I. THEIL.

[[←]] I. KAPITEL.
Von Tanga nach Aruscha.

Die Massai-Expedition. — Reisevorbereitungen. — Anwerbung der Mannschaft. — Die Spitzen der Karawane. — Aufbruch von Tanga. — Ein Tag aus dem Karawanenleben. — Unruhen im Wadigo-Land. — Durch die Umba Nyika. — Kisuani. — Aruscha.

Am 16. November 1891 langte ich mit dem deutschen Postdampfer in Tanga, Deutsch-Ostafrika, an. Vor meinen Blicken erhob sich die üppige Tanga-Insel aus der tiefblauen Fluth, dahinter lugten auf hoher Uferrampe die braunen Hütten des Städtchens zwischen schlanken Kokospalmen hervor und tauchte der breite Bau des Forts auf, wie ein weisser Klecks in der Landschaft erscheinend. Im Hintergrunde ragten die bläulichen Berge Usambára's; alte liebe Bekannte. Betrat ich doch nicht als Fremdling den Boden Afrikas, war es doch das vierte Mal, dass ich mein Glück im dunklen Welttheil versuchte.

Einmal hatte ich Westafrika befahren und den Riesenstrom des Kongo bis in's Herz des Kontinents, bis Stanley-Falls, verfolgt, zwei Mal hatte ich in Ost-Afrika der Erforschung Usambára's und der Länder bis zum Kilimanjaro mich gewidmet. Diesmal freilich stand eine grössere Aufgabe vor mir, galt es doch die weiten gänzlich unerforschten Massai-Gebiete zwischen Kilimanjaro und Victoria-Nyansa zu durchziehen, welche nach den spärlichen Berichten als wasserarme, von feindlichen Stämmen durchstreifte Wüsten dargestellt wurden. Da mir jedoch die Haupterfordernisse des Reisenden: Kenntniss der Sprache und Kenntniss des Landes zu Gebote standen, so blickte ich mit Vertrauen in die Zukunft. Die Weltsprache Ostafrikas, das Kiswahíli, spreche ich völlig fliessend und afrikanische Erfahrung besass ich zur Genüge; so fehlten nur sorgfältige Ausrüstung und tüchtige Mannschaft, um das Gelingen des Unternehmens — die Gunst des Schicksals vorausgesetzt — wahrscheinlich zu machen.

Was die Ausrüstung anbelangt, so kann ich mich nicht zur Ansicht Jener bekennen, welche behaupten, in Ostafrika bekomme man »Alles«. Allerdings man bekommt mehr oder weniger Alles, aber schlecht und theuer, so dass ein Reisender, der sich in Europa ausrüstet, selbst wenn er das Vorzüglichste wählt, immer noch billiger wegkommt. Ein Zelt wie das von Benjamin Edgington in London, welches mir während zwei Reisen Obdach gewährte, ein Feldbett, Feldtisch, Feldstuhl und Blechkoffer wie die von Silver in London, gehören nicht zu dem »Alles«, welches man in Ostafrika erhält.

Selbst die Provisionen, die man noch am ehesten an Ort und Stelle beziehen kann, zog ich vor, aus Europa mitzunehmen, da eine sorgfältige, gegen alle Fälle gesicherte Verpackung draussen kaum durchführbar ist. Die Firma Wilhelm Richers in Hamburg lieferte sie mir in durchwegs vorzüglicher Qualität und zu sehr mässigen Preisen. Dieselben wurden genau nach meiner Angabe in längliche Holzkisten verpackt, deren jede ungefähr dasselbe enthielt, so dass der Verlust einer Kiste keinen unersetzlichen Schaden verursacht hätte. Alle hatten einen verlötheten Blecheinsatz, der erst geöffnet wurde, wenn die Kiste in Verwendung kam und den wohlverstauten Inhalt vor Verderben schützte.

So wurden denn alle die Kisten und Ballen der Expedition in Tanga ausgeladen, daneben auch drei Kameele, die ich für etwaige Wüstenwanderungen aus Aden mitgenommen und welche ihre Treiber, braune untersetzte Araber aus Yemen, mit grosser Sorgfalt unterbrachten. Auch 15 kohlschwarze Sudanesensoldaten, die ich in Massaua angeworben, fanden ein vorübergehendes Heim in einer Negerhütte, während mir selbst in den wohlbekannten Räumen des Usagarahauses gastliche Aufnahme geboten wurde.

Noch am Abend meiner Ankunft stellten sich schwarze Freunde, meist Getreue von meinen früheren Reisen ein, darunter auch der brave Kihara wadi Mwamba, der 1888 die schweren Stunden der Gefangenschaft bei Buschiri mit Dr. Meyer und mir durchgemacht. Alle erfuhren von meinen neuen Plänen und erklärten sich unbedenklich bereit, bei der Massai-Expedition wieder einzutreten. Auch meine treue Reisegefährtin von der Usambára-Fahrt, die Halbaraberin Ranïe binti Abedi, meist »Kibibi« genannt, liess nicht lange auf sich warten.

Nachdem ich mich noch einige Tage in Tanga aufgehalten und dem späteren Engagement der Mannschaften vorgearbeitet, begab ich mich nach Sansibar, um ein wichtiges Geschäft, den Ankauf der Tauschwaaren zu besorgen. Während mehrerer Tage durchschlenderte ich mit Sapojee, dem gewandten Parsi der Ostafrikanischen Gesellschaft, die Bazars, um »Merikani« und »Kaniki«, »Mishanga kuta« und »Mutinarok«, alle die verschiedenen Baumwollstoffe, Glasperlen und sonstigen Artikel anzukaufen, welche im Innern Afrika's das Geld ersetzen. In Sansibar traf ich auch einen Landsmann aus Transleithanien, den ungarischen Sportsman Herrn von Inkey, der eben auf einer Jagdexkursion begriffen war und mich bat, die Expedition bis zum Kilimanjaro begleiten zu dürfen, was ich ihm gerne zugestand.

Bald jedoch kehrte ich wieder nach Tanga zurück, harrte doch meiner eine wichtige Aufgabe, ja die wichtigste, welche meiner Ansicht nach ein Expeditionsführer in Afrika zu lösen hat: die Anwerbung der Mannschaft. Es ist allerdings in Ostafrika die Möglichkeit geboten sich die Sache bequem zu machen: man braucht nur mit einem indischen Agenten einen Trägervertrag zu schliessen, in welchem sich derselbe verpflichtet, die Mannschaften bis zu einem gewissen Tage zu stellen. Dann kann man die Zwischenzeit bequem im Lehnstuhl verträumen, in der Ueberzeugung, am bestimmten Tage seine Leute bereit zu finden. Dieser Vorgang scheint ungemein einfach und wurde auch thatsächlich bis in die neueste Zeit von Gouvernements-Expeditionen sowie von Privaten eingeschlagen. Dabei war es fast ausschliesslich der indische Kaufmann Sewah Haji, der mit den Aufträgen der Europäer beehrt wurde. Dieser ist nicht etwa ein indischer Grosshändler im Stile Sir Taria Topan's, dessen Handelsbeziehungen bis ins Herz des Kontinents reichen und der die bedeutendsten Araber wie Tippo-Tip als seine Agenten bezeichnen kann, sondern er hat eigentliche kaufmännische Geschäfte fast ganz aufgegeben. Seine Firma ist jetzt ein Dienstvermittelungs-Bureau in grossem Stile, er ist Träger- und Arbeiter-Agent, d. i. ein Mann, der durch die Unerfahrenheit und Bequemlichkeit der Europäer und den Unverstand der Afrikaner Reichthümer sammelt. Diese gestatten es ihm, zeitweise Reisen nach Europa zu unternehmen, wo er von Jenen, die ihm ihr Geld in den Rachen geworfen, zum Frühstück eingeladen wird.

Für Alle, für Deutsche, Engländer, Franzosen und für den Kongostaat wirbt Sewah Haji Träger an. Aber er lässt sich auch dafür bezahlen. Während er selbst dem Küstenmann höchstens 10 Rps. pro Monat, dem Mnyamwesi und Msángo gar nur einige Ellen Baumwollstoff giebt, muss der Europäer 15-20 Rps. monatlich bezahlen! Durch kleine Beträge, die Sewah den Schwarzen in ihrer arbeitsfreien Zeit vorschiesst und dann wucherisch verzinst, weiss er sich stets Leute an der Hand zu halten. Durch hohe Bezahlungen gewinnt er einflussreiche Karawanenführer, dafür werden die Anderen in ihren hart verdienten Löhnungen um so mehr verkürzt. Ausser den Vorschüssen, die mit Zins und Zinseszins bis ins Unendliche anwachsen, werden ihnen noch allerlei »Gebühren« abgezogen, besonders wenn es sich um naivere Inlandleute handelt. Schliesslich ist der arme Afrikaner froh, wenn er nur einige Rupies oder etwas weissen Baumwollstoff bekommt, ja er freut sich noch, wenn man ihm eine rothe Mütze oder sonst einen Plunder als »Bakschisch« schenkt. Er führt ja keine Bücher, während der Inder alles schwarz auf weiss hat und Unzufriedene auffordert, nur immerhin auf die Station zu gehen und sich über ihn zu beschweren. Der Begriff »Station« ist jedoch in Ostafrika noch so innig mit dem Begriffe »Prügel« verbunden, dass Jedermann es sich dreimal überlegt dahin klagen zu gehen, wenn er seiner Sache nicht ganz sicher ist.

Es ist jedoch begreiflich, dass die Mannschaften unter solchen Umständen dem Unternehmen wenig Lust und Liebe entgegenbringen und besonders wenn der europäische Gebieter, den sie am Abmarschtage zum ersten Mal sehen, ihnen nicht zusagt, einfach davonlaufen. Geschieht dies in der Nähe der Küste, so muss Sewah Haji selbst, sonst seine Agenten in Tabora und Mwansa freilich Nachschub leisten und der Karren wird mit Mühe und Noth im Gange erhalten, doch mit unendlichem Aerger und Verzögerungen muss der Reisende die Mussestunden an der Küste büssen.

Da ich während der Dr. Meyer'schen Expedition 1888 das Sewah Haji'sche Trägerelend gründlich ausgekostet, so beschloss ich mich nie mehr mit diesem oder einem andern Agenten einzulassen, sondern meine Leute selbst zu engagiren. Schon 1890, während der Usambára-Expedition, war mir dies trefflich gelungen, und obwohl »Kenner« mir diesmal versicherten, dass bei der herrschenden »Trägertheuerung« und dem »Trägermangel« Sewah Haji absolut nicht zu umgehen sei, wollte ich dies dennoch versuchen.

Von einschneidender Wirkung für das Gelingen einer Expedition ist die Wahl guter Karawanenführer. Für mich war dies um so mehr der Fall, als ich beschlossen hatte, keinen europäischen Begleiter mitzunehmen, sondern allein zu reisen. Vor Allem brachte mich zu diesem Entschluss der Umstand, dass ich, wie ich offen gestehe, mich in Afrika unter Schwarzen am wohlsten fühle. Doch würde dieses, mehr persönliche Moment, mich selbstverständlich nicht abgehalten haben einen Europäer mitzunehmen, falls ich dies im Interesse der Expedition für nothwendig gehalten hätte. Ich bin jedoch zu der Ansicht gelangt, dass man Europäer in Afrika nur da verwenden soll, wo Schwarze absolut nicht zu brauchen sind. Dies ist bei einer Expedition nur bezüglich der Oberleitung und der wissenschaftlichen Forschung der Fall, denn alles Andere, von der Marschdisziplin angefangen, bis zu den kleinsten Details des Karawanenlebens, verstehen ja die Schwarzen unendlich besser als wir. Es ist ja begreiflich, dass ein Mann, dessen Väter schon vor Livingstone und Krapf nach dem Innern Afrika's zogen, der in den Verhältnissen geboren und darin aufgewachsen ist, unter kräftiger Leitung und bei entsprechender Befähigung ganz anderes leisten muss als ein europäischer Neuling. Ob durch Mitnahme des Vertreters eines anderen Faches wissenschaftlich mehr ausgerichtet worden wäre, ist noch fraglich. Denn bekanntlich können verschiedene Fachleute sehr schwer zusammen arbeiten und es ist ferner sicher, dass man allein, schon durch Langeweile getrieben, weit mehr Studien macht als etwa in angenehmer Gesellschaft.

Einer jener Leute, welche mir mehr werth sind als ein und selbst mehrere Weisse, stellte sich mir nach meiner Rückkehr in Tanga vor. Es war Mzimba bin Omari, ein Swahíli aus Bweni bei Pangani, der s. Zt. bei der Usambára-Expedition als Träger eintrat, durch seine Tüchtigkeit es rasch zum Askari (Soldaten) brachte und während einer Krankheit des damaligen ersten Mnyapara (Anführers) dessen Stelle vertrat. Diesmal hatte ich ihn selbst trotz seiner Jugend — er ist kaum 25 Jahr alt — zu diesem wichtigsten Posten bestimmt. Der Mnyapara spielt eine ähnliche Rolle in der Expedition, wie der Feldwebel in der Kompagnie, nur dass die Expedition eben vollständig selbstständig ist und alle Zwischenglieder zwischen Hauptmann und Feldwebel fehlen. Mehr als einmal hat Mzimba während meiner Abwesenheit und Erkrankung meine Stelle vertreten und ich hatte dann stets das Gefühl dass es eben so gut, ja besser ging, denn Mzimba hatte den Ehrgeiz, mir zu beweisen, dass er auch ohne mich fertig werden könne. Ueberhaupt hatte er eine bei Schwarzen seltene Selbstständigkeit und hat mehr als einmal allein Gefechte mit Besonnenheit und Muth auf das Schneidigste geleitet. Der Mannschaft gegenüber besass er grosse Autorität, die er hauptsächlich dadurch aufrecht erhielt, dass er nur mit einigen jüngeren Verwandten unter den Trägern, sonst aber mit den Leuten garnicht verkehrte. Obwohl musterhaft gehorsam, zögerte Mzimba doch nie, eine ganz bestimmte Meinung abzugeben, wenn ich ihn um seinen Rath befragte. Freilich hatte er sich derart in mein Reisesystem und in meine Denkweise eingelebt, dass er meist nur das äusserte, was mir selbst als das richtigste erschien.

Während Mzimba ein untersetzter, lichtbrauner Bursche mit klugen Augen und von nicht übermässiger Schönheit ist, war Mkamba, der zweite Anführer der Kirongozi, ein hochgewachsener, schwarzer junger Hüne, ein ernster, auffallend hübscher Bursche. Er war im Gegensatz zu Mzimba Sklave, doch schienen ihn seine Fesseln gerade nicht zu drücken, denn ungehemmt durchstreifte er jahraus jahrein das Massailand. Er bildet den Typus eines »Msafíri« (Karawanenmannes) aus Pangani. Heute kehrt er vom Rudolfsee zurück um einige Tage darauf wieder nach Kavirondo aufzubrechen, bei einer Karawane zahlt man ihm seinen spärlichen Lohn und bei der andern nimmt er schon Vorschuss für die nächste Reise.

Eine weitere, sehr wichtige Persönlichkeit für eine Massaireise ist der Leigwenan, der Dolmetscher. Diesen fand ich in der Person des Bakari bin Mfawme aus Mtangata, der meist mit seinem Massainamen »Kiburdangóp« genannt wurde. Er war ein im Massailand ergrauter Mann, der die Sprache der gefürchteten Viehräuber fliessend handhabte und eine erstaunliche Landeskenntniss besass, ein gutmüthiger, etwas ängstlicher Swahíli.

Nachdem ich diese drei Stützen der Expedition gesichert, ging ich daran mit ihrer Hilfe die Askari und Träger anzuwerben. Vor Allem die Askari, die Soldaten. Denn es ist selbstverständlich, dass der Reisende in unerforschten Theilen Afrika's auch heute, wo die rothen und blauen Grenzlinien der Kolonien, Schutzgebiete und Interessensphären Kreuz und Quer durch die Karte des Kontinents gezogen sind, doch noch einzig und allein auf seine eigene Kraft angewiesen ist. Die Stationen, die hunderte von Meilen weit entfernt an den grossen Heerstrassen liegen, können ihm auch nicht den Schatten von Schutz gewähren. Ebensowenig kann er erwarten von der kaiserlichen Schutztruppe, die ohnehin nur das Nothwendigste an Mannschaft besitzt, eine Bedeckung zu bekommen. Der letztere Nachtheil ist übrigens nicht so gross als man annehmen sollte, da es ja dem Reisenden freisteht zu thun, was bei der Schutztruppe geschieht, nämlich Neger anzuwerben, dieselben zu uniformiren und militärisch abzurichten. Da das Menschenmaterial genau dasselbe ist, so ist solche eigene »Schutztruppe« jener des Gouvernements völlig ebenbürtig, ja ich habe diesmal mit meinen selbst angeworbenen Leuten weit bessere Erfahrungen gemacht als auf der Usambárareise mit den 7 Askari des Reichskommissariats, von welchen drei ausrissen und überhaupt nur einer als Soldat verwendet werden konnte.

Fünfzehn Sudanesen hatte ich mir, wie erwähnt, schon mitgebracht. Die übrigen Askari wurden zusammen mit den Trägern angeworben und nur gutempfohlene und anscheinend intelligente Leute zu diesem Dienst berufen. Viele darunter hatten während des Aufstandes in der Schutztruppe gedient und sich dabei die deutschen Kommandos und Griffe angeeignet. Ihre Ombascha's (Gefreiten) waren der Sudanese Bahid Mohammed, ein tiefschwarzer, langer Dinkaneger und der Swahíli Hailala wadi Baruti, ein hübscher, kluger Yao. Freilich wurde mancher, der als Askari angeworben war, im Laufe der Zeit zum Träger gemacht und dafür Träger, die besondere Eigenschaften zeigten, zu Askari befördert.

Zur Anwerbung der Träger begab ich mich von Tanga nach Mtangata, Pangani und Bagamoyo und sandte Leute nach Bondei und Muoa aus. Ich verfolgte dabei stets den Grundsatz im Allgemeinen nur Leute zu nehmen, die durch einen an der Küste ansässigen und bekannten Gewährsmann empfohlen wurden. Bei Sklaven waren dies meist ihre Herren. Mit diesem Gewährsmann wurde ein schriftlicher Vertrag abgeschlossen, wonach er sich verpflichtete den Vorschuss des Trägers zurück zu zahlen, falls dieser zu irgend einer Zeit davonliefe. Es mag ja freilich langweilig sein an 200 solcher Verträge aufzusetzen, doch sind diese das einzige Mittel welches gegen Desertionen schützt. Irgend welche Schwierigkeit, die Leute zu bekommen, fand ich trotz des angeblichen »Trägermangels« keineswegs. Im Gegentheil, die Massai-Expedition war populär geworden, aus allen Dörfern kamen junge Burschen, und Kontraktarbeiter lösten ihre Verträge um als Träger einzutreten. Leute die 12 und 15 Rps. monatlich hatten, traten bei mir für 10 ein; ich hätte, falls ich damals gewollt hätte, 1000 und mehr Leute anwerben können.

Die 200 Mann, die ich angeworben, hatten sich Anfangs Januar 1892 in Tanga vereinigt und ich beschleunigte das Packen der Lasten, um rasch fortzukommen. Denn dass zweihundert junge Burschen, die einer unsicheren Zukunft entgegengehen, die Vorschuss erhalten haben und täglich Zehrgeld bekommen, zu allerlei Unfug geneigt und ganz danach angethan sind, ein Nest wie Tanga auf den Kopf zu stellen, scheint begreiflich. Ich selbst stand diesem Treiben völlig machtlos gegenüber, da ich die Leute, die in der Stadt zerstreut lebten, nicht in der Hand hatte und es mir auch im Interesse der Sache garnicht einfiel, jetzt schon die Zügel straff anzuziehen — dazu war im Massailand Zeit. Ich wäre denn wohl in häufigen Konflikt mit den Behörden gerathen, wenn die löbliche Polizei in den ostafrikanischen Küstenstädten nicht zum Glück aus Egyptern und Sudanesen bestände und wann hätte ein Egypter oder Sudanese dem Zauberworte »Bakschisch« jemals widerstanden? So drückten denn die biederen Stadtsoldaten nicht nur ein sondern beide Augen zu und mir sowohl wie dem Bezirkshauptmann blieb viel Aerger erspart. Mehrmals am Tage erschienen Weiber welche »verführt« oder Greise, Kinder und andere Leute die durchgeprügelt worden waren: sie alle wurden durch einen Bakschisch zufriedengestellt. Selbst den Vali von Tanga, den würdigen, arabischen Bürgermeister gelang es mir zu beruhigen, als er eines Abends wuthentbrannt mit äusserst schiefgewickeltem Turban bei mir ankam und klagte, dass einige meiner Manyema-Träger ihn aus seiner eigenen Veranda hinausgeworfen hätten, um dort dem verpönten Kartenspiel zu fröhnen. Ich lud ihn ein auf den Schreck einen Cognac zu nehmen, ein Getränk, welches, nebenbei gesagt, ihm die Freuden des islamitischen Paradieses ersetzen muss, das er sich durch dessen Genuss, sowie durch andere, minder salonfähige Neigungen vulgo Laster schon längst verscherzt hat. Nachdem er etwa die halbe Flasche »in Gedanken« ausgetrunken, ging auch er befriedigt ab.

Solange meine Kerls sich begnügten die Weiber zu »verführen« und die Männer durchzuprügeln ging, wie gesagt, alles ganz gut. Einer aber wollte die Sache umkehren und begann damit, Weiber durchzuprügeln. Das bekam ihm jedoch schlecht; einige schwarze Megären fielen über ihn her, warfen ihn zu Boden und traten ihn buchstäblich todt. Seine Gefährten fanden den armen Baraka Manyema als Leiche und das Bezirksamt leitete eine gründliche Untersuchung ein, deren Ende ich nicht abwartete. Denn der Boden brannte mir in Tanga begreiflicherweise unter den Füssen und Mzimba mit seinen Getreuen packten vom Morgen bis in die Nacht, um uns rasch flott zu bekommen.

Am 14. Januar schickte ich die 40 bepackten Massai-Esel, die gewissermaassen den Train der Expedition bildeten unter Mkambas Befehl voraus nach Amboni. Am Morgen des 15. liess ich meine »Bande« antreten, jeder bekam sein Gewehr und Pulverhorn, die Askari ihren Hinterlader, und die Lasten wurden vertheilt. Dann liess der Tambour seine mächtige Negertrommel ertönen, der wohlbekannte Wanyamwesimarsch, der Mganda ya Safari wurde mit Jubelgeschrei begrüsst, Kopwe, ein halbverrückter, zwerghafter Mschambaa entlockte einem Antilopenhorn die furchtbarsten Töne und, die deutsche Flagge voran, setzte sich die Karawane in Bewegung. Im Vorbeimarschiren drückte ich den deutschen Landsleuten die Hand und erhielt manches — oft recht ironisches — Abschiedswort. Denn selbst alte Afrikaner glaubten, dass sich auch bei mir die übliche Komödie wiederholen und gleich am ersten Tage drei Viertel der Leute ausreissen würden. Der Reisende, der heute Abschied genommen, taucht dann morgen mit langem Gesicht wieder an der Küste auf, zur Erheiterung der schadenfrohen Landsleute. Diesmal sollten sich diese aber geirrt haben. Keinerlei Desertionen traten ein, die mich nöthigten wieder an die Küste zu kommen, sondern im Gegentheil, ihre eigenen Bootleute und Lohnarbeiter liefen rudelweise davon, um sich der Massai-Expedition anzuschliessen, sodass sie schleunigst Boten absenden mussten um sie wieder einzufangen.

TAFEL II

Lager am Sogonoi-Berg.

Am ersten Tage lagerten wir unter den schattigen Mangos des Dorfes Amboni am Sigifluss, am nächsten Morgen marschirten wir schon bei Tagesanbruch an der Tabaksfarm vorbei und in's grasige, palmenreiche Digoland.

Bevor ich den Reisebericht weiter verfolge, sei es mir gestattet ein kurzes Bild unserer Märsche und unseres Lebens im Lager zu geben, wie es sich täglich abspielte.

Schon lange vor Tagesanbruch kam in die schlummernde Karawane Leben. Es waren die Eseljungen, die vom diensthabenden Unteroffizier geweckt wurden, um das mühsame und langwierige Geschäft der Bepackung der widerhaarigen Thiere zu besorgen. Unter dem wahnsinnigen Geschrei ihres Aufsehers, Mabruki Wadudu, eines alten Bekannten von der Meyer'schen Expedition, fingen sie die Thiere ein, legten ihnen die mit Bananenlaub gefüllten Polster und die nach Massaiart genähten ledernen Tragsättel mit den Lasten auf. Sobald ein zartrother Streif sich am östlichen Himmel zeigte, schlug der Trommler die Tagwache und Mzimba begann die Lasten zu vertheilen. Während ich eine Tasse Cacao und einen kleinen Imbiss zu mir nahm, wurde mein Zelt abgebrochen, dann gab ich durch einen schrillen Pfiff das Zeichen zum Abmarsch.

Den Vortrab bildete Mkamba mit 12 Askari, stets denselben Leuten. Bei ihm befand sich der eingeborene Wegweiser, der manchmal freiwillig, öfter gezwungen und nicht selten an der Kette marschirte. Denn ich konnte, besonders in weglosen, wasserarmen Gegenden, das Wohl und Wehe meiner Karawane nicht von den Launen eines Wilden abhängig machen der, wenn er schliesslich nach einigen Tagen beschenkt wurde, vergnügt nach Hause zurückkehrte. Mkamba wurde stets von mir über die einzuschlagende Richtung aufgeklärt, die Details des Weges überliess ich seinem Ermessen. Er hatte ferner auf etwaige Feindseligkeiten der Eingeborenen scharf zu achten und war für Beseitigung von Marschhindernissen, wie Dorngestrüpp u. s. w., verantwortlich. Seine Leute waren mit Beilen und Waldmessern ausgerüstet.

Etwa 100 Schritt hinter dem Vortrab folgte die Karawane, deren Spitze der Fahnenträger Askari Kipishi bildete, ein vielgereister Mann aus Mtangata, der sein keineswegs leichtes Amt mit besonderem Geschick versah. Von ihm hing es nämlich ab, ob die Karawane geschlossen oder lose marschirte; lief er zu sehr, so kamen die Leute hinten nicht nach, ging er zu langsam, so trat ein schleppendes Tempo ein, welches für Träger sehr ermüdend ist. Diese folgten, so ziemlich stets in derselben Reihenfolge in langer Linie dem Fahnenträger, zwischen ihnen einzelne Askari, welche für die Marschdisziplin sorgten. Ich hielt nämlich strenge darauf, dass die Karawane immer geschlossen marschirte; Niemand durfte in der Eintheilung stehen bleiben oder sich gar zur Rast niederlassen, dazu waren zwei Ruhepausen da, die während jedes Marsches gehalten wurden. Der Marschdisziplin war alles, Männlein und Weiblein, deren es, wie wir sehen werden, meist gar nicht wenige in der Karawane gab, unterworfen und Zuwiderhandelnde erhielten unfehlbar Hiebe.

Am Ende der Karawane folgte ich mit meinem »Stabe«, d. i. den Leuten, welche die wissenschaftlichen Instrumente trugen, den Boys, Köchen und dem Eseljungen des Reitesels, den ich stellenweise benutzte. Selbstverständlich war ich ununterbrochen mit topographischen Aufnahmen beschäftigt, die ich nach langjähriger Uebung halb unbewusst ausführte. Hinter mir schwankte das eine Kameel das mir noch geblieben — zwei waren in Tanga gestorben — und tönte das wilde Geschrei der Eseltreiber und das noch tollere Wiehern der Grauthiere. Den Schluss bildete Mzimba mit 15 Askari, ebenfalls stets denselben Leuten. Er war verantwortlich, dass Niemand, der zur Karawane gehörte, zurückblieb. Auch er musste die Augen tüchtig offen halten, denn vielfach und besonders später als wir Rindvieh mittrieben, waren die Angriffe der Eingeborenen gegen das Ende der Karawane gerichtet. Das war auch mit ein Grund, warum ich selbst mich näher an demselben aufhielt.

Sobald die Sonne nahe am Zenith war, begann Mkamba sich nach einem Lagerplatz umzusehen. In Steppen und unbewohnten Gegenden handelt es sich vor Allem um genügendes Wasser und Brennholz, waren diese gefunden, so konnte ein Platz leicht bestimmt werden. In bewohnten Ländern lagerten wir meist in Dörfern.

Der Fahnenträger stiess seine Flagge an der Stelle in die Erde, wo das Lagerzelt errichtet werden sollte. Trommler und Hornist liessen ihre Klänge ertönen und alles athmete erleichtert auf: für heute war's wieder überstanden. Ein Theil der Askari schlug rasch mein Zelt auf oder erbaute, falls keine Negerhütte Schatten bot, in aller Eile eine »Kibanda«, eine Zweighütte mit Grasdach, die einen weit angenehmeren Aufenthalt während des Tages bot als das Zelt. Die übrigen Askari schichteten die Lasten, Munitionskisten, Blechbüchsen mit Pulver, Tauschwaaren und Provisionskisten sorgfältig auf und schlugen das Lastenzelt.

Die Jungen hatten inzwischen das Zelt in Ordnung gebracht und in der Kibanda den Tisch gedeckt, der Koch den Mittagsimbiss fertig gestellt. Bei dieser, wie bei allen Mahlzeiten hielt ich darauf, dass die Hilfsquellen, welche das Land bot, möglichst vollständig ausgenutzt, und auch möglichst gut gekocht wurde, da ich der Ansicht huldige, dass eine gute Mahlzeit sicherer vor Fieber schützt als eine Dosis Chinin oder Arsenik. Dafür, dass Reinlichkeit und Ordnung in der Küche herrschte, sorgte die brave Kibibi, die dortselbst als Alleinherrscherin regierte.

Die Träger hatten sich inzwischen ebenfalls Laubhütten gebaut und begannen ihre Lebensmittel abzukochen. Dies geschah nach Lagergenossenschaften, Kambi's, deren jede einen Aeltesten, den Mkubwa ya Kambi, hatte. Die verschiedenen Landsleute, die Manyema, Wadigo, Wabondei, Wasegua, Wassegeju, Wasaramo und Wanyamwesi, die Leute von Tanga, Mtangata, Pangani, Bweni und Bagamoyo, die Sansibariten und Sudanesen sondern sich da von einander ab, und bilden kleine geschlossene Kreise.

Während ich Nachmittags damit beschäftigt war, meine Aufnahmen zu ordnen und zu ergänzen, sowie ethnographische, linguistische und andere Studien zu machen, waren die Askari darauf bedacht, das Lager gegen einen nächtlichen Angriff zu befestigen.

In einem Dorf war das verhältnissmässig einfach, da mittelafrikanische Siedelungen sehr häufig ohnehin mit Dornverhauen oder anderen Schutzwehren umgeben sind. Im Busch musste jedoch stets die »Boma«, der Stachelzaun, errichtet werden. Alle Mann hackten dann Zweige von den dornigen Akazien und thürmten dieselben im Kreise um das Lager so hoch auf, dass ein Darüberspringen unmöglich war. Solche Maassregeln mögen übertrieben und unnütz erscheinen, aber Sorglosigkeit hat in Deutsch-Ostafrika, wie ich glaube, gerade genug schwere Niederlagen bereitet, sodass ein wenig zuviel Vorsicht nichts schaden kann.

Gegen 5 Uhr Nachmittags versammeln sich die Kambi-Aeltesten bei Mzimba und erhalten »Poscho«, Proviant. Die mitgebrachten oder von den Eingeborenen erworbenen Nahrungsmittel hat dieser vor sich aufgehäuft und giesst jedem Aeltesten mit der Kibaba, einer Holzschüssel, soviel Portionen, als er Leute vertritt, in ein ausgebreitetes Tuch. Dieses sogenannte »Kibabasystem« wird von Arabern und Swahíli stets ausgeübt und war auch bei älteren Reisenden üblich, während jetzt Europäer fast stets das »Mikonosystem« verfolgen, d. h. den Leuten so und so viel Armlängen (Mikono) Baumwollenzeug geben, mit welchen sie eine bestimmte Anzahl Tage ausreichen müssen.

Schon auf der Usambára-Expedition habe ich mit Erfolg das Kibabasystem benutzt, welches ungleich billiger und praktischer ist. Bei der Massai-Reise, wo ich oft auf Monate Proviant für die Mannschaften mitnehmen musste, wäre das Mikonosystem geradezu ein Unding gewesen. Dasselbe verdankt seinen Ursprung hauptsächlich der Abneigung vieler Europäer, für die Verpflegung ihrer Leute zu sorgen. Sie geben denselben ihre Mikono und überlassen es ihnen, sich Nahrung einzukaufen. Auf grossen Karawanenstrassen mag dies ja ganz bequem sein, bei Forschungs-Expeditionen hat es jedoch seine sehr grossen Nachtheile. Vor Allem haben viele Leute garnicht genug Einsicht, um mit ihren Tauschwaaren sparsam umzugehen. Sie verprassen die erhaltenen Mikono gleich nach Empfang und müssen dann bis zum nächsten Poscho-Tage hungern oder bei den Eingeborenen mausen. Dabei kann der Reisende seinen Leuten nicht verbieten, das Lager zu verlassen und unter dem Vorwand Nahrung einzukaufen, weit abseits umherzuschweifen, was auf die Disziplin schädlich einwirkt und in feindlichen Gegenden geradezu verhängnissvoll werden kann. Ferner ist das Mikonosystem eine Quelle fortwährender Unzufriedenheit. Denn weiter im Innern ist das Baumwollzeug mehr werth, und der Reisende sieht sich veranlasst, die Zahl der Mikono herabzusetzen, was stets Stürme der Entrüstung und nicht selten Desertionen veranlasst. Der Mann dagegen, der vom ersten bis zum letzten Reisetag seine Kibaba, Lebensmittel, erhält, an welchen er sich sattessen kann, ist stets zufrieden und kümmert sich wenig darum, ob der Expeditionsleiter, der für ihn eine Art Vorsehung ist, sie billig oder theuer erworben hat. Jagd- und Kriegsbeute, sowie die reichen Geschenke der Inlandhäuptlinge, kommen direkt der Expedition zu Gute, während sie beim Mikonosystem oft geradezu schädlich wirken. Denn wenn der Mann auch im Ueberfluss schwelgt, so wird er doch seine gewohnten Mikono verlangen und diese auf zwecklose Weise durchbringen, was zu vielfachem Unfug Veranlassung giebt.

Zur Poschozeit werden auch die Kranken von dem dazu bestimmten Askari vorgeführt und so gut als möglich von mir behandelt. Vor Sonnenuntergang, kurz bevor ich mein Nachtmahl einnehme, treten die Askari an und machen etwa eine halbe Stunde Gewehrgriffe. Dann wird die Wache für die Nacht abgetheilt. Während der ganzen Reise stellte ich allnächtlich vier Wachtposten auf, die unter kriegerischen Verhältnissen auf sechs und acht verstärkt wurden. Ununterbrochen riefen dieselben mit lauter Stimme die arabischen Zahlen, das beste Mittel, um sich wach zu erhalten. Wenn das Wasser entfernt liegt, so ziehen schon während der Wachabtheilung kleine Trupps von Leuten mit Gefässen aus, um für die Nacht und den nächsten Morgen Wasser zu schöpfen. Denn sowie es dunkel geworden, schlägt der Trommler den Zapfenstreich und ruft die Befehle für den nächsten Tag, vor Allem ob marschirt wird oder nicht, aus. Dann darf Niemand mehr hinaus und das Lager verstummt allmählich.

Eine Weile noch flüstern einzelne Gruppen bei den glühenden Lagerfeuern, doch bald sinkt alles in tiefen Schlaf. Eintönig erschallen die Rufe der Wachtposten um das Lager, draussen jedoch werden die Stimmen der Wildniss laut. Die Hyänen heulen und lachen in widerlicher Weise, manchmal ertönt ein mächtiger Ruf: das Gebrüll des Löwen. Doch trotz allem Lärm schläft man schliesslich ein, bis das Rasseln der Trommel am nächsten Morgen zu neuer Thätigkeit ruft.

Man darf allerdings nicht glauben, dass solch regelmässiger Dienstgang gleich von Anfang an durchführbar ist. Erst herrscht unglaubliche Unordnung, die ungeübten Leute marschiren schlecht und sind nicht vom Fleck zu bringen, im Lager entwickelt sich ein unendlicher Wirrwar. Die beiden Hauptmittel des Expeditions-Chefs: Geduld und Kurbatsch bringen täglich mehr Ordnung in das Chaos, doch braucht es immerhin fast einen Monat bis Alles im Gange ist und Jeder seine Thätigkeit genau kennt. Der eigentliche Lohn für die Mühen der ersten Zeit tritt aber nach mehreren Monaten ein: dann geht alles wie geölt, so dass die Leute selbst ihre Freude daran haben und der Kurbatsch, welcher anfangs täglich viel zu thun hatte, verlässt nur selten mehr seinen Ehrenplatz im Gürtel Mzimba's.

Freilich, wer die zügellose wüste Schaar gesehen hätte, die am Morgen des 16. Januar mit mir Amboni verliess, der hätte wohl kaum geahnt wie wohlerzogen und tüchtig diese Leute noch werden sollten. Mit Horn und Trommel voran gings unter stetem Jubelgeschrei durch's Digoland, so dass die erschreckten Wadigo mit Weib und Kind ihre Dörfer verliessen und spornstreichs in den Busch entsprangen.

Der Augenblick, das Digoland zu besuchen, war gerade kein günstiger. Wenige Wochen vorher hatten die Wadigo wieder einmal zuviel Palmwein getrunken. Sie, die immer ganz gute Unterthanen waren, rissen auf einmal die deutsche Flagge herab und erklärten sich für unabhängig. Einen deutschen Offizier, der mit wenigen Soldaten und sehr wenig Munition hinkam, um sie zur Vernunft zu bringen, empfingen sie mit heftigem Feuer. Unter den obengenannten Umständen musste er sich nach kurzer Gegenwehr zurückziehen, wobei ihn die Wadigo bis Amboni verfolgten und die Scheunen der Pflanzer-Gesellschaft niederbrannten. Nun wurde Ernst gemacht. Dampferweise kamen Soldaten aus Dar-es-Salaam und Freiherr von Bülow wurde beauftragt, die Wadigo zu pacificiren. Es gelang ihm dies sehr leicht; nach den ersten Schüssen liefen die Wadigo davon und das übliche Strafverfahren mit Dorfbrennen und Viehforttreiben konnte eingeleitet werden.

Drei Tage nachdem Freiherr von Bülow das Land verlassen, langte ich mit meiner Expedition darin an. Begreiflicherweise mussten die Wadigo in dem Erscheinen von 200 Bewaffneten, die mit Lärm und Trommelschall einzogen, einen neuen Rachezug sehen. Sie suchten das Weite, und als wir unter einem prachtvollen Baum vor dem Dorfe Gombelo lagerten, sahen wir keine Seele. Einige Träger, die sich von der Karawane entfernt hatten, wurden abseits mit Pfeilen beschossen.

So stand ich denn vor der Nothwendigkeit, entweder meine Leute gleich in den ersten Tagen hungern zu lassen oder schon hier, so nahe an der Küste, mit dem leidigen Fouragiren zu beginnen. Das erstere hätte zweifellos viele Desertionen, möglicherweise den Ruin der Expedition veranlasst, ich zögerte also nicht, den Leuten zu erlauben, den zur Nahrung nöthigen Maniok aus den Feldern zu ziehen. Dass diese es dabei nicht bewenden liessen und wohl auch manchmal ein Hühnchen mitgehen liessen, ist bei der begreiflicherweise noch mangelhaften Disziplin in einer drei Tage alten Expedition nicht verwunderlich.

Bemüht, möglichst rasch aus diesen unangenehmen Gegenden zu kommen, zogen wir durch die damals völlig menschenleeren Distrikte von Mgandi, Kaerua und Buiti. Erst in Daluni, das zwischen prachtvollen Kokospalmen am Fusse des Usambára-Gebirges liegt, liefen die Leute nicht davon und wir konnten Lebensmittel einkaufen, womit ich die leidige Wadigo-Affaire für erledigt hielt. Dieselbe hatte aber noch ein Nachspiel. Als nämlich die Wadigo erfuhren, dass sie diesmal nicht »amtlich« geplündert worden waren, führten sie beim Bezirksamt Klage. Dieses leitete die Klage weiter, nach Dar-es-Salaam, nach Berlin, nach Coblenz, wo das Antisklaverei-Komite veranlasst wurde, eine Schadenersatz-Summe zu zahlen. So löste sich denn alles in Wohlgefallen auf: die Wadigo bekamen ihr Geld, welches ihre Verluste an Maniok und Hühnern mindestens zehnfach deckte, das Bezirksamt hatte sein »amtliches« Recht durchgesetzt, das Komite hatte gezahlt und konnte zahlen, da es wusste, dass mein Vorgehen im Interesse der Expedition dringend geboten war — und ich zog inzwischen, von allen diesen »amtlichen« Vorgängen nichts ahnend, landeinwärts, der unamtlichen afrikanischen Freiheit zu!

Ein kurzer Aufenthalt in Daluni diente dazu, die wenigen Nachzügler bei der Karawane zu versammeln, und am 22. Januar traten wir den Marsch längs der steil ansteigenden felsigen Mschihui-Berge durch die Umba-Nyika an. In Folge des ungewöhnlich frühzeitigen und reichlichen Regens hatte die Steppe gewissermaassen ihr Frühlingskleid angelegt. An Stelle der gelben harten Gräser sprossen zarte junge Halme hervor, die Baobabs, die sonst ihre mächtigen Aeste blattlos in die Lüfte recken, zeigten reiches Laub, und selbst die Akazien und Dornbüsche verhüllten ihre stachlige Aussenseite mit dichtem Grün. Von Wassermangel war keine Rede; die Bäche, die sonst als trockene Gräben nur Marschhindernisse bilden, führten das erfrischende Nass in Mengen und Niemand beachtete die Wasserbaobabs, jene natürlichen Baumcisternen, die oft in der trockenen Zeit aus den unversiegbaren Wasservorräthen ihrer Innenhöhlung dem Wanderer Labsal bieten.

Die fruchtbare Oase von Kitivo, welche die Stelle bezeichnet wo der Umba aus den Usambárabergen tritt, bot uns und unsern noch wenig geübten Leuten Gelegenheit zur Ruhe und Erholung. Inkey und ich benutzten den Ruhetag zu einem Ausflug in das prächtige Hochthal von Mlalo, das Dr. Meyer und ich 1888 entdeckt, und wo die Mitglieder der deutschen Mission uns begrüssten, die auf mein Anrathen sich dort niedergelassen hatten.

Um die Nordspitze Usambáras herum zogen wir nach Mnasi, wo mein alter Bekannter, der Häuptling von Mbaramu, mir Wegweiser durch die Steppe verschaffte. Da die Wasserverhältnisse günstige waren, beschlossen wir, den Umweg über Gonja zu vermeiden und direkt auf Kisuani loszugehen. Mehr aus alter Gewohnheit als weil es wirklich nöthig war, machten wir beim letzten Wasserplatz von Mnasi »Telekesa«, d. h. wir kochten gegen Mittag ab, alle Gefässe wurden gefüllt, das Kameel bekam eine Last voller Schläuche und, gegen die Eventualitäten einer wasserlosen Nacht gerüstet, brachen wir um 1 Uhr Nachmittags auf. Durch lichte, mit spärlichem Stachelgestrüpp bedeckte Steppen, aus der einzelne Felskuppen sich erhoben, führte die ziegelrothe Linie unseres Pfades. Die mächtigen Abfälle Usambáras entfernten sich immer mehr; im Westen tauchte die dunkle Mauer des Pare-Gebirges in der Abenddämmerung mit solcher Klarheit auf, dass man die weissen Rauchsäulen der Schmieden erkennen konnte. Gerade als die Sonne sich anschickte, hinter den Pare-Bergen zu verschwinden, entdeckte Mkamba einen kleinen Wassertümpel und wir lagerten, erfreut, umsonst Telekesa gemacht zu haben. Durch ähnliches Land zogen wir am nächsten Tage zum Kambaga-Fluss, der, in der Trockenzeit völlig wasserlos, nun reichlich fliessendes Wasser in seinem tief eingerissenen Bett führte. Vom Lager aus hatte man einen schönen Blick auf die unbewohnte Tusso-Kette mit ihren grünen Hängen und der steilen, felsigen Krone. Am 31. Januar erreichten wir nach einem starken Marsch um den Nordostvorsprung Süd-Pare's, Kisuani, jene fruchtbare, an Sorghum, Mais, Zuckerrohr und Hülsenfrüchten reiche Niederlassung. Dort hatte sich seit meinem letzten Besuch manches verändert, ein kleiner Militärposten war entstanden, dessen Besatzung, ein Swahíli-Gefreiter und vier Mann, uns unter der deutschen Flagge empfing.

Ich beschloss, in Kisuani einige Tage zu verweilen, um die Verproviantirung der Karawane für die Massai-Reise zu beginnen, denn dass im Massai-Land gegenwärtig absolut nichts zu bekommen ist, war mir zu Genüge bekannt und ich hatte keine Lust, meine Expedition den Fährnissen einer Hungerperiode auszusetzen. Die Kunst des Afrikareisens besteht ja zum sehr grossen Theil in der Lösung der Verpflegungsfrage, und die Geschichte der Forschung lehrt uns, dass die grössten Schwierigkeiten immer aus dieser entstanden. Ein voller Magen ist für den Afrikaner — und vielfach auch für den Europäer — gleichbedeutend mit Ausdauer, Muth und Unternehmungslust; ein leerer ist feige und gänzlich unbrauchbar. Von diesem Grundsatze ausgehend, sandte ich denn täglich Abtheilungen in's Gebirge, die reich beladen mit Mais wieder herabkamen. Eine Anzahl Ziegen, die wir aus dem Küstengebiet mitgebracht und die nicht mehr vom Fleck kamen, liess ich schlachten und das Fleisch zum Dörren aufhängen. Dies lockte zahlreiche Hyänen an, welche Nachts das Lager umheulten, einmal sogar eindrangen und einen Träger in die Ferse bissen. Dieser erholte sich erst nach Wochen von der Wunde und behielt von nun an den Namen »Komboa fissi« (der von der Hyäne Befreite).

Mein liebenswürdiger Reisegefährte Herr von Inkey, der bisher das Klima sehr gut vertragen und auch schon mit Erfolg gejagt hatte, wurde in Kisuani von starken Fiebern ergriffen und beschloss, in Eilmärschen nach dem Kilimanjaro aufzubrechen, von dessen Höhen-Klima er rasche Erholung hoffte. Vor seiner Abreise hatte er die Güte, mir seinen photographischen Kodak-Apparat zur Verfügung zu stellen der mir fernerhin gute Dienste erwies. Er brach am 5. Februar auf und ich blieb von nun an als einziger Europäer bei der Expedition. An demselben Tage begrüsste ich Herrn Dr. Peters, der auf der Reise nach der Küste in Kisuani durchkam. In seiner Begleitung befand sich ein Swahíli Mwalim, der von Kibongoto aus nach dem Manyara-See geschickt worden war. Er behauptete auch denselben erreicht zu haben und brachte allerlei Nachrichten über den See, die mir sehr unwahrscheinlich klangen und sich auch später als Lügen erwiesen. Der Mann hat den See zweifellos niemals erreicht und die von ihm mitgebrachten Salzproben irgendwo bei Ober-Aruscha, wo sich Salzefflorescenzen genug finden, aufgelesen.

Kisuani verlassend zogen wir zwischen den beiden Komplexen Mittel-Pares hindurch, auf welchen jetzt weit mehr Felder und Siedelungen wahrnehmbar sind, als zur Zeit meines früheren Besuches (1890), ein Umstand, der jedenfalls der Verminderung der Massai-Gefahr zu danken ist. Den niedrigen Sattel zwischen Mittel- und Nordpare überschreitend gelangten wir nach dem Westfuss dieses Gebirges, wo wir uns im Lagerplatz Pare ya Baussi mehrere Tage aufhielten. Derselbe liegt schön unter einigen schattigen Bäumen und gewährt einen prächtigen Ausblick auf den Kilimanjaro mit der schimmernden Schneespitze, deren Dom sich scharf vom tiefblauen Tropenhimmel abhebt. Der Zweck unseres Aufenthaltes war theils Beschaffung neuen Proviantes aus dem fruchtbaren Usangi-Gebirge, theils Auffindung eines Wegweisers für die Massai-Steppe. Der Proviant war leicht beschafft, bestand jedoch leider hauptsächlich aus Erbsen, die für solche Zwecke nicht sehr geeignet sind, da sie schon bei geringer Feuchtigkeit zu keimen anfangen, während Mais- und Sorghum-Vorräthe sich besser halten. Weniger leicht ging es mit dem Führer. Denn als solcher war nur ein erwachsener Massai, ein Elmóruo, denkbar. Da die in Folge der Viehseuche sehr ausgehungerten Massai zu jener Zeit vielfach an den Fuss von Nordpare kamen um gegen Esel Nahrungsmittel einzutauschen, so erschien uns der gewählte Platz als günstig.

Es dauerte denn auch gar nicht lange so brachten meine Askari einen Massai, einen hochgewachsenen, ernsten Mann von ca. 40 Jahren, der sich Elmóruo Ndaikai nannte. Ich fragte ihn, ob er den Weg zum Manyara kenne, was er bejahte, worauf ich ihm vorstellte, dass es unbedingt nothwendig sei, dass er uns dahin führe. Ndaikai war zwar über die Aussicht, einen solchen Spaziergang von 14 Tagen zu machen, nicht angenehm überrascht, die Zwangslage jedoch, in der er sich befand, sowie die Aussicht täglich reichlich zu essen zu bekommen, versöhnten ihn rasch mit seinem Schicksal. Ndaikai war für uns eine so kostbare und theure Person geworden, dass wir nicht umhin konnten ihn mit den stärksten Banden an uns zu fesseln. Diese bestanden aus einer Eisenkette, die wir dem Trefflichen um den Hals legten um ihn an einem Fluchtversuch zu hindern, welcher uns in der pfadlosen Steppe dem Verderben preisgeben konnte. Auch das nahm Ndaikai in Erkennung der Sachlage keineswegs übel und lachte nach genossener Mahlzeit behaglich den Askari an, der ihm mit scharf geladenem Gewehr Gesellschaft zu leisten pflegte. Ich will gleich vorausschicken, dass Ndaikai solche Sympathie für die Expedition fasste, dass er, als seine Ketten schon längst gelöst waren, als Hirt bei uns blieb, die ganze Reise mitmachte und schliesslich beim Scheiden buchstäblich Thränen vergoss.

Quer durch die ziemlich dürre, fast graslose Nyika zogen wir auf breitem Massaipfad am Baumannhügel vorbei zu der Ruvu-Furth, wo der Fluss durch eine Insel in zwei Arme getheilt und leicht durchwatbar ist und erreichten am 16. Februar die fruchtbare, bananenreiche Oase Aruscha. An diesem wichtigen Karawanenplatz befindet sich eine deutsche Station, die seit Jahren das Schicksal hat, abwechselnd errichtet und aufgelassen, dann wieder errichtet und wieder aufgelassen zu werden. Gegenwärtig war gerade das letztere der Fall und ich bezog das einsame Stationsgebäude, in dem 1890, bei meinem letzten Besuch, reges Leben herrschte. Bald kam der Häuptling Shengele mit einem Geschenk an Ziegen, wofür ich ihm ausser dem üblichen Baumwollzeug noch einige Citronenkerne gab mit der Weisung diesen nützlichen Baum in Aruscha anzupflanzen.

TAFEL III

Manyara-See und der Simangori-Berg.

Ausser meiner Karawane lagerte noch die des Swahíli Munyi Hatibu aus Tanga in Aruscha, die ebenfalls dem Massailande zustrebte und mit deren erfahrenen Leitern ich die Aussichten unserer Unternehmungen besprach. Stand doch die Expedition in Aruscha an einem Wendepunkt. Die Gegend zwischen der Küste und dem Kilimanjaro war mir von früher her genau bekannt und ist schon zum beliebten Tummelplatz für Sportsmen und Globetrotter geworden. Von nun an sollte die eigentliche Forschungsarbeit beginnen. Denn das Litemagebirge, das ich 1890 erstiegen, und das sich westlich von Aruscha erhebt, bezeichnete so ziemlich die Grenze unserer Kenntniss. Was dahinter lag war auf hunderte von Meilen unbekannt, unerforscht — ein weisser Fleck auf der Karte.

Lagerscene.

[[←]] II. KAPITEL.
Durch Massai-Land zum Victoria-Nyansa.

Die östliche Massai-Steppe. — Umbugwe. — Der Manyara-See. — Das Mutyek-Plateau. — Ngorongoro. — Der Eyassi-See. — Serengeti. — Ikoma. — Katoto.

Die Erkundigungen, welche ich bei vielgereisten Karawanenführern eingezogen, hatten mir die Ueberzeugung verschafft, dass ich, in Luftlinie von Aruscha zum Victoria-Nyansa haltend, mindestens 40 Tagereisen ohne Nahrung zurückzulegen habe. Dieser Umstand erschien mir stets als die grösste Schwierigkeit meiner Aufgabe. Während von anderer Seite die Massai-Gefahr als nahezu unüberwindliches Hinderniss für diese Route angesehen wurde, hielt ich diese für vollkommen unerheblich. Denn Swahíli-Karawanen und in neuerer Zeit auch Europäer durchziehen besonders in der englischen Interessen-Sphäre Jahr aus Jahr ein das Massai-Land, ohne dass die Massai — die eben nur Viehräuber sind — ihnen irgend welche ernste Schwierigkeiten bereiten. Dass sie selbst im schlimmsten Fall nichts weniger als unüberwindliche Gegner sind, ist auch schon oft bewiesen, und gerade jetzt, wo die Viehseuche sie dem Hungertode nahe brachte, erschienen mir alle Befürchtungen als einfach lächerlich. Die Karawane für 40 Tage zu verproviantiren, war jedoch nahezu unmöglich, und ich beschloss, einen Umweg nicht zu scheuen, um unterwegs einen bewohnten und Proviant liefernden Platz anzulaufen. Deren gab es nur zwei, im Norden Ober-Aruscha, im Süden Umbugwe. Ober-Aruscha war und ist Europäern stets feindlich gesinnt, ich konnte fast sicher darauf rechnen, dort angegriffen zu werden, wobei noch die Möglichkeit der Proviantbeschaffung zweifelhaft wurde. Von Umbugwe war nur bekannt, dass dort eine Swahíli-Karawane einmal niedergemacht worden und das Land seither sorgfältig gemieden wird. Auf beiden Routen sah ich mich also der Wahrscheinlichkeit eines Kampfes gegenüber, ich zögerte nicht, jene zu wählen, welche geographisch interessanter war: die über Umbugwe.

Nachdem ich derart über den einzuschlagenden Weg mir klar geworden, setzte ich am 17. Februar über den Ronga und brach am nächsten Tage in südwestlicher Richtung auf. Durch leicht ansteigendes Land mit Baobabs und hohen Schirmakazien zogen wir, zahlreiche tief einschneidende Wasserrisse überschreitend, längs der Ausläufer der Litemaberge nach Njoronyór (Sickerwasser), einer dem Berghang entströmenden Quelle, an welcher hohe Tamarinden und Baumeuphorbien gedeihen. Früher war dies eine beliebte Viehtränke der Massai, jetzt war kein Mensch zu sehen, nur ein abgemagertes, halb blödsinniges Massai-Weib wankte mit stierem Blick durch das Lager, die Ueberreste der Trägermahlzeiten sammelnd. Es war dies die erste jener schrecklichen Hungergestalten, die wir nun täglich im Massailande sehen sollten, und die, vom Honig der Waldbienen und von wilden Früchten lebend, einem sichern Tode entgegen gehen.

Am Morgen des 19. Februar erstiegen wir leicht die Höhe der Litema-Ausläufer, die sich jenseits sanft zur weiten Massai-Steppe abdachten. Ein offenes Grasland mit spärlichen Stachelbüschen öffnete sich unsern Blicken, aus dem in der Ferne, gleich Inseln, die felsigen Kuppen einzelner Berge auftauchten. Jede Spur eines Weges endete, und durch die charakteristischen Hügel als Landmarken geleitet, verfolgte unser kundiger Wegweiser Ndaikai durch dick und dünn seinen Pfad. Doch gab es wenig Hindernisse, nur ein kleines Kriechgewächs (Mbigiri) verursachte durch seine scharfen Kapselfrüchte den Leuten Schwierigkeit. Wir begegneten einem wandernden Trupp Massai, Krieger, Elmóruo und Weiber, alle ausgehungert und elend, mit Eseln, auf welchen Töpfe und allerlei Hauskram aufgethürmt war, mit einigen Ziegen und Schafen.

Abends erreichten wir nach mühsamem Marsche den Benne-Berg, dessen felsigen Klüften ein Rinnsal entströmt, in dem die Massai Tränketümpel abgedämmt haben. Dort fanden wir zwei Massaikinder, die, von ihrem Stamm verlassen, dem Hungertode nahe waren. Das eine von ihnen, ein Knabe, hatte merkwürdigerweise blaue Augen und blondes Haar, was sich zu seinem braunen Gesicht ganz sonderbar ausnahm. Gelabt schlossen sich beide der Karawane an und blieben von da ab unsere Kostgänger.

Zwischen Benne-Berg und Sogonoi dehnt sich eine fruchtbarere Mulde mit saftigerem Gras und reichem Baumwuchs aus, nach deren Durchschreitung wir wieder in die Steppe gelangten. Schon Vormittags trafen wir auf den Felsblock El Muti, in welchem sich ständige Wassertümpel finden, und lagerten unter einem hohen Baobab mit prächtigem Blick auf die felsigen Hänge des Sogonoi-Berges. Der 21. Februar brachte uns durch dornige, fast graslose Nyika zum Donyo-Lukutu, einem felsigen Bergkegel, an dessen Fuss ein kleines Gewässer klare, ständige Tümpel bildet. Wir fanden bei diesen einige Massai-Krieger mit ihren Nditos (junge Mädchen), welche sich Laubhütten erbaut und Ziegen geschlachtet hatten. Sie kamen von einem benachbarten Kraal und sahen ziemlich wohlgenährt aus. Einer der jungen Leute erklärte, sich uns anschliessen zu wollen, da er kein Massai, sondern ein geraubter Mnyamwesi sei, und keine Lust mehr habe, den Massai zu spielen. Da er auch im Typus von seinen Gefährten abwich, und diese die Richtigkeit seiner Angaben anerkannten, wurde er wirklich in die Karawane aufgenommen. Die Träger rasirten seine Frisur ab, wuschen ihn und gaben ihm einen Lendenschurz. Obwohl er fast gar kein Kinyamwesi mehr, sondern nur Massai sprach, lernte er doch unglaublich rasch Kiswahíli und wurde uns als »Mabruki Massai« noch recht nützlich.

Abends erstieg ich eine Felskuppe unweit des Berges, von der man einen weiten Ausblick auf die Steppe genoss, mit ihrem unendlichen Gefolge von dunklen Schirmakazien und lichten Grasflecken mit den scharfen Profilen der Kuppen, die daraus hervorragen, mit dem schneegekrönten Kilimanjaro und der dunklen Pyramide des Meruberges als grossartigen Hintergrund.

Bei der bisherigen Wanderung durch die Steppe war mir besonders der fast völlige Mangel an Wild aufgefallen. Im Jahre 1890 sah ich am Pangani und in der Umgebung von Aruscha ungeheure Heerden, allerdings in der trockenen Zeit, wo die Thiere sich in der Nähe der Wasserläufe aufhalten. Trotzdem zeigt die starke Abnahme hier die furchtbare Wirkung der Viehseuche, welche nicht nur Rinder, sondern auch Büffel, Gnus und Antilopen befiel und von allen Thieren nur Nashorn und Elephanten verschonte. Westwärts von Donyo Lukutu sah ich zum ersten Mal grössere Wildmengen, Antilopen und Zebras, auch eine Heerde Giraffen tauchte auf. Dort gab es noch Vertreter des Jägervolkes der Wandorobo, die sich meist scheu verbergen und nur selten mit Bogen und vergifteten Pfeilen aus dem Busch treten.

Das Land ist hier leicht gewellt, zwischen den grösseren Schwellungen liegen Mulden, die in der herrschenden Regenzeit Lachen oder dicken schwarzen Koth enthielten der besonders den Eseln das Durchkommen erschwerte. Täglich fielen von Mittag ab schwere Regengüsse herab, auch merkte man, dass wir unmerklich höhere Plateautheile erstiegen, denn es wurde oft empfindlich kalt. Vor uns tauchte die breite Bergmasse des Donyo Kissale auf; je mehr wir uns demselben näherten, desto welliger wurde das Land, das zahlreiche tiefe Wasserrisse durchzogen. Die Vegetation wurde reicher, an den Kuppen sah man saftigeres Gras und einzelne Laubbäume.

Am 26. Februar lagerten wir bei einem Bach am Donyo Kissale. Auch dort befanden sich ehemals zahlreiche Massai-Kraale, deren Spuren noch sichtbar waren. Wir sahen anfangs keinen Menschen, und erst Nachmittags fanden die herumstreifenden Träger einen sterbenden Elmoran, der verzweifelt mit den Händen nach Waldhonig wühlte. Er wurde gelabt und konnte erzählen, dass er sich auf einem — Raubzug befand, doch seien seine Gefährten schon sämmtlich verhungert. Natürlich blieb auch dieser Massai Gast der Karawane und hat die ganze Reise mitgemacht.

Westlich vom Donyo Kissale dehnt sich eine gänzlich pfadlose, durch Dorngestrüpp und sumpfige Wiesen schwer passirbare Wildniss aus. Wild gab es hier massenhaft und nicht selten hörte man beim Vortrab Schüsse: ein Nashorn hatte sich in blinder Wuth auf die Karawane gestürzt. Eine dieser Bestien konnte ich durch einen Blattschuss aus dem österreichischen Repetir-Karabiner erlegen.

Der Wassermangel, den wir gefürchtet, trat allerdings nirgends ein, im Gegentheil, wir wateten fast fortwährend im Sumpf, doch hatten wir nur schlechtes, fauliges Wasser zum Trinken, so dass die Fälle von Ruhr sich mehrten und ein Mann derselben erlag. Der erste Todesfall in der Karawane macht stets tiefen Eindruck, der ganze Ernst des Unternehmens tritt den Leuten klar vor die Augen, wenn mitten in der Wildniss der erste Todte in sein einsames Grab gesenkt wird.

Ich selbst, der ich es anfangs unterlassen hatte mein Trinkwasser abzukochen, hatte einen Ruhranfall, der sofort nachliess, als ich gekochtes Wasser trank. Ich führte es von da ab strenge durch, mir stets Trinkwasser für mehrere Tage im Voraus abkochen zu lassen und in einem filzumzogenen Fass mitzuführen.

Am 1. März lichtete sich der Busch, die Sümpfe endeten und wir betraten ein offenes Parkland. Spärlich begraste Wiesen bedeckten einen sandigen Boden: an den trockenen Wasserrinnen standen ungeheure Baobabs, umgeben von Akazien. Stellenweise erhob sich eine schlanke Borassus-Palme; im Westen tauchte ein dunkler Bergwall auf, in dem ich den Abfall der zweiten Plateaustufe, den Westrand des ostafrikanischen Grabens vermuthete.

Als wir in einem schönen Hain gelagert waren, machte uns Ndaikai die Mittheilung, dass wir morgen »Ol Mangati Ltoroto«, das Kriegsland Umbugwe, erreichen würden. Mzimba hielt eine Rede an die Träger, in der er sie zu Vorsicht und friedlicher Haltung ermahnte, vertheilte dann Munition und am nächsten Morgen zogen wir dem »Kriegslande« zu. Ndaikai hatte richtig wahrgesagt, nach wenigen Stunden erreichten wir einen Fusspfad — den ersten seit Aruscha — und begegneten bald darauf einem Weibe, das entsetzt ein Bündel Feuerholz wegwarf und spornstreichs in den Busch lief. Wir durchzogen hierauf einen Gürtel von Sorghum-Feldern und betraten bald darauf das Dorfgebiet von Umbugwe.

Vor unseren Blicken dehnte sich eine weite tischflache Ebene aus, auf welcher die viereckigen, kaum meterhohen Lehmbauten (Tembe, siehe Kopfleiste des Kapitels) der Eingeborenen, gleich Schachteln, verstreut waren. Dazwischen weideten grosse Heerden von Rindern, Eseln und Kleinvieh und den Hintergrund bildete der Steilabfall des Plateaus. Die Nachricht vom Anlangen einer Karawane hatte sich schon im Lande verbreitet; schlanke, wohlgebaute Krieger, mit Schild und zwei Wurfspeeren, kamen von allen Seiten an, und bald waren wir von einer dichten Menschenmenge begleitet. Kurz vor Betreten des Tembe-Gebietes wurden wir aufgehalten, da die Krieger, wie es hiess, erst den Geistern opfern wollten. Dazu brauchten sie vor allem Glasperlen, die wir ihnen des lieben Friedens halber gaben, dann schlachteten sie ein Schaf und bespritzten uns mit dem Mageninhalt, damit das Erscheinen des ersten Weissen dem Lande Glück bringe. Obwohl sie noch nie einen Europäer gesehen, schenkten sie mir doch keine besondere Aufmerksamkeit, hauptsächlich deshalb, weil mir ein allzugrosser Konkurrent für ihre Schaulust zur Seite stand: das Kameel, das unter Mohammeds Führung gravitätisch hinter der Karawane einherschritt.

Wir schlugen unser Lager beim Tembe des Häuptlings Mtakayko auf. Da wir in der völlig offenen Gegend natürlich keinen Dornzaun errichten konnten, so waren wir fortwährend von zahlreichen Kriegern umdrängt, die immer lauter ihren Wunsch nach »Mahongo« (Wegzoll) kundgaben. Ich liess ihnen mittheilen, dass ich ihnen Lebensmittel gern abkaufen wolle, versprach ihnen auch ein Geschenk, erklärte jedoch, dass ich dem Zwang eines Wegzolles (Mahongo) nicht Folge leisten würde. Sie schienen damit auch zufrieden, es kam sogar der Häuptling Mtakayko in schwer betrunkenem Zustande und erhielt ein kleines Geschenk, worauf die Weiber massenhaft Mehl und andere Nahrungsmittel brachten und zu sehr billigen Preisen verkauften. Schon hoffte ich, meine Absicht, mich in Umbugwe zu verproviantiren, in Frieden durchführen zu können.

Die Eingeborenen drängten sich inzwischen an meine Leute heran, brachten ihnen Pombe (Bier) und luden sie ein, mit ihnen in ihre Temben zu kommen. Obwohl ich streng verboten hatte das Lager zu verlassen, liessen sich doch einige Leute verleiten, mit den Wambugwe zu gehen und sogar die Nacht bei ihnen zu verbringen. Ich liess dieselben am nächsten Morgen aufs Empfindlichste züchtigen und hoffte dadurch dem Herumstreifen der Träger ein Ziel gesetzt zu haben.

Junger Mann aus Umbugwe.

Am Morgen des 3. März kamen zahlreiche Weiber mit Proviant und es entspann sich ein lebhafter Handel. Einige Pangani-Leute, welche der seiner Zeit in Umbugwe zersprengten Karawane angehört hatten und fast gänzlich zu Wambugwe geworden waren, erschienen ebenfalls im Lager. So verlogen sie auch der lange Umgang mit den Eingeborenen gemacht hatte, so merkte man doch aus ihren Reden, dass nicht alles richtig sei. Thatsächlich wurde das Benehmen der Krieger immer erregter, die Askari konnten sie kaum vom Eindringen in unser Lager abhalten und mehrfache Prügeleien zwischen diesen und jungen Kriegern fanden statt.

Ich selbst litt an jenem Tage am Fieber und sass im Schatten des Tembe, als mir gegen 3 Uhr Nachmittags gemeldet wurde, dass sämmtliche Weiber plötzlich das Lager verlassen hätten und die Krieger sich um dasselbe schaarten. Einem der verwilderten Pangani-Leute, der eben spornstreichs davon lief, rief ich noch die Frage nach: was es gebe? Er antwortete: »die Wambugwe wollen Krieg!« und enteilte schleunigst.

Ich liess meine Mannschaft das beherrschende flache Dach des Tembe besetzen und blickte auf die zahlreichen braunen Gestalten, die wie in einem Ameisenhaufen, etwa hundert Schritte vom Tembe, durcheinanderliefen, wild schrieen, mit den Waffen drohten, und von Anführern offenbar zu einem Angriff geordnet wurden. Ich hielt es für unbedingt nothwendig, diesem zuvor zu kommen, liess daher meine Leute an den vier Seiten des Tembe antreten und hatte eben zum Laden befehligt, als einige Lagerälteste mit dem Ausdruck des Entsetzens auf mich zustürzten und mich beschworen, nicht zu schiessen, da einige ihrer Lagergenossen trotz des strengen Verbots zu Wambugwe-»Freunden« gegangen seien. In solchen Lagen ist rascher Entschluss nothwendig. Ich erwog daher, dass die verblendeten Leute unter den gegenwärtigen Verhältnissen vielleicht gar nicht mehr am Leben seien und dass ein energischer Angriff der Wambugwe das Schicksal der Expedition möglicherweise gefährden, ein Zuwarten den Abwesenden aber doch nichts mehr helfen könnte. Ich befahl daher den Leuten, in die Eintheilung zu gehen und liess nach allen Seiten Salven auf die Kriegerschaar abgeben. Dieselben gingen zwar bei der noch geringen Uebung meiner Leute etwas zu hoch, doch fielen immerhin einige Gegner und die Wirkung war eine vollständige. Mit Windeseile liefen die eben noch so stolzen Krieger radienförmig nach allen Weltgegenden davon. Einige standhaftere Abtheilungen liess ich durch Schützen verjagen und begann dann sofort das Dorfgebiet nach den abwesenden Trägern zu durchsuchen. Eine Anzahl derselben fanden wir noch durch ein Wunder unverletzt; einer wurde mit schwerer Stichwunde im Unterleib aufgefunden und hauchte bald seinen Geist aus, acht Mann waren »vermisst«, d. h. in diesem Falle todt. Eine grosse Rinderheerde, die in der Nähe des Tembe weidete und eine andere, die sich im Tembe befand, wurden erbeutet, dazu noch zahlloses Kleinvieh und Esel.

Am Abend liess ich die Posten auf acht verstärken und auf das Tembedach aufstellen. Den Dienst hatte der Swahíli-Gefreite Hailala, doch ging auch der Sudanese Bahid mit ihm, die Posten zu visitiren und kam mir zu melden, dass sie richtig aufgestellt seien. Ich sehe den langen kohlschwarzen Dinka-Neger heute noch vor mir, wie er im Scheine des Lagerfeuers in strammer Haltung die Meldung machte. Konnte ich doch damals nicht ahnen, dass ich ihn zum letzten Mal lebend gesehen! In der Nacht kam er nämlich auf den unsinnigen Gedanken, sich mit vier anderen dienstfreien Sudanesen aus dem Lager zu schleichen, offenbar um in den Temben der Wambugwe nach Pombe (Bier) zu suchen. Ein nächtlich in der Ferne abgegebener Schuss wurde von den Posten im Lager vernommen, die Abwesenheit der 5 Soldaten wurde konstatirt, eine Magnesiumfackel als Zeichen angezündet, Raketen stiegen auf, Trommel und Horn mussten ohne Unterlass ertönen. Aber Niemand kam.

Ich konnte nicht daran denken, vor Tagesanbruch Patrouillen zu entsenden, so bald jedoch die erste Dämmerung sich wahrnehmbar machte, übergab ich den Befehl über das Lager an Mzimba und zog bei feinem Regen durch die Ebene. Wir durchsuchten die zerstreuten Temben, was keine ganz ungefährliche Aufgabe war, da in dem stockfinsteren, von Verschlägen und Vorrathskörben erfüllten Innern leicht ein Gegner verborgen sein konnte. Es war begreiflich, dass die Askari unter diesen Umständen bei dem leisesten Geräusch Feuer gaben, wobei leider ein armes Weib erschossen wurde. Um Aehnliches zu verhüten, schlugen wir dann Löcher in das flache Dach der Temben, durch welche Licht eindrang, die Gefahr des Durchsuchens gemindert wurde, und wir einige Männer und Weiber antrafen und zu Gefangenen machten. In einem Tembe fanden wir ein Seitengewehr und einen blutigen, einem Sudanesen gehörigen Rock, in einem anderen einen mit frischem Blut gefüllten Topf. Diese Funde machten fast jede Hoffnung schwinden, dass die vermissten Sudanesen noch am Leben seien. Von ihren Leichen fanden wir jedoch keine Spur und begannen schon anzunehmen, dass die Wambugwe sie — wie ihre eigenen Todten vom vorigen Tage — fortgeräumt hatten, als wir auf Gruppen von Aasgeiern und Marabus aufmerksam wurden, welche mehrere von einander entfernte Punkte in der Ebene umkreisten. An diesen fanden wir die nackten, von Speerstichen zerfleischten, von den Geiern zerrissenen Leichen der fünf Soldaten. Alle waren im Rausch und offenbar ohne Gegenwehr erstochen worden; nur ein einziger, Mohammed Adam, ein herkulischer Bornu-Neger, hatte sein Leben theuer verkauft. Einen Gegner schoss er nieder — sein Schuss hatte uns bei Nacht alarmirt — einen zweiten erschlug er durch einen Kolbenhieb, bevor ihn der tödtliche Speer erreichte. Neben ihm lag, ebenfalls von Speeren durchbohrt, sein Hund, Pesa, ein räudiger afrikanischer Köter, für welchen der Mann eine kindische und oft bespöttelte Zärtlichkeit hatte — er war seinem Herrn in den Tod gefolgt.

Rasch senkten wir die Gefallenen in eine Grube und wandten unsere Schritte in trüben Gedanken dem Lager zu. Wohl hatten wir einen leichten Sieg über einen Volksstamm erkämpft, der bisher der Schrecken aller Gegner — die Massai nicht ausgenommen — gewesen war. Aber 14 unserer Leute waren erlegen, nicht sowohl den Speeren der Gegner als ihrer eigenen, wahnsinnigen Verblendung. So sehr dieser Verlust mir damals nahe ging, so ist es doch unbestreitbar, dass derselbe auf den Fortgang der Expedition von gutem Einfluss war. Denn nichts vermochte den Geist der Disziplin, die Ueberzeugung nur im blinden Gehorsam ihr Heil zu suchen, bei der Mannschaft so zu stärken, als die blutige Katastrophe in Umbugwe.

TAFEL IV

WAMBUGWE

Mzimba hatte die kleinen Temben in der Umgebung des Lagers zerstören lassen, um freies Schussfeld zu bekommen, und die zahlreichen grossen und kleinen Zelte auf dem flachen Dach, mit den Gruppen bewaffneter Leute und der mächtigen Rinderheerde im Vordergrunde, boten einen abenteuerlichen Anblick. Eine Schaar Wambugwe-Krieger, die sich mit Kriegsgeschrei näherten, hatte Mzimba durch langsames, aber wohlgezieltes Feuer verjagt, selbst eine grosse Zahl älterer Leute, die vom Dach eines Tembe etwa 1000 Schritte Entfernung — also nach ihrer Ansicht ausser Schussbereich — das Lager betrachteten, wurden durch eine Kugel auseinander gesprengt.

Plötzlich zeigte sich am Rande der Ebene ein weiss gekleideter Mensch der ein Tuch schwang. Mzimba vermuthete sofort einen Swahíli, winkte auch seinerseits mit einem Tuch und der Mann kam ins Lager. Er entpuppte sich als der Elephantenjäger Mbaruk aus Pangani — meist Magati genannt — der südlich von Umbugwe gejagt hatte und auf den Lärm des Gefechts herbeikam. Die Wambugwe baten ihn dringend zu uns zu gehen um den Frieden zu vermitteln. Als Mbaruk zu ihnen kam, wollten die Wambugwe den Kampf erst fortsetzen, doch übte die in die Reihen ihrer Aeltesten auf so grosse Entfernung einschlagende Kugel, die einen angesehenen Mann traf, entscheidende Wirkung. Ich theilte Mbaruk, den ich im Lager fand, mit, dass ich gerne mit den Wambugwe Frieden schliessen wolle, falls die Gewehre der gefallenen Leute ausgeliefert und keinerlei Feindseligkeiten ihrerseits mehr unternommen, vor Allem kein Versuch gemacht würde uns die erbeutete Rinderheerde abzujagen. Mbaruk kehrte zu den Wambugwe zurück, die eine grosse Volksversammlung abhielten, während meine Leute an den ungeheuren Vorräthen sich gütlich thaten. Durch die 250 erbeuteten Rinder, waren wir jeder Sorge um den Proviant enthoben und war die Erreichung des Victoria-Nyansa für mich nicht mehr zweifelhaft.

Am Morgen des 5. März kam Mbaruk mit einigen anderen Makua (Elephantenjägern) und zwei zitternden Greisen als Abgesandten der Wambugwe. Dieselben brachten mir Grasbüschel als Friedenszeichen, stellten 10 der Gewehre zurück und behaupteten die anderen nicht mehr finden zu können. Ich erklärte mich damit zufrieden und übergab ihnen die Gefangenen bis auf zwei Männer, die ich als Wegweiser benöthigte. Die Makua waren hocherfreut über die Niederlage der Wambugwe, die sie stets durch Erpressungen und Räubereien gequält hatten, was jetzt ihrer Ueberzeugung nach, ein Ende hatte.

Am 6. März erschienen nochmals Wambugwe mit Friedensversicherungen, die ich beschenkte, ihnen auftrug, fernerhin Karawanen nicht mehr zu belästigen und ihnen versprach, das Land in Jahresfrist wieder zu besuchen. Dann brachen wir gegen Mittag mit grösster Vorsicht auf, da es mir doch undenkbar schien, dass die Wambugwe keinen Versuch machen würden uns die Heerde abzujagen. Wir nahmen den Tross, die Rinder und Packesel diesmal in die Mitte, zu beiden Seiten der Marschkolonne liess ich als Flankendeckung kleine Askari-Abtheilungen marschiren, welche die Temben nach etwa versteckten Gegnern absuchten. Ebenso wurde dem Vortrab die grösste Vorsicht eingeschärft. Doch es ereignete sich nichts, nur in der Ferne sahen wir die dunklen Gestalten der Eingeborenen umherlaufen. Unbehindert überschritten wir den Moburu-Bach und erreichten das Ufer des Kwou.

Dieser Fluss war so angeschwollen, dass die den Elephantenjägern bekannte Furth nicht passirbar war, der gefangene Mbugwe gab jedoch an, eine andere zu kennen. Am Morgen des 7. März führte er uns auch an eine buschbedeckte Uferstelle, welche ich erst durchsuchen liess bevor wir an den Fluss vorrückten. Ich liess sofort das jenseitige Ufer von Askari besetzen und der Übergang begann, bei dem das Wasser den Leuten bis an die Brust ging. Erst gegen Mittag war die ganze Karawane mit Esel und Rinder drüben und wir bezogen einige hundert Schritte weiter in dichtem, von Moskitos wimmelndem Gestrüpp, das Lager. Wie nothwendig die Vorsichtsmaassregeln gewesen waren, zeigte der Umstand, dass, sobald wir das Ufer verlassen, am jenseitigen grosse Mengen bewaffneter Wambugwe-Krieger auftauchten, die sich anschickten den Fluss zu überschreiten. Einige Wachtposten jedoch, die ich im Uferschilf verborgen zurückgelassen hatte, verjagten sie leicht, durch mehrere Schüsse.

Durch die Ereignisse in Umbugwe hatte die Expedition den Zuwachs einer Rinderheerde bekommen, die nun, fast während des ganzen weiteren Verlaufs der Reise, einen Bestandtheil derselben bildete. Unsere Massai, von Ndaikai bis zum kleinen blondköpfigen Lalagiréh waren darüber ganz glücklich, lagen stundenlang an den Eutern und sogen die lange entbehrte Milch. Beim Marsch pflegte Ndaikai, dessen Führerpflichten jetzt erledigt waren, mit einer Kalebasse vorauszugehen und durch Klopfen auf dieser, sowie durch scharfes Pfeifen die Leitrinder zu locken. Die Heerde selbst wurde von den übrigen Massai, deren Zahl sich später vermehrte, sowie durch Askari getrieben, lief vortrefflich und machte uns weit weniger Mühe als die Esel. Abends bekamen Rinder und Esel einen abgegrenzten Raum in der Einzäunung. Ihr Schnauben und Stampfen war Nachts zwar manchmal störend, doch reichlich entschädigte mich dafür der Genuss von frischem Rindfleisch, von Milch und Butter, die jetzt in der Karawane niemals ausgingen. Für die Bedürfnisse der Mannschaften wurden täglich vier Rinder geschlachtet.

Durch hochbegrastes, pfadloses Land ging es am 8. März nordwärts zwischen dem versumpften, von Borassuspalmen gesäumten Kwou und dem Abfall des Gebirges, dessen Saum lichter Wald bedeckte. Nach wenigen Stunden erreichten wir das Südende des Manyara-Sees, den wir von Umbugwe aus undeutlich wahrgenommen und der nun als weite, glänzende Fläche vor uns lag. Der See ist ein Salzsee, weisse Krusten bedecken die lehmigen Ufer, doch zeigen Schneckenschalen und ungeheure Schwärme von Flamingos und Silberreiher an, dass er reiches thierisches Leben enthält. Längs des Westufers, dem wir entlang wanderten, zieht sich ein flacher sandiger Wiesenstreifen, worauf dichte Wald- und Unterholz-Vegetation bis zum nahen Fuss des Abfalls reicht, der theils bewaldet, theils hoch begrast ist. Mehrere klare Bäche entströmen den Bergen und münden in den See. Am 10. März kamen wir an einer heissen, stark nach Schwefel riechenden Quelle vorbei, die zwischen Schilf entspringt und sich in den See ergiesst. Das jenseitige Ufer des Manyara ist flach und wüstenhaft, im Nordosten ragt der langgestreckte Simangor-Berg auf, im Norden sieht man den abgestutzten Kegel des Geleï und in der Ferne den Dongo-Ngai.

Am 11. März erreichten wir das Nordende des Manyara, dessen Strand mit Treibholz, Vogelknochen, Schneckenschalen, sowie von einer dichten schlammigen grau-weissen Salzablagerung bedeckt ist. Der See selbst erscheint stellenweise wie gefroren durch die glänzenden Salzschichten die auf den Sandbänken aufliegen. Wir lagerten unter schönen Akazien am Fusse des hier kaum 100 m hohen Abfalles in anscheinend völlig menschenleerer Wildniss.

Am 12. März hatten wir eben unser Lager verlassen und waren in die offene Steppe gezogen, als plötzlich aus dem Walde hinter uns einige hundert Krieger mit blitzenden Speeren hervorbrachen, die mit wildem Geschrei auf uns zurannten. Wir hielten sie zuerst für Wambugwe die gekommen waren, uns einen Abschiedsbesuch abzustatten und feuerten auf sie, anscheinend ohne Jemand zu treffen, worauf sie schleunigst kehrt machten und eiligst gegen Süden davonliefen. Erst dann erkannten wir aus dem Kriegsschmuck, dass es gar keine Wambugwe, sondern Massai waren, die es offenbar auf unsere Rinderheerde abgesehen hatten, jedoch auf so warmen Empfang nicht gefasst waren. Es ist ja sicher, dass der Anblick so vieler Rinder auf die ausgehungerten Massai so wirken musste wie auf einen Verschmachtenden der einer dampfenden Schüssel, und wir konnten daher darauf rechnen, den Besitz unserer Heerde nicht ruhig geniessen zu können. Nach landläufigen Swahíli-Begriffen galt es überhaupt als unerhörtes Wagniss, mit einer Rinderheerde das Massailand zu passieren, da diese die Begierde der Viehräuber aufs Höchste anreizen musste.

Wir überschritten zwei ansehnliche, dem Manyara zufliessende Bäche, und zogen in der Senkung zwischen dem Plateauabfall und Simangor-Berg durch staubige, fast vegetationslose Nyika nordwärts. Zahlreiches Wild, Strausse, Antilopen und besonders viele Nashorne tummelten sich in der Ebene, letztere waren durch Schwärme kleiner weisser Vögel erkennbar, die über ihrem breiten Rücken flatterten. Der Plateauabfall wird hier sehr steil und sein Obertheil ist von schroffen Felswänden gebildet, in welche die Wasserrisse einschneiden. Bei der Ausmündung eines derselben liegt an klarem Bache unter schönen Bäumen der Marago (Lagerplatz) Leïlelei, der von Massai und Karawanen benutzt wird. Hier trafen wir mit der Route zusammen, die von Ober-Aruscha kommend nach Elmarau führt und früher ziemlich oft von Karawanen begangen worden ist. In neuerer Zeit geschah dies seltener, da die Massai von Mutyek und Serengeti als besonders bösartig galten. Dennoch hatte wenige Wochen vor uns ein Swahíli (Munyijumah Kitubui) aus Tanga den Weg von Elmarau über Leïlelei—Ober-Aruscha nach der Küste mit nur 50 Mann zurückgelegt, was gewiss beweist, dass die Gefahr der Massai-Route keine nennenswerthe ist. Ein bedenklicher Umstand waren freilich unsere Rinder, und der Dolmetsch Kiburdangop, der den Weg aus Erfahrung kannte, schien in Hinblick auf diese keineswegs siegesgewiss.

Der 13. März war dem mühsamen Anstieg auf das Plateau gewidmet. Ueber den mit mächtigen Basalt-Klötzen bestreuten Hang führt ein schmaler Viehpfad der Massai, auf dem die Leute ganz gut, sehr schwer aber die Esel und das Rindvieh fortkamen, sodass wir nach langen Mühen erst gegen Abend die prächtige Plateauhöhe erreichten. Dort entschädigte uns ein herrlicher Blick auf den glänzenden Manyara-See, der hier in seiner ganzen Ausdehnung mit dem steilen Westufer und dem fernen Ufiomi-Berge im Süden sichtbar ist, und mit dessen Entdeckung eine der Aufgaben der Massai-Expedition gelöst war.

Eine prächtige, kühle Luft erfrischte uns auf der Höhe, klare Bäche rauschten zwischen den zart begrasten Hängen: im Norden tauchten dunkle, waldbedeckte Höhen auf. Am nächsten Morgen machten wir nur einen kurzen Marsch und lagerten am Lmorro-Bach, wo wir uns einen Tag aufhielten um die Lasten theilweise umzupacken. Der Verlust an Mannschaft in Umbugwe machte sich fühlbar, auch hatten unsere Packesel durch den Stich der Ndorobo-Fliege gelitten. Dieses Insekt hält sich an Wasserläufen auf und wird Eseln dadurch gefährlich, dass es dieselben in den After sticht, was Schwellungen und den Tod herbeiführt. Unsere Rinderheerde erforderte dringend neue Kräfte als Treiber und unsere Lasten hatten nicht wesentlich abgenommen.

Um sie zu verringern wurden die Zeuglasten etwas schwerer gemacht und einzelnes Zeug als Vorschuss an die Leute abgegeben. Dennoch war noch zuviel da und ich kam zu dem Beschluss, Lasten fortzuwerfen, da sonst die Reise verzögert und der Erfolg in Frage gestellt worden wäre. Wir machten also eine Grube und versenkten darin Glasperlen, Messingdraht, allerlei Spieldosen und anderen Flitterkram, von dem es gut ist wenn man ihn in Afrika hat, und eben so gut, wenn man ihn nicht hat. Dann schütteten wir die Grube zu und zündeten nach dem Rezept Kiburdangops ein Feuer darauf an, dessen Asche den Platz selbst nach Jahren noch erkenntlich macht.

Nun hatten wir unsere gewohnte Beweglichkeit wieder und es blieb übrig die gefallenen 5 Askari aus den Reihen der Träger zu ergänzen. Schon längst hatte ich für solchen Fall Leute angemerkt, die mir durch besondere Tüchtigkeit aufgefallen waren, darunter einen Namens Bakari Juku, der besonderer Erwähnung verdient. Er war ein echter Digo, der nur mangelhaft Swahíli sprach, ein untersetzter Bursche von ungewöhnlicher Körperkraft. Zwischen seinen breiten Schultern sass, fast ohne Hals, ein dicker kohlschwarzer Kopf, dessen Gesicht bedenkliche Aehnlichkeit mit einer Flusspferd-Physiognomie besass. Aus diesem Antlitz, das durch zahllose Pockennarben keineswegs verschönt wurde, blickten ein paar so kühn unternehmende Augen, dass sie unwillkürlich für den Burschen einnahmen. Er hat sich denn auch als Askari glänzend bewährt: wo es einen Sturm oder sonst ein tolles Unternehmen gab, war Juku immer Allen voran. Dabei war er von unermüdlicher Arbeitskraft, hat er doch einmal, als Noth an Mann war, zwei Lasten auf dem Kopf und einen kranken Kameraden auf dem Rücken, stundenweit getragen!

Der Manyara-See vom Mutyek-Plateau.

Die neuen Askari wurden also eingekleidet und am 16. März der Marsch über das Plateau fortgesetzt. Sehr unangenehm war für uns der Mangel eines Wegweisers, da Ndaikai hier völlig fremd war und auch Kiburdangop sich an die Details der Route nicht mehr erinnerte. Solange es über offene grasige Kuppen ging, war die Aufgabe verhältnissmässig einfach, doch es sollte ein Wald vor uns zu passiren sein und dazu bedurften wir unbedingt eines Führers. Wie gerufen kamen uns daher zwei Elmoran, die am Murerá-Bach plötzlich auftauchten und wie sie sagten, durch den Geruch unserer Rinder angelockt worden waren. Dass wir so liebe Gäste nicht mehr losliessen, bedarf kaum der Erwähnung. Einer der beiden Krieger war der Leigwenan (Anführer) der jungen Leute von Mutyek, ein auffallend hübscher Bursche mit feinen, anziehenden Gesichtszügen und schlankem, tadellosem Körperbau. Er erzählte uns, dass seine Leute gerade auf einem Kriegszuge gegen Umbugwe begriffen seien und fragte uns, ob wir denselben nicht begegnet seien. Wir dachten sofort an den Zwischenfall am Manyara-See und meinten, dass wir allerdings die »flüchtige« Bekanntschaft dieser Herren gemacht hätten. Gewaltig imponirte dem Leigwenan, dass wir die Wambugwe, mit welchen die Massai nie fertig werden konnten, besiegt und ihnen so viel Vieh abgenommen hatten. Er wurde hierauf unser begeisterter Freund und trug uns sogar an, mit ihm ein Kompagniegeschäft im Viehrauben zu gründen. Natürlich hatte er noch niemals einen Weissen gesehen. Er hatte keine Ahnung, dass ich der Vertreter einer anderen Rasse sei, sondern hielt mich, wie dies auch Dr. Fischer geschah, für eine Abart der Küstenneger. (Laschomba neïbor = weisse Küstenneger).

Am Morgen des 17. hatten die rüstig voranschreitenden Krieger bald einen rothen Viehpfad gefunden, der durch prächtige Grashalden bergan ging und uns in dichten tropischen Hochwald führte. Verfilzte Krautvegetation und zahlreiche Nesselpflanzen bedeckten den Boden; die einzelstehenden dicken, aber nicht sehr hohen Bäume waren an der Windseite mit Moosen und Flechten bedeckt und umrankt von zahllosen Schlingern. Wir bezogen mitten im Walde am murmelnden Bach, den prachtvolle Schmetterlinge umgaukelten, ein Lager. Gegen Abend fielen dichte Nebel nieder und es wurde empfindlich kalt.

Auf stets gutem Viehwege, der von förmlichen Mauern dichten Krautwuchses eingesäumt ist, ging es am 18. März weiter durch den Bergwald. Von 9 Uhr an durchzogen wir ein offenes, von kleinen sumpfigen Bächen durchzogenes Grasland mit eingestreuten reizenden Waldgruppen. Gegen Mittag sahen wir uns plötzlich am Rande eines Steilabfalles und blickten in den oblongen Kessel von Ngorongoro hinab, eine alte Kraterruine, deren Westseite ein kleiner See einnimmt, und deren grasige Sohle von zahlreichem Wild belebt ist. Wir stiegen steil zum Kessel ab und lagerten am Rande des Abfalles. Die Zelte waren noch nicht aufgeschlagen, als der Kameeltreiber Mohammed ganz verstört erschien und meldete, das Kameel sei sterbend zusammengebrochen. Dieses treffliche Thier hatte in der letzten Zeit am Manyara und in der heissen Steppe nördlich davon sichtlich zugenommen. Das kalte Plateau jedoch und gar der feuchte Urwald waren zu viel für das arme Wüstenschiff, es bekam Bluthusten und schleppte sich nur mit Mühe vorwärts. Ich war daher über Mohammeds Mittheilung keineswegs erstaunt und gab ihm einige Leute mit, um das Kameel vielleicht noch durchzubringen. Doch wenige Stunden später kam der Araber sehr betrübt und übergab mir die Halfter des Kameels: die treue Bestie hatte ausgelitten. Es war wirklich rührend, wie sehr Mohammed sich diesen Verlust zu Herzen nahm, er wurde förmlich trübsinnig und magerte sichtlich ab.

Abends umschlichen einzelne Massai-Krieger das Lager, wohl mit der Absicht, Vieh zu stehlen, doch verging die Nacht bei verstärkten Posten ruhig. Früh gings durch die leichtgewellte Senkung sanft bergab, dem Seeboden zu. Der schwarze Humus der Mulde war schön begrast, doch stellenweise mit vulkanischem Gerölle bedeckt. Zahlreiche Massai-Elmoran gaben uns im Morgennebel das Geleit, prächtige, malerische Gestalten mit ihren bunten Schilden und glänzenden breiten Speeren. Auch der Laibon (Zauberer) von Ngorongoro erschien in einem Mantel aus Affenfell. Die Leute benahmen sich keineswegs unverschämt, denn der Leigwenan hatte sie schon darüber belehrt, dass mit uns nicht zu spassen sei. Sie waren ziemlich wohlgenährt und besassen noch einiges Kleinvieh, auch lieferten die Wildmassen der Ebene ihnen Nahrung. Diese waren wirklich grossartig: in Heerden tummelten sich Antilopen, langmähnige Gnus und leichtfüssige Zebras, einzeln oder zu zweien tauchten die breiten Rücken der Nashorne auf. Obwohl ich nichts weniger als ein grosser Nimrod bin, erlegte ich doch an diesem Tage ein Gnu und drei Nashorne, welch' letztere wir den Massai überliessen. Von den benachbarten Kraals, die sich als dunkle Kreise aus der Grasfläche hoben, kamen Schaaren meist magerer, kahlköpfiger Massai-Weiber, im Eisenschmuck rasselnd, um sich Fleisch zu holen.

Im Schatten eines riesigen Baumes, unweit eines Wäldchens schlugen wir das Lager auf. Stets herrschte in diesen Höhen eine kühle angenehme Luft, besonders Mittags, wenn die Sonnenstrahlen den feuchtkalten Morgennebel durchbrachen, war der Aufenthalt ein köstlicher und nichts erinnerte an die Tropen. Die einzige Unannehmlichkeit waren zahlreiche Fliegen, die bei den Massai eine der ägyptischen ähnliche Augenkrankheit erzeugen.

Für einen Jäger wäre dieser Lagerplatz ein paradiesischer gewesen. In der Nähe des Wäldchens hausten zahlreiche Perlhühner, deren ich mir einige zum Frühstück erlegte, in einem Tümpel grunzten Flusspferde und in der weiten Ebene tummelten sich ungeheure Wildmassen, die sehr wenig scheu waren, obwohl sie von Wandorobo und neustens auch von Massai viel gejagt wurden. Diese erlegten das Wild meist mit dem Speer, theils indem sie Gnus, die nicht sehr schnell laufen, verfolgten und sie niederstiessen, theils indem sie sich schlangenähnlich an schlummernde oder grasende Nashorne heranschlichen und ihnen die Waffe in den Leib rannten.

Wir hielten einen Rasttag in Ngorongoro, den ich zur Besichtigung einiger Massai-Kraals benutzte. Ich fand dort die freundlichste Aufnahme. In dem Hof, den die niedrigen, lederbedeckten Zelthütten umgaben, riefen mir die Elmoran, die Krieger ihr »Sowai!« zu; vor den Hütten kauerten Greise mit scharfgeschnittenen Gesichtszügen und Nditos (Mädchen) mit glänzenden schwarzen Augen lugten, behangen mit Eisen- und Glasperlenschmuck, aus dem Innern hervor. Mein ständiger Begleiter bei diesen Spaziergängen war der Leigwenan, den ich durch das Geschenk eines Kalbes glücklich gemacht hatte. Um den Dornzaun unseres Lagers sammelten sich inzwischen Schaaren jener Jammergestalten, die jetzt für das Massai-Land bezeichnend sind. Da waren zu Skelette abgemagerte Weiber, aus deren hohlen Augen der Wahnsinn des Hungers blickte, Kinder die mehr Nacktfröschen als Menschen glichen, »Krieger« die kaum auf allen Vieren kriechen konnten und stumpfsinnige, verschmachtende Greise. Diese Leute verzehrten Alles: gefallene Esel waren für sie ein Schmaus, aber auch Knochen, Häute, ja selbst Hörner des Schlachtviehs verschmähten sie nicht. Ich liess den Unglücklichen nach Kräften Nahrung geben und die gutmüthigen Träger theilten ihre Rationen mit ihnen; aber ihr Appetit war unersättlich und immer neue Hungrige kamen herbeigewankt. Sie waren Flüchtlinge aus Serengeti, wo die Hungersnoth ganze Distrikte entvölkert hatte, und kamen als Bettler zu ihren Landsleuten in Mutyek, die selbst kaum genug zu essen hatten. Schwärme kreischender Geier folgten ihnen nach, ihrer sicheren Opfer harrend. Täglich bot sich uns von nun an der Anblick dieses Elends, zu dessen Linderung wir doch kaum etwas thun konnten. Eltern boten uns ihre Kinder zum Verkauf gegen ein Stückchen Fleisch an und wussten dieselben, als wir solchen Handel ablehnten, geschickt beim Lager zu verstecken und sich aus dem Staube zu machen. Bald wimmelte die Karawane von solchen kleinen Massai und es war rührend, zu beobachten, wie die Träger sich dieser armen Würmer annahmen. Kräftigere Weiber und Männer verwendete ich als Viehhirten und errettete dadurch eine ganze Anzahl vom Hungertode.

Massai-Kraal.

Am 21. März zogen wir im Ngorongorokessel weiter, vorbei an einem Wandorobo-Lager, dessen Umgebung mit Wildabfällen bestreut war, um welche sich Raben, Marabus und Geier zankten. In einem schönen Akazienwald unweit des Sees lagerten wir. Die Ebene vor uns beherbergt wieder zahlreiche Rhinozerosse, darunter prachtvolle, schneeweisse Exemplare, deren ich eines erlegte. Mzimba zog Nachmittags zum ersten Mal im Leben auf die Jagd und schoss ein Nashorn. Auch andere meiner Leute haben im Laufe der Expedition mehrfach Nashorne erlegt, da die Jagd dieser Thiere keineswegs so besonders schwierig und gefährlich ist, als es nach den Berichten der Berufs-Nimrode erscheinen könnte. Vor Allem ist das Nashorn nicht sehr scheu und wenn der Wind nur halbwegs günstig ist, so kann man sich ohne Weiteres bis auf 30 Schritte nahen, ohne dass es sich stören lässt. Um auf 30 Schritte ein Rhinozeros zu treffen braucht man gerade kein hervorragender Schütze zu sein, und wenn die Kugel in den Oberleib oder (mit dem kleinkalibrigen Gewehr) in den Kopf einschlägt, so fällt das Thier meist ohne Weiteres. Verwundet man es an einer anderen Stelle, so läuft es entweder davon, und zwar so schnell, dass eine Verfolgung selten Erfolg hat, oder es greift den Jäger an. Dieser Moment wird von den Nimroden meist besonders grell ausgemalt. Ihre Begleiter laufen gewöhnlich davon und nur der Nimrod hält dem anstürmenden Koloss Stand. Das klingt sehr gefährlich, der »anstürmende Koloss« ist aber so gut wie blind, ein Schritt auf die Seite genügt und er rast vorbei, bleibt dann stehen und blickt sich verwundert nach dem Jäger um, der ihm dann in aller Ruhe von nächster Nähe eine zweite Kugel in den Leib jagen kann.

TAFEL V

HUNGERNDER MASSAI

Gegen Abend kamen Wandorobo ins Lager, die uns geheimnissvoll meldeten, dass die Krieger eines benachbarten Kraals einen Ueberfall auf uns beabsichtigten. Ich zweifelte zwar sehr daran, dass Jemand einen solchen wagen könnte, liess aber dennoch die Dornverhaue besonders sorgfältig anlegen und Nachts die Posten verstärken.

Kaum hatte ich mich in mein Zelt zurückgezogen, als ein Schuss krachte. Alles lief an die Einzäunung, das Magnesium-Licht, das für solche Zwecke stets bereit war, flammte auf und zwei splitternackte Massai-Krieger wurden gefangen genommen, die versucht hatten, in den Viehkraal einzudringen. Wir begannen nun wirklich an die Möglichkeit eines Ueberfalls zu denken, doch ereignete sich nichts ähnliches mehr, nur einige Hungergestalten näherten sich dem Lager, auf welche die Posten ohne sie zu erkennen in der Dunkelheit Feuer gaben. Am nächsten Morgen sah ich zu meinem tiefsten Bedauern zwei dieser Unglücklichen von Kugeln durchbohrt vor der Einzäunung liegen. Neben ihnen stand ein langer hagerer Greis mit wirrem, weissen Haar, der uns wüthende Flüche zurief. »Ihr schwelgt in Milch und Fleisch,« sagte er, »und schiesst auf uns, die wir vor Hunger sterben. Seid verflucht!« Ich liess dem Armen ein Stück Fleisch geben, dass er mit thierischer Gier roh verschlang, um dann in seinen wilden Ausbrüchen fortzufahren. Die Karawane hatte sich schon entfernt und immer noch tönte das Geschrei des Unglücklichen hinter uns her.

Wir stiegen auf gutem Viehweg den steilen Westhang des Kessels hinan und erreichten das Plateau von Neirobi. Dasselbe hat 2400 m Seehöhe; lange Nebelstreifen ziehen über die mit saftigem Grün bedeckten Weiden in welchen einzelne knorrige, mit Flechten behangene Bäume verstreut sind. An lichter gefärbtem Gras und dichtem Brennesseldickicht waren alte Massai-Kraals erkennbar, deren Bewohner jetzt gänzlich verschwunden waren oder als Verhungernde umherirrten. Einige derselben schlossen sich uns wieder an. Das Massai-Element fing überhaupt an, in der Karawane zuzunehmen und es war komisch zu sehen, wie rasch der stolze Elmoran sich in »Laschomba« (Swahíli) mit Fez und Lendentuch verwandelte. Sogar eine ganze Familie zog mit, bestehend aus Mutter, einer hübschen jungen Tochter, zwei halbwüchsigen Jungen und einem Säugling, der fast garnicht schrie und mit Kuhmilch gefüttert wurde.

Am Morgen des 23. März zogen wir leicht bergan über das kalte, neblige Plateau von Neirobi, stets durch prächtiges Weideland, dessen fetter Boden von tief eingetretenen Viehwegen durchschnitten ist. Zu unserer Linken stiegen grasige Kuppen auf. So schön und fruchtbar das Land auch war, so wirkte die ewige Folge niedriger Graswälle doch eintönig, um so mehr als nichts eine Veränderung ahnen liess.

Plötzlich merkte ich eine Bewegung an der Spitze der Karawane, die Leute stellten ihre Lasten nieder und deuteten gegen Süden. Ich beschleunigte meine Schritte und konnte einen Ruf des Erstaunens nicht unterdrücken als ich auf der Kuppe angelangt war. Zu unseren Füssen lag, von steilen, felsigen Hängen eingesäumt, eine ungeheure Spalte, ein Graben im geologischen Sinne, bei dem man förmlich sah, wie ein Stück des Plateaus 1000 Meter weit abgerutscht war. An der Sohle dieses Grabens lag, von sandigen Ufern umgeben, ein blauer See, dessen südlicher Verlauf mit dem Horizont verschwamm. Am Westufer stiegen die Randberge des Serengeti-Plateaus auf, an das Ostufer schloss sich eine Reihe paralleler Ketten an, die in den Iraku-Bergen gipfeln, welche als lange Mauer am Horizont stehen. Ueber diese erhob sich, fast genau im Süden, ein mächtiger, dunkler Kegelberg. Es war, wie ich später erfuhr, der Gurui-Berg, den ich schon in Umbugwe gesehen, aber durch die vorgelagerten Berge nicht in seiner Bedeutung erkannt hatte. Der See, welcher sich in der Tiefe ausdehnte, wurde von den Massai Eyassi-See genannt. Er ist auch ein Salzsee, doch grösser als der Manyara und das Sammelbecken jener Wasserläufe Unyamwesis, die dem Wembere-System angehören. Dies war mir schon damals zweifellos und wurde später direkt nachgewiesen.

Wir schlugen unser Lager auf einer beherrschenden Kuppe am Rande des Steilabfalles auf und von meinem Zelt aus genoss ich den herrlichen Anblick des sonnenbestrahlten Sees, den ich als erster Europäer schaute. Am 24. März unternahm ich mit einigen Askari und einem Massaiführer den Abstieg zum See. Pfadlos kletterten wir durch vegetationsreiche Schluchten, überschritten Bäche und gelangten schliesslich an den letzten sehr steilen Abfall, der dicht mit Aloë, Euphorbien und Stachelgestrüpp bedeckt war. Auch durch dieses Dickicht erkämpften wir unsern Weg, mussten eine fast senkrechte, sandige Tuffwand überschreiten und gelangten bei glühender Hitze Nachmittags an einen Bach am Seeboden. Ein heftiger Fieberanfall nöthigte mich, dort zu verbleiben und ich sandte einige Askari zum nahen Seeufer um Salz- und Wasserproben einzusammeln. Von Moskitos gequält, von zahlreichen Hyänen umheult, verbrachten wir die Nacht am Bach und stiegen am nächsten Tage auf besserem Wege durch ein schönes, von Phönixpalmen erfülltes Thal zur Höhe. Schon unterwegs begegneten wir Leuten vom Lager, die ausgezogen waren, uns zu suchen, da man uns schon Tags vorher zurück erwartet hatte. Im Lager wurden wir mit Freudengeschrei empfangen, da man schon ernstlich um uns in Sorge gewesen war und die Leute baten mich dringend, keinen Ausflug mehr, und sei es der kleinste, ohne ihre Begleitung zu machen.

Durch welliges Land mit dunklem, lehmigem Boden auf dem viel Klee gedieh, gings am 26. weiter zum Njogomo-Bach der dem Eyassi-See zufliesst. Am 27. stiegen wir über eine Höhe und dann sanft ab zur weiten, fast baumlosen Ebene von Serengeti. Dieselbe hat weit weniger schönes Weideland als Mutyek, ist sehr sanft gewellt und von flachen Thalrissen durchzogen. Hier lagen einige Massai-Kraals zerstreut in deren Nähe Ziegen weideten. Während wir vorbeizogen, kamen alte Leute, Elmoruo, an und riefen uns zu, dass die Krieger mit uns Frieden halten wollten falls wir ihnen einen Tribut an Rindern geben würden. Wir antworteten durch Mabruki Massai, den Findling von Donyo Lukutu, dass uns unter diesen Umständen an einem Frieden nichts gelegen sei. Mabruki, der ja selbst Elmoran gewesen, und die Sitten der Massai natürlich genau kannte, erklärte, dass die Krieger uns nun bestimmt angreifen würden. Thatsächlich kamen einige hundert Leute auch bald mit geschwungenen Speeren hinter uns hergelaufen. Es wäre mir nun ein Leichtes gewesen, über diese Krieger einen »glänzenden Sieg« zu erringen, den Kraal zu »stürmen« und die Ziegen zu erbeuten, ich bemitleidete jedoch diese Hungerleider, die in ihrem Raubanfall nur dem Gebote des Magens folgten und begnügte mich, sie durch einige wohlgezielte Kugeln zu verjagen. In 5 Minuten war kein einziger mehr zu sehen. Die Karawane hatte ihren Marsch keinen Augenblick unterbrochen. Das war unser einziges »Gefecht« mit Massai, den blutgierigen, furchtbaren Räubern, deren Gebiet, »nur mit 1000 Europäern« passirbar ist.

Die Bodenschwellungen verschwanden bald gänzlich und über eine leicht geneigte, staubige Ebene ging es abwärts. Wild, welches am Neirobi-Plateau spärlich gewesen, war hier wieder in grossen Mengen sichtbar, in langer Reihe, gleich einer Kavallerie-Abtheilung liefen Strausse mit Windeseile durch die Steppe. Bei einem einzelnen, Wasserlöcher enthaltenden Felshügel, Duvai, lagerten wir und waren bald von zahlreichen Wandorobo umgeben, die hier in grösserer Zahl leben. Sie waren hier keineswegs jener elende Pariastamm, als welchen man diese Jäger sonst kennen lernt, sondern ein schöner, hochgewachsener Schlag und mit ihren kräftigen Bogen und vergifteten Pfeilen keineswegs zu verachtende Gegner. Die Jagd schützt sie vor dem Hunger, ja manchmal unternehmen sie auch Raubeinfälle in das bewohnte Gebiet von Usukuma und treiben Vieh fort, welches sie jedoch nicht züchten, sondern sofort schlachten. Gegen uns benahmen sie sich freundlich und mit Leichtigkeit bekam ich hier Sprachproben dieses merkwürdigen Jägervolkes.

Der nächste Tag führte uns durch flaches, von seichten, meist wasserlosen Senkungen durchzogenes Land. Eine derselben enthielt den kleinen Salzsee Lgarya, dessen Ufer von zahlreichen Flamingos belebt ist. Dichte Staubwolken begleiten hier den Gang der Karawane, die Schirmakazie, jener echte Nyikabaum trat auf, wir waren wieder im Steppenland.

Gegen Mittag des 29. März verschwanden auch die Akazien und wir zogen durch eine weite, fast völlig baumlose Grasebene, eine richtige Prairie, aus welcher im Nordwesten die flache Kuppe Kiruwassile auftauchte. Selbst Wild war in dieser Einöde selten, doch begegnete man auf Schritt und Tritt Gnu-Sceletten, von Thieren, die der Seuche erlegen waren. Unser Ziel bildete eine einzelne Akazie, die wir stundenweit vorher sahen und an deren Fuss sich Löcher mit lehmigem Wasser befanden. Der Marsch war ein besonders anstrengender gewesen, da die Leute ausser ihren Lasten auch Brennholz mitnehmen mussten, welches es in dieser Graswüste nicht giebt.

Die Wirkung der langen Märsche, sowie jene der ungewohnten Fleischnahrung machte sich bei der Mannschaft überhaupt schon geltend. Die Pangani-Leute allerdings, die an Massai-Reisen gewöhnt sind, hielten sich vorzüglich, die aus Bagamoyo dagegen litten schwer. Selbst grosse Portionen konnten ihren an Pflanzenkost gewöhnten Magen nicht sättigen, Fälle von Entkräftung verbunden mit ruhrartigen Zuständen traten ein. Dann ergriff einzelne Leute ein Zustand völliger Muthlosigkeit, sie legten sich am Wege nieder und erklärten sterben zu wollen. In solchen Fällen that Mzimba mit ein paar Kurbatschhieben oft Wunderwirkung: der Sterbende erhob sich und marschirte weiter. Anders freilich war es, wenn es einem der Leute gelang, sich abseits von der Route im Grase zu verbergen, wo er ohne Nahrung, ohne einen Tropfen Wasser dalag, den Tod erwartend. Im Lager wurde er natürlich vermisst und Askari, die keine Müdigkeit kennen durften, ausgesandt ihn zu suchen. Meistens wurden solche Leute aufgefunden und gerettet, in manchen Fällen aber brach die Nacht herein, die Askari kamen unverrichteter Sache zurück und wenn draussen die Hyänen ihr grässliches Konzert begannen, wussten wir, dass unser Kamerad verloren war.

Am 30. März hatten wir den tafelförmigen Kiruwassile-Berg erreicht, dem eine Kette kleiner Granithügel vorgelagert ist, zwischen deren mächtigen Felsblöcken Euphorbien und Stachelgestrüpp gedeihen, und lagerten an dem klaren Wassertümpel eines Baches. Durch Parkland ging es am folgenden Tage weiter, wo manchmal röthlicher Granit zu Tage tritt, dessen Platten durch viele Sprünge zerrissen sind, so dass der Boden wie gepflastert aussieht. Steil stiegen wir eine Plateaustufe ab und gelangten in schön begrastes, fruchtbares Land, in dem einige verlassene Wandorobo-Grashütten die einzigen Spuren menschlicher Siedelung sind. Einzelne Sorghum-Pflanzen und Kalebassen-Geranke, das wild dazwischen wächst, wurde mit Freuden begrüsst, zeigten sie uns doch die Nähe kultivirter, ackerbautreibender Distrikte an. Am trockenen, tief eingerissenen Lossergasch-Bach, der schon dem Nilsystem angehört und den Oberlauf des Simiyu bildet, schlugen wir unser Lager auf. Die Massaiführer sagten uns, dass Ikoma, oder wie sie es nennen, Elmarau, eine von Waschaschi bewohnte Landschaft, nur noch zwei Tagereisen entfernt sei: wir beschlossen daher alles aufzubieten, um rasch dahin zu gelangen. Denn täglich mehrten sich die Todesfälle durch Entkräftung, zwei, drei Mann brachen unterwegs zusammen und andere schleppten sich nur noch schwer fort. Alle Askari trugen Lasten und mühsam keuchte die Karawane auf dem sonnenglühenden Pfad vorwärts. Das Land war arm an wasserführenden Bächen, von zahllosen Regenschluchten durchfurcht und theilweise mit dichtem Dorngestrüpp bewachsen. Nachmittags entdeckten die scharfen Augen der Träger am Horizont saftig grüne Parthien: es waren die Felder von Elmarau. Doch konnten wir sie an diesem Tage nicht mehr erreichen und waren noch einmal auf Fleischdiät angewiesen.

Zusammentreffen mit Waschaschi.

Am Morgen des 2. April gelangten wir schon frühzeitig an den breiten trockenen Bach Orangi, der von hochstämmiger Gallerie-Vegetation eingesäumt ist und reichliche Wasserlöcher enthielt. Zwischen den Bäumen des rechten Ufers erblickten wir roth bemalte, hochgewachsene Gestalten mit Bogen und Pfeil, meist in charakteristischer Haltung auf einem Bein stehend. Es waren Leute aus Ikoma, die zur Jagd hierher gekommen waren und mit Erstaunen die Karawane erblickten. Doch war es ja schon öfter geschehen, dass bekleidete Fremdlinge aus dem Massai-Land zu ihnen kamen; sie begrüssten uns auf Kinyamwesi und zeigten uns damit an, dass wir das Massai-Sprachgebiet verlassen und uns wieder bei Bantuvölkern befanden. Einige Glasperlen machten sie rasch zu unseren Freunden und auf einem richtigen Feldwege, einem wahren Labsal nach der pfadlosen Wildniss, zogen wir Ikoma zu. Mit Jubelgeschrei begrüssten die Leute die ersten Felder, wo Sorghum, Mais, Eleusine und andere Kulturpflanzen sorgfältig angebaut waren. An dem wasserführenden Ormuti-Bach betraten wir das Dorfgebiet, ein offenes, leicht gewelltes Grasland mit verstreuten Hütten und kreisrunden, von buschigen Euphorbienhecken umgebenen Komplexen, in deren einem wir lagerten.

Die friedlichen Eingeborenen kamen völlig unbewaffnet, auch viele, meist sehr üppige Damen erschienen und brachten in netten Körbchen Mehl zum Verkauf, so dass die Leute wieder in gewohnter Nahrung schwelgen konnten. Auch mir erschien ein Kürbiss, den der Koch bereitete, als eine köstliche Delikatesse, denn ausser Brennessel-Spinat hatte ich seit Umbugwe kein frisches Gemüse gegessen.

In dem Wunsch rasch Mehl zu bekommen hatten wir bei der freundlichen Haltung der Eingeborenen, unserm Grundsatz widersprechend, denselben Zutritt in's Lager gewährt. Sie benutzten diese Gelegenheit jedoch, um mit grosser Geschicklichkeit zu mausen, ja einer stahl sogar mein Rosshaarkissen, das die Jungen zum Auslüften hingebreitet hatten. Ich liess hierauf einige Weiber an die Kette legen und forderte die erschrockenen Eingeborenen auf, die gestohlenen Gegenstände wieder zurückzubringen, was auch in kaum einer Viertelstunde geschah, worauf wir die gefangenen Schönen wieder laufen liessen.

Unsere Freundschaft mit den Eingeborenen wurde durch diesen etwas summarischen Vorgang in keiner Weise getrübt, da er vollkommen den afrikanischen Rechtsanschauungen entspricht und von Eingeborenen untereinander sehr oft ausgeübt wird. Thatsächlich ist es in einem Lande, wo keine Polizei existirt auch nahezu unmöglich, zu seinem Recht zu kommen ohne dieses Geiselsystem.

Wir hielten uns am nächsten Tage in Ikoma auf, stets umschwärmt von den harmlos friedlichen Eingeborenen, die für Glasperlen und Messingdraht ungeheure Mengen Mehl und andere Lebensmittel, auch grosse Welse brachten. Am Morgen des 4. April, an welchem ich einen zweiten Rasttag halten wollte, meldete mir Mzimba zu meinem sehr grossen Erstaunen, dass vier Träger ausgerissen seien. Natürlich waren es Wabondeï, diese unverbesserlichen Davonläufer, die so spät ihr Heil in der Flucht gesucht. Im Interesse der Disziplin schien es mir unumgänglich nothwendig, diese Leute zu fangen und ich beschloss, abermals zu dem afrikanischen Verfahren zu greifen. Vier eingeborene Geiseln wurden festgenommen und ich eröffnete den Ikoma-Leuten, dass ich diese erst freigeben würde, wenn meine vier entsprungenen Träger eingebracht würden. Die Eingeborenen fanden diesen Vorgang sehr begreiflich und baten uns, zum Schein abzuziehen, da sich die Flüchtlinge wohl erst dann wieder zeigen würden. Wir brachen denn auch nach dem zwei Stunden entfernten Dorf Niasiro auf, das etwa 100 Hütten hat, die auf der Kuppe eines Hügels zwischen dunklem Euphorbiengestrüpp verstreut liegen. Am Fusse rauscht der ansehnliche, fischreiche Grumeti-Bach. Auch hier überboten sich die Eingeborenen an Freundlichkeit und Mzimba veranstaltete unter einem schattigen Baum einen förmlichen Markt und häufte Lebensmittel-Vorrath an, als ob wir noch einmal das Massailand passiren sollten.

Waschaschi-Dorf in Usenye.

Am Morgen des 6. April wurden die vier Deserteure gebunden eingeliefert und die Geiseln, die sich bei uns sehr behaglich gefühlt hatten, nahmen reich beschenkt Abschied. Die feigen Eingeborenen, die vor den Flinten der Ausreisser Furcht hatten, lockten dieselben erst freundlich an, fielen dann über sie her und legten sie in Fesseln. Sie wurden von ihren Kameraden mit höhnischen Zurufen und Pfiffen empfangen, erhielten ihre tüchtige Strafe und wurden an die Kette gelegt. Als ich sie fragte, warum sie fortgelaufen seien, meinten sie: die Massai-Reise habe sie ermüdet und sie wollten als Sklaven bei den Eingeborenen bleiben um auf eine andere Karawane zu warten. Wenn man bedenkt, dass oft viele Jahre vergehen, bevor eine Karawane nach Ikoma kommt, so kann man das Unsinnige dieses Planes ermessen.

Die weitere Reise führte uns durch Usenye, einer reich bebauten, von stärkeren Hügelwellen durchzogenen Landschaft, mit zahlreichen grossen Dörfern, in deren Innern die Euphorbien- und Dornhecken förmliche Irrgärten bilden. Am 7. April überschritten wir den Rubana, einen nach den Karten sehr bedeutenden Fluss, der aber in Wirklichkeit nur ein schmaler Bach ist. Schon damals schien mir zweifelhaft, dass dieses Gewässer der Unterlauf des Ngare dabasch, eines ansehnlichen Flusses im Massailand sein sollte. Jenseits des Rubana betraten wir wieder pfadloses Steppengebiet und zogen unter Führung eines Usukuma-Händlers, den wir in Ikoma getroffen, schnurgerade auf einen Kegelberg, Tschamliho, los. Das Land war offen und grasig, nur die zahlreichen Wasserrisse von Laubbäumen, Akazien und Tamarinden eingesäumt. Viele Antilopen und Gnus sowie einzelne Nashorne tummelten sich in der Ebene; von Büffeln sah man auch hier nur Scelette.

Am 9. April erreichten wir den Tschamliho-Berg, der den höchsten Punkt des Distriktes Ikiju bezeichnet, ein bewohntes, bergiges Land. Auch hier leben Waschaschi, wohlgenährte kräftige Leute in sehr einfacher Kleidung, mit Bogen und Pfeil bewaffnet.

Sie hatten unser Herannahen schon bemerkt und zogen uns entgegen, eine feindliche Invasion fürchtend, beruhigten sich jedoch bald, als sie uns als Küstenkarawane erkannt. Auch sie pflegen auf einem Fuss zu stehen und den anderen oberhalb des Knies aufzustemmen.

Angel für Welse der Waschaschi.

Auf steinigem Pfade durchzogen wir mehrere an den Hängen verstreute Dorfgebiete und lagerten an einem Bach, wohin die nun völlig zutraulichen Eingeborenen uns reichliche Lebensmittel brachten. Am nächsten Tage trugen sie sogar die Lasten der Leute, als wir auf steilem, schlechten Felsweg den Berg jenseits wieder abstiegen und dann ein wasserreiches, theilweise versumpftes Thal durchzogen. Stellenweise ragten abenteuerlich geformte Granitfelsen auf, meist in der Nähe der Dörfer gelegen und den Eingeborenen als Warte dienend. Am 11. April führte ein angenehmer Marsch uns durch offenes welliges Land mit vielen Dörfern und prächtigen Anpflanzungen der verschiedensten Kulturgewächse, unter welchen Gurken, Kürbisse, Arachis und Maniok auffielen. Getrocknete Fische wurden uns zum Verkauf angeboten, welche zugleich mit Fischereigeräth in den Hütten uns die Nähe des Victoria-Nyansa anzeigten.

Am 12. April begannen wir bei leichtem Regen den ziemlich steilen Abfall der Schaschi-Berge abzusteigen. Kaum eine halbe Stunde vom Lager eröffnete sich uns plötzlich der Ausblick auf die dunkle Fläche des Speke Golfes mit dem fernen Horizont des Nyansa. Ein grauer Himmel umspannte die Landschaft, der Majita-Berg im Norden und die Nassa-Berge im Süden waren nur undeutlich sichtbar.

Dennoch war es für mich ein freudiger Augenblick: konnte ich mir doch sagen, dass der schwierigste Theil unserer Aufgabe gelöst war. Die direkte Route durch das Massai-Land, die als unpassirbar galt und die ein Stanley geplant und als zu schwierig aufgegeben hatte, diese Route war von der Massai-Expedition in der kurzen Zeit von 2½ Monaten bewältigt worden.

TAFEL VI

Station Mwansa am Victoria-See.

Vor den Schaschi-Bergen dehnte sich eine flache, von einzelnen Wasserrissen durchzogene Grasebene aus, durch die unser Weg dem See zu führte. Ungeheure Heerden von Gnus, Antilopen und Zebras waren sichtbar, auch ein Rhinozeros konnte ich erlegen und die Träger knallten ein zweites gemeinsam nieder, nachdem sie ihm ein förmliches Feuergefecht geliefert. Gegen Mittag erreichten wir das Papyrus-Ufer des Nyansa beim Distrikt Katoto. Zwischen Feldern und zerstreuten Hütten waren Fische auf Gestellen zum trocknen ausgelegt, in den Papyrussaum des Ufers hatte man für die Kanus Strassen gehauen und durch diese blickte man hinaus auf die schimmernde Fläche des afrikanischen Binnenmeeres.

Graf Schweinitz, photogr.

Kanu am Victoria-Nyansa.

[[←]] III. KAPITEL.
Im östlichen Nyansa-Gebiet.

Katoto und Mwansa. — Ukerewe. — Ukara. — Der Baumann-Golf. — Gefechte in Mugango. — Die Schaschi-Länder. — Ngoroïne. — Ikoma. — Kämpfe in Ututwa. — Ntussu. — Meatu. — Munyihemedis Niederlassung. — Zur Nyarasa-Steppe. — Der Salzfluss Simbiti. — Die Elephantenjäger. — Die Weiber der Karawane. — Usmau und Usukuma. — Mwansa.

In dem ansehnlichen, von festem Stangenzaun umgebenen Hüttenkomplex des Häuptlings schlugen wir wenige Schritte vom Nyansa, in Katoto, unser Lager auf. Die Eingeborenen, mit Ziegenfell bekleidete Waschaschi, waren rasch mit uns befreundet und brachten Lebensmittel. Wir schwelgten in seltenen Genüssen wie Fischen, Zuckerrohr, Tomaten und vorzüglichen Gurken, wozu in den nächsten Tagen noch Bananen aus Ukerewe und Reis aus Usukuma traten. Behaglich lagen die Leute am Strand, nahmen auch trotz der Krokodile eifrig Bäder im Nyansa, beobachteten die Flusspferde, die manchmal ihr breites Maul über die Wasserfläche erhoben, die Tauchervögel, die mit unendlicher Leichtigkeit der Bewegung über das Wasser schwebten und die Kanus, die von kräftigen Ruderern getrieben, den sonnenbestrahlten See belebten. Sie bemerkten dabei auch merkwürdige scheinbare Ebbe- und Flutherscheinungen des Nyansa und kamen eilig, mir dies zu melden. Ich lachte über diese Wahrnehmung, da das Vorkommen von Gezeiten bei einem Binnengewässer wie dem Victoria-See ganz ausgeschlossen erscheint. Wie gross war jedoch mein Erstaunen, als ich in den nächsten Tagen thatsächlich einen Wechsel des Niveaustandes um ca. 30 cm wahrnehmen konnte! Die Erklärung dafür bieten die regelmässigen Seewinde die täglich einsetzen und das Steigen des Wasserspiegels am Ufer hervorrufen.

Das Dolce far niente meiner Leute wurde fast täglich durch mächtige Donnerwetter gestört, die stets Nachmittags mit unerhörter Wucht hereinbrachen. Einmal wurde sogar ein Askari vom Blitz gestreift, war mehrere Tage fast blind, erholte sich jedoch dann vollständig.

Da ich die Absicht hatte meiner Mannschaft in Katoto längere Erholung zu gönnen, so begann ich unter einigen schönen Baumakazien grössere Lagerhütten zu errichten, theils um uns einen angenehmeren Aufenthalt zu schaffen, theils um die Leute zu beschäftigen. Mit Eifer schleppten Träger und Eingeborene, die unsere besten Freunde waren, Stangen und Papyrus herbei und bald erhoben sich leichte luftige Hütten mit Grasdächern, in welchen es sich sehr gut leben liess. (Siehe Kopfleiste des Kapitels.)

Ich verbrachte meine Zeit mit wissenschaftlichen Arbeiten, mit Jagdexkursionen in der nahen wildreichen Steppe und Kanufahrten auf dem Nyansa. Bald nach meiner Ankunft, hatte ich Boten an die englische Mission Nassa gesandt und auch die deutsche Station Mwansa verständigt. Kompagnieführer Langheld machte sich sofort nach Empfang dieser Nachricht auf und am 22. April hatte ich die Freude, ihn in Katoto zu begrüssen. Ich folgte seiner Einladung, ihn nach Mwansa zu begleiten, übergab die Expeditionsleitung für einige Tage an Mzimba und schiffte mich mit ihm in dem grossen Boote von Mr. Stokes ein.

Bei frischer Brise segelten wir rasch über die Fluth des Speke-Golfes, welcher hier im innersten Theil der Bucht grau und mit zahllosen salatartigen Wasserpflanzen bedeckt ist. Um 2 Uhr Nachmittags landeten wir am schilfreichen Strand der fruchtbaren, dicht bewohnten Landschaft Nassa, wo auf einer Anhöhe die englische Mission der »Church Missionary Society« gelegen ist. Sie besteht aus einigen blättergedeckten Lehmhütten mit niedrigen dumpfen Räumen und einer Rundhütte als Kirche. Von derselben geniesst man einen prächtigen Blick auf den Speke-Golf und seine bergigen Ufer. Wir kamen gerade in einem ungünstigen Augenblick, denn der eine Missionar war am Morgen gestorben und der andere, ein bleicher junger Engländer, der nun völlig einsam seine Tage hier verbringen sollte, von dem Todesfall natürlich sehr angegriffen. Dennoch liess er es sich nicht nehmen uns zu bewirthen und setzte uns ein Mahl vor, das, wie meist in englischen Missionen, hauptsächlich aus Konserven bestand. Einige derselben waren mir deshalb merkwürdig, weil sie der Sendung entstammten, die Dr. Hans Meyer und ich 1888 nach dem Victoria-Nyansa befördert hatten. Da wir, durch den Aufstand gehindert, nicht an den See gelangten, wurden die Provisionen an die englische Mission abgegeben und ich hätte nicht gedacht, dass wenigstens ein kleiner Theil derselben doch noch ihrem ursprünglichen Zweck, nämlich dem, von mir gegessen zu werden, zugeführt werden sollte.

Unter den Eingeborenen der Umgebung hat die Mission so gut wie gar keine Erfolge und dient wohl hauptsächlich als Transport-Station für Uganda. Auch die Zöglinge entstammen fast ausschliesslich dem englischen Seeufer. Besonders merkwürdig ist in Nassa ein Schuppen, in dem sich die Bestandtheile des Dampfers befinden, den die Mission am Nyansa erbauen wollte. Mit grossen Opfern an Geld und Menschenleben wurden diese Eisentheile in's Herz Afrika's befördert und verrosten jetzt — ein Fall, der im Innern Afrika's keineswegs vereinzelt dasteht.

Längs des Südufers, an dem sich felsige, theilweise bewohnte Inselchen hinziehen, segelten wir am nächsten Morgen weiter und langten Nachmittags in der von mächtigen Granitblöcken eingesäumten Landschaft Sina an, an deren Strand sich der Nyansa in prachtvollen dunkelgrünen Wogen bricht. Nach dem Sonnenuntergang, der mit seltener Farbenpracht stattfand, segelten wir weiter und waren am Morgen an der Mündung der Bukumbi-Bai, die westlich durch die theilweise waldige Insel Yuma bezeichnet ist. Dieselbe ist dadurch merkwürdig, dass darauf ein Engländer Namens Wise als Einsiedler lebt. Er hatte den Wunsch, sein Leben ungestört und beschaulich zu verbringen und hielt eine Insel im Nyansa dafür als den geeignetsten Ort. Er sollte sich aber getäuscht haben; denn der Geist der »Amtlichkeit« schwebt auch über den Wassern des Victoria-Nyansa. Die Rechtstitel, welche Wise auf den Besitz der früher fast unbewohnten Insel erworben, wurden bestritten. Als Gartenarbeiter wurden ihm einmal Kinder von der Station übergeben, dann, nachdem er sie schon abgerichtet, ohne Grund wieder abgenommen und Mr. Wise ist wahrscheinlich zur Erkenntniss gekommen, dass man mitten in London viel ruhiger leben kann als mitten im Victoria-Nyansa.

Ruderblatt, Ukerewe.

Längs des von riesigen Granitblöcken eingesäumten Ostufers der Bai fuhren wir nach Süden. Die Bai ist durchsetzt von zahlreichen kleinen Felsinseln und belebt von Möwen und Tauchervögeln. Wir begegneten in derselben einem Kiganda-Kanu der Station Mwansa, das uns mit der angelangten europäischen Post entgegenkam und stiegen, da der Wind nachgelassen hatte, in dasselbe über. Es war das erste Mal, das ich diese fest und schlank gebauten röthlichen Fahrzeuge mit ihren originellen Schiffsschnäbeln sah, die sich an Leichtigkeit der Bewegung mit allen afrikanischen Fahrzeugen messen können. Am oberen Kongo werden grosse, aber weit plumpere Kanus gebaut, höchstens die Dualla in Kamerun verstehen ähnliche Boote herzustellen. An diese erinnert auch das Rudern im Sitzen mit spitzen Paddeln, die von 20-30 Ruderern mit grosser Kraft und Gleichmässigkeit geführt werden. Den Takt giebt ein nicht unmelodischer Gesang, den ein Vorsänger angiebt, welcher zugleich auf kleine lecke Stellen zu achten hat und dieselben mit Bast verstopft.

Gegen 4 Uhr Nachmittags fuhren wir in die tiefe, von felsigen, malerischen Inseln durchzogene Bai von Mwansa ein und sahen die Station, hinter der eine dunkle, mit Granitblöcken bestreute Waldhöhe sich erhebt. Eine breite, von Papayas und Aloë eingesäumte Strasse führte vom See zur Station. Diese ist von einer festen Lehmmauer umgeben und besteht aus einem Stein- und einem Luftziegel-Haus, sowie Askari-Wohnungen und Wirthschafts-Gebäuden. Ueberall herrschte musterhafte Reinlichkeit und Ordnung und am Exerzierplatz sah man die schwarzen, theilweise am See selbst engagirten Soldaten, in tadelloser Uniform ihre Uebungen mit derselben Strammheit ausführen, wie man sie an der Küste zu sehen gewöhnt ist. Unweit des Strandes lag ein hübscher Garten in welchem Tomaten, rothe Rüben, Kartoffeln und andere europäische Kulturgewächse vortrefflich gediehen und auch mit Papayas, Kokospalmen und Mangobäumen Anbauversuche gemacht wurden.

Die Station war eine der schönsten die ich in Innerafrika gesehen und legte einen glänzenden Beweis für die Thatkraft des Kompagnieführer Langheld und seiner braven Untergebenen, Feldwebel Kühne und Hofmann, ab. Aber nicht nur in diesen Aeusserlichkeiten zeigte sich die Tüchtigkeit dieser Männer, sondern auch in der ganzen Stellung des Deutschthums am Victoria-Nyansa. Mit den Engländern in Uganda sowohl, wie mit der französischen und englischen Mission und mit dem Händler Mr. Stokes unterhielt Kompagnieführer Langheld vorzügliche, nie getrübte Beziehungen. Trotz seiner geringen Truppenmacht stand er bei den Eingeborenen in hohem Ansehen, diese leisteten ihre Abgaben und waren jederzeit bereit Arbeiter, Träger und Kanus der Station zu stellen. Obwohl er den Schwarzen oft genug »deutsche Hiebe« ertheilt hatte, nennen sie ihn doch »bwana Msuri« (der gute Herr) und standen sich im Allgemeinen vorzüglich mit ihm.

Ich hielt mich nur kurze Zeit in Mwansa auf und kehrte dann mit dem Stokes'schen Boot nach Katoto zurück. Wir liefen unterwegs die reizende unbewohnte Vesi-Insel an, die mit mächtigen Granitblöcken bedeckt ist, zwischen welchen üppige Vegetation und schattige Bäume gedeihen. In Katoto fand ich alles in bester Ordnung; nur einige Massai, welchen das Klima ungewohnt war, erkrankten und starben bald darauf.

Um die Expedition leichter beweglich zu machen, sandte ich eine Anzahl Lasten mit dem Boot nach Mwansa, da ich diese Station später wieder zu berühren gedachte. Die Packesel, die bis zum See ihre Schuldigkeit gethan hatten, wurden in den Ruhestand versetzt und über Land nach Mwansa geschickt, ebenso eine Anzahl Rinder, die den Grund zu der Heerde der Station und zu dem später vielgerühmten Milch- und Butterreichthum derselben legten. Auch 16 schwächliche Träger entliess ich, welche mit Kompagnieführer Langheld an die Küste gingen. Durch die Verminderung der Lasten wurde eine Anzahl Leute dienstfrei und ich wählte aus den Trägern 12 »Ruga-Ruga«, junge bewegliche Burschen, die Askaridienste thaten und sich vorzüglich bewährten. Sie wurden in Katoto nothdürftig eingedrillt.

Am 6. Mai verliessen wir unser Lager in Katoto endgiltig um die Erforschung des östlichen Nyansa-Gebietes zu beginnen.

Längs des Nordufers des Speke-Golfs wandernd, durchzogen wir stundenlang das Feld- und Dorfgebiet von Katoto, das sich längs des papyrusreichen Nyansa hinzieht und betraten dann lichten Wald, durch den wir nach der ärmlichen Niederlassung Butimba gelangten. Hier hat der Nyansa stellenweise steile, felsige Ufer und ist frei von Schilf, so dass man oft schöne Ausblicke geniesst. Durch Parkland, stets in der Nähe des Seeufers, dem hier felsige Inseln vorgelagert, ging es am nächsten Tage weiter. Das Land war früher von einem mächtigen Hirtenstamm, den Wataturu, bewohnt, welche jedoch den Massai und Wakerewe erlagen, ihren Wohnsitz verliessen und jetzt als elende Parias in Ukerewe ihr Dasein fristen. Ihr früheres Dorfgebiet war nicht einmal von Pfaden durchzogen, da die Bewohner des Nyansa-Ufer nur in Kanus mit einander verkehren. So gelangten wir denn direkt aus wegloser Wildniss in das Fischerdorf von Hakahi, zum grossen Entsetzen der Einwohner, die hier am Nyansa-Ufer und auf der nahe gelegenen Insel Matschwera[1] ein weltverlassenes Dasein führen.

Auch am 8. Mai durchzogen wir hügeliges, von schönen Baumgruppen durchsetztes Parkland, am Fusse des 300 m hohen Kiruwiru-Berges. Zwischen den Bäumen erblickten wir oft den tiefblauen Nyansa, aus dem die bergige Insel Nafua mit ihren weissen Strandriffen sich malerisch erhebt. Leider liess ich mich durch diese landschaftlichen Reize verleiten, am Seeufer zu lagern, was ich Nachts durch einen wahren Kampf mit unzähligen Moskitos büssen musste. Ich bin in puncto Moskito ziemlich abgehärtet und glaubte schon in jüngeren Jahren am Kongo das höchste Maass derselben genossen zu haben. Aber ich sollte mich geirrt haben: die Nacht am Speke-Golf übertraf alles dagewesene. Es gab nur einen Menschen in der Karawane, der in dieser Nacht einschlief und dieser war ein — Wachtposten.

Am 9. Mai überschritten wir den Rugedsi-Kanal, jene schmale Strasse, welche die Insel Ukerewe vom Festland trennt. Er ist zu beiden Seiten von sumpfigem Papyrusgebiet eingeschlossen, durch welches man waten muss, bevor man zu dem meist 30 Schritte breiten und selten über ein Meter tiefen Kanal kommt. In demselben befinden sich labyrinthartig angeordnete Fischreusen durch welche eine starke Strömung nach Nord zieht. Der Wechsel des Wasserstandes macht sich hier besonders stark bemerkbar, indem Morgens etwa ½ m weniger Wasser ist als Mittags, was den Eingeborenen genau bekannt ist.

Nachdem wir uns durch den Schlamm- und Schilfsumpf des Ukerewe-Ufers gearbeitet, zogen wir durch eine schöne, reich bebaute Ebene. Dieselbe führt zu einer prächtigen kleinen Bucht, in der felsige Inseln sich erheben und die von sanften Kuppen eingeschlossen ist, auf welchen zwischen wilden Granitblöcken üppige Bananenhaine und die braunen Kegeldächer der Hütten auftauchen.

Wir lagerten in einem Dorfe, das von reichen Pflanzungen umgeben war, unter welchen besonders riesige Maniokstauden auffielen. Wir befanden uns auf der gesegneten Insel Ukerewe, dem Lande des Häuptlings Lukonge, der sich 1877 durch die verrätherische Ermordung zweier Missionare eine traurige Berühmtheit erworben. Gegenwärtig freilich zieht er andere Saiten auf, hat schon zahlreiche Reisende bei sich gesehen und sandte auch uns Boten und Geschenke nach Katoto entgegen, indem er mich in sein Land einlud.

Am nächsten Tage sollten wir seine Residenz erreichen. Da der Weg dahin vielfach versumpft ist, zog ich es vor, die Karawane über Land zu senden und selbst ein Kanu zur Ueberfahrt zu benutzen. Im Westen dehnte sich das üppige, bananenreiche Gestade von Ukerewe aus und im Nordosten tauchte die grasige, breite Masse des Majita-Tafelberges auf, während uns die kräftigen Schläge unserer Ruderer durch die Grantbai gegen Norden führten. Bei dem durch hohe Schattenbäume bezeichneten Hauptdorf Bukindo landeten wir und durchschritten das Thor der Befestigung, die aus Stangen und pandanusähnlichen Pflanzen gebildet ist.

Vor der koncentrischen inneren Umzäunung fand ich die Expeditionsmannschaft, sowie Lukonge mit seinen »Grossen« bereits versammelt. Er ist ein lichtfarbiger, wohlbeleibter Mann, der mit seinem glatten Gesicht und dem faltigen Gewande lebhaft an einen Landpfarrer erinnert und stark von seiner höchst urwüchsig mit Bocksfell bekleideten Umgebung absticht. Er schien sich übrigens garnicht wohl zu fühlen, denn die Reisenden die ihn vor mir besucht hatten, waren stets im Kanu mit geringer Begleitung gekommen. Eine solche Masseninvasion war ihm offenbar unheimlich und die Blutthat von 1877 tauchte vielleicht vor seinem Gewissen auf. Er begrüsste mich daher verlegen, lud mich ein im innersten Hüttenkomplex zu lagern und verschwand dann schleunigst auf Nimmerwiedersehen. Die meisten seiner Unterthanen folgten seinem Beispiel und drückten sich in die Büsche, sodass wir uns plötzlich als Herren des grossen, mehrere hundert Hütten zählenden Dorfes sahen.

Es fehlte uns dort an nichts, Vorräthe, auch vorzüglicher Honig und Bananenwein waren in den geräumigen Hütten massenhaft vorhanden. Dennoch war ich über diese Lage nichts weniger als erbaut. Lukonge hatte nämlich auch Baumwollzeuge und allerlei andere Tauschwaaren in seinen Hütten zurückgelassen, und mir dadurch eine unangenehme Verantwortung für eventuelle Diebereien meiner Leute aufgeladen. Ich schickte daher Boten nach ihm aus, um ihn aufzufordern, doch zurück zu kommen und sein Eigenthum wegzuräumen oder bewachen zu lassen. Er rief den Boten jedoch von Weitem zu, wir möchten nehmen was uns beliebe und ihm nur sein Leben lassen.

Der Zweck meiner Reise nach Ukerewe, war hauptsächlich der Besuch der Insel Ukara, von der allerlei Seltsames verlautete. Der englische Missionar Wilson, der dort vor Jahren landen wollte, wurde daran von einer kriegerischen Bevölkerung verhindert, in welcher er Zwerge erkannte. Schon Stanley hatte erfahren, dass die Wakara ihrer Zauberkünste wegen berüchtigt seien. Als ich in Bukindo die Absicht aussprach, dahin zu fahren, erklärte man allgemein, die Wakara würden das nicht zulassen und im äussersten Fall Mittel finden, ihre Insel unsichtbar zu machen.

Mit Mühe brachte ich die nöthige eingeborene Rudermannschaft für zwei Kanus auf und fuhr am 11. Mai mit 12 Askari und meinen Dienerjungen los. Wir bewegten uns erst längs der reich bebauten, durch wilde Anhäufungen von Granitblöcken ausgezeichneten Küste von Ukerewe, an welcher sich im Innern der Insel hochstämmige Wälder anschliessen. Zu unserer Rechten tauchten die offenen grasigen Kweru-Inseln auf. Gegen Mittag umschifften wir ein Kap und fuhren die kleinere Insel Schisu entlang.

Ukara.

Vorläufig hatten die Wakara noch keine Anstalten getroffen, ihre Insel unsichtbar zu machen. Vor uns ragte das Eiland auf mit seinen felsigen, röthlichen Bergen im Osten, an denen sich in der Mitte eine grasige Senkung, und im Westen felderbedeckte, von wilden Felszähnen gekrönte Höhen anschlossen. An der letzteren Seite näherten wir uns der sandigen Küste und sahen die nackten Eingeborenen am Strande wild umherlaufen und ihre Rinder in Sicherheit bringen. Von Zwergen konnte ich nichts wahrnehmen, manche Leute waren wohl unter Mittelmaass, andere dagegen normal gewachsen, eine Wahrnehmung die nach mir auch andere Reisende gemacht, so dass Wilson's Angabe sich als irrthümlich erwies.

Der Moment war übrigens zu anthropologischen Beobachtungen wenig günstig, denn zahlreiche dunkle Krieger sammelten sich auf der hellgelben Fläche des Ufersandes, drohten uns mit gespanntem Bogen und winkten uns heftig ab. Als wir darauf keine Rücksicht nahmen, zogen sie sich auf etwa 50 Schritt zurück, wo Granitblöcke ihnen Deckung boten und liessen uns ruhig landen, so dass ich schon hoffte mit ihnen friedlich auszukommen. Unser Dolmetsch, ein Mkerewe-Mann, begann mit ihnen zu sprechen, wurde jedoch durch ein Wuthgebrüll unterbrochen; einzelne Pfeile schwirrten und die Krieger, lauter nackte Burschen mit schmalem Lendenschurz, mit Bogen, Pfeilen und Speeren rückten auf uns an. Ich zögerte nicht mehr meine zwölf Leute antreten zu lassen und eine Salve abzugeben, die volle Wirkung ausübte, indem einige Krieger fielen, andere verwundet wurden und die übrigen sich schleunigst davon machten. Unter diesen Umständen war an eine nähere Untersuchung der Insel nicht zu denken und ich begnügte mich mit einem Rundgang, bei dem wir fortwährend von den Kriegern belästigt wurden und Mühe hatten sie von uns abzuhalten.

Hütten und Futterschober der Wakara.

Der rothe Lateritboden der Insel ist von vielen Wasserrissen durchschnitten und bestreut mit riesigen Granitblöcken, zwischen welchen die Felder mit Sorghum und Arachis und niedrige, stellenweise in Reihen gepflanzte Bäume verstreut sind, deren reiches Laub den zahlreichen Rindern als Nahrung dient. Dazwischen kleine Waldgruppen, in welchen die spitzen Kegelhütten der Eingeborenen liegen. Trotz ihrer Wildheit scheinen diese doch einen gewissen Kulturgrad zu besitzen, wie die schön gehaltenen Felder und Baumschulen, sowie die Trockenmauern, als Wellenbrecher, die sie am Strande errichten, andeuten. Von einem hohen Punkte der Insel bot sich uns ein herrlicher Ausblick auf den tiefblauen, mächtigen Nyansa mit seinen bergigen, üppig grünen Gestaden.

Wir wandten uns gegen Abend wieder dem Strande zu, was den Wakara Veranlassung zu einem neuen Angriff gab, der jedoch so gründlich abgeschlagen wurde, dass ihnen die Lust zu weiteren verging. Schon früher hatten sie versucht, sich der Boote zu bemächtigen, doch eröffneten die drei Askari, die ich dort als Wache zurückgelassen, im Verein mit den Küchenjungen, die gerade das Nachtmahl kochten, ein mörderisches Feuer auf sie und verjagten sie ohne Schwierigkeit. Am Strande verzehrte ich die unter so erschwerenden Umständen bereitete Mahlzeit und schiffte mich dann wieder ein, um über die Agnes-Strasse nach Schisu zu fahren.

Mit der Raschheit der Aequinoctien war die Nacht hereingebrochen und prächtiger tropischer Mondschein übergoss die glatte Fläche des Sees mit strahlendem Licht. Eine laue Brise strich vom Lande herüber, dessen dunkle Umrisse sich vor uns erhoben, taktmässig tauchten die spitzen Ruder in die Fluth und pfeilschnell durchschnitten unsere Kanus den glänzenden Spiegel des Nyansa. Der melodische Gesang der Ruderer in seiner eintönigen Schwermüthigkeit übte, verbunden mit der ergreifenden Ruhe der Natur und dem Gedanken an die eben überstandenen Gefahren, einen tiefen Eindruck auf mich aus und ich werde diese nächtliche Nyansafahrt so leicht nicht vergessen.

Am Morgen des 13. Mai fuhren wir von Schisu, wo wir übernachtet hatten, ab, und langten gegen Mittag in Bukindo an. Dort hatte sich nichts verändert, Lukonge war immer noch abwesend und wir hatten alle Mühe, genügende Kanus aufzutreiben, um die Ueberfahrt der Expedition nach Majita zu bewerkstelligen. In zehn Kanus wurden Lasten und Träger mit Mühe und Noth verladen, und meine Leute mussten selbst rudern. Anfangs ging es ganz lustig vorwärts, doch in der Grant-Bai sprang starker Gegenwind auf und wir kamen kaum vom Fleck. Das Kanu in welchem ich mich befand fing an stark zu lecken und füllte sich immer mehr mit Wasser. Die Lage wurde bedenklich, das Wasser drang wie durch ein Sieb ein, die Wellen schlugen in's Kanu und wir sassen bis zum Knie im Wasser. Die braven Manyema-Träger, die als Ruderer arbeiteten, sangen jedoch lustig weiter, während alle dienstfreien Hände mit Mützen, Körben und Töpfen das Wasser ausschöpften, so dass wir glücklich das Festland gegenüber Ukerewe erreichten. Wir kalfaterten unser Fahrzeug so gut es ging und fuhren in die Bai ein, deren Nordufer durch den hohen Tafelberg von Majita bezeichnet ist und deren Ostufer — nach der Karte zu schliessen — die grasige, leicht ansteigende Landschaft Bwenyi bildete, wo wir Nachmittags anlangten und in einem kleinen Dorfe lagerten.

Da einige Kanus noch im Rückstande waren, blieben wir am 14. Mai in Bwenyi, ein Aufenthalt, den ich zur Besteigung des Bwenyi-Hügels benutzte, wo sich mir ein überraschender Anblick bot. Bwenyi war nicht das Ufer des Festlandes sondern eine von tiefen, fjordartigen Kanälen durchfurchte Halbinsel, die nur an der Südseite eine schmale Verbindung mit dem Lande hatte. Mit hohen grünen Ufern und zahlreichen bergigen Inseln erstreckte sich gegen Osten eine tiefe Bucht in's Land, die an Länge fast dem Speke-Golf gleichkam und von deren Existenz die Karten nichts ahnen liessen. Diese Bucht, die ich damals als erster Europäer erschaute, wurde später von Kapt. Spring nach mir, als dem Entdecker, »Baumann-Golf« genannt.

Am 15. Mai marschirten wir über die Landzunge, welche Bwenyi mit dem Festlande verbindet. Auf derselben liegen Dörfer, deren Bewohner ihre Ziegen und Rinder durch einen eigenartigen Bau gegen feindliche Ueberfälle sichern. Sie errichten nämlich an der kaum 100 Schritte breiten, schmalsten Stelle der Landenge einen etwa 3 m hohen festen Steinwall, dadurch ihre Halbinsel künstlich in eine Insel verwandelnd. Sie selbst verlassen dieselbe nur in Kanus und wir hatten grosse Mühe, mit den Lasten diesen Steinwall zu passiren.

Irea-Insel und Baumann-Golf.

Längs des Fusses des Kiruwiru zogen wir durch offenes Steppenland zum sumpfigen Ende der Iramba-Bai, eines tief einschneidenden Armes der Hauptbucht und gelangten am nächsten Tage nach kurzem Marsch am papyrusreichen Nyansa-Ufer zum Dörfchen Biruscha. Dasselbe liegt auf einer Landzunge gegenüber der reizenden Berginsel Irea, die, wie alle Eilande des Baumann-Golfes, bewohnt und hoch hinauf mit üppigen Pflanzungen bedeckt ist. In den nächsten drei Tagereisen umgingen wir das Ostufer des Baumann-Golfes. Pfadlos zogen wir durch weite baumlose Ebenen, die durch den Regen in einen Morast verwandelt waren. Bei glühendem Sonnenbrand durchwanderten wir diese Einöden, aus welchen im Osten die Schaschi-Berge auftauchten, fanden oft kaum ein trockenes Fleckchen für das Lager und hatten empfindlich unter Brennholzmangel und Mosquitos zu leiden. Ein dichter Papyrusgürtel verhüllt von dem niedrigen Lande aus meist den freien Blick auf den Nyansa.

Am 20. Mai überschritten wir die schmale flache Landenge, welche die breite Bergmasse von Majita mit dem Festland verbindet und erreichten das Ufer des offenen Nyansa gegenüber den Kurasu-Inseln. Die Wakwaya, ein den Waschaschi nahestehender Stamm, hatten hier zahlreiche Dörfer angelegt, die sich stundenlang in ununterbrochener Reihe am felsigen Nyansa-Ufer hinziehen. Schöne geräumige Hütten bilden Ortschaften, die auf der Landseite von dichten buschigen Euphorbienhecken abgeschlossen sind, durch welche nur ganz niedrige, mit Stachelgestrüpp versperrbare Thore führen. An diese Hecken schliessen sich die weiten Felder, in welchen hauptsächlich Mawele (Penicillaria) mit seinen hohen Stengeln gedeiht und besonders viele Tabakpflanzungen auffallen. Die Eingeborenen begegneten uns freundlich, warnten uns jedoch vor ihren Nachbarn, einem Gemisch von Waruri und Wagaya, die den Distrikt Mugango bewohnen. Da solche Warnungen sehr häufig und meist wenig begründet sind, legten wir kein besonderes Gewicht darauf und brachen am 21. Mai nach Mugango auf. Wir überstiegen die Hügelketten, welche eine Halbinsel ausfüllen und gelangten an das Ende der Mugango-Bucht, die von zahlreichen Dörfern eingesäumt ist. Die Eingeborenen sassen mit ihren 3 m langen Speeren unbeweglich auf Termitenhügeln und anderen erhöhten Punkten und betrachteten die Karawane, welche durch die Felder zog. Sie waren jedoch keineswegs unfreundlich und als wir an den Suguti-Bach gelangten, der nicht durchwatbar ist, führten sie uns etwa eine Stunde landeinwärts, wo eine natürliche Brücke den Uebergang ermöglicht. Auf schwankenden Baumstämmen kletterten wir hinüber und lagerten jenseits auf einem Hügel, weit ausserhalb des Dorfgebiets.

Nachdem die letzten Nachzügler angelangt waren, wurde mir das Fehlen eines Sudanesen-Soldaten gemeldet. Diese Leute zeigten sich den Strapazen in keiner Weise gewachsen, waren als Soldaten nicht mehr und kaum noch als Viehtreiber verwendbar, und Mzimba hatte seine liebe Noth sie vom Fleck zu bringen. Diesmal war nun doch ein Nachzügler seinem Späherblick entgangen oder hatte sich, wie dies bei den Sudanesen zu jener Zeit gewöhnlich war, vor demselben verborgen. Uns lag nun die Aufgabe ob, diesen Sudanesen zu suchen und ich sandte 10 Mann unter Kipishi und 7 Mann unter dem Askari Munyishomari, der schon meine Usambára-Expedition mitgemacht, um dem Vermissten nachzuforschen. Bei der friedlichen Haltung der Eingeborenen hielt ich es keineswegs für bedenklich, so kleine Abtheilungen auszusenden.

Gegen 3 Uhr Nachmittags hörte ich heftiges Schiessen und schloss daraus, dass die Patrouillen angegriffen worden seien. Ich brach sofort mit 20 Mann in höchster Eile auf und kam eben zurecht um zu sehen, wie die Leute der Abtheilung Kipishi sich verzweifelt gegen eine riesige Uebermacht von Eingeborenen wehrten, die mit den Speeren wüthend auf sie eindrangen und sie immer weiter zurückdrängten. In ihrer blinden Wuth sahen diese Wilden uns gar nicht anrücken und eine plötzlich in ihre Flanke einschlagende Salve machte furchtbare Wirkung. In wilder Flucht lösten sich die überlebenden Gegner auf und unsere hart bedrängten Leute begrüssten mit Jubel ihre Rettung. Es war auch Hilfe in der Noth! Ein braver Ruga-Ruga, Borafya, lag von Speerstichen durchbohrt am Boden, viele Andere bluteten aus zahlreichen Wunden. Zwei Mann, der Anführer Kipishi und sein Vetter Hassani fehlten und wir eilten weiter um sie aufzufinden. Im Dorfgebiet, unweit des Nyansa, fanden wir die Leiche Kipishis, die Brust von Speeren zerfleischt. Hier hatte der räuberische Angriff stattgefunden.

Kipishi und seine Leute waren auf eine Anzahl Eingeborener gestossen und hatten sie gefragt, ob sie den vermissten Sudanesen nicht gesehen hätten. Da drangen die Krieger plötzlich auf sie ein; nach heftiger Gegenwehr, in der er zwei Mann fällte, fiel Kipishi und die anderen zogen sich dann langsam zurück. Von Hassani war nichts zu sehen und wir verzweifelten schon, ihn zu finden als wir von der Mündung des Suguti her laute Rufe hörten. Bald darauf wurde Hassani, mit dem Gewehr in der Hand und nur leicht verwundet aus dem Wasser gezogen. Er hatte an der Seite Kipishis bis zu dessen Ende ausgehalten, war dann, von den Gefährten abgeschnitten und von wüthenden Schaaren verfolgt, in den schilfreichen See gesprungen. In Kanus folgten ihm die Eingeborenen und stachen mit den langen Speeren in's Wasser, doch Hassani, ein geschickter Schwimmer und Taucher, wusste sich zu verbergen und rettete sich dadurch.

In dunkler Nacht kehrten wir ins Lager zurück und erfuhren, dass von der Abtheilung Munyishomari's noch Niemand angelangt sei. Es war anzunehmen, dass auch diese, noch dazu schwächere Patrouille angegriffen und möglicher Weise aufgerieben worden war. Wir suchten durch Raketen, Signalschüsse und Trommeln etwa versprengte Leute anzulocken, doch blieb unser Bemühen lange vergeblich.

Erst gegen zwei Uhr Nachts rief ein Mann von aussen die Wachtposten an; es war der Askari Kiroboto, ein ruhiger, intelligenter Bursche aus Tschumbageni bei Tanga. In strammer Haltung berichtete er mir, dass die Abtheilung Munyishomari's verrätherisch von riesiger Uebermacht angegriffen und zersprengt worden sei. Die Askari Munyishomari, Sadiki und einen Sudanesen sah er fallen, dann verlor er seine Gefährten aus dem Gesicht, verbarg sich in dichtem Dorngestrüpp und brach erst Nachts nach dem Lager auf. Ich fragte ihn, ob er selbst nicht verwundet sei, worauf er sich umwandte und ich einen meterlangen Pfeil in seinem Nacken stecken sah, der dann nur mit der Zange aus dem Rückgratknochen entfernt werden konnte! Ausserdem hatte er noch eine breite Speerwunde in der Hüfte.

Mit diesen schweren Verwundungen war der Mann stundenlang Nachts in wegloser Wildniss umhergeirrt und hatte dann noch die Kraft, in strammer Haltung, das Gewehr bei Fuss, eine Meldung abzustatten; gewiss ein Beweis, dass die höchste Stufe der Disziplin auch schwarzen Soldaten erreichbar ist. Und doch war der Mann ein Swahíli, gehörte also einem Stamme an, der von Vielen als »feig« verrufen ist. Es ist ja überhaupt eine eigene Sache um die sogenannte Feigheit der Neger. Dieselben Sudanesen, die heute als Muster von Muth und Disziplin gelten, sind in ihrer Heimath als Feiglinge verrufen, die sich von Sklavenjägern gleich Schafen wegtreiben und ausrauben liessen; dieselben Bakongo am unteren Kongo, die Vielen — und mir selbst — als das elendeste, feigste Gesindel Afrikas erschienen, sie bilden heute als Soldaten des Kongostaates den Schrecken der Araber in Manyema.

Mit dem Soldatenkleid scheint der Schwarze — und vielfach ja auch der Weisse — einen anderen Menschen anzuziehen und wer es versteht, diesem den rechten Geist einzuflössen, der kann auch den Neger zum Helden erziehen.

Am 22. Mai setzte ich mit einer Abtheilung über den Fluss, um nach etwaigen Ueberlebenden der Patrouille Munyishomari's zu suchen. Ich hatte jedoch kaum einen Kilometer zurückgelegt, als Schiessen und wüthendes Angriffsgeschrei der Eingeborenen mich in's Lager zurückriefen. Bald nach meinem Abmarsch sah Mzimba plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, Hunderte schwarzer Krieger mit wilden Federkopfputz auf das Lager anrücken. Er liess sofort die Trommel rühren, um mich zurückzurufen, besetzte den Flussübergang, schickte eine Patrouille in die rechte Flanke, um den Eingeborenen ein Umzingeln des Lagers unmöglich zu machen und griff diese hierauf, ohne ihr Kommen zu erwarten, energisch an. Ein paar wohlgezielte Salven — die Leute bekamen mit der Zeit Uebung — richteten schwere Verheerungen an und ich kam gerade zurecht, um auch meinerseits durch energischen Flankenangriff die Niederlage zu vollenden. Ihre Waffen grösstentheils wegwerfend rannten die Krieger — wohl 800 an der Zahl — davon; die Panik war so gross, dass wir einige derselben abfangen konnten. Wir brannten hierauf sämmtliche Dörfer nieder und schickten einen der Gefangenen an die Eingeborenen ab, um sie aufzufordern, die Gewehre der gefallenen Soldaten herauszugeben, was auch geschah.

Am 23. Mai verliessen wir das Ufergebiet des Nyansa und marschirten durch welliges, unbewohntes Land, aus welchem sich im Osten der ansehnliche Mrandirira-Berg erhob. Jenseits des Kihemba-Baches trafen wir auf Dörfer freundlicher Waschaschi, bei welchen wir gastliche Aufnahme fanden und uns einen Tag erholten. Dort erfuhren wir erst, warum die Mugango-Leute uns überhaupt angefallen hatten. Der Wagaya-Häuptling Kaditi von Irieni hatte ihnen nämlich bei der Nachricht von unserem Herannahen geweissagt, dass unsere Gewehre nicht losgehen und sie unsere Tauschwaaren erbeuten würden. Vielleicht hätten sie aber doch einen Angriff nicht gewagt, wenn der Zwischenfall mit dem vermissten Sudanesen nicht eingetreten wäre. Dieser kranke, wehrlose Mensch war von ihnen niedergemacht worden, worauf sie die abgesandten Patrouillen, die sie für Strafabtheilungen hielten, angriffen. Die leichte Zersprengung derselben ermuthigte sie zu dem grösseren Angriff, der ihnen verhängnissvoll wurde.

Am 25. Mai durchzogen wir stärker gewelltes Kampinen-Land, aus dem die dunklen Euphorbienhecken der Dörfer hervorsahen. Diese lehnen sich meist an malerische Anhäufungen ungeheuerer Granitblöcke, deren Zinnen den Eingeborenen als Aussichtsthürme dienen. Zugleich sind diese auch der beliebte Aufenthalt zahlreicher grosser Affen und von weitem ist es oft schwer zu unterscheiden, ob Affen oder Waschaschi auf den Felsen herumklettern. Zwischen Felsen am Gipfel eines Hügels lag auch das Dorf Uanékera, wo wir zwischen den braunen Kegeldächern der Hütten lagerten. Wir wurden freundlich aufgenommen und erhielten massenhaft Arachis, die hier die Hauptnahrung bildet. Diese Erdnuss, die geröstet einen mandelähnlichen Geschmack hat, ist in kleinen Mengen recht angenehm zu geniessen, erregt jedoch als ständige Nahrung selbst bei abgehärteten Negermagen Beschwerden, so dass es erstaunlich ist, wie die Waschaschi dieser Gegend oft fast ausschliesslich davon leben können.

Dorf der Waschaschi.

Trotz der Freundschaft wurden wir Nachts durch vergiftete Pfeile belästigt, die von unsichtbaren Schützen, die wahrscheinlich in den Klüften der Felsen verborgen waren, auf die Lagerfeuer abgeschossen wurden. Morgens erschienen die Dorfältesten und fragten uns, freundlich lächelnd, wie wir geschlafen hätten. Als wir uns über die Pfeilschüsse beklagten, meinten sie, das sei ein kleiner Scherz, den die Krieger sich fremden Reisenden gegenüber zu erlauben pflegten. Ich befahl hierauf den Askari, eine der nebenstehenden Vorrathshütten für Getreide anzustecken. Als die Flamme emporloderte wollten die Aeltesten sich erschrocken entfernen, doch beruhigte ich sie mit der Versicherung, dass dies nur ein kleiner Scherz sei, den ich mir so liebenswürdigen Gastfreunden gegenüber nicht versagen könnte. Nachdem wir uns derart gegenseitig Beweise unseres Humors gegeben, nahmen wir mit süss-saurer Miene von einander Abschied.

Es ist bemerkenswerth, dass bei solcher summarischen Vergeltung doch schliesslich fast immer der Schuldige getroffen wird. So wusste — wie ich später erfuhr — der Besitzer der verbrannten Vorrathshütte sofort die nächtlichen Pfeilschützen herauszufinden und für seinen Schaden verantwortlich zu machen.

Je weiter wir uns vom Nyansa entfernten, desto bergiger wurde das Land; an den Hängen wechselten stets Gras mit Feldern und kleinen Waldgruppen, in den Mulden rieselten zahlreiche wasserreiche Bäche und die Höhen waren von wilden Felszähnen gekrönt, zwischen welchen die Hütten der Eingeborenen, umgeben von dichtem Euphorbiengestrüpp, verborgen lagen. Nördlich von uns dehnte sich eine breite Senkung aus, die der Marafluss als silbernes Band durchzog, der sich, an Stelle des Rubana, als Unterlauf des Ngare dabasch erwies.

Am 27. Mai durchzogen wir ein unbewohntes Gebiet und erreichten die Landschaft Uaschi, ein leicht gewelltes, an Feldern reiches Kampinenland mit einzelnen verstreuten Kuppen, die von wilden Anhäufungen ungeheurer Granitblöcke bedeckt sind, zwischen welchen die Hütten gleich Adlernestern kleben. Mit ihren langen Speeren kletterten die Wauaschi mit unglaublicher Gewandheit über die Felsplatten und schienen bereit, ihre Hochburgen energisch zu vertheidigen, falls wir daran gedacht hätten, sie anzugreifen. Kaum hatten sie jedoch unsere friedliche Absicht erkannt, als sie uns freundlich in ihr Hauptdorf führten. Hier beginnt der Einfluss der Massai sich in Moden sehr geltend zu machen, die Ohrläppchen werden ungeheuer ausgedehnt und auch der Fell-Ueberwurf nach Massai-Art getragen. Die Nachbarschaft dieser Viehräuber zwingt die Eingeborenen auch, sich derart in den Felsen zu verbergen.

TAFEL VII

Felsdorf in Uaschi.

Am 28. Mai ging es durch eine breite, leicht versumpfte Niederung und über eine Hügelkette, auf der die letzten Dörfer von Uaschi lagen. Da es dort keine Felsen als natürliche Festungen gab, so mussten die Eingeborenen Steinwälle um ihre Dörfer aufrichten, deren einer (um das Dorf Matongo) einen Umfang von über 2 Kilometer hatte und mit Dornengestrüpp bedeckt war. Jenseits der Hügel ging es wieder in eine sumpfige Senkung, die nach den Regengüssen schwer passirbar war, sodass wir erst am Morgen des 29. Mai wieder Bergland erreichten. Dasselbe gehörte der Landschaft Ngoroïne oder Ungroïme an, die ähnlich wie Elmarau (Ikoma) ein Ultima Thule der Massai-Karawanen bildet. Das erste Dorf lag in einer Schlucht zwischen hohen Felsblöcken und war auf der einzig zugänglichen Seite durch eine etwa 2 m hohe Steinmauer abgeschlossen, deren Thor von Innen fest verrammelt war. Da draussen kein Raum zum Lagern war, während sich drinnen ein grosser freier Platz befand, riefen wir die Eingeborenen, die in drohender Haltung mit Bogen und Speeren zwischen den Felsen hockten, zu, uns aufzunehmen. Doch sie legten als Antwort nur die Pfeile auf und drohten, den ersten der sich der Mauer nähern würde, niederzuschiessen. Dieser erste war der dicke Digo-Askari Bakari Juko, der ohne Befehl, wie gewöhnlich laut fluchend die Mauer erkletterte. Die Bogen spannten sich, unsere Gewehre waren schussbereit, doch kein Pfeil schwirrte, kein Schuss krachte; andere stiegen Bakari nach, öffneten gemüthlich das Thor von innen und mit grossem Halloh zog die Karawane ins Dorf. Als wir uns nach unseren Gegnern umsahen, waren diese erst garnicht zu sehen, dann kamen sie demüthig und unbewaffnet und wurden noch unsere besten Freunde. Später brachten sie sogar ein originelles Saiten-Instrument an, zu dessen Klang sie hübsche Tänze aufführten. Es waren grosse, schön gewachsene Leute mit angenehmen Zügen und eigenartigem, aus Fasern bestehendem Kopfputz.

Saiteninstrument der Wangoroïne.

Ein tüchtiges Fieber — wohl die Folge der häufigen Sumpfwanderungen — fesselte mich für einige Tage an dieses Dorf. In wenig behaglichem Zustande sass ich am Morgen des 1. Juni vor meinem Zelt, als einige Leute auf mich zukamen und mir meldeten »safari anakuja«, eine Karawane kommt. Bald erschien denn auch eine abgemagerte, verrissene Gesellschaft, in der wir kaum unsere alten Freunde, die Leute Munyi Hatibu's aus Tanga, den wir in Aruscha verliessen, wieder erkannten. Sie liessen sich an den Lagerfeuern nieder und es ging ans Austauschen der Erlebnisse. Meine Soldaten und Träger wussten viel von blutigen Kämpfen zu erzählen, aber auch die Leute von Munyi Hatibu's Karawane hatten viel durchgemacht. In Ober-Aruscha waren sie durch Hongo-Erpressungen eines Theils ihrer Waaren beraubt worden. Dann zogen sie, meinen Spuren folgend, nach Elmarau. In Mutyek und Serengeti fanden sie freundliche Aufnahme bei den Massai, litten jedoch sehr unter Hunger und 60 Mann gingen auf diesem Marsche zu Grunde. Nun hatten sie sich im Hauptdorf von Ngoroïne niedergelassen, und der Trupp dem wir begegneten, war ausgeschickt worden um nach Elfenbein zu forschen.

In ihrer Begleitung brachen wir am 3. Juni auf, durchzogen schönes, reich bebautes und dicht bewohntes Hügelland und erreichten am Morgen des 4. Hindi, das ausgedehnte Hauptdorf von Ngoroïne, das in einer Mulde am Fusse einer niedrigen Bergkette liegt. Dort hatte Munyi Hatibu ein Lager erbaut und lebte auf bestem Fusse mit den Eingeborenen. Im Vergleich zu unserer wohlgenährten Mannschaft, bot die seinige ein wahres Bild des Jammers. Es fiel mir auf, dass Munyi Hatibu fast gar keine Massai in der Karawane hatte, und ich fragte ihn ob sich denn keine Verhungernde ihm angeschlossen hätten. »Allerdings,« meinte Munyi Hatibu, »wandten sich zahlreiche dieser Elenden an mich und es that mir leid genug, sie dem sicheren Tode preisgeben zu müssen, aber es musste doch geschehen, denn ich habe keine Lust mich an der Küste als Sklavenhändler aufhängen zu lassen.« Und er hatte nicht Unrecht. Denn ein Swahíli, der an der Küste behaupten wollte, er habe bei ihm aufgefundene, eingeborene Kinder nur aus Menschlichkeit aus dem Inneren mitgenommen, der würde höchstens ein Lächeln seiner Richter über eine so dumme Ausrede hervorrufen!

Munyi Hatibu bereitete mir eine Ueberraschung, indem er mir die Lasten aushändigte, die ich beim Lmorro-Bach in Mutyek vergraben hatte. Dem schlauen Swahíli war das Versteck nämlich nicht entgangen und er war ehrlich genug, mir mein Eigenthum nun zu übergeben, so dass ich, wie Polykrates zu seinem Ring, nun wieder zu meinen Glasperlen kam. Mit den Geschäften war der alte Händler keineswegs zufrieden, er hatte bisher fast gar kein Elfenbein bekommen und beabsichtigte nach Kavirondo zu ziehen. Den Mara, der einige Meilen nördlich von Ngoroïne vorbeifliesst, kennt man hier schon unter dem Namen Ngare dabasch, sodass der Zusammenhang dieser beiden Gewässer nachgewiesen war.

Wir befanden uns wieder an der Grenze des Massai-Landes, östlich von uns dehnten sich weite, unbewohnte Gebiete aus. Wir bogen jedoch gegen Süden um, durchzogen erst eine ausgedehnte, buschbedeckte Ebene und gelangten an den letzten Dörfern von Ngoroïne vorbei nach Nata. Es ist dies eine wellige Landschaft mit niedrigen Akazien, mit vielen Wasserläufen und fruchtbaren Boden, auf welchem die Pflanzungen der Nata-Leute gedeihen, deren zahlreiche Niederlassungen überall verstreut sind. Hier entspringt der Rubana, den wir am 7. Juni als kleinen Bach überschritten um dann in einem von dichtem Dorn- und Euphorbiengestrüpp umgebenen Dorfkomplex zu lagern. Die Eingeborenen, die völlig den Waschaschi von Ikoma glichen, empfingen uns mit der Freundlichkeit, die diesem harmlosen Stamm eigen ist, und brachten besonders viel Honig. Sie trugen einen eigenartigen Kopfschmuck aus Käferflügeldecken, der beim Gehen klapperte.

Als ich gegen Abend gerade beim schwarzen Kaffee sass, kamen plötzlich die Dorfältesten ganz angstbebend und beschworen mich, sie zu retten, »die Massai kämen.« Diese Gefahr konnte mich allerdings nicht im Genuss meines »Schwarzen« stören; ich begnügte mich, einige Askari vor das Dorf zu schicken. Wirklich hörte man nach einiger Zeit einen gellenden Gesang: es war ein Trupp Elmoran, die unweit des Dorfes vorbeikamen, wohl ein paar arme, hungrige Teufel, die irgendwo einige Ziegen gestohlen hatten und nun mit Triumphgeschrei heimwärts zogen. Zu ihrem Glück dachten sie nicht daran, unser Dorf zu belästigen und ihr Gesang verklang in der Ferne. Die angsterfüllten Waschaschi hatten sich jedoch so gründlich verkrochen, dass wir sie selbst am nächsten Morgen nicht mehr zu sehen bekamen.

Ein tüchtiger Marsch brachte uns am 8. Juni durch stets offenes, bewohntes Land nach Ikoma, wo wir den alten Lagerplatz vom 2. April wieder bezogen. Auch diesmal standen wir in freundlichem Verkehr mit den Eingeborenen. Zwei weitere Tagereisen brachten uns durch die südlichen, am Grumeti gelegenen Dorfgebiete Ikomas, deren äusserstes Urungu ist. Die Dörfer mit ihren Feldern schliessen sich meist an den schmalen, aber hochstämmigen Galleriewald des fischreichen Grumeti, während das übrige Land, dornige, offene Nyika ist. Auch das niedrige Stachelgestrüpp hörte auf als wir am 11. Juni erst den Grumeti, dann dessen Randberge überschritten und in weite, fast baumlose Grassteppe eintraten. Einzelne Wasserrisse mit schmalen, dunklen Vegetationsbändern durchzogen die gelbe Fläche, am Horizont standen reihenweise hohe Schirmakazien und Gruppen von Borassus-Palmen. Grosse Heerden von Antilopen umschwärmten uns. Ein ausgetretener Pfad durchschnitt diese Einöde, der den Handelsweg der Wasukuma, der nördlichsten Wanyamwesi mit den Schaschi-Gebieten bildet. Wir begegneten mehrfach kleinen Gruppen derselben, die mit Hackenklingen und trockenen Fischen gegen Norden zogen.

Durch topographische Arbeiten aufgehalten, war ich gerade ein gutes Stück hinter der Karawane zurückgeblieben, als ich wahrnahm wie die Träger, die sich eben zu kurzer Rast niedergelassen, plötzlich aufstanden und ein wüthendes Feuer auf einen Punkt in der Ebene eröffneten. Leider lag dieser Punkt gerade zwischen ihnen und mir, sodass ich mich zu meinem geringen Vergnügen im dichtesten Kugelregen befand. Doch zum Glück hörte das Schiessen bald auf und ein mächtiges Triumphgebrüll ertönte; die Leute hatten, wie ich beim Näherkommen sah, einen Löwen getödtet. Derselbe erhob sich plötzlich aus dem Grase, wo er wahrscheinlich sanft geschlummert hatte, und bekam sofort ganze Salven in den Leib gefeuert. Ganz ausser sich vor Freude rissen die Leute dem Thiere das Herz aus und verschlangen es, um Löwenmuth zu bekommen, was jedenfalls nichts schaden konnte.

Die trockene Jahreszeit machte sich immer mehr geltend, in den Wasserrissen fanden sich nur spärliche Tümpel, das hohe Gras war gelb und dürr und in der Ferne stiegen schon die weissen Wolken der Grasbrände auf, die Nachts den Himmel mit glühender Lohe übergossen.

Am Mittag des 12. Juni betraten wir wieder bewohntes Gebiet von Ututwa, eine Landschaft, die bereits dem nördlichen Usukuma angehört. Mit ihren trockenen Wasserschluchten, ihren öfter von Granitkuppen gekrönten Hügelzügen, machte sie gerade nicht den Eindruck besonderer Ueppigkeit; doch die weiten, dem Schnitt entgegenreifenden Sorghumfelder bewiesen, dass auch dieser Boden kulturfähig ist. Auch die Dörfer, deren Hütten zwischen den Felsen gelagert sind, machten den Eindruck des Wohlstandes. Die in Schmutz starrenden Eingeborenen freilich, mit ihren Ziegenfellschürzchen, die oft kaum die Brust bedecken, mit ihren Lederschilden, Speeren und wildem Kopfputz, machten keinen übermässig civilisirten Eindruck. Dennoch waren es schon echte Wanyamwesi, Leute, deren viele an der Küste gewesen und die Weltsprache Ostafrikas, das Kiswahíli, recht leidlich verstanden. Obwohl noch nie ein Weisser das Land betreten, erregte mein Erscheinen hier doch kein besonderes Aufsehen. Die Leute führten uns ins Dorf, brachten reichlich Nahrung und feierten dann ein Freudenfest, bei dem viel Pombe getrunken und Hanf geraucht wurde, was für uns noch unangenehme Folgen haben sollte.

Krieger aus Usukuma.

Als wir nämlich am Morgen des 13. Juni aufbrachen, rotteten sich zahlreiche halb betrunkene Krieger zusammen und verfolgten uns mit wildem Geschrei. Gegen dieses hatten wir nichts einzuwenden, wohl aber dagegen, dass sie uns später mit Pfeilen beschossen, was wir mit der üblichen Salve beantworteten, die auch hier ihre Wirkung nicht verfehlte. Die Schaar der Betrunkenen stob auseinander. Aber die Schüsse liessen leider auch die Nüchternen vermuthen, dass wir Böses im Schilde führten, und überall sah man dunkle Krieger-Gestalten aus den Dörfern hervorkommen und, in langen Linien schwärmend, sich uns nähern. Ich rief ihnen Friedensversicherungen zu, die sie jedoch nur mit Kriegsgeschrei erwiderten, das in komischer Weise das Geheul der Hyäne, U-u-hi! nachahmte. Ich besetzte ein Dorf, das von Menschen verlassen schien, liess die Lasten dort zurück und begann dann, den Gegner anzugreifen. Mit wohlgezielten Salven — der besten Feuerart gegen Wilde — trieben wir die U-u-hi-Schreier in die Flucht und bald rannten sie querfeldein, verfolgt von ironischem U-u-hi-Geschrei meiner Leute. Die Träger hatten inzwischen die Granitfelsen, die beim Dorfe lagen, gründlich untersucht und in den Klüften zahlreiche Weiber und Kinder gefangen. Nun waren wir die Herren der Situation — zwar kehrten die Hyänen-Krieger noch einmal zurück, doch wurden sie ebenso leicht, und zwar diesmal allein von den Trägern verjagt, die sich dies als Gunst erbeten hatten, und aus ihren Vorderlader-Flinten tadellose Salven abgaben. Einige junge Burschen, die offenbar zu den Habitués der Exerzierplätze von Tanga und Pangani gehörten, kommandirten dabei mit der schnarrenden Schneidigkeit eines alten Unteroffiziers.

Nachmittags kamen einige alte Leute mit einer Ziegenheerde ins Lager und erklärten, sie hätten nun genug des Krieges, wir möchten diese Heerde nehmen und ihnen ihre Weiber geben, was auch geschah. Es dauerte keine Viertelstunde, so kamen die Eingeborenen wieder ins Lager, begannen Lebensmittel zu verkaufen als ob nichts geschehen wäre und erzählten uns, dass so und so viel Leute todtgeschossen wurden. Einer meinte ganz harmlos: »Wir haben jetzt unsere Prügel: das genügt uns.« Ganz scheint es ihnen aber doch nicht genügt zu haben, denn als mehrere Wochen später Lieutenant Werther durch das Land kam, griffen sie ihn ebenfalls an und holten sich neue Hiebe.

Am 14. Juni erreichten wir nach Ueberschreitung des Duma-Baches die Landschaft Ntussu. Eine weite, leicht gewellte Ebene dehnte sich vor uns aus, in der sich nur einzelne Granithügel erhoben. Ungeheure Sorghum-Felder bedeckten das Land, in welchen man überall die Gestelle mit den schreienden und winkenden, lebenden Vogelscheuchen erblickte. Dazwischen grosse Dörfer mit breiten, ausgetretenen Wegen zwischen Euphorbienhecken, an welchen die kleinen eingezäunten Hüttenkomplexe grenzen. Die Eingeborenen nahmen uns mit Begeisterung auf, viele von ihnen waren an der Küste gewesen, was sie nicht abhielt in sehr einfacher Fellkleidung, oft sogar splitternackt einherzulaufen.

Am 17. Juni verliessen wir Ntussu und traten auf viel begangenem Wege, der nach den Salzlagern des Nyarasa führt, in die Steppe. Das Land wurde fast völlig flach, ausgedehnte Wiesengründe ohne Baumwuchs wechselten mit niedrigen Bodenschwellungen, auf welchen ärmliches Stachelgestrüpp gedieh. Am 18. überschritten wir den Simiyu-Fluss, der kein fliessendes Wasser enthielt und dessen tiefes Bett von dürren Akazien eingesäumt ist. Inmitten verbrannter, öder Steppe lagerten wir bei einigen Tümpeln, unweit eines riesigen einzelnen Baobabs Namens Mwandu, der von den Wasukuma als Sitz eines Geistes verehrt und mit Grasbüscheln bestreut wird.

Am 19. Juni wurde das Land welliger, von breiten, trockenen Wasserrissen durchzogen. Einzelne Felskuppen tauchten auf und vor unseren Blicken dehnten sich weite, gelbe Sorghumfelder: wir hatten die Landschaft Meatu, jenen äussersten Vorposten Usukuma's gegen die Steppe zu, erreicht. Aus den dunklen Euphorbien-Hainen der Dörfer kamen Eingeborene hervor: es waren nicht nur Wasukuma, sondern auch Wataturu die hier eine Kolonie besassen und sich durch scharfe hamitische Gesichtszüge auszeichneten.

An diesem weltentlegenen Platz, nach allen Seiten hin von Einöden umgeben, hatte ein Halbaraber Munyi Hemedi (Mwelekwanyuma) eine Niederlassung gegründet und sandte seine Jäger hinaus in die weite Steppe zur Verfolgung des edlen Dickhäuters, dessen Zähne ihn in diese Einsamkeit gelockt hatten. Munyi Hemedi hatte schon von unserem Herannahen gehört und kam uns entgegen. Es war ein netter lichtfarbiger Swahíli mit intelligentem Gesichtsausdruck, in tadelloses Weiss gekleidet. In seiner Gesellschaft befand sich eine Schaar baumlanger, herkulischer Gestalten in zerfetzter Küstentracht, viele mit weissem Haar und kühn blitzenden Augen, das lange Feuerrohr geschultert: die Elephantenjäger. Sie wurden gewöhnlich Makua genannt, da die ersten Leute, die dieses abenteuerliche Gewerbe betrieben, dem Stamm der Makua angehörten. Gegenwärtig sind es Leute aus allen Küstengegenden, die sich der Elephantenjagd widmen, in kleinen Trupps Jahre und Jahrzehnte lang das Innere durchstreifen, sich in Wildnisse wagen, die selbst ein Eingeborener kaum jemals betritt und in ihren Zügen bis Unyoro und Manyema vordringen.

Munyi Hemedi's Niederlassung in Meatu.

Zwischen zwei Felskuppen hatte Munyi Hemedi seine Niederlassung errichtet. Ihren Mittelpunkt bildete ein von einem Tembe umschlossener Hof, rings herum waren Hütten im Eingeborenen- und Küstenstil verstreut, alles nett und rein gehalten. Zahlreiche Weiber in Küstentracht begrüssten mit Jubelgeschrei die Karawane und noch zahlreichere braune, halbnackte Kinder lugten aus den Hütten hervor. Die Letzteren waren fast alle hier geboren, denn die Niederlassung bestand schon seit sechs Jahren. Erfreut, wieder einmal unter civilisirten, oder doch halbcivilisirten Menschen zu sein, schlugen wir Lager und ahnten nicht, dass unsere Ankunft zur Auflösung dieser hübschen Niederlassung Veranlassung geben sollte.

In reichen Mengen brachten die Eingeborenen Mehl und Hülsenfrüchte; sie alle schienen Munyi Hemedi, der sie mit seinen Jägern vor einigen Jahren aus Massai-Gefahr errettet, sehr hoch zu achten. Ich beschloss, in Meatu eine Anzahl kranker Leute, darunter besonders Kiroboto, der noch stets in der Hängematte getragen werden musste, zurückzulassen, ebenso auch das Vieh und den grössten Theil der Lasten, um mit leichter Expedition einen Vorstoss in das Gebiet des Eyassi-See zu machen. Dieser war den Elephantenjägern unter den Namen Mangora wohl bekannt, doch erklärten sie, dass ein direkter Vorstoss nach Westen in gegenwärtiger trockener Jahreszeit nicht möglich wäre und verwiesen uns auf den Pfad, der nach den Salzlagern von Nyarasa führt.

Wir brachen am 22. Juni auf, überschritten den Semu-Fluss, der klare Wassertümpel enthält und betraten das Dorfgebiet von Igulya, dem südlichsten Bezirk von Meatu, das gut bebautes Land und schöne Wiesen, aber nur schlechtes, faulig riechendes Trinkwasser hat. Dann gelangten wir in unbewohntes, vom Pfad der Salzkarawanen durchschnittenes Land. Der Boden war stets leicht gewellt, oft mit Quarzsplitter bestreut und mit dünnen Streifen Gras bewachsen. Einzelne breite, sandige Bachbette durchziehen die Senkungen und enthielten Wassertümpel, in anderen konnte man durch Graben schlechtes Wasser erlangen. Lichter, hochstämmiger Schirmakazienwald wechselte mit ödem, verbranntem Grasland und Stachelgestrüpp. Dicke Baobabs sind häufig, in welchen die Kletterpfosten eines Steppenvolkes, der Wanege, zu sehen sind, welche die Bäume auf der Suche nach Waldhonig ersteigen. An den Bachrissen gedeiht oft dichte Gallerievegetation, Tamarinden und ganze Wälder von Borassus-Palmen, in deren Schatten üppiges Grün aufschiesst. Wild sieht man nur wenig, doch giebt es auffällig viel Löwen, die Nachts das Lager umbrüllten.

Am 25. Juni stiegen wir den niedrigen aber steilen Abfall zum Wembere-Graben ab. Vor uns dehnte sich eine ungeheure Fläche mit erst sandigem, dann lehmigem Boden ohne Graswuchs aus, nur stellenweise bedeckt mit kriechendem Akaziengestrüpp. Zahlreiche Nashorne belebten den Rand dieser Wüste, von welchen ich eines, ein riesiges, weibliches Thier erlegte. Am Marago Mihinani fanden wir durch Graben Wasser in einem Bachriss und lagerten, um am nächsten Morgen weiter zu ziehen. Immer öder wurde die Steppe, der Strauchwuchs hörte fast ganz auf und in dicken Krusten bedeckte weisses, glänzendes Salz den Boden, das unter unseren Tritten wie Schnee knirschte.

Von Nordost, vom Eyassi-See her raste fast ununterbrochen ein Sturmwind über die Ebene, geschwängert von dichten salzigen Staubwolken, die alles einhüllen und ein intensives Durstgefühl hervorrufen. Fern im Norden tauchten durch den Staubnebel die dunkeln Umrisse der Neirobi-Berge auf. Auch die übliche Wüsten-Staffage, gebleichte menschliche Skelette, morsches Tragzeug und zerbrochene Töpfe, fehlte nicht: Eine Wasukuma-Salz-Karawane war hier vor längerer Zeit von Massai überfallen und niedergemacht worden. Wild ist nicht mehr zu sehen und die einzigen lebenden Bewohner scheinen mächtige Sandvipern, die mehrmals fauchend neben uns ihr geschwollenes Haupt erhoben.

Wir erreichten den Simbiti-Fluss, ein brackisches Gewässer mit lehmigem Löss-Ufer, auf welchem Schwärme von Flamingos und Pelikanen sitzen: der Unterlauf des Wembere. Die Leute waren durch den Durst, den salziges Wasser nicht stillen konnte, aufs Aeusserste erschöpft: ein weiteres Vorgehen in dieser Wüste hätte sicher Opfer an Menschenleben gefordert. Da jedoch der Zweck unseres Ausfluges, der Nachweis des Zusammenhangs zwischen Wembere und Eyassi-See, zweifellos nachgewiesen war, so hielt ich eine Verlängerung desselben nicht mehr für unumgänglich nöthig und trat den Rückweg nach Meatu auf anderer Route an.

Man sollte glauben, dass eine Wüste, in der ein Salzwind weht, zwar kein paradiesischer, aber doch ein gesunder Aufenthalt sei. Es erwies sich jedoch das Gegentheil; ein grosser Theil der Mannschaft und auch ich selbst wurde von heftigen Fiebern ergriffen. In solcher Zeit, wo man sich kaum auf dem Reitesel erhalten kann, wo der Kopf glüht und wilde Fieberbilder jedes klare Denken verwirren, in solchen Momenten die topographische Aufnahme ununterbrochen durchzuführen, gehört zu den schwierigsten Aufgaben des wissenschaftlichen Reisenden. Erst in Meatu, wo wir am 1. Juli anlangten, fand ich die nöthige Erholung und gönnte mir und meinen Leuten eine Rast von 10 Tagen.

Während dieser Zeit hatten die Elephantenjäger, besonders aber ihre Weiber und Töchter, sich sehr mit meinen Leuten befreundet und lagen Munyi Hemedi fortwährend in den Ohren, diese Einöde zu verlassen, und sich mir anzuschliessen. Da dieser sehr begreiflicher Weise nichts davon wissen wollte, seine Niederlassung ohne besonderen Grund aufzugeben, so suchten sie ihn durch ein schlaues Manöver dazu zu zwingen. Einige Jäger brachen nämlich einen Streit mit den Eingeborenen vom Zaun, griffen sie an und brannten eines ihrer Dörfer nieder. Dadurch aufgeregt, sammelten sich die Wasukuma, die sonst stets sehr friedliche Leute gewesen, in grossen Schaaren und rückten gegen das Dorf, so dass es meines Einschreitens bedurfte, um sie zu verjagen. Dann erklärten die von Munyi Hemedi nicht abhängigen Jäger, etwa 20 Mann, mit mir aufbrechen zu wollen. Die übrigen 40 wollten zwar bei ihm aushalten, redeten dem ängstlichen Manne jedoch ein, dass dies unter den gegenwärtigen Umständen gewagt sei.

Als wir am 10. Juli aufbrachen, schloss sich uns ein ganzer Tross von Jägern mit Weib und Kind an. Munyi Hemedi hoffte bis zum letzten Augenblick bleiben zu können, doch als er sah, wie einer nach dem Anderen uns nachfolgte, packte schliesslich auch er seine Siebensachen und zog ab: die Niederlassung war verlassen.

Am Nenge-Bach, einem Wasserplatz am Rande der Steppe, hielt ich mit den Jägern grosse Berathung ab. Die 20 Makua, welche nicht Munyi Hemedi's Leute waren, sondern nur seine Niederlassung bewohnten, sagten sich endgiltig von ihm los, die übrigen gelang es mir zu bewegen, bei ihm zu bleiben, doch nur unter der Bedingung, dass er Meatu, das sie schon gründlich satt hatten, verliesse. Es blieben nur die Alten und Gebrechlichen, darunter ein feister Blinder, der Jahre in seiner Hütte kauernd verbracht hatte und nun kaum mehr gehen konnte. Diese willigte ich ein, nach Mwansa zu bringen, wo sie unter dem Schutze der Station ihr Dasein fristen konnten. Munyi Hemedi zog auf mein Anrathen mit seinen Leuten ab nach Uduhe, wo er mehrere Monate später von Herrn Wolf gesehen wurde.

TAFEL VIII

Wasukuma-Weib.

Ich schloss mit den Makua, welche der Expedition beitraten, einen Vertrag, worin sie sich zu unbedingtem Gehorsam und zu allen Arbeiten bereit erklärten, wofür ich ihnen versprach, für sie eine Niederlassung im elephantenreichen Umbugwe zu gründen. Ich forderte sie dann auf, mir ihr Oberhaupt zu zeigen, worauf die baumlangen Kerle, unter denen sich auch einige grauhaarige befanden, zu meinem Erstaunen einen kleinen, hübschen Jungen von etwa 12 Jahren anbrachten. Es stellte sich heraus, dass sie wirklich alle die Sklaven dieses Jungen waren. Obwohl ich also seine Oberherrlichkeit anerkennen musste, bestimmte ich doch als seinen Stellvertreter den ältesten Jäger Fundi Mazazwa. Dann fragten mich die Leute, wie ich hiesse, worauf ich ihnen meinen Namen nannte. Denselben fanden sie »ngumu« (hart) und fügten in der blumenreichen Ausdrucksweise des Kiswahíli hinzu: »Umevunja mapori ya Massai, umevunja nguvu za washenzi, umevunja mji etu: bassi jina lako bwana Kivunja!« (Du bist durch die Massai-Steppen gebrochen, Du brachst die Kraft der Wilden, Du hast unsere Niederlassung gebrochen [gesprengt]: so heisse denn »der Brecher«.) So hatte ich denn einen schönen Namen und war auch für meine Leute von nun an stets der Bwana Kivunja.

Mit den Makua war das Element des »ewig Weiblichen« in der Karawane zur wahren Hochfluth angewachsen. Dasselbe war schon früher in stetem Steigen begriffen; aus den drei Weiblein, mit welchen wir Tanga verliessen, waren schon längst dreissig und mehr geworden; denn solch' eine Karawane übt auf die Schönen des Landes eine zauberhafte Anziehungskraft. Gar mancher schwarzen Dame aus Umbugwe und Schaschi, aus Ukerewe und Usukuma gefiel der flotte, reinliche Swahíli besser als der schmutzige Gatte mit seinem Ziegenfellchen. Nachts verliess sie das sichere Heim und lief der Karawane oft tagelang nach, um im Lager flüchtig geknüpfte Bande zu dauernden zu machen. Selbst dem Sultan Lukonge waren mehrere seiner zahllosen »Sultaninnen« — und nicht die schlechtesten — ausgerückt, indem sie einen ganzen Träger dem hundertsten Theil eines Sultans vorzogen. Nur selten kam der erboste Ehegatte nachgeeilt und erhielt die ungetreue Gattin zurück, meist liess er sie laufen und freute sich wohl noch darüber. Doch nun kamen plötzlich über sechzig Weiber und zahlreiche Kinder zur Karawane, denn jeder Makua hatte mindestens drei »Surias« (Kebsweiber) bei sich. Man sollte glauben, dass solcher Tross den Marsch verzögert, was jedoch kaum der Fall ist. Bepackt mit hohen Schachteln, in welchen Mehl und andere Lebensmittel verstaut sind, mit Kochgeschirr und allerlei Hausrath, womöglich noch einen Sprössling auf dem Rücken, marschirten die Weiber tapfer mit. Selbst die Kinder liefen im scharfen Tempo der Karawane und wurden, wenn sie müde waren, von ihren kraftvollen Vätern auf die Schulter gehoben. Im Lager war das Walten der Weiber ein höchst wohlthätiges; die ermüdeten Leute konnten ihre Ruhe völlig geniessen, denn das Sammeln von Brennholz und Wasserholen, das Mehlmahlen und Kochen, dies alles besorgten die Weiber, während die muntern Kinder durch Spiele und heiteres Wesen Leben in das Bild brachten.

Die Makua machten sich von Anfang an nützlich und bewiesen, dass sie in der Kunst des Buschlebens uns doch noch weit über waren. Vor allem verstanden sie es vorzüglich in unglaublicher Schnelligkeit wasserdichte und behagliche Grashütten aufzurichten, was meine Leute ihnen bald ablernten, wodurch unser Lager einen besonderen Charakter erhielt. Auch als geschickte Jäger zeigten sie sich und lieferten häufig grosses und kleines Wild für die Küche.

Vom Nenge-Bach, der nur spärlich Wassertümpel enthält, zogen wir durch fast flache, trostlose Baumsteppen zum Marago Saïd bin Sef, einem Lagerplatz, der nach dem früheren Vorstand der Araber-Kolonie Magu benannt ist, wo einige Lachen uns Erquickung boten. Am 12. Juli durchwanderten wir, von den Makuas geführt, wegelose, offene Steppe und überschritten den Simiyu, der zu dieser Jahreszeit nur grosse Tümpel enthält, in welchen sich Welse und sogar Flusspferde finden, die zur Regenzeit vom Nyansa aus hierher gelangen.

Feldbeil, Usukuma.

Durch flache Steppe gelangten wir zu den nahe aneinander gelegenen Dorfgebieten von Dudumo und Sagayu, kleinen, an die Steppe grenzenden Ortschaften, welche von Flüchtlingen aus Uduhe, Usmau und Ntussu bewohnt sind, die schöne Kulturen und ansehnliche Hütten besitzen. In einer der letzteren fand ich zu meinem Erstaunen ein französisches Erbauungsbuch und eine Kiganda-Bibel und erfuhr später, dass dieselben von dem Ueberfall einer Missions-Karawane in Sengerema herstammten. Gegenwärtig sollen die Bücher als Kopfputz bei Tänzen dienen, eine Verwendung, die ihre frommen Verfasser wohl kaum voraussahen.

Am 15. Juli passirten wir abermals den hier völlig trockenen Simiyu-Fluss und gelangten in die Landschaft Nyasambe, wo Wasukuma aus Mwagala wohnen, die besonders viel Baumwolle bauen. Sie spinnen daraus ungemein schöne feste Doppelgewebe, eine Kunst, die in Usukuma weit verbreitet ist. Am 16. Juli überschritten wir mit dem trockenen Ididi-Bache die Grenze von Usmau. Eine weite, sanft gewellte Ebene dehnte sich vor uns aus, überall sah man Felder von ungeheurer Ausdehnung, dazwischen die ansehnlichen von Euphorbien umgebenen Dorfkomplexe. Angebaut wird hauptsächlich Sorghum, weniger Mawele (Penicillaria), vereinzelt auch Reis. Die Eingeborenen sind grosse Reisende, fast alle jungen Leute sind an der Küste gewesen und neben fast nackten Burschen mit elendem Ziegenfell sieht man Gestalten mit Flanellbeinkleidern, schwarzem Salonrock und mächtigem grauen Schlapphut. Sie erzählten mir allerlei Neuigkeiten, darunter auch die von meinem eigenen Tode. Der Europäer, meinten sie nämlich, der früher in Katoto sass, sei von den Wagaya todtgeschlagen worden. Andere behaupteten, er wäre vielleicht doch nicht ganz todt, habe jedoch eine Speerwunde erhalten. Ich lachte damals über dieses Negergeschwätz, konnte ich doch nicht ahnen, dass sich ein schlauer Europäer (der Stationsvorsteher von Mwansa) finden würde, der nichts eiligeres zu thun hatte, als diesen Unsinn nach der Küste zu melden, von wo er nach Europa gelangte und dort unnütze Besorgnisse hervorrief.

Am 19. Juli hatten wir Usmau hinter uns und betraten Usukuma im engeren Sinne, wie die Landschaften am Nyansa genannt werden. Am nächsten Tage stiegen wir den steilen Abfall zum See ab und erreichten gegen Mittag die Station Mwansa. Wieder breitete sich der herrliche See vor uns aus und drüben, jenseits der Bai, tauchten die grünen Ufer Usinja's verheissungsvoll aus der tiefblauen Fluth.

Weiber der Karawane.

[[←]] IV. KAPITEL.
Vom Victoria-See zum Tanganyika.

Durch Usinja. — Ussui. — Kassussura's Residenz. — Uyogoma. — An der Nil-Fähre. — Urundi. — Freudenfeste der Warundi. — Der Akanyaru. — Ruanda. — Raserei der Warundi. — Gefecht mit Watussi. — An der Nilquelle. — Uebersteigung der Missosi ya Mwesi (Mondberge). — Am Tanganyika.

An den Gestaden der Bukumbi-Bai stand die Expedition abermals an einem Wendepunkt. Der Marsch durch's Massai-Land und die Erforschung der östlichen Nyansa-Gebiete war vollendet, nun hätte programmmässig die Reise nach den südlichen Massai-Gebieten folgen sollen. Ich brachte es jedoch nicht über mich, meine Schritte ostwärts, nach der Küste zu lenken. Denn im Westen, an der Grenze des deutschen Schutzgebietes, lockten mich gänzlich unbekannte Striche, welche die letzten Räthsel des alten Nilproblems bargen. Allerdings hatte Stanley vor fast zwanzig Jahren vergeblich versucht in jene Gebiete einzudringen und das mächtige Prestige, welches dieser Reisende mit Recht geniesst, hatte seither andere abgehalten, ihre Schritte dahin zu lenken. Aber ich besass eine vorzüglich eingeschulte, leistungsfähige Mannschaft; das Material der Expedition war noch in gutem Stande, ich selbst fühlte mich gesund und kräftig: wenn es irgend Vorbedingungen gab die ein Gelingen erhoffen liessen, so waren es diese.

In den Instruktionen freilich, die meine Auftraggeber mir fürsorglich mitgegeben, war das Gebiet meiner Forschungen so ziemlich umgrenzt und von jenen entfernten Ländern stand keine Zeile darin zu lesen. Aber solche Instruktionen sind ja nur dazu da, um nicht befolgt zu werden: entweder sie verlangen zu viel oder zu wenig von dem Reisenden, im letzteren Fall werden sie überschritten — »und wenn es glückt, so ist es auch verziehn.«

So begann ich denn meine Vorbereitungen für den Marsch nach dem Westen. Ich liess alle Lasten, die nicht unbedingt nöthig waren, bei Seite packen, wählte eine Anzahl schwacher Leute aus und sandte diese, sowie einige angeworbene Wasukuma, unter Befehl des Askari Mzee bin Jumah, eines älteren, vorsichtigen Mannes, voraus nach Tabora mit der Instruktion, mich dort zu erwarten. Ferner entliess ich sämmtliche Sudanesen bis auf einen (Faraj Abdallah) und gab sie an die Station Mwansa ab, da sie für meine Zwecke gänzlich unbrauchbar waren. Alle Leute, mit Ausnahme der Sudanesen, schieden nur sehr ungern von der Expedition und mussten förmlich gezwungen werden, mit Mzee zu marschiren, obwohl sie ganz gut wussten, welch' abenteuerliche Reise wir vorhatten.

Der Aufenthalt in Mwansa war nicht übermässig angenehm. An die Stelle des liebenswürdigen Kompagnieführers Langheld war ein Feldwebel getreten, der als Gärtner wohl vorzügliche Eigenschaften besass, im Uebrigen jedoch mit seinem Vorgänger nicht rivalisiren konnte. Dazu kam, dass mir ein Unfall passirte, der leicht ernste Folgen haben konnte. Ein Träger kam nämlich eines Morgens zu mir und erklärte, sein Gewehr wolle nicht losgehen. Als ich selbst versuchte, ging das Gewehr allerdings los, aber nach rückwärts und scharfer Pulverdampf drang mir in die Augen. Eine heftige Entzündung war die Folge, die mich zwang, acht Tage mit verbundenen Augen im Zimmer zu sitzen. Ich siedelte während dieser Zeit nach Nyegesi über. Es war dies eine französische Missions-Station, die für einige Zeit an die Seen-Expedition des Antisklaverei-Komite vermiethet worden war und wo mein armer Landsmann Baron Fischer vor Kurzem seinen Tod gefunden. Seine gründlichen topographischen Kenntnisse — er war ein Zögling des Wiener militärisch-geographischen Instituts — sowie sein wissenschaftlicher Eifer liessen glänzende Leistungen von ihm erwarten, als er leider durch ein tückisches Fieber dahingerafft wurde. Zur Zeit meiner Anwesenheit befand sich in Nyegesi nur der Steuermann Blatt, welcher in der zur Werkstatt umgewandelten Kapelle eifrig an einem Boote hämmerte.

Während ich in Nyegesi krank lag, hatte Mzimba das Uebersetzen der Karawane über die Bucht mit grossem Geschick besorgt. Es war das keineswegs eine leichte Aufgabe, da uns nur wenige und sehr elende Kanus zu Gebote standen und besonders die Rinder grosse Schwierigkeiten machten. Dieselben in das schmale Fahrzeug zu verladen, erwies sich als unmöglich und so mussten sie schwimmend über den breiten Seearm gelangen, was auch ganz gut ging. Am 2. August bezog Mzimba in Ngoma, einem kleinen Dorf des Wasinja-Häuptlings Rotakwa, das Lager. Ich selbst konnte erst am 7. August Nyegesi verlassen. Ich begab mich zu jener felsigen Landzunge, von der aus die Ueberfahrt stattfindet und setzte in etwa einer Stunde an's andere Ufer, wo ich von meinen Leuten mit Freudengeschrei begrüsst wurde.

Eine Musterung ergab, dass alles in schönster Ordnung war: alle kränklichen und schwächlichen Leute waren mit Mzee nach Tabora gegangen, die Lasten waren bedeutend vermindert und leicht verpackt worden, für die 30 Rinder, die wir mithatten, waren reichlich Treiber vorhanden und der Unternehmungsgeist, der aus den Blicken der gesunden, nun völlig ausgeruhten Leute sprach, war mir eine Gewähr des Erfolges.

In meinem Haushalt war eine kleine Aenderung vorgegangen indem der Koch, den ich von der Küste mitgebracht, nun nicht mehr da war. Ich hatte ihn an einen Agenten der britisch-ostafrikanischen Gesellschaft, den ich in Mwansa traf, abgetreten, da die Küchenjungen und besonders die Küchenmädchen, von welchen es jetzt wimmelte, ihm seine Kunst bereits abgelernt hatten. Ueber ihnen stand, als unumschränkte Herrscherin, die »Mami safari«, Kibibi, die alle Strapazen und Entbehrungen mit gleich unverwüstlicher Gesundheit und trefflichem Humor ertrug.

Auch einer meiner Dienerjungen musste krankheitshalber in Mwansa bleiben, doch fand ich vollen Ersatz an Hamadi (Pflaume), einem etwa vierzehnjährigen Jungen, der durch den Tod seines Herrn, eines Unteroffiziers, dienstfrei in Mwansa weilte. Trotz seiner Jugend hatte er schon viel mitgemacht und war bei der verhängnissvollen Wahehe-Expedition Zelewsky's mit dabei gewesen. Es war der richtige Buschboy, ein anstelliger, aufgeweckter Junge und ein Kerl, der selbst im dichtesten Kugel- und Pfeilregen nicht von seinem Herrn wich.

Am Tage meiner Ankunft in Ngoma gebar ein Makuaweib einen Sprössling, der blassroth gefärbt war und sich — wie alle neugeborenen Neger — nur durch den Typus von europäischen Säuglingen unterschied. Erst nach Tagen bricht das dunkle Pigment durch und der kleine Mensch erscheint in schwarzer Farbe. Dieser Junge, der mir zu Ehren den Namen Kivunja erhielt, war der erste einer langen Reihe von Nachfolgern, die alle unterwegs das Licht der Welt erblickten. Unter dem Grasdach der Lagerhütte, ja oft in einem Gebüsch am Wege wurde das Weib von Wehen überkommen und am nächsten Tage schon konnte sie, mit dem Neugeborenen auf dem Rücken, weiter marschiren.

Am 9. August verliessen wir das buchtenreiche Ufer des Nyansa und zogen durch leicht gewelltes, von lichtem Steppen-Wald bedecktes Land. Die grosse Trockenzeit nahte ihrem Ende und einzelne Schauer deuteten das Herannahen der kleinen Regen, der mwua za mwaka, an. Gelb und dürr hingen die Blätter an den Bäumen, wodurch die Landschaft ein herbstliches Gepräge erhielt, das durch die traurigen, verbrannten Grashalden, den trüben Himmel und besonders durch den scharfen Nordwind gesteigert wurde, der vom Nyansa herüberstrich. Doch schon machte sich die Wirkung der jüngsten Regen bemerkbar, aus den schwarzen Brandflächen spross das zartgrüne, junge Gras hervor und neben dürrem Laub schlugen an den Bäumen grüne Knospen aus — ein Bild der ewig jungen Tropenwelt. In dem gänzlich unbewohnten Gebiet sah man Spuren früherer Siedelungen; die Ackerfurchen sind noch erkennbar und nicht selten trifft man tief ausgeriebene Mahlsteine. Die Wangoni haben diese früher reichen Gebiete entvölkert.

Dorf der Wasinja.

Am 12. August gelangten wir wieder zu Dörfern, die dem Wasinja-Distrikt Ugulula angehören. Ausgedehnte Maniokfelder, in welchen gleichzeitig auch süsse Kartoffeln gebaut werden, bedecken hier das Land, in den Wasserrissen und Mulden gedeihen prächtige, tiefschattige Wäldchen, überragt von schlanken Phönix-Palmen. Ueberall sieht man kleine Dörfer mit leichten lebenden Hecken, an welchen sich Bohnengerank hinaufschlingt, und in denen die netten Grashütten unregelmässig verstreut sind. Neben ihnen stehen Vorrathshütten aus eigenthümlichem, cigarrenförmigem Grasgeflecht, welche Getreide enthalten. Die Eingeborenen sind Wasinja, geschickte Schmiede, welche ihr Handwerk in offenen Grashütten ausüben und schöne Speere, Pfeile und Hacken anfertigen, eine Kunst, der sie das viele Baumwollzeug verdanken, das sie von anderen Stämmen eintauschen. Ihr Häuptling Mtikiza besuchte uns und bat, wir möchten einen seiner Feinde bekämpfen, was uns natürlich gar nicht einfiel.

Ausser diesem menschlichen hatten Mtikiza und seine Leute noch einen thierischen Feind, der nicht so leicht zu besiegen war. Es war das ein alter Bekannter von der Westküste Afrika's, den ich hier zum ersten Male traf, ohne sagen zu können, dass mich dieses Wiedersehen besonders erfreute. Ich meine den Sandfloh, Pulex penetrans, jenes widerliche Insekt, welches sich in die Zehen und in andere Körpertheile des Menschen einbohrt. Als ich 1885 den Kongo bereiste, war der Sandfloh, der bekanntlich aus Brasilien stammt und von Schiffen mit Sandballast nach West-Afrika gebracht wurde, erst am Stanley-Pool. Durch die Kongo-Dampfer gelangte er rasch nach Stanley-Falls und verbreitete sich über Manyema, von wo er allmählich bis Ujiji und Tabora kam. An das Westufer des Nyansa soll er direkt durch die Stanley'sche Expedition eingeschleppt worden sein. Es wird sicher nicht mehr lange dauern, bis er die Ostküste Afrika's erreicht, ja vielleicht erleben wir, dass er von dort über Indien seinen Triumphzug um die Welt fortsetzt.

Hackenklinge, Usinja.

Wer seine Füsse rein hält und täglich untersuchen lässt, um die etwa eingedrungenen Thiere zu entfernen, der hat diese Plage nicht besonders zu fürchten. Wird jedoch ein Sandfloh — der einmal eingedrungen, nicht mehr schmerzt — vernachlässigt, so schwillt er zu Erbsengrösse an und erzeugt schliesslich Geschwüre, die, wenn massenhaft auftretend, Blutvergiftung und den Tod veranlassen können. Besonders in Gegenden, wo das Thier neu auftritt, wo also dessen Behandlung nicht bekannt ist, richtet es geradezu Verheerungen an. Wir sahen in Usinja Leute, welchen die Glieder einzeln abfaulten, ja ganze Dörfer waren in Folge dieser Plage ausgestorben. Ich suchte derselben dadurch zu begegnen, dass ich bei meiner Mannschaft eine strenge Strafe für Jeden ansetzte, der sich wegen Sandfloh fussmarode meldete. Dadurch erreichte ich, dass die Leute ihre Füsse sorgfältig visitierten, und litt fast gar nicht unter diesem Uebel.

In den nächsten Tagen zogen wir durch flaches Land längs des Emin Pascha-Golfes, der in zahlreiche papyrusreiche Buchten endet. Die Landzungen zwischen diesen sind meist mit Busch bedeckt. Am Ende der Buchten wechselt Sumpfgebiet mit offenem, theilweise bebautem Land, in welchem grosse Schmiedehütten verstreut lagen. Die eigentlichen Dörfer waren fast ganz im Papyrus des Ufers verborgen und gegen aussen durch hohes Gras fast unsichtbar. Als wir im Dorfe Irangala lagerten, fing eine der Grashütten, die in nächster Nähe meines und des pulvergefüllten Lastenzeltes lagen, Feuer, welches ohne das energische Eingreifen der Askari und Makua leicht schweres Unheil hätte anrichten können. So wurde jedoch alles Feuergefährliche rasch beiseite geschafft und schliesslich verbrannte nichts als eine — Kaffeemühle.

Am 19. August erreichten wir die äusserste Südwestecke des Nyansa, wo die Hütten und ärmlichen Felder von Amranda liegen. Hier kreuzten wir die Route Stanley's und Emin Pascha's und lagerten etwas nördlicher in Busirayombo, dem Hauptdorf von Bukome, das an Papyrusufer in öder, staubiger, buschbewachsener Gegend liegt. Es hat etwa dreissig Hütten und ist die Residenz eines blutjungen, etwas beschränkt aussehenden Häuptlings mit Wahumatypus, der einen Schutzbrief von Dr. Stuhlmann besass und in dessen Reisewerk abgebildet ist. Er brachte mir Bananen und Pombe und erhielt ein Gegengeschenk, das von ihm und seinem Gefolge buchstäblich mit stürmischem Applaus aufgenommen wurde. Hier, wie in ganz Usinja und den westlichen Gebieten, ist es nämlich Sitte, Höhergestellte durch Niederknien und Händeklatschen zu begrüssen, welches in Bukome besonders kräftig gehandhabt wurde. (Siehe Abb. pg. 63.)

Etwas nördlich lag eine kleine Handelsniederlassung Mr. Stokes', des irischen Händlers, dessen Angestellter, ein netter Mnyamwesi, mir seinen Besuch machte. Bei dieser Station ist der Nyansa nicht mehr von Papyrus eingeengt. Bei Busirayombo besitzt er gelblich schmutziges und übelriechendes Sumpfwasser, in dem Wasserwanzen umherschwimmen und das Abends ganze Wolken Mosquitos ausspeit, die eine keineswegs angenehme Zugabe zu den tausenden von Sandflöhen bilden.

Am 21. August verliessen wir ohne Bedauern Bukome und zogen westwärts, durch einen unbewohnten Streifen, der Landschaft Ussui zu. Ziegelrother Lateritboden bedeckte die hügelige, mit jungem, lichtem Buschwald, Akazien und einzelnen Baumeuphorbien bestandene Landschaft. Wir passirten einen Hügel, von dem die Eingeborenen Raseneisensteine als Erz gewinnen, und erreichten Mittags das erste Dörfchen von Ussui. Dasselbe zeigte sich uns als ein reich bebautes, ziemlich stark gewelltes Land, das hauptsächlich von Sorghum- und Patatenfeldern bedeckt ist, in welchen die kleinen, von Bananenhainen umgebenen Dörfer liegen. In der Umgebung reifen auch schöner Tabak und Tomaten. Die Eingeborenen, die fast alle in Zeug gekleidet waren, besitzen viele Schmieden und begegneten uns scheu, weil sie noch nicht wussten, wie ihr König Kassussura sich zu meinem Besuche stellen würde.

Am 23. August überstiegen wir zwei hohe felsige Kämme, zwischen welchen leicht gewelltes, bewohntes und bebautes Land lag. Von der letzten Höhe stiegen wir in ein weites Thal ab, dessen untere Hänge mit Bananenhainen und Feldern bedeckt waren. Jenseits lag der grosse Hüttenkomplex Kassussura's, des Häuptlings von Ost-Ussui, eines der mächtigsten eingeborenen Potentaten in Deutsch-Afrika.

Von Bananen umschlossen lagen in der Nähe die ärmlichen Hütten einer Niederlassung Mr. Stokes', deren einzigen Reiz ein hoher Schattenbaum bot. Eine andere, aus Swahíli-Hütten bestehende Handelsstation hatte der Inder Kipilipili gegründet, der augenblicklich nicht anwesend und durch den Araber Pangalala vertreten war. Auch Stokes hatte einen intelligenten Araber Namens Raschid in Ussui stationirt, der uns freundlich begrüsste. Er war im Innern Afrika's gross geworden, hatte Burton und Speke gekannt und wies uns die Stelle des Dorfes Uthungu, wo der grosse Forscher vor 30 Jahren durchgekommen. Auch die Eingeborenen erinnerten sich deutlich an Speke und erzählten, er habe dem Vorgänger des jetzigen Häuptlings durch Schiessen sehr imponirt.

Von Kassussura erfuhr ich nicht viel Gutes, er sollte persönlich zwar recht freundlich, doch sehr habsüchtig sein und keine Karawane ohne Wegzoll (Hongo) passiren lassen. Einen deutschen Reisenden hatte er noch nicht bei sich gesehen und die Araber versicherten, dass es ohne Hongozahlen nicht abgehen werde. Wirklich erschien auch nach einiger Zeit ein Würdenträger mit einer Anzahl Leute als Abgesandter Kassussura's, der ein ziemlich unverschämtes Benehmen zur Schau trug. In solchen Fällen schadet es nie, die Unverschämtheit durch noch grössere zu übertrumpfen; bevor daher der Abgesandte eine Hongoforderung stellen konnte, fragte ich ihn, warum er mit leeren Händen zu mir komme, ob denn Kassussura nicht wisse, dass er an mich Hongo zu bezahlen hätte? Der Würdenträger war erst ganz starr darüber, dass er, der gekommen war, um Hongo zu fordern, nun selbst Hongo zahlen sollte; aber ein Rundblick durch das Lager mit den Askari und Ruga-Ruga machte ihn doch nachdenklich, und in dieser Stimmung kehrte er zu seinem Herrn zurück.

Wassui.

Die Araber begannen nun eifrig verrostete Schiessprügel und Schwerter zu putzen und meinten, es müsse unbedingt zu blutigen Kämpfen kommen, denn so etwas lasse sich der grosse Kassussura in seinem eigenen Lande nicht bieten. Aber nichts dergleichen geschah: am Abend erschien eine ganze Schaar von Wassui, die ungeheure Massen Lebensmittel anschleppten, das Hongo Kassussura's. Zugleich kam auch der Würdenträger, nun ganz kleinlaut, und erklärte, dass der König zwar mein Freund sei, aber doch den heissen Wunsch hege, mich nicht zu sehen. Ich glaubte auf das Vergnügen seiner Bekanntschaft verzichten zu können und sandte ihm ein schönes Geschenk, welches ihn sehr befriedigte und zu neuer Spende veranlasste.

Den 24. August verbrachte ich in der Stokes'schen Niederlassung, wo sich auch ein ganz weisser Egypter befand, der kränklich und von Sandflöhen gequält war. Es war einer der Leute Emin Pascha's, Namens Hassan, der mit Stanley aus Equatoria abgegangen, jedoch in Karagwe liegen geblieben war. Von da ab wurde er von verschiedenen Arabern ernährt und beherbergt, war jedoch halb verrückt, was sich hauptsächlich darin äusserte, dass er von Jedermann, z. B. auch von mir, seinen rückständigen egyptischen Sold verlangte. Ich hätte den Armen gern mitgenommen, doch konnte er kaum gehen.

Am selben Tage liess ich pro forma die Einwilligung Kassussura's zum Marsch durch sein Land einholen, die er bereitwilligst ertheilte und uns vier Mann als Wegweiser und Geleit mitgab. Gleichzeitig schickte er eine Heerde Ziegen und an 100 Lasten Bananenmehl und süsse Kartoffeln und bat um eine deutsche Flagge und um Stellung unter deutschen Schutz, ein Ansuchen womit ich ihn an die Station Bukoba verwies.

Am 25. August zogen wir an dem bananenreichen, aber anscheinend nicht sehr stark bewohnten Residenzdorf Nyaruvungu vorbei, überstiegen ein Joch und gelangten in ein Grasland mit offenen Büschen, das von Sorghumfeldern, Bananenhainen und freundlichen Hütten unterbrochen war. Stellenweise erhebt sich ein hoher Laubbaum, von früherer stärkerer Waldbedeckung zeugend. Höher ansteigend gelangt man in das Plateauland am Msenyi, das von tief einschneidenden Thälern durchzogen ist, deren Gewässer dem Urigi-See zuströmen. Die Höhen bedecken wellige, ausgedehnte Weidegebiete, die mit ihrem üppigen Graswuchs und der kühlen Luft, die auf ihnen herrscht, an Mutyek erinnern. Nur fehlten dort die kleinen Bananenhaine und Felder der weit zerstreuten Siedelungen, an welchen sich die Eingeborenen, schlanke Leute mit sanften, angenehmen Gesichtszügen zeigten, die uns knieenden Gruss darbrachten.

Schon früh hielten Kassussura's Wegweiser bei einem freundlichen Dörfchen und meinten, dass dieser Ort uns zum Lager bestimmt sei. Da wir noch weiter marschiren wollten, baten sie uns dringend zu bleiben, da Kassussura's Programm, das er schon durch Boten überall hin verkündet hatte, sonst gänzlich zerstört würde, was ihnen eventuell den Kopf kosten könnte. Thatsächlich sah man schon von allen Hängen mit Lebensmittel und Pombe beladene Eingeborene herabsteigen, denn in diesen Ländern ist der Reisende überall Gast des Königs und zwar eines Königs dem alles im Lande gehört und demgegenüber niemand Privat-Eigenthum besitzt. Eine Art Polizei erschien, die mit langen Knüppeln Ordnung hielt und tüchtig auf die Eingeborenen einhieb, falls sie in das Lager eindringen oder uns sonst irgendwie belästigen wollten. Denn wir hatten natürlich der Bitte der Wegweiser nachgegeben und gelagert, worauf diese ihre Köpfe wieder etwas sicherer zwischen den Schultern sitzen fühlten. Doch sollte einer von ihnen noch einmal an diesem Tage für sein Haupt zittern müssen, indem er einen Regenschirm verlor, den Kassussura ihm vor einigen Tagen geschenkt hatte. Eine solche Nichtachtung seines Geschenkes würde sicher mit dem Tode bestraft worden sein und der Arme war der Verzweiflung nahe, bis er zum Glück seinen Regenschirm wieder fand.

Je weiter wir gegen Westen vordrangen, desto bergiger und reizvoller wurde das Land. Zwar behielten die Höhen noch Plateaucharakter, doch fielen sie nach allen Seiten in steilen, oft in schroffen terassenförmigen Felswänden abstürzenden Hängen nach den engen Bachthälern ab. Auf felsigem Pfade stiegen wir zu den grasigen, von ziegelrothen Viehwegen durchschnittenen Thälern ab. Die Eingeborenen der spärlichen, weit zerstreuten Dörfer pflegten mich meist in Gruppen zu erwarten, die etwa zehn Schritte vor mir Halt machten, worauf die Leute einzeln laufend ankamen und knieend und händeklatschend ihren Gruss »Kssura!« riefen. Das Baumwollzeug beginnt hier abzunehmen und macht der Fellkleidung Platz. Das Lager im Dorfe Uakilinda war durch eine riesenhafte Ricinuspflanze merkwürdig, die etwa 10 Meter hoch war, einen dicken Stamm und ausgebreitete Aeste besass.

Am 27. August verliessen wir das Gebiet des Urigi-See's und betraten den Grenzdistrikt Kassussura's, der weit trockener und weniger fruchtbar ist. Während sonst überall klare Bäche in den Thälern rieseln, trifft man hier auf trockene Wasserrisse und an den Hängen tritt oft rothbraunes, metallisch glänzendes Gerölle zu Tage, zwischen welchem nur einzelne, niedrige Bäumchen ihr Dasein fristen. Auch der graue Boden der Thäler scheint wenig fruchtbar. Wir bestiegen einen hohen Kamm, auf dem eine duftende Veilchenart gedieh und hatten einen weiten Blick über den Distrikt Nyakawanda mit seinen bräunlichen, tafelförmigen Bergen und den fernen Höhen von Uha im Süden.

Das Land ist wenig bewohnt, stundenweit liegen die kleinen ärmlichen Dörfchen von einander entfernt. Das grösste ist jenes des »Gouverneurs« von Nyakawanda, das einen Stachelzaun besitzt, der durch zahllose Spinngewebe von Weitem das Aussehen einer Mauer bekommt. Auch das Thierleben dieser Gegend, überhaupt der Länder westlich vom Nyansa, ist sehr arm, Wild trifft man fast gar nicht und selbst die unvermeidliche Hyäne liess sich Nachts selten hören. Vielleicht war daran die empfindliche Kälte schuld, die besonders in den frühen Morgenstunden das Thermometer auf 5 Grad Celsius fallen liess.

Am 28. August verliessen wir Kassussura's Land und durchzogen eine wilde von Bergkämmen durchschnittene, steinige, wasserarme Gegend, die den südlichsten Zipfel von Karagwe bildet und gänzlich unbewohnt ist. Sie trennt Ost-Ussui von West-Ussui oder Uyogoma, dessen erste Dörfer wir am Morgen des 29. August erreichten. Hier herrschte der Häuptling Yavigimba (Ruavigimba) der von unserem Nahen und friedlichen Absicht offenbar schon gehört hatte, denn an der Grenze erwarteten uns andere Wegweiser, und Lebensmittel wurden überall bereit gehalten.

Am 29. August kreuzten wir vor Kaponora's Dorf die Route Stanley's und traten in gänzlich unbekanntes Gebiet ein. Für die nächsten Tagereisen, soweit Yavigimba's Herrschaft reichte, konnten wir Erkundigungen einziehen, darüber hinaus jedoch lag Urundi, ein Land, mit dem keinerlei Verkehr bestand und von dem nur dunkle Gerüchte in's Ausland drangen. Vor der Massai-Tour konnten wir doch Nachrichten über die zu bereisende Gegend einziehen, diesmal jedoch tappten wir völlig im Dunkeln, betraten eine terra incognita im buchstäblichen Sinne des Wortes, ein Land, in dem der Kompass uns als einziger Leitstern diente.

Das östliche Uyogoma war kein besonders einladendes Gebiet, ein steriles Bergland mit unendlichen Hügelzügen, mit wenigen, ärmlichen Dörfern. Die Bewohner sind dunkler, negerhafter als die Leute in Ost-Ussui, sie gehören bereits der Warundi-Gruppe an und einige meiner Leute, die in Ujiji am Tanganyika geboren waren, konnten sich fliessend mit ihnen verständigen.

Von Rusengo an trat der Plateau-Charakter schärfer zu Tage, grasige Halden dehnten sich aus, in welchen einige Laubbäume verstreut waren. Die engen Thälchen haben ein schwaches Gefälle und sind von Papyrus-Massen erfüllt, zwischen welchen dünne, sumpfige Gewässer sickern. Die Niederlassungen waren weit auf den Hochebenen verstreut und schlecht gehaltene Felder umgaben die verfallenen Grashütten. Erst am 1. September erreichten wir ein etwas grösseres Dorf, die Residenz des Häuptlings Yavigimba. Derselbe zeigte sich vorerst nicht, doch kamen zahlreiche Eingeborene, die ihren Kniefall machten und reichlich Lebensmittel brachten, obwohl sie anscheinend selbst nicht sehr viel hatten. Alle waren mit langen Stäben und Speeren ausgerüstet, die sie bei der Begrüssung weglegten und trugen am Unterarm einen merkwürdigen dicken Holzring, der beim Bogenspannen dienlich ist. Sie sprachen kein Kisinja mehr, sondern nur Kirundi und scheinen früher eifrig Viehzucht getrieben zu haben, die jedoch durch die Seuche schwer litt.

Armring der Warundi.

Am 2. September kam Yavigimba, ein hochgewachsener dunkelfarbiger Mann, um Geschenke mit mir auszutauschen. Es war ihm sehr um die Freundschaft der Europäer zu thun und er bat mich dringend, ihm als sichtbares Zeichen eine Flagge zu geben. Hier war ein Verweisen nach Bukoba nicht mehr möglich, denn dieser Ort lag für Yavigimba gänzlich aus der Welt, ich nahm daher keinen Anstand, ihm eine deutsche Flagge und eine Bescheinigung zu geben, die jederzeit gegen einen Schutzbrief eingetauscht werden konnte.

Wenn ich gehofft hatte, in Yavigimba's Residenz etwas Sicheres über Urundi zu erfahren, so sollte ich mich getäuscht haben. Zwar erzählte man mir allerlei von den blutgierigen, kriegerischen Warundi, die keine Fremden in ihr Land liessen, von ihrem König Mwesi, der irgendwo an unbekanntem Orte throne, von zahlreichen »Nyansa«, welche das Land bewässern — aber irgend welche Klarheit konnte ich nicht erlangen. Von dem »Akanyaru«, dem Alexandra-See, den Stanley erkundet, kannte man allerdings den Namen und berichtete, dass er ein »Nyansa« sei, der Tage lang mit Kanus befahren würde, so dass ich hoffen durfte, einen grossen See zu entdecken.

Noch zwei Tagereisen hatten wir durch Uyogoma zurückzulegen, dann überschritten wir einen Kamm und stiegen sanft in ein Thal ab, das von mauerartigen, von verbranntem Gras geschwärzten Tafelbergen gesäumt ist. Die Wassui der kleinen zerstreuten Dorfkomplexe folgten uns schaarenweise mit ihren langen Speeren, leisteten ihren Gruss und schlossen sich dann in lachenden und scherzenden Gruppen der Karawane an.

Schon in den Morgenstunden erreichten wir das Ufer eines breiten Flusses, der seine graubraunen Wogen zwischen hohen von üppiger Vegetation gekrönten Ufern dahin wälzte. Mit Bewegung blickte ich in die Fluthen dieses Stromes, aus welchem steile Granitriffe hervorragten; war es doch der Quellfluss des Nil, hier Ruvuvu, später Kagera genannt, bildete er doch die Westgrenze von Ussui gegen jenes räthselhafte Urundi, in welches wir nun eindringen sollten!

Doch das Leben des Reisenden gewährt keine Frist zu langen Betrachtungen; schon hatte Mkamba den primitiven Einbaum, der als Fähre dient, in Beschlag genommen und mit kräftigen Stössen und Ruderschlägen beförderten die Wassui-Fährleute die ersten Askari an's linke Ufer. Hinter der Karawane, die sich am Ufer niederliess und allmählich übergeführt wurde, sammelten sich hunderte von Wassui und bedeckten dicht gedrängt als schwarze bewegliche Masse mit blitzenden Speeren die Hügelhänge und das Ufer. Auf der Felsinsel im Flusse hockten zahlreiche Eingeborene, gleich Affen sassen sie auf Baumstämmen, die in den Fluss hinausragten, ja sie schwammen trotz der vielen Krokodile darin herum, um das Schauspiel unseres Uebergangs zu geniessen.

Mit dieser Bewegung am rechten stand die Ruhe am linken Ufer in grellem Widerspruch. Wussten die Warundi etwa nicht, dass wir kamen, oder brüteten sie abseits Arges? Sollten die vielen Tage des Friedens, die wir genossen nun wirklich ein Ende haben und wir wieder blutigen Kämpfen entgegengehen? Die Askari am linken Ufer schienen ähnliches zu vermuthen, sie hatten Wachen ausgestellt und Mkamba's hohe Gestalt tauchte auf dem Gipfel eines Termitenhügels auf, unbeweglich in die Ferne spähend.

Plötzlich — ich befand mich gerade im Kanu — ertönte aus dem Dickicht des Ufers von Urundi ein langgezogenes Jauchzen und wie durch Zauberschlag tauchten plötzlich zahlreiche dunkle Gestalten mit langen Stäben aber ohne Waffen auf. Im Gänsemarsch kamen sie, Laub und ihre Stäbe schwingend, an, kräftige Gestalten mit originellen Haartouren und braun und grau gemusterten zipfelförmigen Ueberwürfen aus Rindenzeug, das von nun an das einzige Bekleidungsmaterial bildete. Auf der Höhe der Rampe stellten sie sich in zwei oder drei Reihen an und führten jenen merkwürdigen Tanz auf, den ich dann noch unzählige Male sehen sollte, ohne dass er seinen Reiz für mich verlor. Derselbe wird weder von Trommeln, noch von Gesang, noch von irgend einem Instrument begleitet. Den Takt giebt einfach der Tanzschritt, der durch mehr oder weniger kräftige Tritte bezeichnet ist. Unter Leitung eines Vortänzers führen die Massen mit unglaublicher Gleichmässigkeit und Geschicklichkeit diese Tänze auf, dass der Boden dröhnt und mächtige Staubwolken die Tänzer umhüllen. Mit hocherhobenen Armen schwingen sie zierlich ihre Stäbe und Laub, schreiten vor- und rückwärts, führen gleichzeitig hohe Sprünge aus und fallen dabei niemals aus dem Takt, der durch die Fusssohle gegeben wird. Dabei verliert der Tanz nie das Gepräge einer kraftvollen Anmuth; besonders die Vortänzer könnten es in kühnen und doch eleganten Sprüngen mit jedem Ballettänzer aufnehmen. Für einen alten Unteroffizier müsste der Tanz der Warundi geradezu ein Labsal sein, denn was ist der schneidigste Parademarsch gegen diese komplizirten, fortwährend wechselnden und doch unglaublich taktfest ausgeführten Tanzschritte!

Zum Schluss stimmten alle wieder das eigenthümliche Jauchzen oder besser gesagt Jodeln in der Fistel an, rissen Blätter von den Bäumen und streuten dieselben knieend vor mir aus. Während die Karawane übersetzte und wir am Ufer Lager schlugen, kamen immer neue Schaaren von Tänzern und die früheren lagerten in malerischen Gruppen auf der Uferrampe. Es war ein grossartiges Schauspiel. Am rechten Ufer standen Kopf an Kopf die Wassui, in dicht gedrängten Massen die Hügel bedeckend, am linken trampelten, jauchzten und klatschten hunderte von Tänzern in der grellen Sonne, einer Bande Wahnsinniger gleichend. Bei den Wassui sah man noch einzelne Fetzen Baumwollzeug, einige Glasperlen, die äussersten Vorposten der alles umfassenden europäischen Industrie, hier nichts dergleichen; Kleidung und Schmuck war echtes, unverfälschtes Afrika. Erst gegen Abend verzogen sich die Menschenmengen und es erschienen die Aeltesten der Gegend, um mir ein laubbekränztes Schaf und eine Sorghum-Aehre als Friedenszeichen zu überbringen.

Am 6. September verliessen wir den von leichten Morgennebeln überlagerten Nil und traten in welliges Grasland ein, dessen zahlreiche kleine Thäler von Papyrus erfüllt und von felsigen Thalstufen unterbrochen sind, über welche das klare Wasser der Bäche rieselt. Fast kein Baum oder Strauch ist auf den theilweise verbrannten Grasfeldern sichtbar und die Dörfer mit ihren Bananenhainen und den glänzendblättrigen Ficusbäumen, die Rindenstoff, theilweise auch Brennholz liefern, heben sich gleich dunkelgrünen Inseln von den gelbbraunen Flächen ab. Dieses Alpenland, welches unter gewöhnlichen Umständen wohl recht ruhig dalag, glich nun einem gestörten Ameisenhaufen. Von allen Seiten eilten dunkle Gestalten auf den schmalen Pfaden der Hänge oder querfeldein auf uns zu, während von den entfernten Dörfern Hornstösse ertönten, unser Kommen anzeigend.

Vor den Hüttenkomplexen standen die alten Leute, knieten bei unserem Herannahen nieder, klatschten und reichten mir Grasbündel unter allerlei schönen Redensarten, die ich noch unzählige Male hören sollte. In langen Reihen, mit Stäben und ausgebreiteten Armen kamen die Krieger laufend herbei, traten längs unseres Pfades an und führten ihren Tanz auf, worauf sie uns mit jubelndem Geschrei vorliefen und von neuem zu tanzen begannen.

Etwas im Hintergrunde hielten sich die Weiber mit ihren grauen Lendenschürzen und den Ueberwürfen, die bei Verheiratheten den Busen decken, während die wohlgeformten Brüste der jungen Mädchen frei bleiben. Singend begleiteten sie die Karawane, in den offenen Armen Laubzweige tragend.

Einige Leute hatten sich als eine Art Festordner aufgeworfen und hieben tüchtig in die andrängende Masse ein. Denn alle diese Menschen blieben keineswegs bei ihren Dörfern zurück, sondern zogen lachend und jubelnd hinter uns her. Von einer Anhöhe zurückblickend, sah ich bald tausende von braunen, wildbewegten, in der Sonnengluth glänzenden Leibern mit geschwungenen Stäben und Laubzweigen einer Bacchanten-Schaar gleichend.

Warundi-Weiber.

Den ungeheuren Lärm übertönten Rufe wie »Mwesi!« »Mkasi ya Urundi!« (Beherrscher Urundi's) »Viheko visima« (Grosser König) und »Tuli Wahutu« (Wir sind Sklaven), die mein Dolmetscher mir übersetzte und die mich schliessen liessen, dass die Begeisterung der Warundi einen besonderen Grund haben müsse. Bei der allgemeinen Raserei war es nicht so leicht, diesen zu erfahren und erst nach einigen Tagen brachten meine Leute das richtige heraus.

TAFEL IX

Uebergang über den Kagera.

Die Warundi waren nämlich sonst von einem Herrschergeschlecht regiert worden, welches seine Abkunft vom Mond (mwesi) herleitete und dessen Königstitel »Mwesi« war. Der letzte Mwesi, namens Makisavo (das Bleichgesicht) war seit langem verschollen, lebte aber der Tradition nach im Monde fort und wurde vom Norden her erwartet. Als nun plötzlich ein weisser Mensch vom Norden ins Land kam, sahen sie in ihm den ersehnten Herrscher, den Mwesi Makisavo.

Dagegen war nichts zu machen; eine Schaar wahnsinniger Fanatiker ist bekanntlich Vernunftsgründen nicht zugänglich, ich war und blieb für sie der Mwesi, und derart zum Pabst-König von Urundi befördert, blieb mir nichts anderes übrig, als meine Würde mit möglichstem Anstand zu tragen.

Anfangs machte mir die Sache übrigens viel Spass, die topographische Aufnahme war zwar durch den unaufhörlichen ohrenzerreissenden Lärm erschwert, aber das Schauspiel dieses grossartigen afrikanischen Volkslebens bot doch das höchste Interesse. Besonders im Lager entwickelten sich förmliche Tanzfeste. In weitem Kreise kauerten und standen die Volksmengen um einen freien Platz, auf welchem die Tänze stattfanden.

In der rechten den langen Stab, in der linken Laub haltend, führten die Krieger der einzelnen Gegenden nach einander die schwierigsten »Pas« auf. Oft hatten sich die jungen Leute desselben Ortes mit gleichartigem Rindenzeug bekleidet, ja eine Gruppe, die mir durch besondere Geschicklichkeit auffiel und von einem jungen, prachtvoll gebauten Krieger geführt wurde, trug schneeweiss bemalte Lederschurze. Komisch war eine Anzahl nackter Knaben, die jedesmal mitzutanzen versuchten, darunter oft kleine Bengel, die kaum die Beine heben konnten. Diese durften Fehler im Tanz machen: doch wehe dem erwachsenen Tänzer der nur den geringsten für Nicht-Warundi kaum wahrnehmbaren Fehltritt machte, er wurde mit Hohngeschrei verjagt und konnte froh sein wenn er ohne Prügel davon kam.

Nach den Männern traten Weiber an, die Verheiratheten in aschgrauer Kleidung, die Kinder auf dem Rücken, die Ledigen mit ganz schmalen Lendenschurzen, kleine Mädchen nackt. Sie stellten sich im Halbkreis auf, dessen Mitte zwei schön gewachsene junge Mädchen einnahmen, die mit ausgebreiteten Armen einen reizenden Tanz im spanischen Fandango-Styl aufführten, begleitet von Händeklatschen und angenehm weichem Gesang. Nichts, als die anmuthigen Bewegungen der Arme erinnerte hier an den obscönen »Bauchtanz« der Orientalen und vieler Negerstämme, bei welchem die Tänzerin fast unbeweglich steht. Hier wurde regelrecht mit den Beinen und zwar mit einer Kühnheit und Anmuth getanzt, um welche jede Ballerine die schwarzbraune Kollegin beneiden könnte. Der wohlklingende, wechselvolle Gesang der sanften Frauenstimmen und der Anblick dieser schlanken Wesen, welche mit ständigem Lächeln jene kunstvollen Tänze aufführten, gaben ein Schauspiel von eigenthümlichem Zauber. Auf das Schöne folgte das Groteske in Gestalt einiger alten Weiber, die mit »süssem« Grinsen, zum Halloh der Träger, ihre runzeligen Glieder verrenkten.

Um Nahrungsmittel brauchten wir hier nicht zu sorgen; der Wunsch, etwas zu kaufen, wurde garnicht begriffen; denn dem Mwesi gehört eben alles, was im Lande ist, er nimmt sich was ihm beliebt und was er nicht nehmen kann wird ihm lastenweise von allen Seiten angebracht. Grosshörnige Rinder, Ziegen und Schafe, Unmengen von Bananen und Hülsenfrüchten, zahlreiche Krüge mit Pombe kamen fortwährend, ohne dass irgend jemand von uns etwas verlangte oder erbat. Selbst die sonst unvermeidliche Bettelei der Neger verstummte dem Mwesi gegenüber. —

Das Land behielt stets den Charakter eines grasigen von engen Papyrusthälchen durchzogenen Berglandes. Manchmal hat man eine breite Senkung zu überschreiten, die stets versumpft und mit verfilzter, schwimmender Grasvegetation bedeckt ist, in welche man leicht einsinkt. Die Warundi häuften hier Bündel von Gras auf, um uns das Ueberschreiten zu erleichtern. In dieser Gegend lebt auch ein den Pygmäen verwandter Stamm der Watwa, der in ärmlichen Grashütten haust.

Landschaft in Nord-Urundi.

Wir durchzogen die reich bewohnten Distrikte von Gutaha und Mukivuye und erreichten am 10. September Intaganda, eine Landschaft am rechten Ufer des breiten Thales, welches der papyrusreiche Akanyaru-Fluss durchströmt. Dieser gab Veranlassung zur Entstehung der Sage vom Nyansa ya Akanyaru, dem Alexandra-See Stanley's.

Jenseits tauchten hohe grasige Berge mit den dunkeln Punkten der Siedlungen auf; es war Ruanda, das räthselhafte Königreich, in welchem weisse Neger vermuthet wurden, jenes Fabelland, von dem viele Reisende gehört, das aber noch Keiner betreten hatte. Mein Wunsch, die Nilquellfrage endgiltig zu lösen, hielt mich davon ab, eine nähere Erforschung dieses Landes vorzunehmen, jedenfalls wollte ich es jedoch besuchen und beschloss daher am nächsten Tage den Akanyaru zu übersetzen.

Die moralische Kraft meiner Leute, besonders der Askari, wurde zu jener Zeit auf eine harte Probe gestellt. Denn darüber waren wir uns völlig klar, dass diese tolle Freundschaft der Warundi, welche ausschliesslich auf Aberglauben begründet war, jeden Augenblick durch irgend welche zufälligen Ereignisse in das Gegentheil umschlagen konnte. Zwar kam alles unbewaffnet und nur mit langen Stäben, doch die Speerspitze steckte in Laub eingewickelt unter dem Rindenzeug, und jeden Augenblick konnten die friedlichen Tänzer sich in speerschwingende blutgierige Gegner verwandeln. Ein strenger Wachtdienst wurde daher Tag und Nacht unterhalten und Befehle ausgegeben, welche es uns ermöglichen sollten, jeden Moment einen Angriff abzuwehren.

Das Bewusstsein der trotz aller Freundschaft stets drohenden Gefahr, der Anblick der tausendköpfigen Menschenmasse, welche gleich einem brausenden Meere sich längs der Karawane hinwälzte, das ununterbrochen andauernde Getöse, alles das war im Stande auch die härtesten Gemüther zu beeinflussen. Vom Tanganyika, dem wir zustrebten, hatte hier kein Mensch eine Ahnung und immerfort ging es nach Westen, unbekannten Fernen zu. Ich versicherte ja freilich, dass der Tanganyika nicht mehr weit sei, aber auch das Vertrauen in die Wissenschaft des Weissen hat in solchen Fällen seine Grenzen. Dazu kam, dass Mzimba an einer Augenentzündung erkrankt und fast blind war, also nichts zur Hebung des guten Muthes der Mannschaft beitragen konnte.

Als wir denn in Intaganda lagerten und das wilde Stampfen und Jauchzen der Warundi draussen ertönte, hielten die Askari unter sich eine Berathung und schickten mir eine Deputation, welche mich bat, zurückzukehren, denn sie wollten nicht mehr weiter ins Innere reisen und den Akanyaru nicht übersetzen. Dies wäre nun vielleicht der Moment gewesen, meine Leute antreten zu lassen, nach berühmten Mustern eine begeisternde Rede zu halten und an ihre Treue und ihren Muth zu apelliren. Vielleicht wären sie mir dann — ebenfalls nach berühmten Mustern — zu Füssen gefallen und hätten gerufen: »Mit Dir gehen wir bis an's Ende der Welt.«

Aber ich versäumte leider diese Gelegenheit und begnügte mich, der Deputation einige harte Gegenstände, die sich gerade in meiner Nähe befanden, an den Kopf und sie aus meinem Zelt hinaus zu werfen. Als dann gegen Abend die Askari zur Wachabtheilung antraten, fragte ich sie, ob vielleicht noch jemand von mir etwas wünsche, worauf sie versicherten, dass sie ganz und gar zufrieden seien.

Am Morgen des 11. September übersetzten wir den Akanyaru. Von Intaganda aus marschirten wir zuerst über eine bergige, von Dörfern bedeckte Halbinsel, welche in die Papyrus-Sümpfe einschneidet. Dann stiegen wir steil zum Akanyaru ab und betraten den von Wurzelstöcken durchsetzten, jetzt völlig trockenen schwarzen Boden der Ufer, in dem 2-3 m hohe Papyrus-Halme gedeihen. Der erste Arm des Flusses war etwa 10 m tief und nicht durchwatbar. Am linken Ufer, welches schon zu Ruanda gehört, zeigte sich anfangs keine Seele, und ich begann mit meinen Leuten die Ufer nach einem Kanu abzusuchen.

Da traten drüben einige Wanyaruanda, mit Speeren und Haumessern bewaffnet, aus dem Schilf. Die Warundi riefen ihnen zu, die Speere wegzulegen, da der Mwesi ihr Land besuchen wolle. Dies geschah sofort; auf einen gellenden Schrei des Anführers erschienen noch etwa 50 Leute und begannen unaufgefordert eine eifrige Thätigkeit. Einige holten zwei grosse, im Schilf verborgene Kanus, in welche sie, mit ausgehöhlten Rudern arbeitend, die Karawane überzusetzen begannen. Andere flochten lange Seile aus Papyrus, die sie über den Fluss spannten, worauf sie in Form von Papyrusbündel Scheiterhaufen darauf häuften und festbanden. Auf diese Art errichteten sie in unglaublich kurzer Zeit eine Brücke, auf welcher die Träger, ja selbst Rindvieh und Esel trockenen Fusses übersetzen konnten.

So marschirten wir in Ruanda ein, als jedoch unser reichliches Gefolge von Warundi nachdrängen wollte, widersetzten sich die Eingeborenen und auch ich, der ich froh war, die unruhige Gesellschaft loszuwerden, machte meine Autorität als Mwesi geltend und schickte sie heim. Sie blieben zurück und lange tönte ihr Ruf »Gansa gansa Mwami« (sei gegrüsst Häuptling) hinter uns her. Noch überschritten wir einen zweiten, ebenfalls überbrückten Arm und verliessen dann den Papyrusgürtel um den Hang eines steil ansteigenden Grasberges zu betreten.

Auch hier standen grosse Menschenmengen, auch hier wurde getanzt und gejubelt und die Weiber, unter welchen es sehr hübsche gab, empfingen uns mit »offenen Armen« und sangen, ihre Laubzweige schwingend, wohlklingende Lieder. Doch fehlte der tolle Fanatismus Urundi's, ich war eben hier nicht mehr der Mwesi, sondern höchstens ein ausländischer Potentat, dem man einige Aufmerksamkeiten erweist. Wir lagerten auf der Höhe in einem schönen bananenreichen Dorfe Mundabi, das gut gebaute, wohnliche Hütten besass. Dort stellten sich mir einige Häuptlinge, Watussi, mit völlig abessinischen Gesichtstypen vor, die hier Kigere, den König von Ruanda, vertraten. Auch in der Verproviantirung zeigte sich ein Unterschied mit Urundi, man brachte zwar reichlich Lebensmittel, aber man erwartete und bekam Gegengaben. Die beiden nächsten Tage verbrachten wir in Mundabi und ich zog eingehende Erkundigungen über das Vorhandensein eines Sees in Ruanda ein, erhielt jedoch hier, im Lande selbst negative Antworten. Die Eingeborenen führten öfter Tänze auf, haben es jedoch in der Kunst Terpsichorens nicht annähernd so weit gebracht wie die Warundi.

Am 14. September zogen wir durch stark welliges, offenes Land mit grünenden Thälern und steilen Hängen gegen Südwest. Ueberall rieselten klare Bäche, welche in zahlreiche Gräben abgeleitet, die schönen Felder bewässerten. Ueberhaupt waren die Kulturen und Dörfer in Ruanda viel besser gehalten als in Urundi, ein Umstand, der bei sonst ganz gleichartiger Bevölkerung wohl der Ruhe im Lande, im Gegensatz zu dem politisch zerfahrenen Urundi, zu danken ist. Auch ziemlich viele Rinder mit ungeheueren Hörnern sind zu sehen.

Die Eingeborenen bereiteten uns überall einen freundlichen Empfang, die Weiber sangen und die Aeltesten überreichten uns mit Laub umwundene Spaten als Friedenszeichen. Ueberall gab es Watussi, die durch schlanken Körperbau und fast europäischem Typus sofort auffielen. Einige waren lichter gefärbt und haben wohl zur Entstehung der Sage von den weissen Negern Veranlassung gegeben. Sie benahmen sich etwas zurückhaltend und erklärten stets, wir müssten erst die Erlaubniss Kigeres zum Verlassen des Landes einholen, bevor wir uns der Grenze näherten. Merkwürdigerweise hielt man uns im Lande für gänzlich unbewaffnet, da Gewehre völlig unbekannt waren.

Watussi-Rind.

Am nächsten Morgen zogen wir durch mehrere Dörfer, wo wir mit gewohntem Jubelgeschrei empfangen wurden, und wandten uns dem Abfall gegen den Akanyaru zu, der auch hier die Grenze Urundi's bildet. In dem offenen, grasigen Lande konnte ich die ganze Karawane übersehen und bemerkte, dass plötzlich etwa dreissig mit Bogen bewaffnete Eingeborene sich dem Vortrab entgegenstellten. Es waren Watussi, welche Mkamba zuriefen, wir dürften das Land nicht verlassen, bevor Kigere dies bewilligt. Mkamba hielt dies für einen Scherz, da er doch nicht annehmen konnte, dass dreissig Leute die Karawane aufhalten wollten, und marschirte ruhig weiter. Da vertheilten die Krieger sich seitwärts von der Route und begannen ganz gemüthlich, Pfeile auf uns zu schiessen. Natürlich genügten einige Schüsse, um sie zu verjagen, worauf unsere Massai-Viehtreiber sie mit ihren langen Speeren verfolgten. Damit war dieser Zwischenfall erledigt und im nächsten Dorfe erscholl wieder Freudengeschrei und Weibergesang.

Wir stiegen über steile Hänge nach dem Akanyaru ab. In den Schluchten rauschten Gewässer, die von Schirmakazien und Laubbäumen eingesäumt waren. Solche bezeichneten auch den Lauf des Akanyaru, der hier als vielgewundener, reissender Bergstrom gegen Nordost floss. Während wir den Fluss durchwateten, sammelten sich jenseits riesige Menschenmengen an, das »Gansa mwami« erscholl, Alles jubelte, tanzte, klatschte und tobte wie wahnsinnig im Kreise herum — kurz, wir waren wieder in Urundi.

In den nächsten Tagen durchzogen wir die Distrikte Mugitiva und Rusiga. Das Land steigt immer mehr an und erhebt sich zu bedeutender Seehöhe. Grasige, langgezogene Rücken durchziehen das Land und fallen in steilen Hängen zu den meist sumpfigen Thälern ab. Im Südwesten taucht allmählich eine hohe waldige Bergkette auf, in der ich die Wasserscheide gegen den Tanganyika vermuthete. Die zahlreichen Gewässer bildeten die hintersten Wasser des Nil, dessen Quelle wir uns immer mehr näherten. Die bananenreichen Dörfer waren von Feldern umgeben, in welchen besonders eine vorzügliche Erbsenart gedieh, auf den Wiesen weideten zahlreiche Rinder mit ungeheurem Gehörn.

Der Fanatismus der Warundi erreichte hier seinen Höhepunkt. Ungeheure Volksmassen kamen von allen Seiten angezogen und wälzten sich gleich einem Strom hinter uns her. Andere Schaaren zogen voraus, gleich einem Heuschreckenschwarm über alles im Lande herfallend. Sie rissen Vorräthe und Hausgeräth aus den Hütten, die Felder waren in wenigen Minuten kahl, ganze Heerden von Rindern wurden mitgetrieben und von meinem rasenden Gefolge oft buchstäblich in Stücke zerrissen. Die ungeheuren Pombemassen, die sich in den Dörfern fanden, trugen ebenfalls nicht zur Beruhigung der Gemüther bei.

Die Bewohner der Ortschaften liessen sich nicht immer ruhig ausplündern, es fanden blutige Gefechte vor der Karawane statt, bei welcher Leute schwer verwundet, mehrere sogar erschlagen wurden. Aber sobald ich mich näherte, legten beide Theile die Waffen nieder, warfen sich buchstäblich unter die Hufe meines Reitesels und riefen ihr »gansa mwami!« Die tollste Raserei entwickelte sich in unmittelbarer Nähe meiner Person. Männer, Weiber und Kinder drängten mit fürchterlichem Geschrei und fanatisch verzerrten Zügen auf mich ein; denn den Mwesi gesehen oder gar berührt zu haben, galt als das höchste Glück. Kurbatschhiebe und selbst Kolbenschläge der Askari waren völlig wirkungslos, mit blutüberströmten Gesichtern kehrten die Gezüchtigten sofort wieder und heulten knieend ihr »gansa mwami«.

Der fortwährende Anblick dieser aneinander gepressten schwarzen Leiber, das Getöse, welches die Luft erzittern machte, und der Wahnsinn, der aus dem ganzen Treiben sprach, machten auf mich den tiefsten Eindruck. Ich rechne es mir zur Ehre an, in jenen Stunden die topographische Aufnahme auch nicht eine Minute unterbrochen zu haben. Wenn mir das überhaupt möglich war, so verdanke ich dies nur meinen braven Askari, die dieser Volksmasse gegenüber ihr kaltes Blut behielten.

Natürlich wandte sich die Wuth der Leute oft gegen sie, wollten sie die Warundi doch von ihrem Mwami abhalten. So kam es, dass am 17. September die Askari erst durch Stockhiebe, dann durch Bisse und schliesslich sogar durch Messerstiche verwundet wurden. Als einem jungen Manyema-Ruga-Ruga gar die Unterlippe abgebissen wurde, war es kein Wunder, dass er Feuer gab. Wie es in solchen Fällen zu gehen pflegt, krachten gleich mehrere Schüsse, und bevor mein sofort gegebener Pfiff zum »Feuer einstellen« sich Geltung verschaffte, bedeckten zu meinem tiefen Bedauern etwa 30 Warundi todt und schwer verwundet den Boden.

Eine Todtenstille trat ein und wir erwarteten nun, den längst gefürchteten Umschlag der Stimmung eintreten zu sehen. Aber nichts dergleichen geschah, ein gellender Freudentriller einer hohen Frauenstimme unterbrach das Schweigen, das »gansa mwami« erscholl wieder aus tausend Kehlen, die Krieger tanzten wenige Schritte von den Leichen ihrer Landsleute, und in das Aechzen der Sterbenden mischte sich der Jubelgesang der Weiber. Es war ein schreckliches Bild.

Obwohl ich mich selbst und in Anbetracht der Umstände auch die Askari von jeder Schuld freisprechen musste, rief ich doch im Lager die Aeltesten der Gegend zusammen und erklärte mich bereit, das in Afrika in solchen Fällen übliche Blutgeld zu zahlen. Aber sie hielten das für einen Scherz. »Der Mwesi«, sagten sie, »thut und lässt was er will, schlägt todt wen er will, ja, ein Mwesi, der keine Leute todtschlägt, wäre gar kein richtiger Mwesi.«

Im Lager war natürlich lebhafte Bewegung. Die Volksmengen, welche uns begleiteten, lagerten meist etwas abseits und äfften Nachts die Rufe unserer Wachtposten nach. Zu mir kamen fortwährend Leute mit Geschenken, kamen Zauberer mit weiss bemalten Gesichtern, eine Klapper schwingend und mit künstlich heiserer Stimme Beschwörungen murmelnd, ja es kamen Leute, welche selbst meinem Esel Geschenke an Vieh und Pombe anboten und sich um sein Wasser, als einer kostbaren Medizin, schlugen. Einmal brachte man mir einen uralten weisshaarigen Mann und fragte mich, ob ich ihn kenne. Ich bedauerte nicht die Ehre zu haben, worauf der Alte meinte, ich habe ihn wohl vergessen, er aber erinnere sich noch genau daran, mich schon früher als Mwesi gesehen zu haben.

Die Träger hatten damals eine bequeme Zeit, denn unterwegs galt es bei den Warundi als eine vielbeneidete Ehre, die Lasten des Mwesi zu schleppen und im Lager bedurfte es nur eines Winkes, um Eingeborene zum Wassertragen und anderen Verrichtungen zu veranlassen.

Am 18. September überschritten wir den Nil, der hier, wie an der Grenze von Ussui, Ruvuvu genannt wird, einen stark fliessenden, etwa 5 m breiten Bach, und wandten uns nach Nordwest, um dessen Quelle zu erreichen. In den zahlreichen Dörfern hausen viele Watussi, die sich zum Unterschied von den Warundi scheu und ablehnend verhielten. Sie stellen gewissermaassen einen Raubadel vor und waren daher von dem Erscheinen eines Mwesi, der ihnen angenehme anarchische Zustände beenden konnte, keineswegs erbaut. Die Warundi warnten mich mehrfach vor ihnen und als ich sie aufforderte, doch alle Feinde von mir abzuwehren, was ihnen bei ihrer riesigen Uebermacht nicht schwer fallen könne, erklärten sie, dass dies nicht anginge, sie als »Wahutu« (Unterworfene) könnten unmöglich mit ihren Herren, den Watussi, kämpfen, dies müsse der Mwesi schon selbst besorgen.

Als wir am 18. September von einer Anhöhe abstiegen, fiel mir auf, dass unser Warundi-Gefolge langsam zurückblieb und plötzlich bemerkte ich etwa 200 Watussi, die mit Bogen und Speer bewaffnet von der Höhe auf uns anstürmten. Ich bestieg schleunigst mit meinen Askari eine Kuppe im Hang, liess einige Salven auf die Angreifenden abgeben und warf sie ohne Schwierigkeit. Als ich die Höhe erstieg, war ich natürlich überzeugt, dass alle bei mir befindlichen Leute mir dahin folgen würden. Zum Unglück blieb jedoch der Massai-Dolmetsch Bakari (Kiburdangop) mit seinem Freunde, dem Elmoruo Ndaikai von Unter-Aruscha am Wege stehen. Einige Watussi bemerkten diese beiden, stürzten auf sie los und verwundeten Bakari am Oberarm. Allerdings stiess Ndaikai die beiden Krieger nieder, doch als er mit blutrauchendem Speer zu mir kam, um den Vorfall zu melden, war es zu spät, Bakari war bereits dem Blutverlust erlegen. Nun geriethen unsere Massai-Hirten, die Bakari stets besonders geneigt waren, in grenzenlose Wuth; unterstützt von den Elephantenjägern unternahmen sie eine Verfolgung der Watussi und stiessen viele derselben nieder.

Den braven Bakari, der sechs Jahre seines Lebens im Massai-Lande verbracht und dem ich fast alles verdanke, was ich über Sprache und Sitten der Massai erfahren, senkten wir in die Erde — eine Tagereise von der Nilquelle.

TAFEL X

Missosi ya Mwesi und die Nilquelle.

Am 19. September verfolgten wir den Ruvuvu-Nil aufwärts, der hier ein kleines, nicht viel über einen Meter breites Bächlein ist, das in schmalem, leicht sumpfigem Thal zwischen hohen und steilen Grashängen rauscht. Nach einigen Stunden erreichten wir eine Stelle, wo das Thal sich gabelt und zwei kleine, kaum einen halben Meter breite Rinnsale sich einen. Hier war die Ansicht der Eingeborenen getheilt, welche der beiden Quellen als Ruvuvu, als Nil, zu bezeichnen sei. Doch schien mir dies von nebensächlicher Bedeutung, da die Schluchten, wie man deutlich wahrnehmen konnte, in den westlich ansteigenden theilweise waldigen Bergen ihr Ende erreichen und kaum einen Kilometer oberhalb des Vereinigungspunktes zu reinen Regenschluchten werden, die nur periodisch Wasser führen. Wir standen am Ursprung des Kagera, des mächtigen Hauptstromes des Victoria-Nyansa, welchen die Engländer Alexandra-Nil nennen, weil er zugleich der Quellfluss des Nil ist, wir standen an der

Quelle des Nil. Das uralte Problem, in welches zuerst Licht geworfen zu haben Spekes unvergänglicher Ruhm ist, fand hier seine endgiltige Lösung, das Ziel welches Stanley 1874 vergeblich angestrebt, war erreicht.

Wir erstiegen eine grasige Höhe zwischen den beiden Quellschluchten und lagerten im kleinen Watussidorf Unyange. Unser Gefolge an Warundi hatte stark abgenommen, denn merkwürdigerweise gilt diese Stelle ihnen als heilig und wird mit abergläubischer Scheu betrachtet. Hier wurden einst die verstorbenen Mwesi begraben.

Wuruhukiro und der Ganso Kulu.

In einem dunklen Hain, dem Wuruhukiro, unweit des linken Quellrinnsals, ruhten die Träger der Königsleichen, die Bestattung fand dann am Gipfel des Ganso Kulu, eines hohen Grasberges, statt. In den Berg-Wäldern irren, nach dem Glauben der Warundi, heute noch die Geister der verstorbenen Mwesi, nach welchen das Gebirge Missosi ya Mwesi genannt wird. Dieser Name, welcher wörtlich übersetzt »Mondberge« heisst, überraschte mich aufs höchste, denn wen würde er hier, an der Quelle des Nil, nicht unwillkürlich an die Mondberge der Alten erinnern, welche das räthselhafte Haupt des Nil beschatteten?

In Unyange trat wieder ein freudiges Ereigniss ein, im Lager der Elephantenjäger wurde ein Sprössling geboren, den ich Caput Nili taufte; der leidenden Wöchnerin zuliebe blieben wir am 20. September am Platze. Die Watussi machten sich mehrmals unangenehm bemerkbar, ja sie umschlichen Nachts das Lager und versuchten während eines schweren Wolkenbruches mit Hagelwetter einen Angriff. Sie wurden zwar ohne Schwierigkeit geworfen, doch mit der Nachtruhe war es vorbei und mehrmals wurde die Umgebung bei eiskalter, stockdunkler Regennacht mit der Magnesiumfackel abgeleuchtet, die grelle Lichtstrahlen über die weiten, schweigenden Grashalden warf. Am nächsten Morgen zeigten uns die Warundi eine grosse Schaar Watussi, die auf einem entfernten Hang Kriegsrath hielten. Ich störte diese Berathung sehr unangenehm durch einige wohlgezielte Schüsse mit dem Repetiergewehr und zum nicht endenwollenden Erstaunen der Warundi stob der Haufe auseinander. Bald darauf loderten überall Feuer in den Dörfern auf: die Warundi steckten die Dörfer der Watussi an, die sie nun für endgiltig besiegt hielten.

Am 21. September kletterten wir auf lehmigen, durch den Regen schlüpferig gemachten Pfaden über steile hohe Grasberge welche die Ausläufer der Missosi ya Mwesi bilden und lagerten im Dorfe Demera, wo die Hütten hübsch aus Bambus erbaut waren. Selbst hier, einige Tagereisen vom Tanganyika wusste man nichts von der Existenz dieses Sees und die Entmuthigung meiner Leute wuchs täglich. Ich beschloss nun die Missosi ya Mwesi zu übersteigen, da ich nach der Breitenbestimmung genau wusste, dass das Nordende des Tanganyika nicht mehr fern sein konnte. Natürlich musste ich zu diesem Zwecke die Eingeborenen über die vorhandenen Pfade ausfragen, was wieder das Missliche hatte, dass dadurch die Watussi Nachricht über unsere Bewegungen erhielten.

Zum Glück brachten die Askari bei Demera einen alten Mtussi ein, der, peinlich befragt, uns mittheilte, dass seine Landsleute einen Angriff im Bergwalde planten, was mir dann auch von Warundi bestätigt wurde. Ein Waldkampf gehört in Afrika bekanntlich zu den misslichsten Sachen, ich beschloss daher die Watussi ruhig auf uns lauern zu lassen und das Gebirge an einer anderen Stelle zu überschreiten.

Am 22. September ging es bei kühlem Wetter steil bergan; über die Grasfelder flogen Nebelstreifen, während in den Thalrissen prächtiger Wald mit weissen schlanken Stämmen und hohen tiefgrünen Laubkronen gedieh. Dort sah ich zum ersten Mal seit Jahren wieder den grauen Papagei, einen alten Bekannten aus West-Afrika. Weiter oben ersetzten strauchartige Erika's die Stelle des europäischen Krummholzes und einzelne 3-4 m hohe, an Königskerzen erinnernde Pflanzen (Lobelia) fallen auf. Ganz nahe an der Kammhöhe trafen wir noch mehrere kleine Warundidörfer, deren, trotz der Kälte fast nackte Bewohner zu unserer Begrüssung herbeieilten. Steil stiegen wir durch dichtes Bambusgestrüpp ab, das mit seinen zahllosen schlanken Zweigen und dem zarten matt-grünen Laubgefieder einen reizenden Anblick gewährt. Wir passirten einen dem Russisi zufliessenden klaren Bergbach und überstiegen einen zweiten hohen Kamm, der ganz mit Bambus und hochstämmigem dichten Wald bedeckt und von schmalen in den Lehmboden tief eingetretenen Pfaden durchzogen ist.

Erst Nachmittags traten wir aus der dunkeln Wildniss und gelangten in das Dorfgebiet der Landschaft Imbo, wo Bananenhaine und reiche Felder die Hänge bedecken. Am Fusse des Berges dehnte sich ein welliges Land aus, wo sich Feld an Feld reiht und unzählige Rauchsäulen die Weiler bezeichnen. Westlich davon liegt das breite flache Thal des Russisi mit seinen fernen dunkeln Randbergen, die schon dem Territorium des Kongostaates angehören. Im Süden schloss ein scharfer, heller Streif das Bild. Es war der Tanganyika, und ich zeigte ihn meinen Leuten, doch schüttelten sie ungläubig die Köpfe. Erst als die Sonne für einen Augenblick die Wolken durchbrach und die Wasserfläche silbern erglänzte, da ging ein Jubelschrei durch die Karawane: Al hamdu lillahi, tumepona! (Gott sei Dank, wir sind gerettet.)

Wir lagerten in einem kleinen Dorfe, dessen Bewohner uns freundlich, aber ohne Begeisterung aufnahmen; auch ich sagte »Gott sei Dank«, denn die Mwesi-Tollheit war vorüber. Es waren echte Warundi, welche dieses gesegnete Land bewohnten. Das Auftreten anderer Kulturpflanzen zeigte die Nähe des völkerverbindenden Sees an. Am 23. September stiegen wir von der Höhe ab und marschirten durch welliges von Bachthälern durchzogenes Land, auf dessen fettem Humusboden prächtige Felder der Eingeborenen gedeihen, in welchen die Bananenhaine und Komplexe halbkugeliger Hütten verstreut sind. Auch der glänzendblättrige Rindenbaum wird überall gebaut und zur Verfertigung des schönen, ziegelrothen Zeuges verwendet. Man sah ziemlich viel Vieh auf der Weide und in den Dörfern gab es reichlich Nahrung, Tabak und vortrefflichen Honig. Das Benehmen der Eingeborenen war gerade nicht unfreundlich, aber scheu; vor allen Dörfern standen Bewaffnete: sie hatten offenbar schon Küstenkarawanen und nicht von der besten Seite kennen gelernt, denn der Araber Rumaliza (Mohammed bin Halfan) aus Ujiji pflegte seine Sklavenjagden bis hierher auszudehnen.

Am 24. September betraten wir in der Landschaft Utavuka die Russisi-Ebene, welche mit hohem Graswuchs, Dorngestrüpp und Baumeuphorbien einen steppenhaften Eindruck macht. Nur wo die wasserreichen Bäche aus den Bergen treten, dehnen sich üppige Bananenhaine und ganze Wälder herrlicher Oelpalmen aus, die mich lebhaft an Westafrika erinnerten. Besonders fällt der Reichthum an Schmarotzerpflanzen auf, die an den Blattansätzen der Palmen herauswuchern und oft förmliche Bäume am Baum bilden. Dazwischen flatterte in kreischenden Schaaren der graue Papagei.

Am 23. war der Marsch durch sumpfige Stellen erschwert und führte dann durch offenes sandiges Alluvialgebiet, in welchem die glühende Sonnenhitze lästig wurde, bis endlich ein Blick auf den wogenden Tanganyika alle Mühe vergessen liess. Wir durchzogen einen Bananenhain, der seine Ufer säumt und lagerten knapp am Strande in einem kleinen Dorfe.

Der Anblick der sich von dort bot gehört zu dem Grossartigsten was ich in Afrika geschaut. Vor uns dehnte sich, ein riesiges Binnenmeer, der tiefblaue Tanganyika mit seiner donnernden, oceanartigen Brandung. Hinter dem üppigen, palmbekränzten Ufer erhoben sich im Osten die grünen Urundiberge, während im Westen, scheinbar direkt den Fluthen entsteigend, die gewaltige dunkle Bergmauer von Uvira aufragte.

Mit Behagen athmeten wir die köstliche Seebrise ein und liessen uns selbst durch Krokodile den Genuss eines Bades nicht verkürzen. Hatten wir doch den schwierigsten Theil unserer Reise hinter uns, standen wir doch an der äussersten, westlichsten Grenze des deutschen Interessengebietes und führte unser Weg fortan doch der aufgehenden Sonne entgegen, nach der Küste, nach der Heimath!

Warundi vom Tanganyika.

[[←]] V. KAPITEL.
Vom Tanganyika nach Irangi.

Das Lager der Sklavenhändler. — Kämpfe mit Watussi. — Die südlichsten Nilzuflüsse. — Baumdörfer am Mlagarasi. — Im Waldland Uha. — Kirambo. — Die Mission Urambo. — Tabora. — Erstürmung von Tambarale. — Sunguisi. — Die Wembere-Steppe und Usure. — Turu. — Ussandaui. — Irangi.

Am Tanganyika trafen wir zum ersten Male seit Wochen wieder auf Küstenleute. Unweit unseres Lagers lag, von festem Stangenzaun umgeben, eine Niederlassung des Arabers Mohamed bin Halfan aus Ujiji, besser bekannt unter dem Namen Rumaliza. Doch die freudige Begrüssung, die sonst beim Zusammentreffen mit Swahíli stattfand, blieb hier aus; scheu hielten sich die Insassen des Ortes in ihrer Befestigung und Nachts zeugte das fortwährende Dröhnen einer Trommel, dass sie scharfe Wacht hielten.

Für mich lag darin nichts verwunderliches, denn Rumaliza, ein Sklavenhändler und Kompagnon Tippo-Tips, galt seit jeher als Feind des Europäerthums und stand damals in dringendem Verdacht, mit dem aufrührerischen Häuptling Sike von Unyanyembe unter einer Decke zu stecken. Das war mir bekannt, doch konnte ich nicht wissen, dass zur selben Zeit am Südufer des Tanganyika blutige Kämpfe zwischen Belgiern und Arabern stattfanden, und dass in Manyema der grosse Entscheidungskampf zwischen dem Kongostaat und den Arabern begonnen hatte. Doch liefen dunkle Gerüchte von Kämpfen der Europäer mit Rumaliza bei mir ein, und die Warundi meldeten mir, dass Bakari, der Häuptling Rumaliza's in Ruwenga, jenseits der Russisi-Mündung einen Angriff auf mich plane. Diesem galt es unter allen Umständen zuvor zu kommen. Ich schickte also einen meiner Elephantenjäger, der früher in Manyema gewesen, nach dem arabischen Lager und liess dessen Anführer auffordern, zu mir zu kommen.

Nach längerer Zeit erschienen sie auch, wüst aussehende Kerle in zerrissener Küstentracht und mit langen Flinten. Es war derselbe Schlag Leute, mit welchen ich vor Jahren an den Stanley-Fällen des Kongo viel zu thun hatte; Menschen, die sich Sansibariten nennen, weil sie nothdürftig Kiswahíli sprechen, und doch nur Sklaven aus Innerafrika sind, die niemals die Küste gesehen. Sie berichteten übereinstimmend mit den Warundi, dass Bakari (Kapokora) das Oberhaupt dieser Gegend sei, und erklärten sich bereit, einen Brief an denselben zu bringen. Denn es war natürlich mein Wunsch, mit diesen Leuten gütlich auszukommen, da mir an dem Risiko eines Gefechtes mit Arabern wenig gelegen war, um so weniger, als dasselbe auf keinen Fall der Expedition irgend etwas nützen konnte. Ich beschloss daher, an Bakari zu schreiben.

Solche Briefe sind keineswegs leicht zu verfassen, da sie, wenn zu friedlich gehalten, leicht den Eindruck der Aengstlichkeit machen und dadurch geradezu den Angriff herausfordern. Mein Sekretär für diese Art Korrespondenz war der Askari Mwalim bin Kivuma aus Tanga, ein braver, ernster Bursche, der zum Unterschied von dem endlosen Phrasengewäsch seiner Landsleute einen geradezu lapidaren, an antike Inschriften erinnernden Styl besass. Als Beispiel sei der Brief an Bakari angeführt, den er für mich verfasste:

Salaam, baada ya salaam nimekuja mzungu mdachi. Kana unataka kupigwa njo upigwe. Kana unataka amani nami nataka amani. Lete sawadi zako kwa sababu baada ya siku tatu nitaondoka. Hii ndio maneno yangu, bwana kivunja. Dr. O. B.

(Gruss, nach dem Gruss: ich, ein deutscher Reisender, bin gekommen. Willst du geschlagen werden, so komme und werde geschlagen. Willst du Frieden, so will auch ich Frieden. Sende deine Geschenke, denn in drei Tagen reise ich ab. Dieses ist meine Rede. Bwana Kivunja. Dr. O. B.)

Die Wirkung dieses Briefes war ganz die gewünschte: denn schon am nächsten Morgen schickte Bakari Reis und Fische als Geschenk und liess mir versichern, dass er gänzlich friedlich gesinnt sei. Offenbar scheute er das Abenteuer eines Kampfes mit einem Europäer, der in drei Tagen abzog.

Bis 30. September erfreuten wir uns des angenehmen Aufenthaltes am See. Ein besonders eigenartiges Schauspiel bot das nächtliche Fischen der Eingeborenen bei Fackelschein, welches einen Kranz hellleuchtender Brände über die dunkle Wasserfläche zog.

Die arabische Niederlassung, die aus einigen Negerhütten bestand, war gefüllt mit Sklaven, meist Weibern und Kindern, von welchen nur einige Fusseisen trugen, während die andern frei umherliefen. Diejenigen, welche sich schon länger in der Station aufhielten, sahen halbwegs gut genährt aus, ein neuer Transport jedoch, der von Ruwenga ankam, bestand fast nur aus skelettartig abgemagerten elenden Gestalten, aus deren tiefliegenden Augen der Hunger sprach. Es waren meist Leute aus Ubmari, Uvira und Ubembe, Gegenden, die von Rumaliza's Leuten unaufhörlich verheert werden, die trotz ihrer Fruchtbarkeit nun fast brach liegen, und wo die von Pocken und Elend decimirten Eingeborenen ihre Kinder in die Sklaverei verkaufen oder selbst von den Leuten der Araber aufgelesen werden.

Obwohl die Händler viele kleine Stationen errichten, um die Verproviantirung zu erleichtern, wüthet doch fast fortwährend Hungersnoth in denselben, und die Krokodile des Tanganyika haben an den täglich hineingeworfenen Leichen ein reiches Mahl. Denn die ausgesogenen Gegenden können den Unterhalt dieser Massen nicht mehr bestreiten, die nur langsam in Kanus nach Ujiji zur Weiterfracht befördert werden.

Mhogo hadim Kivunja.

Aus Mitleid kaufte ich einige dieser Elenden, aufgeweckt aussehende Jungen, für Spottpreise, um eine rothe Mütze, zwei Meter Baumwollstoff u. s. w., frei, und gab sie später an Missionen ab. Es war unglaublich, wie rasch diese armen Kinder sich erholten: ein Bad, ein Fetzen Zeug als Lendenschurz, eine tüchtige Mahlzeit — und der stumpfsinnige, verzweifelnde Wilde ward zum heiteren, leidlich aussehenden Menschenkind.

Besonders rasch und gründlich veränderte sich Mhogo hadim Kivunja, ein Knirps, den ich in der Nähe des arabischen Lagers als schielendes kleines Scheusal mit runzeligem Greisengesicht aufgelesen. Er wurde später mein persönlicher Diener und weilt in dieser Eigenschaft heute noch bei mir. Doch Niemand würde in dem lebhaften, gesunden Jungen das elende Sklavenkind wiedererkennen, welches ich für eine Schüssel Maniok (Mhogo) und einen Meter Baumwollzeug am Tanganyika erstanden.

Am 30. September verliessen wir Usige, wie die von Warundi bewohnte Landschaft am Nordende des Tanganyika genannt wurde, um den Rückmarsch anzutreten. Natürlich wählten wir dazu nicht den Weg über Ujiji und die vielbetretene Karawanenstrasse, sondern hielten direkt Südost durch gänzlich unbekanntes Gebiet auf Urambo zu. Die Leute Rumaliza's, die uns abziehen sahen, schüttelten bedenklich die Köpfe und meinten, wir würden in dieser Richtung wohl nicht weit kommen, denn die Araber hätten sich da oben im Gebirge mehr als einmal blutige Köpfe geholt.

In den nächsten Tagen stiegen wir steil zur Höhe des Abfalls an. Der Hang ist von Warundi bewohnt und reiche Bananen- und Maniokpflanzungen dehnen sich zwischen völlig offenen, baumlosen Weidegebieten aus. Zahlreich sind die kleinen von Dornhecken umgebenen Dörfer, deren freundliche Eingeborene verwundert die Karawane anstarrten. Am 2. Oktober erreichten wir den Kamm, warfen einen letzten Blick auf die mächtige Fläche des Tanganyika, der düster zwischen seinen Steilufern lag und betraten ein welliges Grasland.

Wir waren hier wieder im Nilgebiet; die klaren, in den Thälern rauschenden Bäche bildeten die südlichsten Zuflüsse des »Vaters der Ströme«. Hier hausten ausschliesslich jene kühnen Hirten hamitischer Abstammung, die Watussi, und ihre ärmlichen Weiler mit ihren Distel- und Stachelgestrüpphecken, mit ihren malerischen hohen Bambusstauden und kleinen Erbsen- und Kürbisfeldern, waren überall verstreut; auf den Wiesen weideten zahlreiche, grossgehörnte Rinder. Diese Watussi waren es, welche Rumaliza und sein Gefolge geschlagen hatten.

Zuerst zeigten sie uns gegenüber keine feindlichen Absichten, nur alte Leute mit scharfen Zigeunergesichtern hockten unbeweglich am Wege und starrten uns misstrauisch an. Als wir jedoch eine Anhöhe hinanstiegen, erblickten wir auf deren Höhe eine grosse Schaar bewaffneter Krieger, welche den Weg versperrten. Sie riefen uns zu, wir möchten sofort umkehren und das Land verlassen, sonst würde es uns wie jenen ergehen, die vor uns gekommen seien. Ich liess ihnen antworten, dass wir nur friedliche Absichten und mit den Arabern nichts gemein hätten, ja gleich ihnen ihre Feinde seien. Ein wildes Kriegsgeschrei und Pfeilschüsse waren die Antwort. Ich liess einige Salven abgeben und ging dann sofort zum Sturm über, bei dem die Gegner geworfen wurden, worauf wir die Anhöhe besetzten.

Die Watussi, die offenbar von unserem Angriff überrascht waren, sammelten sich jedoch schnell, stürmten mit furchtbarem Geheul und geschwungenen Speeren wieder an und gaben erst nach, als sie durch erneuerte Salven erhebliche Verluste erlitten hatten. Dann begannen sie sich über die weite Hochfläche zu zerstreuen.

TAFEL XI

Der Tanganyika von Usige.

Da wir in dieser Gegend gänzlich ohne Wegweiser waren, musste ich eine Abtheilung Askari entsenden, welcher es auch nach langer Mühe und einer förmlichen Jagd gelang, einen der langbeinigen Watussi und ein Weib festzunehmen, die uns in den nächsten Tagen über das Grasplateau führten.

In Mhororo erreichten wir am 3. Oktober wieder ein Warundi-Dorf und traten am 4. in den vorzugsweise von Watussi bewohnten Distrikt Issasu, der von steileren, theilweise steinigen Kuppen durchzogen wird, deren Hänge mit zartem Gras bedeckt sind. Schon bei unserem Eintritt in das Land liefen uns viele Watussi mit Bogen und Speer nach und begannen schliesslich den Nachtrab zu beschiessen. Mzimba, dessen Augenleiden nun wieder völlig geheilt war, warf sie jedoch zurück und erbeutete eine Heerde von über 200 grosshörnigen Rindern. Von allen Bergen erscholl das Kriegsgeschrei der Watussi, aber nur wenige wagten sich in die Nähe der Karawane und griffen sie mit unglaublicher Kühnheit — natürlich erfolglos — an.

Gegen Mittag kamen wir in ein Dorfgebiet der Warundi, die uns unbewaffnet mit Tänzen und Jubelgeschrei empfingen und die Watussi, welche uns noch nachfolgten, mit den Waffen in der Hand verjagten, da diese, wie sie sagten, »den Krieg in ihr Land brächten«.

Zu jener Zeit machte sich der Mangel an Kugeln für die Vorderlader unangenehm bemerkbar, die wir erst durch Steine und hartgebrannten Töpferthon, dann (in Unyamwesi) durch Eisenkugeln ersetzten. Patronen für die Hinterlader besassen wir noch reichlich, was der ausschliesslichen Anwendung des Salvenfeuers zu danken war, durch welche eine grosse Munitionsersparniss ermöglicht wurde. Mehr als 5-10 Patronen per Mann wurden selten bei einem Gefecht verschossen, was bei Anwendung anderer Feuerarten entschieden unmöglich gewesen wäre. Auch machte ich die Beobachtung, dass die Leute, die ja im Schiessen nicht sehr gut ausgebildet waren, bei Salven ungleich ruhiger und besser schossen, als bei Einzelfeuer. Da Salven auf wilde Gegner auch einen weit grösseren Eindruck machen, so wurde Einzelfeuer überhaupt gänzlich untersagt und Niemand durfte ohne direktes Kommando schiessen.

Mein Vorgehen den Eingeborenen gegenüber war stets von dem Grundsatze geleitet, dass die festeste Hand zugleich auch die mildeste sei. Der Eindruck, welchen der erste Europäer in neuen Gebieten hervorruft, bleibt oft entscheidend für lange Jahre. Allzu friedfertige Haltung wird leicht als Aengstlichkeit aufgefasst und giebt Veranlassung zu eingeborenem Uebermuth, der später nur durch Ströme Blutes gebrochen werden kann. Energisches Auftreten dagegen, welches auch einen Kampf nicht scheut, der bei dem moralischen Uebergewicht unserer Waffen meist sehr unblutig verläuft, bringt den Eingeborenen von vornherein eine heilsame Achtung vor Europäern bei, welche die sicherste Gewähr späterer friedlicher Entwicklung ist.

Am 15. Oktober überschritten wir den Luaga und Msuávula, ansehnliche reissende Bäche, die zwischen ziemlich steilen Hängen rauschen und in ihrer sandigen Thalsohle die unglaublichsten Krümmungen machen. Den Msuávula bis zu seiner Quelle verfolgend, erstiegen wir einen höheren Grasberg; in zahlreichen Thalrissen bilden kleine Bäche hübsche Wasserfälle, an welchen Gruppen reizender Baumfarne auffallen. Auf der Höhe trafen wir ein offenes, leicht geneigtes Plateau, in dessen grasigen Halden die Felder und Dorfgruppen von Kiyonzo verstreut sind. Jedes Dorf bildet mit seinem stachligen Zaun, mit seinen dichten Bananen- und Ficus-Beständen einen kleinen Hain, der unvermittelt und kreisrund aus der grasigen Umgebung absticht. Im Innern sind die Dörfer durch Hecken in förmliche Irrgärten verwandelt, bieten jedoch einen schattigen, kühlen Aufenthalt.

Kiyonzo.

Am 7. Oktober überschritten wir einen kleinen, aber tief eingerissenen Bach, was mit den Rindern fast eine Stunde in Anspruch nahm, kamen an dem charakteristisch spitzen Felskegel Ulembera vorüber und passirten den vielgewundenen Luvirosa-Bach, unweit welchem wir in einem kleinen Dorfe, das theilweise von Watwa-Töpfern bewohnt war, lagerten.

Am 8. Oktober überstiegen wir eine mässig hohe, aber steile und steinige Bergkette, welche dadurch merkwürdig ist, dass sie die Wasserscheide zwischen Kongo und Nil bildet. Nach Nord laufen die kleinen Gewässer in den Luvirosa und Nil, dem Victoria-See und Mittelmeer zu, im Süden sammeln sich die Wasser des Mlagarassi, der dem Tanganyika zuströmt, welcher durch den Lukuga-Kongo mit dem Atlantischen Ocean in Verbindung steht.

Aus der kühlen, feuchten Höhe stiegen wir in ein heisses, trockenes Tiefland ab, in dem es augenscheinlich schon lange nicht geregnet hatte. Mächtige ziegelrothe Lateritmassen, in welche die Gewässer tiefe Rinnen eingegraben, bedecken das theilweise steinige Hügelland. Doch war das Land keineswegs unfruchtbar und schöne Felder umgaben die Dörfer der südlichsten Warundi, die hier leben. Zum ersten Mal in Urundi sah man Baumwollzeug, ein Anzeichen der grossen Karawanenstrasse, die Unyamwesi durchschneidet, während nördlich von der Wasserscheide alles gänzlich unberührt von jedem fremden Einfluss war. Aber auch ein sehr böser Gast hatte sich in diesen Theil Urundi's eingeschlichen: die Pocken. Ich empfand es nun schwer, dass der Impfstoff, den ich seiner Zeit von Europa mitgebracht, an der Küste keine Wirkung mehr besass, denn auch in der Karawane brach die Seuche aus. Durch strenge Absonderung der Kranken konnte ich das Umsichgreifen derselben verhindern, aber fast zwei Monate dauerte es, bis wir das Uebel gänzlich los wurden, und mehrere Askari und Träger, darunter der letzte Sudanese Faraj Abdallah erlagen demselben.

Am 10. Oktober verliessen wir das Dorfgebiet und traten in den dichten Laubwald ein, welcher das Thal des Mlagarassi bedeckt. Unterholz fehlte gänzlich und seine Stelle vertrat dürres, schneeweiss gebleichtes Bambusgestrüpp. Nach langem Marsch bei glühendem Sonnenbrand erreichten wir schöne Bohnenfelder und ein Dorf unweit des Mlagarassi, der zwischen Lehmufern nach Nord fliesst. Das Dorf, offenbar eine Neugründung und der südlichste Ort Urundi's, war ganz eigener Art. Zum Schutz gegen wilde Thiere waren die Hütten auf leichten Bambusplattformen in der Höhe der Bäume errichtet und nur durch primitive Leitern zugänglich. Die Grashütten auf ihren luftigen Höhen, die dunklen Gestalten der Eingeborenen auf den schwankenden Plattformen gaben in dem grünen Rahmen des Laubwaldes ein eigenartig malerisches Bild.

Am 11. Oktober überschritten wir den Mlagarassi und betraten die Landschaft Uha. Dieselbe ist ihrer grössten Ausdehnung nach mit Miombo-Wäldern bedeckt, die in der trockenen Jahreszeit kein sehr üppiges Aussehen hatten. Die Gras- und Krautvegetation, welche den Boden bedeckte, war verbrannt und in schwarze Asche verwandelt, die Stämme waren vielfach verkohlt und dürr hingen die Blätter an den Zweigen. Die Eingeborenen, Waha, welche die Dörfer der Waldlichtungen bewohnen, gleichen vielfach den Warundi, stehen jedoch in steter Verbindung mit Unyamwesi. Sie waren früher ihrer Habsucht und Gewaltthätigkeit wegen berüchtigt, wir lernten sie als ruhige, völlig harmlose Menschen kennen. In dem Distrikte Ruvungu wird der Wald von offenen Strichen unterbrochen, wo auf nacktem, ziegelrothem Lateritboden niedriges, glänzendblättriges Gesträuch kleine Oasen bildet, bei welchen eine schöne Primelart gedeiht. Sonst dehnt sich überall dichter endloser Wald aus, in dem die Siedelungen weit zerstreut sind und der so wasserarm ist, dass einzelne Dörfer ihr Trinkwasser stundenweit aus dem Mlagarassi schöpfen müssen.

Am 16. Oktober standen wir wieder am Mlagarassi, dessen rechtes Ufer besiedelt ist, während sich am linken weites, theilweise versumpftes, grasiges Ueberschwemmungsgebiet ausdehnt. Wir übersetzten den knietiefen Fluss und lagerten jenseits am Waldrande. Hier sah ich einige Zebras, das einzige Wild, welches mir westlich vom Victoria-See begegnete. Bei glühender Sonnenhitze ging es am 17. Oktober nach Iwanda, das in einem ausgetrockneten Papyrussumpf gelegen ist, bei welchem einige halb verschmachtende Marabus ein trauriges Dasein führten und in dem, von Staub bedeckt, einige Rindenkanus lagen, die zur Regenzeit die Ueberfahrt vermitteln. Unsere langhörnigen Watussi-Rinder, welche wasserreiche Höhen gewohnt waren, fielen zu Dutzenden und die Heerde schwand täglich.

Waha.

Am 19. Oktober durchzogen wir ein offenes Grasland mit breiten, zur nassen Jahreszeit versumpften Senkungen, in welchen die wasserliebende Raphia-Palme ihre nun dürren Wedel trübselig hängen liess und traten in ein weites Waldgebiet ein. Nur Elephantenjäger durchstreifen zeitweise diese gänzlich pfadlose Wildniss, in der die Richtung durch Axthiebe an den Bäumen bezeichnet ist. Ein Verirren konnte hier verhängnissvoll werden, denn viele Stunden weit sind die spärlichen Wasserplätze von einander entfernt. Alles Gras war abgebrannt und nur abenteuerliche Termitenbauten erhoben sich aus dem kahlen rothen Boden. Auch einzelne Baumstämme waren den Flammen erlegen und sperrten als verkohlte Strunke den Weg. Besser hatten die kieselharten, blendend weiss gebleichten, dürren Bambusrohre Stand gehalten, deren Gruppen überall als ungeheure Besen aufragten.

Wir mussten — zum ersten Mal auf der ganzen Reise — die Nacht ohne Wasser verbringen und bezogen mitten im Walde ein unverfälschtes Buschlager. Es war eine herrliche, laue Tropennacht. Nur die eintönigen Rufe der Wachtposten unterbrachen die Waldesstille und hochlodernde Lagerfeuer übergossen die schlanken, grauen Baumstämme und das malerische Gewirr der zierlichen weissen Bambusrohre mit phantastischem Licht.

Am 20. Oktober erreichten wir schon Morgens einen kleinen, niemals austrocknenden Tümpel, Itanga, und trafen dort auf einige Eingeborene, die in der Waldeinsamkeit die Rinde der Bäume abschälten und zu Schachteln und Rindenzeug verarbeiteten. Dann ging es weiter durch den Wald. Erst bei Sonnenuntergang betraten wir offenes Land, in dem die schlanke Form der Borassuspalme das Auge erfreute, und gleich darauf das grosse Dorf Makindi, wo wir gastliche Aufnahme fanden. Meiner Gewohnheit gemäss schlug ich das Zelt zwischen den netten Grashütten der Eingeborenen auf, wurde jedoch Nachts aus demselben vertrieben und musste vor dem Dorfe lagern. Dies geschah nicht etwa durch feindliche Menschen, sondern durch zahllose Ratten, die bei den grossen Getreidevorräthen des Dorfes geradezu Legion waren und mein Bett buchstäblich überschwemmt hatten. Auch Mzimba hatte im Lastenzelt einen förmlichen Kampf mit diesen Scheusalen zu bestehen.

Da diese sich Tags über zum Glück verloren, hielten wir am 21. in Makindi Rast und erhielten den Besuch des weiblichen Häuptlings dieser Gegend, eines zarten, kränklichen, aber nicht unschönen Weibes, dessen feine Züge deutlich den hamitischen (Watussi-) Typus trugen. Der Aberglaube verbietet der »Sultanin«, das Hauptdorf zu betreten; so traf ich denn draussen unter einer Palme mit ihr zusammen, wo sie mit schwacher Stimme und müdem Aufschlag der tiefschwarzen Rehaugen um »Medizin« bat.

Am 22. Oktober ging es durch eine weite, völlig baumlose Steppe, die zur Regenzeit ein Kothmeer bildet, mit Wasserarmen, die nur im Rinden-Kanu passirbar sind. Auch jetzt waren sie ziemlich mühsam zu durchwaten und die schlammige schwarze Fluth reichte den Leuten bis zur Brust. Dieser schmale, unbewohnte Streifen bildet die Grenze zwischen Uha und Kirambo, der ersten Landschaft von Unyamwesi, deren Grenzdorf wir am 23. Oktober erreichten.

Wir waren nun wieder in einer Gegend, die auf der Karte stand, bei dieser Reise eine seltene Ausnahme und auch die Dörfer und Felder, besonders die Reis-Kulturen zeigten uns, dass wir uns der Karawanenstrasse näherten. Ganz besonders imponirte uns das Hauptdorf Kirambo's, die Residenz Mlamira's, das wirklich eine kleine Stadt genannt zu werden verdient. Aussen zieht sich um den Ort ein tiefer Schutzgraben, dessen Wall mit dichtem, buschigem Euphorbiengestrüpp bepflanzt ist. Durch ein Thor betritt man den ersten koncentrischen Ring und gelangt an einen festen Stangenzaun, vor dem abermals ein tiefer Graben gezogen ist. Den dritten und innersten Ring bildet ein starker Lehmbau, ein Tembe, innerhalb welches, durch labyrinthartig verlaufende Zäune geschützt, Mlamira's Hütten gelegen sind.

In allen Ringen verstreut liegen die zahlreichen Kegelhütten, die schönsten und sorgfältigsten, die ich jemals im Innern Afrika's gesehen. Die grössten sind jene Mlamira's, im Centrum des Dorfes aufragende 12 m hohe Pagoden, die für Hunderte von Menschen Platz haben. Zahlreiche Taubenschläge beleben das Bild und überall beschatten Ficusbäume die kahlen Dorfplätze. Sie dienten früher zur Anfertigung des Rindenzeuges, doch ist letzteres längst durch das Baumwollzeug ersetzt, welches die unternehmenden Bewohner von der Küste holen. Hier trägt Alles Gewehre, die Männer kleiden sich mit weissem und blauem Zeuge, die Weiber mit bunten Tüchern nach Art der Swahíli-Weiber. Man könnte sich ohne viel Phantasie in ein Küstendorf versetzt denken, ein wunderbarer Kontrast gegen das wenige Tagereisen entfernte, gänzlich unberührte Urundi.

Obwohl noch kein Europäer sein Dorf besucht — die Route Stanley's verlief etwas östlich davon — hatte der junge Häuptling Mlamira, ein gutmüthig aussehender, schüchterner Bursche, doch eine deutsche Flagge und einen Schutzbrief, den er sich aus Tabora hatte holen lassen. Er nahm uns sehr freundlich auf und stellte reichliche Vorräthe von Reis, die uns besonders erfreuten. In den nächsten Tagen ging es durch die zu Urambo gehörigen Landschaften Mtimbi und Msennyi, in welchen stets Miombo-Wald mit Feldern wechselt und die Bewohner sich in ausgedehnten, befestigten Dörfern zusammenschliessen. Verschiedene Kulturpflanzen, rother Pfeffer, Tomaten und Citronen, eine Seltenheit im Innern, traten auf, ja jenseits des trockenen Igombe-Baches fanden wir beim Dorfe Mpegusi sogar Mango-Bäume, Granaten und Guayaven, welche die Stelle der früheren arabischen Niederlassung Msenne bezeichnen. Wir waren an der grossen Karawanenstrasse; nirgends erregte unser Erscheinen Aufsehen und die Eingeborenen, die uns in ihrer reichen Zeugkleidung unglaublich civilisirt vorkamen, standen höchstens neugierig vor ihren Dörfern und riefen uns auf Kiswahíli oder gar — auf deutsch ihren Gruss zu.

Aehnlich wie die Eisenbahnen in Europa, so wirken die grossen, alten Karawanenstrassen in Afrika unglaublich nivellirend. Ein und derselbe Typus von Leuten zieht sich längs derselben bis ins Herz des Kontinents, während wenige Meilen abseits, oft schon in der Nähe der Küste das unverfälschte Afrikanerthum blüht. Wer nur die Heerstrasse gesehen, kann kaum sagen, dass er in Afrika war.

Wenn schon die bekleideten Wanyamwesi mir den Eindruck höherer Kultur gemacht hatten, so sollte ich in Urambo noch ganz andere Civilisation kennen lernen, denn am 30. Oktober erreichten wir die englische Mission Kilimani-Urambo. Schon der äussere Anblick hatte gar nichts Afrikanisches. Auf dem Gipfel einer Anhöhe, erhob sich ein nettes Gebäude im Schweizer-Styl, umgeben von Wirthschaftsbauten und eingebettet in einem Hain von Citronen. Hier hatten nun schon seit vier Jahren Mr. und Mrs. Shaw ihr Heim, letztere eine junge englische Lady, die ihrem Gatten ins Innere des dunkeln Welttheils gefolgt war. Ich fand die liebenswürdigste Aufnahme bei dem Ehepaar und wurde auch dem Baby vorgestellt, einem reizenden kleinen Mädchen, das in Urambo geboren ist und mit seiner zarten, weissen Haut mir, der ich Monate lang nur schwarze Gesichter gesehen, fast als höheres Wesen erschien.

Mission Kilimani-Urambo.

In der Häuslichkeit sprach sich deutlich das Wirken einer Frau aus. In allen Räumen herrschte Ordnung und Behaglichkeit und bei Tisch erschienen auf blüthenweisser Decke Porzellangeschirre und geschliffene Gläser. Wenn Mrs. Shaw sich hauptsächlich mit dem Hauswesen beschäftigte, so war ihr Gatte ein wahres technisches Genie, Schlosser, Zimmermann, Tischler, Seifensieder in einer Person und konnte mit Stolz die schön eingelegten Möbel und sogar einen Kamin zeigen, den er zur Erhöhung der Wohnlichkeit in seinem elegant eingerichteten Salon aufgebaut. Porzellangeschirr, ein Kamin, ein Salon — in Urambo! Nun, mehr konnte man im Innern Afrika's, 700 Kilometer von der Küste, nicht verlangen.

Die Mission hat eine Anzahl Zöglinge, Knaben und Mädchen, die sich Abends in dem luftigen Dachraum des Hauses zur Andacht versammeln. Mr. Shaw spricht ein kurzes Gebet, dann singen die Kinder, durch Mrs. Shaw am Harmonium begleitet, einige Lieder. Die schwarze Schaar hat es im Singen recht weit gebracht, und wenn man diese Choräle mit meist bekannten Melodien, darunter auch die der österreichischen Volkshymne hört, so vergisst man, dass sie aus Negerkehlen ertönen und unwillkürlich fliegen die Gedanken nach der Heimath.

Leider ist der Gesang so ziemlich der einzige Gegenstand, in welchem die Mission bei ihren Schülern Erfolge erringt. Bei der ausserordentlichen Gleichgültigkeit der Wanyamwesi für alle religiösen Dinge ist es kaum möglich Proselyten zu machen. Die Missionskinder erhalten als Löhnung für ihre Thätigkeit als Schuljungen 2 Doti Baumwollzeug monatlich, doch selten hält es einer auch nur ein halbes Jahr aus und der Wechsel ist ein fortwährender. In zwölf Jahren, seit die Mission besteht, wurde noch kein einziger Schwarzer zum Christenthum bekehrt! Dabei stehen die Missionare auf bestem Fuss mit den Eingeborenen. Zu Lebzeiten Mirambo's, des bekannten »Napoleon von Unyamwesi«, kam dieser Häuptling oft allein und ohne Bedeckung in die Mission und vertrat stets energisch deren Interessen, indem er jede Schädigung ihres Eigenthums streng bestrafte. Ebenso hielt es auch sein Bruder und Nachfolger Mpanda Charo. Der jetzige Häuptling Tuga Moto (Sprühfeuer), ein halbwüchsiger, auffallend hübscher Junge, der mir, behängt mit Schmuck und Seidentüchern am Tage nach meiner Ankunft seinen Besuch machte, verbringt ganze Monate in der Mission und begegnet dem Ehepaar Shaw mit grösster Achtung.

Wenn daher auch der äussere Erfolg der Mission nur ein geringer ist, so kann doch der Einfluss auf die Bevölkerung nicht hoch genug angeschlagen werden. Der fortwährende, nahe Verkehr mit einem gebildeten Europäer hat offenbar bei den in so hohem Grade entwickelungsfähigen Warambo seine Wirkung nicht verfehlt und wenn die Warambo im Küstenaufstand sowohl, wie in den Kämpfen in Unyamwesi stets auf Seiten der Deutschen standen und stets eifrige und gehorsame Bundesgenossen waren, so ist das in erster Linie der Mission von Urambo, mit ihrem Leiter Mr. Shaw zu danken.

Wir verliessen Urambo am 3. November und zogen durch schwach bewohntes Waldgebiet der Landschaft Usagali zu. Aus dem Laubholz ragten stellenweise wilde Granitblöcke auf. Die Dörfer waren theils von Stangenzäunen, theils von jenen starken Lehmbauten, den Temben, umgeben, die im mittleren Unyamwesi die Dörfer zu kleinen Festungen machen. Wasser war spärlich und musste oft weit her aus dem Igombe geholt werden, in dessen Tümpel zahlreiche Welse sich aufhielten.

Am 7. November stiegen wir an einer Felskuppe vorbei in eine weite, grasige Mulde. Bärtige Araber auf weissen leichtfüssigen Maskat-Eseln, gefolgt von bewaffneten Sklaven jagten, eine Wolke Staub aufwirbelnd, durch die Ebene, schlanke Wasserträgerinnen in bunter Küstentracht folgten in malerischer Haltung, die den schöngeformten Arm zur Geltung bringt, den schmalen Pfaden, und Swahíli-Leute in weissem Talar riefen uns ihr »Yambo« zu.

Aus dem Grau der Ebene tauchten allmählig dunkle Parthien auf, man unterschied Gruppen schattiger Mangobäume, aus welchen vereinzelt verkümmerte Kokospalmen ihr Haupt erheben, dazwischen die braunen Dächer der runden und kegelförmigen Hütten und die flachen blendend weissen der Temben: der Knotenpunkt des Karawanenverkehrs, das Emporium Central-Afrika's, Tabora.

TAFEL XII

Pfahldorf am Mlagarassi.

Ueber dem höchsten Tembedach wehte das deutsche Reichsbanner; darunter die unbewegliche Silhouette des Sudanesenpostens, der sich scharf von dem lichten Hintergrund abhob: die kaiserliche Station.

Wir betraten bald die staubigen Plätze, die sich zwischen den verstreuten Siedelungen ausdehnen und hielten, von grosser Volksmenge begleitet unseren Einmarsch in Tabora. Der erste Bekannte den wir trafen, war zu meiner Freude der Askari Mzee bin Jumah, der mir meldete, dass er die Lasten von Mwansa richtig hierhergebracht habe. Bei den kriegerischen Verhältnissen, die damals in Unyamwesi herrschten, war ich um diesen Mann bereits besorgt gewesen, doch hatte er seine keineswegs leichte Aufgabe, mit seltenem Geschick anstandslos gelöst. Wenige Augenblicke später drückte ich dem deutschen Stationsvorsteher Med. Dr. Schwesinger und den Offizieren der belgischen Expedition die Hand, die sich eben auf dem Durchmarsch zum Tanganyika in Tabora befanden.

Der Aufenthalt in Tabora gehört nicht zu meinen angenehmsten Erinnerungen. Schon der Ort ist nichts weniger als anheimelnd mit seinen öden staubigen Strassen, seinen Kehrichthaufen und vielfach verlassenen halbverfallenen Temben und Hütten, ein Bild Grau in Grau, welches deutlich spricht, dass Tabora das Emporium Central-Afrika's — gewesen ist.

In der Station herrschte trübe Stimmung, denn die Spannung mit Sike, dem aufrührerischen Häuptling, der inzwischen sein wohlverdientes Ende gefunden, war damals am stärksten und fortwährend fanden aufregende Schauri mit übel beleumundeten Arabern, mit Seliman bin Masud, Ali bin Nasor und anderen verrätherischen Schuften statt, die unter der Maske tiefster Demuth nur mühsam den wilden Europäer-Hass verbargen. Die Belgier litten unter dem obligaten Träger-Elend und so war an Geselligkeit nicht zu denken. Die einzige Gelegenheit, bei der ich sämmtliche Europäer von Tabora versammelt sah, war eine — Hinrichtung, bei der ein Mörder an einen Baum beim Marktplatz aufgeknüpft wurde. Man wollte durch diese Exekution moralischen Eindruck auf die Bevölkerung machen, doch schien dieser Zweck nicht erreicht, denn kaum einer der zahlreichen, feilschenden Marktbesucher wandte den Kopf nach dem baumelnden Landsmann.

Ich erlitt einen schweren Verlust in Tabora durch den Tod meines Askari Kihara wadi Mwamba aus Kwa Kyege bei Mkusi in Bondeï, jener braven Seele die 1888 Dr. Meyers und meine Gefangenschaft bei Buschiri getheilt und in seltener Treue bei uns ausgehalten hatte. Er erlag einem perniciösen Fieber.

Ausser den Lasten die ich von Mwansa hergeschickt, fand ich auch Waffen und Munition, die von der Küste für mich angelangt waren, in Tabora. Es war mir daher garnicht unangenehm als täglich zahlreiche Leute sich meldeten, die unter dem Schutze der Expedition als freiwillige Träger nach der Küste gehen wollten, und ich nahm solche, wenn sie nur halbwegs kräftig waren, gerne an. Auch ein langer dürrer Araber erhielt die Erlaubniss sich mit seinen Leuten uns anzuschliessen, ein echter Maskater, der jahrelang im Innern Afrika's Alles versucht und nichts erreicht hatte. Derselbe erschien täglich Nachmittags zum Thee und machte eifrige Versuche mich zum Islam zu bekehren.

Auch die Expeditions-Damen erhielten in Tabora einen namhaften Zuwachs, meine Leute machten nämlich in den fünf Tagen unseres Aufenthalts die unerhörtesten Eroberungen und gar manche schwarze Schöne fand in der Nacht nach unserem Abmarsch eine Hinterthür, durch die sie dem Haremszwang entsprang und dem heissgeliebten Träger oder Askari nachrannte.

Am 15. November verliessen wir Tabora und zogen am 16. durch lichten, wasserlosen Wald nach Uyui, wo ein befestigtes Dorf und eine Niederlassung des Mr. Stokes sich befindet, eine ehemalige Mission, die jetzt in recht baufälligem Zustande ist. Ich selbst wurde dort — nach langer Pause — von einem starken Fieber ergriffen, das mir erst am 20. November den Weitermarsch gestattete. Durch die Grenzdörfer von Uyui ging es nach Ndara, wo zahlreiche kleine Tembedörfer mit viereckigem Grundriss und schmutzigem, winkeligem Innern in der ziemlich dürren Landschaft verstreut liegen. Von dort brachte uns ein zweitägiger, wasserloser Marsch durch öden Steppenwald nach Tambarale, dem Dorfe Mwana Tombolo's. An die Stelle des Miombowaldes traten Schirmakazien, Stachelgestrüpp und Baumeuphorbien, in den Mulden reckten ungeheure Baobabs ihre riesigen Aeste — wir näherten uns dem Massai-Land.

Aus der Wildniss tretend, erblickten wir am Morgen des 23. November das Dorf Tambarale. Ein dreifacher Ring fester Tembebauten, dessen äussere Umfassung wohl 4 Kilometer im Umfang hielt, umschloss einen Platz, in dem wenige Rundhütten ihre Kegeldächer erhoben. Auf der höchsten flatterte die schwarz-weiss-rothe Flagge und liess uns schliessen, dass wir einem freundlichen Dorfe nahten.

Durch das Thor des äussern Tembe traten wir in den ersten Ring und lagerten bei einem schattigen Baum, unweit des einzigen Brunnens des Ortes. Eingeborene waren hier nur spärlich zu sehen. Einer erschien und legte einen vom Lt. Langheld unterschriebenen Schutzbrief vor mir auf den Boden, worauf er sich schleunigst entfernte. Während ich noch über diese sonderbare Art, einen Schutzbrief vorzuweisen, nachdachte, krachten plötzlich Schüsse und einige Askari kamen, um zu melden, dass sie vom innersten Tembering aus beschossen würden. Ich dachte erst an einen Irrthum und eilte in den koncentrischen Raum zwischen dem zweiten und dritten Tembering, wurde jedoch aus den Schussscharten des letzten Tembe mit heftigem Feuer und einem Hagel von Pfeilen empfangen.

In der Eile hatte ich nur wenige Askari mit mir genommen und versuchte, mit diesen das niedrige Thor des Tembe zu stürmen, ein mörderisches Feuer aus allernächster Nähe streckte jedoch sofort 5 Mann todt nieder, mehrere wurden verwundet und ich selbst durch den Oberarm geschossen, so dass ich durch den Blutverlust gezwungen wurde, den inneren Tembering zu verlassen.

Ich liess die Kugel durch den Koch herausschneiden und begann mit Mzimba über die weiteren Schritte zur Einnahme des Ortes zu berathen. Denn dass wir einen so verrätherischen, grundlosen Angriff nicht unbestraft dulden konnten, war uns völlig zweifellos. Wir schossen erst Brandpfeile und Brandraketen auf die Strohdächer der Hütten im Innenraum, doch ein leichter Regen vereitelte unser Bemühen.

So warteten wir denn bis zum Einbrechen der Dunkelheit, vertheilten hierauf, um die Hinterlader-Munition zu schonen, die Vorderlader-Schützen auf das Dach des zweiten Temberinges und eröffneten bei Magnesiumlicht ein ununterbrochenes Feuern auf den Innenraum. Der Gegner erwiderte dies kräftig, aber gänzlich wirkungslos, da er stets aus den Schussscharten feuerte und daher unseren höher stehenden Leuten nichts anhaben konnte.

Unaufhörlich krachten die Schüsse, gellend tönte das Geschrei der Weiber aus dem Innenraum, rasselnd schallten die Trommeln, und die Kämpfenden riefen sich wilde Flüche zu. Besonders ein Bursche aus Tabora war im Fluchen gross: Tomba mbwa! (Heirathe einen Hund!) rief er hinein, und von dort erschallte das Kriegsgeschrei »Mwana Kiunge!« womit Sike von Unyanyembe gemeint war. Damit war mir auch klar, dass der ganze Anschlag auf Anstiften dieses Häuptlings geschehen war und einen direkt deutschfeindlichen Charakter hatte.

Nach und nach wurde das Geschrei im Innern schwächer. Das wohlgenährte Feuer hatte schwere Verheerungen angerichtet, Todte und Verwundete lagen bei den Hütten umher, und wir hielten den Augenblick zum Sturm gekommen. Natürlich konnten wir nicht daran denken, einen so ausgedehnten Ort von allen Seiten zu bestürmen, wir erstiegen daher rasch das Dach des innersten Temberinges und eröffneten ein kräftiges Feuer auf die letzten Vertheidiger, worauf gleichzeitig das Thor aufgeschlagen und der Innenraum besetzt wurde. Die noch lebenden Insassen suchten in verzweifelter Flucht nach der anderen Seite ihr Heil: breite Blutspuren bezeichneten ihren Weg.

Tambarale war unser und die erbitterten Leute wollten sofort Brand an die Hütten legen; doch liess ich dieselben erst untersuchen, was sich als sehr nothwendige Vorsicht erwies, denn grosse Pulvervorräthe lagen im Innern. Auch Zeug wurde in ziemlicher Menge vorgefunden und kam meinen schon recht zerrissen aussehenden Leuten sehr zu statten.

Am 24. November steckten wir Tambarale an, was bei den Tembebauten keineswegs leicht war, so dass erst gegen Mittag der leichenerfüllte Schauplatz unseres Kampfes eine rauchende Brandstätte war.

Man wird nun vielleicht die Frage aufwerfen, warum ich mich in dieses Gefecht einliess und mein Leben sowie das meiner Leute auf's Spiel setzte, wo mir doch als »Privatmann« frei stand, nach den ersten Schüssen abzuziehen und eine Klageschrift an das Gouvernement in Dar-es-Salaam zu leiten? Es ist auch möglich, dass die Erstürmung Tambarales mir in gewissen Kreisen keinen Dank, sondern sogar den Vorwurf eines unberechtigten Eingriffs in amtliche Rechte einbringen mochte. Aber erwägen wir einmal die Folgen, welche das obengenannte »korrekte« Vorgehen gehabt hätte! Wenige Tage nach mir passirte die Expedition Gemmer Tambarale. Sie führte an 500 Wanyamwesi-Träger und bedeutende Waffen und Munitions-Vorräthe in Lasten verpackt bei sich, besass fast gar keine Soldaten und war zur Vertheidigung gänzlich unfähig. Diese hatte Sike im Auge gehabt, als er seinem Verbündeten Mwana Tombolo den Auftrag gab, die nächste europäische Karawane anzugreifen. Denn er konnte nicht ahnen, dass ich plötzlich auf einer Seitenroute ankommen würde.

Hätte ich nun diesen Angriff nicht mit vollständiger Niederlage des Gegners beantwortet, so wäre die Expedition Gemmer überfallen, und, da sie nahezu wehrlos war, vernichtet worden. Die Hinterlader und Patronen wären den Aufständischen unter Sike in die Hände gefallen und es ist fraglich, ob es dann gelungen wäre, derselben Herr zu werden. Die Postverbindung mit dem Victoria-See, die damals über Tabora schon unterbrochen war, wäre auch auf der direkten Route gesperrt und die Seestation gänzlich abgeschnitten worden. Mir aber wäre für mein »korrektes« Vorgehen wahrscheinlich der Vorwurf schmähliger Feigheit gemacht worden. Denn ein Reisender im Innern Afrika's besonders auf wenig betretenen Pfaden, kann eben kein Privatmann sein, wie immer er sich anstellen möge, er ist und bleibt für die Eingeborenen der Vertreter seiner Nation, ja des Europäerthums überhaupt, und muss danach handeln, wenn er die Flagge, unter der er reist, nicht mit Schmach bedecken und der grossen Sache nicht schaden will, für welche wir alle, sei es nun amtlich oder nicht amtlich, unser Leben einsetzen. Solchen Personen, welche die Gewähr für ein umsichtiges Vorgehen nicht bieten, möge man das selbstständige Reisen im Innern einfach verweigern, da sie durch planloses Handeln die Kolonie schwer schädigen können. Bewährte Führer jedoch statte man unbedingt mit den Rechten und Pflichten der Gouvernements-Expeditionen aus, wie das auch vom Kongostaate den Expeditionschefs der grossen Gesellschaften gegenüber stets gehalten wird.

Von Tambarale begaben wir uns einige Stunden nördlich nach Sunguisi, dem südlichen Grenzdorf von Ussongo, jenem Distrikt, den der bekannte deutschfreundliche Häuptling Mtinginya beherrscht. Von den Eingeborenen gastlich aufgenommen, beschloss ich, dort die Heilung meiner Wunde abzuwarten. Bei sorgfältiger antiseptischer Behandlung, in welcher ich schon einige Uebung besass, ging dieselbe ziemlich rasch von statten, so dass ich schon am 10. Dezember aufbrechen konnte.

Während des Aufenthalts in Sunguisi kam die Karawane des Kapt. Gemmer und später jene des Grafen Schweinitz, der nach der Küste zog, durch, und es fehlte mir daher nicht an europäischer Gesellschaft. Auch Mtinginya machte mir seinen Besuch, war hocherfreut über die Niederlage seines alten Gegners Mwana Tombolo und schenkte meinen Leuten zwei Lasten Baumwollzeug. Der Unterhäuptling in Sunguisi, ein behäbiger, gutmüthiger Mann, dessen höchster Stolz seine zahllosen — Kinder waren, benahm sich musterhaft und räumte mir sein geräumiges Tembe ein. Ein Theil dieses Baues stürzte allerdings eines Morgens ein, erschlug einen Massaihirten und begrub mehrere Askari und Weiber, die aber nur unwesentlich beschädigt wurden. Man wird jedoch auf afrikanischen Reisen nach und nach so abgestumpft, dass mich dieser Unfall keineswegs abhielt, den Rest des Tembe weiter zu bewohnen.

Am 10. Dezember lagerten wir in Maragano, einem kleinen Dorfe am Saume des Buschwaldes und traten am nächsten Morgen in denselben ein. Die Regenzeit setzte langsam ein, häufig gingen leichte Schauer nieder und die Baobabs und niederen Büsche trugen grünes Laub. Ein wenig begangener, durch Gestrüpp recht erschwerter Pfad führt durch diese Wildniss an den Rand des Wembere-Grabens, den wir am 12. Dezember erreichten. Er war durch malerische Haufen riesiger Granitblöcke bezeichnet, zwischen welchen Baobabs und schöne grüne Vegetation gedieh. Auf diesen Felsmassen lagen die kleinen Dörfer Nyambeïu und Itandulu verstreut. Besonders das letztere, eine neue Niederlassung mit weissen spitzen Kegelhütten, lag hochromantisch zwischen mächtigen Felszähnen. Einen dieser erkletterte ich, und überblickte die weite, tischflache Wemberesteppe zu meinen Füssen, mit dem niedrigen Saum der jenseitigen Randberge.

Itandulu.

Am 13. und 14. Dezember durchschritten wir theilweise bei Regen die Steppe, welche hier weit schmäler als beim Simbiti ist. Sie ist vollkommen offen, fast graslos und nur zahlreiche, nach den Eyassi ziehende Schwärme von Wasservögeln, von Flamingos, Enten und Pelikanen, beleben das eintönige Bild. Gegen den Ostrand zu, treten niedriges Stachelgestrüpp auf sandigem Boden, stellenweise sogar schönes Gras und einzelne riesige Baobabs auf und man erreicht die sanft ansteigende Randhöhe auf welcher mit Pfostenverschanzung das Dorf Urugu liegt.

Durch hügeliges, theilweise mit schönem Miombowald bedecktes Land ging es am 15. Dezember nach Ost. An den meist trockenen, breiten Bachrissen stehen malerische Gruppen schlanker Fächerpalmen. Wir kamen an dem grossen Dorfe Buschora (Mangura) vorbei, das zwischen Sorghum- und Reisfeldern gelegen ist und erreichten Mittags Ussure, einen von zwei hohen Kegelhütten überragten Tembebau an dessen Westecke die von Dr. Peters gehisste deutsche Flagge wehte. (Siehe Kopfleiste des Kapitels.) Seine damalige Freundin Saratita war jedoch inzwischen verstorben und an ihrer Stelle regierte Mlewe ein intelligenter junger Häuptling und eifriger Elephantenjäger, der vorzüglich Swahíli spricht.

Ussure ist ein Grenzland Unyamwesi's, östlich davon dehnt sich die Landschaft Turu aus, deren Bewohner, die nackten Wanyaturu, als bösartig berüchtigt sind. Erst Stanley, dann anderen Reisenden traten sie feindlich entgegen, auch gegen Dr. Stuhlmann, der wenige Monate vor mir das Land durchzog, benahmen sie sich unverschämt, ohne jemals ernstlich gezüchtigt worden zu sein. Die Folge war, dass ihre Frechheit ins Grenzenlose wuchs und dass keine kleine Karawane mehr unbehelligt das Land durchziehen konnte. Kurz vor meinem Durchzug waren Leute der Araber in Irangi, die mit Vieh aus Unyamwesi heimkehrten dort überfallen und gänzlich ausgeraubt worden.

Mann aus Turu.

Bevor wir bewohntes Land erreichten, hatten wir einen wasserarmen Steppenwald zu durchziehen und erst am 18. Dezember betraten wir die ausgedehnte, leicht gewellte Ebene von Turu. Lichter, sandiger Boden bedeckt auf weite Strecken das Land, das stellenweise mit spärlichem Gestrüpp bestanden ist. Vereinzelt ragt ein hoher Baobab oder eine Anhäufung wilder Granitblöcke auf. In der Ferne erhebt sich eine riesige, dunkle Bergpyramide: der Gurui. Von dunkelen Euphorbienhecken umgeben, sind die elenden kleinen Temben der Wanyaturu verstreut, ärmliche, niedrige Lehmbauten, in welche man förmlich hinein kriechen muss. Dazwischen liegen die Felder, die mit hölzernen Hacken bebaut werden. Die Eingeborenen, die in ihrer Nacktheit originell aussehen, gleichen sehr den Waschaschi in Elmarau und benutzen auch dieselben originellen Stockschilde wie diese. Sie verhielten sich anfangs scheu, belästigten uns jedoch vorerst nicht.

Erst am 19. September, als wir den salzigen Singisa-See passirt hatten, in den tiefe Wasserrisse einmünden, zogen sie uns schaarenweise mit Kriegsgeschrei nach. Wir beachteten dies nicht weiter, bis sie Pfeile auf den Nachtrab schossen, einen Scherz, den sie sich meinen Vorgängern gegenüber mehrfach ungestraft erlaubt hatten. Diesmal waren sie jedoch an die Unrechten gekommen, wovon sie einige scharfe Salven belehrten, welche die freche Gesellschaft in wilde Flucht auflösten. Wir erbeuteten eine Heerde, in der die Araber von Irangi viele Stücke wiederfanden, die ihnen von den Wanyaturu geraubt worden waren. Ich gab meiner Gewohnheit gemäss selbst einige Schüsse ab, wobei meine Wunde wieder aufbrach und mir in den nächsten Tagen heftige Schmerzen verursachte.

Am Morgen des 19. Dezember stiegen wir zu einer Kammhöhe an und sahen uns abermals am Rande des grossen ostafrikanischen Grabens, dessen westlichen Abfall wir bei Leilelei im März erstiegen. Derselbe war hier nicht so steil wie im Massai-Land: tief unten lagen auf der flachen Sohle die Temben der Wanyamwesi-Kolonie Unyanganyi. Ueber theils grasigen, theils mit Dorngestrüpp bedeckten Hang, auf dessen Vorstufen vereinzelte Niederlassungen lagen, ging es bergab nach der sandigen Sohle, in der ungeheure Baobabs und kleine Wanyaturu- sowie grosse Wanyamwesi-Temben verstreut sind. Die Kolonisten, intelligente Leute aus Urambo, empfingen uns sehr freundlich, sie haben die hiesigen Wanyaturu völlig zu Paaren getrieben und leben jetzt auf gutem Fusse mit ihnen. Sie wiesen ein Schreiben von Dr. Stuhlmann vor, der einige Monate früher durch Unyanganyi gekommen. Da ich ersah, dass er den direkten Weg nach Irangi eingeschlagen, so beschloss ich über Ussandaui zu marschiren.

In den nächsten Tagen zogen wir durch dorniges, schwer gangbares Steppenland gegen Süden. Breite, gegen Ugogo verlaufende Bachbette durchschneiden das Land, dessen Steppencharakter durch den jüngsten Regen mit Grün übertüncht war. Am 24. Dezember lagerten wir unter hohen Akazien bei den klaren felsigen Igonda-Wasserlöchern. Die Wanyamwesi-Ansiedler in Ussandaui hatten von meiner Ankunft erfahren und brachten mir Eier und Feldfrüchte entgegen, ein Geschenk, das mich am Weihnachtsabend doppelt erfreute.

Am Christtag hielten wir unsern Einzug in Ussandaui und lagerten im Dorf des freundlichen Kolonisten Kipilipili, das zwischen ungeheueren Affenbrodbäumen am Fusse eines felsigen Hügels liegt. Von besonderem Interesse war mir das Volk von Ussandaui mit seiner merkwürdigen, durch Schnalzlaute an die Hottentotten erinnernden Sprache.

Am 26. Dezember gings durch hügeliges bewohntes Land. An den meist trockenen Bachbetten lagen die niedrigen Temben der Eingeborenen und ihre Felder, in welchen die Aussaat eben vollendet war. Aus den felsigen Höhen im Norden erhob sich die dunkele, waldige Kuppe des Tuyui. Bei dem an einen Felsblock geklebten Tembe des Mnyamwesi Mtoro, bezogen wir Mittags das Lager. Mtoro, ein hochgewachsener alter Mann, war das Oberhaupt der Wanyamwesi-Kolonisten in Ussandaui, überhaupt der eigentliche Beherrscher des Landes und unter den primitiven Eingeborenen ein wahrer Pionier der Kultur, oder doch der Halbkultur.

Durch unbewohntes, vorherrschend flaches Land mit einzelnen felsigen Kuppen ging es nordwärts, theils durch lichten Wald, theils durch dornenreiche Steppe. Wir kamen an Dr. Fischer's Lagerplatz von 1885 vorbei und gelangten am Abend des 28. Dezember an einen felsigen, wasserführenden Riss in den Vorhöhen der Irangi-Berge. Gegen Abend erschien Ali bin Nasor, ein Araber von Irangi, der mir mit reichen Geschenken entgegengeeilt war. Er war der Zweite im Range der arabischen Kaufleute in Irangi und lebte auf gespanntem Fusse mit seinem ungleich bedeutendern Nebenbuhler Saïd bin Omar, dem er auf jede Weise den Rang abzulaufen suchte. Er bot Alles auf um sich mit den neuen Herren Ost-Afrika's, den Deutschen, auf guten Fuss zu stellen. Er ist ein intelligenter Maskataraber, und ich war immerhin erfreut wieder einmal mit einem vernünftigen Menschen sprechen zu können, wenn auch seine übertriebene Demuth und die fortwährenden Versicherungen seiner Liebe zu den Deutschen mich nicht sehr angenehm berührten.

Mann aus Ussandaui.

Am 29. Dezember ging es ziemlich steil durch Wald zum breiten, wasserlosen Bubu. Wir verfolgten das sandige Bett eines Nebenflüsschens, in dem sogar etwas Wasser rieselt und das sich zwischen freundlichen, bewaldeten Hügeln schlängelt. Später lichtet sich der Wald und in den Feldern der Ansiedler und Eingeborenen wird der ziegelrothe, frisch geackerte Boden sichtbar. Kurz bevor wir Irangi erreichten begegnete uns ein prächtiger Zug von Arabern und Swahíli mit goldgestickten Mänteln und blendend weissen Hemden, mit blitzenden Schwertern und Dolchen im Gürtel. Es war Saïd bin Omar, der mit seinem Gefolge zu meiner Begrüssung ankam, ein vornehmer Araber, der mich mit orientalischer Würde und Höflichkeit empfing, bei der man jedoch so ziemlich durchmerkte, dass er Europäern nicht übermässig grün ist. Die besseren arabischen Kreise halten sich überhaupt noch etwas reservirt und jene Gestalten, die mit überschwänglicher Demuth den siegreichen europäischen Machthabern die Füsse lecken, sind oft die grössten Schufte. Die Zeit wird auch hier klärend auf die Verhältnisse einwirken.

TAFEL XIII

WANYATURU STOCK-KÄMPFER

Unter solchen Betrachtungen, von welchen ich natürlich nichts laut werden liess, näherten wir uns der Niederlassung. Auf niederer Kuppe lagen zwischen hohen Baobabs die ansehnlichen Temben der Araber, umgeben von reichen Kulturen von Weizen- und Zuckerrohrfeldern, aus welchen sich — ein seltener Gast in Ost-Afrika — die schlanke Dattelpalme erhob. Ueber dem Ganzen wehte auf hoher Stange das schwarz-weiss-rothe Banner, das die Araber uns zu Ehren gehisst hatten.

Unter Flintenknallen und Jubelgeschrei hielten wir unsern Einmarsch. Ein Theil meiner Leute, die Elephantenjäger, waren hier so gut wie zu Hause, auch die anderen fanden Landsleute, Freunde und Bekannte und das Ziel der Reise, die ersehnte Küste, schien in greifbare Nähe gerückt.

Mtoro's Dorf, Ussandaui.

[[←]] VI. KAPITEL.
Von Irangi nach Pangani.

Aufenthalt in Irangi. — Uassi. — Ufiomi und die Wafiomi. — Wieder in Umbugwe. — Iraku und die Höhlenbewohner. — Meri. — Mangati und der Gurui-Berg. — Die Massai-Steppe. — Unguu. — Ankunft an der Küste.

Wenn wir Weihnachten im Busch verlebt hatten, so wollten wir wenigstens das neue Jahr 1893 unter Menschen antreten. So blieben wir denn fünf Tage in Irangi und liessen uns die Gastfreundschaft der Araber gefallen, die in Anbetracht der Umstände geradezu glänzend war. Sie hatten auch Grund, der Expedition wohlgesinnt zu sein, denn unsere Kämpfe in Umbugwe hatten ihnen dieses Handelsgebiet erschlossen, und die Ausbeute an Elfenbein war grösser als seit Jahren.

Wataturu Sagiro's.

So schwelgten denn die Leute in reichlichen Vorräthen und bei mir erschienen täglich nicht weniger als achtmal kleine Karawanen zierlich gekleideter Sklaven, die auf schönen Metalluntersätzen verdeckte Schüsseln brachten. Da gab es Reis und Würfelfleisch in Gewürzsauce, süsses Gebäck von einheimischem Weizenmehl, Datteln und parfümirten Sherbet — all' die Leckerbissen einer echt arabischen Mahlzeit.

In den Morgenstunden kamen in farbenprächtigem Aufzuge die vornehmsten Araber und Swahíli zur »Barasa«. In dem lichten Vorraum eines Tembe brachten wir, auf bunte Strohmatten gekauert, eine Viertelstunde mit jenen nichtssagenden, konventionellen Gesprächen zu, die bei solchen Gelegenheiten im Orient üblich sind.

Ausser Elephantenjägern und Karawanenleuten gab es in Irangi auch viele Massai, die vor der Hungersnoth geflüchtet waren und für kleine Dienstleistungen gefüttert wurden. Unter diesen fand unser braver Elmoruo Ndaikai seine längst vermissten Kinder. Mit zitternder Hand betastete er die Verlorengeglaubten, heisse Thränen liefen über sein wetterhartes Gesicht und kaum konnte man den blutgierigen Krieger wiedererkennen, den ich gar oft in Gefechten die Gegner mit breitklingigem Speer zerfleischen sah. Seines Bleibens bei uns war nun nicht mehr länger, reich beschenkt mit Rindern nahm er Abschied und zog mit seinen Kindern in die Steppe hinaus.

Am 4. Januar rüsteten auch wir zum Aufbruch von Irangi, wobei die Araber es sich nicht nehmen liessen, mir 40 Bewaffnete mitzugeben, eine Hilfstruppe, die mich ein wenig an jene drei Schutzmänner erinnerte, welche einmal in bewegter Zeit einem marschirenden Infanterieregiment »als Bedeckung« beigegeben wurden. Vor meiner Abreise schickte ich vier meiner Leute als Postboten nach Pangani, theils um Nachrichten an die Küste gelangen zu lassen, theils um die gänzliche Ungefährlichkeit der »Massairoute« einmal durch ein auffallendes Beispiel darzulegen. Es sei gleich erwähnt, dass diese Leute Pangani in der unglaublich kurzen Zeit von 13 Marschtagen erreichten, ohne von Eingeborenen irgendwie belästigt worden zu sein.

Wir selbst wandten uns Umbugwe zu. Die Araber und ihre Leute erreichen dieses Land meist auf allerlei Umwegen, bei welchen sie die Landschaft Uassi umgehen, deren Bewohner als boshaft und kriegerisch gefürchtet sind. Ich sah jedoch keinen Grund, von der direkten Route über Uassi abzuweichen. Durch ein sandiges Thal ging es von Kondoa nach Simba's Niederlassung. Beiderseits erhoben sich kahle Hügelzüge, die Thalsohle war mit Stachelgestrüpp bedeckt und nur am Rande der Höhen ragten einzelne Baobabs und riesige, schattige Waldbäume auf.

Am Morgen des 5. Januar ging es steil hinan zur Höhe des Uassi-Plateaus. Kalte Winde trieben Nebelstreifen über das wellige Land, dessen sandigem Boden die Wauassi einen kärglichen Ertrag abringen. Diese standen abseits bei ihren niedrigen, kleine Höfe einschliessenden Temben, begrüssten uns mit Kriegsgeschrei und riefen uns zu, wir möchten unsere Rinder hergeben. Wir kümmerten uns nicht darum, sondern zogen mit grösster Vorsicht durch das theilweise mit Gestrüpp bedeckte Land, stets verfolgt von den lärmenden Wauassi-Kriegern. Als wir wieder offenes Tembegebiet betraten, begannen dieselben Pfeile auf uns zu schiessen. Um sie zu verjagen, liess ich durch eine kleine Abtheilung eine Salve abgeben, worauf die meisten spornstreichs davonliefen und einige vor Schreck — in Ohnmacht fielen. Gänzlich unverwundet wurden sie von uns aufgelesen und haben uns als Wegweiser gute Dienste geleistet.

Auf dringende Bitten der Leute aus Irangi lagerte ich schon in den Morgenstunden und liess zahlreiche Temben der Wauassi einäschern, um diese für ihre fortwährenden Räubereien zu bestrafen. Nachmittags zeigte sich eine bewaffnete Schaar derselben auf einem Hügel und stiess ihr Kriegsgeschrei aus. Um den Irangi-Leuten zu zeigen von was für »Helden« sie sich gewöhnlich ins Bockshorn jagen liessen, sandte ich meinen boy Hamadi und zwei Küchenjungen aus, die von einem Tembedach ein kräftiges Feuer auf die Kriegerschaar — es waren mindestens 200 Mann — eröffneten und sie in wilde Flucht auflösten. Der ganze Vorgang hatte den Erfolg, dass es den Arabern gelang mit den Uassi-Leuten ein Abkommen zu treffen und dass von nun an nie mehr Karawanen in Uassi belästigt wurden. Es war dies das letzte Mal, dass die Expedition von den Waffen Gebrauch machen musste.

Ufiomi.

Zwei Tage marschirten wir durch unbewohntes, grasiges, von lichtem Akazienwald bedecktes Plateaugebiet und stiegen am 8. Januar nach der Landschaft Ufiomi ab. Zu beiden Seiten des langgestreckten, blauen Maitsimba-Sees dehnen sich bebaute Landschaften, aus welchen die viereckigen, ziegelrothen Flecken der Tembendächer hervorstechen. Im Nordost ragt die dunkle, waldige Masse des Ufiomi-Berges auf.

Die Eingeborenen, welche vor den Temben oder auf den Dächern hockten, sahen mit ihren verschlissenen Lederschürzen, den Laubmassen im Ohrlappen und dem verfilzten Haar, in dem eine ruppige Feder steckte, unglaublich wüst aus. Sie galten jahrelang als äusserst bösartig und ihr Land wurde von allen Fremden sorgfältig gemieden. Sei es, dass sie ihre Sitten geändert haben, sei es, dass die Niederlage ihrer Nachbarn sie gewitzigt hatte: sie begnügten sich uns anzustarren und unternahmen nichts Feindliches. Nachmittags hatten wir sogar das Vergnügen die Damenwelt Ufiomi's kennen zu lernen, die sich bisher in den Dachsbauen verborgen hatte, welche diese Eingeborenen in den Lehmboden ihrer Hütten graben, und nun kothbespritzt ans Tageslicht kam. Aus ethnographischem Interesse besuchte ich eine dieser Schutzhöhlen, musste etwa fünf Minuten durch einen beängstigend niedrigen Schacht bergabkriechen und gelangte dann in einen grösseren Raum, der durch einen Luftschacht mit der Oberfläche in Verbindung steht.

Von Ufiomi, das wir am 10. Januar verliessen, ging es leicht bergab durch fruchtbares, waldiges Land. Zwischen den Bäumen erblickt man die glänzende Fläche des Manyara-See. Auch die graue Ebene von Umbugwe wurde sichtbar und erweckte die Erinnerung an unsere Todten, die nun fast ein Jahr in fremder Erde lagen.

Ich war einigermaassen gespannt darauf, wie man uns in Umbugwe empfangen würde. Nachdem unsere Kämpfe im März 1892 in Deutschland bekannt geworden, waren nämlich einige »Kenner« aufgestanden, welche die Meinung aussprachen, dass Umbugwe nun endgiltig für alle Karawanen gesperrt sei. Ich war zwar vom Gegentheil überzeugt und die Erfahrungen der Irangi-Araber bewiesen dasselbe, aber wer kann mit Bestimmtheit auf die Gesinnung so unbeständiger, wilder Völkerschaften zählen?

Weib aus Ufiomi.

Mit gewohnter Vorsicht betraten wir daher am 11. Januar das Tembengebiet Umbugwe's, aber schon die ersten Eingeborenen zeigten uns, dass sich hier viel verändert hatte. Statt der Kriegerschaaren, die uns bei der ersten Ankunft umschwärmt, erblickten wir überall friedliche, unbewaffnete Menschen, die uns ihr »Tálala« als Gruss boten. Bald kam Mbaruk, der Elephantenjäger, der immer noch hier weilte und mit ihm die Führer von Küsten-Karawanen, welche die Freundlichkeit der Eingeborenen nicht genug loben konnten. Bei dem ernsten freundlichen Häuptling Mbi, dem stets wie ein Schatten sein ewig heiterer Minister folgte, schlugen wir das Lager auf.

In den nächsten Tagen trat ich eine kleine Rundreise durch Umbugwe an, die mich zu Kutadu und auch nach dem Schauplatz unserer früheren Kämpfe in Mtakayko's Land brachte. Ueberall wurden wir freundlich, wenn auch etwas scheu empfangen und erhielten von allen Häuptlingen, auch von Mtakayko, reiche Geschenke. Unter diesen Umständen hielt ich es nicht für gewagt, den grössten Theil der Karawane in Umbugwe zurück zu lassen und mit einer kleinen Abtheilung die Reise nach Iraku anzutreten. Natürlich durften die Zurückgebliebenen einzeln das Lager nicht verlassen, eine Maassregel, die eben nur durchführbar ist, wenn man Poscho (Wegzehrung) in natura und nicht in Zeug an die Leute vertheilt. Denn sonst kann man es ihnen nicht verbieten, einzeln auszuziehen und Lebensmittel einzukaufen, was kriegerische Eingeborene geradezu zu Mordthaten auffordert. Allerdings erfordert die Verpflegung in natura mehr Erfahrung und der Expeditionsführer muss auf Wochen hinaus auf Beschaffung von Proviant bedacht sein.

Mit leicht beweglicher Schaar verliess ich am 17. Januar Umbugwe, übersetzte den Kwou-Fluss und zog auf gutem Wege durch buschbedecktes Land nach dem Fuss des Steilabfalls. Auf einer Vorkuppe desselben lagerten wir und genossen bei Abenddämmerung einen schönen Blick auf die Seen Manyara und Laua ya Sereri und auf die weite, graue Massaisteppe über deren Horizont, wie ein lichtes Phantom der glänzende Schneedom des Kilimanjaro aufragte.

Nachts wurden wir von einem wilden Thiere, über dessen zoologische Stellung Meinungsverschiedenheiten herrschten, belästigt, welches zwei Mal in's Lager einbrach und erst einen Askari an der Schulter, dann einen Jungen an der Ferse verwundete. Die Patienten wurden am nächsten Morgen nach Umbugwe zurückgeschickt, während wir den steilen, felsigen Hang des Abfalls hinanstiegen.

Je höher wir kamen, desto frischere Luft wehte uns entgegen, bis wir die offene, grasige Hochfläche von Iraku erreichten. Zahlreiche Bäche durchschneiden das gewellte Land, im Norden und Nordosten ragen dunkle Waldberge auf. Die Eingeborenen gleichen völlig den Wafiomi, leben auch in ähnlichen Temben und sehen womöglich noch schmutziger, abenteuerlicher und wilder aus. Dennoch kamen sie uns sehr freundlich entgegen und machten den Eindruck friedfertiger Menschen. Als Ackerbauer leisten sie wirklich Hervorragendes; weite Strecken bedecken die schön gehaltenen, viereckigen Felder, die eben umgeackert wurden und als rothe Quadrate an den grasigen Hängen erschienen. Ueberall konnte man eifrig hackende Eingeborene sehen.

Durch ähnliches Gebiet, in dem sich ein stolzer Gipfel erhob, auf seiner Höhe förmliche Felszinnen tragend, ging es am 19. Januar nach der Residenz des Wataturu-Häuptlings Sagiro. Derselbe hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich, er hat schon im Massai-Land, in Unyanyembe und Usongo residirt und wurde von seinen Erbfeinden, den Massai, in diese entlegenen Höhen verdrängt. Seine Leute, unter welchen man auffallend wohlgebildete, echt hamitische Gestalten trifft, sehen verkommen aus, schmutzig und elend ist auch sein Dorf, ein halbverfallener Tembenring.

Landschaft in Iraku.

Am 20. Januar ging es südwärts durch Iraku. Ueberall dehnte sich reich bebautes Land aus, von rothen Viehpfaden durchzogen, und belebt von Farnen- und Phönixpalmen-Gruppen. Hier haust ein uralter Häuptling, der mit seiner langen, schmutzig weissen Haar- und Bartmähne wie ein Kobold aussah. Ueberall standen die abenteuerlichen Gestalten der Eingeborenen in neugierigen, harmlos freundlichen Gruppen am Wege und boten mit ihren scharfgeschnittenen Zigeuner-Gesichtern und dem Leder-Ueberwurf einen originellen Anblick. Das Merkwürdigste waren ihre Wohnungen, in die Erde eingelassene, geräumige Erdställe, in welchen es bei der herrschenden Kühle trotz der Dunkelheit ganz angenehm war. An den Eingängen standen dichtgedrängt die fellbekleideten Weiber, darunter auch manches ganz niedliche Höhlenmädchen, die uns vergnügt anlachten, aber bei dem leisesten Versuch sich zu nähern, in ihrem Mauseloch verschwanden.

Iraku-Leute.

Am 22. Januar verliessen wir das Dorfgebiet von Iraku, dessen letzte Siedelungen am Rande des Steilabfalles liegen und stiegen auf felsigem Pfade dem Kwou-Thale zu. Ueppige Krautvegetation bedeckt die rauhen Felswände aus deren Spalten reizende Phönixpalmen ihre schlanken Wipfel erheben.

Am klaren Kwou, dessen Ufer hochstämmiger Galleriewald säumt, lagerten wir und stiegen am nächsten Morgen über reich bewachsenen Hang zur welligen Plateaulandschaft Meri an. Hier haust eine kleine Kolonie von Irakuleuten und Wataturu, heitere, gutmüthige Leute, die in schönen Temben leben, welche in Gruppen geordnet, mit den ziegelrothen Dächern sich scharf aus der grünen, hügeligen Umgebung abheben. Ringsum dehnen sich prächtige Felder hinter welchen der begraste Berg ansteigt. Das Schönste an Meri ist jedoch die herrliche Aussicht über den gewaltigen Steilabfall des Grabens, die Niederung mit ihren schimmernden Seen, die graubraune Steppe mit ihren dunklen Gebirgsinseln und in weiter Ferne die Bergriesen des Meru und Kilimanjaro. Letzterer hatte eben eine neue Schneehaube bekommen und erschien in scharfen, blendend weissen Umrissen am Horizont.

TAFEL XIV

WATATURU AUS MANGATI

Hinter Meri ging es wieder steil bergan. Die Hänge bedeckten Gras und Farnvegetation. Manch' schöne Blumen, darunter reizende Primeln, leuchteten daraus hervor und wurden von farbenprächtigen, kleinen Vögeln umflattert. Dann traten wir in dunklen Laubwald ein, der völlig jenem von Mutyek glich. Lange Bartflechten hingen von den moosbedeckten mittelhohen Laubbäumen, dichte Krautvegetation, meist Nesseln und Farne, bedeckte den Boden. Stellenweise öffnete sich eine kleine Lichtung und breite Elephantenpfade durchschnitten diese herrliche unbewohnte Wildniss. Erst am nächsten Morgen verliessen wir den Wald und durchzogen ein offenes grasiges Land bis zum Rande des Steilabfalles. Vor uns stürzte ein schroffer, theils felsiger, theils bewaldeter Felshang mit eingestreuten Gruppen von Phönixpalmen ab. In der Tiefe erblickten wir die leicht gewellte, theils offene, theils mit Busch bedeckte Landschaft Mangati mit dem Balangda-See und den Temben der Wataturu. Uns gegenüber jedoch ragte in greifbarer Nähe, von dunklen Basaltwänden gekrönt, die kühne Bergpyramide des Gurui auf.

Durch Gestrüpp und Wald ging es auf felsigem Wege in die Tiefe. Bald hatten wir die Sohle des Grabens und die Niederlassung Barabeïda erreicht, wo ein jüngerer Bruder Sagiro's regierte. Hier lernte ich das Volk der Wataturu in seiner ganzen Ursprünglichkeit kennen. Langbeinige Krieger mit wildem Kopfschmuck von Straussenfedern kamen herbeigeeilt, auf den Kehrichthaufen kauerten Gruppen von Weibern mit Lederzeug und rasselndem Eisenschmuck, schwarzäugige, schmutzige Kinder auf dem Rücken tragend. Allen sieht man auf den ersten Blick die hamitische Abkunft an und negerhafte Züge sind hier nicht zu finden. Auch in Mangati fanden wir freundliche Aufnahme und bekamen reichlich Lebensmittel geliefert. Ein Ausflug brachte mich am nächsten Tage zum salzigen Balangda-See, der den Eingeborenen Kochsalz liefert. Von hier präsentirt der Gurui sich wieder anders, aber stets als prächtiger Bergriese.

Leider konnte ich meinen Wunsch, diesen Gipfel zu ersteigen, nicht erfüllen, denn ein Fieber, gegen das ich seit einigen Tagen ankämpfte, warf mich nun zu Boden und zwang mich, einen Tag in Barabeïda zu verbleiben. Obwohl mir am 27. Januar nicht viel besser war, reiste ich doch ab, um mein Fieber durch Ortsveränderung zu kuriren. Dieses alte Buschmittel versagte auch diesmal seine Wirkung nicht; als wir gegen Mittag am papyrusreichen Bubu lagerten, erholte ich mich ganz leidlich.

Durch bergiges, licht bewaldetes, fruchtbares Land ging es am 28. Januar an's Westufer des Maitsimba-See und nach unserem alten Lagerplatz in Ufiomi. Auf einer anderen Route längs des Kwou, der tief in den Lehmboden eingerissen ist, erreichten wir am 30. Januar Umbugwe wieder. Ich fand dort alles in bester Ordnung, meine Leute hatten mit den Wambugwe gutes Einvernehmen erhalten und reiche Vorräthe für den Marsch durch die Massai-Steppe gesammelt.

Noch hatte ich in Umbugwe eine Pflicht zu erfüllen, die Errichtung der Niederlassung, die ich in Meatu den Elephantenjägern zugesagt. Als Oberhaupt derselben bestimmte ich Mwanangwa Swetu, einen intelligenten Häuptling aus Unyamwesi, und wies demselben den Platz zur Errichtung einer Station an. Mit grossem Geschick hat dieser Mann seine Aufgabe gelöst und meinen Nachfolgern in Umbugwe gute Dienste geleistet. Von den Jägern blieben die meisten zurück, nur wenige, die sich vollkommen in die Expedition eingelebt, zogen mit uns nach der Küste.

Unter jenen, welche zurückblieben, gab es auch Leute, die schon Jahrzehnte im Innern zugebracht und unter andern Umständen vielleicht gern ihre Heimath wieder gesehen hätten. Wenn ich sie aber fragte, warum sie nicht mit nach der Küste wollten, meinten sie meist: »Hatutaki ku cheza ngoma ya Wazungu« (Wir wollen den Weissen nichts vortanzen). Diese Redensart stammt von den grossen Tanzfesten her, die von den Stationschefs bei festlichen Gelegenheiten, z. B. dem Erscheinen eines Oberbeamten zuweilen »amtlich« inscenirt, und von den Eingeborenen als lästiger Zwang empfunden werden.

Ueberhaupt ist es bemerkenswerth, dass weniger die grossen politischen Umänderungen, als die kleinen Polizeinörgeleien von der ostafrikanischen Bevölkerung als Druck gefühlt werden. Dass statt des Sultans von Sansibar nun ein deutscher Gouverneur regiert, ist den Leuten ganz gleichgiltig, aber dass sie nach 9 Uhr Abends nicht mehr spazieren gehen dürfen, Lampen brennen sollen, bei Tänzen und sonstigen Kleinigkeiten erst amtliche Erlaubniss einholen müssen, dann aber wieder auf Kommando, wenn sie keine Lust dazu haben, tanzen sollen, scheint den Swahíli unerträglich. Sie wollen ja gern Alles thun, im Nothfall selbst Steuern zahlen und für die Behörde arbeiten, aber tanzen wollen sie, wenn es ihnen Spass macht und nicht, wenn es der »Bwana mkubwa« befiehlt. Ein Bakschisch an die farbige Polizei befreit ja freilich von diesen und von den meisten anderen Lasten, wer aber darüber nicht verfügt der muss eben tanzen. Der grosse Mann freilich, zu dessen Ehren solche Feste arrangirt werden, ahnt von alledem nichts und sieht wohlgefällig dem »muntern Treiben« zu, wirft auch vielleicht einige Rupies unter die tanzenden Weiber, die ihnen nachträglich von den Polizisten wieder abgenommen werden. Zum Glück versteht er und seine Umgebung meist so gut wie kein Swahíli, sonst würde er grosse Augen zu den sonderbaren Schmeicheleien machen, die ihm in Form von Huldigungsliedern an den Kopf geworfen werden.[2]

Wenn ich auch überzeugt bin, dass solche Erscheinungen zu den Kinderkrankheiten einer jungen Kolonie gehören, die sich mit der Zeit verlieren, so konnte ich es doch meinen alten Elephantenjägern nicht übel nehmen, dass sie es unter solchen Umständen vorzogen in Umbugwe zu bleiben.

Am 3. Februar nahmen wir Abschied von den Zurückbleibenden und traten den Marsch durch die Massai-Steppe an. Um deren Erforschung in grossen Zügen zu vollenden, beschloss ich dieselbe in einer schrägen Linie nach Mgera in Nord-Unguu zu durchqueren. Als Führer für die ersten Tage dienten uns einige Wambugwe, später Massai, die wir von Irangi zu diesem Zwecke mitgenommen. Nach Verlassen der Felder von Umbugwe kamen wir an das Südende des salzigen Laua ya Sereri-Sees und traten dann in lichten Akazien- und Baobab-Wald ein. Vorbei an den nördlichen Ausläufern des Ufiomi-Gebirges gelangten wir an den kleinen Sickerbach Tschem-Tschem, wo wir lagerten.

Schwärme kahlköpfiger Aasgeier, die übliche Staffage der Lager im Massai-Land, hatten sich eingestellt und bedeckten die umliegenden Baumwipfel. Sie waren diesmal besonders frech und rissen in pfeilschnellem Fluge nicht selten den Leuten die Fleischstücke aus der Hand oder vom Feuer weg. Diese rächten sich, indem sie den Geiern mit der — Angel nachstellten. Sie banden eine gewöhnliche Fischangel mit einer Schnur an einen Ast und hingen ein Stück Fleisch daran. Ich lachte erst über diese komische Idee und war sehr erstaunt nach wenigen Minuten einen der gefrässigen Raubvögel an der Schnur zappeln zu sehen, mit dem Haken tief im Rachen.

Der nächste Marsch führte uns durch pfadlosen Steppenwald zum Tarangire-Fluss, der tiefe Tümpel enthielt, in welchen die Leute massenhaft Welse fingen. Am jenseitigen Ufer lag der frische Leichnam eines Nashorns, das von einem Löwen gefällt worden war. Der Wüstenkönig, den unsere Ankunft in seiner Mahlzeit gestört hatte, kam Nachmittags wieder um dieselbe zu vollenden. Es war ein riesiges, männliches Thier, der erste Löwe, den ich auf meinen langjährigen afrikanischen Reisen lebend in Freiheit sah. Natürlich versuchte ich ihn anzupürschen, doch nahm er schleunigst Reissaus und jagte in langen Sätzen über die Ebene davon.

Am 5. Februar ging's durch Steppenland, das öfter gänzlich offene, in der Regenzeit jedenfalls versumpfte Senkungen unterbrachen, dem Sambo-Berg zu, der mit seinen südöstlichen Ausläufern, den Lolduman-Hügel, vor uns auftauchte. Viel Wild war zu sehen, darunter besonders Rhinozeros, deren ich eines, meine Leute zwei erlegten. Wir fanden Abends etwas Wasser in einem Thalriss und zogen am nächsten Tage durch die, von tiefen Schluchten zerrissenen Vorhöhen des Sambo, einigen Wasserlöchern zu, die südlich von diesem Bergkegel lagen. Zu jener Zeit brachen wir nicht Morgens, sondern stets Mittags auf, um die Sonne im Rücken zu haben und lagerten erst Abends. Ich selbst wurde fast fortwährend von kleinen Fiebern geplagt und konnte nur mit Mühe topographische Arbeiten verrichten.

Ueber breite, flache Bodenwellen, deren Höhen mit Buschwald bedeckt sind, gingen wir am 7. Februar weiter. In einem felsigen Riss fanden wir Nachmittags Wasser, in das unsere durstigen Rinder förmlich hineinsprangen. Durch die Wegweiser verleitet, marschirten wir jedoch noch weiter, einem Wasserplatz zu, der angeblich nahe war. Doch erreichten wir ihn nicht und mussten wasserlos in der Steppe lagern. Mit seinem ziegelrothen Boden, seinen Termitenbauten und dürrem Stachelgestrüpp, schien das Land eine rechte Einöde und ich dachte eben darüber nach, wie selten wohl ein Mensch hierher gelangen mochte, als sich die Büsche theilten und eine Schaar Wandorobo hervortraten. Sie jagten in der Umgebung und waren stark mit Massai gemischt, die in ihrem Elend zu Wandorobo wurden. Auch einige schreckliche Hungergestalten waren unter ihnen, die Ueberreste ganzer Stämme, deren Gebeine in der Steppe bleichten.

Die Wandorobo führten uns am nächsten Morgen zum Wasserriss Kivululo, in dem viele ständige Tümpel sich ansammeln. Dann ging es bei glühendem Sonnenbrand wieder in die Steppe hinaus; auf weite Strecken ist das Land mit niedrigem, schwer passirbarem Gestrüpp bedeckt, über welches Heerden von Giraffen ihre langen Hälse erheben. Wir sollten Abends ein Wasserloch erreichen, fanden dasselbe jedoch leer und mussten abermals ohne Wasser lagern.

Am 9. Februar ging es auf den langen Felshügel Neibor-murt zu, der wie ein riesiger Elephantenrücken aus der welligen Steppe hervorragte. An seinem Fusse lagen, von Schattenbäumen umgeben, einige Tümpel. Dort hatten Jäger aus Usegua ein Lager geschlagen und durchstreiften mit einigen Massaiführern die Steppe nach Wild und Elfenbein. Zum letzten Mal erblickten wir vom Neibor-murt die fernen Gipfel des Kilimanjaro und zogen dann weglos durch Dorngestrüpp nach Südosten. Die alten Viehpfade der Massai waren alle verwachsen, nur mit dem Buschmesser kamen wir Schritt für Schritt vorwärts. Glühend brannte die Sonne auf den nackten, rothen Boden zwischen den Stachelbüschen und selbst die Nacht brachte uns kein Labsal, denn ohne Wasser mussten wir abermals bei einem Felshügel Ndigira lagern.

Die furchtbare Hitze, der Wassermangel und die schwierigen Terrainverhältnisse stellten an die mit Proviant schwer bepackte Mannschaft harte Anforderungen. Die »alte Garde« der Massai-Expedition allerdings war Allem gewachsen und behielt ihr flottes Marschtempo und ihren guten Muth bei. Die Neulinge jedoch, die in Tabora hinzugekommen, hauptsächlich die Wanyamwesi fielen vollständig ab, waren auf's Aeusserste erschöpft und kaum noch vorwärts zu bringen. Solche Steppenmärsche sind überhaupt die besten Prüfsteine für die Leistungsfähigkeit einer Mannschaft. Wenn ich die Ostafrikaner nach ihrer Eignung zu Pionier-Expeditionen eintheilen sollte, so würde ich die Pangani-Leute entschieden obenan stellen. An Massai-Reisen gewöhnt, halten sie unter allen Umständen, bei jeder Nahrung aus und sind auch vor dem Feinde muthig. Besonders die Sklaven aus Bwenyi, meist Manyema, sind ein vorzügliches Material. Ihnen fast ebenbürtig sind die Wadigo, ausdauernde, muthige Bursche, die noch dazu nicht das unruhige Wesen der Manyema besitzen.

Die echten Tanga- und Mtangata-Leute, sowie die Wassegeju sind vielfach ebenfalls in Massai-Reisen erfahren, stehen jedoch den Pangani-Leuten im Allgemeinen nach. Die Wabondeï sind weder physisch noch moralisch ähnlichen Aufgaben gewachsen, besser sind Waschambaa und Wasegua, unter denen besonders die Wanguu sich als zähe, tapfere Leute auszeichnen. Unter den Bagamoyo-Trägern muss man die echten Wasaramo von der Küstenbevölkerung unterscheiden. Erstere sind weniger brauchbar, letztere recht tüchtig, aber mehr für Karawanenstrassen-Dienst und zu Soldaten verwendbar. Bezüglich der Nahrung sind sie weit empfindlicher als die Pangani- und Tanga-Leute, passen also weniger zu Forschungsreisen.

Ganz unbrauchbar zu jeder richtigen »Buschfahrt«, abseits von der Heerstrasse, sind Wanyamwesi und vor Allen Wasukuma. So ausdauernd diese bei guten Rationen und reichlichem Wasser auf gewohnten Wegen sind, so wenig bewähren sie sich in nur einigermaassen ungewöhnlichen Verhältnissen. Betreffs der Sudanesen machte ich schlechte Erfahrungen, so vorzüglich dieselben im Stationsdienst und auf kleinen Expeditionen, sowie vor dem Feind sich bewähren, so wenig sind sie grossen Strapazen gewachsen, wie auch Stanley erfahren hat. Die Expeditionen der Schutztruppe, welche höchstens einige Wochen hindurch Anspannung aller Kräfte erfordern, dann aber wieder lange Ruhepausen gewähren, sind natürlich in keiner Weise mit einer grossen Forschungs-Expedition zu vergleichen, die Monate und Jahre lang dauert und Kräfte, die für die Schutztruppe genügen, sind für solche Zwecke noch lange nicht ausreichend.

Besonders bei wasserlosen Märschen zeigt sich der Unterschied zwischen erfahrenen und unerfahrenen Leuten. Während erstere mit ihrem Trinkwasser haushalten, trinken letztere alles unterwegs, sind dann im Lager dem Verschmachten nahe und am nächsten Morgen marschunfähig. So war es auch am 11. Februar: Eine ganze Anzahl Wanyamwesi blieb verzweifelt liegen, während wir unsern Marsch durch die glühende Wüste — Steppe ist für diese fast kahle rothe Fläche zu gering — eilig fortsetzten. Gegen Mittag erreichten wir einen ansehnlichen Wassertümpel, Mabani, und Mensch und Vieh schlürften mit Wollust das schwarze, schlammige Nass. Die unermüdlichen Askari hatten kaum den ersten Durst gelöscht, als sie Gefässe mit Wasser füllten und zurückliefen, um die Wanyamwesi zu laben. Sie fanden dieselben fast sterbend, konnten jedoch alle retten und brachten sie ins Lager. Auch hier hatten einige Elephantenjäger aus Pangani ihr Lager aufgeschlagen und bereits recht ansehnliche Elfenbeinvorräthe gesammelt.

Von nun an ging es mit dem Wasser besser; Graswuchs bedeckte stellenweise das Land, Tümpel mit rothem, grünem oder schwarzem Wasser waren ziemlich häufig: wir näherten uns dem Rand der Steppe. In der Ferne tauchten die Berge von Unguu auf, bewohntes Gebiet, dessen erster Anblick Jubelgeschrei hervorrief. Am 14. Februar lagerten wir unweit des Talama-Berges bei einer Wandorobo-Niederlassung. In dichtem Gestrüpp verborgen lagen die elenden, halbrunden Grashütten, an der Einzäunung standen schlanke Männer, auf den Bogen gestützt und zwischen den Hütten, inmitten von Fleisch- und Knochen-Ueberresten, kauerten ihre eisengeschmückten, kahlköpfigen Weiber.

Am 15. Februar veränderte sich die Landschaft; nach kurzem Marsch durch offene Steppe traten wir in lichten Laubwald ein, das Land wurde hügelig, die wohlbekannten Formen der Unguuberge traten näher, an den Hängen nahm man die grünen Vierecke der Felder wahr. Nachmittags wurden auch die zaunumgebenen Gruppen der spitzen Kegelhütten wahrnehmbar und mit Trommelklang und Hörnerschall marschirten wir in das Grenzdorf Unguus, in Kwa Maligwa ein.

Am nächsten Morgen erreichten wir Mgera, den Hauptort dieser Gegend, der mir schon von 1890 her bekannt war. Damals machten mir die Eingeborenen einen ziemlich urwüchsigen Eindruck, jetzt, wo wir von den Höhlenmenschen kamen, erschienen sie mir in ihrer reichen Baumwollkleidung als hochcivilisirte Menschen. Die gutmüthige, dicke »Königin« Mandaro, eine alte Bekannte, machte mit einigen ganz niedlichen Hofdamen ihre Aufwartung.

Mehr als das freute mich jedoch das Eintreffen der Postboten, die mir lang ersehnte Nachrichten von der Heimath brachten. Hatte ich doch während der ganzen Reise nur zweimal veraltete Postsendungen bekommen! Wir waren eben zu schnell gereist, die Herren, die an der Küste die Beförderung der Posten leiteten, rechneten mit dem üblichen Schneckengang der Expeditionen, und wenn eine Sendung irgendwo eintraf, war ich immer schon längst über alle Berge. Der Grund, warum wir so rasch vorwärts gekommen, liegt, wie ich glaube, hauptsächlich darin, dass wir niemals Gewaltmärsche machten, dass es uns niemals auf einen oder zwei Rasttage ankam, dass wir überhaupt niemals Eile hatten. »Haraka haïna baraka« (Eile bringt kein Glück) sagt der Swahíli, und was das Reisen im Innern anbelangt, hat er gewiss Recht. Jede unnütze Ueberanstrengung der Kräfte, jede überstürzt eingeleitete und mangelhaft vorbereitete Unternehmung rächt sich durch endlose Aufenthalte, die dem Reisenden alle Lust benehmen und den Geist der Mannschaft schwer schädigen.

Wenn es der Küste zu geht, ist es freilich ein alter Karawanenbrauch, dass die letzten Tage in Gewaltmärschen zurückgelegt werden. Die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen der Küstenstädte, nach dem »Msonga nyuele«, dem geflochtenen Haar der reizenden Swahíli-Damen, lässt die Leute nicht ruhen. So ging es denn förmlich im Trab hügelauf, hügelab, durch die reich bebauten Gehänge Usegua's. Mir war die Gegend schon bekannt und im Fluge gings bei Makoma, der Stätte unserer blutigen Kämpfe von 1890, und den zahllosen grossen und kleinen Dörfern vorbei.

Selbst ein Krieg, der etwas abseits von unserer Route »wüthete«, konnte unser Interesse nicht erregen. Es kämpften da Leute des verstorbenen räuberischen Häuptlings Kiro mit einer eingeborenen Regierungspartei, die im amtlichen Auftrage diese Rebellen bestrafen sollte. Der »Krieg« bestand darin, dass alle 10 bis 20 Minuten ein Schuss fiel; zur Mittagszeit und bei Regenwetter wurde überhaupt nicht Krieg geführt. Ob dieser gemüthliche Kampf heute noch »tobt« oder ob die Regierungspartei inzwischen der gerechten Sache zum Sieg verholfen, ist mir nicht bekannt.

Uebrigens konnte ich es den braven Kämpfern nicht übel nehmen, wenn sie sich die Sache etwas bequem machten, denn die Sonne brannte in diesen Tagen ganz höllisch, es herrschte das, was man sich gewöhnlich unter einer »afrikanischen Hitze« vorstellt. Dieser und meiner schadhaft gewordenen Kopfbedeckung verdanke ich es, wenn ich am Nachmittag des 20. Februar plötzlich von einem Hitzschlag getroffen wurde, der mich vom Reitesel herab bewusstlos ins Gras warf.

Als ich nach Stunden aus tiefer Ohnmacht erwachte, fand ich mich blitzschnell durch einen nächtlichen Wald schwebend, den zahlreiche strahlende Lichter mit feenhaftem Glanz übergossen. Ich glaubte mich schon in einem Zauberreich, als ich, durch die scharfe Morgenbrise völlig zum Bewusstsein gebracht, erkannte, dass ich durch einen Wald getragen wurde, während vor und hinter mir Askari mit Magnesiumfackeln liefen. Meine Leute hatten mich nämlich, nach vergeblichen Versuchen mich zu erwecken, in eine Hängematte gepackt und im Laufschritt den Marsch angetreten, um mich nach Pangani zum Arzt zu bringen.

Glücklicherweise siegte meine kräftige Natur und als bei Morgengrauen die Palmenwipfel der Pangani-Ufer sichtbar wurden, war ich schon wieder auf den Beinen. In der Zucker-Plantage eines Arabers in Mauia fanden wir freundliche Aufnahme und Unterkunft in dem schönen, kühlen Steingebäude. Vom Hause blickte ich hinab auf den grauen, langsam dahinfliessenden Pangani mit seinen üppigen, palmengekrönten Ufern.

Jenseits lagen Tschogwe, Pongwe und Mundo, die frühere Schamba Buschiri's. Welche Fülle von Erinnerungen bargen diese Namen für mich! Hier war ich 1888 mit Dr. Hans Meyer von bewaffneten Schaaren Buschiri's geführt, und meiner letzten Habe beraubt worden. Tagelang mussten wir an diesen lachenden Palmenufern in Ketten unser Schicksal, einen wahrscheinlich schrecklichen Tod erwarten, dem wir nur durch ein Wunder entgingen. Mehr jedoch als unser Leben, bedauerten wir damals das Missglücken unserer Expedition, das Fehlschlagen unserer grossen Pläne. Und doch sollten wir beide diese Pläne noch einmal zur Wahrheit machen: Hans Meyer hat als erster den stolzen Gipfel des Kilimanjaro bestiegen und mir ist es gelungen unsere weiterreichenden, damaligen Entwürfe zur Wahrheit zu machen. Buschiri, unser Gegner von 1888, fand den verdienten Tod und über dem Schauplatz unserer Leiden weht die deutsche Flagge!

Nachmittags verliessen wir Mauia und zogen durch die reichen Pflanzungen des rechten Pangani-Ufers. Stolz erhob sich die königliche Kokospalme und der herrliche, schattige Mangobaum verbreitete süssen Duft. Mit den letzten Strahlen der Sonne zogen wir in Bweni, gegenüber Pangani, ein und sahen in magischer Beleuchtung die Steingebäude des ansehnlichen Städtchens am jenseitigen Ufer.

Die Deutschen Pangani's, die von meiner Ankunft wussten, kamen mir im Boot entgegen und ich konnte den Herren Pfrank, von Rode und Dietert die Hand drücken, alten afrikanischen Bekannten, die in ihren blüthenweissen Anzügen, mir zerfetztem, kothbespritztem Buschmann ungeheuer civilisirt vorkamen.

Dumpf rollte die Trommel, die Freudenschüsse der Leute erklangen und die Luft erzitterte von ihrem Jubelgeschrei. Stolz wehte die zerschlissene Flagge der Massai-Expedition im Abendwind. Und sie hatte ein Recht auf die Expedition stolz zu sein, der sie durch 14 Monate ein Banner gewesen!

An 4000 Kilometer hatten wir durcheilt, wovon mehr als zwei Drittheile durch gänzlich unerforschtes Gebiet führten. Die riesigen weissen Flecken, welche die Karte des nördlichen Deutsch-Ost-Afrika aufwies, waren ausgefüllt, weite Landstriche, die noch keines Weissen Fuss betreten, erforscht und Völker, die bis auf den Namen unbekannt waren, besucht worden. Zwei grosse Seen, der Manyara und Eyassi und eine tiefe Bucht des Victoria-Nyansa waren entdeckt und die letzten Räthsel des alten Nilquellproblems gelöst worden. Zahlreiche Kämpfe hatten wir zu bestehen gehabt, konnten jedoch mit Stolz behaupten, dass durch unsere Expedition das deutsche Ansehen in Afrika keinen Schaden gelitten hatte.

Zum letzten Male erklang am nächsten Tage, dem 22. Februar, die Karawanentrommel und die Mannschaft trat vor dem Usagarahaus in Pangani an, um ihren hart verdienten Lohn in Empfang zu nehmen. Die Braven erhielten ihn nebst einem reichen Geschenk und standen dann, ihrer Entlassung harrend, im Vorhofe des Gebäudes.

Noch einmal überblickte ich alle die dunkelfarbigen Gesichter, deren jedes einzelne eine Fülle von Erinnerungen für mich barg. Ich gedachte der schweren Zeiten, die wir gemeinsam verlebt und der Erfolge, die wir errungen, ich gedachte Jener die diese Stunde nicht erlebt, die den Heldentod vor dem Feinde gefunden oder Krankheit und Elend im Innern Afrika's erlegen waren.

Die Träger begannen ungeduldig zu werden. Bei der Auszahlung, als sie ihrem »Bwana kivunja« die Hand drückten, war wohl manchem dieser leichtlebigen jungen Burschen etwas weich zu Muthe geworden, nun forderte die Gegenwart ihr Recht, es galt die sauer verdienten Silberlinge rasch wieder anzubringen.

Ernster standen ihnen gegenüber die Askaris. Für diese wäre nun der Augenblick gekommen gewesen, mir nach dem Muster der Stanley'schen Getreuen zu Füssen zu fallen und mich dann im Triumph zu tragen. Doch nichts dergleichen geschah, sie standen nur stramm, wie es braven Soldaten geziemt. Aber ich hatte gelernt in den Augen meiner Leute zu lesen und sah recht wohl, dass im Innern dieser harten Buschläufer mehr vorging als das unbewegliche Aeussere verrathen mochte.

Mit einem »Lebt wohl!« entliess ich meine Mannschaft. Kwaheri bwana! scholl es aus hundert Kehlen zurück. Rasch verliessen die Träger, langsamer die Askaris den Hofraum, doch dauerte es keine Minute und der Letzte war um die Ecke gebogen.

Die Massai-Expedition war zu Ende.

Pangani.

TAFEL XV

MASSAI-KRIEGER VON MUTYEK.