8. Der Schulmeister.

»Es ist ein großer Gewinn, wer gottselig ist und lässet ihm begnügen«, sagt der Apostel, und der Herr, dem er es nachspricht, sagt, indem er uns zur Gottseligkeit und Begnügsamkeit ermuntern will: »Sehet die Vögel unter dem Himmel an, schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen.« Von den Vögeln und den Blumen und der ganzen Schöpfung um uns her sollen wir lernen. So hab' ich einst in heißer Sommerzeit nicht fern von einem Brunnen gestanden; und ein Vogel kam geflogen und suchte Wasser, seinen Durst zu löschen. Wohl stand vor dem Brunnen ein steinerner Trog, aber der war leer, und der Vogel dauerte mich, daß er ungetränkt sollte weiter fliegen. Indem, so läßt er sich auf dem Rand des Troges nieder, bückt sein Köpfchen und hebt es wieder empor, und flattert singend weiter; sein Durst war gestillt. Ich trat zum Troge, und sah im Stein ein Löchlein, wie ein Fingerhut tief. Das wenige Wasser darin war für den Vogel eine Quelle der Erquickung geworden; er hatte für jetzt genug und begehrte weiter nichts. Das ist Genügsamkeit.

Wieder stand ich an einer Blume, voll Pracht und Wohlgeruch, und ein Bienlein kam geflogen, summend und suchend, und erkor sich die Blume zur Weide. Aber die Blume hatte keinen Honig, das wußte ich; wie, dacht' ich, wird sie sich da benehmen? Summend kam sie zurück aus dem Kelch, um weiter zu fliegen. Da sah sie die Staubfäden der Blume, wie sie so voll Blumenmehl hingen, daraus das Wachs bereitet wird, und sie nahm die beiden Beinlein voll, bis sie zu gelben Höslein wurden, wie der Bienenvater sagt, und flog schwer beladen heim. Du hast Honig gesucht, dacht' ich, und

ihn nicht gefunden, und dich mit dem Wachs begnügt, und es heimgebracht, daß deine Reise nicht zwecklos sei. Sei mir ein Bild der Genügsamkeit!

Wer die Stimme Gottes aus der Natur vernimmt, der labt sich auch an solchen Bildern, die dem Aufmerksamen überall begegnen. Aber wie freut sich erst das Herz dessen, dem solche Bilder der Genügsamkeit im Menschenleben begegnen, oder wenn vielmehr ein einzelnes Menschenleben ein solches Bild christlicher Genügsamkeit ist. Und so war das Leben unseres Justus. Im Hause des Wohlstandes aufgewachsen, fand er sich ohne Murren in eine lange Wartezeit, in die ihn sein Gott, als in eine gute Schule der Uebung, hineinführte, und jetzt, wo die Zeit kam, die man gewöhnlich die Zeit der Ernte nennt, wo das langersehnte Amt sich aufthat, und nur ein Aemtlein war voll Sorge und mit geringem täglichem Brod, da konnte Keiner dankbarer und froher sein, als Justus. Die noch vorhandenen Blätter seines Tagebuchs zeigen uns das Bild dieses Ehrenmannes von allen Seiten und in allen Lagen. Sorge, Furcht, Hoffnung wechseln auch in seinem Herzen ab; aber vergeblich sucht man auch nur nach einer einzigen Klage über sein Loos, nach einem einzigen Wunsche, daß sein Loos ein anderes sein möge. Rührend ist es, mit welcher Innigkeit er von seinem Stande redet, wie hoch er sein Amt hält, und wie laut er Gott preist, daß er ihn habe berufen, sein Werk als christlicher Schulmeister zu treiben. O könnte ich euch, ihr Lehrer unserer Zeit, die ihr, wie Sirach sagt, an eurem Amte verzagt und es selber verunehret, weil ihr meinet, ihr wäret zu etwas Besserem bestimmt, könnte ich euch doch alle die Trost-, Saft- und Kraftsprüchlein zu Herzen führen, mit denen der Schulmeister vom Veitsberg sich sein Amt leicht und

sein Leben schön machte! Doch warum sollte uns diese heitere Genügsamkeit an Justus überraschen? Ein Mensch, dem sein Glaube Alles ist, der aus ihm allen Trost schöpft, und nie müde wird in seinem Glauben, dem muß Alles zum Besten dienen, der thut Alles, was er thut, dem Herrn und nicht sich selbst. Was ihm sein Amt war und was er seinem Amte sein wollte, das drückt am Besten ein Lied aus, das in seinem Tagebuche steht, mit der Aufschrift: »des Schulmeisters Morgensegen.«

»O Hirte deiner Heerde,
O mein Herr Jesus Christ,
Der du durch viel Beschwerde
Zum Himmel gangen bist;

Der du zum Trost der Deinen
Den Geist verheißen hast,
Und Denen, die hier weinen,
Nimmst ab des Tages last;

O gib den Geist der Stärke,
Den Geist der Zuversicht
Auch mir zu deinem Werke,
So oft er mir gebricht.

Ist auch mein Amt so kleine,
Mein Loos so niedrig hier,
So ist es doch das Deine,
Was du einst suchst bei mir.

Ich soll die Heerde weiden,
Wie du von mir gethan,
An treuer Hand sie leiten,
So gut ich Schwacher kann;

Ich soll zu frischen Bronnen
Geleiten deine Schaar,
Daß sie als lauter Sonnen
Sich einst dir stellen dar.

O Herr, du starker Streiter,
Steh' denn zur Seite mir,
Führ' mich im Kampfe weiter,
Der Sieg, er steht bei dir!«


Die Bestallung des Justus lautete dahin, »daß dem ehrsamen und wohlgelahrten Candidaten Jakob Konrad Justus das Amt eines Schulmeisters, Organisten und Glöckners zum Veitsberg übergeben werde, daß man sich aber zu demselben versehe, er werde seines Amtes getreulich warten.« Dieses Rathes hätte es bei Justus nicht bedurft; denn bei ihm galt: »Alles was ihr thut, das thut dem Herrn und nicht den Menschen.« In jedem Theil seines Amtes war er drum ein treuer Knecht, und wie er der Schule fleißig wartete, so that er den Kirchendienst, der häufig an ihn kam, zur großen Erbauung der Gemeine, und in allen Dörfern der Gegend ward die Uhr gerichtet nach der vom Veitsberg, denn es hieß überall: »Der Kalendermann kennt die Zeit am Besten.«

Ist es heut zu Tage immer noch kein Kleines um einen guten und treuen Schulmeister, weil kein Amt mehr Sorgen und Grämen hat, denn seines, so war das zu des Justus Zeit, vor hundert Jahren, noch viel mehr der Fall. In Sommerszeit war wegen des Weidgangs fast kein Kind zur Schule zu bringen, und wenn im Winter der Schnee die Wege ungangbar gemacht hatte, so blieben die Schüler von den Ortschaften rings umher auch aus, und Dräuen und Strafen half auch nicht viel, weil man den Schlendrian gewohnt war, und Niemand da war, der dem Schulmeister half. Doch wußte sich Justus selber zu helfen, er half sich nach dem Sprüchlein, das er sich selber gemacht:

»Wer Kinder will zur Schule bringen,
Darf mit dem Stock nicht viel umspringen;
Die Furcht macht Schul' und Köpfe leer,
Die Liebe lockt und bauet sehr.«

Und diese Liebe lockte und bauete auch in der Schule zum Veitsberg. Was auch der Schulmeister mit den Kindern tractirte, er brachte allezeit ein freundlich Gesicht dazu mit, und wußte neben dem Worte Gottes, das er fleißig trieb, auch manche andere Wissenschaft den Schülern angenehm zu machen. Lieder, die er selbst gedichtet, oder aus guten Gesangbüchern gewählt, und wozu er selbst die Weisen gemacht, sang er mit den Kindern und spielte die Harfe dazu, also daß Jung und Alt sich daran erbaute; denn, pflegte er zu sagen:

»Wer singen kann ein frommes Lied,
Der hat den Herrn noch im Gemüth.
Und frommes Lied aus frommer Brust
Treibt aus die Sünd', gibt Himmelslust.«

Zur Frühlingszeit, wo die Felder noch leer waren, nahm er die Knaben mit hinaus in's Feld, und zeigte ihnen, wie sie die gelernte Rechenkunst zum Feldmessen brauchen könnten, wie er denn selber zum Gebrauch seiner Schüler eine Anweisung zum Feldmessen, und für schon Geübtere im Jahr 1741 ein Büchlein verfaßte, das den Titel führt: »Geodaesia, oder Feldmeßkunst, nämlich wie aller Felder Größe zu messen und zu rechnen, sammt einem Anhang, wie alle Höhen, Weiten und Tiefen zu finden seien, auch mit einer Zugabe, wie das Verhältniß der Planeten gegen unsere Erdkugel gefunden werden könne;« Alles durch die reinsten Zeichnungen erläutert, und durch Exempel aller Art erklärt.

Eigenthümlich bleibt freilich die Lehrweise, die in seiner

Schule herrschte; sie trägt ganz das Gepräge seiner Zeit, einer Zeit, wo man meinte, dem Gedächtniß der Kinder dadurch zu Hülfe kommen zu können, wenn man die Lehrgegenstände in Verse kleide. So haben wir von Justus noch ein »Rechenbuch, darinnen die ganze allgemeine Rechnungsart mit allen ihren Regeln deutlich vorgetragen, und mit Exempeln erklärt ist, vom Jahr 1739.« In diesem Rechenbuche, das wie alle Schriften des Kalendermanns äußerst sorgfältig und sauber gearbeitet und mit schönen Handzeichnungen verziert ist, wird außer einer Menge gewöhnlicher Exempel immer eins in Versen gegeben und ein Bildchen dazu. Davon ein Beispiel aus der Regel de Tri mit Brüchen:

»Es thut ein Schiffmann fahren fort
Mit seinem Schiff an andre Ort'
Bei gutem Winde sag' ich rund
Gar recht in einer Viertelstund'
Fünfsechstheil Meil', wie mir bericht,
Der Schiffer, der da lüget nicht.
Nun möcht' ich wissen, wie viel dann
Der Schiffmann Meilen fahren kann,
Wenn er dreiviertel Stunden führ',
Und guter Wind das Schiff berühr'.«

Noch ein Anderes machte den Justus zu einem besonders guten Schulmeister und gewann ihm die Herzen der Jugend, das war seine große Liebe für die Natur. Nie ist er inniger und beredter, als wenn es gilt, von der Macht Gottes in seinen Werken zu reden, oder die Liebe Gottes in den tausendfachen Wundern der Schöpfung zu preisen. Wie man den lieben Gott und die Weisheit seiner Wege in allen seinen Geschöpfen finden könne, das zeigte er beständig seinen Schülern. Und wie man ihn zur Sommerszeit niemals ohne eine Blume in der Hand sah, so

trieb sein frommes Herz manche schöne Blüthe der Dichtkunst und der Begeisterung für die Werke Gottes. Laß' es dich nicht verdrießen, lieber Leser, wenn ich dir jetzt und auch noch später des Justus eigne Gedanken mittheile. So mögen denn hier zwei Lieder von ihm stehen.

Das Vöglein auf dem grünen Ast.

Sing-Vöglein auf dem grünen Ast,
Wie herzig ist dein Sang!
Gönnst dir nicht Ruh', gönnst dir nicht Rast,
O sag', wem gilt dein Klang?

Kommt aus der Nacht hervor der Tag,
Ist schon dein Tisch bestellt,
Und deiner Kehle lauter Schlag
Singt Dank dem Herrn der Welt.

Das Brünnlein, das aus Bergen quillt,
Das gibt dir deinen Trank,
Und hast du deinen Durst gestillt,
Vergißt du nie den Dank.

Du singst und trillerst wohlgemuth,
Für morgen nicht verzagt,
Als wüßtest du, ein Vater gut
Hält über Alles Wacht.

Wie friedlich ist die Ruhe dein,
Du weißt nichts von Gefahr,
Den Kopf wohl unter'm Flügelein
Bist du der Sorge bar.

O wüßt' ich doch, wie du es weißt,
Daß über aller Welt,
Mein Gott, der ewig Vater heißt,
Gar treulich Wache hält;

Daß er mir gibt mein täglich Brod,
Mir reichet, was mir nützt,
Daß er mir hilft aus aller Noth,
In Trübsal mich beschützt.

O Vöglein auf dem grünen Ast,
Gib mir die weise Lehr',
Lehr' singen mich ohn' Ruh' und Rast,
Das Lied zu Gottes Ehr'!«


Das Bienlein auf der Weide.

O Bienlein, nimm mich mit in's Feld!
Wie schön ist meines Gottes Welt.
Nun um mich her geworden!
Es grünt der Wald, der Anger lacht,
Der Baum steht weiß in seiner Pracht,
Und Blumen aller Orten.

O Bienlein, laß' mich mit dir zieh'n,
In's Thal hinab, hinab in's Grün,
Und zeig' mir deine Weise!
Von Blum' zu Blume eilest du,
Und gönnst dir nimmer Rast noch Ruh'
Und singst dein Lied so leise.

Du fliegest lustig ein und aus;
Viel süßer Kost trägst du nach Haus,
Und willst nicht müde werden;
Der Frühling geht, der Sommer auch,
Du läßt nicht von dem alten Brauch,
Bis Winter wird auf Erden.

O Bienlein ohne Rast und Ruh',
Dir seh' ich mit Vergnügen zu,
Du lehrst mich wohl ermessen:
Ich soll als Christ hier meine Zeit
Treu nützen für die Ewigkeit,
Des Heimgangs nie vergessen.