12. Der Feind kommt, wenn die Leute schlafen.

»Blumenglöcklein läuten
Durch die Thäler hin,
Weiße Schäflein weiden
In der Wiesen Grün.

Vöglein singen Lieder,
Singen lauten Schlag,
Frühling kehrte wieder,
Rief die Erde wach.

Und auf linden Lüften
Kommen Engelein,
Schmücken rings die Triften,
Kehren bei uns ein;

Sagen, daß dort oben
Ew'ger Frühling sei,
Wer hinaufgehoben,
Sei von Kummer frei;

Wer hinaufgehoben,
Schaue Jesum Christ,
Der zum Vater droben
Segnend gangen ist. —

Wenn der Lenz gekommen,
Dann gedenke sein;
Wen er aufgenommen,
Wird sein Engel sein.«

So sang Dorothe ihren Kindern vor am offnen Fenster. Der April war gekommen und mit ihm das Osterfest, für die Alten das Fest der Lieb' und Herrlichkeit, und für die Jungen das Fest der bunten Eier und des lauten, frohen Jugendspiels auf grüner Flur. Aus dem Thal herauf hörte man das Jauchzen der Kinder, und das Herz

so voll Kindesglücks und Frühlingslust drängte sich auch Heinrich an die Mutter heran, und fragte, und fragte viel über das Osterfest, und über den Herrn Christum, und über die bunten Eier, und über den Pathen im fernen Holland, und ob denn jetzt immer Frühling bleibe und nie wieder Winter werde?

O wer kennt sie nicht diese Kinderfragen, wer hörte sie nicht gerne, und gäbe nicht gerne Antwort darauf! Sie sind ja der Durst des kleinen Menschenherzens, den Grund zu wissen von Allem, und den Vorhang zu heben, der über der Zukunft liegt! Wir Alle werden ja Zeit Lebens nicht müde zu fragen. Gingen wir nur bei unsern Fragen nicht so oft an die unrechte Thüre; lernten wir doch Den frühe zu unserm Rathgeber wählen, der länger und geduldiger, denn Vater und Mutter, stille hält und uns nie von sich scheucht; bei ihm würden wir Ruhe finden für unsere Seelen.

Aber Heinrich wollte viel wissen, und die Fragen des Kindes trieben der Mutter die Thränen in's Auge. Ob Vater und Mutter immer bei ihm bleiben, und immer froh sein und ihm immer gut, und ob es auch ihm gut ginge, wenn er fromm und gut bliebe? »Ja«, sagte Dorothe, »es wird dir immer gut gehen, Heinrich, wenn du den lieben Gott lieb hast und nach seinen Geboten thust. Aber wie es in der Natur ist, daß bald Winter ist und bald Sommer, und auch mitten im Sommer mancher Tag stürmisch und rauh ist, und die Sonne nicht scheint, so wechselt es auch im Menschenleben, und der liebe Gott macht uns bald froh und bald traurig. Heute gibt er uns und morgen nimmt er uns. Aber ob er gibt, oder nimmt, so thut er uns allezeit wohl. Wer nur recht fest an ihn glaubt und ihm fein stille hält, dem kommt auch nach jedem Win

ter der Frühling wieder, und er vergißt der gehabten Sorge um seiner Freundlichkeit willen. Es ist nur und dem Vater nicht alle Zeit wohlgegangen, und kann auch wieder eine Zeit kommen, wo uns das Leben sauer wird; aber wir verlassen uns auf den lieben Gott, das thu' du auch, Heinrich und vergiß nicht dein Sprüchlein:

»Kindelein, bete fein,
Wird dir Gott gnädig sein!«

Und Heinrich sah ernst in seiner Mutter Augen, die voll Thränen standen, gleich als verstünde er, was sie sagte. Und wohl verstand er, was sie sagte; denn Mutterthränen sind zart geschliffene Gläschen, durch die das Kindesang' die Schrift der Liebe im Mutterherzen lesen kann; und ein Brücklein ist gebaut zwischen Mutter- und Kindesherz, darauf führt der Herr die guten Engel herüber und hinüber.

Mittlerweile war der Vater draußen gewesen im Hausgärtchen, um sich an seinen Bienen zu erfreuen, die auch der Frühlingstag zu neuem Leben gerufen hatte, und die in dicken Trauben an den Fluglöchern hingen. Jetzt trat er herein, und in seiner Begleitung war der Fremde von neulich, der ein Obdach im Hause des Schulmeisters gefunden, und versprochen hatte, bald wieder zu kommen. Eine große Veränderung war seitdem mit ihm vorgegangen. Statt der schmutzigen, zerrissenen Kleidung, die ihn damals bedeckte, war er jetzt sehr anständig angethan, aber die schwarze Farbe seiner Kleidung und ein schwermüthiger Zug in seinem Angesicht sagten deutlich, daß die Nacht auf dem Veitsberg nicht die letzte trauervolle gewesen sei. Jetzt nannte er seinen Namen, erzählte mit tiefer Wehmuth, wie sein guter Vater in seinen Armen gestorben sei, nachdem er ihm zuvor herzlich vergeben;

erzählte auch, wie sehr sich der Vater gefreut auf seinem Sterbebette, als er von Justus Liebesdienst an seinem verlornen Sohne gehört; wie er ihm aufgetragen, des Sterbenden Dank seinem Wohlthäter zu bringen, und wie er den Sohn ermuntert habe, dieses Danks nie zu vergessen. »Ja noch mehr hat er gethan, sagte der Benjamin Laupus, er hat auch den Herrn Rath Gerst an sein Bette kommen lassen und ihm das Versprechen abgenommen, euer Freund und Fürsprecher zu werden, und euch zu einer besseren Stellung zu verhelfen, weil ihr es verdientet, mehr als Einer. Darauf nach des Vaters Tode hat mich der Herr Rath Gerst noch einmal zur Seite genommen, und mich gefragt, wo ihr wohntet, weil er lange nichts von euch gehört, ob es euch wohl gehe und ihr ein gutes Zeugniß hättet; auch ob ihr verheirathet wäret, und wie eure Frau heiße, kurz, der Mann schien euch zu kennen, und es mit euch wohl zu meinen. Und als ich ihn selber für euch bat, da sagte er: »Wir wollen sehen, was sich für den Justus thun läßt!«

Wie der Name des Gerst von dem jungen Laupus genannt ward, da senkte der Justus und sein Weib das Haupt, da war es ihnen, als lege sich eine Centnerlast auf ihr Herz; jetzt, wo sie des Gerst, ihres Todfeindes, eigne Worte gehört, von einem Versprechen gehört, das er für sie einem Sterbenden geleistet, da sahen sie sich mit einem Blicke an, aus dem alles Leid ihres bisherigen Lebens sprach, und Justus sagte mit einem tiefen Seufzer: »Herr, dein Wille geschehe.« Sonst aber ward in Gegenwart des Laupus kein Wort über den Gerst gesprochen, weder lobend noch tadelnd. Der Jüngling ward wie ein lieber Gast behandelt, als hätte er eine frohe Botschaft, nicht eine so traurige gebracht, und es ward ihm wieder so wohl unter den lieben Menschen, daß es ihm schwer hielt,

sich am andern Tage zu verabschieden. Nur als ihm der Schulmeister wieder das Geleite gab auf eine kleine Strecke, und er dem Jüngling die Hand zum Abschied reichte, da sagte er: »Herr Laupus, habt Dank für euren Besuch und für eures Vaters letzten Gruß; aber habt ihr uns lieb, wie ihr sagt, so thut bei dem Rath Gerst, als kenntet ihr uns nicht. Ruft meinen Namen und eures Vaters Wunsch niemals in sein Gedächtniß zurück. »Es ist gut auf den Herrn vertrauen und sich nicht verlassen auf Menschen.« Ich bleibe gern, was ich bis dahin war, der Schulmeister vom Veitsberg, und gehe nur dann von hier, wenn mich mein Gott sonstwo in seinem Dienste brauchen kann. Euch aber rufe ich aus demselben Wort, mit dem ich euch damals getröstet, das Sprüchlein zum Abschied zu: »Wachet, stehet fest im Glauben, seid männlich und seid stark.«

»Es scheint fast«, sprach der Schulmeister zu seiner Dorothe, als er in sein Haus trat, »als sollte unsere Prüfungsschule etwas länger dauern, wie wir meinten. Nun es geschehe Gottes Wille an uns; ist seine Hand auf unserm Rücken, so muß unsere Hand auf unserm Munde sein, daß wir nicht klagen, und seinen Rath verachten. Nach Frieden haben wir lange getrachtet, sei es denn auch bei uns also: Je länger begehrt, je süßer gewährt.«

Und so kam es denn; die Trauer zog wieder ein in's Haus des Schulmeisters, aber dießmal ward sie nicht von Menschenhänden gebracht, die Hand des Herrn nahm, was sie gegeben hatte; Magdalenchen, das Jüngste von des Schulmeisters Kindern, ward krank und starb. Wie er aber diesen Schlag aufnahm, und wie Dorothe ihr Kind beweinte, das haben wir schon gesehen. Und mit dem Tag seiner Beerdigung kam ein fremder Gast in's Schulhaus,

die kleine Selma, und über der Pflege des lieblichen Kindes ging die Zeit des ersten Schmerzes vorüber.

Monate lang warteten Justus und sein Weib auf den versprochenen Brief aus Holland, aber er kam nicht und es ward ihnen ängstlich zu Sinn, um des Kindes willen. Als nun endlich ein Jahr vorüber war, und die gewünschte Nachricht noch immer ausblieb, da schrieb Justus selbst nach Holland, erzählte viel von dem Kinde, wie es sichtlich zunehme und schön an Leib und Seele werde, und bat dringend um Antwort, aber die Antwort blieb aus. Abermals nach einem Jahre schickte er einen zweiten Brief ab; aber auch der hatte keinen Erfolg. Wenn dann Justus den Kopf schüttelte und von den Möglichkeiten sprach, die Vater und Mutter des Kindes betroffen haben könnten, auch Besorgnisse über die Zukunft des Kindes äußerte, dann sprach Dorothe: »Justus, laß' nur den lieben Gott walten, hat er dem Kinde Vater und Mutter genommen, so will er, daß wir ihm beides seien. Ich freue mich sein, als wäre ich seine Mutter, und mag's nicht von mir lassen, denn mein Herz hängt an ihm. Thun wir an ihm, als einem eignen Kinde, so wird es nicht wissen, von wannen es stammt, und nach nichts Anderem begehren, als uns gehorsam zu sein, wie ein Kind den Aeltern. Nach zeitlichem Vortheil haben wir ja nicht getrachtet, als wir's zu uns aufnahmen, so soll es denn auch nie erfahren, was es uns gekostet, sondern nur, wie lieb wir es gehabt.«

Und so geschah es; Selma wuchs als Töchterlein des Schulmeisters auf, nannte die Pflegeältern Vater und Mutter, und wollte nie glauben, was da und dort eine geschwätzige Nachbarin dem Kinde in's Ohr flüsterte, als es zu begreifen anfing, was es heiße, Vater und Mutter verlieren und eine Waise sein. Wer aber dem

Kinde nur einmal in die großen, blauen Augen sah, wer die Farbe seines blonden Haares und die Zierlichkeit seiner Glieder aufmerksam betrachtete, der sah schnell, daß ein fremdes Pflänzlein auf dem Veitsberg gepflegt ward. Aber der neue Boden bekam ihm gut; denn der Justus und sein Weib verstanden es so recht, ein Kind aufzuziehen in der Zucht und Vermahnung zum Herrn.

Besonders war es die alte Lindin, die an dem Kinde ein besonderes Wohlgefallen hatte. So lange es ihre Kräfte erlaubten, kam sie von Zeit zu Zeit auf den Veitsberg gegangen, und später ließ sie sich sogar dorthin fahren, um einen frohen Tag bei ihren Freunden zu verleben. Dann nahm sie oft Stunden lang die Selma auf ihre zitternden Kniee, erzählte ihr in leisem Tone allerlei Scherz und Ernst, prägte manch' Sprüchlein ihrem Gedächtnisse ein, lehrte sie beten und die Lieder ihrer eignen Kindheit singen. Und wann sie dem Kinde bei seinen Spielen zusah, dann füllte sich oft ihr starres Auge mit Thränen und ihre Lippen bewegten sich zum Gebete für das Wohl ihres Lieblings.

O wohl dem Kinde, dem solcher Segen wird in's Leben mit hinein gegeben! Das Gebet für die Kinder ist wie der Thau von oben, den der Ackermann nicht entbehren kann, und wenn er das Saatfeld noch so treu bestellt. Der Thau kommt über Nacht, und des Gebetes Segen auch; und was die Hitze des Tages auch aufzehrt, der Abend bringt's wieder neu, und Blüthe und Frucht zeugen vom Vater des Lichts, von dem herabkommt alle gute und vollkommene Gabe. —