19. Das Wiederfinden.

Wieder waren zwei Jahre hingegangen. Selma war in's Haus des Großvaters eingetreten, und das Herz des alten menschenfeindlichen Mannes war weich geworden in der Liebe für seine Enkelin. Nun saß er nicht mehr allein unter seinen Blumen und Vögeln, ein Armer, Verlassener in Reichthum und Ueberfluß; an seine Brust schmiegte sich das holde Mädchen und ihre Hände glätteten die Furchen auf seinem Angesicht. Und mit inniger Rührung blickten Lewin und Mora auf die Tochter, das feste Band ihrer Wiedervereinigung mit dem Vater. Alles war vergessen, das Leid der Jugend, der Groll des Vaters; die Prüfung war vorüber, die Herzen waren bewährt gefunden worden im langen Kampf, der Friede Gottes hatte sein Werk und seine Wohnung unter ihnen.

»Wie sind wir so glücklich jetzt, Vater«, sagte Lewin, »könnten wir nur den lohnen für seine Liebe und Treue an unserm Kinde, der fern von uns ist, den guten Justus und sein Weib. Er verschmäht Alles, Heimath und Obdach, die wir ihm bei uns angeboten haben; er verschmäht Geld und Gut, mit dem ich ihn reichlich versehen möchte, und nimmt nur die kleinen Gaben an, die ihm Selma schickt. Er schreibt: ›Von dem Kinde dürfe der Vater die Wohltat annehmen; aber Fremde dürften und könnten nicht lohnen, was die Liebe gethan.‹ Und so sehr mich das schmerzt, so hat Vater Justus Recht.«

»Ich weiß einen Weg zum Dank für unsern alten Freund«, antwortete sein Vater, »und gefällt er euch, so wollet ihn mit mir gehen. Er geht durch das Herz seines Kindes. Als ich neulich mit Heinrich von Vater und Mutter redete, da nannte er mir den Familiennamen seiner Mutter. Ich forschte

weiter, und erkannte in ihr meine Nichte, die Tochter meiner Schwester, die in Arnsberg in Westphalen an einen Kaufmann mit Namen Kunz verheirathet war. Ich habe, wie ihr wißt, den Familiennamen abgelegt, und den meines Schwiegervaters angenommen, als ich der Erbe des seligen van der Bruck ward. So ist dann Heinrich unser Vetter. Das Unrecht, das ich an der Schwerer that, daß ich mich nicht um sie kümmerte, das möcht' ich an ihrem Enkel wieder gut machen. Selma, du liebst Heinrich mehr und anders, denn die Schwester den Bruder; Heinrich, dein Auge ruht so lange schon liebend auf Selma, reicht euch denn die Hand zum Bund der Ehe, und der Herr, der mir vergeben wolle mein schweres Unrecht, um meiner Buße willen, und der euch so sichtlich geleitet und zusammengeführt, der wolle euren Bund segnen von Anfang bis zu Ende!«

Von dem Tage an flatterte die Fahne von Holland vom Hause der Herrn van der Bruck zu Delft, wie es dort zu Lande üblich ist, wenn eine Braut im Hause wohnt. Ein schöner Gebrauch, daß das Brautpaar unter den Farben des Vaterlandes die ersten Tage seiner Liebe feiert. Denn wie unter der Fahne Christi, so sollen Brautleute unter der Fahne des Vaterlandes sich froh fühlen; denn dem Vaterlande gehört der Bund ihrer Herzen; seine Früchte sind die Bürger des Landes und seine Tugenden des Landes schönster Schmuck.

Der Einwilligung der Aeltern daheim gewiß, hielt Heinrich schon nach einigen Wochen sein Hochzeitsfest. Haus und Garten des alten Herrn, in denen bis dahin nur schweigender Mißmuth geherrscht hatte, waren voll von fröhlichen Gästen. Heinrich und Selma und die Aeltern fanden sich zusammen am Marmorteich. An diesem

stillen Orte sahen sie lange dem Spielen der Goldfische im hellen Wasser zu, und manch' Wort der Liebe und des Preises Gottes redeten sie mit einander. Da nahte sich ein Fremder in ausländischer Tracht und mit gebräuntem Angesicht. Er blieb vor ihnen stehen, beugte das Haupte und sprach: »Vergönnt, edle Herrn und Frauen, daß auch ein ungebetener Gast heute bei euch einspricht, seinen Glückwunsch darzubringen!«

Van der Bruck sah dem Fremden forschend in's Auge, und rief dann überrascht: »Werden die Todten lebendig? Heinrich Justus, mein alter treuer Diener, seid ihr es?« »Ja, der bin ich«, rief der Fremde, »und zur guten Stunde bin ich zurückgekehrt. Ist das nicht meine edle Frau, und hier mein Pathe Heinrich, und hier Selma, das Kind der Sorge! Und ich sehe den Brautkranz in ihrem Haar; ich sehe Glück in allen Zügen und das Haus van der Bruck einig und froh! Dem Herrn sei Dank, lauter Dank für seine Treue!«

Da gab's viel Händedrücken und Fragen, aber Justus sprach: »Erlaßt mir heute noch die Schilderung meines bewegten Lebens; ich bin zu ergriffen von Allem, was ich heute sehe und hörte. Ich habe viel gelitten und bin lange ein Gefangener gewesen unter Seeräubern, bis ich frei ward, und auf fremdem Boden es zu einigem Wohlstand brachte. Jetzt war ich auf der Reise in's Vaterland zu meinem Bruder, um mich dort auszuruhen. Hier wollt' ich nur sehen, ob das Haus van der Bruck noch stehe. Und es steht noch und es blüht, und einen Justus sehe ich mit ihm vereint, das ist viel mehr, als ich zu hoffen wagte.«

Wie es Abend ward, da rief Lewin seinen alten Diener zur Seite und sprach: »Justus, wollt ihr mir noch einmal dienen, treu und willig, wie ihr sonst gethan?

« »Von Herzen gern«, war des alten Jägers Antwort. »So nehmt«, sprach Lewin, »dieses Päckchen Geld und bringt es einem alten Manne, der krank und verlassen auf seinem Lager liegt. Dieser Diener wird euch seine Wohnung zeigen. Nennt dem Kranken euren und meinen Namen und sagt ihm, er solle von heute an nicht mehr Mangel leiden; und sagt ihm auch das noch: »Lewin van der Bruck rufe ihm Joseph's Wort an seine Brüder zu: »Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, Gott aber hat es gut mit mir gemacht.« Der Jäger ging und fand auf dem Krankenlager den alten Buchhalter.