinein. „Jetzt seid ihr mein!“
Die Xenienstraße war leer. Mit einem Ruck schlug sich vor Mabuses Haus das Auto fest in die Bremsen. Er trug die Frau, die immer noch ohnmächtig war, in seine Wohnung hinein.
XII
Aus dem schimpfenden Durcheinander, aus dem Chaos von verächtlichen Blicken und Selbstunsicherheit löste sich Graf Told wie von einem Traum und schlich ins Vestibül. Er dachte an seine Frau. Aber er hatte nicht den Mut, sich nach ihr umzuschauen, noch nach ihr zu fragen. Vor dem Haustor stand sein Auto. Der Chauffeur fuhr mit der Hand an den Schlag. Aber Told winkte ab: „Warten Sie auf die Frau Gräfin!“
Er ging in die Stadt und mietete das erste Auto, das kam, um nach Hause zu fahren. Weiß ich denn, was geschah? fragte er sich ununterbrochen. Es ist über mich hergefallen ... Es hat meine Hand auf den Tisch geschlagen ... Weiß ich denn, was geschah? ... Wenn es nur ein schlimmer Traum wäre!
Aber es war kein Traum. Er kam vor seiner Villa an. Er mußte aussteigen. Er ging den Garten entlang und hinein. Der Diener nahm seinen Mantel. Der Graf begab sich in das Zimmer, in dem er mit seiner Frau, wenn sie zusammen irgendwo gewesen waren, noch etwas vor dem Zubettgehen zu verweilen pflegte und aus den Erlebnissen des Abends einer dem andern das nachmalte, was ihm etwas gegeben hatte. Er hing mit einer verliebten Pedanterie stark an diesem Zusammensein.
Heute war er allein da. Wo ist meine Frau? fragte er sich, unbewußt und erstaunt. So stark floß um ihn die Stimmung der vielen zarten Erinnerungen des Raumes. Er fühlte sich enttäuscht, daß sie ihm in dieser grausamen Stunde nicht an der Seite war. Es war das erste schwere Erlebnis seines Daseins.
Aber zugleich dünkte es ihn selbstverständlich, daß sie sich von ihm getrennt hatte. Er kam sich vor, als habe das unnennbare Ereignis am Spieltisch in der Wendelschen Villa ihn in Schmutz gewalkt. Es roch schlecht aus ihm. Nein, Dusy soll fort von ihm sein! Es kam eine Prüfungszeit. Sie soll fort sein, bis er sich gereinigt habe.
Aber wovon sollte er sich reinigen?
Und auf einmal überfiel ihn, lastend und kalt, was er getan hatte, wie eine einbrechende Eisdecke. Er hatte es getan! Ja, er hatte es getan! Er hatte Karten unten hingemischt und hatte Karten unten herausgezogen. Er hatte damit Geld gewonnen. Aber er hatte ja kein Geld gewinnen wollen! Was war geschehen? Kann keiner mir helfen? Ich habe etwas getan, was ich nicht tun wollte. Ich habe mich aus der Gesellschaft ausgestoßen! Ich werde bis ans Ende meines Lebens ein Falschspieler sein. Kann niemand mir helfen?
Ich weiß, daß ich es getan habe. Aber ich weiß nicht, wie ich es getan habe! Und nicht weshalb und nicht wozu. Ich werde verrückt. Ich verliere mein Vertrauen in mich. Ich kann keinen Augenblick in meinem Leben für das, was ich tue, sicher sein. Entsetzlich! Grauenhaft! Es graust mir vor mir selber. Wie kam ich dahin? Das da ist ein Bild von Kokoschka! Das ist eine Plastik von Archipenko! Das werde ich immer wissen. Aber was da allein aus diesem Kopf, aus diesem meinem Kopf herausschleicht, das kann ich nun nie mehr in meinem Leben sicher wissen. Ich behalte meine Augen, mein Gehör, mein Gefühl ... Aber mein Hirn verfault. Irrenanstalt! Mein Körper geht im Licht des Tages. Und mein Gehirn ist in Zwischendunkelheit eingehüllt. Kann denn keiner mir helfen?
Er kämpfte mit den Tränen. Aber er wagte nicht einmal, zu weinen. Er wußte nicht: Täuscht mich nicht vielleicht mein Bewußtsein über das, was ich tue? Und wenn ich weine, geschieht es dann vielleicht nicht in Wirklichkeit, daß ich ein Bild zerschneide, das ich bisher geliebt und angebetet habe, oder meinen Diener einen Mörder nenne oder der Kammerzofe Dusys Unzüchtigkeiten sage? ...
Und dann war es ihm, als bräche er zusammen über den einen Namen: Dusy! Kannst du mir nicht helfen, Dusy, du? Wirst du nicht kommen? Glaubst du mir nicht? Hilfst du mir nicht!
Er klingelte und lief dem Diener entgegen. „Die Frau Gräfin?“ rief er.
„Die Frau Gräfin ist noch nicht zurück!“
„Nicht telephoniert? Hat sie nicht ...“
„Nein, Herr Graf. Aber Herr Doktor von Wenk hat vor einer Stunde angerufen. Die Frau Gräfin läßt er um die Ehre bitten, ihn morgen vormittag zu empfangen. Seine Rufnummer ist am Fernsprecher aufgeschrieben.“
„Gehen Sie!“ sagte der Graf.
Ich gehe zu Dr. Wenk ... ja, ich gehe zu Dr. Wenk ... Und dann rief er laut ins Zimmer hinein, gepeitscht von tausend Unsichtbarkeiten, gestäupt von zehntausend Ängsten:
„Sonst muß ich mich aufhängen! Ich muß es einem Menschen sagen, einem Menschen! ...“
Er stürzte zum Fernsprecher. Er rief die aufgeschriebene Nummer an. „Hier Staatsanwalt Wenk!“ rief eine fremde, ferne Stimme, so daß Told zu erzittern begann.
Aber er raffte alle Energie und Selbstverleugnung zusammen und antwortete: „Kann ich jetzt gleich mit Ihnen sprechen?“
Ihm war in furchtbarer Not, als schmölzen vor dem Fieber seines Verlangens die übermittelnden Drähte und es könne keine Antwort durch sie kommen. Er atmete auf, als er dann hörte: „Mit Vergnügen! Ich erwarte Sie!“
„Fritz!“ schrie er hinaus. „Richten Sie mir das kleine Auto!“
Und er fuhr zurück nach München.
Wenk glaubte, er käme im Namen der Gräfin und es sei im Gefängnis etwas geschehen, was seine Beziehungen zu ihr durchschnitte.
„Herr Graf ... ich vermute, es war ein gefährliches Experiment! Die Frau Gräfin ...“
„Nein, nein,“ rief Told dagegen, „ich, ich ... Meinetwegen komme ich. Mir ist etwas geschehen!“
Er erzählte. Er erzählte auch, wie er den Abend über diese unnatürliche Bestrahlung seines Hinterkopfes empfunden hätte. Das sei wohl ein Vorbote des kommenden Unglücks gewesen.
„Seien Sie mir nicht böse, Herr Doktor Wenk. Ich bin ein Fremder. Ich überfalle Sie. Aber ich hätte mich aufhängen müssen, wenn ich es nicht gleich in der Nacht einem Menschen gesagt hätte. Darf ich fortfahren? Und diese starren Strahlen, wie eine glühende Eisenstange am Hinterkopf, flossen dann so weich und so wohlig lau in meinem Innern aus. Es war, als sei es auf einmal ein warmes Bad. Ich hatte die Empfindung, ich sei vor irgend etwas, was vor mir gelegen, gerettet, und in diesem Augenblick, der mir so wohl tat — da geschah es! In der ersten halben Stunde habe ich es geleugnet vor mir selber. Als ich nach Hause ging. Aber es ist geschehen. Es ist wahr! Es ist nicht rückgängig zu machen, nicht vor Menschen, nicht vor mir selber.“
Wenk war sofort sein Erlebnis mit dem alten Professor gegenwärtig. Um Gottes willen, schrak er auf, sollte der auch hier ...? Die Gräfin und die Carozza! Er fragte Told:
„Haben Sie einen Verdacht?“
Der Graf verstand die Frage nicht. „Einen Verdacht? Wie meinen ... daß ich früher schon so gewesen bin? Krank? Nein, niemals!“
„Nein, einen Verdacht gegen eine bestimmte Person, die zugegen war?“
„Der Gedanke ist mir nicht gekommen. Ich verstehe nicht, wie ein anderer ... Nein ... Gegen niemanden!“
„Ist niemand in der Gesellschaft gewesen, der nicht hinzupassen schien ... der Ihnen verdächtig vorkam? Der sich anders benahm als die andern Geladenen?“
„Es war ein kleiner Kreis persönlicher Bekannter des Geheimrats. Nein, niemand!“
Wenk ließ den Verdacht fallen. Wie hätte er auch selbst die Anwesenheit des gesuchten Verbrechers mit dem Falschspiel des Grafen zusammenbringen können! Es lag so scheinbar ein seelisches Entgleiten der Macht über den Willen vor. Ein Vorgang, der sich im Unterbewußtsein einer ans Krankhafte streifenden, subtilen Persönlichkeit abspielte, den das Hirn nur über seine Wirkung auf die Mitspielenden registriert hatte. Der Graf mußte zu einem Psychiater gehen. Es war auffallend, daß er zu ihm, dem Kriminalisten, kam. Aber er wollte nicht fragen.
Told versank in Schweigen. Der Staatsanwalt überließ ihn sich selber. Dann erhob sich der Graf unvermittelt und sagte: „Es kommt mir zum Bewußtsein, daß ich, ohne jedes Recht an Sie zu haben, Ihre Nachtruhe gestört habe. Ich bitte Sie aufs herzlichste, mir das nicht übelzunehmen. Im Unglück ist es, als fiele die Seele in eine Schlucht. Und da greift das Bewußtsein nach dem ersten Halt. Sie hatten angeläutet. Es war eine Verbindung zwischen Ihnen und ... meinem Haus. Und da ...“
Er schlug um: „Aber sagen Sie, spreche ich jetzt wirklich aus, was ich sagen will, oder verrichte ich irgend etwas Unsinniges? Sehen Sie, das ist das Furchtbare des Erlebnisses. Mir steht nun als Lebensbegleiter der Psychiater bevor.“
„Nein, Herr Graf, Sie sprechen durchaus klar und sagen gewiß, was Sie sagen wollen. Ich bitte Sie, über mich zu verfügen. Irgendwo rührt mein Beruf an die Sphäre des Psychiaters; er ist vielleicht tiefer noch und jedenfalls an das Unheimlichere und Geisterhaftere des Menschen gebunden. Ich bedaure, daß der Anlaß Ihres Besuchs ein so unglücklicher ist, sonst hätte ich mich freuen können.“
Indem Wenk das sagte und damit ausdrücken wollte, daß das Abseitige, geistig oder seelisch Ungewöhnliche, Verfeinerte ihm nahe ging, bekam er den Einfall, den Grafen in den Kreis seiner Absichten einzuweihen. Told war ein Mann von Welt. Er gehörte der Sphäre an, von der aus Wenk wieder das Leben des Volkes mit edleren Eigenschaften durchsetzen zu können glaubte. Er hatte in den praktischen Erfordernissen der letzten Monate sich um diese ideelle Seite seiner Aufgabe wenig kümmern können. Die Nacht war angebrochen, hatte in einer unerwarteten Wendung einen Menschen zu ihm gestellt. Diesem Menschen war damit gedient, nicht allein gelassen zu werden. Das alles sagte Wenk dem Grafen.
„Man spricht von unserer Klasse als von einem ‚besseren‘ Stand. Diese Bezeichnung, jedenfalls aus einer Wahrheit entstanden, müßte wieder lebendig gemacht werden. Unsere Klasse, frei von dem Kampf um die Sorgen sozialer Verbesserungen, ist mehr als vorher auf die Pflege geistiger Entwickelung und geistigen Besitzes angewiesen. Sie sollte die edeln Eigenschaften in sich wieder pflegen und sie nach außen wenden. Geistespolitik sollen wir treiben. Seelenpolitik!“
Der Graf Told hatte sein Leben vornehm geführt, vornehm in den Formen und vornehm in der Gesinnung. Aber er hatte sich Liebhabereien hingegeben aus Mangel an ernsthaften, seine Persönlichkeit bindenden Verpflichtungen. Er hatte sogenannte expressionistische Kunstwerke gesammelt; das waren Kunstwerke, deren Wert noch kein Maßstab gegeben war. Er hatte die jungen Dichter gepflegt, die anders waren, weil sie aus sich heraus nichts waren als Durchschnitt. Sie wurden von Leuten ins Licht gesetzt, die Geschäfte auf Entdeckungen machten. Der Kampf um das Wachsen, um das Neuwerden in der Kunst war nicht weniger zu einer Schieber-Angelegenheit gemacht worden als irgendwelche Waren ... Nicht die schlechtesten reichen Leute wurden hineingelegt, sondern die, die für ihren Reichtum einen Kanal suchten, der das Geld zu Schönem und Geistigem umgemünzt ihnen zurückbrachte. Aber sie wurden ein Opfer der Zeit. Die ganze Zeit löste hysterisch wie eine schreiende Frau ihr ganzes Bewußtsein in der einen Vorstellung auf. Das Geld verkam; um so unbegrenzter wurde seine Macht über die Menschen. Wie kranke Frauengier den Schoß verkommen ließ und ihn immer unstillbarer machte. Alles war krank.
Da lag die Berührung der Liebhabereien des Grafen und seinesgleichen mit der Zeit. Die Zeit benützte, was edel an ihnen war. Die Propagierer der neuen Bilder waren Börsenjobber. Sie warfen die Spekulation um Geld zusammen mit geistigen Bestrebungen. Die „Blauen Pferde“ hat man einmal für zweihundert Mark haben können. X. kaufte sie für achthundert. Heute sind sie für zweihunderttausend nicht mehr käuflich. Das waren die Anekdoten, die sie vermünzten.
Wenk und der Graf sprachen stundenlang so. Der Graf widerstand. Er hatte etwas von der Dialektik der Künstler gelernt, deren Bilder er kaufte.
„Man wird das Wort prägen,“ sagte ihm einmal Wenk, „er spricht so gut wie ein Expressionist! Und übrigens beginnt diese Kunstgattung sich mit einer andern geistigen Gesellschaft unserer Zeit zu verschwägern, die auf ähnlichen Voraussetzungen steht: mit den sogenannten Theosophen. Sie werden es erleben, daß der Expressionist eo ipso auch Theosoph sein wird oder Anthroposoph. Nicht weil sich diese Gebilde innerlich nahestünden, sondern man wirft die Geschäfte zusammen. Sie werden heute stets finden, daß diejenigen, die am meisten über den Materialismus unserer Zeit wehjammern, ihm in ihrem Privatleben durchaus ergeben sind. Im übrigen braucht es bei den einen wie bei den andern ja durchaus nicht immer um Geld zu gehen. Herrschsucht über Geist und Seele ist auch ein Element dieser Zeit, die die Herrschsucht der einen gegen die der andern tauschte. Man fischt halt jetzt überall im Trüben der Verhältnisse ... Und uns Menschlichen bleibt immer nur der Krieg. Gegen die neben uns, gegen die mit uns und gegen uns selber. Unserer Klasse gehört jetzt der Krieg gegen uns selber!“
Einmal sagte Wenk dann dem Grafen, er möge doch bei ihm übernachten, da es so spät geworden sei.
Told antwortete unwillkürlich: „Ja, aber meine Frau ...“
Aber dann schaute er Wenk an. Er schwieg. Sein Gesicht war durchzuckt vom Widerschein der Qual. Erst nach einer Weile vermochte er zu sprechen: „Sie hatten es mich vergessen machen, Herr Doktor Wenk! Ich werde für diese Nacht, die ich Ihnen raubte und die Sie mir so menschenvoll schenkten, so lang ich lebe, in Ihrer Schuld sein. Ich weiß nicht, wie ich sie überdauert hätte — allein! Jetzt ist sie hinter mir wie ein Geschenk. Ich nehme Ihr Gastbett an.“
„Wäre es Ihnen,“ fragte am nächsten Morgen Wenk den Grafen, „unangenehm, wenn ich mit dem Geheimrat Wendel Ihr Erlebnis bespreche?“
„Nein,“ antwortete Told. „Ich bitte Sie, es zu tun!“
Der Graf zögerte, weiterzusprechen. Wenk sah es und wartete. Er sagte dann, den andern erratend: „Ich stehe Ihnen ganz zur Verfügung. Wenn Sie noch einen Wunsch hätten ...“
Da antwortete Told rasch und errötend: „Ja ... auch mit meiner Frau zu sprechen, vor der ich mich so ... schäme!“
„Sie brauchen sich nicht zu schämen!“
„Meine Frau hat einen so starken Lebenswillen. Unser Leben war ihr, glaube ich, immer ein wenig zu schwach, zu blaß ... Es fragt sich, ob ihr zugemutet werden kann, es weiter mit einem Mann zu führen, der nun doch nur ein Kranker ist!“
„Ich werde mit ihr sprechen!“
*
Der Geheimrat empfing Wenk sofort. So liebenswürdig er konnte und mit der gütigen Ironie, mit der er alle Erscheinungen des Lebens abkantete, erklärte er Wenk, seine Auffassung sei, der Graf habe spielen wollen, abenteuern wollen. Er habe das wohl seiner Gattin abgeschaut. Die Kraft der Persönlichkeit seiner Frau habe er erreichen wollen, indem er von dem Weg des Anstands ab auf diesen abenteuerlichen Einfall fiel, falsch zu mischen und Geld zu gewinnen. Es sei nicht wegen des Geldes gewesen, gewiß nicht! Er habe eben nur ein Abenteuer der Phantasie erleben wollen, so wie er es an seiner Frau sah. Diese aber vermochte durch ihre persönlichen Kräfte sich stets aus der Schlinge zu ziehen. Dem schwachen Grafen aber sei schon der erste Versuch ins Unglück ausgeschlagen. Seine Phantasie sei wohl erfüllt gewesen mit den Räubergeschichten von Falschspielern, die jetzt in Kurs sind. Die ganze Sache falle schließlich auf seinen Spielnachbar, den seine Geldgier trieb, aus dem Erlebnis der Phantasie eines schwächlichen Mannes einen gesellschaftlichen Skandal zu machen.
„Darf ich erfahren, wer dieser Nachbar war, Herr Geheimrat?“
„Ja, jetzt,“ lachte Wendel, „wo ich so unfreundlich über ihn sprach, kann ich ihn nicht verraten. Er ist übrigens ein harmloser Familienvater, ein Professor an der Anatomie.“
„Es ist nämlich alles viel ernster, als Herr Geheimrat wissen können. Der Graf hat die Nacht bei mir zugebracht, wohin er vor sich selber geflohen war. Er hat mir den Fall bis in die geringsten Einzelheiten erzählt, und ich habe gar keinen Grund, an die geringsten entstellenden Tendenzen bei ihm zu glauben. Er war durch und durch zermürbt und zerstört von dem Ereignis. Es scheint sich um ein geistiges Versagen zu handeln, um ein plötzliches Ausschalten der Gehirnkontrolle. Könnte nicht unter Ihren Gästen ein Mensch gewesen sein, der vielleicht einen besonderen Eindruck auf den Grafen machte?“
„Nein, es war weder ein expressionistischer Dichter, noch ein solcher Maler bei mir,“ lächelte der Rat.
„Bitte, verübeln Sie mir meine Fragen nicht als zudringlich, Herr Geheimrat. Sie glauben nicht, daß ein solcher Mensch anwesend war?“
„Nein, das glaube ich nicht. Alle Gäste sind mir seit langem persönlich bekannt. Sie wissen ja, um welchen Anlaß es sich handelte. Diese Somnambule, nicht wahr! Es waren Fachleute, Professoren, einige Künstler von Namen und persönliche Freunde. Dann ein Doktor Mabuse, den ich noch nicht sehr lange kenne, dessen außergewöhnliche praktische Fähigkeiten ich aber sehr schätze. Er ist psychopathologischer Arzt. Was mich drauf bringt, daß man den Grafen Told vielleicht ihm zuschicken soll, wenn die Sache so liegt, wie Sie eben erzählten. Der Graf ist der Sohn meines Jugendfreundes. Ich nehme sehr Anteil an ihm. Raten Sie ihm in meinem Namen, er solle zu Doktor Mabuse gehen. Ich gebe ihm einen Brief an ihn. Allerdings kenne ich nur seine Fernsprechnummer.“
Wenk ging.
Vom Geheimrat fuhr er nach Tutzing in die Toldsche Villa. Er hoffte dort die Gräfin zu treffen. Aber der Diener sagte ihm, weder die Gräfin noch der Herr hätten die Nacht in der Villa zugebracht.
Darauf begab sich Wenk in seine eigene Wohnung zurück, in der Told blaß, verhärmt und mit zerrissenen Gesichtszügen auf ihn wartete. „Ich habe es gewußt,“ sagte er, als Wenk ihm mitteilte, die Gräfin sei nicht nach Hause gekommen. „Aber man hofft immer auf das Unwahrscheinliche. Und der Geheimrat?“
„Ich habe ihm wiederholt, was Sie mir erzählt haben. Er hatte das Erlebnis anders, aber als nicht sehr böse eingeschätzt. Er rät Ihnen, sich von einem Psychopathologen behandeln zu lassen, den er kennt. Er gab mir einen Brief mit an ihn, sehen Sie!“
„Doktor Mabuse ... der war gestern ja auch in der Gesellschaft!“ sagte der Graf, als er die Aufschrift las.
„Soll ich zu ihm gehen?“ bot Wenk an.
„Nein, Herr Doktor, einmal muß Ihre Liebenswürdigkeit aufhören. Ich muß mich ja auch entschließen, meinen Fall als etwas nun wirklich in meinem Leben Vorhandenes in meine täglichen Verrichtungen aufzunehmen. Ich werde, da seine Fernsprechnummer gerade dasteht, den Doktor Mabuse anrufen. Wenn Sie erlauben, gleich von hier aus.“
„Herr Doktor Mabuse,“ sagte ihm Told im Fernsprecher, „Sie waren gestern zugegen, wie mir der Unfall beim Geheimrat Wendel zustieß ...“
„Ja!“
„Ich bedarf Ihrer ärztlichen Hilfe. Geheimrat Wendel gab mir einen Brief an Sie. Darf ich ihn Ihnen bringen!“
Die andere Stimme antwortete schroff: „Nein. Ich behandle nur im Haus des Patienten selber. Wie ist Ihre Adresse? Erwarten Sie mich morgen vormittag elf Uhr. Wiederholen Sie: um wieviel Uhr?“
„Um elf Uhr!“ wiederholte Told erschrocken bis ins Herz hinein.
Dann verließ er den Staatsanwalt.