XIII
An etwas Schwarzem, von roten Ringen und Blitzen Durchfurchtem erwachte die Gräfin Told. Es war dunkel und fremd um sie. Ein ganz zartes Licht leuchtete abgedämpft irgendwo hoch, wie auf einem Berg, in das Zimmer, in dem sie lag. Sie lag auf einem Ruhebett, angekleidet. Sie hatte das Zimmer nie gesehen. Auch erkannte sie kaum etwas in dem Raum. Sie lag da und versuchte, das, was sie erlebt hatte, in sich wieder hervorzurufen. Es widerstand. Nur hart, wie mit einem Schlag, stand ein Augenblick da, in dem die grauen Augen jenes Dr. Mabuse, der ihr von Tigern erzählt hatte, sich über sie senkten, grauenerregender als Krallen einer Bestie, die Blut roch ... geisterhaft ... ein Griff aus Luft, aber der Atem gerann ihr. Ihr ward, als ob ihr das Herz zurückfloh und wie ein Pferd, dem die Hufe nicht mehr am Stein hielten, hinterrücks verloren in eine Schlucht stürzte.
Eine Tür öffnete sich. Sie wußte nicht genau, wo. Sie fühlte es mehr, als daß sie es genau gehört hätte. Sie wartete auf etwas. Auch ihre Vorstellungen stauten sich zurück und warteten.
Nach einer Weile sprach aus der zarten Düsternis heraus eine Stimme: „Sie sind wach. Wünschen Sie, daß ich Licht mache?“
Es war eine Stimme, von der im ersten Klang der Gräfin dünkte, sie sei eine Glocke, das Fest der Seele einzuläuten. Aber im Nu zerging diese Empfindung. Ein Gefühl des Nichtglaubens durchzog sie. Wie kam diese Stimme in die Dunkelheit? Diese einzige von allen Stimmen, die sie nicht erwartet hatte. Sie erschrak so ins Unerkennbare der Seele tief hinein, daß ihr war, als fröre ihre Haut über den ganzen Körper zu Eisblumen zusammen.
Ein Laut knirschte aus ihrer Kehle. Sie hörte ihn nicht. Sie streckte nur abwehrend die Hände aus. Da wurde es hell im Zimmer.
Dr. Mabuse schloß die Tür und kam an das Lager heran. Er sagte: „Die Lage ist so: ich habe Sie gewünscht! Ich habe Sie mir genommen!“
Die Gräfin gewann an den menschlichen Lauten die Beherrschung wieder. Sie erhob sich vom Ruhebett, aber sie fühlte sich von der Ohnmacht wie ausgesogen. Was wollte dieser Mann? Ja, sie wußte doch genau, was er wollte. Er war ein Tiger.
Trotzdem fragte sie: „Was wollen Sie?“
„Ich sagte es Ihnen eben!“ antwortete die große Stimme kurz.
„Und nun?“
„Bleiben Sie bei mir!“
„Ich will nicht!“ schrie die Gräfin. „Ich will meinem Mann helfen. Ich will nicht!“
Da erst ward ihr wieder klar, was sich ereignet hatte. Ihr Mann hatte falsch gespielt!
Du mein Gott, mein lieber Gott, wie war das möglich gewesen! Sie wußte doch so genau, daß er das nie tun würde. Welche Widersprüche! Welche Qualen! Welche Verzweiflung! Welche Hölle! Und sie war bei der Helferin der Mörder Hulls gewesen und war ihr erlegen. Alles drehte sich durcheinander, und Blut erschien neben dem schwarzen, ohnmächtigen Unglück, das ihr Mann angerichtet hatte.
Sie hörte die Männerstimme, groß, voll Grauen, voll Gefahren: „Sie wollen nicht? Frage ich danach?“
Er hatte den Tiger nicht gefragt und den Auerochsen nicht. Sollte er eine schwache Frau fragen! Das ist wahr! Sollte er sie fragen? Sie war seine Beute.
Dieser Vorstellung gab sie sich mit einer wollüstigen Angst hin. Sie gehörte dem stärksten Mann, den ihre Augen jemals gesehen. Was konnte sie sich wehren? Er hatte sie einfach genommen. Gab es Männer, deren Willen genügte, ohne Berührung eine Frau zu nehmen?
„Wie bin ich hergekommen?“ fragte sie.
„Wir haben zuvor Wichtigeres zu besprechen. Wie wollen Sie sich einrichten?“ fragte die Stimme groß und kalt neben ihr und mit einem erbebenmachenden Ernst.
„Ich will nicht!“ schrie die Gräfin. Ihr war, als seien Marterwerkzeuge in ihr Hirn eingegraben.
„Das ist nicht die Frage!“ antwortete die Stimme, wie ein Stein ... er fällt ... er liegt! liegt Jahrtausende ... „Es handelt sich darum: bleiben Sie freiwillig bei mir oder als meine Gefangene?“
Die Frau, erwachend am Gefühl des Zwanges, mit dem sie bedroht wurde, vermochte ihre Sinne zu sammeln. Sie schaute, horchte, lauerte. Leise begann sie zu rechnen: List oder Widerstand?
Sie antwortete nach einer Weile: „Sie können mich in München nicht als Ihre Gefangene halten!“
Mabuse mit einem drohenden Ton: „Woher wissen Sie, daß Sie in München sind?“
„Haben Sie mich verschleppt?“ rief die Gräfin.
„Ich bin kein Gorilla!“
„Wer sind Sie? Wie heißen Sie?“
„Wie Sie mich nennen werden!“
„Dann werde ich Sie Gorilla nennen!“ wollte sie böse sagen. Aber es begann, daß ihre Zunge in einer süßen Schwere diesem häßlichen Namen widerstand. Sie sprach ihn nicht aus. Irgend etwas war in sie eingetreten, was ihre Lage so mild machte. Was Lockungen und Versprechen aus der Weite herholte und in ihrem kleinen Herzen zusammentrug wie emsige, nächtliche Heinzelmännchen.
Etwas in ihrem Gewissen lehnte sich dagegen auf, daß es ihr gut gehen sollte, wo ihrem Mann doch ein Unglück zugestoßen war und ihr selbst, wer weiß was, widerfuhr.
Sie fragte trotzig: „Nun also, was wollen Sie von mir?“
Aber der Mann schaute sie nur hart und ruhig an, und ihr war, ihre Frage schwömme klein und verächtlich auf einem großen Meer davon. Das Meer aber war die Brust dieses Mannes. Es gab innen und außen keine kraftvollere Brust. Diese Brust war ein Idol ihrer heimlichsten, ihrer eingeschlossensten Wünsche gewesen. Sich hineinbetten ... hineinbetten ... wie in das Dschungel ...
Da sagte der Mann, nachdem er sie so eine Weile angeschaut hatte, mit einer gewaltsam erfüllten Ruhe: „Das Geschlecht der Menschen ist zu verächtlich geringherzig, als daß seine Männer und Frauen der einen Kraft fähig wären, die die Schöpfung sonst in den Unterschied der Geschlechter gelegt hat: einmal sehen, wissen, und eins gehört dem andern so ganz wie der Tag dem Licht!“
„Das will sagen,“ fragte die Gräfin zaghaft, „Sie lieben mich? Deshalb ... bin ich hier!“
„Ich begehre Sie. Das ist mehr als Liebe — für mich! Sie sind hier, weil es meinem Begehren keinen Widerstand gibt. Sie können eine Königin werden. In dieser Brust und in Eitopomar in Südbrasilien. Eine Königin über Urwälder, wilde Tiere, zahme und wilde Menschen, Täler, Felsen und Fernen. Wer kann in dieser verächtlichen Gegend Ihnen mehr geben?“
„Niemand!“ sagte die Gräfin, traumhaft vom Geheimnis umfangen, das so rasch das doppelte Spiel in ihr begonnen hatte.
„Sie haben sich also entschlossen, freiwillig zu bleiben?“ fragte Mabuse.
Die Gräfin fiel wieder zu ihrer Lage zurück. Sie wich von dem Mann, und wie Schutz suchend stellte sie sich hinter die Ottomane. Sie preßte die Lippen aufeinander. Aber in ihrem Schweigen wühlte in zerrender Qual das Doppelte, daß sie fort wollte und dennoch irgendwoher das Verlangen trug, zu bleiben und zu gehorchen.
Er sagte: „Wenn es das gäbe: Ein Mann und eine Frau sehen sich zum erstenmal, und in dem ersten Blick, den sie tauschen, sagen sie sich: Jetzt gibt es nichts mehr in mir von dem, was ich war. Jetzt ist alles wie ein tönernes Gestell zerschlagen, und nur du ... du bestehst. Undenkbar ist auch nur ein Blutschlag, der nicht durch alles, was ich bin, dir gehört. Es ist, als ob die Jahrzehntausende des Bestehens der Geschlechter in diese zwei Wesen auf einmal alle ihre Kraft geschleudert hätten, mit der die Menschen in so dreckiger Sparsamkeit und mit so kupplerischen Bremsen umgehen. Welch ein Geäse ist der Mensch! Aber das andere wäre Ebenbild Gottes und Schöpfung!“
Der Gräfin war, als spanne sie eine plötzliche Gewalt zwischen zwei Pole. Sie wußte, sie war selber die zwei Pole zugleich, und doch war der eine anders als der andre. Muß ich von einem zum andern laufen? fragte sie sich ... Sie wurde sehr müde ... Oder kann ich so ausgespannt bleiben ... so wohlig ... so von der Sonne einer Wesensart beschienen, die ich an mir liebe?
Es war der Hang, dem Außergewöhnlichen nachzugehen, um zu fühlen, wo sie am meisten Mensch sei und sie selber, gelöst von allem, was um sie hing und nichts mit ihr zu tun hatte. Und über die Gräfin fiel wieder das Gefühl eines Paradieses, die Windgesänge elysäischer Gefilde, die reine, ungeteilte Gefühle aushauchten. Fiel über sie, als ob sie fähig wäre, die süßen Gruppen fern von ihrem Blick aufgescharter Horizonte von ihrer Sehnsucht zu erlösen und in ihrem Blut als eigenen Besitz einzubergen. Was geschieht mit mir? fragte sie, sich leise zurückkämpfend und schnell wieder dem tönenden Paradies entgegensinkend, das vor ihren ermatteten Augen in ihr Herz zu schweben begann.
Das graue Auge des fremden, drohenden Mannes strahlte wie eine Jahreszeit auf sie. Es stand vor ihr, hoch wie Wolken. Die Jahreszeit vergewaltigte die Erde. Aber die Erde gab sich in aller Liebe hin. War das das Geheimnis auch ihrer Natur? fragte sich die Gräfin. Die Jahreszeit ging wie ein Unwesen mit Kräften von jenseits des Horizonts durch die Wälder, über die Flüsse, Städte, Gebirge ... mit Augen, nicht rechts, nicht links schauend vor geisterhafter Macht, und war auf einmal mitten in allen Dingen. Wenn der Mann so wie die Jahreszeit über mich geht ... ist das ... das Paradies? Erfüllung? Wahr gewordene Sehnsucht? Erlöster Wahn? Ist das meine zweite Natur? Der ich nicht zu folgen gewagt habe?
Sie wollte widerstehen. Aber eine süße Kraftlosigkeit öffnete alle Poren an ihr. Sie ward dunkel und voll gebender Schmerzhaftigkeit, wie ein Acker im März. Eine Dohle krähte. Aber es sang eine Amsel hinterher über sie. Und die krächzende Dohle und die singende Amsel entrissen eine Made, eine lebende Made ihrem Bett in der Baumrinde. Und auch die Baumrinde war im Erwachen, und es sang durch ihre Zellen. Und die Amsel stieg hoch auf in die Luft und sang in Triolen, die von Erdgeist trieften ...
Die Frau ward die Amsel. Und ward zugleich die Made. Sie gab sich und wurde vertilgt. Und wußte es nicht vor Dunkelheit und Trubel im Blut. Sie ward zu allerinnerst aufgerührt und war ganz unten gewesen, schäumte oben und war nicht greifbar, wie eine Seifenblase ... Über ihr stieg der Ruf des Mannes wie das Rauschen des Sommers, der das Steigen der Säfte im gereiften Ährenfeld bricht.
XIV
Der Besuch Mabuses beim Grafen Told fand statt. „Ihr Krankheitsbild ist durchaus nicht ein außergewöhnliches,“ sagte Mabuse. „Es heilt aus, wenn Sie die Sicherheit über sich wieder erlangen. Es wird unheilbar und verschlimmert sich, wenn Ihnen das nicht gelingt. Es ist ein Vorbote einer dementia praecox. Ich werde Sie, wie alle Patienten, aus taktischen Gründen in Ihrem Hause behandeln. Ich stelle eine Bedingung, daß Sie, so lange Sie in Behandlung sind, das Haus nicht verlassen und niemanden sehen, der Sie an Ihr früheres Leben erinnert.“
Told war betäubt von der Gewaltsamkeit, mit der dieser Arzt gegen ihn auftrat. Zart und scheu, wie er war, erdrückt von dem Erlebnis, wagte er kein Wort gegen ihn. Er fürchtete ihn von der ersten Minute an.
Als Mabuse die Villa verließ, in der er eine Menge Dinge gesehen, die von dem Kult zeugten, den der Graf mit seiner Frau trieb, sagte er sich: Er muß fort, wenn sein Name nur einmal wieder über ihre Lippen kommt.
Mabuse war in einer wilden und tierhaften Weise erregt. Die Berührung mit diesem Mann, dem die Frau solange schon zueigen gewesen war, pflügte seine Adern auf, reizte ihn, als sei er ein Stier und empfinge Wurfspeere in den Nacken. Er bückte sich unversehens wie zum Angriff vor und bohrte sich in seine Vorstellungen hinein, berstend vor Haß und Rachsucht. Es war ihm, als sei eine Beule in ihm geplatzt und entließe einen Strom von Bösem. Er warf sich vollends hinein.
Als er heim kam, ging er gleich zu dem Zimmer, in dem die Gräfin eingeschlossen war. Der Raum war wie ein Versteck ins Haus hineingeborgen. Licht kam nur aus einem runden Fenster, zu dem sich die Decke in reichen Formen emporwölbte.
Die Frau erhob sich, als er kam. Sie war weiß wie das Leinentuch ihres Bettes. Sie ging ihm entgegen und sagte: „Es ist in der Nacht etwas mit mir geschehen, das außerhalb meines Bewußtseins liegt. Was haben Sie mit mir gemacht?“
„Was Sie mit sich machen ließen!“
Da erzitterte die Frau so stark, daß sie niederglitt, und am Boden liegend, hob sie ihren Blick, verletzt, wie von einem angeschossenen Tier zu ihm und rief entsetzt: „Teufel! Teufel!“
„Dieser Name gefällt mir,“ sagte Mabuse. „Er schmeichelt mir. Er ist, ohne daß Sie es ahnen, eine Liebkosung. Das nächstemal werden Sie mich Luzifer nennen. Denn ich werde Ihnen das Licht bringen!“
Die Gräfin, zusammengebrochen am Boden liegend, verfiel einem leidenschaftlichen Schluchzen. Eine haltlose, verzerrende Angst brach in ihr auf. Sie rief, bebend, im Weinkrampf: „Wo ist mein Mann?“
Aber da sah sie, daß Mabuse eine so nichtige, kleine und wegschiebende Bewegung machte, daß der Frau geschah, als ränne ihre schmerzhafte, peinigende Frage wie ein Taukügelchen aus der Hand und spurlos verschwindend in den Staub, und es sei überflüssig, nach ihr auch nur einmal hinabzuschauen. Und so über ihr zerfetztes Herz gebeugt, fragte sie sich: Ist dieser Mann denn so gewaltig, daß vor ihm und seinem Willen alles zergeht, was ich war, und was andere Menschen vorher mir waren?
Wieder mußte sie sich dem zwiefachen Strom ergeben, der sie zu tragen begann. Heimlichstes, selber nie Gesehenes trieb aus der Flut in ihr Hirn. Gemartert ließ sie ihre Vorstellungen gewähren. Mußte es nicht wahr sein, was so aus ihrem Blut entstand? Sie konnte sich von dem Neuen nicht mehr trennen. Sie konnte sich dagegen wehren; sie konnte dagegen antoben. Aber sie konnte es nicht mehr von sich ablösen.
Der Mann stand schweigsam über ihr. Die Stummheit bedrohte sie. Sie dachte, mit einem eigenen Laut könne sie dies Drohende zerschlagen wie eine Seifenblase. Aber sie fand nicht die Kraft zu einem anderen Wort und wiederholte, gefesselt an ihren Zustand, die Frage: „Wo ist mein Mann?“
Da ging Mabuse wortlos und schroff hinaus.
Als er von ihr so fortgegangen war und in dem Raum nichts anderes mehr zurückgelassen hatte als seinen herrischen Unwillen, vermißte sie etwas. Es wäre ihr lieber gewesen, er stünde noch da. Ihre Vereinsamung wuchs um sie und schlug alle Grenzen ein. Eine Raumlosigkeit tat sich um sie auf, wie ein Abgrund, der mit saugenden Spektren sie hinablockte. Aber sie konnte nicht stürzen. Sie hing an einer dünnen Wurzel. Sie wußte: Diese Wurzel ist das Wenige, was mir aus meinem bisherigen Leben geblieben ist.
Sie wünschte, auch diese Wurzel möchte abreißen. Lieber hätte sie den ganzen Tod gehabt als das Schweben über dem Nichts.
*
Mabuse ging in seinem Zimmer hin und her. Er war ein gefangenes Tier, gefangen zwischen seiner Rachwut und Herrschsucht und dem Widerstand dessen, was draußen gegen sein Ziel lag. Es war etwas so Kleines wie die Erinnerungen, mit denen eine Frau an die Stunden gebunden war, die sie geheim oder vor Menschen mit ihrem Mann verbracht hatte. Aber weil es so wenig war, wuchs die Vernichtungsraserei so begehrend in ihm an, um es ganz zu zermalmen.
Spoerri kam. Er war als Soldat gekleidet. „Weshalb?“ fragte Mabuse unwirsch, vergaß aber gleich seine Frage und wollte etwas über Georg hören.
„Er ist in Schachen in der Villa. Er geht nicht aus. Er ist vorsichtig!“
„Was macht er?“
„Nachts hilft er das Kokainlager unter dem Gartenhaus nach der Schweiz hinüberbringen. Ich wüßte einen neuen Artikel, den sie drüben abnähmen. Äther!“
„Weshalb Äther?“ fragte Mabuse.
„Man beginnt es zu konsumieren.“
„Wer — man? Wo?“
„Bei uns, in der Schweiz!“
„Bei euch? Zu wievielen seid ihr?“
„Man kann es unter die Leute bringen!“
„Das erinnert mich an die Mädchen, die Sie nach der Schweiz exportierten, um den Salvarsanschmuggel zu beleben. Ich will nichts von Geschäften wissen. Verstehen Sie — nichts!“
„Ich sage nichts mehr darüber!“
„Spoerri, vielleicht nie mehr!“
Da drang ein Jodler aus dem rauhen Hals Spoerris. „Herr Doktor! Eitopomar?“
„Wir saufen, Spoerri, wir saufen! Ich weiß nicht! Wir saufen! Hirtenknabe mit 86000 Mark Jahreseinkommen ...“
„O, was habe ich davon? Ich stecke es ja immer wieder in die Unternehmen vom Herrn Doktor!“
„Weil es sich dort um 10 Prozent höher verzinst als bei einer Versicherungsgesellschaft. Soll ich dich auf die Sohle nehmen, Hirtenknabe? Trink’!“
Spoerri fiel als der erste vom Sessel. Er lag auf dem Boden, rund um sich Schmutz, und schaute unglücklich den Herrn an. Er lag da wie ein Hund, der am Sterben war und sich bewußt wurde, das Leben des Herrn nun nicht mehr bewachen zu können.
Mabuse, pendelnd, mit einer Hand schon an die Tischkante gekrallt, um nicht mit dem Stuhl zu Boden zu drehen, stotterte: „Spoerri, glaubst du, es gibt einen Menschen, dessen Wille so stark ist, daß er einen Mann töten kann, ohne ihn zu berühren?“
Aber Spoerri verstand nicht. Mit seinen glotzenden Augen schaute er dumm und treu, bekümmert und krank zum Herrn hinauf.
„Ich kann das! Und ich tue es! ... Schlafe!“ sagte er plötzlich; und sich erhebend, trat er den andern mit dem Fuß nieder.
Mabuse ging einige Schritte. Er mußte sich stützen. Da raffte er sich auf. Sein Willen durchstieg ihn wie eine bronzene Schraube. Und steif und starr, ohne zu schwanken, vom Trunk entzündet und über sich selbst hinausgehoben, ging er in das Zimmer, in dem sich die Gräfin aufhielt, und blieb bei ihr, ohne ein Wort zu sagen. Von dieser Stunde der Schmach an war die Frau willig seiner Knechtschaft. Sie vergaß ihre Vergangenheit, vergaß sich selber und war ihm untertan.
*
In der Nacht fuhr Mabuse nach dem Bodensee.
Beinahe, da er in der Nähe der Villa die Lichter löschte, verunglückte er am Wagen der Straßenwalze, die keine dreißig Schritte von seinem Garteneingang entfernt stand. Unmittelbar vor ihr griffen die Bremsen fest. Da fuhr er nicht gleich ins Haus, sondern einen Kilometer weiter, ließ das Auto am Straßenrand stehen und ging am Ufer entlang zum Haus.
„Weshalb sagen Sie mir nichts von der Straßenwalze?“ herrschte er Georg an. „Eine Streichholzschachtel, die draußen auf dem Wege liegt, kann unser Verderben sein. Holen Sie das Auto! Laufen Sie! Es steht auf Wasserburg zu an der Landstraße. Bringen Sie es zu Steuer und kommen Sie gleich zurück.“
*
Am nächsten Morgen rief der Fernsprecher Wenk aus dem Schlaf. „Hier Straßenwalze!“ hörte er. Er erwachte sofort.
„Ich höre, bitte!“
„Gestern nacht um zwei Uhr kam ein Auto, blieb unmittelbar vor unserem Wagen halten und fuhr dann weiter. Da es ohne Licht fuhr, folgte auf meinen Befehl Schmied mit dem Rad. Er fand es eine Viertelstunde weiter an der Landstraße verlassen. Er kam sofort zur Meldung zurück. Ich schlich mich in den Garten der Villa. Aber der Hund schlug an. Da ging ich außen herum ans Ufer. Ich sah einen Mann vom See her in den Garten und ins Haus gehen. Als Schmied und ich dann zum Auto zurückgehen wollten, war es nicht mehr da. Heute morgen nichts Auffallendes!“
„Danke! Erwarten Sie mich heute!“
*
Eine Stunde, bevor dieses Gespräch durch die Drähte lief, es war noch Nacht, hatte Mabuse die Villa verlassen. Er hatte Frauenkleider angelegt und war fortgerudert. Er fuhr auf Nonnenhorn zu. Ein Motorboot kam, ein Fischer, der vom Schmuggel aus der Schweiz nach Hause fuhr. Mabuse hielt ihn an. Der Fischer sagte, er habe keine Zeit. Er müsse mit seinen Fischen heim. Da sprang Mabuse mit einem Satz aus seinem Boot hinüber auf ihn, warf ihn unter die Bank, knebelte ihn und schob ihn in das Ruderboot. Er fesselte ihn unter die Bank an, kletterte in das Motorboot zurück und steuerte es in den See. Er zog die Weiberkleider aus. Darunter hatte er einen Anzug, in dem man ihn für einen Fischer gehalten hätte. In weitem Bogen fuhr er zum Ufer zurück, begab sich zu dem Bauern, in dessen Scheune das Auto verborgen war. Georg lag darin und schlief.
Während einer längeren Aussprache mit Georg zog sich Mabuse um und fuhr dann ins Württembergische. Georg ging nach Schachen zurück.
Mabuse wollte nach Stuttgart. Seine Gesellschaft hatte ihn von dort aus am gestrigen Morgen antelephoniert: ein Kranker wolle ihn konsultieren. Das hieß: es war jemand eingefangen worden, der sich zum Ausplündern eignete.
Als Mabuse abends am Spieltisch saß, kam ihm plötzlich wieder das Bild vor Augen, wie er unvermittelt vor der Dampfwalze seine Bremsen zog. Die Walze stand mit großen Umrissen in der Finsternis. Es war, als wollte sie über ihn niederfallen, wobei sie ganz unmeßbare Verhältnisse annahm und langsam sich zu den Gesichtszügen des Staatsanwalts Wenk änderte. Wie ein vorsintflutliches Tier stand sie nun, in dies Gesicht gekleidet, in seiner Erinnerung. Eine flatterige Unruhe störte Mabuse. Er verließ vorzeitig den Spieltisch mit Verlust und fuhr noch in der Nacht nach München zurück.
Unterwegs sagte er sich, als käme eine plötzliche Erkenntnis über ihn: Es ist lächerlich. Es ist nur eine Verdrängung, der ich erlegen bin. Ich will den Wunsch nach dieser Frau durch die Angst vor dem Staatsanwalt verdrängen!
Da lag Wenk noch stärker als bisher in seinem Weg. Weshalb war er noch da? Hatte Mabuse nicht deutlich genug befohlen? So wollte er den Befehl wiederholen!
In seiner Wohnung in München legte er sich gleich ins Bett. Er schlug die Lust nieder, zur Gräfin zu gehen, und schlief rasch ein.
*
Als die Straßenarbeiter in Schachen nach der Mittagspause zur Arbeit zurückkehrten, hatte sich ein Mann unter sie gemischt, aus einer Wirtschaft heraus, der ihren Aufseher zu sprechen wünschte. Ob er wohl Arbeit fände? fragte er.
„Meine kannst du gleich haben, wenn du sie gut bezahlst,“ scherzte einer.
Aber der Mann sagte, er wolle die Arbeit ja nur, um selber dafür bezahlt zu werden.
„Das ist etwas anderes,“ lachte der Arbeiter. „Da ist der Aufseher.“
Der Mann ging zu ihm. Er sprach leise mit ihm und zog ihn wie unabsichtlich von den andern fort.
Er könne vielleicht Arbeit bekommen, sagte der Aufseher, als der ein Polizeikommissar tätig war. Er wolle seine Papiere sehen.
Die gab der Mann her, indem er sagte: „Herr Kommissar, zeigen Sie sich nicht erstaunt. Tuen Sie, als läsen Sie die Papiere durch, und stellen Sie mich als Gehilfen des Heizers auf die Walze. Der Heizer ist doch Sergeant Schmied?“
„Jawohl, Herr ... Ja, also gut! Kommen Sie,“ antwortete der Kommissar. „Sie können die Arbeit haben, da ... kommen Sie. Schmied, bitte!“ rief er. Er erklärte Schmied leise, daß der Herr Staatsanwalt als Gehilfe den Tag auf der Walze verbringe.
„Was haben Sie noch beobachtet?“ fragte Wenk, als er mit Schmied auf der Maschine fuhr.
„Der Herr Kommissar hat Sie deswegen nochmals angeläutet. Aber Sie waren schon fort. Es ist sonderbar. Wir sahen doch den Mann nachts in die Villa gehen; wir dachten, es sei der gewesen, der das Auto an der Straße stehen gelassen habe. Aber das scheint nicht zu stimmen. Als wir dann zum Auto zurückkamen, war das Auto fort. Heute früh nun fuhr eine Frau in der Nähe des Ufers hinter der Villa in einer Gondel. Ob sie von der Villa kam, konnten wir nicht feststellen. Eine Stunde später aber kam auf einmal der beobachtete Poldringer die Landstraße her und ging ins Haus hinein. Den hatten wir aber gar nicht aus der Villa fortgehen sehen. Das ist das Sonderbare.“
„Sie haben keinen Verdacht, die Villa könnte einen unbekannten Ausgang haben?“
„Nein, unsere Beobachtungen Poldringers haben bisher stets ganz genau gestimmt. Er kam immer denselben Weg zurück, den er fortgegangen war. Er geht überhaupt kaum aus. Nicht jeden dritten Tag!“
„Gibt es kein Mittel, in die Villa hineinzukommen?“
„Ohne Auffallen zu erregen, nicht. Ich sehe das an der Art, wie Bettler dort abgefertigt werden. Sie haben drinnen einen Wolfshund, der scharf dressiert ist ... Man käme auch nicht heimlich hinein.“
„Ist der Poldringer jetzt drin?“
„Ja, ich sah ihn vorhin an einem Fenster!“
„Hatte das Auto ein Nummernschild?“
„Ja, Kreis Konstanz. Hier ist die Nummer!“
„Das ist wohl gefälscht. Es kam von Lindau, sagten Sie?“
„Jawohl. Ich habe die Nummer nach Friedrichshafen, Ravensburg, Lindau, Wangen und Konstanz hintelephoniert. Von Konstanz aus wurde mir dann mitgeteilt, die betreffende Nummer gehöre einem Auto der dortigen Sanitätskolonne. Das Auto habe Konstanz noch nie verlassen.“
„Kann man es sich nicht so erklären, daß das Auto in der Villa angemeldet war, aber nicht vor der Villa hielt, weil man das so im Gebrauch hat, oder weil etwas dem Insassen verdächtig war, zum Beispiel die Straßenwalze ... daß Poldringer benachrichtigt war, das Auto an der Straße erwartete und es zu irgendeinem Versteck weiterführte? In der Zeit kam der Mann, der es hergebracht, in die Villa. Entweder ist er nun mit Poldringer noch drin, oder er war das Weib in der Gondel. Er fuhr dorthin, wo das Auto eingestellt war. Dieses Versteck müßten wir ausfindig machen!“
„Wir hören nachts öfter den Lärm eines Motorboots nicht weit vom Ufer. Aber das können wir ja nicht überwachen.“
„Ich schlafe diese Nacht bei Ihnen im Wagen. Wir stellen den Wagen einen halben Kilometer weiter vom Haus weg. Kann man sich in der Nähe der Villa gut eindecken?“
„Wir gehen dann zusammen. Abgemacht? So lerne ich noch Straßen glattwalzen,“ lachte dann Wenk. „Bisher tat ich das nur mit Verbrechern.“
„Jawohl, Herr Staatsanwalt!“ erheiterte sich Schmied und zog den Hebel, der die Maschine anhielt. „Werfen Sie Kohlen ein, Herr Staatsanwalt!“ Und Wenk schaufelte der Maschine das feurige Maul voll Kohlen.
„Bis dahin haben der Herr Staatsanwalt auch nie einer Straßenwalze eingeheizt, sondern nur Verbrechern!“ verweilte der Heizer bei dem von Wenk begonnenen Witz.
„Noch nicht genug, Herr Schmied, wie Sie an der Villa sehen. Aber ich hoffe, mit Ihrer Hilfe ...“
„Wir kriegen sie, Herr Staatsanwalt!“ antwortete Schmied eifrig.
„Nur nicht so feurig! Ich glaube, wir haben es mit der im Augenblick wohl gefährlichsten Bande Europas zu tun. Sie wissen, festgestellt sind schon jetzt: Falschspielerei, Mord und Terror! Und zwar bandenweise!“
„Jawohl!“ sagte Schmied.
Als sie abends zusammen den Wagen verließen, flüsterte Schmied: „Herr Staatsanwalt erlauben, daß ich auf etwas aufmerksam mache. Ich tue jeden Abend hier so, als erginge ich mich ein wenig nach der Arbeit. Rauche eine Pfeife dazu. Da ist seitlich, sehn Sie, wo wir jetzt hinkommen, eine kleine Tür. So oft man da vorbeigeht, bellt der Hund. Da hab’ ich mir gedacht, da ist was los! Man sieht sie aber nicht von der Straße. Sehn Sie ... jetzt bin ich gerade dran ... so! und da knüpf’ ich rasch so im Vorbeigehen ... hören Sie den Hund! ... immer einen Zwirnfaden über. Wenn die Tür geöffnet wird, reißt es den Faden ab, ohne daß der Durchgehende es merkt. Ich habe dann noch die Kontrolle über diese Tür in der Hand, selbst wenn ich sie nicht sehe. Ich weiß dann, ob er nicht in der Dunkelheit hier hinausging. Morgens ist mein erster Weg zur Tür, um den Faden wieder wegzureißen.“
„Ich habe ihn gerade angeknüpft!“
„Das haben Sie geschickt gemacht. Ich hab’s nicht einmal gemerkt!“ lobte Wenk.
„Gehen wir zurück. Eigentlich ist es ein Nebenweg der anderen Villa!“
„Kennen Sie deren Bewohner?“
„Seit dreißig Jahren schon bewohnt sie ein altes Fräulein. Es bestehen gewiß keine Beziehungen zwischen den beiden Villen.“
Sie gingen auf die Straße zurück.
„Wenn Sie schlafen wollen, so stehe ich nicht im Weg, Herr Schmied. Ich weiß ja jetzt einigermaßen!“
„Gut wäre es schon. Die letzte Nacht, Herr Staatsanwalt! und vor vier muß ich wieder draußen sein.“
„Ich weiß. Also gute Nacht ...“
Wenk durchging die ganze dunkle Frühlingsnacht. Es geschah nichts. Er bemerkte nichts. Am nächsten Morgen begab er sich in das Hotel in Lindau, dessen Adresse er in München hinterlassen hatte. Er sei von München angerufen worden, sagte ihm der Leiter. Sein Diener lasse melden, der Graf Told wünsche ihn dringend so bald als möglich zu sprechen. Der Herr Graf habe es in die Münchener Wohnung telephoniert. Er sei sehr aufgeregt gewesen und habe den Diener gebeten, es gleich dem Herrn Staatsanwalt nachzudrahten.
Wenk fuhr nach München zurück. Er klingelte gleich den Grafen an. Eine fremde Stimme antwortete, der Herr Graf sei verreist.
„Hat er nichts hinterlassen?“
„Nein!“
„Wohin ist er gereist?“
„Ohne Adresse. Schluß!“
Das kam Wenk sonderbar vor.
XV
An diesem Morgen war Mabuse bei Told gewesen. „Es geht Ihnen schlecht, sehe ich,“ stürzte er über ihn. „Die Pupillen Ihrer Augen haben sich unnatürlich erweitert!“
„Ist das ein Zeichen ...?“ wollte Told eingeschüchtert fragen.
„Ja. Reden Sie nicht über Ihren Zustand. Schließen Sie ihn aus Ihren Gedanken aus. Wo ist Ihre Frau?“
Told, aufschreckend, vermochte nicht zu antworten.
„Ihre Frau wollte wohl nicht mehr mit Ihnen leben ... leben!“ wiederholte der Arzt grausam. „Was? Sie haben Ihre ganze Vergangenheit zu zerstören. Alle Verbindungen aufzugeben. Rufen Sie Ihren Diener!“
Told klingelte. Der Diener kam. Der Graf verwies ihn mit einer Handbewegung an den Arzt.
„Hat jemand telephoniert?“
„Nein, Herr Doktor!“
„Hat jemand aus dem Haus telephoniert?“
Told sagte: „Ich!“
„Wem?“
„Herrn Doktor von Wenk!“
„Weshalb?“
„Ich wollte mit ihm sprechen!“
„Was?“
Der Graf verwirrte sich: „... Nur ... so sprechen! Mit einem Menschen sprechen!“
„Ist Ihr Diener ... bin ich ein Auerochs?“ fragte Mabuse grob. „Sie können mit mir sprechen! Was haben Sie auf der Leber?“
Der Graf starrte weg. Er hatte nicht einmal mehr den Mut, seinen Arzt anzuschauen ... Wird er mich heilen? fragte er sich. Dann begehrte er schwach und zaghaft gegen ihn auf.
Du bist kein Mensch! Du bist ein Teufel! schrie sein Inneres heimlich. Aber seine heftigen Gedanken glitten hastig davon. Er war so schläfrig. „Ich bin immer müde!“ sagte er.
„Befehlen Sie in meiner Gegenwart Ihrem Diener alles, was Sie besuchen will oder Sie anruft, kurz abzuweisen. Er hat zu sagen: Der Herr Graf ist verreist. Ohne Adresse, Schluß!“
Mechanisch wiederholte Told dem Diener den Befehl. Der verbeugte sich und ging.
„Ich bin nicht sicher, ob ich Sie weiter behandeln werde!“ sagte Mabuse.
Aber Told verstand ihn nur mehr halb. Es war ihm, als sickere ein träges Gift durch seine Adern.
„Sie haben Durst!“ befahl Mabuse.
„Ja!“ flüsterte der Graf.
„Trinken Sie Kognak und Tokaier gemischt. Soviel Sie wollen. Nur schwere Sachen! Der Alkohol wird es Ihnen leicht machen. Sie müssen alles in sich zerstören, was war. Ihre Frau auch. Wenn Sie die Überzeugung haben, daß das Ihnen gelingt, sind Sie heilbar. Alles zerschlagen. Sie verstehen mich! Der Alkohol hilft dazu!“
„Alles ...,“ stammelte der Graf, als läge er in einem Sumpf, der ihm schon die Mundwinkel näßte ... „Alles ...“
„Nach zwei Jahren können Sie dann daran denken, Ihr Leben wieder aufzunehmen. Nach welcher Zeit?“ warf brutal der Arzt dazwischen ... „Nach welcher Zeit?“ hämmerte er ihm nochmals ins Hirn.
Told erwachte aus dem Hinbrüten. An der Zahl erschauernd, antwortete er leise: „Zwei Jahre!“
„Wissen Sie, daß Ihre Frau Sie in eine Irrenanstalt stecken will? Sie benutzt dazu den Staatsanwalt Wenk. Ist das der, der angerufen hat? Ich komme morgen wieder!“
Der Graf blieb zurück, allein, verstoßen. Ihm schien sein Gehirn von Elefanten ausgestampft, sein Gemüt von Nilpferden zerschmatzt, vermengt mit Kot und Schlamm.
Mich verläßt die Welt, murmelte er. Die Bilder, die er um sich gesammelt hatte, feierten Orgien an den Wänden. Er verstand nicht mehr, was ihm an ihnen so gefallen hatte, daß er sie jahrelang um sich geduldet hatte. Er nahm ein Jagdmesser und schnitt ein jedes von oben bis unten durch und schlug mit dem Messer in irrem Grimm in den Rahmen herum.
Als er das getan hatte, sprang er entsetzt zurück. Er faßte sich an seine Stirn und sagte laut: „Ja, du mein Gott, ich bin verrückt!“
Er begann Kognak zu trinken. Er trank aus einem Rotweinglas. Als er drei Gläser getrunken hatte, war er berauscht. Da schien ihm, als habe der Arzt etwas zurückgelassen. Es lag vor ihm. Er wußte nicht, was es war. Er griff danach. Da war es ihm auf einmal mitten in den Kopf hineingesprungen. Wie ein Keil saß es drin eingeklemmt. Er fühlte es genau zwischen den beiden Gehirnhälften.
Eine Angst zerriß ihm das Herz wie Papier in Fetzen. „Doktor, Doktor!“ schrie er. Er hörte seine Stimme grausig in der Leere verschallen. So weit die Welt war, er war allein!
Da sank er ohnmächtig hin.
*
Karstens starb. Die Phantasie griff an dem Tod des zweiten Opfers wieder verhängnisvoll in die Öffentlichkeit. Wenk sah sich bedrängt und entschloß sich eines Tages, das Letzte mit der Carozza zu versuchen. Er ging zu ihr ins Gefängnis. „Ich spreche nicht mit Ihnen!“ sagte die Carozza, sobald sie ihn sah.
Wenk kehrte sich nicht daran und bemerkte mit bekümmertem Ton und verschwommenen Hoffnungen: „Wissen Sie, daß auch die schöne Dame, die stets bei Schramms saß und nicht mitspielte, verschwunden ist?“
„Nein,“ rief die Carozza im Augenblick, „die Sie zu mir ins Gefängnis geschickt hatten?“
„Ja!“ sagte Wenk; aber erst, nachdem er dies gedankenlose Ja gesagt hatte, erschien ihm die Bedeutung dieser Mitteilung. Das war nun rätselhaft. Hatte die Gräfin der Carozza von ihrer Sendung erzählt? War sie mit den Spielern im Bund? Das war doch unglaubhaft. Aber wie auffallend: die Carozza, die nicht mit ihm sprechen wollte, gab ihre Absicht auf, sobald die Rede auf diese Frau kam. Wenk wollte der Carozza nicht die Gewißheit geben, daß er erstaunt über diese Mitteilung war. Er redete deshalb, indem er zugleich einem Weg nachdachte, auf dem dem Geheimnis beizukommen sei, ohne viel zu überlegen, was ihm gerade einfiel. Im Verlauf dieses Hinsprechens äußerte er auch schließlich eine Vermutung, die bei dem vielen Überdenken des Zusammenhangs der Carozza mit dem Verbrecher ihm gekommen war, die er aber mitzuteilen noch nicht reif genug gehalten hatte. Er sagte:
„Sie sind ja nur das Opfer des Verbrechers. Weil Sie sich nicht von ihm zu trennen vermochten.“
Da sprang die Carozza vom Sitz auf und starrte Wenk an wie in einem Krampfe. Er schaute ihr in die Augen. Der Ausdruck eines maßlosen Schreckens stand in diesen Augen und in der Verzerrung der Gesichtszüge. „Nun?“ fragte er aufmunternd und hoffnungsvoll.
Aber die Carozza verharrte in ihrer Erstarrung. Da wagte er es weiter: „Ich könnte Ihnen, wenn wir einig werden, für Sie günstige Vorschläge machen.“
Langsam erwachte die Carozza aus ihrem Entsetzen zurück. Seit drei Jahren, da Mabuse sie von sich gestoßen, war ihr Leben nichts anderes gewesen als eine Kette von märtyrerhafter Selbstverleugnung und von ergebener Opferwilligkeit gegen diesen Mann, der sie unglücklich machte und sie zum Verbrechen trieb. Niemals hatte sie einen Gedanken an sich herangelassen, ihn zu verraten, ihm diese Opferwilligkeit zu verweigern. Sie trug wie einen Sklavenstempel durch ihr ganzes Blut das unumstößliche Angehörigkeitsgefühl an seine Stärke.
Da auf einmal, in der Bemerkung des Staatsanwalts, sah sie den geliebten Mann bedroht. Was wußte der Staatsanwalt? Woher wußte er es? Hatte die Gräfin sie dennoch verraten? Langsam nährte sie in sich den Plan, zu erfahren, wie weit der Staatsanwalt unterrichtet wäre. Sie konnte vielleicht warnen ... vielleicht — und dabei durchzuckten sie wie Blitze wollüstige Gefühle, Doktor Mabuse zu retten und ihn vielleicht wiederzugewinnen. Nein, das nicht! Das wagte sie nicht auszudenken. Aber ihn zu retten, wäre ihr schon genug gewesen, wäre Seligkeit. Sie sagte schließlich: „Da Sie besser unterrichtet zu sein scheinen, als ich dachte, so will ich reden. Lassen Sie mir zwei Tage Zeit.“
Die Carozza hatte durch den Wärter erfahren, daß jemand sich um sie kümmerte. Der Beschreibung des Wärters nach war es Spoerri. Sie fand also Gelegenheit, von ihrem Gespräch mit dem Staatsanwalt Mitteilung zu machen und ihre Warnungen anzubringen.
„Gut!“ sagte Wenk jubelnd. Dann wollte er ein übriges tun, und da er mit seiner Vermutung das Richtige getroffen zu haben schien, dachte er, es sei günstig, auch noch verhetzend dieser Seele zuzusetzen. Und er sagte: „Ich bin übrigens in bezug auf die Gräfin einer Spur nachgegangen. Die Gräfin scheint sich bei Ihrem Freund verborgen zu halten.“
Aber er schämte sich über diese Worte so, daß er errötete und mit einer schmerzlichen Inbrunst die paar Begegnungen wiedererlebte, die ihm die Verschwundene so nahegebracht hatten. Doch seine Worte hatten eine ungeahnte Folge. Die Carozza fiel über ihr Lager nieder, schluchzte auf, versuchte zu sprechen, aber die Worte versagten ihr, und sie erhob nur drohend und verzweiflungsvoll ihre Fäuste über den Kopf.
Da ging Wenk ganz plötzlich, in der Meinung, es sei gut, sie in dieser Stimmung nicht zu stören, sondern sie sich weiter in sie hineinhüllen zu lassen. Als er die Tür aufriß, fiel ein Mann gegen ihn, doch war es nur der Wärter. „Ich wollte gerade nach der Gefangenen schauen,“ sagte er.
„Verzeihen Sie!“ entgegnete Wenk und ging davon.
*
Kurz darauf geschah folgendes:
Bei Hengnau an der württembergischen Grenze war ein Mann angehalten und verhaftet worden, der Kühe nach Württemberg treiben wollte. Der Mann stellte sich in den ersten Tagen stumm, dann tobte er. Der Untersuchungsrichter, um ihn einzuschüchtern, sagte ihm eines Tages: „Gestehen Sie nur bald, bevor das neue Gesetz kommt. Wenn Sie vorher abgeurteilt werden, kann es Ihnen mild gehen. Nachher kann es Ihnen den Kopf kosten.“
„Was ist das für ein neues Gesetz?“ fragte er.
„Auf die Vergehen, die die Ernährung des Volkes gefährden, kann Todesstrafe gestellt werden.“
„Wie wird man getötet?“
„Mit dem Beil wahrscheinlich!“
„Und wenn ich vorher abgeurteilt werde?“
„Bekommen Sie höchstens ein Jahr Gefängnis.“
Da gestand er auf einmal. Er öffnete alle Schleusen. Er gestand alles, was er seit Jahren getrieben hatte, und nannte alle Namen von Schmugglern, die er kannte.
Es wurden mehrere Verhaftungen vorgenommen. Die Angelegenheit wuchs sich immer breiter aus, und es wurde schließlich eines Tages auch der Name jenes Mannes genannt, den Mabuse nachts auf der Lindauer Landstraße aus seinem Dienst entlassen hatte — Pesch!
Pesch wurde verhaftet.
Er verbrachte die erste Nacht im Gefängnis von Wangen, aus welcher Gegend er war. Als der Wärter aber am nächsten Morgen seine Zelle öffnete, war der Verhaftete verschwunden. Wenige Stunden später wurde der Gendarmerie nach Wangen telephoniert: im Wald an der Lindauer Straße liege ein Mann. Es sei zweifellos ein Mord vorgekommen.
Das Gericht begab sich an die Stelle. Der Tote war Pesch. Er war erdolcht worden. Als man seine Leiche forthob, sah man, daß auf dem großen hellen Stein, auf dem sie gelegen, Zeichen mit Blut gemalt worden waren. Sachverständige entzifferten am selben Tage die Zeichen.
Sie hießen: Villa Elise ...
Die Bürgermeister sämtlicher Ortschaften in der Nähe wurden angefragt nach einer Villa dieses Namens. So hatte man bald herausgefunden, daß in Schachen es eine Villa Elise gab, die von der Polizei bewacht wurde.
Es wurde sofort Wenk gemeldet. Er fuhr nach Lindau. Die beiden Beamten, die die Straßenwalze führten, hatten festgestellt, daß Poldringer am Tage, an dem Pesch ins Gefängnis gebracht worden war, Schachen mit einem Rad verlassen hatte. Er war erst nach drei Uhr in der Frühe zurückgekommen.
Da setzte es Wenk durch, daß zwei Motorboote auf den See gelegt wurden. Man gab ihnen den Schein, als gehörten sie zu den Zoll-Überwachungsbooten. Sie wurden mit Scheinwerfern ausgestattet.
Es war wieder ein Menschenleben draufgegangen. Aber der neue Mord hatte Weiteres verraten ... viel Gefährlicheres, als man bisher wußte. Es war zweifellos, daß die Bande sich auch mit Schmuggel befaßte; man sah auch, daß unsichtbar zwischen dem Leben und Treiben der Mitmenschen diese Kraft des Bösen einen Staat für sich gebildet hatte, der von ihm und der für ihn lebte und seinem Willen Tat angedeihen ließ.
Pesch hinterließ eine Frau mit fünf Kindern. Da das Vermögen eingezogen wurde, waren sie dem Elend preisgegeben.
Wenk ging zum alten Hull, um dessen Hilfe für diese zu erbitten, und sagte ihm in einem raschen Einfall: „Ein Erziehungsheim für Kinder von Verbrechern gründen ... unter einem verbergenden Namen ... das wäre vielleicht eine gute Anlage für Ihr Geld. Man kann die Kinder, auf die sich ja öfter die Eigenschaften der Väter weiter vererben, von klein an beobachten, ihre Neigungen erkennen, bessern, wenn es geht, oder wenn es nicht geht, der menschlichen Gesellschaft diese Elemente fernhalten ... noch bevor sie die Gesellschaft geschädigt haben. So würde von vornherein ein großer Teil der Verbrecher unschädlich gemacht und viele Menschen gerettet ...“
„Ich will das tun,“ sagte Hull. „Ich danke Ihnen.“
*
Am selben Abend ging Wenk durch die Marstall- auf die Maximilianstraße. Als er am Vier-Jahreszeiten-Saal vorbeikam, war ihm, als sähe er in der Menge von Menschen, die in den Eingang sich drängten, einen Bekannten. Aber er kam nicht drauf, wer es war, und ging gleich weiter. Er durchforschte sein Gedächtnis im Gehen, wem dieser so auffallende bekannte Rücken wohl angehören möchte. Er fand aber die Person nicht zurück.
Gleich nachher kam er an einem Schaufenster vorbei, in dem ein Plan der Klassenlotterie hing. Eine fette Schrift war im dunkeln Fenster zu erkennen. Das Wort „Spielerglück!“ stach aus ihr hervor.
Dies Wort warf die Erinnerungen Wenks mit einem Schlag auf den Weg. Es war der Rücken des blondbärtigen Spielers gewesen.
Wenk erschrak vor dieser Entdeckung. Er suchte diesen Mann durch Tage und Nächte und durch ganz Deutschland, und da war er so nahe an ihm vorbeigegangen, daß er ihn hätte an der Schulter festhalten können. Er kehrte gleich um, ging zum Saal zurück und las an der Eingangstür ein kleines Plakat:
Experimenteller Abend des
Dr. Mabuse.
Er beorderte einen der anwesenden Polizisten, sofort sechs Zivilbeamten herbeizuholen, ließ sie in unauffälliger Weise alle Ausgänge schließen, und als die Beamten aufgestellt waren, ging er in den Saal. Der Saal war leicht zu überwachen. Er ging von Reihe zu Reihe. Der Experimentierer war gerade mit Vorbereitungen beschäftigt.
Wenk setzte sich hin und her und überblickte Gesicht um Gesicht, Menschen um Menschen. Aber er fand niemanden, der diesen Rücken hatte, dessen Bild sich ihm so stark eingeprägt.
Er sah Bekannte. Der Geheimrat Wendel saß da, gleich in der vordersten Reihe. Ein Kollege vom Gericht mit seiner Frau und seiner erwachsenen Tochter. Er tat, als kenne er niemanden, und suchte fieberhaft. Aber es war alles vergeblich.
Da stürzte er sich hitzig kopfüber in das Unternehmen, ging zu den Beamten hinaus und erteilte ihnen folgende Weisungen:
Alle Türen werden verschlossen, bis auf diese eine. Zwei Beamte gehen in den Saal. Einer von ihnen sofort auf die Bühne und bittet das Publikum, in Ruhe einer nach dem andern den Saal zu verlassen. Beide passen auf, daß niemand zurückbleibt. Die vier andern stellen sich an der Tür auf und lassen die Leute durch, Person für Person. Von der Tür wird nur ein Flügel geöffnet.
Wenk selber wollte an der Tür stehenbleiben, und wenn er den Verhaftungsbefehl gegen einen Mann ausspräche, sollte der Betroffene von zwei Beamten sofort beiseite gezogen und gefesselt werden. Die beiden andern Beamten hatten dann nichts anders zu tun, als aufzupassen, daß keine Person sich den verhaftenden Beamten nähere. Die Dienstrevolver seien schußbereit zu halten.
Im Saal entstand bei der Verkündung des Beamten zunächst ein heiteres Erstaunen. Dann hörte man einige unwillige Rufe. Der Beamte versuchte zu beruhigen.
Das erste, was sich in Mabuses Vorstellungen zeigte, als er die Botschaft des Geheimpolizisten hörte, war, ob es nötig gewesen, sich der Gefahr des öffentlichen Auftretens auszusetzen. Aber er schob diese Vorstellung gleich als etwas Lästiges weg.
Es war nötig, denn es war für seine Seele die Kugel, in der sich Ernährungsstoff in konzentriertester Form zusammenpreßte. So mußte er mit seinen suggestiven Fähigkeiten immer in Berührung mit einer namenlosen Allgemeinheit bleiben. Dann spürte er seine Macht über die Grenze des Kreises hinaus, der ihm verpflichtet war, und von dem er jeden kannte, schier ins Ungemessene wachsen. Und sein Geist übte sich vieles zu umfassen, viele Menschen auf einmal in die Hand zu nehmen und in den irren Dingen, die seine geheime Gabe ihnen auferlegte, ihre Wenigkeit und seinen Haß und seine Gewalt über sie auszukosten ...
Hier auf dieser Bühne war er neu geboren worden. Hier hatte er sein Leben der Macht begonnen, als der Krieg ihn von seinen Pflanzungen in der Südsee als einen ruinierten Mann nach seiner Heimat zurückgetrieben hatte. Dieses gab er nicht auf.
Noch während mit traumhafter Schnelle diese Überlegungen ihn durchzogen, ging er zum Beamten hin und fragte, was geschehen sei. „Sie müssen sich an Herrn Staatsanwalt Wenk wenden,“ sagte der. „Er ist draußen!“
Da erblaßte Mabuse, wandte sich weg und stieg raschen Schritts zum Geheimrat Wendel hinab, den er in der ersten Reihe noch immer sitzen sah. Im Gehen entsicherte er mit der Hand in der Tasche seinen Browning und zielte, von einer Blutwelle überlaufen, die Haß und Kampf durch seine Muskeln warf wie einen Brand, mit seiner Phantasie Wenk mitten in die Stirn.
Du zuerst und dann! sagte er bei sich.
Aber schon lächelte er den Geheimrat an.
„Ihre suggestiven Kräfte,“ sagte der Geheimrat, „scheinen den Staatsanwalt Wenk zu beunruhigen!“
„Wenk?“ fragte Mabuse erstaunt tuend zurück.
„Ich sah ihn nämlich mit Luchsaugen vorhin von Stuhl zu Stuhl schleichen und jeden Besucher durch Jacke, Weste, Hemd und Unterkleid hindurch auf sein kriminalistisches Gewissen prüfen. Er scheint seinen Mann aber nicht gefunden zu haben.“
Mabuses Brust dehnte sich von einem schnaufenden Gefühl des Glücks. Er war wie ein Pferd, das nach langem Hungern und Ziehen den Kopf in die Krippe senkt.
Trotzdem er sofort klar verstand, fragte er den Geheimrat: „Weshalb meinen Sie das?“
„Einfach! Wenn er ihn gesehen hätte, hätte er sich ihn von seinen Beamten herausholen lassen, ohne Ihre Sitzung zu stören!“
„Das ist wahr,“ sagte Mabuse. „Gehen wir!“
Mabuse drängte zur Tür, den Geheimrat mit sich ziehend. Mit allen Sinnen paßte er um sich auf, in seinen Rücken, wo er den Anschluß an Wendel nicht verlieren durfte, nach vorn, wo die Gefahr drohte, der er entweichen wollte.
Bewegungen ließ er, wenn sie ihn von dem alten Professor zu trennen drohten, mit allerlei Listen und einem Einsetzen seines ganzen Muskel- und Gliederapparats anders verlaufen, als er sie begonnen hatte.
Es kam ihm nur auf eines an: nicht als ein Besonderer durch die Tür vor den Staatsanwalt zu treten. Der berühmte alte Geheimrat mußte von ihm die Aufmerksamkeit des Spürhundes draußen wegsaugen.
Wendel war ein alter Herr. Auf Eile kam es ihm nicht an. Aber Mabuse durfte nur nicht als der letzte draußen vorbeigehen, bestrahlt von Auffälligkeit, doppelt beäugt von der Enttäuschung, daß jener den Gesuchten nicht gefunden hatte. Es kamen noch welche hinter ihm, unter denen er sein konnte, wenn er nicht als der letzte den Saal verließ.
Eines war sicher: Er war es, den der Staatsanwalt suchte, und kein anderer! Wenk wußte nicht, daß es Mabuse sei, den er haben wollte, sonst hätte er ihn von der Bühne herunter verhaftet. Wie war er ihm auf die Spur gekommen? Ein Rätsel, das ihn reizte! Verrat? Er wurde nicht verraten! Hatte Wenk irgend etwas an ihm erkannt von den Abenden in den Spielsälen her? Nein! Er wußte, seine Masken machten ihn unkenntlich. Also ...
Da berührte eine Hand die seinige. Mabuse sah in das fragende Auge Spoerris, erblickte neben ihm einen andern Mann seiner Sicherheitsgarde und lenkte seine Augen sofort unbeteiligt weg.
Spoerri und der Genosse drängten sich vor ihm durch die Tür.
Mabuse rechnete weiter: Also ja, es konnte nur sein, daß irgendein Zufall Wenk auf seine Spur gehetzt hatte. Vielleicht die Erinnerung einer Ähnlichkeit ... Bewegung oder Erscheinung ... Wenk durfte also möglichst wenig von ihm sehen. Und da sein Rücken Wenks Augen am längsten ausgesetzt war, zog er den Mantel zwischen den Ellbogen durch und verbarg damit diesen Rücken.
Da war er mit dem Geheimrat an der Tür. Rasch schob er Wendel vor und klebte sich an ihn.
In dem Augenblick, wo der Geheimrat in die Tür trat, befahl Wenk einem Beamten, zwei Männer, die in der Treppe verweilten, zum Gehen zu nötigen. Mabuse hörte den Beamten sagen: „Soll ich sie verhaften?“
Da gewann er den Blick hinaus. Er sah, daß die Drohung Spoerri und seinem Genossen galt. Mabuse versuchte seinen Blick heraufzulenken. Er schlug sein Taschentuch mit einer großen Bewegung durch die Luft und schneuzte sich laut. Spoerri sah, verstand und zog den andern mit.
Wenk hatte den Geheimrat an der Hand. Das sah Mabuse.
Da sollte er hinaustreten.
Der Geheimrat stellte vor: „Herr Doktor Mabuse!“
Wenk, ohne das Auge von der Tür zu lassen, hinter der er den Saal schon stark gelichtet sah, nahm Mabuses Hand und entschuldigte sich: „Sie verübeln mir die Erfüllung einer Pflicht nicht, Herr Doktor?“
Mabuse antwortete mit einer verbissenen Freundlichkeit, bereit, die Hand in der Tasche an die Waffe zu werfen: „Nicht im geringsten. Ich trete selbstverständlich zurück, wenn es sich wie hier zweifellos um das Wohl der Allgemeinheit handelt, die Sie von einem Verbrecher zu befreien haben.“
Schon war er weitergeschoben. Wenk winkte ihm noch zu, schaute aber nicht mehr um, da er die Tür nicht freigeben durfte.
Der Geheimrat nahm Mabuses Arm für die Treppe. Mabuse geleitete ihn rasch zur Garderobe und verabschiedete sich. Eines seiner Autos hielt in der Maximilianstraße. Rechts und links von der Ausgangstür des Foyers standen die Leute, die zu allem bereit waren, ihn stets begleiteten ... Spoerri hatte sich mitten in den Ausgang gestellt, um die Treppe zu überwachen.
Er ging dann hinter Mabuse her. Die andern in gelösten Gruppen, aber immer bereit, zusammenzuspringen, folgten. Erst als Mabuse im Auto davonfuhr, gingen sie auseinander und ein jeder seinen Weg.
Im Auto heimrasend, sagte Mabuse sich auf einmal: Ich habe eine Dummheit gemacht. Ich hätte wenigstens fragen sollen, ob ich den Abend fortsetzen dürfte.
Das machte ihn niedergedrückt. Es hatte etwas an ihm versagt. Früher wäre ihm ein solcher Fehler nie unterlaufen, sann er weiter und quälte sich: Bin ich am Niedergang? Ist es Zeit für Eitopomar?
Aber auf einmal schrie er dumpf und tierisch auf: „Nein. Es ist das Weib! Wenk wird mich hängen. Das Weib macht mich alt und liefert mich seinem Strick aus.“ Weshalb machte die Frau ihn alt, die so jung und schön war und sich ihm mit einem wehmütigen Fatalismus ergeben hatte? Er trank diese Ergebenheit wie einen Wein, sagte ein anderer Zug von Vorstellungen.
Er wurde uneins mit sich. Er fand keinen Genuß mehr darin, daß er der großen Gefahr entronnen war. Und in seine kreuz und quer pflügenden Gedanken schlug unselig und den Atem raubend wie eine Katastrophe die Vorstellung:
Weil ich sie liebe!
Da haßte er sich. Da führte er die Ballen von Haß, mit denen er den Menschen zusetzte, gegen sich und lud sie über sich aus. So stark litt er, daß er unter dem Druck, den dieses Chaos an Gefühl auf seine Adern trieb, röchelte.
Er war vor seinem Haus.
Sein breites Gesicht hatte alle Furchen vertieft. Aber das Schreckliche waren seine Augen. Die Gräfin erschrak vor ihnen, als er in ihr Zimmer kam. Sie waren nicht mehr von dem großen steinernen Grau eines Achats. Sie waren wie mit kupfern grellen Runen bezogen. „Was ist geschehen?“ fragte sie.
Da erzählte er nicht, was er eigentlich erzählen gewollt. „Weißt du, wer ich bin?“ fragte er. Seine Stimme klang in einer tobenden Wildheit. „Ich bin ein Werwolf. Ich sauge Menschenblut in mich! Jeden Tag brennt der Haß alles Blut auf, das mir in den Adern läuft, und jede Nacht sauge ich sie mit einem neuen Menschenblut voll. Wenn mich die Menschen fangen, zerreißen sie mich in vierundsechzig Stücke. Ich beiße dir die Kehle durch, du weißes Tier, das mich zerstören will!“
Die Gräfin, aufgepeitscht, irr vor Schmerz und Zerrissenheit, stöhnte: „Töte mich! Was gäbe es Besseres?“
„Ich liebe dich!“ schrie die Stimme des besessenen Mannes über ihr.
Die Frau barg den Kopf in ihre Hände. Sie hörte dieses eingestehende Wort zum erstenmal aus dem gewaltsamen Mund. Ertränkend wogte unter ihm der Rausch des Blutes durch ihr Gemüt, das sich von der Welt fort in die Schlucht eines Gefängnisses verloren hatte, aus dem es kein Hinaus mehr gab.
Ihr Leben war tot. Ihr Blut aber lebte in einer starren Grellheit, in einer künstlichen, furchtbaren und geisterhaften Entzündung an der Gewalt dieses Mannes und brannte durch ihre tote Seele wie eine Flamme durch verschlossene Türen. Sie brannte, und es gab nichts mehr zu verbrennen. Wovon lebte die Flamme?
Mabuse verließ die Frau, ohne ein weiteres Wort gesagt zu haben. Ich habe ihr genug gesagt! sprach er bei sich.
Er legte sich zu Bett, fand keinen Schlaf. Es war, als sei etwas Neues in sein Leben gekommen, das so unveränderlich geschienen hatte. Es war, als habe die Gefahr, die er schon mit der Hand anfassen gekonnt, in dem dunkeln, kalten Loch aufgewühlt, von dessen Grund er sein Leben und seine Taten wie aus einem Brunnenschacht heraufzog. Stundenlang quälte er sich, dies Neue zu fassen, in sich einzuordnen. Es entwich ihm.
Da ging er zu der Frau zurück, die schlaflos und in Kleidern auf dem Bett lag.
Er sagte ihr: „Wir müssen uns aussprechen! Unsere Schicksale sind ineinandergelaufen, und wir müssen sie durch unser Leben weitertragen. Ich habe aus irgendeinem Brunnen meiner Abstammung einen Schuß ins Blut bekommen, der mir ein Leben in der staatlichen Ordnung einer Gemeinschaft unmöglich macht, in der Kräfte über meinen Kräften stehen. Ich bin deshalb so etwas wie ein Räuberhauptmann geworden. Ich kenne nur zwei Dinge: Herrschenwollen und Hassenmüssen! Seit diesem Tag kommst du dazu. Ich dachte anfangs: die verbrennt mit in den zwei Flammen meines Gemüts. Es ist aber nicht wahr. Hundert sind drin verbrannt. Du nährst dich davon. Dir ist es Speise. Wenn ich betrunken bin und den Haß nicht vergessen, aber etwas beiseitestellen kann, weil es dann schönere Dinge gibt, nenn’ ich dir oft den Namen: Eitopomar.
Eitopomar ist kein Weindunst. Es ist ein Urwald in Brasilien. Er ist hoch im Land drinnen. Er wird für mich gerodet. Alles Geld, was ich hier dieser nichtigen Gesellschaft von Jammerkerlen abnehme, lege ich dort an. Dort entsteht mein Land. Dort will ich mein Leben beschließen. Erst dachte ich: mit meinem Harem! Jetzt weiß ich aber: mit dir! Vierzig Tage muß man reiten, bis man zur nächsten Wohnung von Menschen kommt. Und auch das sind welche, die es hier nicht aushielten. Man kommt aber nie hin, weil die Botokuden einen nicht durchlassen. Es ist möglich, daß meine Agenten, die das Geschäft geordnet haben, mich betrügen, und daß, wenn wir hinkommen, es kein Fürstentum Eitopomar gibt. Aber um dich betrügt mich niemand!
Meine Lebensart hier hat inzwischen zu ausgedehnte Kreise gezogen, als daß ich noch viel länger neben und unter der Ordnung und Macht des Staates und der Gesellschaft mich erhalten könnte. Ich habe heut den Beweis bekommen, daß man mir auf der Spur ist. Es gilt von nun an also Vorsicht.
In Genua wird für mich ein Schiff gebaut. Ich fahre nicht auf fremden Schiffen. Ich bin mein Fürst. Das Schiff ist am ersten Juni abzuliefern. In der Nacht vom ersten auf den zweiten Juni schiffen wir uns ein. Aber bis dahin sind es fast noch zwei Monate. Ich kann nicht ruhen. Ich werde bis zu der Nacht unserer Abreise Räuberhauptmann sein.
Wir wollen klug sein. Du beziehst eine andere Wohnung. Sie ist so sicher wie diese hier. Aber wenn sie mir diese hier ausspionieren, fangen sie dich. Ich bin in der Lage, mit aller Wahrscheinlichkeit zu entkommen. Morgen um Mitternacht siedelst du um. Spoerri führt dich hin.“
Ohne Widerstand, ohne Beteiligung ihrer Sinne, verzehrt von der Flamme dieses über sie hereingebrochenen männlichen Willens nahm die Gräfin Worte und Befehl hin ... Schicksal.
*
Um neun Uhr war Dr. Mabuse beim Grafen Told.
Mabuse, wo er zur Flucht sich jede Stunde bereithalten mußte, wollte jetzt mit dem Gräflein abschließen.
Er nötigte ihn zum Trinken. Das tat Told seit einigen Tagen mit einer düsteren Leidenschaft. Schweigend sah Mabuse zu. Als Told betrunken war, sagte ihm der Arzt: „Sie sind ein durchaus widerstandsloses Individuum. Wo haben Sie Ihr Rasiermesser?“
Told zeigte lallend auf den Waschtisch.
„Ist es geschärft?“ fragte Mabuse mit einem lastenden Nachdruck. „Scharf genug?“ fragte er nochmals mit einer Betonung, so scharf, als wollte er dem Grafen die Frage durch die Kopfhaut einschneiden.
Mabuse nahm es in die Hand, ergriff einen Papierbogen und schnitt einen scharfen Riß hinein. Drohend sagte er dann: „Es ist scharf genug. Ja!“
Darauf legte er das Messer zurück, schob es aber nicht mehr ins Etui. Er rief den Diener herein und sagte ihm: „Der Zustand des Herrn Grafen hat sich verschlechtert. Der Herr Graf trinkt Kognak und Tokaier. Gegen einen leichten Mosel hätte ich nichts einzuwenden. Aber diese schweren Spirituosen sind nicht erlaubt. Entfernen Sie, was der Graf übriggelassen hat. Der Herr Graf will ... sich ... zur Ruhe ... begeben!“
Das sprach er mit einem auseinandergezogenen, befehlshaberischen Ton. Er ging dann vor dem Diener aus dem Zimmer und verließ das Haus.
Eine halbe Stunde später durchschnitt sich der Graf Told den Hals. Er wußte nicht, was er tat. Er hatte die Empfindung, als hindere etwas in seinem Hals ihn an einem unerhörten Glück. Er wollte nur dieses lästige Hindernis entfernen.
Um zwei Uhr kam ein Bote Mabuses, um sich nach dem Befinden des Grafen zu erkundigen. Der Diener sagte, er schlafe. Aber er wollte lieber noch einmal nachschauen. So fand er ihn blutbesudelt, vom Sessel auf den Boden gerutscht, kalt schon und tot. Der Bote des Arztes kam ins Zimmer, sah die Leiche und ging.
Der Diener wußte nicht, was er tun sollte. Er hatte die Meinung, da keine Verwandten des Grafen in der Nähe waren und die Adresse der Gräfin ihm unbekannt war, er müsse den Selbstmord zuerst der Polizei anzeigen. Dann wußte er aber wiederum nicht recht, an welches Amt man solche Meldungen zu geben hätte, und es fiel ihm ein, daß der Staatsanwalt von Wenk ja ein Bekannter des Grafen gewesen sei und als letzter ihm nachgefragt hatte. Er fuhr nach München, suchte den Staatsanwalt auf und erzählte.
„Ist der Herr Graf denn immer zu Hause gewesen?“ fragte Wenk.
„Ja, immer!“
„Weshalb sagten Sie mir denn damals, der Herr Graf sei ohne Adresse verreist?“
„Der Arzt hatte mir befohlen, im Interesse des Zustandes des Herrn Grafen niemanden zu ihm zu lassen und alle Anfrager mit dieser Antwort abzuweisen. Der Herr Graf empfing niemanden als den Arzt.“
„Wie hieß der Arzt?“
„Sein Name wurde nie genannt. Ich weiß es nicht!“
Da erinnerte sich Wenk, daß der Geheimrat Wendel ihm doch den Brief an den Dr. Mabuse gegeben hatte, und daß der Graf an seinem eigenen Fernsprecher jenem telephoniert und mit ihm eine Zusammenkunft abgemacht hatte.
Wenk zitterte, als er, von den Schauern eines unerhörten Verdachtes gestreift, dem Diener das Bild des Dr. Mabuse, wie er es von dem Vier-Jahreszeiten-Saal her in der Erinnerung hatte, vorzeichnete: ein großer Mann, etwas vorgebeugt, glatt rasiert und geschoren, ein breites Gesicht mit einer großen Nase und grauen großen Augen.
Wie der Diener sagte: „Ja, genau so sah er aus,“ wurde Wenk aschfahl. Mit einem Schlag sammelten sich auseinanderliegende Eindrücke ... nur angeflogene Vorstellungen, halb angedachte Gedanken, Bilder, die sich verschleiert, aber nicht verloren hatten ...
Weshalb hatte der Dr. Mabuse, als Wenk den Saal räumen ließ, nicht gefragt, zu welchem Zweck das geschehe? Nicht gefragt, ob er nicht nach der vollbrachten Durchsuchung die Experimente wieder aufnehmen könnte? Weshalb hatte Wenk, der doch den bekannten Rücken hatte in den Saal gehen sehen, ihn drinnen nicht wieder zurückgefunden? Weshalb hatten die zwei Männer, die der Anordnung, davonzugehen, nicht folgen wollten, mit dem Augenblick, wo Mabuse aus dem Saal trat, dem Beamten plötzlich gehorcht? Weshalb hatte das Auge dieses Mabuse, so kurz er hineingeschaut, so eindringlich in ihm nachgewirkt, als suche es etwas, was verschollen oder nicht aufgefunden tief in seinem Innersten lag?
Er entließ den Diener.
Er suchte die Adresse des Dr. Mabuse im Telephonbuch nach. Sie stand nicht darin. Aber Mabuse hatte ein Telephon; denn der Graf hatte ihn ja von hier aus angerufen. Der Geheimrat Wendel wußte die Nummer.
Als jedoch Wenk, nachdem er sich bei Wendel erkundigt, die Nummer anrief, meldete sich niemand. Er fragte auf dem Auskunftsamt des Fernsprechers nach und hörte, die Nummer sei aufgehoben.
Wer denn die Nummer bis vor drei Wochen gehabt habe?
Das ließ sich so schnell nicht feststellen.
Wenk fragte nochmals Wendel an. Dr. Mabuse habe seine Rufnummer geändert. Ob er seine Adresse kenne? Nein, die kannte Wendel nicht. Er habe von Mabuse nur die Rufnummer gehabt und stets telephonisch mit ihm verkehrt.
Auf dem Meldeamt der Polizei fragte Wenk nach der Adresse des Dr. Mabuse.
Man fand diesen Namen nicht unter den in München angemeldeten Personen.
Auf dem Fahndungsamt ließ Wenk alle alten Telephonbücher nach dem Namen Mabuse durchsuchen. Nirgends wurde dieser Name gefunden.
Da ging Wenk zum Direktor des Fernsprechamts, um die Nachforschungen dort zu beschleunigen. Der Direktor führte ihn ins Auskunftsbureau. Dort waren zwei Fräulein. Die bat er nachzusuchen, worum er schon telephonisch gebeten hatte.
„Was wollten Sie wissen?“ fragte die eine ältere der Damen.
Die Adresse des Dr. Mabuse, der vor drei Wochen unter einer Nummer, die nicht im Telephonbuch stand, in München angeschlossen gewesen sei.
Das Mädchen sagte, es lasse sich nichts finden.
Mit diesem Bescheid ging Wenk zum Direktor zurück. Der Direktor sagte, das sei ganz ausgeschlossen, und begleitete Wenk selber zu dem Bureau mit den beiden Damen. Er schaute zusammen mit ihnen nach und fand nichts.
Aber während der Direktor sich so vergeblich über die Listen beugte, kam Wenk ein Einfall.
Als der Direktor ihm meldete, ein Dr. Mabuse sei im Laufe dieses Jahres überhaupt nicht in München angeschlossen gewesen, bat Wenk, dann nachzuschauen, unter welcher Nummer und Adresse ein Mann namens Poldringer eingetragen sei. Da sah er, wie die ältere der Frauen aufzuckte und sich gleich wieder beherrschte. Doch einen Augenblick später sagte sie ihm grob, Poldringer gebe es viele in München, und ohne Vornamen und genaue Adresse könne sie nichts sagen.
Wenk wandte sich an den Direktor: „Herr Direktor, es tut mir leid, Ihnen die Unannehmlichkeit bereiten zu müssen: ich verhafte diese beiden Damen!“
Er trat gleich zwischen die Frauen und die Weckapparate. „Bitte nehmen Sie Platz auf diesen beiden Stühlen, bis die Beamten kommen. Sie hier, Fräulein, Sie dort!“
Das eine der Mädchen wurde kreideweiß. Das andere errötete zuerst und begann dann zu weinen.
Wenk sagte, mehr zu ihm gewandt: „Es ist nur eine Formalität. Sie werden mir durch Ihr Benehmen ermöglichen, die Angelegenheit ohne Aufsehen sich entwickeln zu lassen, und es ist wahrscheinlich, daß Sie nicht lange ohne Aufklärung bleiben!“ Dann rief er die Kriminalpolizei an und erbat sich drei Beamte.
Der Direktor sah die Listen nach Poldringer durch. Unter diesem Namen waren mehrere Eintragungen. Die meisten waren Geschäftsleute. Ein anderer ohne nähere Bezeichnung wohnte Xenienstraße und ein zweiter ohne Berufsangabe Ludwigstraße.
Die Mädchen wurden fortgeführt. Wenk ging zur Ludwigstraße. Er kam in ein Mietshaus, sah sich die Umgebung und das innere Haus an und ging weiter zur Xenienstraße.
Ihm blieb das Herz stehen, als er in der Xenienstraße an dem Haus, dessen Nummer unter dem Namen Poldringer im Telephonamt angegeben worden war, das Marmorschild sah:
Dr. Mabuse
Psychopathologische Behandlung.
Er eilte davon, den Kopf zwischen den Schultern. Er merkte sich nur rasch die Nummern der gegenüberliegenden Häuser. Die Straße bestand nur aus freistehenden Villen.
Das Blut trommelte in seine Augen. Das Herz blies Posaunen, in seinen Ohren war Geschützbrausen. Er hatte den Verbrecher. Nein, er hatte ihn noch nicht. Er kannte ihn nur!
Bevor er Weiteres tat, fuhr er zum Gefängnis. Denn die Frist, die die Carozza erbeten hatte, war um, und was sie ihm nun mitteilen sollte, konnte ihm die letzten Sicherungen auf das Glücken des Werks geben.
*
Am frühen Morgen dieses Tages, als der Wärter im Frauengefängnis die erste Runde zu machen hatte, wurde die Tür zur Zelle der Carozza geöffnet. Die Carozza schlief noch. Sie wurde geschüttelt, und als sie rasch erwachte, sah sie den Wärter über sich gebeugt. Aber es war nicht der Wärter, es war Spoerri. Doch nein, sie träumte. Sie war doch im Gefängnis. Wie kam Spoerri an ihr Bett? Sie wollte die Erscheinung wegwischen. Doch ihre Hand blieb am Gesicht hängen. Da erhob sie sich entsetzt. Sie erwachte sofort ganz. Ja, es war Spoerri. Er sagte: „Du weißt, ich stehe mit dem Wärter im Bund!“
Die Carozza nickte.
„Damit wirst du auch wissen, daß er mir gesagt hat, was gestern hier zwischen dir und dem Staatsanwalt vor sich ging.“
Die Frau fragte fahrig: „Was war das denn?“
„Daß du den Doktor verraten willst!“
Die Carozza sprang aus dem Bett. „Wer sagt das?“ schrie sie.
„Bitte nicht schreien. Der Wärter sagte es.“
„Es ist nicht wahr!“
„Der Wärter hat kein Interesse zu lügen!“
„Hat er dem Doktor es gesagt?“ fragte angstvoll die Carozza.
Da log Spoerri: „Ja, der Doktor schickt mich zu dir, natürlich!“
„Es ist nicht wahr!“ rief, dem Weinen nahe, die Carozza. „Ich wollte ihn retten!“
„Kannst du das beweisen?“
„Ich wollte ihn retten. Spoerri, er ist bedroht!“
„Er ist immer bedroht. Das ist Unsinn. Kannst du beweisen, was du sagst?“
Die Carozza erzählte heftig, was zwischen ihr und dem Staatsanwalt vorgegangen war. Spoerri entgegnete gleichgültig: „Ich meine, so beweisen, daß nichts mehr daran zu tüfteln ist? Rasch, bitte. Ich muß in fünf Minuten aus dem Flur heraus sein.“
„Was soll ich tun, daß der Doktor mir glaubt?“ fragte entsetzensvoll die Carozza.
„Der Doktor ist sehr in Sorge, muß ich dir sagen. Er hatte so was nicht von dir erwartet.“
„Nein, nein,“ stammelte fassungslos die Carozza. „Wie soll ich beweisen ... wie soll ich ... Du weißt doch, Spoerri ...“
Da zog Spoerri mit einem feinen Lächeln ein Fläschchen aus der Tasche. „Da drin“, sagte er, „liegt der Beweis.“
„Wo?“ fragte Carozza aufgelöst.
„Hier drin, meine Liebste, nicht wahr?“
„Ich verstehe dich nicht,“ sagte die Carozza.
„Ho, das brauchst du auch nicht. Nur zu trinken, weißt du, bloß ein Schlückchen. Dann glaubt dir der Doktor aufs Wort.“
Da sah die Carozza das Fläschchen entsetzt an. „Was ist es?“ stotterte sie.
„Ein Himmelstränkli, meine Liebe. Tut nicht im mindesten weh. Vom Doktor selber gebraut. Aber wirf es noch rasch zum Fenster hinaus! Ich mache dir das Fenster schon auf. Vergiß das nicht! Aber ganz rasch, nicht wahr? Sofort werfen! Denn ohne die Flasche merkt kein Mensch, was dir geschah. Ja, das erwartet der Doktor. Das ist dann ein Beweis, an dem nichts mehr zu tüfteln ist. Im übrigen, du kennst uns ja. Selbst ist der Mann ...“
Dabei hob er ein Messer aus der Tasche und spielte leichthin mit ihm. Er warf es an die Tür, und es blieb mit der Spitze wagerecht darin stecken. Er riß es zurück und sackte es wieder ein.
„Siehst du,“ sagte er. „Aber nun muß ich. Also auf Wiedersehen!“
Er wollte gehen. Die Carozza sprang ihm nach und krallte sich an sein Bein an. Sie sank in die Knie. Sie schluchzte: „Ich bin doch jung. Ich lieb’ doch das Leben. Ich habe ihm doch genützt. Ich hoffte befreit zu werden. Von ihm. Wenigstens befreit, wenn er mich schon nicht lieben kann.“
„Na ja,“ sagte Spoerri, „aber wie gesagt, er fühlt sich seitdem beunruhigt. Du kannst es ja halten, wie du willst.“
Die Carozza: „So befrei’ du mich von hier. Ich werde es ihm tausendmal beweisen, daß er meiner sicher sein kann. Ich gebe mein Leben für ihn ...“
„Bitte!“ warf Spoerri roh hinein.
Aber die Frau, losgelassen: „Was bin ich denn? Ein Schatten, der hinter ihm hergeht und sich vor ihm verbirgt, ohne sich von ihm trennen zu können. Tausendmal ... tausendmal ... Befrei’ mich ...“
„Und wenn wir dabei erwischt werden, hängen wir beide, hat er gesagt. Und wer weiß, ob sie dann nicht auch an ihn kommen.“
Da war die Carozza auf einmal gefaßt und sagte: „Gut, es ist wahr! Geh! Und sage ihm ... Nein, du brauchst nichts zu sagen. Ich will dann ja nichts mehr von ihm ...“
Spoerri ging rasch. Das Fläschchen blieb in der Hand der Carozza. Es war an ihren fiebrigen Fingern warm geworden. ... Er glaubt mir nicht, sagte sie zaghaft. Der Doktor glaubt mir nicht mehr. Sonderbar — gibt es für irgend etwas auf der Welt mehr Beweise als dafür, daß meine Gedanken ihm treu waren? O, dies Leben, dies schmutzige, unverständliche, zerstörende Leben! Dies furchtbare Leben! ...
„Komm!“ sagte sie zur Flasche. „Nein, daran brauchst du nicht mehr zu tüfteln, du ... Mann! Du süßer Mörder! Du Erwürger ... Scheusäligkeit, Seligkeit, du ...“
Das schrie sie.
Dann erschrak sie vor ihrem Schreien, als ob sie damit das geliebte Leben in Gefahr bringen könnte. Sie riß den Stöpsel vom Fläschchen, und mitten in der Zelle stehend, trank sie, warf einen Augenblick darauf die Flasche in das feurige Fensterloch, in das der Morgen der freien Welt draußen wie die Mündung einer losgehenden Kanone hereinschoß ...
*
Wenk stand vor dem Verwalter des Gefängnisses. „Ja, Herr Staatsanwalt, wir haben Sie leider nicht verständigen können. Sie waren nicht zu erreichen. Ein Herzschlag scheinbar, sagt der Arzt. Sie lag heute früh tot in der Zelle.“
Wenk ging zwischen Enttäuschung und Grauen in die Zelle. Sie war leer. Die Pritsche noch unaufgeräumt. Die Kleider der Carozza lagen auf einem Schemel. Wenk sah sich um und wollte wieder gehen. Da war ihm, als habe auf dem Fenstergesims etwas aufgeleuchtet. Er trat zurück, untersuchte das Fenster und fand einen kleinen Glasscherben, der gerundet war und einen starken Geruch ausströmen ließ. Wenk stieg auf einen Stuhl. Draußen fand er noch einen Splitter. Er ging in den Hof hinab, und bald hatte er die Überreste des Fläschchens zusammen. Es hatte sich an einem Eisenstab des Gitters zerschlagen. Wenk ließ die Glasreste untersuchen. Es waren Spuren von Giften daran.
Er ging zu Fuß nach seiner Wohnung zurück. Ein neues Opfer, sagte er ununterbrochen. Ein neues Opfer ... Dann, auf dem Wort Opfer weiterspielend: Ein wirkliches Opfer. Denn diese hat sich selbst geopfert! Das fühlte er. Diese Dirne war als ein Opfer ihrer Liebe gestorben. Sie hätte mir doch nichts gesagt, ahnte er nun. Sie wollte mich bloß irreführen, um Zeit zu haben, jenen zu warnen. Ich habe kein Glück bei Frauen.
Er war tief ergriffen. Weshalb, fragte er sich, sind diese starken Seelen immer nur auf der andern Seite zu finden? Immer beim Bösen? Und als am nächsten Tag die Carozza begraben wurde, stand er als einziger Leidtragender am Grab. Langsam nur fand er sich zur Arbeit zurück.
Aber dann war er Hals über Kopf in sie hineingesunken. Er stellte Pläne auf, den Dr. Mabuse in seinem Hause zu fangen. Das erste, was zu geschehen hatte, war, daß man auskundschaften mußte, wann ganz sicher jener sich in seinem Hause befand. Dann mußte man wenigstens sich die beiden Hauptleute sichern, parallel in der Xenienstraße und in Schachen vorgehen, keine Zeit lassen, daß einer den andern benachrichtigen konnte.
Die Vorbereitungen mußten bis aufs äußerste ausgearbeitet werden. Und dann mit einer Überrumpelung, die nicht länger als drei Minuten dauern durfte, losgeschlagen werden. Denn ein Mann, der mit einer solchen Kühnheit mitten in der Stadt bis in die Domäne der staatlichen Justiz hinein solche Verbrechen durchführen ließ, hatte sich in seinem Hause gegen Überfälle aufs beste gesichert. Das war unumstößlich.
Über diesen Vorbereitungen verging Zeit.
Zuerst mußte sich Wenk eine der beiden gegenüberliegenden Villen als Beobachtungsposten sichern. Er nahm dazu die Hilfe des alten Hull in Anspruch. Er fuhr gleich zu ihm.
„Können Sie mir einen großen Dienst leisten?“ fragte er. „Lassen Sie durch einen Vertrauensmann in einer der Villen Nr. 26 oder 28 in der Xenienstraße ein Stockwerk oder besser die ganze Villa mieten. So wie sie ist. Es muß übermorgen beziehbar sein. Kosten spielen keine Rolle. Ich brauche das Haus für zwei oder drei Wochen. Das Frühjahr ist da. Vielleicht wünscht eine Partei eine kleine Reise zu finanzieren.“ Hull begab sich gleich ans Werk.
Von Lindau erbat Wenk den sofortigen Besuch des Kommissars von der Straßenwalze. Der Kommissar kam mit dem Schnellzug um elf Uhr nachts.
„Herr Kommissar, die Sache ist reif!“ sagte ihm Wenk. „Sie müssen sich bereithalten, in jedem Augenblick loszuschlagen. Ich überlasse Ihnen den Plan. Sie haben ja reichlich Zeit gehabt, die Geographie und die Gelegenheiten kennen zu lernen. Nur müssen Sie mit dem Augenblick des Eintreffens meines Befehls: Villa Elise verhaften! was gehst du, was hast du, vom Leder ziehen. Tot oder lebendig. Man wird ein zweites Boot auf den See legen. Für die Landseite verdoppeln Sie die Zahl Ihrer Leute. Die Straßenwalze führen Sie fort. In Schachen beginnt jetzt die Frühjahrssaison. Halten Sie sich mit sechs bis acht Mann als Strandgäste dort auf!“
Um sieben Uhr am andern Morgen reiste der Kommissar zurück.
Um elf Uhr kam der alte Hull mit einem Mietsvertrag für die Villa 26 in der Xenienstraße. „Es wohnt ein junges Paar da,“ sagte er, „dem mein Vorschlag, wie es scheint, sehr zu recht kam. Sie wollten nach der Schweiz, wo die Eltern wohnen, und hatten nur vor der Valuta zurückgeschreckt. Ich bot ihnen fünftausend Mark für den Monat. Diese werden sie in Franken umwechseln. Ich schädige unsere Valuta ...“
„Aber Sie nützen der Heimat, Herr Hull! Sie werden sich bald davon überzeugen,“ sagte Wenk.
„Sie können von heute abend sechs Uhr an die Villa beziehen!“
Um sechs Uhr hielt Wenk in der Kleidung eines grünen Radlers seinen Einzug in die leere Villa. Er ließ das Rad draußen stehen und suchte sich gleich ein Fenster aus, das ihm paßte. Er war ganz allein im Haus. Er verdeckte sich hinter einem Spitzenvorhang und schaute auf die Straße.
Das erste, was er sah, war, nachdem er so eine Viertelstunde Posten gestanden hatte, daß jemand das Rad draußen stahl und damit fortsauste. Er hatte niemals einen Verbrecher bei der Tat gesehen. Dies Letzte seines Berufs war ihm erst heute vergönnt. Er leitete es als eine gute Vorbedeutung in sein Gemüt und lachte über die komische Hast, mit der der Dieb Umschau hielt, aber schon auch das Rad zwischen den Schenkeln hatte.
Er überblickte zwei Stunden lang in einem Stück die Haustür und die Gartentür, die Fenster, das Dach der Villa Mabuses. Kein Mensch kam noch ging. Wenk blieb bis Mitternacht. Nichts! Er schlief am Fenster ein, wachte wieder auf, schaute und schlummerte wieder ein bißchen und erwachte dann erst, gerädert, im hellen Morgenlicht.
Wenks Diener als Ausläufer von Oberpollinger brachte ihm das Frühstück.
Es wurde ein langer Tag. Wenk zog sich den Fernsprechapparat ans Fenster und rief mehrere Bekannte und Ämter an.
Endlich, abends sechs Uhr, hielt gegenüber ein Auto. Kaum hielt es, so fuhr es wieder an und davon. Ein Herr schritt auf die Haustür zu. War es aber Mabuse? Nein — denn es war ein alter Herr, der die unverkennbaren Schritte eines Tabetikers machte. Vielleicht ein Patient.
Dann sah Wenk bald darauf einen Kaminfeger das Haus verlassen. Der Kaminfeger ging rasch und lustig, eine Zigarette hoch in die Luft dampfend. Wenk hatte den Kaminfeger nicht ins Haus hineingehen sehen. Das war ein Zufall gewesen. Der alte tabetische Herr blieb lange. Wartete er so lange auf den Arzt? Oder war es ein Helfer Mabuses? Das war zweifelhaft. Aber es durfte nichts überstürzt werden.
Die Dämmerung waltete bereits stark, als ein Mann mit einem Paket drüben an der Haustür klingelte, die mit einer überraschenden Schnelligkeit sich öffnete. Nach einer halben Stunde kam dieser Mann wieder heraus.
So ging es noch einmal. Auch in der Nacht kamen und gingen ab und zu Menschen. Dasselbe wiederholte sich am nächsten Tag.
Am dritten Tag wurde Wenk in der Frühe angerufen. Es war sein Diener. Die Kriminalpolizei habe ihm etwas Wichtiges mitzuteilen. Es sei in der Nacht etwas in einem Spielsaal vorgefallen. Ob er einen Beamten zum Berichte wünsche?
Ja, er solle nur in irgendeiner Lieferanten-Uniform kommen.
Der Beamte kam eine halbe Stunde später, als Telephonarbeiter gekleidet, und berichtete: Gestern nacht kam ein junger Mann auf die Wache und erzählte, in dem geheimen Spiellokal von Schmitz hätten sie Bakkarat gespielt. Ein alter Herr, der zweifellos Tabetiker sei, habe mitgespielt und immer verloren. Als es drei Uhr morgens war, habe der alte Herr einen Wutanfall bekommen, habe etwas gerufen, und da seien auf einmal drei Männer, die mitgespielt hatten, auf den Tisch gesprungen. Mit vorgehaltenen Revolvern hätten sie „Hände hoch!“ gerufen. Ein vierter sei dann von Mann zu Mann gegangen, habe das Geld vom Tisch und alles Geld aus den Taschen der Mitspieler genommen. Ihm hätten sie zwölftausend Mark geraubt. Den alten Herrn aber hätten sie ruhig gelassen. Der sei dann aufgestanden und sei fortgegangen und war auf einmal ganz gesund. Zwei von den Räubern haben ihn hinausbegleitet. Die andern haben den Rückzug gedeckt. Draußen hatten die Räuber zwei Automobile.
Diese Meldung erregte Wenk.
Seinen Plan störte das Ereignis nicht. Im Gegenteil zeigte seine Verwegenheit, daß Mabuse sich sicher fühlte. Aber Wenk hing hier in dem fremden Haus an der Gardine wie eine schlafende Fledermaus, und der Verbrecher ging in der Stadt seine Wege mit einer Kühnheit, als habe er niemanden und nichts zu fürchten.
Er nahm sich sein Recht. Wie konnte es anders sein, wenn er, der Staatsanwalt, der damit betraut war, ihn zu fangen, sich hier an die Fenstervorhänge klebte!
Wenk verließ kurz entschlossen seinen Posten und kam erst abends zurück. Er hatte den Befehl gegeben, die Laterne vor Mabuses Haus zu löschen, indem man die Scheibe einwarf und den Glühkörper zerstörte.
Es war eine dunkle Nacht. Wenk schlich sich in den Garten der Mabuse benachbarten Villa, sobald sich deren Fenster verdunkelt hatten. Er hatte einen Behälter mit geschwärztem Mehl bei sich. Er kletterte über den Zaun in Mabuses Grundstück, schlich vorsichtig zum Gartenweg und verteilte das Mehl in einer dünnen Schicht über ein Stück des kurzen Dammes zwischen Gartentür und Haus. Darauf eilte er über den Zaun in den Nachbargarten zurück und von dort in seine Nummer 26.
Eine halbe Stunde später verließ jemand das Haus Mabuses. Wenk erkannte nichts von der Person.
Anderthalb Stunden nachher kamen Schritte in der Straße unter seinem Fenster vorbei. Er sah einen Mann, der Soldatenuniform trug. Der Mann ging plötzlich zum Haus Mabuses hinüber. Er verschwand in dessen Tür.
Wenk stieg wieder hinab und klemmte sich wieder in einen Busch der Mabuse benachbarten Villa. Nach einer langen Weile hörte er Mabuses Tür gehen. Er sah im Sternenschein, daß eine ältere, beleibte Dame das Haus verließ. Sie ging auf die Straße. Fast im selben Augenblick tauchte dort ein Auto auf. Die Dame stieg rasch hinein, und das Auto jagte davon.
Wenk überkletterte wieder vorsichtig den Hag, der zwischen ihm und Mabuses Garten war, kroch auf allen vieren über den Rasen zum Weg, den er mit dem Mehl bestreut hatte, und beleuchtete eilig mit einer kleinen elektrischen Taschenlaterne den Boden. Da sah er, daß die Sohlenabdrücke von allen drei Personen von genau denselben Schuhen herrührten.
Also, der zuerst herausgekommen war, der Soldat und die Dame waren ein und derselbe Mensch. Und gestern und vorgestern, ging es Wenk auf, der Kaminfeger, der Tabetiker, der Mann mit dem Paket ... alle dieselbe Person und alle — Mabuse!
Wenk blies vorsichtig den Mehlstaub fort.
Diese Nacht mußte die Entscheidung bringen. Sturmtrupps der Polizei lagen auf den beiden nächsten Wachen bereit. Sie waren gerüstet, in jeder Sekunde aufzubrechen. Wenn Wenk Mabuse sicher im Hause wußte, eilte er in seine Nr. 26 hinüber, rief an, und drei Minuten später konnten die Polizisten das Haus Mabuses umstellt haben. Das Sprengen der Tür kostete eine halbe Minute. Sechs Mann blieben draußen und umstellten in drei Minuten das Haus. Sechs stürmten mit ihm hinein. War Mabuse in seiner Hand, flog der Befehl nach Schachen.
Wenk schlich rasch in den Nachbargarten zurück. Er legte sich flach auf die Erde und wartete. Die Erde atmete die Wärme, mit der sie sich aus dem Spätfrühjahrstag vollgesogen hatte, um seinen Leib. Er spürte die Kraft des Bodens. Und in einem Gefühl der höchsten Spannung, jetzt, zwei Stunden, eine Stunde, vielleicht nur Minuten vor dem Gelingen seines Werkes, war ihm, als durchbrauste eine Musik, in der alle Geheimnisse des Menschenblutes tobten, sein Herz. Tränen füllten seine Augen. Mit Liebkosungen suchten seine nackten Finger den dunstenden Erdboden. Es war ihm, als fühlte er das entblößte Herz der Menschheit, für die er sein Leben aufs Spiel setzte.
Sein Entschluß war, hier zu liegen und zu warten, bis Mabuse in irgendeiner Verkleidung zurückkam. Er konnte nicht mehr fehlgehen. War jener drinnen ... wie in einer Mausefalle drinnen im Hause ... so eilte Wenk hinüber und rief seinen Befehl in den Fernsprecher.
Aber bevor es soweit war, sollte er noch eine Erfahrung machen, die ihm das Herz still stehen und einen Schrei in seinen Mund treiben ließ, durch den er sich beinahe verraten hätte. Ein Auto kam die Straße herauf. Es hielt mit einem schreienden Ruck vor Mabuses Gartentür. Aber niemand stieg aus. Nein, die Tür Mabuses öffnete sich, und es kam jemand die Stiegen herunter, und als dieser Mensch ins Licht der Scheinwerfer trat, sah Wenk, daß es die Gräfin Told war.
Wenn er nicht im selben Augenblick seinen Mund in den Erdboden gepreßt hätte, wäre sein Schrei gehört worden.
Das Auto raste den Weg zurück, den es gekommen war. Frauenräuber! Gattenmörder! tobte Wenks Blut auf.
Das also war das Geheimnis vom Tode des Grafen Told! Ein Teufel und ein Werwolf! rief es durch ihn.
Wenk fühlte auf einmal die Kühle der Nacht unter seinen Kleidern. Er zitterte. Bekam er Fieber vor der letzten Minute? Er kämpfte alles in sich nieder. Er hörte in der Stille der Nacht sein Blut wie einen Wasserfall am Trommelfell rauschen; so war er mit aller Energie auf der Lauer und lauschte dem, was kommen sollte.
Es schlug zwölf Uhr. Ihm war, als bebte die Stadt vom Schlag der Glocken. Als müßte dieser Glockenschlag in das unbekannte Haus eindringen, in dem irgendwo gerade das Scheusal war, und jede Tonwelle werde ein wogendes Messer, das ihn zerfleischte.
Der Glockenschlag der Mitternacht ging vorüber. Ein Schritt hallte nah oder fern. Wenk konnte es nicht unterscheiden. Von der Stille und der erwartenden Gespanntheit trommelten seine Ohren laut.
Auf einmal kreischte die Gartentür. Im Sternenlicht war eine breite weiße Hemdenbrust zu sehen. Sie leuchtete. Ein Mann kam rasch auf die Haustür Mabuses zu ... und in dem einen Augenblick, wo vor dem Öffnen der Tür die Gestalt des Mannes da oben stand, erkannte Wenk trotz der Dunkelheit ganz genau, daß diese Gestalt der Dr. Mabuse war.
So schloß sich das Netz.
Wenk wartete drei, vier Minuten. Stürzte die Stadt nicht ein in diesen etlichen Minuten? Quoll das Pflaster nicht auf? Tobte der Jüngste Tag nicht vom Himmel herunter?
Dann raffte er sich auf und, steif wie ein Blech, überkletterte er den Zaun auf die Straße und eilte hinüber zu Nr. 26. Er stürzte in der Finsternis hinauf, fiel an den Fernsprecher, rief die Nummer und dann an die Wache die Befehle, die er vorbereitet hatte. Er hatte nur die Straße und die Hausnummer zu nennen, die er bisher der Sicherheit wegen geheimgehalten hatte.
Ein Motorfahrer sollte gleich beim Eintreffen der telephonischen Meldung zur zweiten Wache. Unmittelbar nach ihm sollte das Auto mit der ersten Mannschaft ihm folgen, an der zweiten Wache mußten die vom Motorfahrer alarmierten Leute gleich auf das Auto und zusammen mit dem inzwischen angekommenen Fahrzeug der ersten Wache zu dem Haus rasen. So war es abgemacht.
Wenk hastete, nachdem er telephoniert hatte, wieder hinab. Er stellte sich in die dunkle Haustür und wartete darauf, den Klang der Automobile die Straße herauf zu hören. Verbrannte er nicht? Nein, er biß sich auf die Zähne. Er krampfte alle Muskeln. Er mußte kalt und hart sein. Stahl! Stahl! Stahl!
Er brauchte nicht lange zu warten.
XVII
Das Haus wurde von den dazu bestimmten Polizisten umzingelt, während Wenk an der Spitze der andern zur Haustür hinaufeilte und auf die Klingel drückte.
Doch schon war die Sprengbombe bereitet.
Mabuse war noch nicht zu Bett gegangen. Der Lärm, der unerwartet die Straße erfüllt, hatte ihn an die Luke getrieben, die in einem der geschlossenen Läden über der Haustür angebracht war. Er sah im ersten Blick: es war die Polizei!
Er erschrak nicht. Er sammelte sich nur. Aus allen Geweben und Gefäßen zog er die Kraft, die ihnen innewohnte, in sein Hirn. Er befand sich vor einem Augenblick, den er Tausende von Malen sich selber vorgeschildert hatte.
Während er das Gesicht an den Spion hielt und sich nichts von dem entgehen ließ, was draußen im Licht der Scheinwerfer, die sein Haus von allen Seiten in Grellheit badeten, geschah, zog er eilig aus dem Schrank, den er, ohne seinen Posten zu verlassen, erreichte, eine Polizistenuniform heraus.
Er hörte die Hausglocke läuten.
In der Wand hatte er ein Telephon. Es war eine Leitung, die er zusammen mit Georg während einiger Nächte durch den Boden zu einer Villa gelegt hatte, die auf der Hinterseite mit seinem Grundstück zusammenstieß. Er drückte das verabredete Alarmzeichen auf den Wecker. „Spoerri?“
„Ja!“
„Die Polizei ist im Begriff, bei mir einzudringen. Fliehn Sie nach verabredetem Programm. Die Gräfin holen. Das neue Auto für mich bereiten. Zündung ausprobieren. Tauben nach Schachen! Schluß.“
Während er noch sprach, begann er eilig über seine Kleider die Polizistenuniform anzuziehen.
Da flog der Knall der Explosion durchs Haus, unter der sich die Haustür öffnete. Ein Stuhl flog um. Mit einem Satz war Mabuse im Flur.
Mabuse befand sich, als das geschah, im ersten Stockwerk. Dies Stockwerk war für sich gegen die Treppe abgeschlossen.
Hinter dem ersten Polizisten, der durch die Fetzen der Tür ins Haus drang, lief Wenk, einen schweren Revolver in der Hand. Er war betroffen von der Vornehmheit der Einrichtung. In einem verschwenderischen Reichtum waren die Täfelungen aus edeln Hölzern ausgearbeitet, mit den kostbarsten alten asiatischen Teppichen behängt. Er sah das im Laufen im ersten Blick.
Stumm wies er die, die hinter ihm kamen, die Treppe hinauf. Er selber und die dazu bestimmten Leute verteilten sich auf die drei Türen, die aus der untern Halle abgingen. Sie waren alle drei abgeschlossen. In einer Minute waren sie aufgesprengt. Die Polizisten sausten durch die Löcher in die Zimmer. Einer gleich an die elektrischen Lampen. Aber alle elektrischen Lampen waren ausgeschaltet.
Sechs Polizisten waren die Treppen hinaufgestürmt. Die Tür, die in den getäfelten Wänden des ersten Stocks diesen gegen das Treppenhaus abschloß, war offen. Die Männer stürzten hinein in einen dunkeln Flur. Sie hielten die Revolver vor. Sie durchwühlten mit den Spitzen ihrer Revolver die Gegenstände, die aus der Dunkelheit gegen sie ragten. Nirgends ging das elektrische Licht.
Es dauerte eine Weile, bis genügend elektrische Taschenlampen zur Verfügung standen. Dann waren im Nu alle Zimmer besetzt, und die Türen, die auf den Flur führten, schlossen die Beamten hinter sich ab. Sie zogen die Schlüssel heraus. Sie machten sich, als sie niemanden in den Räumen sahen, über die Kisten her und brachen sie mit den Äxten auf.
Mabuse lauschte dem Lärm, der sein sonst so schweigsames Haus wie eine Fabrik erschütterte.
Er hatte, als er sich das Haus einrichtete, neben die Tür, die ins erste Stockwerk hineinführte, in das Täfelwerk eine Kabine einbauen lassen. Ein Zimmermann, der zu seiner Bande gehörte, hatte ihm die Arbeiten gemacht.
Diese Kabine, durch eine Architektur, die von hervorragender Geschicklichkeit war, verbarg sich unsichtbar in der Raumausgestaltung des Flurs, von dem aus man hineinkam. Aber die Tür, die vom innern Flur in diese geheime Kabine ging, war so in die Verzierungen des Getäfels eingefaßt, daß niemand eine Öffnung dort vermuten konnte.
In diese Kabine war Mabuse gesprungen, als er die Explosion der Haustür gehört hatte. In ihr hatte er einen zweiten Apparat nach der anderen Villa. Während die Treppen noch den Lärm der Heraufstürmenden durch die Holzwände über ihn warfen, drückte er auf den Weckknopf und nahm das Hörrohr.
Aber niemand antwortete mehr von der anderen Villa.
Spoerri war also schon fort.
Nun kam der Augenblick, wo das Wagnis begann und Rettung oder Tod gleich nah waren.
Die Kabine hatte eine zweite Tür. Diese, ebenso wie die innere, in die Architektur des Getäfels eingepaßt, dem Auge unauffindbar, öffnete sich unmittelbar auf die Treppe. An diese Tür legte Mabuse das Ohr.
Er vernichtete alle Sinne in sich mit der geisterhaften Kraft seines Bluts, um nur Trommelfell sein zu können. Geräusche, Stimmen, Axtschläge, Rufe, Schimpfworte, Befehle, anknipsende Taschenlaternen, ja bis zu dem leisen Fauchen hinaus, in dem die Azetylen-Scheinwerfer atmeten, empfing er wie ein Mikrophon.
Aber nur auf eines mußte sich das Trommelfell einstellen: auf die erste Sekunde, auf die erste Abbröckelung einer Sekunde, in der es keinen Schritt, keinen Lärm, nicht einmal das Atmen, nicht einmal das Stehen eines Menschen auf der Treppe hörte.
Dieser Splitter eines Augenblicks mußte eintreten, bevor sämtliche Räume des Hauses nach ihm durchsucht waren und man ihn nicht gefunden hatte.
Dann konnte ... dann würde die Flucht gelingen!
Es war ihm, als spüre er wie auf der Trommel einer Zentrifuge sein Blut versprühn und auf das Trommelfell als einen nadelspitzendünnen Strahl niedergehn, der sein Gehör für diese notwendige Fähigkeit vorbereitete. Alles Blut zog sich aus den Nerven des Fühlens, Sehens, Schmeckens, Riechens. Sein Wille schlug sich wie eine triumphierende rote Bande durch seinen Leib. Sein Ohr wurde in seinen Vorstellungen so groß wie der Bodensee und so fein wie der Gesang eines Edaphonfadens in dem Bröckchen Erde, das er an seinen dünnen Lackschuhsohlen kleben fühlte. Alles andre in ihm ward ein Eis, ward anästhetisiert. Aber sein Ohr eine vulkanische Brunst am Herzen der Erde, aus der er lebte.
Und da hörte er den ersehnten einzigen, den von Posaunen und Kanonen umbrandeten Blutschlag, der ihn retten sollte.
Er stieß die schmale Tür zur Treppe auf. Er rannte aufs Geratewohl hinaus und hinab, bevor er noch nachkontrolliert hatte, ob sein Ohr ihn nicht getäuscht. Aber er sah gleich: es glückt!
Im Flur stand unten ein Polizist. Mabuse rief ihm zu: „Er hat sich im Badezimmer ... Er hat sich im Badezimmer ...“
Mabuse sieht sie noch alle herauslaufen aus einem Zimmer unten und die Treppe anstürmen. In der Haustür stehn zwei Männer. Sie stehn mitten in der zertrümmerten Tür, und die Fetzen des Holzes, rund um ihre Körper hervorragend, scheinen ihnen wie die Spieße eines Heiligenkranzes in die Rücken einzudringen.
„Verstärkung holen ...,“ schreit Mabuse, als er bei ihnen ist, „... im Badezimmer verschanzt ...“
Sie lassen ihn durch. Er läuft, die eine Hand zum Wegschieben benutzend, mit der andern den Browning haltend.
... Ja, er kommt hinaus ...
Die Nacht brennt von den Scheinwerfern, ein Feuerwerk der Freiheit und der Beglückung um ihn. Entzückte, flammende Visionen besprühen seinen Geist und sein Herz. Er trinkt das Licht draußen in vollen Zügen in die Augen.
„Was ist?“ schreit einer der Männer draußen auf den Einstürmenden.
„Befehl des Staatsanwalts ... Verstärkung holen! Badezimmer verschanzt!“ schreit Mabuse zurück.
„Nimm das Motorrad!“ brüllt der andre.
Auch das noch! Mabuse hat es schon unter den Schenkeln. Er fällt hinein, er bettet sich hinein. Er fällt wie von einem Turm herab in ein weltengroßes Polster. Und die Nacht saugt ihn wie ein befreundetes Ungeheuer fort aus den Scheinwerfern und aus der Hatz, mit der sie ihn fangen wollten.
Eine Viertelstunde später wirft er das Rad in den Würmkanal und schwingt sich in den neuen kleinen Rennwagen wie auf eine Wolke. Der Rennwagen streckt den Schnabel nach Südwesten und rast schnaubend und wie ein vor Entzücken der Schnelligkeit zirpendes Geschoß die Chaussee dahin. Der Wagen ist gepanzert ...
*
„Was ist los?“ rief Wenk den davonstürmenden Polizisten nach.
„Er ist im Badezimmer. Er hat sich verschanzt!“ schrie einer zurück.
Wenk raste die Treppen hinauf. „Wo?“
„Im Badezimmer!“ brüllte es von allen Seiten.
„Alle Mann zum Badezimmer!“ kommandierte Wenk.
Man lief. Die kleinen Scheinwerfer der Taschenlaternen rasten an den Wänden ineinander und durcheinander. Wohin läuft man? Zum Badezimmer! Fünfzehn Mann stürzten zum Badezimmer.
Da fragte Wenk: „Wo ist denn das Badezimmer?“
Aber niemand wußte, wo das Badezimmer war.
Und nun schrie es durch alle: Was war das? Was war das?
Die Zimmer wurden kopfüber gestellt. Die losgeschraubten Sicherungen wurden am Schaltbrett wieder angedreht. Helligkeit wirft sich durchs Haus. Die Räume glänzen ... Reichtum und Pracht, Gemälde, Teppiche, Bronzen, Möbel. Das Badezimmer wurde gefunden. Es hatte eine Wanne aus Marmor.
Aber das ganze Haus war leer!
Wenk raufte sich die Haare. Ihm war, als sei er ein leerer Schacht, und alles Gute, Schöne, aller Erfolg, Stolz, alles sei durch den Schacht hinab in ein unauffindbares Loch gefallen.
Man ging mit den Äxten an die Wände. Man vermutete etwas. Und bald hatte man die Lösung des Rätsels und die geheime rettende Kabine gefunden.
Aber Wenk faßte sich. Es stand noch irgendwo eine zweite Mausefalle. In Schachen! Die Villa Elise!
Der Staatsanwalt brauste zur Zentrale des Fernsprechamts. Alle Linien wurden für ihn geschlossen. Er hatte alles bis aufs letzte vorbereitet. In Strahlen um München herum waren die Landstraßen unter den Augen der Polizei! Die Strecke München-Lindau hatte acht Posten und jeder einen Fernsprecher, der in einer Minute die Ereignisse, die vor ihm geschahen, durch die Nacht nach München warf.
Wenk gab Alarm nach allen Richtungen.
Er hatte durch den Kniff Mabuses reichlich eine halbe Stunde versäumt. Wenn es ginge, wie er es sich dachte, und wenn er das Auto des Fliehenden auf achtzig bis neunzig Kilometer schätzte, so blieben zehn Minuten, bis Buchloe den Durchgang melden mußte.
Aber kaum hatte er das berechnet, mit dem Bleistift am Rand der Kilometertafel, so meldete Buchloe.
Wenks Herz sang auf.
„Hier Buchloe! Ein Auto gerade durch! Polizeiwidrige Schnelligkeit. Richtung Kempten. Großer gedeckter Wagen!“
Es war 2 Uhr 10. Eine Viertelstunde später kam Kaufbeuren.
„Großer gedeckter Wagen etwa achtzig Kilometer Geschwindigkeit soeben durch. Richtung Kempten.“
Es war 2 Uhr 25.
Wenk begann rasch die Schnelligkeit auszurechnen, mit der der Wagen fuhr.
Aber da meldete sich Buchloe ein zweites Mal: „Ein zweiter Wagen soeben durch! Kleiner offener Wagen mit einer Person!“
Und zehn Minuten später folgte Kaufbeuren mit derselben Meldung.
Sie fliehen truppweise. Der zweite Wagen fuhr schneller. In ihm wird Mabuse sein. Im ersten Helfershelfer!
Ober-Günzburg meldete die Durchfahrt der Wagen schon in einem Gespräch. Der zweite Wagen folgte dem ersten, als der Beamte gerade den Durchgang des ersten angezeigt hatte.
Einen ähnlichen Bericht brachte Buchenberg.
Da hielt Wenk es an der Zeit, Schachen anzurufen. Er gab die Anweisung, das Eintreffen von zwei Wagen abzuwarten und dann nach dem vorgezeichneten Plan loszuschlagen. Der Mann, auf den es vor allem ankäme, trage wahrscheinlich die Uniform eines Münchener Polizisten. Man solle sich dadurch nicht irremachen lassen. Das sei Mabuse!
Wir haben sie sicher, sang alles in Wenk, als weiter Meldung auf Meldung folgte. Und alle Meldungen ihm versicherten, daß der Weg der Fliehenden auf Schachen ginge.
Ortsnamen auf Ortsnamen glühten vor Wenk an der Namenstafel auf. Aus der Nacht riefen ihn Dörfer und Städtchen an und banden sich an ihn. Unsichtbares Geisterband warf er über Landschaften, die bis an die Grenzen des Reiches gingen. Die heimliche Tat einer weiten Landstraße riß er so aus der Finsternis an sich, und die Landstraße wußte nichts davon. Er hatte mit dem kleinen Hebel diese ganze ungemessene, in Finsternis gehüllte Chaussee, über die die Tat tobte, in seiner Hand.
Die Etappen, die er eingerichtet, hatten ihm nicht versagt ... ihm, dem Feldherrn. Keine einzige!
„Hergatz“ leuchtete es auf, und das kleine Geräusch des Weckers in der Maschine vor ihm erscholl ihm so vertraut, als sei es sein Name, der gerufen wurde.
„Ja!“ sagte er, „Staatsanwalt Wenk, München!“
„Ein kleines offenes Auto mit großer Schnelligkeit vorbei auf Lindau zu. Zwei Personen drin. Doch nicht sicher erkannt.“
„Danke. Lassen Sie die Verbindung offen! Es wird noch ein Auto kommen!“
Wenk wartete. Er hörte in den verstummten Drähten alle Geräusche, die die Nacht zwischen München und einem kleinen Ort Hergatz, in dem er nie gewesen, summte.
„Sind Sie noch da?“ fragte Wenk nach einer Weile.
„Jawohl!“
„Ist das zweite Auto noch nicht vorbei?“
„Nein!“
Nach einer Weile fragte Wenk wieder. „Nein!“ hörte er nochmals.
Eine Viertelstunde rief er Hergatz von neuem an.
Es kam kein anderes Auto, antwortete der Beamte.
Da warf Wenk erregt die Landkarte vor sich auf. Er suchte fieberhaft. Buchenberg — Isny — Gestratz — Opfenbach ... da Hergatz! Und hinter Isny bog eine Landstraße nach Wangen und dem Württembergischen oder links eine andere nach dem Österreichischen.
Wenk rief Wangen an. Aber es antwortete nicht. Er wiederholte. Er ließ zehn Minuten im Sturm läuten. Es war vergeblich. Wangen hatte er nicht in seine Berechnungen und nicht in seine Vorbereitungen gezogen. Nach dem Österreichischen aber konnte er keine Weisungen geben. Über diese Gebiete erstreckte sich die Macht seines Hebels nicht mehr. Ein Auto entwand sich ihm. Ein Auto wurde ihm von der Nacht gestohlen, von den fremden, feindseligen, in Finsternis gehüllten Straßen entrissen.
Aber dann überlegte er sich, es könnte eine Panne den großen Wagen auf den Weg gelegt haben. Ja natürlich war es so. Denn deshalb hatte der kleine Wagen auf einmal zwei Personen, der bis Hergatz immer nur mit einer gemeldet worden war. Der neue Umstand durfte nicht mehr stören. Durfte ihn nicht aus der Glückserie herausdrängen. Er vertraute, und es mußte losgeschlagen werden.
Er rief Schachen an.
„Wahrscheinlich kommt nur ein Wagen. Lassen Sie ihn einfahren! Warten Sie zwanzig Minuten, ob nicht der zweite folgt, und umstellen Sie die Villa dicht. Und dann Schlag auf Schlag!“
Kaum war sein letztes Wort im Sprachrohr verklungen, als der Weckapparat wieder rief. Die letzte Etappe — der Bahnhof von Enzisweiler!
Ein kleines offenes Auto sei in rascher Fahrt von der Landstraße Lindau-Friedrichshafen abgebogen und fahre Schachen zu. Zwei Personen!
Es war vollbracht! Weiteres konnte Wenk selber nun nicht mehr tun!
Er mußte warten. Vielleicht begann in wenigen Augenblicken die Schlacht am Bodensee, die seine Strategie vorbereitet hatte. Er befahl noch, auf den zweiten Wagen nicht erst zu warten, sondern beim Eintreffen des ersten gleich hinter seinen Insassen in die Villa einzudringen, sie zu fesseln, die Lichter zu löschen und eine Stunde lang noch auf den zweiten Wagen zu warten.
Wenk schaute auf die Uhr. Er legte sie vor sich. Es war 3 Uhr 18 Minuten.
Eine Unruhe bebte ihm in den Hand- und Fußgelenken und verzitterte in sein Hirn. Er fühlte sie wie einen schmerzenden Wirbelwind aus seinen Lenden in den Kopf rasen. Dort blieb sie stehen, ein Weilchen nur. Dann pumpte sie sich wieder denselben Weg durch und ungezählte Male immer denselben Weg von den Lenden ins Hirn.