II. THEIL.
[[←]] VII. KAPITEL.
Zur physischen Erdkunde der erforschten Gebiete.
Allgemeine Uebersicht. — Das abflusslose Gebiet. — Der Kilimanjaro-Graben. — Die Massai-Steppe. — Der grosse ostafrikanische Graben. — Der Wembere-Graben. — Das Granitplateau von Unyamwesi. — Der Victoria-Nyansa. — Die Quelle des Nil und das Mondgebirge. — Das centralafrikanische Schiefergebirge und der centrale Graben.
Das Forschungsgebiet der Massai-Expedition, von welchem nachfolgend die Rede sein soll, dehnt sich von der nördlichen Küstenlinie Deutsch-Ostafrika's, der sogenannten Tangaküste, bis zur Westgrenze der Interessensphäre, die durch den Verlauf des Tanganyika-See gekennzeichnet ist. Dieses ungeheure Gebiet lässt sich in verschiedene, ziemlich scharf von einander getrennte Abschnitte theilen.
An die schmale Küstenzone, für welche das Auftreten jurassischer Kalke und Thonschiefer bezeichnend ist, schliesst sich eine Kette krystallinischer Gebirgsinseln, die unter dem Namen Ostafrikanisches Schiefergebirge zusammengefasst werden.
An diese Gebiete reiht sich westlich eine Zone, die durch grossartige geologische Störungen bemerkenswerth ist. Dieselbe ist vor Allem durch den Verlauf des grossen ostafrikanischen Grabens bezeichnet, jener ungeheuren meridionalen Bruchlinie, welche, wie Suess so meisterhaft nachgewiesen, vom Todten Meer bis Ugogo durch fast 40 Breitengrade zu verfolgen ist. Als Nebenbruch lässt sich im Osten jener Graben auffassen, dem der Meru und Kilimanjaro, vielleicht auch der Kenia entstiegen und dessen südlichen Verlauf das Panganithal undeutlich kennzeichnet, im Westen die Wembere-Spalte, die als Sackgasse in das Massai-Plateau eingerissen ist. Das ganze ausgedehnte Gebiet entsendet keinen Wasserlauf zum Meere und lässt sich daher als abflussloses Gebiet bezeichnen.
Im Westen von dieser theils krystallinischen, theils jungeruptiven Zone dehnt sich eine weite einförmige Hochebene aus, das Granit-Plateau von Unyamwesi, in welches nördlich das Becken des Victoria-Nyansa eingelagert ist. Theils dem Nil, theils dem Tanganyika-Gebiete angehörend, ist es durch den fast vollständigen Mangel ständig fliessender Gewässer ausgezeichnet.
Vom Granitplateau gelangt man landeinwärts abermals in ein krystallinisches Gebirge, das, dem ostafrikanischen Schiefergebirge fast gleichlaufend, als centralafrikanisches Schiefergebirge bezeichnet werden kann. Hier nimmt besonders die Hydrographie unser Interesse in Anspruch; schneidet doch hier die Wasserscheide zwischen Tanganyika-Kongo und Nyansa-Nil durch, liegt doch hier die Quelle der Hauptader des Victoria-See, die Quelle des Nil. Das Schiefergebirge stürzt in steilen Wänden zu einer anderen ungeheuren Spalte ab, dem centralafrikanischen Graben, dessen Sohle der Tanganyika-See einnimmt.
Das Vorland und die Komplexe des ostafrikanischen Schiefergebirges wurden schon an anderer Stelle[3] eingehend beschrieben, wir beginnen daher in der Beschreibung der einzelnen Abschnitte mit dem abflusslosen Gebiet.
Im Westen des Panganiflusses bei Aruscha erhebt sich das Litema-Gebirge, in seinen höchsten Punkten bis über 1700 m ansteigend und gegen Süden in niedrigen Kuppen verlaufend. Es bildet den Westrand des Kilimanjaro-Grabens, jenes Seitenzweiges der grossen Spalte, dem die vulkanischen Bergriesen des Kilimanjaro und Meru entstiegen. Das Litema-Gebirge ist der Hauptmasse nach krystallinisch mit stellenweiser Ueberlagerung archaischer, graphithaltiger Kalke und vorherrschend nordwestlichem Streichen mit nordöstlichem Fallen unter etwa 45°. Doch sind die Schichten vielfach stark verworfen und es haben grosse Störungen stattgefunden, wie auch das Vorhandensein jungeruptiver Durchbrüche anzeigt.
Das Litema-Gebirge fällt gegen das Pangani-Thal ziemlich steil, weit sanfter gegen die bedeutend höhere Massai-Steppe ab. Dieselbe bildet ein Plateau, welches allmählich bis zu 1500 m ansteigt, um dann eben so sanft gegen die Sohle des grossen Grabens zu fallen. Es ist durch das gänzliche Fehlen ständig fliessender Gewässer, überhaupt durch Wasserarmuth, bezeichnet. Aus der weiten, leicht gewellten Ebene erheben sich insular einzelne Bergkuppen, die bis zu 17-1800 m ansteigen und nicht nur weithin sichtbare Landmarken in dieser Wildniss bilden, sondern in ihren Klüften meist auch Quellen und Wassertümpel bergen. Im Norden sind es die Gruppen des Benne- und Sogonoi-Berges, des Mella, Lukutu und des ansehnlichen Donyo Kissale, welche im Distrikt Sogonoi und Balanga aufragen. Weiter im Süden erheben sich der Sambo, Neibor múrt, Kinyarók und die einzelnen spitzen Felsberge der Massai-Landschaft Kiwaya, welche einerseits bis zu den bewohnten Höhen von Unguu, andererseits bis zu den Vorbergen des Irangi-Gebirges in der Ebene verstreut sind.
Ueberall in der Steppe und in den Bergkuppen herrscht Gneiss und krystallinischer Schiefer vor, mit leicht geneigten meist landauswärts fallenden Schichten und verschiedenen, aber fast immer den meridionalen genäherten Streichungsrichtungen. Nur im Süden, gegen Unguu zu, treten Spuren jüngerer Kalke auf, die das frühere Vorhandensein von Süsswasserseen anzudeuten scheinen, deren einer, der Kinyaróksee, heute noch besteht und die vielleicht den südlichen Verlauf der Kilimanjaro-Spalte bezeichnen.
Während in der trockenen Zeit die Massai-Steppe durch Wassermangel vielfach ganz unpassirbar ist, sammelt sich in der Regenzeit das Wasser in den flachen Mulden und verwandelt diese in Sümpfe. Solche Senkungen sind meist vollkommen offen, grasig, in der trockenen Zeit oft fast vegetationslos und von tiefen Rissen im schwarzen Boden durchfurcht, während höher gelegene Striche mit Steppenvegetation, Dorngestrüpp und Schirmakazien bedeckt sind, aus welchen vereinzelt Baobabs aufragen. Eine reichere Vegetation, darunter stellenweise sogar Laubwald, tritt am Fusse und an den Hängen der Bergkuppen auf.
Von Menschen fast ganz verlassen, ist die Massai-Steppe der Tummelplatz grosser Wildmengen. Die Büffel zwar und die anderen wilden Rinderarten haben durch die Viehseuche 1891 schwer gelitten und sind fast ganz verschwunden. Aber Zebras und Antilopen, Giraffen und Strausse treiben sich noch in Heerden umher und besonders massenhaft tritt das Nashorn auf, meist in Gruppen von 2 bis 3 die Wildniss durchstreifend. Selbst Elephanten kommen noch vor und auch Löwen und Leoparden sind ziemlich häufig. Raubvögel folgen in Schwärmen jeder Karawane.
Die Regenzeit scheint in der Massai-Steppe früher als an der Küste, gewöhnlich Mitte Februar einzusetzen. Sie wird durch heftige Ostwinde eröffnet, die überhaupt das ganze Jahr hindurch vorherrschen. Die Temperaturschwankungen sind sehr bedeutend, an glühenden Sonnenbrand unter Tage schliessen sich eisig kalte Nächte. In der Trockenzeit eine wasserlose Wüste, in der Regenzeit ein Sumpf, stets eine pfadlose, schwer zugängliche Wildniss, bildet die Massai-Steppe kein sehr vielversprechendes Gebiet.
Der grosse ostafrikanische Graben ist besonders scharf durch seinen Westrand, den Steilabfall des Massai-Plateaus, charakterisirt. Derselbe wurde im Norden von Dr. Fischer bis zur Breite des Natron-Sees erforscht, im Süden vermuthete man seine Fortsetzung in den Muhalala-Bergen in Ugogo, doch das Zwischenglied war noch unbekannt. Am Natron-See ist der Graben einerseits durch das Massai-Gebirge, den sogenannten Mau-Abfall, dem der thätige Vulkan des Donyo ngai entsteigt, andererseits durch den Tafelberg des Geleï bezeichnet.
Südwärts schreitend, gelangt man in die schon von Dr. Fischer erkundete flache Senkung, die sich zwischen dem Natron-See und dem Manyara-See ausdehnt. Sie hat fast dieselbe Höhe wie der Manyara-See und weist Spuren von Kalksinter und Gerölle auf, welche auf eine frühere grössere Ausdehnung des Manyara und möglichen Zusammenhang mit dem Natron-See hinweisen. Im Osten erhebt sich die wahrscheinlich krystallinische Masse des Simangori-Berges. Im Westen ragt der hier fast 700 m hohe, ungemein schroffe Abfall des Plateaus auf. Dieses ist von unregelmässigen Höhenzügen bedeckt, zwischen welchen verschiedene Gewässer dem Manyara-See zufliessen. An dieser Stelle ist also die von Suess angenommene Aufwulstung der Grabenränder nicht wahrzunehmen, während sie weiter südlich, wo der Mto ya Matete unweit des Plateaurandes entspringt und westlich abfliessen soll, möglicherweise auftritt. Am Abfall sowohl wie am Plateau stehen ausschliesslich junge Eruptivgesteine, vorherrschend Basalte an, die auf den Höhen vielfach mit rother Lateritmasse überlagert sind. Als Eruptionscentrum kann hier der oblonge Kessel am Ngorongoro betrachtet werden, der, von steilen Tuffwänden eingesäumt, eine flache Sohle besitzt, deren westlicher Theil von dem kleinen Ngorongoro-See eingenommen wird, dem mehrere Bäche zuströmen. Am Ufer des Sees stehen jüngere Kalke an.
Weiter südlich senken sich die Berge des Abfalls bedeutend ab, sind am Nordende des Manyara-Sees ca. 200 m hoch und steigen dann wieder zum Plateau von Iraku an. Der Manyara-See (1000 m) erfüllt ein seichtes Becken und besitzt nach der Jahreszeit wechselnden Wasserstand, trocknet jedoch niemals gänzlich aus. Er nimmt im Norden und Westen mehrere wasserreiche Bäche, im Süden den ansehnlichen Kwou-Fluss auf. An seinem Westufer entspringen mehrere heisse Quellen (Temp. ca. 80° C.). Der Manyara ist ein Salzsee, sein Wasser ist nicht trinkbar und dicke Salzschichten bedecken das Ufer.
TAFEL XVI
Iraku-Plateau
Ebene von Umbugwe
Kilimanjaro
Manyara-See
Laua ya Sereri-See
Ausblick von Meri (Iraku) gegen Nord.
Wie aus der chemischen Untersuchung[4] ersichtlich, sind die Salze des Manyara vor Allem durch ihren Soda-Gehalt ausgezeichnet, während Salpetersäure und Magnesia-Salze ihnen gänzlich fehlen. Durch den letzteren Mangel unterscheidet das Wasser des Manyara sich wesentlich von dem des todten und kaspischen Meeres, sowie vom Seewasser, wie denn überhaupt die Seen des ostafrikanischen Grabens nicht, wie der Tanganyika und Nyassa als Relictenseen, sondern als Ueberreste eines früheren Flusssystems zu betrachten sind. Darauf deutet auch die niedere Fauna des Manyara, welche trotz seines Salzgehaltes reine Süsswasserformen aufweist und besonders auf die Nilfauna hinweist. Aus ähnlichen Vorkommnissen im Rudolf-See schloss Suess, dass die Entstehung des Grabens in einer Zeit erfolgt sein müsse, wo die gegenwärtige Nilfauna bereits bestand oder doch einen der jetzigen sehr ähnlichen Charakter hatte. Was die Schnecken des Manyara anbelangt, so gehören dieselben allzu weit verbreiteten Arten an, um einen solchen Schluss direkt zu gestatten, auch scheint eine Verschleppung von Schneckeneiern durch Vögel leicht möglich. Doch wird die Suess'sche Annahme durch das massenhafte Auftreten junger Eruptivgesteine im Grabengebiet, deren Entstehung ihrem Charakter nach bis in die geologische Gegenwart fällt, bekräftigt.
Am Manyara-See besteht der Abfall nicht mehr aus Basalten, sondern der liegende Gneiss mit meist nordöstlichem Streichen und verschiedenen oft sehr steilen Fallrichtungen tritt hier und am Plateau von Iraku zu Tage.
Die südliche Fortsetzung des Manyara-See bildet der flache Boden von Umbugwe, ein Alluvialgebiet, in dem einzelne krystallinische Hügel aufragen und das von dem theilweise versumpften Kwoufluss und seinen Nebenbächen durchzogen wird. Es ist zweifellos alter Seeboden und der Laua ya Sereri, östlich von Kutadu's Land, ein Salzsee, der in dürren Jahren manchmal eintrocknet, stand früher mit dem Manyara in Verbindung. Der Boden Umbugwe's ist salzig und das Wasser der Lachen, die sich nach starkem Regen in grosser Ausdehnung bilden, ist nicht trinkbar. Westlich von Umbugwe erhebt sich der Steilabfall bis zur Höhe von 1900 m und ist gekrönt vom Plateau von Iraku, das durchschnitten von zahlreichen Bächen des Kwousystems weit tiefere Thäler, überhaupt weit gebirgigeres Terrain besitzt als Mutyek. Ueberall steht, wie schon erwähnt, Gneiss und krystallinischer Schiefer an, in einzelnen Kuppen in romantischen Felsbildungen aufragend. Weiter westlich scheint das Land stark abzuflachen und nimmt immer mehr Steppencharakter an.
Südlich von Umbugwe steigt die Sohle des Grabens sanft um etwa 100 m und das Auftreten von Basalt und Tuff zeigt eruptive Durchbrüche an. Auf der Höhe der derart erreichten Stufe liegt die Landschaft Ufiomi mit dem kleinen Maitsimba-See (1440 m), dem einzigen in der langen Reihe der Grabenseen, der Süsswasser enthält. Er verdankt dies dem Vorhandensein eines Abflusses, der allerdings nur nach starkem Regen oberirdisch Wasser führt, stets jedoch an unterirdischem Sickerwasser reich ist, das in den Kwou mündet. Oestlich vom Maitsimba erhebt sich der vulkanische Ufiomiberg bis ca. 2500 m; er ist der nördliche Ausläufer des Plateau von Uassi, welches hier den sehr scharfen Ostrand des Grabens bildet. Es steigt bis zu 1700 m an, besitzt sowohl gegen den Graben als gegen die Massaisteppe sehr schroffe Abfälle, hat leicht gewelltes Terrain, meist periodische Wasserläufe und besteht aus Gneiss und krystallinischen Schiefern mit vorherrschend meridionaler Streichungsrichtung und steilem Fall gegen Westen.
Im Westen des Maitsimba-See sind mehrere Höhenzüge dem Steilabfalle vorgelagert, der sich schroff und felsig zum Plateau von Meri bis über 2000 m hoch erhebt. Ihm entströmen die Nebenbäche des Bubu, der erst mit papyrusreichem Ufer östlich von der Landschaft Mangati verläuft, als breites, sandiges Bett bei Irangi vorbeifliesst und schliesslich in Ugogo in altem Seeboden verläuft. Bei Mangati macht der Steilabfall, der auch hier aus krystallinischen Schiefern in sehr stark gestörten Schichtenlagen besteht, plötzlich einen Bogen nach Westen, um nach einigen Kilometern als bedeutend niedrigere Stufe nach Südwest zu streichen. Aus der dadurch gebildeten Bucht erhebt sich vollkommen isolirt der vulkanische Kegel des Gurui[5] bis zu 3200 m, der 1885 von Dr. Fischer in Irangi zuerst gesehen worden war. Sein Obertheil besteht fast ganz aus steilen, schwarzen Basaltwänden, die Hänge sind theils grasig, theils bewaldet. Zwischen Gurui und dem schroffen Abfall dehnt sich die leicht gewellte Landschaft Mangati aus, in deren Westecke der kleine Salzsee Balangda (1600 m) liegt. Derselbe trocknet in dürren Jahren oft fast ganz ein, dann bilden sich starke Salzablagerungen an den Ufern, die von den Eingeborenen gewonnen und als Kochsalz benutzt werden, als welches sie vorzügliche Eigenschaften besitzen.[6]
Südlich vom Gurui senkt sich die Sohle des Grabens wieder bis zu 1360 m, welche Höhe sie in der Landschaft Uyanganyi erreicht. Den Westrand bildet hier der Abfall des Plateaus von Turu, welches bis zu 1820 m ansteigt und einen sehr deutlich ausgeprägten Randwall gegen den Graben zu besitzt. Sowohl an der Sohle des Grabens wie am Plateau von Turu steht Granit an, welches Gestein hier aus Unyamwesi in das Grabengebiet übergreift.
Das Plateau von Turu besitzt sandigen, salzhaltigen Boden, nähert sich mit den zahlreich verstreuten Granitkuppen dem Landschaftscharakter Unyamwesi's und ist von trockenen Wasserrissen durchzogen, deren einige in den kleinen Singisa-Salzsee münden, der ebenfalls von den Eingeborenen ausgebeutet wird.[6] An seinen Ufern streift eine recente Kalkscholle an.
Weiter nördlich entdeckte Lieutenant Werther einen anderen kleinen Salzsee, von welchem ich auch durch Eingeborene erfuhr. Derselbe liegt in einem ähnlichen Kessel wie der See von Ngorongoro, also wahrscheinlich in vulkanischem Gebiet.
Südlich von Unyanganyi ist die Grabensohle durch den Verlauf trockner Bäche bezeichnet, während der Abfall niedriger, aber stets deutlich ausgeprägt verläuft und in die Stufe von Muhalala-Ugogo übergeht. Oestlich vom Graben steigt allmählich das Plateau von Ussandaui, mit aufgesetzten höheren Kuppen wie den Tuyui an, welches durchweg aus Granit besteht und erst an seinem Ostrand gegen den Bubu zu, durch höhere krystallinische Gebirge mit vorherrschend meridionalen Streichungsrichtungen eingesäumt wird. Dasselbe Gestein tritt auch in den niedrigen Bergen von Irangi auf, die bereits dem System der Massai-Steppe angehören.
Ohne direkten Zusammenhang mit dem grossen Graben, aber doch nur als Seitenbruch desselben, verläuft der Wembere-Graben in vorherrschend nordöstlicher Richtung. Er bildet, wie erwähnt, eine Sackgasse und ist in seinem nördlichen Theil vom Eyassi-Salzsee (1050 m) eingenommen, der einen dem Manyara ähnlichen Charakter, aber sandigere und völlig vegetationslose Ufer besitzt. Er enthält ebenfalls scharfes untrinkbares Wasser,[7] muss aber dennoch gleich dem Manyara ein Thierleben beherbergen, da zahlreiche Wasservögel seine Fläche beleben. In trockenen Jahren mag der jedenfalls seichte Eyassi einschrumpfen, trocknet jedoch niemals völlig oder auch nur erheblich aus und überschwemmt zur Regenzeit weite Gebiete.
Im Norden des Sees erhebt sich das Plateau von Sirwa bis über 2000 m. Es besitzt ähnlichen Charakter wie Mutyek und hat hohe vulkanische Berge aufgesetzt, die 3000 m jedenfalls übersteigen. Nur am Fusse des Abfalles tritt das liegende Gestein als Gneiss auf, darüber lagern verwitterte Tuffe, Basalte und andere Eruptivgesteine. Von der Plateauhöhe strömen dem Eyassi-See mehrere wasserreiche, von Phönixpalmen begleitete Bäche zu. Die Berge seines Westufers sind im Norden anfangs noch hoch und stürzen in steilen Hängen ab, am Ostufer streichen parallele, immer höher ansteigende Bergketten. Weiter südlich sind die Grabenränder weniger hoch und erheben sich bei Mbusi am Westrand kaum 100 m über der Sohle, während der Ostrand bei Issansu etwas höher sein dürfte. Hier tritt überall Granit auf, der in der Sohle des Grabens von grauen Lehmmassen überdeckt ist. Diese Nyarasa-Steppe bildet die südliche Fortsetzung des Eyassibodens und ist stellenweise von dicken Salzefflorescencen bedeckt, welche ein vorzügliches Kochsalz[7] liefern.
Ueber die Ebene weht fast fortwährend ein heftiger staubgeschwängerter Nordostwind, welcher an Löss erinnernde Lehmterassen anhäuft. In diesen finden sich Sumpfschnecken, die oft ganz calcinirt aussehen und doch das lebende Thier enthalten, das offenbar in der feuchten Jahreszeit erwacht. Während dieser ist die Nyarasa-Steppe grösstentheils überschwemmt. Sie wird von dem ca. 30 m breiten, brackigen Simbitifluss durchzogen, der zwischen Lehmmauern dem Eyassi zuströmt. Er bildet den Unterlauf des Wembere und der zahlreichen meist periodischen Wasserläufe des östlichen Unyamwesi. Bei besonders starken Winden macht sich eine Gegenströmung aus dem Eyassi im Simbiti bemerkbar und sein Wasser ist dann völlig ungeniessbar. Noch ein anderer ansehnlicher Fluss, den die Elephantenjäger Mto ya matete (Fluss der Phönixpalmen) nennen, soll von Osten her in den Eyassi münden.
Weiter südlich in der Breite von Iramba wird die Grabensohle schmäler und erhält den Namen Wembere-Steppe, welcher auf grössere Gebiete übertragen wurde, während er thatsächlich nur diesem schmalen Streifen zukommt. In Unyamwesi, in der Breite von Ussure ist die Sohle des Grabens 1120 m hoch, während die Randberge völlig unbedeutend, aber stets deutlich wahrnehmbar verlaufen. Sie sind vielfach von Granitzinnen gekrönt (siehe Abb. pag. 109), während die Sohle selbst stets mit Alluvialmassen bedeckt, zur Trockenzeit eine Wüste, zur Regenzeit ein Morast ist. Bei Ussure und in Iramba erheben sich niedrige Hügelzüge, die allmählich in das Plateau von Turu übergehen. Gegen Süden zu lässt sich der Graben bis in die Gegend von Turu verfolgen.
Bezüglich des Landschafts-Charakters sind die Niederungen und Plateaus in den Grabengebieten sehr verschieden. Die Grabensohle trägt im grossen Ganzen den Typus der Steppenvegetation, Akazien, Baobabs herrschen vor, bei Umbugwe treten einzelne Borassuspalmen auf. Wo jedoch die Nähe der Gebirge reichlichere Niederschläge erzeugt und besonders an fliessenden Gewässern grünt üppige Gras- und Krautvegetation und der Ackerbau findet vorzügliche Bedingungen.
Von den Plateaus sind die südlichen, Turu, Ussandaui und das südliche Uassi trocken, sandig und von geringer Fruchtbarkeit; schon im nördlichen Uassi und am Ufiomiberg macht sich reicherer Waldwuchs geltend und die wasserreichen, kühlen Hochplateaus von Iraku und Mutyek gehören zweifellos zu den besten Gebieten Ost-Afrika's. Dieselben sind hauptsächlich von schönem Weideland mit kleinen eingestreuten Laubbäumchen bedeckt, dessen ziegelrother fetter Boden, wie man in Iraku sehen kann, für Ackerbau sehr geeignet ist. Die hohen Parthien bedeckt tropischer Hochwald mit überwuchernder Krautvegetation und Unterholz. Während in den Niederungen die Temperaturunterschiede sehr scharf an einander grenzen, herrscht auf diesen Höhen stets eine angenehme, kühle Luft, selbst Mittags ist die Sonnenwärme nur behaglich und Morgens tritt oft recht empfindliche Kälte ein. Die Unterschiede der Jahreszeiten machen sich auf den Plateaus weniger geltend, indem auch in der trockenen Zeit Niederschläge häufig sind. In der Grabensohle bemerkte ich gegen Abend ziemlich regelmässige Nordwinde, die über die Salzseen hinwegstreichend fast an Seebrisen erinnern, aber nicht gesund und malariahaltig sind, wie denn überhaupt die Niederungen ziemlich fieberreich genannt werden müssen.
Durch die vielen besiedelten Distrikte ist das Thierleben zurückgedrängt, aber immer noch grossartig genug. Die nördlichen Wembere-Gebiete, das Mutyek-Plateau und vor allem Ngorongoro beherbergen ungeheure Wildmassen, unter welchen das Rhinozeros in erstaunlicher Menge auffällt. Dieser Dickhäuter, der das Glück hat, keine kostbaren Zähne zu besitzen, kann sich ungestört vermehren, während gegen die Elephanten ein wahrer Vernichtungskrieg geführt wird, der ihn auch in vielen Gegenden, wie am Gurui, ausgerottet hat. Löwen und Leoparden sind häufig und richten in den Heerden der Eingeborenen Schaden an. Das Flusspferd kommt in allen Gewässern des Grabens und im Eyassi-See, sowie auch im Ngorongoro-See vor, Krokodile jedoch nirgends. Von den Muscheln und Schnecken ist im Anhang ausführlich die Rede. Sie dienen grossen Schwärmen von Wasservögeln, Flamingos, Enten und Marabus als Nahrung. In den Bächen, selbst in Tümpel periodisch fliessender Gewässer leben grosse Welse.
Im Wembere-Graben besitzt, wie gesagt, der Charakter nackter, trockener Salzwüste die Oberhand. Auch die umrahmenden Höhen sind wenig einladend. Nur im Norden und Osten des Eyassi-Sees dehnen sich fruchtbare Plateaus aus, welche an Mutyek und Iraku erinnern. Die bewohnten Landschaften Issansu, Iramba und Eyambi besitzen einen an Turu erinnernden ärmlichen Boden, sonst ist Alles Wildniss, von wasserarmen, in der Trockenzeit gänzlich versiegenden sandigen Rissen durchzogene, wellige Baumsteppe, die der Kultur wenig Aussicht eröffnet und erst weitab vom Graben in Meatu einerseits und in Hindamara andererseits besseren, wasserreichen Landstrichen Platz macht.
Schon bei Besprechung der westlichen Grabengebiete ist mehrfach von Granit die Rede gewesen. Dieses Gestein gelangt weiter landeinwärts im Granitplateau von Unyamwesi zur fast völligen Alleinherrschaft. Dieses weite Gebiet, welches das Süd- und Ostufer des Victoria-Nyansa umfasst, im Süden über Tabora hinaus und im Westen bis Uha reicht, zeichnet sich durch sehr grosse Einförmigkeit aus. Das Terrain ist flach oder leicht gewellt, Gebirge sind selten und werden durch wilde Anhäufungen von Granitblöcken ersetzt, die in mehr oder weniger grossen Abständen verstreut sind.
Die Gewässer dieses Gebietes, die einerseits dem Simbiti-Eyassi, andererseits dem Victoria-Nyansa und dem Tanganyika zuströmen, zeichnen sich durch Wasserarmuth aus. Die Wembere-Zuflüsse sind fast alle periodisch und liegen den grössten Theil des Jahres trocken. Auch der in den Mlagarassi mündende Igombe, der fliessendes Wasser geführt haben soll, besitzt solches nun schon seit Jahren nicht mehr und besteht nur aus einer Reihe tiefer Tümpel, die nur zur Regenzeit unter einander in Verbindung stehen. Nicht viel wasserreicher sind die Zuflüsse des Victoria-Nyansa. Der Simiyu-Fluss, der im Massai-Land entspringt und bei seiner Mündung ein breites, schiffbares Aestuarium besitzt, liegt fast das ganze Jahr trocken. Zur Regenzeit schwillt er allerdings zeitweise ungeheuer an, doch für gewöhnlich enthält er nur Tümpel. Wasserreicher ist der Rubana, der in Nata entspringt, den Grumetri aufnimmt und sich als ständig fliessendes Gewässer in einem Aestuarium des Speke-Golfes ergiesst. Auch er besitzt jedoch sehr wechselnden Wasserstand. Noch mehr ist dies bei den nördlich verlaufenden Flüssen, dem Suguti und Mara, der Fall, die jedoch ebenfalls nicht ganz auszutrocknen scheinen. Der Mara ist der Unterlauf des Ngare dabasch (Ngare = Wasser, dabasch = breit, aber seicht), der zahlreiche Abflüsse des Massai-Plateaus aufnimmt. Fischer sah im Januar 1886 »wenig lehmfarbiges Wasser in tiefem, breitem Bett«, bei meiner Anwesenheit in Ngoroïne im Mai 1892 überschwemmte der Mara seine Ufer und war schwer passirbar.
Alle anderen Gewässer Unyamwesi's, sowohl jene, die dem südlichen Victoria-Nyansa, als jene, die dem Wembere-Gebiet zufliessen, sind sämmtlich Regenschluchten, mit oft breitem, sandigem Bett, in welchem man durch Graben Wasser erhält, in dem sich jedoch nur selten ein Rinnsal findet.
Von eigentlichen Gebirgen kann nur östlich vom Victoria-See die Rede sein, wo die Berge Baridi, Ikiju, Kiruwiru und Majita, sowie die von Uhemba, Uaschi und Ngoroïne sich als vereinzelte, fast tafelförmige Massive aus den Ebenen erheben. Die letzteren bilden den grössten Theil des Landes. Im westlichen Massailand sind sie völlig flach, von niedrigen Senkungen durchzogen, in deren einer der kleine Salzsee Lgarria liegt, und unterbrochen von zerstreuten Granithügeln, wie dem Kiruwassile und Duvai.
In ganz Usukuma und Unyamwesi, sowie in Usinja und den südlichen Nachbargebieten ist das Land wellig, mit den oben erwähnten steilen Granitkuppen, die der Landschaft ein eigenartiges Gepräge geben.
Der geologische Bau des Granitplateaus ist, wie erwähnt, ein ungemein gleichartiger. Fast überall herrscht eine mächtige Granitüberlagerung vor und krystallinisches Gestein tritt nur selten zu Tage, noch vereinzelter junge Sedimentgesteine.
Vom Grabengebiet kommend, fand ich in Serengeti Arkosen als Verwitterungsprodukte des Granits anstehend. Der Duvai-Hügel besteht aus weissem Quarzit, am Kiruwassile-Hügel steht ausser Granit auch röthlicher Quarzit an. Solcher findet sich auch am Mbelegeti in Usenye, sowie nördlich bei Mosonge und in Nata am Rubana-Fluss, wo ein meridionales Streichen mit Fall gegen Ost unter ca. 10° erkennbar ist. An den Bächen Elmaraus, sowie am Nyansa, am Kiruwiru, bei den Irambabergen und am Majita treten Grauwacken und Hornblende-Schiefer, ebenfalls in meridionalem Streichen, und sehr steiler Fallrichtung gegen Osten, oft in senkrechten Schichten auf. Zwischen Kiruwassile und Elmarau ist ein kleiner Durchbruch von älterem Eruptivgestein zu bemerken. Ein solcher findet sich auch in Irangala am Emin Pascha-Golf. In den Schaschibergen und in Ngoroïne steht an den Bächen vielfach Amphibolit an, während die Höhen von Granitblöcken gebildet werden. Von Kalken fand ich nur eine Spur in Elmarau, sowie kleine Schollen im Serengeti und Ntussu. In ganz Usukuma, Usinja und Unyamwesi, von Ussandaui bis Uha fand ich ausschliesslich Granit anstehen.
Einförmig wie der geologische Aufbau ist auch der Landschaftscharakter des Landes. Zwischen den besiedelten und oft sehr intensiv bebauten Gebieten dehnen sich unbewohnte Striche aus, die nur in dem östlichen Nyansagebiet den Charakter offener Savannen haben, sonst überall mit Steppenwald bedeckt sind. Im Osten ist der Massai-Charakter mit Dorngestrüpp, Akazien und einzelnen Baobabs, mit wilden Phönixpalmen an den Wasserbetten vorherrschend, im Westen bedeckt Miombowald (meist Caesalpiniaceen) in seinen lichten Beständen weite Gebiete. Die centralen Theile, vor Allem die südlichen Nyansagebiete, zeigen eine Mischung der beiden Vegetationsformen. Klimatisch folgt das Granitplateau im Allgemeinen den Küstenjahreszeiten, ist jedoch wahrscheinlich trockener als diese. Nach der Erfahrung alter Leute nimmt die Trockenheit alljährlich zu und manche Bäche, die noch vor Jahren Wasser führten, liegen jetzt als sandige Betten. In der trockenen Zeit ist Unyamwesi nicht viel leichter zu bereisen als die Massai-Steppe; die Brunnen liefern schlechtes, spärliches Wasser, und in den weiten Wildnissen, die sich zwischen den Dörfern ausdehnen, muss man oft ohne Wasser lagern. Dennoch ist der Boden ein fruchtbarer und die Niederschläge genügen für reichen Anbau, wie die schönen Kulturen der Eingeborenen beweisen.
Im Norden des Granit-Plateaus ist das ungeheure Becken des Victoria-Nyansa eingelagert. Dessen im Süden und Osten ziemlich stark gegliederte Küsten fallen theils in 4-5 m hohen Steilwänden ab, theils sind sie flach und mit dichtem Papyrusgürtel gesäumt, in welchem der wasserliebende, korkartige Ambatsch-Baum verstreut ist. Aehnlichen Charakter weist der in zahlreiche Arme gegliederte Emin Pascha-Golf auf. Die Bukumbi-Bai oder der Smith-Sund hat fast durchweg felsige Küsten. Solche ziehen sich auch am Südufer des Speke-Golfes dahin, dessen Ostende bei Katoto flach und papyrusreich ist. Die Nordküste des Spekegolfes ist gebirgig und steil, sie ist durch den schmalen, durchwatbaren Rugedsi-Kanal von der fruchtbaren, langgestreckten Granitinsel Ukerewe getrennt, welcher wieder das fast kreisrunde Eiland Ukara vorgelagert ist. Nördlich vom Rugedsi-Kanal schneidet der tiefe, vielgegliederte Baumann-Golf ein, mit hohen Halbinseln und Inseln im Westen, mit flachen Papyrusufern im Osten. Er ist durch eine schmale Landenge, welche das Majita-Massiv mit dem Festlande verbindet von der Majita-Bai getrennt. Weiter nördlich ist der Verlauf der Küstenlinie nur oberflächlich bekannt und haben wir möglicherweise recht wesentliche Veränderungen der Karte zu erwarten.
Der Victoria-Nyansa ist in dem besprochenen Theile sehr inselreich, ausser den genannten sind noch zahlreiche, meist felsige Eilande darin verstreut.
Das Wasser des Sees ist an tiefen Stellen und steilen Küsten dunkelgrün, ganz süss und wohlschmeckend, in flachen Theilen wird es gelblich bis braun und hat dann einen schlechten Sumpfgeschmack.
Nach verschiedenen Erkundigungen, welche ich einzog, fiel das Niveau des Victoria seit etwa 1880 um mehr als einen Meter, steigt jetzt jedoch wieder. Die alte Fluthmarke ist an felsigen Küsten deutlich wahrnehmbar. Eine eigenthümliche, schon von mehreren Reisenden beobachtete Erscheinung ist die scheinbare Ebbe und Fluth im Victoria-See. Am Speke-Golf ändert sich der Wasserstand um ca. 50 cm und ist Morgens am niedrigsten, Mittags am höchsten. Ich beobachtete dies im Mai, doch ist diese Niveauschwankung während des ganzen Jahres angeblich eine ziemlich regelmässige. So durchwaten die Eingeborenen den Rugedsi-Kanal stets Morgens, während sie in der Mittagszeit mit Kanus durchfahren. An der Westküste des Sees, in Bukoba, wurde diese Erscheinung von Dr. Stuhlmann nicht beobachtet. In Kavirondo dagegen beobachtete Pringle ein Schwanken von 6 zu 12 cm, dessen Höhepunkt gegen Abend erreicht wurde. Ob diese eigenthümlichen Schwankungen ausschliesslich den Winden ihre Entstehung verdanken oder ob Seiche-Erscheinungen dabei eine Rolle spielen, mag spätere Forschung entscheiden.
Nach sehr starkem Regen soll der See merklich anschwellen. Er besitzt eine starke Strömung gegen Norden, welche besonders im Rugedsi-Kanal sehr kräftig sichtbar wird. Die Wassertiefen sind zweifellos erheblich. Auf offener See fand ich im Speke-Golf und der Bukumbi-Bai bei 10 m nirgends Grund, an felsigen Küsten finden sich Tiefen von 5-7 m nahe am Ufer, bei flachen sind die Tiefen natürlich geringer.
Der Fischreichthum des Nyansa ist ein auffallend ungleicher, in der Bukumbi-Bai und im Emin Pascha-Golf sehr gering, ausserordentlich gross dagegen am Ostende des Speke-Golfes bei Katoto. Krokodile und Flusspferde sind überall häufig. Was die Ufer anbelangt, so reicht im Süden das wellige, mit Granitblöcken bedeckte Gebiet von Unyamwesi bis an dieselben heran. Im Osten sind die fruchtbaren Ufergebiete oft durch einen Steppenstreifen von den östlichen Hochländern getrennt, von welchen nur ein Komplex, der von Majita und Kiruwiru, bis an die Küste tritt. Auch jener Theil der Westküste, den ich bei Bukome kennen lernte, hat wasserarme Gegenden in nächster Nähe des Sees.
Dennoch scheint mir Lugard's Ansicht der Berechtigung zu entbehren, dass der Victoria-See aus unterirdischen Quellen bedeutende Zuflüsse empfange. Denn der Ausfluss des Nil in Uganda ist nur um ein Drittel wasserreicher als der Einfluss, der Kagera-Nil, und dieses Drittel wird durch die übrigen Zuflüsse des Sees immerhin reichlich ergänzt. Sein eigenes Volumen erhält der See der Verdunstung gegenüber nicht nur durch die Niederschläge, welche er selbst aufnimmt, sondern auch durch die ungeheure Wassermasse die ihm sämmtliche Gewässer zur Regenzeit zuführen.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Binnenseen Centralafrika's, welche Grabenseen sind, ist der Victoria-See ein echtes Becken, bei dessen Entstehung keine grossen geologischen Störungen thätig waren. Stuhlmann fasst zwar den westlichen Steilrand des Sees als Bruchlinie auf, eine Ansicht, die durch das Auftreten älterer Eruptivgesteine bei Irangala eine gewisse Stütze erhält. Doch war die betreffende Störung jedenfalls nur eine rein lokale und spielte bei der Entstehung des Victoria-Sees keine bedeutende Rolle. Ob die Theorie Stuhlmann's, dass der Victoria-See ursprünglich mit dem Eyassi zusammenhing, Begründung hat, mag spätere Forschung lehren. Vorläufig scheint das fast völlige Fehlen junger Sedimente, vor Allem von Kalken, zwischen Victoria-See und Eyassi eher dagegen zu sprechen.
TAFEL XVII
Balangda-See
Mangati und der Gurui-Berg.
Die Frage der Zuflüsse des Victoria-Nyansa hat besonders deshalb Interesse, weil sie unzertrennlich mit dem alten Problem der Nilquellen verbunden ist. — Durch Speke's ewig denkwürdige Reise ist dieses Problem entschieden seiner Lösung am nächsten gebracht worden. Mit der Entdeckung des Victoria-Sees und seines Hauptzuflusses des Kagera, den Speke Kitangule nennt und bei dessen Anblick ihn hoher Stolz erfüllte, sowie des Ausflusses des Nil, traten die Nilquellen aus ihrem undurchdringlichen Dunkel. Wenn auch noch Niemand dieselben erreicht hatte, so war es doch zweifellos, dass sie irgendwo zwischen Tanganyika und Victoria-See liegen mussten. Damit war die Frage, soweit sie ein historisches Interesse bot, gelöst, und mit Recht konnte in diesem Sinne Speke sein berühmtes Telegramm absenden: »The Nile is settled«.
Anders verhält es sich, wenn man die Frage vom rein geographischen Standpunkte betrachtet. Da ergiebt sich als zweifellose, von Speke selbst anerkannte Thatsache, dass der Kagera der Quellfluss des Nil, der Ursprung des Kagera also die Quelle des Nil ist. Die Wassermasse, die der Kagera dem See zuführt und die nur um ein Drittel geringer ist als jene des Murchison-Nil, die Bedeutung dieses Stromes, neben welchem alle anderen Zuflüsse vollkommen verschwinden, hat selbst bei den Eingeborenen die Ueberzeugung festgesetzt, dass der Kagera »die Mutter des Flusses von Jinja«, der Nil sei.
Auf dem Programm, welches Stanley für seine grosse Expedition 1874 entworfen, stand auch die Entdeckung der Kagera-Nil-Quelle. Mit der diesem grossen Forscher eigenen Thatkraft drang Stanley längs des Kagera, den er Alexandra-Nil nennt, aufwärts, war jedoch gezwungen an der Grenze von Urundi abzulenken und den Fluss zu verlassen. — »Ich bin mir wohl bewusst, dass ich nicht bis in die Tiefe eingedrungen bin« sagt Stanley an der betreffenden Stelle seines klassischen Reisewerkes. Bis 1892 wurde kein weiterer Versuch gemacht die Quelle des Nil zu erreichen und mit Recht konnte Reclus im 10. Band seiner »Nouvelle Géographie Universelle« sagen: »On cherche encore cette tête du Nil, comme au temps de Lucain, personne n'a eu la gloire de voir le Nil naissant.«
Am 19. September 1892 erreichte ich mit meiner Expedition die Quellen des Kagera-Nil und damit war das letzte Räthsel des alten Nilproblems gelöst. Wenn man überhaupt an dem von hervorragenden Geographen und Reisenden angenommenen Standpunkt festhält, dass der Kagera, der Alexandra-Nil der Engländer, der Quellfluss des Nil sei, so muss der Ursprung des Kagera folgerichtig auch als Quelle des Nil angesehen werden. Dass der Fluss, dessen Ursprung ich am 19. September erreichte, wirklich der Kagera-Nil ist, ergiebt sich aus folgender Thatsache.
Am Einfluss in den Ruayana-See (Windermere) besass der Kagera im März 1875, also während der höchsten Regenzeit, nach Stanley eine Breite von 45 m und eine Maximaltiefe von 15 m. An der Kitangule-Fähre, 200 Kilometer weiter stromabwärts, war der Kagera zur selben Zeit an 100 m breit und 17 m tief, während er in der trockenen Jahreszeit, wo ihn Graf Schweinitz 1892 an der Mündung befuhr, 80-100 m breit und durchschnittlich 8 m tief war. Nach Stuhlmann war der Kagera in der Regenzeit 1891 bei Kitangule 60 m breit und mehrere Meter tief. Obwohl die Einmündung eines noch unbekannten grossen Zuflusses auf der von Stanley rekognoszirten Strecke Ruayana-Kitangule ausgeschlossen, verdoppelt sich doch das Wasserquantum des Flusses auf dieser Strecke, durch Aufnahme der zahlreichen Bergwässer.
Oberhalb des Ruayana-See erforschte Stanley den Kagera, der 17 Seen durchfliesst und mit üppiger Wasservegetation[8] bedeckt ist, bis zu einer Stelle, die kaum 50 Kilometer von jener entfernt ist, wo ich den Kagera in Ussui überschritt. Stanley erkundete, an der Stelle wo er den Kagera verliess, dass derselbe oberhalb der Aufnahmestelle des Akanyaru ein Fluss von nicht sehr bedeutender Breite und Tiefe sei.
Bei der Ruanilo-Fähre, wo ich den Kagera überschritt, war derselbe Anfang September, also in sehr trockener Jahreszeit und bei ungewöhnlich niedrigem Wasserstand, ein reissendes Gewässer von 35 m Breite und 3 m Tiefe. Er besass steile, 3 m hohe Ufer und an Fluthmarken war deutlich zu erkennen, dass er dieselben in der Regenzeit ganz überschwemmt. Der Akanyaru wurde zur selben ungewöhnlich trockenen Jahreszeit überschritten und bestand aus zwei Armen, deren einer 10 m breit und 5 m tief, der andere 5 m breit und 1 m tief und langsam fliessend war. Auch hier zeigten weite Papyrusbestände und Fluthmarken an, dass der Akanyaru in der Regenzeit mindestens auf das Vierfache seines Wasserquantums anschwillt, was mir auch von Eingeborenen bestätigt wurde.
Bei dem ungeheuer raschen Anwachsen der Gewässer in jenem Gebiet, welches z. B. das Wasserquantum des Akanyaru in wenigen Kilometern verdoppelt, wie ich mich an den beiden Ueberschreitungsstellen überzeugen konnte, ist es völlig zweifellos, dass diese beiden Gewässer im Stande sind, das von Stanley in der Regenzeit am Ruayana beobachtete Wasserquantum zu liefern. Die Einmündung eines grossen Zuflusses, der etwa als Quellarm in Betracht kommen könnte, zwischen Stanley's südlichstem Punkt und meiner Ueberschreitungsstelle des Kagera ist also, wenn schon überhaupt mehr als unwahrscheinlich, so durch das Wasserquantum allein völlig ausgeschlossen. Der von mir überschrittene Fluss ist der Kagera-Nil nicht nur seiner Bedeutung nach, sondern auch im Volksmunde.
Der Kagera-Fluss führt in seinem Oberlauf, schon in der Breite von Ussui, den Namen Ruvuvu. Dieser Name bleibt ihm bis zu seiner Quelle, während die unbedeutenden Nebengewässer sämmtlich andere Namen führen. Bei solchen Strom-Quellen ist jedoch selbst in Europa stets der Volksmund entscheidend und muss es auch hier sein, besonders da er hier den thatsächlich wasserreichsten Flusslauf als Quellfluss benennt, was bei europäischen Flüssen nicht immer der Fall ist. Dass die Eingeborenen sich der Bedeutung des Kagera-Ursprunges wenigstens theilweise bewusst sind, bezeugt die abergläubische Scheu mit der sie die Stelle umgeben, wie denn der Kagera von der Quelle bis zur Mündung, in der Grant aus abergläubischen Gründen nicht lothen durfte, ein geheiligter Fluss, auch in diesem Sinne der »heilige Nil« ist.
Neben der Ansicht, welche den Kagera-Fluss als Quellarm betrachtet, kann noch jene in Betracht kommen, die den Victoria-See selbst als Quelle des Nil annimmt. Diese Annahme hätte Berechtigung, wenn der Victoria-See das Sammelbecken vieler kleiner, gleichartiger Gewässer wäre. Dies ist aber, wie wir oben gesehen haben, nicht der Fall, dem Kagera gegenüber sind alle Zuflüsse vollkommen unbedeutend; der Victoria Nyansa ist also nicht die Quelle des Nil, ebensowenig wie der Bodensee die Quelle des Rhein ist, obwohl auch dieser andere Zuflüsse als den oberen Rhein aufnimmt. Wenn englische Geographen, aus begreiflichen nationalen Gründen, neuerdings den Victoria-See als Nilquelle verfechten, so möchte ich daran erinnern, dass gerade die Engländer den Kagera stets »Alexandra-Nil« nannten und dadurch bezeugten, dass der Kagera eben für sie der Nil war.
Ausser dieser immerhin diskutirbaren Ansicht giebt es noch eine, die nicht die Quelle des Kagera, sondern den südlichsten Punkt des Nilsystems überhaupt als Quelle des Nil annimmt. Diese Ansicht ist deshalb eine vollkommen unerhörte, weil dieselbe bei keinem anderen Fluss der Welt Geltung hat. Es giebt sehr viele bedeutende Ströme, bei welchen die Quelle von Nebengewässern in Luftlinie weiter von der Mündung entfernt ist, als die des Hauptstromes, ohne dass letztere dadurch aus ihrer Stellung verdrängt wird. Wo freilich der Hauptstrom sich in ein Gewirre verschieden benannter Quellbäche auflöst, hat die Wahl des entferntesten als Hauptquelle Berechtigung, wo dies jedoch, wie beim Kagera, nicht der Fall ist, erscheint ein solches Verfahren gewaltsam und unberechtigt.
Von Reisenden hat, soviel mir bekannt, noch keiner diese unnatürliche Auffassung angenommen. So entdeckte Stanley im südlichen Unyamwesi Wasserläufe, welche, wie schon aus der Höhe vermuthet und durch meine Reise nachgewiesen wurde, nicht dem Nil, sondern dem Eyassigebiet angehören. Stanley konnte dies auf seiner Reise nicht wissen, sondern glaubte südliche Zuflüsse des Simiyu entdeckt zu haben. Obwohl diese, wenn sie wirklich dem Nilgebiet angehören würden, weitaus die südlichsten Gewässer desselben wären, glaubte Stanley doch nicht daran, die Nilquelle entdeckt zu haben, sondern strebte diesem Ziel durch Verfolgung des Kagera zu.
Die Annahme des südlichsten Punktes des Nilgebietes als Quelle des Nil muss also, als durchaus unbegründet, verworfen werden. Uebrigens ist auch für jene Theoretiker, welche doch daran festhalten wollen, die Nilquellfrage als gelöst zu betrachten. Denn die südlichsten Zuflüsse des Nil sind zweifellos jene Bäche, welche ich auf der Reise vom Tanganyika südostwärts in Süd-Urundi überschritt. Der äusserste, der Luvirosa, ein von Südwest herkommendes ½ m tiefes und kaum 3 m breites Bächlein, überschritt ich am 7. Oktober und verfolgte einen direkt von Süd kommenden Bach bis zum Ursprung, der sich nahe an der Wasserscheide gegen den Mlagarassi befindet. Es ist als sicher anzunehmen, dass die Quelle dieses Rinnsals unter ca. 3° 46´ s. Br. der südlichste Punkt des Nilsystems ist. Die Quelle des Luvirosa, deren beiläufige Lage mir von den Eingeborenen gezeigt wurde, muss, nach der Kammrichtung des Gebirges zu schliessen, etwas nördlicher liegen. An der Stelle, wo ich den Luvirosa überschritt, hatte derselbe fast genau dasselbe Wasserquantum, wie der Mswavula-Bach, den ich am 5. Oktober überschritt und bis zum Ursprung verfolgte. Derselbe war vom Ueberschreitungspunkt ca. 14 Kilometer entfernt und es ist daher sehr wahrscheinlich, dass der Luvirosa in gleicher Entfernung von der Ueberschreitungsstelle entspringt.
Der Grund, warum ich diesen Bach, dessen Ursprung man mir, wie gesagt, am Berghang zeigte, nicht bis zur Quelle verfolgt habe, lag einerseits in der untergeordneten Bedeutung, die ich der ganzen Annahme beilegte, andererseits in dem Umstand, dass mir nicht bekannt war, dass ich im Begriffe stand, das Nilgebiet zu verlassen. Aber auch wenn ich mir die Mühe gegeben hätte, den Luvirosa und alle seine Nebenrinnsale zu verfolgen, so würde dies doch zwecklos gewesen sein, denn die Differenz, um die es sich handeln kann, ist sicher nicht grösser als einige Kilometer, also so klein, dass sie innerhalb der Fehlergrenzen der topographischen Aufnahme fallen, wie sie ein Forschungsreisender auszuführen im Stande ist. Künftigen Generationen, die vielleicht eine Mappierung von Urundi ausführen, wird es vorbehalten sein, den mathematisch südlichsten Punkt des Nilgebietes auszufinden. Sehr wahrscheinlich wird sich der Ursprung des von mir verfolgten Baches als solcher erweisen, vielleicht auch der eines anderen, ja bei den gewundenen Läufen dieser Gebirgswässer ist es nicht unwahrscheinlich, dass irgend ein Lauftheil am südlichsten liegt, der also dann, nach der Theorie des »südlichsten Punktes«, als Quelle des Nil zu betrachten wäre, eine Möglichkeit, welche das absurde der ganzen Annahme darlegt.
Wie immer man über das Nilquell-Problem denken möge, soviel ist sicher, dass durch die Massai-Expedition des Deutschen Antisklaverei-Komite die letzten Schleier desselben gelüftet wurden, — dass das »Caput Nili Querere« von nun an endgiltig der Vergangenheit angehört.
Fern sei es von mir, den Ruhm eines Speke zu schmälern, jenes kühnen Forschers, der das Dunkel, welches über der Nilquelle lag, mit einem Schlage gelichtet. Seiner und Stanley's Pionierarbeit verdanke ich es ja vor Allem, wenn es mir gelungen ist, ihre Pfade weiter verfolgend, als erster Weisser die Quelle des Nil zu schauen.
Von der Nilquelle zu reden ohne die Mondberge zu erwähnen scheint unmöglich, ist es doch in neueren Afrikawerken geradezu Mode geworden, deren Lage mit Beigabe von allerlei alten Karten zu erörtern. Der Streit, ob dieser oder jener Berg mit dem ptolemäischen Mondberge gemeint sei, scheint mir jedoch ein ziemlich müssiger, da er bei den Alten eine genaue Kenntniss der innerafrikanischen Geographie voraussetzt, welche sie kaum besessen haben.
Wie weit die Beziehungen der alten Egypter nach Innerafrika reichten ist allerdings nicht leicht abzusehen. Jedenfalls ist die Behauptung Stuhlmanns[9], dass ihre Kenntniss des Nil nur bis Wadi Halfa gereicht habe, durchaus irrig und steht im Widerspruch mit dem Ergebniss der egyptologischen Forschung. Am Berge Barkal, also weit oberhalb Wadi Halfa fand Lepsius[10] Tempelruinen, deren älteste aus der Zeit Amenhotep III. (ca. 1500 v. Chr.) stammen. Inschriften, die auch von Brugsch[11] vielfach citirt werden, gaben auf den Denkmälern vom Barkal-Berge Auskunft über jene aethiopischen Pharaonen, die als 25. Dynastie eine Fremdherrschaft in Egypten ausübten.
Weiter südlich, zwischen Nil und Atbara, fand Lepsius die ausgedehnte Ruinenstätte von Meroë mit zahlreichen Pyramiden und am blauen Nil, also oberhalb Chartum beim Dorfe Soba, traf derselbe Forscher[12] eine Statue des Osiris. Dass sich weiter südlich noch keine Denkmäler gefunden haben, kann keineswegs als Beweis angeführt werden, dass den alten Egyptern diese Länder nicht bekannt waren. Denn auch in vielen asiatischen Landschaften, die sie auf ihren Kriegszügen oder Razzias nachweisbar berührten, finden sich keine egyptischen Baureste. Es kann im Gegentheil als erwiesen gelten, dass die Egypter bis tief in den Sudan vorgedrungen sind. Senaar (Essi-n-arti-Flussinsel, nach Brugsch) war ihnen bekannt und ist vielleicht mit dem Reiche Alo oder der Landschaft Asmak identisch, in welcher Psametik egyptische Soldaten ansiedelte. Punt, das Somaliland, wird schon in der ältesten Zeit genannt und eine Landschaft Gureses, die auf den Siegestafeln Tothmes III. (1600 v. Chr.) fungirt, identificirt Brugsch mit Kassala[13]; während derselbe Forscher in den Volksstämmen der Kar oder Kal die heutigen Galla sieht. Aus den geographischen Angaben der altegyptischen Urkunden, die uns besonders Dümichen zugänglich gemacht, liessen sich noch zahlreiche Beweise dafür anführen, dass die alten Egypter im Sudan thatsächlich festen Fuss gefasst hatten. Wie weit von dort aus der Einfluss der egyptischen und der verwandten aethiopischen Kultur bis ins Innere des Kontinents reichte ist heute noch nicht abzusehen. Erst das vergleichende Studium der ethnologischen Belegstücke mit jenen der altegyptischen Kultur scheint geeignet darüber Klarheit zu verbreiten. Jeder, der Innerafrika kennt und unbefangen die Darstellungen der Denkmäler betrachtet, wird unwillkürlich von der erstaunlichen Aehnlichkeit betroffen, welche viele altegyptische Waffen und Geräthe mit solchen Centralafrika's bieten. Besonders die Abbildungen der schwarzen unterworfenen Völker mit ihrer eigenartigen Haartracht zeigen überraschende Analogien.
Jedenfalls ist es zweifellos, dass die alten Egypter mit den Stämmen des innersten Afrika's in Berührung traten. Ob diese direkt oder durch importirte Sklaven[14] und Sklavenhändler geschah, scheint von untergeordneter Bedeutung. Jedenfalls hatten sie Gelegenheit sich Kenntnisse über das Quellland des Nil zu erwerben und haben solche auch thatsächlich besessen. Die »Quelle« des Nil bei der Insel Philae wurde im rein symbolischen Sinne aufgefasst, wie auch von Egyptologen wie Dümichen und Lauth[15] anerkannt wird. Letzterer nennt die Quelle bei Philae (Elephantina) einen Quasi-Ursprung, und citirt einen egyptischen Geographen Asamon, der schon in früherer Zeit wusste, dass der Nil aus einem See kam. Auch die bekannten Angaben von Herodot, Diodor und Aristoteles von den Nilsümpfen und Pygmäen, die ja nur aus egyptischen Quellen entsprungen sein können, beweisen uns, dass die Alten von jenen Ländern Kenntnisse besassen. Diese wurden zur Zeit des Ptolemäus ergänzt und erweitert und gaben Nachricht von der Existenz von Seen und schneebedeckten Gebirgen, aus welchen der Nil entspringt.
Die Gesammtheit dieser Gebirge und nicht ein einzelner Berg, war das Mondgebirge und nur die Frage scheint interessant, wie die Alten gerade auf diese Bezeichnung kamen. Die Erklärung, dass Gebel Kamar, Mondberg, zugleich silberner, weisser Berg bedeutet, hat schon Beke widerlegt. Denn sie setzt selbstverständlich voraus, dass Ptolemäus den Namen von den Arabern übernommen und unrichtig übersetzt habe. Nun ist aber das arabische Wort Kamar (Mond), welches allein mit Komr (weiss) verwechselt werden konnte, verhältnissmässig jüngeren Datums und kommt erst im Koran-Arabisch vor. Im hymyarischen, welches zu Ptolemäus und Marinus von Tyrus Zeiten gesprochen wurde, heisst der Mond »warkh«, was eine Verwechslung ausschliesst. Auch nennen die Inder, in deren geographischen Werken das Nilquellgebiet ebenfalls erwähnt wird, die Berge offenbar nach griechischer Quelle Somagiri (Mondberge). Ob allerdings das »Monemugi«, welches Pigafetta und Giovanni Botero im 16. Jahrhundert in Westafrika erkundeten, irgend etwas mit den ostafrikanischen Mwesi-Ländern zu thun hat, scheint mir sehr zweifelhaft.
Jedenfalls ist das Auftreten der Bezeichnung Mwesi, Mond, in den fraglichen Gebieten in hohem Grade auffallend. Schon Reichard hat auf diesen Umstand hingewiesen und Unyamwesi, das Mondland, geradezu mit den Mondbergen identifiziert. Diese Theorie ist jedoch deshalb irrig, weil der Name Unyamwesi, wie ich nachweisen konnte, kein nationaler, sondern von Küstenleuten und Arabern dem Lande beigelegt ist. Nach der arabischen Geographie vermutheten sie dort ein Mondland und nannten das Land Unyamwesi, ähnlich wie die Salomons-Inseln so getauft wurden, weil man in ihnen das Ophir Salomons zu erkennen glaubte. In Urundi jedoch tritt der Name Mwesi, den schon Burton[16] erkundete, als einheimischer, als Titel des alten Herrschergeschlechtes auf. Dass dieses Wort wirklich »Mond« bedeutet und nicht etwa eine Abart der verbreiteten Bantuform für Häuptling Munyi, Bena u. s. w. ist, ist zweifellos. Denn einerseits ist diese Form im Kirundi durch »Mwami« (Herrscher), die auch im Kiganda auftritt, vertreten, anderseits wurde mir stets ausdrücklich versichert, dass Mwesi »Mond« bedeute und dass das Königsgeschlecht vom Mond herstamme. Mwesi makisavo, der bleiche Mond hiess der letzte Herrscher, mit welchem ich identificirt wurde.
Es liegt mir fern zu behaupten, dass die Missosi ya Mwesi, welche ich an der Quelle des Nil fand, mit den Mondbergen der Alten identisch seien. So sehr diese Bezeichnung mich auch überraschte, so ist es doch mehr als unwahrscheinlich, dass die Alten von dieser Lokalität Kenntniss hatten.
Etwas Anderes ist es, wenn man ganz Urundi in Betracht zieht, das heute noch bei allen Nachbarstämmen Charo cha mwesi, Mondland, heisst. Was der Name Mwesi dem Lande bedeutet, mag aus der Beschreibung der Reise hervorgehen. Darf man nun nicht annehmen, dass dieser Mwesi, dessen blosse Nennung heute noch ruhige Ackerbauer in rasende Fanatiker verwandeln kann, einst noch grössere Bedeutung hatte und dass sein Reich weite Striche im Nil-Quellgebiet umfasste? Ist es undenkbar, dass die Alten, die von den Pygmäen und Nilseen hörten, nicht auch durch dunkle Negergerüchte von diesem »Mondland« vernahmen und nach demselben die Gebirge, aus welchen der Nil seine Wasser sammelt, »Mondgebirge« nannten? —
Wenn wir, zur geographischen Beschreibung zurückkehrend, die Gebiete westlich vom Victoria-Nyansa überblicken, so finden wir dieselben erfüllt von vorherrschend meridional streichenden Gebirgszügen, die als centralafrikanisches Schiefergebirge zusammengefasst werden können. Dieselben tragen theils den Charakter durch Erosion vielfach zerrissener Plateaus, theils gliedern sie sich in Kammgebirge. Im Gegensatz zu Unyamwesi ist der Typus der ständig fliessenden Gewässer hier der normale, und periodische Wasserläufe kommen nur vereinzelt vor.
Durch die Wasserscheide zwischen Nil und Kongo ist das Gebiet in zwei klimatisch recht wesentlich unterschiedene Hälften getrennt, von welchen die nördliche, das Nilgebiet, aus wasserreichen Höhen, die südliche, das Gebiet des Mlagarassi, aus trockenen, in ihrem Charakter vielfach an Unyamwesi erinnernden Gebieten besteht.
In hydrographischer Beziehung betritt man, vom Victoria-See kommend, erst das Gebiet des Urigi-Sees, der zeitweise einen Abfluss in den Nyansa besitzen soll und gelangt dann in das Kagera-Nilgebiet.
Von Urundi und Ruanda strömen dem Kagera zahlreiche Bäche zu, darunter auch der ansehnliche Akanyaru, der als wildes Bergwasser in den Missosi ya Mwesi unweit der Nilquelle entspringt und dann in breitem, papyrusreichen Thal, die Grenze zwischen Ruanda und Urundi bildend, gegen Nordost fliesst.
Bekanntlich fungirte der Akanyaru fast zwanzig Jahre lang als »Alexandra-Nyansa« auf den Karten. Stanley hatte nämlich in Karagwe und Ussui von der Existenz eines Nyansa ya Akanyaru gehört und darin sehr begreiflicher Weise einen See vermuthet. Nach meinen Erfahrungen bezeichnen die Eingeborenen jener Striche jedes Gewässer als Nyansa, während der Name für See »Tanganyika« lautet. So wurden mir der Victoria- und Albert-Edward-See als »Tanganyika« bezeichnet, selbst der Urigi-See war für die Leute von Ruanda ein »Tanganyika«. Stets wurde mir versichert, dass ein solcher »Tanganyika«, also ein See, in Ruanda nicht existiere. Nyansa ya Warongo, zweifellos identisch mit dem »Mworongo« Stuhlmanns, ist ein Nebenfluss des Akanyaru. Nach allem, was ich erfuhr, scheint mir die Existenz irgend eines namhaften Seebeckens im Nilquellgebiet so gut wie ausgeschlossen. Das einzige Gewässer, über dessen Charakter ich verschiedene Angaben hörte, ist der Kifu, den die einen »Nyansa« (Fluss), die anderen »Tanganyika« (See) nannten. Alle stimmten jedoch darin überein, dass er südlich von den Mfumbiro-Bergen liege und einen Abfluss nach dem Russisi habe, also nicht mehr dem Nilgebiet angehört. Vielleicht ist er mit dem Oso-See Stanleys identisch.
Die Gewässer des Urundi-Plateaus, theilweise schon jene von Ussui zeigen sämmtlich einen gleichförmigen Charakter. Nur grössere Flüsse, wie der Kagera und Akanyaru haben breitere, tiefe Thäler erodiert, sonst zeigt sich bei allen Wasserläufen ein System von Thalstufen. Die engen Thäler sind mit papyrusreichen Hochsümpfen erfüllt, durch welche der Bach träge sickert, um dann in felsigen Schnellen eine Stufe zu überwinden und in ein neues Papyrusthal einzutreten. In Ost-Ussui treten öfter sehr schön erhaltene Felsterrassen an den Thalhängen auf (vid. Kopfleiste des Kapitels), in Urundi sind diese durch die Verwitterung und durch Ueberlagerung mächtiger Lehmschichten verschwunden und die Thäler von steilen, grasigen Hängen eingeschlossen. In Süd-Urundi fehlen die Papyrussümpfe und die Flüsse besitzen in den Absätzen der Stufen etwas breitere Thäler mit Alluvialmassen, welche sie in vielgewundenem Lauf durchschneiden.
Weit wasserärmer als das Nilgebiet ist, wie erwähnt, jenes des Mlagarassi, der jedoch selbst ständig Wasser führt und einen merkwürdigen, fast kreisförmigen Lauf besitzt. Er entspringt nämlich in der Landschaft Uganda nördlich von Ujiji, fliesst hierauf, einen Bogen gegen Norden bildend, durch die Landschaften Urundi und Uha, biegt sodann wieder gegen Westen um und mündet südlich von Ujiji in den Tanganyika.
In Uha, wo ich ihn kennen lernte, ist er ein Flachland-Fluss mit breitem Ueberschwemmungsgebiet. Er nimmt dort einige ziemlich wasserreiche Bäche, sonst wohl nur periodische Läufe auf, deren grösster der Igombe ist.
Ueber das Gebiet des Russisi konnte ich, wie oben erwähnt, nur gerüchtweise Nachricht einziehen. Von den Urundi-Bergen fliessen ihm zahlreiche wasserreiche Bäche zu. Er soll in der Regenzeit ziemlich weit aufwärts mit Kanus befahrbar sein und keine Schnellen besitzen.
Unweit Ruwenga soll eine heisse Quelle entspringen. Die wenigen Tage, die ich am Tanganyika zubrachte, sind nicht im Stande der ziemlich reichen Litteratur über diesen See Neues hinzuzufügen. Von früh 10 Uhr bis Sonnenuntergang wehte im September ein kräftiger Südwind, der in dieser Jahreszeit regelmässig auftreten soll. Das Wasser war leicht brackisch, aber geniessbar. Nach Aussage der Eingeborenen fällt der See stark und breite Sanddünen zeigen die Fläche, die er früher bedeckte. Auch die von Hore und Livingstone gesehene Insel konnte ich nicht mehr wahrnehmen.
Was die orographische Gliederung anbelangt, so trifft man in Ost-Ussui leicht gewellte Landschaften, die von einzelnen meist N. N. O. verlaufenden Kämmen durchschnitten werden. Weiter landeinwärts treten diese näher aneinander und nehmen Plateaucharakter an. In Urundi ist das allmählich ansteigende Land durch die Erosion in ein ziemlich regelloses Gewirre von Kuppen verwandelt, in welchem die meridionale Kammrichtung kaum noch erkennbar ist. Den Westrand bildet der riesige, fast 3000 m hohe Wall der Missosi ya Mwesi, der jenseits steil nach dem Centralafrikanischen Graben abstürzt.
Durch den Tanganyika und das Russisi-Thal, durch den Albert-Edward- und Albert-See charakterisirt, bildet der Centralafrikanische Graben, wie schon Dr. Hans Meyer ausgeführt, eine mehr lokale aber kaum weniger grossartige Störungslinie als der Ostafrikanische. Die Seen sind sämmtlich durch leicht brackisches Wasser ausgezeichnet und der Tanganyika legitimirt sich durch die Fauna deutlich als Relicten-See. Zum Unterschied vom ostafrikanischen Graben, bei welchem der Westrand allein durchwegs scharf ausgeprägt ist, scheinen hier beide Ränder in gleicher Deutlichkeit aufzutreten. Am Tanganyika sowohl wie am Albert- und Albert-Edward-See tritt der Westrand als schroffe Mauer auf; ebenso präsentirt sich der Ostrand im Süden als die Missosi ya Mwesi, im Norden als Ruvensori bis über die Schneegrenze aufragend.
Die von Suess vermuthete Aufwulstung der Grabenränder, tritt hier bei den Randgebirgen deutlich auf. Ueberall bildet die Höhe des Abfalls auch die Wasserscheide, auf der einen Seite die des Kongo, auf der anderen die des Nil, dessen Ursprung sich in nächster Nähe des Grabens befindet. Aehnlich wie der Gurui sich in der Sohle des Ostgrabens erhebt, so ragen hier die Mfumbiro-Vulkane auf, einen deutlichen Beweis für den Bruchcharakter dieser Senkung liefernd.
Von dem östlichen Randwall des Tanganyika zweigt jener Kamm ab, welcher die Wasserscheide zwischen Kagera und Mlagarassi bildet und erst steil und felsig ist, dann immer mehr abflacht. Südlich davon sind nur niedrige Hügelzüge vorgelagert, aus welchen man in das Flachland von Unyamwesi tritt.
Der geologische Bau ist durch das Vorherrschen krystallinischer Gesteine bezeichnet; nur selten und meist an grossen Flussläufen, wie dem Kagera und Akanyaru, werden die liegenden plutonischen Gesteine, Granit und Diabas, durch die Erosion blosgelegt. In Ussui und Urundi bis zum Akanyaru ist Quarzit vorherrschend mit meist N. N. O. — S. S. W.-Streichen und steilem W. N. W.-Fallen. Derselbe ist vielfach mergelich verwittert und oft mit dicken Lateritmassen überlagert. Vereinzelt tritt Gneiss, Glimmerschiefer und Urthonschiefer in gleicher Lagerung auf, letzterer am Muhembaberg graphithaltig. In Ruanda tritt Gneiss auf, während im südlichen Urundi wieder Quarzit vorherrscht. Auch in Uha steht krystallinisches Gestein an, welches vielfach eisenschüssig verwittert ist und sich an das Granitgebiet von Unyamwesi anschliesst. —
Wahrscheinlich paläozoische Sedimente treten an einigen Punkten Urundi's auf, Kalke fand ich nur in Uha, doch sollen solche auch bei Ruvenga am Westufer des Tanganyika anstehen.
Das Klima ist in ganz auffallender Weise durch die Wasserscheiden beeinflusst, indem das Gebiet des Kagera fruchtbar und reicher an Niederschlägen ist als das Tanganyika-Gebiet, während das Urigi-Gebiet etwa die Mitte zwischen beiden einhält. — Der Grund liegt wohl hauptsächlich in der verschiedenen Seehöhe, möglicherweise auch in herrschenden Windrichtungen, deren Erforschung der Zukunft vorbehalten bleibt.
An das Klima ist die Vegetation gebunden, welche den Landschaftscharakter bestimmt. Durch einen Steppenstreifen ist das Nyansa-Ufer von Ussui getrennt, ein vorherrschend offenes, grasiges Gebiet in dem nur Siedelhaine und vereinzelt hohe Laubbäume aufragen. Diese verschwinden im centralen Ussui, das einen sehr dürren Charakter mit rothem, eisenschüssigem Gerölle und spärlichem Gestrüpp an den Hängen besitzt. West-Ussui und Urundi sind fast ganz Weideland, mit Wiesen die alljährlich abbrennen und deren Eintönigkeit nur durch die dunkelgrünen Papyrus-Sümpfe und Siedelhaine unterbrochen wird. Erst an den Hängen der Missosi ya Mwesi tritt Bergwald mit zahlreichen Bambus auf. Das südliche Urundi, welches schon dem Mlagarassi-Gebiet angehört, ist ziemlich trocken und steinig. Uha ist ein Waldland; auf ungeheuren Strecken bedeckt mit wasserarmen, lichten Laubwäldern, in welchen Caesalpiniaceen vorherrschen und welche als Miombowälder in das östliche Unyamwesi übergreifen. Die einzige Unterbrechung dieser Wälder bilden in Uha ausgedehnte, zur Regenzeit versumpfte Savannen. Da das ganze Gebiet mehr oder weniger dicht besiedelt ist, so ist Wild ziemlich spärlich und findet sich nur in den Wildnissen von Uha. —
Wenn wir das ganze Gebiet überblicken, so finden wir in demselben eine uralte Kontinentalmasse, in welcher Sedimente nur eine untergeordnete Rolle spielen und die durch das Vorherrschen primärer Gesteine ausgezeichnet ist. Die gebirgsbildenden Motoren, die in Europa und Asien durch Faltung das Antlitz der Erde veränderten, übten hier keine wahrnehmbare Wirkung. An ihre Stelle traten grossartige Störungslinien, welche das Land, in geologisch jüngster Zeit, in einzelne Schollen zerrissen und es zu einem der merkwürdigsten und bedeutungsvollsten Gebiete der Erdoberfläche machten.
Kapt. Spring photogr.
Granitfelsen in Usukuma.
[[←]] VIII. KAPITEL.
Die Völker des abflusslosen Gebietes.
Die Massai. — Die Wandorobo. — Die Wataturu. — Die Wafiomi. — Die Wambugwe. — Die Wanyaturu. — Die Wassandaui. — Wanderungen der Stämme.
Wie aus der allgemeinen Beschreibung hervorgeht, ist das abflusslose Gebiet durch das immerhin bedeutende Auftreten von Steppenstrichen bezeichnet. Zwar sind dieselben nicht annähernd so ausgedehnt als man vermuthete und viele Gegenden, die als Wüsten bezeichnet wurden, erwiesen sich als ausserordentlich fruchtbar, ja mit als die besten Länder Ostafrika's. Aber immerhin ist das Gebiet, welches menschlicher Siedelung einen günstigen Boden bietet, ein beschränktes und selbst von diesem ist nur ein geringer Theil ständig bewohnt, das übrige bildet den ungeheuren Weide- und Jagdgrund nomadischer Volksstämme. Gerade die schwierige Zugänglichkeit des Gebietes hat jedoch seine Bewohner in einer Ursprünglichkeit und Unberührtheit erhalten, wie sie in heutiger Zeit nur selten anzutreffen ist.
Massai-Knabe.
Mehrere der Stämme des abflusslosen Gebietes werden hier zum ersten Mal genannt, von den meisten anderen kannte man nur den Namen, ohne von ihrer Lebensweise und ihrer ethnographischen Zugehörigkeit auch nur das Geringste zu wissen, da kein Reisender dieselben vorher gesehen hatte.
Dies ist allerdings nicht bei jenem Stamme der Fall, der dem ganzen Gebiete gewissermaassen seinen Stempel aufgedrückt hat, bei den Massai. Gründliche Forscher, wie Krapf, Dr. Fischer, Thomson und v. Höhnel, haben diesen Stamm in seinen nördlichen Wohnsitzen kennen gelernt und bei der ausserordentlichen Einheitlichkeit der Massai haben die Beschreibungen die sie entworfen im Allgemeinen auch für unser Gebiet Geltung. Dabei haben diese Forscher die Massai in ihrer Glanzperiode gesehen, während ich auf der letzten Reise sie im tiefsten Elend fand.
Wenn ich dennoch nachfolgend eine Beschreibung dieses merkwürdigen Hirtenvolkes gebe, so geschieht dies, weil ich durch monatelangen, täglichen Verkehr mit den Massai-Hirten der Expedition, sowie durch einen selten vorzüglichen Dolmetsch in der Lage war, manches zur Ergänzung der Berichte obengenannter Reisenden zu erfahren.
Die Massai-Völker zerfallen in zwei Gruppen, die Mbarawui, von den Küstenleuten Wakuavi genannt und die Massai im engeren Sinne. Die Sprache der beiden Stämme ist dialektisch verschieden, auch finden sich Unterschiede in den Sitten und vor Allem ist das Stammesbewusstsein beider Völker so stark ausgeprägt, dass eine Unterscheidung derselben berechtigt erscheint. Der Swahíli-Name »Mkuavi« wurde mir von einem gleichnamigen hohen Laubbaum mit rothen Früchten abgeleitet, der in Bondeï und im Hinterlande von Mombas gedeiht und von den Waschambaa Mambia genannt wird. Nach diesem Baum benannten die Küstenleute die hochgewachsenen Mbarawui, das erste Massai-Volk mit dem sie in Berührung kamen.
Die Nachrichten, welche ich über die Kämpfe dieser beiden Stämme erfuhr, lassen sich so ziemlich mit den von Thomson erkundeten in Einklang bringen.
Die Mbarawui sassen ursprünglich zu beiden Seiten des Pare-Gebirges und wohl auch in der Kiwaya-Steppe, von wo aus sie das Küstengebiet zu verheeren pflegten. Die Massai lebten am Manyara-See, in der Sogonoi-Gegend, in Kisongo und nordöstlich vom Kilimanjaro bis Ukambani hin. Nach Thomson litten die Wakuavi sehr unter Dürre und hatten sich eine Niederlage von den Wagogo geholt. Wie man mir mittheilte, drängten die von Süden kommenden Wambugwe auf die Massai und vertrieben sie vom Manyara. Mag nun dieser, oder ein anderer Grund als Veranlassung gedient haben, genug, die Massai bekriegten die ohnehin geschwächten Wakuavi und vertrieben sie aus ihren Wohnsitzen. Ein Theil wurde versprengt und fand in Usegua, Unguu sowie im Pare-Gebirge (als Wambugu) eine Zuflucht als halbansässige Viehzüchter oder schloss sich den Bantu-Ackerbauern von Taveta, Kahe, Ober- und Unter-Aruscha an. Der grösste Theil der Wakuavi zog jedoch nach Nguruman, wo damals noch keine Massai lebten. Dort theilten sie sich: eine Abtheilung besiedelte Ndare Serian (Friedens-Schaf) am Ngare dabash, die andere die Gegenden am Naivascha-See, vor Allem Guas Ngischu. Dort fand der von Thomson erwähnte Verzweiflungskampf mit den Massai statt. Besiegt zog die Hauptmasse der Guas Ngischu-Wakuavi nach Leikipya, dem »Neuland«, wo sie mit der Zeit wieder grosse Macht erlangten. Andere schlossen sich den Bantu (Wassegeju) von Nguruman und Sonyo, andere den, wahrscheinlich den Kamassia verwandten Urbewohnern von Njemps am Baringo und den Kavirondo an. Theilweise gingen sie in diesen Ackerbaustämmen auf, nicht ohne denselben in Tracht und Sitten, vielfach selbst in der Sprache ihr Gepräge aufzudrücken. Auch in Ngoroïne findet man zahlreiche angesiedelte Wakuavi.
Erst nach Verdrängung der Wakuavi aus Guas Ngischu besiedelten die Massai das Plateaugebiet, Mutier, Ndasekera und Serengeti, die ursprünglichen Wohnsitze der Wataturu.
Das weite Massai-Land, welches früher der ungeheuere Weideplatz der Massai-Heerden war, ist jetzt in verschiedene Distrikte wie Kiwaya, Simangiro, Mutyek u. s. w. getheilt, deren jeder ein bestimmtes Schildwappen führt, an dem sich die Krieger erkennen. Innerhalb der einzelnen Distrikte sind stets fast alle Massai-Stämme vertreten, die als mehr oder weniger vornehm gelten und wahrscheinlich noch aus der unbekannten Urheimath der Massai stammen. So giebt es überall Vertreter der Stämme Muleïlyan, Leisseri, Leitoyo, Mamasita, Mágesen, Marumwai, Lugumai, Maguveria und des Schmiedestammes der Elkonono, die ebenfalls Massai sind, aber von den anderen verachtet werden.
Die Massai sind meist hochgewachsen, schlank und langbeinig. Ihre Körperformen sind selten voll, sondern auch bei Männern vielfach zart und weibisch, doch oft von grosser Schönheit. Dennoch besitzen sie bedeutende Muskelkraft und Ausdauer. Die Extremitäten sind zierlich und schmal, die Haut ist meist dunkler als chokoladebraun und erstaunlich weich und sammetartig. Der Gesichtstypus variirt sehr. In Sogonoi und Kiwaya, also im Steppengebiet, findet man oft negerhafte Züge, hier treten auch vollere Körperformen auf. Fast rein hamitisch sehen die Plateau-Massai, also die von Mutyek und Serengeti aus. Dieselben haben regelmässige Züge, schmale Nasen und glänzende, schwarze Augen die manchmal leicht schiefgestellt sind. Im Alter werden die Züge hart und oft adlerartig scharf. Häufig trifft man sogenanntes Hamiten-Haar. Wenn der Kopf frisch rasirt ist, so erscheint das nachwachsende schwarze Haar bis zur Länge von ca. 1 cm völlig glatt und bekommt dann erst eine leichte Kräuselung, die an die Kraushaare mancher Europäer erinnert. Beim echten Wollhaar erscheinen dagegen schon die ersten Haaransätze gekräuselt. Dieses, an der Küste bei Mischlingen von Arabern und Negern nicht seltene Hamiten-Haar findet sich bei den Plateau-Massai häufig, etwas seltener bei jenen des Tieflandes die häufig Wollhaare haben.
Im Allgemeinen machen die Massai den Eindruck eines hamitischen Stammes, der in verschiedenen Gegenden mehr oder weniger starke Blutmischungen mit Bantu erhalten hat. Den tiefschwarzen, typisch negerhaften Sudanesen, welchen sie sprachlich so nahe stehen, gleichen sie physisch in keiner Weise.
Das Haar wird von jungen Leuten kurz getragen. Krieger lassen dasselbe lang wachsen und flechten es in fadendünne Strähnen, so dass es von weitem wie schlichtes Haar aussieht. Diese Strähnen werden mit Fett und rother Lehmfarbe eingerieben und verschiedene Frisuren daraus geflochten, bei welcher die mit langem, bastumwundenen Zopf überwiegt. Die eigenthümliche Art der Beschneidung (Incision) beschreibt Thomson ausführlich.
Die Weiber tragen den Schädel rasirt. Die beiden oberen, vorderen Schneidezähne werden bei beiden Geschlechtern vorgebogen, die entsprechenden unteren ausgebrochen, doch ist diese Sitte nicht mehr allgemein üblich. Die Ohrläppchen werden durchlöchert und bis zur Länge von 10 cm und darüber ausgedehnt. Darin tragen die Krieger Eisenspiralen, an welchen Kettchen hängen, die Weiber tellerförmige Eisenspiralen, die oft so schwer sind, dass sie durch einen über den Schädel gelegten Riemen gehalten werden müssen.
Um den Hals tragen die Weiber Bänder aus steifem Leder, auf welchen weisse und rothe Glasperlen genäht sind und von denen Eisenkettchen und Glasperlen herabhängen, die Verheiratheten auch einen tellerförmigen Kragen von dickem, gewundenem Eisendraht. Am Oberarm tragen die Krieger ein Armband aus Horn, am Unterarm manchmal einige Glasperlen. Die Weiber umwinden sich den Unterarm und Unterschenkel mit mächtigen Manschetten aus Eisendraht.
Die Kleidung besteht bei Kriegern aus einem kurzen Lederüberwurf, der die linke Schulter freilässt und niemals die Schamtheile bedeckt. Der selbe ist manchmal aussen behaart und aus verschiedenfarbiger Rindshaut gefertigt. Oefter tragen sie am Hintertheil ein dreieckförmiges Schürzchen als Sitzmöbel. Die älteren Leute haben längere Ledermäntel, ebenso die Weiber, deren, den Busen verhüllende Lederkleidung an den Hüften durch einen Gürtel zusammengehalten wird. An den Füssen trägt man häufig kräftige Ledersandalen.
Der Kriegsschmuck der Massai ist schon oft beschrieben und abgebildet worden. Gerade diese zahlreichen Abbildungen können jedoch die Ansicht hervorrufen, dass dieser wilde, aus Colobusfellen, Straussfedern u. s. w. gebildete Kriegsschmuck allgemein getragen wird. Dies ist jedoch keineswegs der Fall. Ich habe auf dieser und auf meinen früheren Reisen öfter Massai am Kriegspfade gesehen, aber nicht einen einzigen im vollen Kriegsschmuck. Einer oder der andere — von 100 Kriegern etwa ein Dutzend — trugen den bekannten Federschmuck aus Straussfedern, der das Gesicht einrahmt, die übrigen zogen in gewöhnlicher Tracht ins Feld und bemalten sich höchstens mit weissem Mergel an den Beinen.
Körperbemalung ist überhaupt allgemein üblich und wird mit Fett und rother Lehmfarbe ausgeführt. Eine Körperreinlichkeit kennen die Massai nicht. Mein ältester Rinderhirt, ein weisshaariger Elmoruo, gestand mir ein, dass er sich im Leben noch nie gewaschen habe. Deshalb wimmeln denn auch die Haare, Lederkleider, ja selbst der Eisenschmuck der Weiber von Ungeziefer.
Durch Krankheiten wurden die Massai früher wohl nicht viel geplagt, die empfindlichsten waren die Augenleiden, welche durch die zahllosen Fliegen verbreitet werden und oft zur Erblindung führen. So zäh und gesund die Massai im eigenen Lande sind, so wenig widerstandsfähig zeigen sie sich in anderen Klimaten. Am besten halten noch die Steppen-Massai einen Klimawechsel aus, die Plateaubewohner gehen jedoch überall in der Niederung, besonders an der Küste oder am Victoria-Nyansa, rasch ein. Gegenwärtig leiden alle Massai an einer grossen Krankheit: dem Hunger.
Was den Charakter der Massai anbelangt, so ist für denselben vor Allem ein grosser Eigendünkel bezeichnend, der sie auf alles, was nicht Massai ist, mit Verachtung blicken lässt. Besonders die Krieger haben eine stolze, freie Haltung, blicken jedem Fremden gerade ins Auge und bringen dadurch, im Gegensatz zu anderen Schwarzen, einen angenehmen Eindruck hervor. Sie wirken auch auf ihren Raubzügen hauptsächlich durch den moralischen Eindruck eines trotzigen, rücksichtslosen Vorgehens, dem schwache Gemüther nicht gewachsen sind. Wo sie aber auf kräftigen Widerstand stossen, wie z. B. bei den Wambugwe, verwandelt sich ihre »Kühnheit« sofort in jämmerliche Feigheit.
Der nomadischen Lebensweise entsprechen die Wohnsitze, oder besser gesagt die Lager der Massai. Sie bestehen aus 40 bis 60 kreisförmig angeordneten Hütten, die einen Viehhof umsäumen. (Abb. pag. 32). Die Hütten haben oblongen Grundriss, sind ca. 1,20 m hoch und durch ein Gerippe von Zweigen gestützt. Dieses wurde früher mit Kuhmist und Lehm, jetzt meist mit Stäbchenmatten und Fellen überzogen. Das Thor, durch welches man seitlich, wie in ein Schneckenhaus, eintritt, liegt an der Innenseite, der Hüttenraum ist in zwei Theile getheilt.
Beim Abzug bleiben diese Hütten stehen und finden sich als Wahrzeichen früherer Siedelungen überall im Massailand verstreut. Nur Felle und Hausgeräth werden auf Esel und Rinder gepackt und mitgenommen.
Das ganze Leben der Massai dreht sich um die Viehzucht, die Jagd war früher nahezu verpönt und wird erst in neuerer Zeit auch von den El Moran (Kriegern) betrieben. Die Hauptpflege wurde den Rindern zu Theil, deren Zahl durch die Raubzüge ungeheuer anwuchs. Daneben hält man auch Ziegen, Schafe und Esel. Die Zuchtwahl scheint den Massai nicht unbekannt, wenigstens sah ich öfters Schafböcke, welchen man steife Lederschürzen umgebunden hatte, um eine Fortpflanzung zu verhindern. Die Rinder gehören durchweg der Zebu-Rasse an, Anklänge an den bei den Watussi auftretenden Sangatypus der Galla-Länder fehlen gänzlich. Der Grund liegt jedenfalls in den Raubzügen, die den Massai massenhaft Rinder der ansässigen Völker zuführten, wobei etwa vorhandene ursprüngliche Formen aufgingen. Die Esel sind kräftig, untersetzt, von grauer Farbe und sehr ausdauernd. Bei den Krankheiten der Hausthiere werden verschiedene Arzneimittel angewendet. Den Rindern pflegt man mit einem eigenen kurzen Pfeil eine Ader zu öffnen, um deren Blut zu trinken, hierauf wird die Wunde wieder zugeheilt. Die Tödtung der Rinder geschieht durch einen Stich ins Genick. Das Melken der Kühe ist nur Nachts gestattet.
An Geräthen besitzen die Massai sehr wenig und nichts selbst gefertigtes, mit Ausnahme der Schmucksachen. Schlechte Thontöpfe liefern ihnen die Wandorobo, Kalebassen erhalten sie von den ackerbautreibenden Stämmen. Als Waffen dienen den Kriegern Speer, Schild, Schwert und Keule, den älteren Männern Bogen und Pfeile. Die Eisengeräthe fertigen die Elkonono, doch glaube ich nicht, dass dieselben das Herstellen von Eisen aus dem Erz verstehen. Vielmehr wird Eisen meist als Eisendraht von Karawanen importirt oder in anderer Form von Ackerbauern bezogen. Die schönsten der grossen breitklingigen Massai-Speere machen übrigens gar nicht die Massai, sondern die Wadschagga und Ober-Aruschaner, die auch die Eisen- und Kupferkettchen fertigen. Der Schild wird aus Büffelhaut von den Wandorobo gefertigt und mit Erdfarben in den Wappenmustern bemalt. Dieselben gelten für bestimmte Distrikte, z. B. kann man einen Mutyek-Schild sofort von einem aus Sogonoi erkennen. Die Keule ist aus hartem Holz und dient weniger als Waffe, als zum agiren bei Reden, sie wird auch meist nur von Anführern getragen. Die Elmoruo (die älteren Leute) tragen leichte Bogen und Pfeile in Holzköchern.
Pfeil zum Aderlassen der Rinder, Massai.
Bei der Geburt eines Kindes umgeben verwandte Frauen die Wöchnerin, Männer dürfen die Hütte nicht betreten. Knaben sind beliebter als Mädchen, doch soll Kindesmord niemals vorkommen. Ist die Geburt glücklich vorüber, so wird für den Vater ein Rind, für die Mutter ein Schaf geschlachtet. Der Knabe, Layok, läuft völlig nackt und erhält Unterricht im Viehtreiben und Speerschwingen, manchmal wird er wohl auch bei Kriegszügen mitgenommen. Das Mädchen, Ndoye, verbringt die Jugend bei der Mutter, bis sie mit ca. 12 bis 13 Jahren als Ndito in den Elmorankraal kommt. Auch der Knabe wird schon mit 16 Jahren für erwachsen gehalten, was durch ein Fest gefeiert wird. Die älteren Leute versammeln sich, schlachten ein Rind und trinken drei Tage lang Honigwein. Dann werden die jungen Leute durch einen Kundigen — nicht den Zauberdoktor (Laibon) — nach Massai-Art beschnitten und die Zähne und Ohren in der oben erwähnten Weise behandelt. Bis zur Heilung der Wunde leben sie abseits im Busch und nähren sich von kleinen Vögeln, deren Bälge sie um den Kopf gewunden tragen.
Dann wird der junge Mann in den Elmorankraal aufgenommen und lebt zusammen mit den Nditos. Zeugt er ein Kind, so ist es üblich, dass er das Mädchen heirathet und Elmoruo wird, doch kann er sich auch durch ein Geschenk an den Vater loskaufen. Die Nahrung des Elmoran ist eine rein animalische; ausser Fleisch, Blut und Milch darf er nur Honig und Zuckerrohr geniessen. Wildfleisch und vor allem Getreide sind ihm gänzlich verpönt, so dass derjenige, welcher als Krieger »Ngúruma« (Getreide) isst, keine Frau bekommt. Das Blut wird in der oben beschriebenen Weise direkt aus der Ader des Rindes getrunken. Fleisch wird an Stöcken gebraten. Milch wird im Allgemeinen nicht gekocht, nur für Verwundete mit Blut vermischt und warm gemacht, ein Gebrauch, der jedoch von Fremden (Wagogo?) entlehnt sein soll. Sonst darf der Elmoran am selben Tage nicht Fleisch bezw. Blut und Milch zusammen geniessen.
Aller Nahrung wird ein aus einer Akazienrinde gewonnenes Mittel »Mokota« beigemengt, welches Erbrechen und Abführen, sowie bei reichlichem Genuss eine Art Berserkerwuth hervorbringt, in welcher die Krieger vor Aufregung zittern und wobei ihnen Speichel aus dem Munde fliesst. Fleisch mit Mokota und Milch soll jedoch Ruhr erzeugen, woher der obige Gebrauch stammt, an demselben Tage entweder nur Fleisch oder nur Milch zu geniessen. Auch die Weiber, vor allem die Nditos, geniessen Mokota, dürfen aber auch Pflanzenkost zu sich nehmen.
Im Kraal selbst darf keine Nahrung genommen werden. Um ein Rind zu schlachten, ziehen die Krieger mit einigen Nditos in den Busch, errichten mehrere leichte Grashütten und verschlingen dann unglaubliche Mengen Fleisch. Grosse und kleine Bedürfnisse verrichten die Massai stehend mit ausgespreizten Beinen.
Der Austritt aus dem Elmoran-Verbande erfolgt in verschiedenem Alter, meist jedoch früh, mit ca. 30 Jahren. Dem Massai behagt das Elmoran-Dasein, welches in Kriegszügen und faulem Umherlungern mit den Nditos getheilt ist. Die Väter jedoch, besonders wenn sie grosse Heerden besitzen, sehen ihre Söhne nicht gern in diesem unsteten, gefährlichen Stande und entführen sie nicht selten mit Gewalt aus dem Kraal; das Wahrzeichen des Elmoran, das Haar, wird abrasirt und der Elmoruo, alte Mann, ist fertig. Wer freilich einen armen Vater hat und auch bei den Raubzügen nicht viel Rinder bekommt, der bleibt bis in reiferes Alter Elmoran.
Der Elmoruo muss sich sofort um eine Frau umsehen, die er aus den Nditos seines eigenen Stammes erwählt. So heirathet ein Muleïlyan nur eine Muleïlyan, nicht aber etwa eine Leiseri. Der übliche Brautpreis besteht aus zwei Kälbern, zwei Kühen, einem grossen Stier, einem Ochsen und einer Kuh mit kleinem Kalb. Am Hochzeitstage wird ein Ochse geschlachtet. Die Brautleute verbringen hierauf drei Tage in einer Hütte; isst der Mann, so darf die Frau nicht zusehen und umgekehrt. Für die Nahrung des Elmoruo besteht ebensowenig eine Vorschrift, wie für die der verheiratheten Frauen, Siangiki. Auch darf er Honigwein trinken und Tabak schnupfen. Letzteres ist dem Massai-Elmoran verboten, dem Mbaravui- (Wakuavi) Elmoran dagegen gestattet. Die Elmoruo und Siangiki geniessen auch Mokota, doch in geringen Mengen. Vielweiberei ist üblich, Scheidung häufig und mit keinen Umständen verbunden. Den Männern liegt hauptsächlich die Viehzucht ob, den Weibern das Erbauen der Hütten und Treiben der Esel auf der Reise.
Bei Krankheiten werden verschiedene Arzneimittel, vor allem die Universalmedizin Mokota gegeben, auch pflegt man den kranken Theil zu massiren und mit Dornen zu stechen. Dagegen ist das sonst so verbreitete Schröpfen und Klystiren unbekannt.
Ein Todter wird mit Rindsfett bestrichen, in eine Haut gehüllt und unweit des Kraals ausgesetzt. Wenn ihn die Hyänen nicht gleich am ersten Tage fressen, so gilt dies als Unglückszeichen; es werden vier Rinder geschlachtet und das Fett auf den Todten gestrichen.
Der Familie, Weib und Kind, ist der Massai sehr zugethan und man kann oft harte Krieger plötzlich zur tiefsten Rührung übergehen sehen, wenn sie lange vermisste Familienglieder wiedersehen. Mit diesem anscheinend gutmüthigen Zug kontrastirt ihre Blutgier allen Fremden gegenüber, welche sie nicht nur bewaffnete Feinde, sondern auch gänzlich Wehrlose niedermachen lässt.
Ein eigenthümlicher Zug der Massai ist ihre Frömmigkeit und das feste Vertrauen, welches sie Ngai, dem Ueberirdischen, Gott, entgegenbringen. Das Ngai wirklich als Gott aufzufassen ist erscheint zweifellos, und wenn Thomson anführt, dass die Massai beim Anblick von etwas ihnen Ungewöhnlichem, z. B. einer Lampe, »Ngai« rufen, so ist darin ebensowenig etwas verwunderliches wie wenn der Mohammedaner im gleichem Falle »Alah« ruft. Der Massai will damit keineswegs sagen, dass die Lampe Ngai sei, sondern nur seinem Erstaunen über etwas für ihn so Uebernatürliches Ausdruck geben. Ngai hat seinen Sitz in der Höhe, im Himmel, er wird stehend mit erhobenen Händen, in welchen man Grasbüschel hält und mit dem Ruf »Ngaieh!« verehrt. Vor jedem Kriegszug, sowie überhaupt in allen Lebenslagen kann man die Massai derart beten sehen.
Die Sterne, welche Nachts am Himmel blinken sind Augen Ngai's, der auf die schlummernden Massai herabblickt. Eine Sternschnuppe bedeutet den Tod eines Menschen; dann flehen sie, dass kein Massai sondern ein Feind, ein Mangati sterben möge. Die Massai sind überhaupt das auserwählte Volk Ngai's, ihnen hat er alle Rinder zugewiesen und sie üben nur ihr Recht aus, wenn sie den Feinden die ihrigen wegnehmen. — Merkwürdig ist die Auffassung der Jahreszeiten. Während der grossen Regenzeit, ngokwa (den Mvuli der Swahíli), wo die Rinder fett werden, freut sich Gott und vergiesst Freudethränen. Im Blitz zeigt er seinen furchtbaren Blick, der Donner ist sein Freudengeschrei über das was er gesehen, dann folgt der befruchtende Regen. In der kleinen Regenzeit, ndumure (den Masika der Swahíli), wo die Rinder abmagern, weint Ngai vor Schmerz über die Gleichgültigkeit der Massai. Je länger die Masika dauert, desto grösser ist seine Trauer, die sie durch Gebet zu besänftigen suchen.
Die Sonne betrachten die Massai als einen Mann der auf einem Wege gegen Westen zieht, jedoch im Osten wohnt. Im Westen taucht er in eine Höhle und besucht seine Frau, den Mond. Dann eilt er auf hoher Brücke, den Blicken unsichtbar, wieder nach Osten, um Morgens wieder gegen Westen zu ziehen, wohin ihm der Mond schon vorausgeeilt ist. Als vornehmster Stern gilt Kilekeen, der Morgenstern.
Ein Leben nach dem Tode wird von allen Massai geleugnet. Die bösen Wald- und Felsengeister, die durch Bestreuen ihrer Wohnsitze mit Gras oder Steinen versöhnt werden, gelten nicht wie bei den Bantu als Geister der Verstorbenen, sondern als Kinder Gottes, der jedoch selbst gut ist. Dieser Gruppe gehört wohl auch der Geist Neiterkop an, den Krapf erwähnt, von dem ich jedoch nichts erfuhr. —
Den Verkehr mit Ngai vermittelt der Laibon, Zauberer, der überhaupt die bedeutendste Rolle im Distrikt spielt. Sein Schüler und Nachfolger ist der Leigwenan, der Anführer der jungen Krieger, der, wenn er über mehrere Kraals steht, Leitunu genannt wird. Der Laibon macht die Kriegsmedizin und weissagt aus Ziegendärmen, auch verabreicht er Heilmittel und sucht Ngai zu veranlassen die Regen günstig einzutheilen. Vor und nach jedem Kriegszug erhält er von den Kriegern Rinder. Der Laibon geniesst sein Leben lang nur Elmoran-Kost und Honigwein. Er hat Weiber, besucht sie jedoch nur insgeheim, seine Hütte darf kein Weib betreten. Manche Laibons sollen verschiedene Kunststücke machen, sich mit Speeren durchbohren u. s. w. Ein verstorbener Laibon wird im Gegensatze zum Allgemeingebrauch begraben; das Grab, das mit grossen Steinen bedeckt wird, bewacht der Stamm drei Monate lang.
Der oberste Laibon, gewissermaassen ein Massai-Papst, ist der Mbatyan, der stets westlich vom Kilimanjaro residirt. An diesen glauben alle Massai, nicht aber die Mbaravui (Wakuavi). Der Mbatyan ist stets einäugig, der Vater pflegt dem Sohn ein Auge auszuschlagen, um ihn zu der Würde geeignet zu machen. Alle Massai bringen ihm Rinder, erflehen seine Fürbitte bei Kriegszügen und betrachten ihn mit grosser Ehrfurcht.
Zeitpunkt und Richtung der Kriegszüge werden vom Laibon und Leigwenan bestimmt; letzterer ist der Anführer. An den Zügen betheiligen sich Elmoran und meist auch eine Anzahl Elmoruo. Eine Rinderheerde wird als Proviant mitgetrieben und im Dauermarsch werden ungeheure Strecken zurückgelegt. Immerhin hätten die Massai wohl niemals solche Erfolge erringen können, wenn sie es nicht verstanden hätten, unter den sesshaften Völkern selbst Bundesgenossen zu erwerben, die ihnen Zuflucht gaben und sie mit Führern versahen. Für Unyamwesi und Usukuma spielte Mtinginya von Usongo diese Rolle.
Der Angriff des Massai erfolgt meist überraschend und sehr energisch. Besonders wo Heerden unter wenigen Hirten weiden gelingt es ihnen fast immer sie zu erbeuten. Aengstliche Eingeborene wagen dann nicht die Räuber zu verfolgen, muthige dagegen, wie die Wambugwe, setzen ihnen nach und jagen ihnen das Vieh wieder ab. Mit der glücklich erworbenen Beute ziehen die Massai unter lautem Gesang heimwärts, wobei sie einen Mann voraussenden, der den glücklichen Verlauf des Raubzuges im Lager meldet. Die Vertheilung der Beute geschieht noch im freien Felde und dabei kommt es nicht selten zu blutigen Schlägereien. Im Lager findet ein Siegesfest statt, bei welchem die Krieger mit den Nditos im Gänsemarsch, singend tanzen.
Sklaverei ist den Massai unbekannt, doch machen sie nicht selten Knaben und Mädchen zu Kriegsgefangenen und nehmen sie in den Stamm auf. Diese Sitte, sowie die leichte Zugänglichkeit der Massaiweiber Karawanenleuten und wohl auch anderen Eingeborenen gegenüber, führt den Massai viel fremdes Blut zu. Das Streifgebiet der Massai umfasst ein ungeheures Gebiet. Im Osten reicht es an die Küste, im Süden nach Mpwapwa und Ugogo, im Westen zum Victoria-Nyansa und bis zur Grenze von Usinja, über ganz Unyamwesi und ins südliche Uha, wo sie vor mehreren Jahren mit den Wangoni (Watuta) zusammenstiessen. In Ugogo und Unyamwesi nennt man sie Wahumba, in Usukuma Wassekera, offenbar nach der Massai-Landschaft Ndassekera. Sie selbst haben für alle Länder ihre eigene Nomenklatur, so nennen sie Umbugwe Ltoroto, Unguu Kimalando und kennen nur ihre eigenen Bezeichnungen.
Als Friedenszeichen pflegen die Massai ein Büschel Gras zu überreichen, welches sie vorher bespeien. Das Bespeien spielt überhaupt eine grosse Rolle, so musste ich alle kleinen Geschenke an Glasperlen u. s. w., die ich ihnen machte, vorher bespeien. Der Gruss geschieht durch Reichen der Hand, wozu man »Sowai!« ruft, der Gegrüsste antwortet »Evá!«
In Streitfällen entscheidet ein Gericht von Greisen. Mörder werden getödtet, wenn eine Sühne von 10 Rindern von den Verwandten des Getödteten abgelehnt wird. Diebstahl im Stamme selbst kommt fast niemals vor. Lügen sind häufig, gelten jedoch als grosser Fehler.
Indem wir damit die Schilderung der Massai schliessen, muss hervorgehoben werden, dass dieselbe in vielen Zügen heute nicht mehr giltig ist, sondern sich auf den Zeitraum vor 1891 bezieht. In diesem Jahre verheerte nämlich die Viehseuche, eine Lungenkrankheit, die in ganz Ost-Afrika wüthete, die Heerden der Massai in furchtbarer Weise. Während die sesshaften Völker, welchen als Nahrungsmittel die Produkte des Ackerbaus blieben, sich durch Aufzucht der wenigen verschonten Thiere erholen konnten, zehrten die Massai auch diese auf, so dass sie heute thatsächlich fast gar keine Rinder mehr besitzen. In der ersten Zeit gingen kolossale Mengen von Massai, wohl zwei Drittel des ganzen Stammes, zu Grunde. Die Krieger konnten sich durch Jagd und kleine Diebstähle noch eher durchbringen, die Weiber, Kinder und Greise waren aber dem Elend völlig preisgegeben.
Zu Skeletten abgemagert wankten sie durch die Steppen, vom Honig der Waldbienen und ekelhaftem Aas sich nährend. Alle kriegerischen Unternehmungen schlugen fehl, die Elmoran wurden einfach zurückgeworfen und kehrten oft gar nicht heim, sondern verhungerten unterwegs. Nur in wenigen Gebieten halten sich noch Kraals durch Kleinvieh und Eselzucht, sowie durch die Jagd, sonst sind weite Striche verlassen und die Massai leben als Bettler bei den Ackerbauern der Umgebung. Dass sie dabei an Einhaltung der alten Speisegesetze nicht mehr denken, dass der Elmoran ebenso Getreide und Jagdwild verzehrt wie ein anderer, ist selbstverständlich.
Viele Ackerbauer, wie die Wambugwe und ihre Nachbarn, wollen die alten Feinde selbst im Elend nicht kennen und machen jeden Massai nieder. In Usukuma, Schaschi, in Irangi, Unguu und Usagara, sowie in der Kilimanjaro-Gegend finden sie jedoch Zuflucht und Almosen an Nahrungsmitteln. Denn der Massai bleibt stets ein Bettler, niemals wird es ihm einfallen zum Spaten zu greifen und seine Gastfreunde in der Arbeit zu unterstützen. Wo er dazu gezwungen wird, geht er entweder zu Grunde oder er läuft wieder davon — in die Steppe.
Der Verlauf dieser Seuche hat überhaupt den Beweis geliefert, dass die Massai, trotz ihres intelligenten und einnehmenden Aeusseren, doch absolut nicht bildungsfähig und zum Untergang bestimmt sind. Ich selbst hatte eine Anzahl Massai als Viehhirten Monate hindurch bei der Expedition, die sich rasch von ihrem Hunger erholten. Sie ertrugen Klimawechsel sehr schlecht, der jedesmal mehrere Opfer erforderte. Zu irgend welcher anderen Beschäftigung als Viehtreiber waren sie gänzlich unfähig. Trotzdem sie wenig unter einander, sondern meist mit Trägern verkehrten, die nur Kiswahíli sprachen, hat doch kein Einziger auch nur nothdürftig diese Sprache erlernt, wie denn die Massai im Gegensatz zu anderen Negern absolut kein Sprachtalent haben.
Einen aufgeweckt aussehenden Jungen von ca. 12 Jahren wollte ich zum Diener abrichten. Er war zu den einfachsten Verrichtungen unfähig, schmutzig und faul und so wie er zeigten sich auch andere, mit welchen ich denselben Versuch machte. Einen jungen Elmoran, der unsere Gefechte mitmachte und grosse Freude über unsere Erfolge zeigte, kleidete ich als Askari ein und liess ihn durch einen Mann, welcher Massai sprach, abrichten. Er war nicht im Stande den einfachsten Gewehrgriff zu lernen, nach zwei Monaten war er noch ebenso weit, wie am ersten Tage. Die Leute gaben sich redliche Mühe; aber wenn man sie fragte, warum sie denn garnichts zu Stande brächten, schüttelten sie stets mit trübem Blick den Kopf und sagten »Maiollo«, ich kann nicht. Und sie hatten Recht. Ein Massai kann nicht ackern, exerzieren oder Teller waschen, ebenso wenig wie ein Zebra den Karren ziehen oder ein Leopard Mäuse fangen kann. Damit ist aber auch der Untergang des Stammes besiegelt.
Unter früheren Verhältnissen hätten die Massai sich nach und nach wohl wieder einen Viehstand zusammengeräubert. Gegenwärtig dürfte ihnen dies, besonders in der deutschen Interessensphäre, recht schwer werden. So ist es denn wahrscheinlich, dass die Massai erst als halb sesshafte Viehzüchter im Gebiete von Bantustämmen ihr Leben fristen, nach und nach aber in diesen aufgehen werden.
Eine längere Existenz als den Massai lässt sich den Ndorobbo, gewöhnlich Wandorobo genannt, voraussagen. Denn ihr Lebensunterhalt, die Jagd, wird in absehbarer Zeit keine Aenderung erleiden. Die Wandorobo wurden bisher als einheitliches Volk aufgefasst, doch ist mir wenigstens in meinem Forschungsgebiet aufgefallen, dass thatsächlich recht verschiedene Stämme mit diesem Namen belegt werden. Das Massai-Wort Ndorobbo wird von v. Höhnel mit »arme Teufel« übersetzt. Dies mag immerhin die Grundbedeutung sein, doch ist sicher, dass gegenwärtig die Massai jeden Jäger als Ndorobbo bezeichnen. So nennen sie die Küstenleute, die sich mit Elephantenjagd beschäftigen, die sogenannten Makua »ndorobbo a láshomba«, wobei láshomba den Küstenmann bedeutet.
Ich fand drei scharf geschiedene Gruppen von Wandorobo. Die Wandorobo von Balanga sind reine Massai, die sich der Jagd gewidmet haben. Sie sprechen nur Massai und erhalten gegenwärtig aus der Zahl der Viehzüchter starken Zuzug. Die Wandorobo von Sogonoi und Kinyarok, die bis Buiko streifen, nennen sich selbst Ngaramaníg und bilden einen Stamm für sich. Es sind vielfach untersetzte Leute mit oft thierisch hässlichen Gesichtszügen; doch trifft man auch noch reinen Hamitentypus. Alle sprechen Massai, besitzen jedoch eine Sprache für sich, von welcher ich trotz aller Mühe nur dürftige Proben bekommen konnte. Möglicherweise sind sie den Wanege der Wembere-Steppe verwandt und bilden ein Gemisch dieser mit Massai und Mbarawui (Wakuavi). Die Wandorobo von Serengeti sprechen wieder eine andere Sprache, von der ich Proben bekommen konnte, daneben aber auch Massai. Es sind hochgewachsene, schöne und kräftige Leute von oft reinem Hamitentypus. Sie stammen zweifellos von den Wataturu ab, die früher diese Gegenden bewohnten und haben vielleicht Blutmischungen mit Wanege und Massai erfahren. — Ausser diesen fand ich noch Wandorobo in Mutyek, die jedoch gegenwärtig derart mit Massai vermischt sind, dass es mir nicht möglich war festzustellen, welcher der drei Gruppen sie am nächsten stehen.
Bogen der Wandorobo.
Trotz ihrer Verschiedenheit weisen die Wandorobo in der Lebensweise viel gemeinsames auf, welches jedoch grösstentheils dem herrschenden Volk, den Massai, entlehnt ist. In Haarfrisur, Schmuck und Tracht gleichen sie völlig den Massai, nur pflegen die Ngaramaníg in den beiden vorderen, oberen Schneidezähnen je eine Einkerbung zu machen. Ihre Hütten haben ein Gerüst im Massai-Styl, sind jedoch mit Gras bedeckt. Als Waffen dienen ihnen vor Allem kräftige Bogen mit Zebrasehnen und meterlangen, vergifteten Rohrpfeilen, die sie in einem Lederköcher tragen. Der von v. Höhnel erwähnte Jagdspeer ist den Wandorobo, mit welchen ich in Berührung kam, gänzlich unbekannt; möglicherweise gehören die Wandorobo v. Höhnel's wieder einer anderen Gruppe an. In Serengeti tragen die Krieger — oder besser gesagt Jäger — auch Schwert und Keule nach Massai-Art, aber niemals Speer und Schild.
Die Ngaramaníg legen ihre Lager meist versteckt in dichtem Busch an und umgeben sie mit Dornzäunen. Die Serengeti-Leute dagegen lagern im offenem Land. Alle Wandorobo-Kraals sind widerlich schmutzig und bestreut mit faulendem Wild und Fellen. Ihre Nahrung liefert ihnen die Jagd, deren Erträgniss sie manchmal bei Ackerbauern gegen Feldfrüchte umtauschen, die sie keineswegs verschmähen. Doch darf der Wandorobo-Elmoran nur Wildfleisch und Rindfleisch mit Mokota essen. Letzteres essen sie sehr gern, ja die Serengeti machen öfter Einfälle nach Usukuma, um Vieh zu rauben, züchten dieses jedoch niemals, sondern schlachten es.
Als ich den Anführer der jungen Krieger in Serengeti fragte, warum sie denn von Viehzucht nichts wissen wollten, erzählte er mir das Folgende: Massai, Wandorobo und Elkonono sind Söhne eines Vaters. Der Massai nahm als Knabe einen Stock um Rinder zu hüten, der Ndorobo einen Bogen um auf die Jagd zu gehen und der Elkonono einen Stein um Eisen zu bearbeiten. So ist es seither geblieben.
Viele Wandorobo lebten in einer Art Abhängigkeit von den Massai und mussten ihnen das Elfenbein liefern, welches diese an die Küstenkarawanen verkauften. Niemals war dies bei denen von Serengeti der Fall, welche die Massai öfters schlugen und stets von ihnen gefürchtet wurden. Gegenwärtig geht es allen Wandorobo weit besser als den Massai und es hat sich das Verhältniss daher nahezu umgekehrt.
Das Pfeilgift wird aus einer Baumrinde von den Männern bereitet, wobei kein Weib zusehen darf. Die Ngaramaníg haben keinen Laibon, besuchen jedoch jene der Massai um Jagdzauber zu erhalten.
Die Wandorobo sind im Allgemeinen friedlich und gut geartet. Selbst die von Serengeti, die über bedeutende Macht verfügen, sind Fremden gegenüber stets freundlich. Sie sind vielleicht bildungsfähiger als die Massai, am Paregebirge und Panganifluss giebt es sogar sesshafte Ngaramaníg, welche Ackerbau treiben.
Als nahe Verwandte der Massai erscheinen sprachlich sowohl wie in ihrem Aeusseren die Wataturu, welche sich selbst Tatoga nennen. Vor einigen Jahrzehnten lebten sie noch ausschliesslich als Viehnomaden. Sie theilen sich in drei Stämme ein, die Brariga, Bayuta und Simityek. Die beiden ersten gelten als voll, die Simityek, von den Bantu »Wanonega« genannt, sprechen eine dialektisch verschiedene Sprache und gelten als Pariastamm, der sich vielfach von Jagd und Fischfang nährt. Alle drei Stämme bewohnten ursprünglich die Gegend Rotigenga, das Gamrit der Massai, die südöstlich von Ikoma (Elmarau) gelegen ist. Von dort wanderten die Bayuta nach Gurus, dem Mutyek der Massai, sowie weiter nach Süden bis zum Gurui-Berg aus, besassen besonders viele Lager und ungeheure Heerden im heutigen Ngorongoro und Mangati und durchstreiften die Steppen bis Ussandaui und Ugogo hin. Sie waren damals ebenso gefürchtete Viehräuber wie heute die Massai.
TAFEL XVIII
Meisenbach, Riffarth & Co. Berlin heliogr.
IRAKU-LEUTE WAFIOMI
Eine völlige Aenderung geschah durch den Einbruch der Massai, welche vor etwa 35 bis 40 Jahren zuerst auf das Plateau von Mutyek vordrangen und die Bayuta-Wataturu aus Ngorongoro verdrängten. Ein Theil derselben flüchtete sich nach Gamrit, die meisten jedoch zogen mit ihrem Häuptling Sagiro, der heute noch lebt, längs des Manyara südwärts. Aeltere Leute in Umbugwe erinnern sich noch genau daran, wie die Wataturu in ungeheueren Mengen mit Weib und Kind am linken Ufer des Kwou lagerten und von den Wambugwe Erlaubniss zur Ansiedlung erbaten. Da dieselben eine solche Masseneinwanderung nicht wünschten, wurde ihnen der Uebergang über den Kwou verweigert.
Viele schlossen sich nun ihren nomadisirenden Landsleuten am Gurui-Berg an, andere jedoch zogen mit Sagiro nach Unyambeïu in Unyamwesi und liessen sich dort nieder. Ihre Rinderheerden wuchsen wieder ungeheuer an, doch gerade dies wurde ihr Verderben, denn die Massai, die ihre Raubzüge immer weiter ausdehnten, drangen bis zu ihnen vor und beraubten nicht nur die Wataturu, sondern auch ihre Gastgeber, die Wanyamwesi. Letztere verweigerten daher den unbequemen Gästen die Erlaubniss, länger zu bleiben, und Sagiro zog, einer Einladung des Häuptlings Mtinginya folgend, nach Usongo. Doch bald bekam auch dieser Streit mit den übermüthigen Viehnomaden, und, da er selbst sich gegen sie zu schwach fühlte, rief er die Massai zur Hilfe. Zum letzten Male standen sich hier die stammverwandten erbitterten Feinde gegenüber, in blutiger Schlacht wurden Sagiro und die Seinen besiegt und alles Vieh von den Massai geraubt. Mit den wenigen Leuten, die ihm blieben, zog sich Sagiro erst nach Ntussu, dann nach Mbulu (Iraku) zurück, wo er heute noch lebt.
Nicht viel besser als den Bayuta erging es den Brariga von Gamrit. Auch diese wurden von den Massai verdrängt und verliessen das Land, das jetzt öde liegt, um am Victoria-Nyansa nördlich vom Speke-Golf zu nomadisiren. Doch auch dort blieben sie nicht ruhig, die Massai beraubten sie ihres Viehstandes und zersprengten sie gänzlich. Ihre spärlichen Ueberreste findet man auf der Insel Ukerewe, am Spekegolf, unter den Waschaschi von Ikoma, in Meatu und anderen Theilen von Usukuma.
Auch die Gurui-Wataturu wurden ihres Viehes beraubt und zu sesshafter Lebensweise gezwungen. Einige von ihnen wurden bis Ugogo versprengt.
Der einst mächtige, zahlreiche Stamm ist heute nur mehr eine Völkerruine, die Zahl der Wataturu beträgt nach roher Schätzung kaum 5000 Menschen. Nur in Mangati leben sie in geschlossenen Massen, sonst als Fremdlinge unter den Eingeborenen, haben es jedoch, wie in Iraku und Ufiomi, nicht selten zu einflussreicher, ja herrschender Stellung gebracht.
Im Körperbau gleichen die Wataturu sehr den Massai, ja der hamitische Typus tritt bei ihnen häufig reiner hervor. Sie sind alle schlank, langbeinig, mit zierlichen Körperformen und Extremitäten und haben vielfach sehr anziehende, an Nubier erinnernde Gesichtszüge. Viel plumper und negerhafter sind die Weiber. Die Hautfarbe ist sehr variabel, viele, sehr typische Wataturu sind schwarzbraun, andere, besonders die von Ukerewe, auffallend lichtfarbig. Man sieht unter ihnen ziemlich viele kränkliche Leute. Das bei den Massai beschriebene Hamitenhaar kommt bei ihnen häufig vor.
Auch geistig machen die Wataturu den Eindruck tiefen Verfalls; früher freilich sollen sie ein kühner, trotziger Stamm gewesen sein, jetzt sind sie völlig harmlos und friedlich. Einzig in Mangati soll sich noch manchmal der alte räuberische Sinn durch Uebergriffe gegen Küstenhändler geäussert haben. Nach der Niederlage der Wambugwe gaben sie diese jedoch auf und ich selbst fand bei ihnen überall freundliche Aufnahme.
Ihre Sprache gehört, wie gesagt, der nilotischen Gruppe an, ist jedoch vom Massai so verschieden, dass eine Verständigung gänzlich ausgeschlossen ist. Das reinste Tatoga wird in Mangati gesprochen, in Usukuma und Ukerewe ist es stark mit Bantu-Elementen versetzt. Sagiro's Leute sprechen ausser der Muttersprache alle Kinyamwesi. —
Wataturu-Mann aus Mangati.
Bei dem Uebergangsstadium, in dem die Wataturu sich jetzt noch befinden, ist es schwer, in ihrer Tracht das Ursprüngliche herauszufinden. Eine Haarfrisur kommt nur selten in Form eines Haarbüschels am Hinterhaupt vor. Die Krieger pflegen einige Straussfedern am Scheitel zu tragen. In die ausgedehnten Ohrlappen steckt man runde Holzscheiben. Die Kleidung besteht bei Männern aus einem Ueberwurf aus Leder, welcher öfters in der bei den Wafiomi üblichen Art durchlocht ist. Um die Hüften werden zahlreiche Bastschnüre geschlungen. Die Weiber tragen Lederkleidung, welche meist die Brust verhüllt. Als Schmuck dienen letzteren vielfach Glasperlen, Messing- und Eisenarmbänder. In dieser Tracht sieht man die Wataturu in Mangati. Die Leute Sagiro's (Abb. pag. 114), die durch den langen Aufenthalt in Unyamwesi überhaupt »civilisirter« sind, tragen meist Baumwollzeug, die Wataturu der Nyansaländer gleichen bezüglich Tracht völlig den umwohnenden Bantu-Stämmen. Die Beschneidung ist bei Männern und Weibern üblich, und zwar bei ersteren in Form gewöhnlicher Circumcision, nicht nach Massai-Art.
Früher wohnten die nomadischen Wataturu in ähnlichen Lagern wie die Massai, heute ahmen sie die Siedelungsformen der Stämme nach, deren Gebiete sie bewohnen. So hausen die Wataturu von Mangati und Iraku in Temben, die genau jenen der Wafiomi gleichen und theils oberirdisch theils unterirdisch angelegt sind. Jene in Usukuma und Ukerewe dagegen leben in Rundhütten. Die Mangati-Leute pflegen jedoch die Temben etwas höher zu bauen als die Wafiomi, eine Neigung, die jedenfalls Sangiro's Leute aus Unyamwesi mitgebracht haben. Die Temben selbst sind meist ziemlich gut gebaut, die Umgebung jedoch verwahrlost und schmutzig.
Es erscheint zweifellos, dass nicht nur der Simityek-Stamm, sondern alle Wataturu, selbst in der Blüthezeit des Volkes, ausser Viehzucht auch Jagd betrieben haben. Heute noch widmen sie sich derselben mit Eifer und Geschick und stellen dem Wild mit Bogen und langen, stark vergifteten Pfeilen nach, die sehr jenen der Wandorobo gleichen. Die Simityek trieben und treiben in ihren spärlichen Ueberresten heute noch Fischfang im Nyansa, auch die wenigen, die im Mangati-Gebiet leben, sollen im Kwou- und Maitsimba-See fischen.
Die Wataturu nannten früher ungeheure Rinderheerden ihr Eigen, heute beschränkt sich die Viehzucht auf Ziegen und Schafe, deren sie in Mangati recht viele besitzen, und wenige Rinder.
Im Ackerbau sind die Wataturu noch Anfänger, doch bauen sie in Mangati und Iraku mit Eifer Sorghum und Mais, während sie auf Ukerewe hauptsächlich von Pataten leben. Diese Kulturpflanzen liefern denn auch heute die Hauptnahrung, während sie früher aus Fleisch und Milch bestand. Besonders die Krieger durften früher nur Rindfleisch und Milch geniessen, ausserdem jedoch das Fleisch vom Büffel, Giraffe, Zebra, Gnu, der Swara-Antilope und ausnahmsweise auch das der auf Kiswahíli »povu« genannten Antilope. Wer jedoch das Fleisch der letzteren gegessen hatte, durfte am selben Tage keine Milch trinken. Das Fleisch aller anderen Thiere war streng verpönt. Das Aderlassen der Rinder mit dem charakteristischen Pfeil, war ebenfalls üblich und wurde das frische Blut wie bei den Massai getrunken und mit Milch zusammen gekocht. Das Kochen der Milch war überhaupt stets gebräuchlich. Ausserdem genossen die Krieger mit Vorliebe Kuhurin, dem sie ein Pflanzenmittel (Luidanda) sowie Kuhfett beimischten, worauf sie erbrachen und heftig abführten, jedoch Kriegsmuth bekamen. Tabak schnupfen und rauchen ist heute allgemein üblich.
Die Geräthe der Wataturu haben wenig Charakteristisches und sind meist den umwohnenden Stämmen nachgeahmt. Früher werden sie wohl — ähnlich wie die Massai — überhaupt nicht viele Geräthe besessen haben. Ihre Waffen bestehen aus Wurfspeeren, die jenen der Wambugwe gleichen, doch schlechter gearbeitet sind, aus einem Rundschild von Büffelhaut und aus den vorerwähnten Bogen mit vergifteten Pfeilen, die jedoch hauptsächlich zu Jagdzwecken dienen. Früher besassen sie breitklingige Speere, die jedoch nicht wie die der Massai eine übergreifende Zwinge, sondern einen eingelassenen Schaftdorn besassen. Sie waren an der Klinge hübsch ornamentirt und besassen reiche Schaftverzierung. Diese Speere findet man im Stamme selbst fast garnicht mehr, sondern nur noch bei den Wasukuma und Waschaschi als Paradewaffen. Sie wurden von einer Schmiedekaste, den Gidamudiga gefertigt, die eine ähnliche Stellung wie die Elkonono der Massai einnahmen, jedoch nicht verachtet wurden. Sagiro's Leute benutzten vielfach Vorderlader-Gewehre.
Von Handel kann bei den Wataturu kaum die Rede sein. Höchstens Sagiro's Leute befassen sich mit dem Verkauf von Elfenbein und Kleinvieh und die Mangati-Leute tauschen das Salz des Balangda-See an umwohnende Stämme gegen Kleinvieh um. Sie pflegen das Salz in halbkugelförmigen Klötzen in den Verkehr zu bringen.
Bei der Geburt eines Menschen wird meist eine Ziege geschlachtet und von den Verwandten gegessen. Die Beschneidung wird in früher Jugend vollzogen. Beim Reifwerden werden die Zähne nach Massai-Art hergerichtet, das heisst die vordersten oberen Schneidezähne vorgebogen, die entsprechenden unteren ausgebrochen. Doch kommt diese Sitte immer mehr ab. Eine Absonderung der jungen Leute fand niemals statt, dieselben hausten stets im Kraal der Eltern.
Alte Speerformen der Wataturu.
Will ein junger Mann heirathen, so bringt er dem Vater seiner Erwählten einen Honigtopf. Wird dieser angenommen, so kann die Hochzeit stattfinden, bei der keine besondere Zeremonie üblich ist. Früher bekam die Braut von ihrem Vater meist zwei Stiere und eine Milchkuh in die Ehe mit, dasselbe der Bräutigam von seinen Eltern. Jetzt erhalten sie meist Ziegen, auch pflegt man ihnen ein Tembe zu bauen. Vielweiberei ist üblich. Die Weiber verrichten nur häusliche Arbeiten, ausserdem errichteten sie früher die Lagerhütten und tragen jetzt beim Tembebau den Lehm auf. Die Sorge für Nahrungsbeschaffung, also gegenwärtig auch der Ackerbau, obliegt ausschliesslich den Männern. Im Gegensatz zu den meisten Bantu, wo die Hauptlast auf den Schultern der Weiber liegt, kann man diese in den Taturu-Dörfern meist bequem auf den Kehrichthaufen umherlungern sehen, während die Männer das Feld bestellen. Daher sind auch die Wataturu als Gatten bei den umwohnenden Stämmen sehr beliebt und Mischheirathen, besonders mit Wafiomi, kommen sehr häufig vor.
In Krankheiten pflegt der Zauberdoktor Brechmittel, Schröpfen (besonders am Scheitel) anzuwenden und den Kranken zu brennen. Todte werden in den Busch geworfen und nicht mehr beachtet, nur berühmte Zauberdoktoren werden begraben. In früherer Zeit wurde das Lager, in welchem Jemand starb, als unglückbringend verlassen.
Ein Geisterkultus ist nicht bekannt, wie bei den Massai herrscht der Glaube an einen Gott, mit welchem der Zauberer den Verkehr vermittelt. Dessen durch Vieh zu bezahlender Rath wird öfters eingeholt, auch giebt er sich mit Regenmachen ab. Die Würde des Zauberers ist erblich, die Häuptlinge, voran Sagiro, der von allen Wataturu als Oberhaupt anerkannt wird, sind nichts anderes als Oberpriester ohne direkten, politischen Einfluss. Die Gerichtsbarkeit wird von den Aeltesten ausgeübt. Bei Diebstahl bekommt der Bestohlene ein Rind, den übrigen Besitz des Diebes ziehen die Aeltesten ein. Mord wird stets durch Blutgeld gesühnt.
Kriege der Wataturu unter einander kommen vor; bei diesen sehen die Aeltesten ruhig zu und legen sich ins Mittel, sobald einige Leute gefallen sind. Aeusserst blutig waren jedoch die Kämpfe gegen die Massai, gegen welche sie grimmigen Hass hegen. Wer einen Massai getödtet, trägt Messingschmuck und zwei Messing-Halbmonde an der Stirn.
Sklaverei ist unbekannt, sie selbst jedoch litten mehrfach unter Sklavenjagden und Wataturu-Sklaven kommen vereinzelt in Unyamwesi und selbst an der Küste vor.
Eine Zukunft ist den Wataturu nicht zuzusprechen. Der Stamm hat zu wenig Widerstandskraft, um den grossen Sprung vom Viehnomaden zum Ackerbauer erfolgreich zu überstehen. Besonders die zahlreichen Heirathen mit anderen Stämmen werden das rasche Verschwinden der Wataturu herbeiführen. Für diese jedoch, vor allem für die Wambugwe, war und ist die Vermischung mit hamitischem Blut ein nützliches Ferment, welches sie über das Niveau anderer Bantustämme erhebt.
Wenn die Wataturu gewissermaassen den Uebergang vom Viehzüchter zum Ackerbauer darstellen, so gelangen wir mit den Wafiomi zu den reinen Ackerbauern. Unter Wafiomi werden hier jene zusammengehörigen Stämme verstanden, welche die Landschaften Ufiomi, Iraku, Uassi und Burunge bewohnen. Dieselben bilden sprachlich und ethnographisch ein Ganzes, obwohl sie durch die Verschiedenheit des Wohnortes manche Unterschiede aufweisen. So sind die Leute von Uassi und Burunge durch die umwohnenden Bantu, die Warangi, beeinflusst, während die Bewohner von Ufiomi und Iraku sich sehr ursprünglich erhalten haben.
Die Wafiomi sind jedenfalls alte, vielleicht mit den Wassandaui die ältesten Bewohner der abflusslosen Gebiete. Bei den meisten anderen Stämmen, bei den Massai, Wataturu, selbst bei den sesshaften Wambugwe haben sich dunkle Ueberlieferungen früherer Einwanderung erhalten. Bei den Wafiomi findet sich nichts ähnliches; sie behaupten, die Gebiete, die sie heute innehaben, seit jeher bewohnt zu haben. Einige meiner Leute, die früher nie in diesen Gegenden gewesen, konnten sich mit den Wafiomi nothdürftig verständigen, indem sie die Sprache redeten die in Lumbwa, Sotik und bis Nandi und Kamassia von den dortigen, wenig bekannten Eingeborenen gesprochen wird. Man könnte danach die Wafiomi als eine Aboriginer-Bevölkerung der Plateauländer westlich vom ostafrikanischen Graben betrachten.
Die Sprache der Wafiomi wird von keinem der umliegenden Stämme verstanden und gehört weder der Bantu noch der nilotischen Gruppe an. Sie ist nicht unschön und nähert sich in der Klangfarbe dem magyarischen. Die wenigen Proben, welche ich erlangen konnte, lassen sie als rein hamitisches Idiom erscheinen. Wahrscheinlich ist es einer der ältesten Zweige der interessanten hamitischen Gruppe und wäre näheres Studium wohl werth.
Die Wafiomi sind hager, mittelgross, von nicht unschönen Körperformen und feinen Extremitäten. Ihre Gesichtszüge sind vielfach scharf geschnitten, weniger typisch negerhaft als echt hamitisch. Einen besseren Begriff als jede Beschreibung werden die beigegebenen Abbildungen nach Photographien geben. (Tafel 18, 20, 21, Abb. pag. 117, 120 und Schlussvignette des Kapitels.) Bei den Schmutzmassen, welche den Körper der Wafiomi bedecken, ist deren Hautfarbe nicht leicht zu bestimmen, doch sind die Bewohner des Tieflandes meist dunkler als die der Gebirge, besonders die Leute im südlichen Iraku sind auffallend lichtfarbig. Hamitenhaare, ja fast glatter Haarwuchs kommt häufig vor. Sie scheinen eine sehr gesunde Rasse, Greise sind besonders in Iraku häufig. Sie pflegen die Haare lang wachsen zu lassen und dieselben in viele kleine Strähnen zu drehen. Da sie diese Frisur jedoch nur selten erneuern, so wallen ihnen meist Haarmassen um den Kopf, deren wüstes Aussehen durch einige am Scheitel angebrachte ruppige Federn noch erhöht wird. Beide Geschlechter sind beschnitten. Die beiden vorderen unteren Schneidezähne pflegen die Weiber auszubrechen, die Männer die oberen nach Massai-Art vorzubiegen.
In den Ohren tragen sie runde Holz- oder weisse Knochenscheiben, manchmal auch Messingspiralen, öfter braune dürre Blätter, um den Hals Glasperlen. Die Weiber tragen Eisen- und Lederringe an dem Unterarm.
Die Bekleidung besteht bei Männern aus einem Ueberwurf aus Leder, welches oft siebartig von feinen Löchern durchbohrt wird wodurch es förmlich »Lederspitzen« gleicht. Freilich gewinnt die Solidität nicht durch dieses Verfahren und gar manchem Mfiomi hängen seine Lederspitzen in Fetzen um den Leib. Die älteren Leute pflegen längere Mäntel zu tragen, die Weiber einen Lendenschurz, in kälteren Gegenden wohl auch einen Ueberwurf. Der Gesammteindruck der Wafiomi ist kein übermässig vortheilhafter, aber ein im hohen Grade origineller. Ein Mfiomi, der aus seiner Erdhöhle hervortretend, von Schmutz starrend, mit zerfetzter Bekleidung, wilden Haarmassen und scharfen, misstrauisch verzerrten Gesichtszügen den Fremden anstarrt, stellt den Idealtypus eines »Wilden« dar, wie man ihn nur selten findet.
Dem Aeusseren entspricht so ziemlich auch der Charakter. Mit Ausnahme der Irakuleute, von den Swahíli meist Wambulu genannt, die stets den Ruf der Gutmüthigkeit hatten, gelten alle Wafiomi als boshaft. Die Burunge-Leute haben die Araber von Irangi nach harten Kämpfen unterworfen. In Uassi wurde ich bei meinem Durchmarsch räuberisch angefallen, doch war eine Verständigung zu erzielen. Besonders gefürchtet waren stets die Bewohner von Ufiomi, dem Soïebus der Massai, die auch schon mehrmals Küstenkarawanen niedergemetzelt hatten, ja sogar einen Einfall der gefürchteten Ober-Aruschaner mit Glück abschlugen. Am Westufer des Maitsimba-Sees haben die Wataturu-Häuptlinge Sagiro's, vor allen Gwandu, einige Ordnung geschaffen. Auch am Ostufer fand ich übrigens scheue, doch freundliche Aufnahme, anscheinend hatten die Niederlagen der Wambugwe einerseits und der Wauassi andererseits ihre Wirkung nicht verfehlt.
Trotz ihres kriegerischen Sinnes konnten die Wafiomi doch niemals den Massai Widerstand leisten und verloren ihren Viehstand an dieselben.
Von besonderem Interesse sind die Wohnungen der Wafiomi, welche geeignet sind Licht auf die Entstehung des Tembebaues zu werfen. Es muss nämlich befremden, dass die sämmtlichen sesshaften Völker des abflusslosen Gebietes, mögen sie nun Bantu, Wafiomi oder Wassandaui sein, in Temben wohnen, während man sonst in Mittelafrika nur Rund- oder viereckige Hütten findet. Man hat angenommen, dass die Temben aus dem Typus des Massai-Lagers entstanden seien, indem man zu ständigeren Siedelungen statt des unregelmässig runden einen viereckigen Grundriss wählte.
Doch ist dieser Uebergang, welcher bei den Wakuavi in Usegua[17] am reinsten vertreten ist, vor Allem nur bei angesiedelten Viehnomaden denkbar, während die oben genannten Stämme stets Ackerbauer waren, ferner kann das Massai-Lager nur zur Entstehung des Hof-Tembe, niemals jedoch des völlig eingedeckten Tembe führen, von welchem jedes eine Familie beherbergt. Dieses muss eine andere Entstehungsgeschichte haben, zu welcher wir im südlichen Iraku die Erläuterung finden.
Dort sind nämlich heute noch drei Wohnungstypen im Gebrauch: Rundhütte mit cylindrischer Lehmwand und Blätterdach, geschlossenes Tembe und Erdstall. Bei flüchtiger Betrachtung könnte man annehmen, dass der Erdstall, dieses Urbild einer primitiven Siedelung, hier die ursprüngliche Form darstelle, und dass aus dieser sich Tembe und Rundhütte entwickelt haben. Thatsächlich ist der Gang jedoch ein umgekehrter. Ursprünglich bewohnte man die Rundhütte, bis feindliche Einfälle, besonders der Massai, das Blätterdach als zu feuergefährlich erscheinen liessen. Man gab der Hütte ein Lehmdach. Thatsächlich habe ich im südlichen Ikoma, wo der Umwandlungsprozess eben im Gange ist, Rundhütten mit flachem Lehmdach gesehen. Es ist jedoch begreiflich, dass diese Form sich nicht lange halten kann, die Auswahl ungleich langer Stangen für das Dach ist zu unbequem, als dass nicht bald der Gedanke auftauchen sollte, dem Unterbau statt einer cylindrischen eine viereckige Form zu geben — und der Tembe ist fertig. Doch auch dieser erscheint zu exponirt, man baut ihn immer niedriger, man tieft den Boden, wenn seine Beschaffenheit dazu günstig, immer mehr ein um gebückt stehen zu können; man macht schliesslich die Decke dem Erdboden gleich — und der Erdstall ist gegeben.
Wenn wir die verschiedenen Wohnungsformen der Wafiomi betrachten, so finden wir in Uassi und Burunge völlig den Warangi gleichende Temben mit Knüppelzäunen für das Vieh.
In Ufiomi sind die Temben (Abb. pag. 116) an der meist nach Westen gerichteten vorderen Seite ca. 1,50 m, an der Hinterseite aber nur 0,50 m hoch. Auch die Vorderseite ist in der Mitte höher als an den Seiten, so dass das rothe Lehmdach nach drei Seiten hin geneigt ist. An der Vorderseite befindet sich ein Vordach und durch eine breite Thür gelangt man in das Innere, in welchem der Boden meist so vertieft ist, dass man im Vordertheil des Raumes stehen kann. Dort befinden sich hohe, lehmverstrichene Vorrathskörbe, die auf Holzgestellen stehen. Im dunklen, hinteren Theil der Temben ist der Heerd, neben welchem der Eingang zu den merkwürdigen Zufluchtshöhlen sich befindet. Dieselben werden in den lehmigen Boden gegraben. In dem völlig dunkeln Temberaum a mündet ein vertikaler etwa 2 m tiefer Schacht, aus dessen Unterseite ein Gang leicht bergab führt in dem man auf Händen und Füssen kriechen muss. Nach etwa 20-30 m gelangt man in einen cylindrischen Raum b, der nach Tembeart gestützt ist. Dieser bildet die Sohle eines zweiten Brunnens, der im offenen Felde mündet und dessen Oeffnung mit einer Schicht Stroh und Erde bedeckt und nur für Kundige zu finden ist. Manchmal sind zwei Temben unterirdisch verbunden, manchmal führen aus dem cylindrischen Raum Gänge noch weiter, so dass ganz Ufiomi förmlich unterminirt ist. Diese Höhlen werden erst seit der Zeit der Massaieinfälle gegraben und waren früher unbekannt. Sie dienen im Kriegsfall als Zuflucht hauptsächlich für Weiber und Kleinvieh. Die zweite Oeffnung dient theils als Luftloch, theils um im Nothfall einen Ausweg zu eröffnen.
Schematischer Durchschnitt der Wafiomi-Erdhöhlen.
In Iraku finden sich, wie oben erwähnt, drei Arten von Wohnstätten. Die Rundhütten treten nur im Süden vereinzelt auf, wo das Land feindlichen Einfällen weniger ausgesetzt, überhaupt am ursprünglichsten ist. Sie besitzen lehmausgefüllte cylindrische Wände und Grasdach, einen niedrigen Unterraum und dunkeln Dachraum, in dem sich Stützen für das Dach, doch kein Mittelpfahl befindet. Der ganze Bau ist sehr nachlässig ausgeführt. Weit besser sind die Temben gebaut, die meist flaches Dach und ausgetieften Boden haben und deren Rückwand der Berghang bildet. Nicht selten findet man vollständige Keller, in den Lehmhang eingeschnittene Höhlungen, die innen mit Stangen gestützt werden und in die man durch ein Loch im Hang gelangt.
TAFEL XIX
Unterirdische Wohnstätten in Iraku.
Noch charakteristischer ist die Form, welche ich als »versunkenes Tembe« bezeichnen möchte. In den festen, rothen Lateritboden wird ein mindestens 3 m tiefes und 10 und mehr Meter im Quadrat haltendes, meist viereckiges, manchmal auch dreieckiges oder unregelmässiges Loch gegraben. Zum Eingang führt ein gebogener, schmaler Weg, der zwischen Lehmwänden eingeschnitten und nach aussen geneigt, zugleich den Regenmassen Abfluss gewährt. Das Loch wird mit einem gewöhnlichen Tembedach überdeckt, dessen rothe Fläche die einzige Spur einer menschlichen Wohnung ist. Das Innere ist recht geräumig, Menschen und Vieh hausen meist in einem Raum zusammen. Manchmal führt im Innern ein Gang als weitere Zuflucht in die Tiefe. —
Die Jagd wird von den Wafiomi mit Speeren und Fallen, seltener mit vergifteten Pfeilen betrieben. In den Urwäldern von Ober-Iraku und Meri pflegen die Eingeborenen 5-6 m tiefe cylindrische Gruben auszuheben, die meist zu drei angelegt und zum Fangen von Elephanten bestimmt sind. Dem Honig der Waldbienen stellen sie eifrig nach, Fischfang im recht fischreichen Maitsimba-See betreiben sie jedoch gar nicht.
Die Viehzucht hat durch die Massai-Einfälle sehr gelitten und beschränkt sich gegenwärtig, wo auch noch die Seuche tüchtig aufgeräumt, fast nur auf Kleinvieh. Nur in Iraku trifft man noch ziemlich viele Rinder.
Alle Wafiomi betreiben mit grossem Eifer Ackerbau, besonders in Iraku ist das Land mit Feldern bedeckt. In Uassi und Ufiomi baut man nur Sorghum, in Iraku daneben auch Mais, Eleusine, Penicillaria und vortreffliche Kürbisarten. Merkwürdig ist hier, wie bei allen Völkern des abflusslosen Gebietes, das Fehlen der Banane in Gegenden, die zum Anbau dieser Kulturpflanze wie geschaffen erscheinen. Der Grund liegt wohl hauptsächlich darin, dass die besiedelten Theile des abflusslosen Gebietes rings von Steppen oder doch unbewohnten Gebieten umschlossen sind. Durch diese konnten nur die leicht transportabeln Samenpflanzen, wie Sorghum, Mais, Eleusine, Penicillaria, Kürbisse gelangen, während Bananen, Maniok, süsse Kartoffeln und andere weit verbreitete, aber immerhin schwer zu befördernde Pflanzen nicht dahin kamen. Unerklärlich allerdings erscheint, warum die Hülsenfrüchte, deren Samen doch so leicht verbreitbar sind, gänzlich fehlen. —
Die oben genannten Kulturpflanzen liefern die Hauptnahrung der Wafiomi. Ausserdem essen sie auch das Fleisch aller Thiere mit Ausnahme von Fischen und Flusspferden, die als unrein gelten. Das Rauchen, Schnupfen und Kauen von Tabak ist bei beiden Geschlechtern üblich. Kochsalz wird aus Mangati bezogen. —
An originellen Geräthen besitzen die Wafiomi nur wenige. Eisensachen und Kalebassen werden meist aus Irangi bezogen, Körbe aus Gras selbst geflochten. Die Töpfe sind ziemlich schlecht, am Halse manchmal mit Zebrafell benäht. Zur Aufnahme der Milch dienen hölzerne Gefässe, die sich ähnlich auch in Ukerewe und am Ostufer des Victoria-See finden.
Als Waffen dienen Wurfspeere mit eingelassener Spitze und lederne Rundschilde, sowie zur Jagd Bogen und vergiftete Pfeile.
Topf der Wafiomi.
Milchgefäss der Wafiomi.
Der Verkehr mit der Aussenwelt beschränkt sich auf den mit den Wataturu und Wambugwe. Ueber Uassi gelangen die Industrieartikel aus Irangi nach Ufiomi und Iraku. Früher zogen Leute aus Irangi direkt nach Iraku, um Granaten, die dort häufig vorkommen und in Irangi als Ohrschmuck getragen werden, zu kaufen. Wasukuma und andere Wanyamwesi kommen behufs Vieh- und Elfenbeinhandel manchmal ins Land.
Die Sitten der Wafiomi sind eigenartig, wenn auch vielfach durch Bantugebräuche beeinflusst. Die Beschneidung und das Ausbrechen bezw. Vorbiegen der Zähne wird bei beiden Geschlechtern erst beim Reifwerden vorgenommen. Bei Mädchen findet dann ein besonderes Fest statt, bei welchem mit der nebenstehend abgebildeten Klapper gerasselt wird. Dann bleibt das Mädchen ein Jahr im Tembe in einem von den Männern gesonderten Raum. Sie darf keine Nahrung berühren und wird von anderen Weibern gefüttert und getränkt, auch darf sie ihr Haar nicht scheeren. Zur Nachtzeit jedoch verlässt sie das Tembe und tanzt mit jungen Männern.[18]
Klapper, Wafiomi.
Will ein junger Mann heirathen, so schickt er dem Vater der Auserwählten Pombe, dessen Annahme als Einwilligung gilt. Das Brautgeld besteht gewöhnlich aus drei Ziegen und einem Spaten; ist der Bräutigam jedoch arm, so braucht er nur Pombe und Honig zu bringen. Vielweiberei ist allgemein üblich. Die Geschlechter nehmen ihre Mahlzeiten getrennt ein. Die Arbeiten sind so ziemlich gleich auf Mann und Weib vertheilt, welch' letztere sich auch am Ackerbau betheiligen. Eine unbeliebte Frau wird dem Vater zurückgeschickt. Heirathet sie wieder, so gehört das erste Kind dem Manne der ersten Ehe, das zweite dem der zweiten, das dritte wieder dem der ersten Ehe u. s. w. bis zum achten Kind, worauf alle Kinder dem Manne aus zweiter Ehe gehören, ein höchst merkwürdiger und seltsamer Gebrauch. Die Wafiomi heirathen meist im Stamme, selten Wambugwe-Weiber, doch werden Wafiomi-Weiber oft von Wambugwe und Wataturu zur Ehe genommen.
Will jemand ein Haus bauen, so ist ihm die ganze Nachbarschaft dabei behilflich, die Männer errichten das Holzwerk und tragen die Graslagen auf, die Weiber schütten den Lehm auf's Dach.
Eine grosse Rolle spielt der Zauberdoktor, der »Regen macht« und bei Krankheiten Amulettzauber, seltener Pflanzenmedizin anwendet. Schneidet sich jemand zufällig, so gilt dies als sehr böses Zeichen und es wird sofort ein Schaf erwürgt und der Betreffende mit dem Mageninhalt bespritzt, was überhaupt als Friedenszauber gilt.
Man glaubt an natürlichen Tod und Tod durch Zauberei, doch hat letzterer nichts im Gefolge. Ein Verstorbener wird in Ufiomi kauernd mit Fell und Ledersandalen vor dem Tembe beerdigt. In Iraku, wo ich, um Schädel zu sammeln, mehrmals Gräber öffnete, waren dieselben ebenfalls stets vor den Temben und bestanden aus 2 m tiefen Schächten, von deren Sohle ein Seitenschacht ausging, in welchem der Todte auf einem Brett stets mit Lederzeug und Sandalen bestattet war.
Den Geistern der Verstorbenen bringt man Todtenopfer von Pombe; auch werden ihnen zu Ehren Tänze aufgeführt, bei welchen eine kleine gestielte Trommel gerührt wird, die ganz jener der Wapare gleicht. Ein Gottesbegriff ist vorhanden, Gebete sind jedoch nicht gebräuchlich.
Die Bewohner benachbarter Distrikte führen keine Kriege untereinander, sondern prügeln sich nur mit ihren langen Stöcken. Den Krieg nach Aussen beschliesst der Zauberdoktor, der auch Anführer desselben ist. Der Kampf besteht in Gefechten auf freiem Felde, selbst im Siegesfall dringen die Kämpfer nicht in Feindesland ein. Männliche Kriegsgefangene werden nicht getödtet, sondern zur Auslösung aufbewahrt, laufen jedoch meist davon. Die Wafiomi halten keine Sklaven, wurden jedoch mehrmals von den Ober-Aruschanern (zuletzt 1891) behufs Sklavenraub angefallen und es sollen sich in Ober-Aruscha Wafiomi-Sklaven befinden.
In Streitfällen entscheiden die Aeltesten. Diebstahl im eigenen Land ist unerhört und sehr schimpflich, Fremde zu bestehlen gilt als ehrenvoll. Mord wird durch Blutgeld gesühnt, nur wenn letzteres nicht geleistet wird tritt Blutrache ein. Ausständige Schulden tilgt der Gläubiger durch selbstständige Pfändung. Grund und Boden gilt niemals als Besitz, nur die darauf stehenden Feldfrüchte sind Eigenthum, das vom Nachbarfeld abgegrenzt wird. Daher kann Jeder unbeackertes, wenn auch früher bebaut gewesenes Land bestellen und erhält dadurch Recht auf die Ernte. Ebenso kann Vieh überall weiden.
Sternschnuppen gelten als böses Zeichen, der Mond und die Jahreszeiten geben die Zeiteintheilung.
Das Gesammtbild der Wafiomi ist das eines noch völlig unberührten, im Grunde gut gearteten Naturvolkes. Bei den traurigen Erfahrungen, die sie von ihren Nachbarn, besonders den Massai gemacht, ist es nicht verwunderlich, dass sie bisher allen Fremden feindlich gegenüber standen, doch wird es zweifellos gelingen, sie in dieser Hinsicht zugänglicher zu machen. Wurde mir als erstem Weissen in dem berüchtigten Ufiomi doch wenigstens kein feindlicher, in Iraku sogar ein harmlos freundlicher Empfang zu theil. Sobald die Wafiomi vor feindlichen Einfällen gesichert und nicht mehr gezwungen sind, sich gleich wilden Thieren in Erdhöhlen zu verbergen, werden sie sicher ihre Eigenschaften als treffliche Ackerbauer noch weiter entfalten und zur Besiedelung der herrlichen noch unbewohnten Plateauländer beitragen. Ob sie freilich zu einer höheren Kulturmission geeignet erscheinen, ist bei dem konservativen Sinn und der völligen, bis zur Verwahrlosung getriebenen Bedürfnisslosigkeit dieses Volkes fraglich. Auch ist es nicht wahrscheinlich, dass sie einem stärkeren Eindringen des Bantu-Elementes widerstehen werden.
Vorläufig nehmen die Bantuvölker, jener Hauptstamm Mittel-Afrika's, im abflusslosen Gebiet noch keinen grossen Raum ein. Das bedeutendste Volk sind jedenfalls die Wagogo, die schon von mehreren Reisenden beschrieben worden sind und auf die ich schon deshalb nicht näher eingehe, weil ich nur wenige Vertreter dieses Stammes kennen gelernt. Die Wanyamwesi dagegen, deren Wohngebiet besonders in den Zweigstamm der Wakimbu ins abflusslose Gebiet übergreift, und die viele Ansiedelungen in demselben besitzen, sollen an anderer Stelle Erwähnung finden. Wir wenden uns daher gleich den nördlich, in direkter Nachbarschaft der Wafiomi lebenden Warangi und Wambugwe zu.
Die Stämme der Wambugwe und Warangi gehören, obwohl räumlich ziemlich getrennt lebend, doch einer Gruppe an, ja sie bilden thatsächlich nur einen Stamm. Da jedoch die Warangi durch ihren starken Verkehr mit Fremden, sei es Küstenleuten, sei es Wagogo und Wanyamwesi, viel von ihrer Ursprünglichkeit verloren haben, so wird nachfolgend hauptsächlich von den Wambugwe die Rede sein.
Die Wambugwe bewohnen ein sehr beschränktes Gebiet. Ihre Wohnstätten, die Temben, sind in der baumlosen Salzebene am Südende des Manyara-See verstreut, welche, eine alte Fortsetzung des Sees bildend, zur Regenzeit theilweise mit Salzwasser überschwemmt ist und nur stellenweise spärlichen Graswuchs gedeihen lässt. Die Felder liegen südlich und östlich von dieser Ebene in fruchtbarerem Gebiet. Die Warangi hausen in den hügelartigen Landschaften, welche sich bei der Araber-Niederlassung Kondoa (Irangi) ausdehnen, sowie nordöstlich davon in Tandala. Die ebenfalls zu Irangi gehörigen Distrikte Uassi und Burunge haben keine Warangi- sondern Wafiomi-Bevölkerung.
Ihre Abkunft leiten die Wambugwe von Irangi, also aus dem Süden her; doch ist es zweifellos, dass ihre Einwanderung schon vor vielen Generationen erfolgte. Ihrer Sprache nach sind die Wambugwe ein Bantu-Volk und gehören möglicherweise mit den Wagogo einer Gruppe an. Doch scheint es sicher, dass sie viele fremde Elemente, vor allem Wataturu und Wafiomi, in sich aufgenommen haben. Immerhin weist der Stamm, wie er sich uns heute darstellt, physisch ein ziemlich einheitliches Gepräge auf.
Die Wambugwe sind mittelgrosse schlanke und kräftige Leute von oft tadellosen Körperformen. Die Gesichtszüge bilden ein Mittelding zwischen hamitischen und reinem Negertypus; der nebenstehend abgebildete Häuptling Mbi zeigt dieselben in besonders charakteristischer Weise. Die Hautfarbe hat vorherrschend chokoladebraune, rothbraune bis gelbliche Töne, besonders unter den Weibern trifft man hellfarbige, ungemein zierliche Gestalten. Die Haltung ist eine freie und stolze, der Gesichtsausdruck intelligent.
Wambugwe-Häuptling Mbi.
Diesem Aeusseren entspricht auch der Charakter, der den Mbugwe vor allem zum Krieger stempelt. Von drei Seiten von ungeheuren Steppenländern, auf der vierten vom Steilabfall des Plateaus begrenzt, ist das Umbugwe-Ländchen von allen Seiten den Einfällen feindlicher Stämme, vor allen der Massai und Ober-Aruschaner ausgesetzt. Während die umwohnenden Stämme, wie die Wataturu und Wafiomi unter diesen Einfällen schwer litten und ihr ganzes Vieh an die Massai verloren, wussten die Wambugwe trotz der ungünstigen, völlig offenen Lage ihres Ländchens sich doch alle Feinde vom Halse zu halten und ihre kostbarste Habe, ihr Rindvieh, zu vertheidigen. So verächtlich der Massai auch über die meisten »Mangati« (Ackerbauer-Feinde) denkt, den Ltoroto, wie er die Wambugwe nennt, kann er seine Achtung nicht versagen. Denn gar oft haben die wilden Viehräuber der Steppe sich blutige Köpfe in Umbugwe geholt, ja mehrmals kehrten die Wambugwe den Spiess um, sie fielen ihrerseits im Massailande ein, erstürmten die Kraals am Donyo Kissale und trieben das Vieh weg.
Die Erfahrungen, welche sie seit jeher gemacht, mussten dazu beitragen, die Wambugwe misstrauisch gegen alles Fremde zu machen. Mehrmals wurden Handelskarawanen von der Küste, die in völlig harmloser Absicht kamen, von ihnen überfallen, ausgeraubt und fast vollständig aufgerieben, so dass jahrelang sich Niemand als die unerschrockenen Elephantenjäger nach Umbugwe wagte. Auch diese schwebten fortwährend in Lebensgefahr und waren allerlei Uebergriffen von Seiten der Eingeborenen ausgesetzt.
Auch mir, dem ersten Europäer den sie sahen, wollten die Wambugwe in gleicher Weise begegnen, doch bekam ihnen dies schlecht: zum ersten Mal empfingen die nie Besiegten eine empfindliche Niederlage. Doch gerade ihr Verhalten nach derselben zeigt von dem klaren Verstand der Wambugwe. Während andere Stämme, wenn ihr Angriff abgeschlagen ist, sich meist in alle Winde verlieren, gänzlich unerreichbar sind und den nächsten Europäer der durch ihr Gebiet kommt wieder anfallen, erkannten die Wambugwe sofort, dass sie einer überlegenen Macht gegenüberstanden. Es kam zu einer Verständigung und die Schonung der Verwundeten und Auslieferung der Kriegsgefangenen meinerseits trug nicht wenig zur Befestigung der neuen Freundschaft bei. Fast ein Jahr später fand ich die Wambugwe gänzlich umgewandelt als friedliche, zugängliche Leute und Küstenkarawanen sowohl wie andere Reisende, die nach mir das Land besuchten, fanden die beste Aufnahme.
Wenn wir das Aeussere der Wambugwe betrachten, so finden wir, dass dieselben sich von der Alles überfluthenden Massai-Mode ziemlich unabhängig gehalten haben (Abb. Taf. 4 und pag. 22). Die Stammesmarke bei Männern und Weibern besteht aus einem von der Nasenwurzel über die Wangen verlaufenden Schnitt. Das Haupthaar tragen sie entweder abrasirt oder sorgfältig in ganz kleine Zöpfchen geflochten. Kleine Holzstücke oder einige Glasperlen dienen als Schmuck der Ohren. Die jungen Männer pflegen auf Reisen und auf der Jagd nackt zu gehen, sonst besteht die Kleidung aus einem Lendenschurz oder Mantel von ungemein weich und biegsam gegerbtem Leder, welches mit Glasperlen verziert und gelb, braun oder roth gefärbt wird. Zeug wird, seit das Land erschlossen ist, immer mehr getragen. Die Weiber bekleiden sich mit einem Lendenschurz aus Leder. An den Beinen werden häufig Eisendraht und Glasperlen getragen, an den Füssen schöne mit Glasperlen verzierte Ledersandalen. Die Beschneidung ist üblich. Als Kriegsschmuck tragen die jungen Leute häufig einen Büschel Federn in den Haaren.
Die Wohnungen der Wambugwe (Abb. pag. 18) bestehen aus quadratischen, nach den Weltgegenden orientirten Temben, die in Entfernungen von 30-40 m von einander in der Ebene verstreut sind. Dieselben sind ungleich gross und haben von 6-50 m im Geviert, dienen jedoch selten mehr als einer Familie zum Aufenthalt. Trotz ihrer oft bedeutenden Ausdehnung sind die Temben nur brusthoch. Die Seitenwände bestehen aus Stangen mit Lehmverkleidung, das flache Dach, welches das ganze Tembe bedeckt, besitzt eine Unterlage von Stangen aus dem festen Kernholz der Dumpalmen, auf welchen eine Schicht quergelegter Sorghumstengel und die Lehmauflage folgt. In der Mitte der Dachfläche wird manchmal eine Stange als Zierrath aufgestellt. Die grösseren, besonders die Häuptlingstemben haben an der (westlichen) Vorderseite ein 1½ m, an den übrigen ½ m breites Vordach. Der Innenraum dient als Aufenthalt für Menschen und Vieh. Die kleineren Temben bestehen aus einem einzigen Raume mit vielen Dachstützen und höchstens einer Einzäunung für das Vieh, die grösseren aus mehreren, durch Wände getrennten Wohnstätten. Bei ihrer Niedrigkeit, der darin herrschenden absoluten Dunkelheit und den unzähligen Stangen und Verschlagwänden sowie dem Stalldunst, bieten die Temben gerade keinen behaglichen Aufenthalt, um so weniger als es darin von kleinen Zecken, den sogenannten Papassi, wimmelt.
Die Warangi haben dieselben, doch weniger gut gebauten Temben, dieselben liegen jedoch nicht einzeln, sondern zu drei oder vier, einen kleinen Hof umschliessend, der gegen Aussen durch einen Knüppelzaun abgesperrt ist.
Die Jagd spielt bei den Wambugwe eine ziemlich grosse Rolle und wird mit dem Wurfspeer, seltener mit Bogen und Pfeil ausgeübt. Fischfang wird nur zu Zeiten grosser Hungersnoth im Kwoufluss betrieben.
Weit wichtiger ist die Viehzucht, die allerdings durch die Seuche stark gelitten hat, immerhin aber noch recht bedeutend ist. Das Mbugwe-Rind ist ein echtes Zebu mit starkem Höcker, kräftiger, untersetzter Gestalt und meist kurzen Hörnern. Es ist verschieden, braun, schwarz und grau gefärbt, auch Blässen sind nicht selten. Wie bei den meisten afrikanischen Rindern, ist der Milchertrag ein geringer, ein Liter täglich gilt schon als ganz gute Leistung. Die Rinder grasen durchweg in der Salzebene um die Temben herum und verlassen deren Umkreis niemals. Obwohl sie anscheinend nur spärliche Weide finden, gedeihen sie doch vortrefflich und sind von seltener Ausdauer und Zähigkeit. Ich hatte Umbugwe-Rinder während meiner ganzen Reise mit und dieselben vertrugen das kalte Plateauklima ebensogut wie Hitze und Wassermangel in der Steppe, ja selbst die starken Märsche ermüdeten sie keineswegs. Die Wambugwe pflegen ihre Rinder durch Einschnitte in die Ohren zu bezeichnen.
Unter den Rindern treiben sich in der weiten Ebene des Dorfgebietes zahlreiche, halbwilde Esel herum. Dieselben sind kräftig gebaut, haben eine glänzend silbergraue Farbe und sehr oft leichte Streifung an den Beinen, erinnern also lebhaft an den wilden Esel der Somali-Länder. Sie werden nur zum Herbeitragen von Feuerholz, das sehr weit hergeholt werden muss, benutzt, laufen aber meist frei umher. Auch die Esel fand ich, sobald sie gezähmt sind, was rasch gelingt, sehr ausdauernd. An Kleinvieh werden viele Ziegen und Schafe, an Geflügel Hühner gehalten. Hunde und auffallend viele Katzen sind überall zu finden.
Der Ackerbau wird nicht im Tembegebiet getrieben, weil dasselbe in der Regenzeit oft von Lachen überschwemmt ist und auch als Viehweide dient. Dadurch wird den Wambugwe das Leben ziemlich sauer gemacht. Wenn sie Trinkwasser oft eine Stunde weit holen müssen, so werden Feldfrüchte mehrere, Brennholz oft sogar viele Stunden weit hergeholt. Die Aecker liegen südlich und östlich vom Tembegebiet und sind gut gehalten. Angebaut wird fast nur Sorghum weisser und rother Varietät, letzterer ausschliesslich zur Bier-(Pombe)-Bereitung, sowie Tabak. Trotz des anscheinend wenig fruchtbaren Bodens ist das Erträgniss doch ein ungemein reiches, wie man an den kolossalen Getreidevorräthen sehen kann, welche die Wambugwe in meterhohen und ebenso breiten, cylindrischen Strohkörben in ihren Hütten aufspeichern.
Tembe der Warangi.
Die Hauptnahrung ist der Sorghumbrei. Um diesen herzustellen, wird der Sorghum am Dach des Tembe aufgebreitet, hierauf meist unenthülst zwischen Mahlsteinen zerrieben. Nicht selten mischt man dem Mehl Salz vom Balangda-See (Mangati) bei, manchmal sogar das scharfe, für Nicht-Wambugwe gänzlich ungeniessbare Salz des Manyara. Das Fleisch aller Thiere wird genossen, nur Fisch, Nashorn und Elephant gelten als unrein und werden nur während einer Hungersnoth verzehrt. Betreffs des Zusammenessens von Männern und Weibern bestehen keine bestimmten Vorschriften. Hirsebier (Pombe) wird in sehr grossen Mengen hergestellt, in mächtigen Töpfen gähren gelassen und dann getrunken. Tabak wird besonders von Männern geraucht, geschnupft und gekaut, in letzterem Falle wird ihm das scharfe Salz des Manyara beigemengt.
TAFEL XX
Meisenbach, Riffarth & Co. Berlin heliogr.
HIRT AUS UFIOMI
Die Geräthe der Wambugwe zeichnen sich vielfach durch Zierlichkeit aus. Dem Ackerbau dient eine breitklingige Hacke, die, wie alle Eisengeräthe, aus Irangi-Eisen gefertigt, ja oft direkt von dort importirt wird, da die Warangi-Schmiede mit Recht als geschickt gelten. Ausser den grossen, früher erwähnten Vorrathskörben, dienen als Gefässe kleine Körbe und Kalebassen, die vielfach aus Irangi importirt und mit hübschen schwarzen Ornamenten versehen sind. Die netten Töpfe und Krüge werden von eigenen Handwerkern gefertigt und gehören nicht der Hausindustrie an. Erwähnung verdient das Gerben der Rindshäute, zu welchem Behufe die Haut getrocknet, mit einem besonderen Beil abgekratzt und mit Fett und Kuhmist eingerieben wird. Sie wird dann einen Tag ausgebreitet, mit menschlichem Urin begossen, dann geknetet und zwei Tage in Urin gelagert. Hierauf wird sie nochmals ausgebreitet, getrocknet und abgerieben. Durch dieses Verfahren bekommt die Haut eine erstaunliche, sammetartige Weiche. Wünscht man das Leder zu färben, so wird die betreffende Pflanzenfarbe dem Urin beigemischt.
Hacke der Wambugwe.
Die Waffen der Wambugwe bestehen aus Speer, Schild, Bogen, Pfeil und Schleuder. Schwerter scheinen vollkommen unbekannt. Der Speer ist ein echter Wurfspeer mit ziemlich breiter Klinge, eingelassenem Schaftdorn, lederbenähtem Hals und mit Eisen umwundenem Schaftende. Jeder Krieger trägt zwei bis vier Speere in der Rechten. In der Linken führt er den spitzovalen Schild, welcher aus Büffelhaut gefertigt, mit kleinen vorgetriebenen Buckeln versehen ist und an der Hinterseite einen Längsstock besitzt, (Abb. Tafel 4). Bogen und Pfeile sind leicht und dienen nur alten Leuten und Kindern als Waffen und Jagdgeräth. Als solches für kleines Wild dient auch die interessante Steinschleuder, ein Geräth, das man sehr selten in Mittelafrika findet. (Abb. pag. 186.) Dieselbe wird auch zum Verjagen der Vögel aus den Feldern gebraucht. Im Gebrauch der Waffen, besonders im Werfen der Speere besitzen die Wambugwe bedeutende Geschicklichkeit.
Kalebassen-Ornamente der Wambugwe.
Die Speere der Warangi sind zierlicher, doch weniger kräftig, ihre Schilde meist kreisrund mit Mittelbuckel.
Von einem Handel konnte in Umbugwe kaum die Rede sein, bevor das Erscheinen meiner Expedition eine neue Aera für das Land eröffnete. Küstenkarawanen wagten sich, wie gesagt, nicht ins Land, und selbst Wasukuma kamen nur selten dahin. Der Verkehr mit der Aussenwelt beschränkte sich auf das Eintauschen von Irangi-Eisen und Mangati-Salz gegen Vieh; selten unternahmen die Wambugwe einen Zug nach Meatu, um Irangi-Hacken gegen Häute zu vertauschen. Das wenige, was sie an Glasperlen und Zeug benöthigten, erhielten sie durch die Warangi, die stets ungehindert im Lande verkehrten, seltener durch Wagogo der nördlichen Distrikte, die manchmal bis Umbugwe vordringen.
Gegenwärtig freilich durchziehen häufig Europäer- und Swahíli-Karawanen das Land und eine vollständige Umwandlung aller Lebensverhältnisse ist im Gange.
Ueber das merkwürdige innere Leben dieses Stammes konnte ich verhältnissmässig viel erfahren, da ich während meines zweiten Aufenthaltes mit den Eingeborenen sehr freundschaftlich verkehrte und vorzügliche Dolmetscher besass.
Die erste Erfahrung, welche der neugeborene Mbugwe an seinen Landsleuten macht, ist keine angenehme. Es werden ihm nämlich mit einem scharfen Messer zwei Schnitte über das Gesicht — die Stammesmarke — gezogen. Alle Wambugwe ohne Ausnahme tragen diese; sieht man Jemand ohne die charakteristischen Schnitte, so ist er entweder ein Fremder oder er wurde von seiner Mutter nach Empfang besonderer Medizin, die durch den Zauberdoktor verabreicht wird, geboren.
Speer der Warangi.
Steinschleuder der Wambugwe.
Die Namengebung erfolgt in der Kindheit durch Verwandte und gilt fürs Leben. Nur wenn ein Kind krank wird, nimmt der Zauberdoktor öfter an, dass ein verstorbener Verwandter (besonders der Vater) etwas gegen dasselbe habe. Dann giesst man dem Todten Pombe aufs Grab und das Kind nimmt dessen Namen als zweiten an. Die Beschneidung wird von kundigen Personen bei Männern und Weibern in der Jugend vollzogen; dabei findet ein Trinkgelage statt. Das Reifwerden der Mädchen giebt zu keinen Gebräuchen Anlass.
Sehr merkwürdig, ja unter Mittelafrikanern fast vereinzelt ist das grundsätzliche Fehlen der Vielweiberei. Selbst Häuptlinge haben nur eine Frau, und als Kutadu, der kein Mbugwe, sondern ein Mtaturu ist, dennoch eine zweite nahm, erregte dies allgemeines Aergerniss. Die Brautwerbung geschieht durch Uebersendung eines Rindes an den Vater, wird dieses angenommen, so wird die Hochzeit durch Tanz und Pombegenuss gefeiert. Einen weiteren Brautpreis hat der Bräutigam nicht zu zahlen, ja, es ist üblich, dass der Vater der Tochter Rinder in die Ehe mitgiebt. Tritt Scheidung ein, so muss der Gatte diese dem Schwiegervater zurückgeben, dann können beide Theile wieder heirathen. Der Verführer eines Mädchens muss dem Vater, der einer Frau dem Gatten das etwa geborene Kind überlassen, weitere Streitigkeiten entstehen deshalb nicht.
Heirathen mit Weibern fremder Stämme, wie Wafiomi, Wataturu und besonders Warangi sind nicht selten und tragen dazu bei, den Wambugwe hamitisches Blut zuzuführen. Kindsmord soll niemals vorkommen.
Bei Krankheiten wird der Zauberdoktor gerufen, der Pflanzenmedizin, gewöhnlich Brechmittel eingiebt. In schweren Fällen nennt er die Person, die den Kranken bezaubert hat und die stets gleichen Geschlechts mit diesem ist. Dann pflegen die Verwandten dem Häuptling ein oder mehrere Rinder zu bringen und in nächtlicher Berathung beschliesst dieser mit den Stammesältesten den Zauberer zu tödten. Dieser wird dann meuchlings niedergemacht.
Beim Tode eines Menschen wird der Rath des Zauberdoktors nicht eingeholt. Man schlachtet eine Ziege und reibt mit deren Fett die Augen des Verstorbenen ein, damit sein Geist die neugeborenen Kinder nicht sehe und ihnen durch bösen Blick schade. Hierauf wird die Leiche, wenn ein Mann, auf dem rechten, wenn eine Frau, auf dem linken Arm liegend im Tembe begraben. Nur wer durch eine Speerwunde stirbt wird draussen beerdigt. Beim Leichenschmaus wird der erste Pombeschluck aufs Grab gespien. Dann wird das Tembe ruhig weiter bewohnt.
Erscheint ein Todter im Traume, so wird der Zauberdoktor befragt, der dann meist die Opferung eines schwarzen Stieres fordert, dessen Nabel im Grabe verscharrt wird. —
Wie aus dem Obigem hervorgeht, spielt auch bei den Wambugwe, wie bei allen Bantu der Ahnenkult die erste Rolle. So werden auch Löwe und Elephant als Geister längst Verstorbener angesehen. Ein eigentlicher Gottesbegriff scheint jedoch zu fehlen.
Die Sklaverei ist in Umbugwe unbekannt, ihr kriegerischer Sinn schützt die Wambugwe auch vor Sklavenjagden, welche die Ober-Aruschaner nach diesen Gegenden zu unternehmen pflegen.
Die ursprüngliche Regierungsform ist zweifellos die Familien-Republik, wie sie heute noch im Distrikt Wabwa besteht. Die ungeheure Macht der Zauberdoktoren, sowie die Erblichkeit dieser Würde, liessen dieselben jedoch rasch zu kleinen Herrschern, Häuptlingen, heranwachsen. Von den drei in Umbugwe lebenden Häuptlingen ist nur Mbi ein echter Mbugwe, Mtakayko hat Wataturublut und Kutadu ist ein reiner Mtaturu. Die beiden Letzteren sind die mächtigsten und als Zauberer sehr gefürchtet, ihr reicher Viehbesitz stammt fast nur von Geschenken her, die sie in dieser Eigenschaft bekamen.
Zu ihren Künsten gehört vor Allem das Regenmachen. Dazu nimmt der Zauberer bei hellem Sonnenschein ein schwarzes Kalb und ein schwarzes Schaf, hebt sie auf das Tembedach, schlitzt ihnen den Bauch auf und spritzt den Mageninhalt nach allen Richtungen. Dann giesst er Wasser und Medizin in ein Gefäss; ist der Zauber gelungen, so kocht das Wasser auf und Regen erfolgt. Um Regen zu hindern zieht sich der Zauberer in das Innere des Temberaumes zurück und erhitzt einen Bergkrystall[19] in einer Kalebasse.
Die Macht des Häuptlings ist sehr durch die Aeltesten beschränkt, die in allen wichtigen Angelegenheiten mitzusprechen haben. Zu seinen Vorrechten gehört, dass er die Erlaubniss zum Ernteschnitt giebt; am ersten Tage wird dann auf seinen Feldern geschnitten.
Die Kriege der Wambugwe untereinander sind wenig blutig. Ziegen und Rinder werden dabei niemals fortgetrieben, als Beute gelten nur Hausgeräth und Hühner. Ganz anders freilich wissen sie sich gegen auswärtige Feinde zu vertheidigen. Als mächtiger Kriegszauber wird ein Angehöriger des feindlichen Distriktes abgefangen, getödtet, seine Haut abgezogen und an Armen und Brust getragen. Als Friedenszeichen überreichen die Wambugwe etwas Gras, das sie nach Massaiart vorher bespeien. Ihr gewöhnlicher Gruss ist »Tálala«.
Mord wird durch Blutrache gesühnt. Von Diebstählen werden nur die grösseren dem Häuptling angezeigt. Dieser verbannt dann den Dieb und zieht dessen Eigenthum ein, wobei die Aeltesten etwas, der Bestohlene aber nichts abbekommt. Grundbesitz ist bekannt, das urbar gemachte Land gilt endgiltig als erworben.
Sonne und Mond betrachten die Wambugwe als Brüder, die Sterne als Menschen, deren einer stirbt, wenn eine Sternschnuppe fällt.
Wenn wir das Gesammtbild der Wambugwe betrachten, so finden wir einen körperlich und geistig gesunden, völlig urwüchsigen Stamm, der nach jahrhundertelanger Abgeschlossenheit nun plötzlich mit der Aussenwelt in regen Verkehr tritt. Es ist zweifellos, dass die Veränderungen, welche dessen Lebensgewohnheiten schon in den nächsten Jahren erleiden müssen äusserst tiefgehende sein werden. Mir jedoch, der ich als erster Weisser die Wambugwe in voller Ursprünglichkeit gesehen, der ich ihnen — hoffentlich als letzter Europäer — in blutigem Kampfe gegenüberstand und sie dann aber auch als Freunde kennen lernte; mir scheint es fast sicher, dass dieser Stamm bei kräftiger und doch maassvoller Behandlung zu einem der wichtigsten Kulturelemente Deutsch-Ostafrika's heranzubilden wäre. —
Die Plateaulandschaften südwestlich vom Gurui-Berg, bis gegen Ugogo hin, bewohnt ein anderer Bantu-Stamm, die Wanyaturu, d. i. Leute von Turu. Dieselben leiten ihre Abkunft vom Gurui-Berg her, sind aber jedenfalls schon sehr alte Ansiedler. In vieler Hinsicht weisen sie Aehnlichkeit mit den Waschaschi im östlichen Nyansa-Gebiet, besonders aber mit deren ursprünglichsten Vertretern, den Wakara von Ukara auf. Jedenfalls gehören die Wanyaturu zu den tiefststehenden Bewohnern des abflusslosen Gebietes, was besonders auffällt, wenn man aus dem Innern, aus Unyamwesi kommt, wo die Kulturstufe eine ungleich höhere ist.
Die Wanyaturu sind kräftige, hochgewachsene Leute, ziemlich dunkelfarbig und von recht reinem Negertypus, der im Allgemeinen dem der Wanyamwesi gleicht. (Abb. Taf. 13 und pag. 110.) An Hamiten erinnernde Gesichtszüge sind selten und wohl nur bei Nachkommen eingewanderter Wataturu zu finden. Die Männer gehen vollkommen nackt und scheinen nicht das geringste Schamgefühl zu kennen. Um die Hüften tragen sie zahlreiche, festsitzende Bastschnüre, um die Knöchel Glasperlen oder Lederschnüre. Beide Geschlechter sind beschnitten. Die Männer tragen die Haare meist kurz, manchmal mit einer Feder am Scheitel. Seltener drehen sie kleine Zöpfchen, die sie mit Fett festigen, oder tragen, wie die Wanyairamba, dünne, lange Haarzöpfchen, die nach hinten hängen. Die Weiber tragen Lederlendenschurze und rasiren den Schädel, ältere Leute schlingen manchmal ein Stückchen Zeug um die Hüften.
Die Wanyaturu gelten mit Recht als boshaft. Wildheit und Hass alles Fremden bildet den Grundzug ihres Charakters der durch politische Zerfahrenheit des Landes noch verschärft wird.
Wanyaturu-Ehepaar.
Ihre Wohnungen bestehen aus rechtwinkelig angeordneten, etwa brusthohen und ca. 4 m breiten, sehr ärmlichen Temben. Der rechte Winkel ist durch einen innen mit Stachelgestrüpp geschützten niedrigen Zaun von buschigen Euphorbien abgeschnitten, wodurch der dreieckige Viehhof gebildet ist. Manchmal zieht sich eine Euphorbienhecke um einen Komplex solcher Temben. Das Innere der Temben ist in dunkele, räucherige Kammern getheilt, der Boden stellenweise vertieft. Neben den Temben graben sie unterirdische Schutzlöcher, höhlen auch oft Baobabs aus um sich darin zu verbergen.
Der Ackerbau beschränkt sich auf Sorghum und Eleusine. An Hausthieren werden Rinder, Ziegen, Schafe, Esel, Hühner und Hunde gehalten. Sie gewinnen Salz aus dem Singisa-See, welches sie den Wanyamwesi von Ussure verkaufen, sonst verkehren sie fast nur mit den Wassandaui, in deren Land sie öfters auswandern.
Sie benutzen Hacken mit Holzklingen, die jedoch nur zum Umackern der Aussaat dienen. Sonst benutzen sie Eisenhacken aus Unyamwesi. Ihre Waffen sind Speer, Schild, Bogen und Pfeil. Die Speere gleichen jenen der Wambugwe, sind reine Wurfspeere mit eingelassener Spitze, doch mangelhaft angefertigt. Die Schilde sind kreisrunde, schwarze Lederschilde mit einem Buckel in der Mitte. Bogen und Pfeil werden nur von alten Leuten gebraucht. Sehr charakteristisch sind die Stockschilde und Schlagstöcke, die zu Stockgefechten dienen. (Abb. Tafel 13.) Die ersteren sind an einen langen Stock befestigt, die letzteren einfach dicke Prügel, welche die Wanyaturu stets bei sich führen. Die Sitte der Stockkämpfe findet sich auch in Schaschi. An letztere Landschaft erinnert auch ein Saiteninstrument der Wanyaturu.
Pfeilspitze, Wanyaturu.
Hacke mit Holzklinge der Wanyaturu.
Die Geburt eines Kindes wird durch Freudengeschrei gefeiert, bei Zwillingen findet ein Fest statt. Die Beschneidung und das Ausbrechen der unteren vorderen Schneidezähne findet bei beiden Geschlechtern im Jugendalter statt. Unverheirathete Kinder schlafen nicht in demselben Raum mit den Eltern. Ein junger Mann, der heirathen will, bringt dem Brautvater Pfeile, werden diese angenommen so wird der Brautpreis — meist 4-6 Ziegen — bestimmt. Die Zahl der Frauen ist unbeschränkt. Will Jemand sich von seiner Frau trennen, so muss der Vater den Brautpreis zurückzahlen, sind Kinder vorhanden so geschieht dies nicht und die Kinder bleiben ihrem Vater. Stirbt die Frau, so ist es üblich, dass deren Verwandte dem Gatten einen Ersatz stellen. Die Feldarbeit wird von beiden Geschlechtern besorgt. In Krankheitsfällen werden Pflanzenmittel zusammen mit dem Fleisch erwürgter Ziegen gegeben. Todte werden kauernd, bedeckt mit frischem Ziegenfell, begraben.
Saiteninstrument der Wanyaturu.
Von einem Gottesbegriff kann kaum die Rede sein, auch hier, wie bei allen Bantu herrscht der Ahnenkultus, bezw. die Furcht vor Geistern, welche Krankheiten hervorrufen sollen. Macht der Geist eines Verstorbenen sich derart unangenehm bemerkbar, so wird der betreffende Leichnam wieder ausgegraben und mit einem Opferschaf neuerdings beerdigt.
Der grösste Tag im Jahr ist das Erntefest, bei dem Tänze und Stockgefechte stattfinden. Dieselben dienen nur zum Vergnügen, obwohl dabei nicht selten Leute schwer verletzt, ja getödtet werden. Die Kämpfer zielen immer hauptsächlich aufs Schienbein.
Eine Gemeindeverfassung oder ein Oberhaupt irgend welcher Art kennt man in Turu nicht; Jedermann ist Herr seiner Familie und thut sonst was er will. Nur Krieg wird durch eine Art Volksversammlung beschlossen, bei welcher Greise das grosse Wort führen, doch giebt es keine Anführer dabei, sondern jeder geht vor, wie es ihm eben einfällt. Trotzdem binden die Wanyaturu mit allen Nachbarn, vorzüglich Ussure und Iramba, stets an, werden jedoch meist zurückgeworfen. Den Massai gegenüber sind sie wehrlos. Ich selbst lernte sie als ein boshaftes, elend feiges Gesindel kennen.
Auch untereinander führen sie öfters Krieg, wobei die Partei, bei der ein Mann fällt, als besiegt gilt. Gefangene Männer werden dabei getödtet, Weiber nicht gefangen genommen. Sklaverei ist im Lande unbekannt, doch verkaufen zur Zeit einer Hungersnoth die Wanyaturu öfters ihre Kinder, und Sklaven dieses Stammes sind in Tabora und Irangi nicht selten und gelten als recht brauchbar.
Die Wanyaturu bilden ein unruhiges, wildes Bevölkerungselement. Alle europäischen Reisenden, von Stanley an, die das Land durchzogen, wurden angegriffen oder doch belästigt, kleine Karawanen wurden ausgeplündert. Nur in Unyanganyi, wo die Wanyamwesi-Ansiedler die Wanyaturu gründlich geschlagen und zu Paaren getrieben haben, sind sie jetzt freundlich und entgegenkommend. Durch solche Ansiedlungen allein könnte auch das übrige Land dauernd pacificirt werden.
Als Nachbarn der Wanyaturu, von diesen jedoch verschieden und nicht mehr der Bantu-Gruppe angehörig, leben die Wassandaui. Dieser kleine Stamm, der von besonderem Interesse ist, bewohnt die rings von Steppen umgebene Landschaft Ussandaui. Irgend welche Tradition einer Einwanderung hat sich bei ihnen nicht erhalten, sie behaupten stets in ihren jetzigen Wohnsitzen gelebt zu haben. Jedenfalls sind sie sehr alte Ansiedler, wie schon ihre Sprache schliessen lässt, die an Schnalzlauten reich und von jenen der umwohnenden Stämme gänzlich verschieden ist.
Mit ihnen nahe verwandt ist das Jägervolk der Wanege oder Watindiga, welche die Steppen zwischen Iraku und Usukuma durchstreifen und nach der Ueberlieferung der Wambugwe vor diesen die Landschaften am Südende des Manyara inne hatten. Die Wanege stellen offenbar den ursprünglicheren Zweig des Stammes dar, während die Wasandaui als angesiedeltes Jägervolk erscheinen.
Dem Körperbau nach sind es mittelgrosse, kräftige und gedrungene Leute von häufig rothbrauner bis kupferrother, seltener dunkler Hautfarbe (Abb. pag. 112). Der Typus ist sehr variabel, neben rein negerhaften sieht man Gesichter die mit schiefgeschlitzten Augen an Hottentotten erinnern, andere, die den hamitischen Typus tragen. Offenbar ist ein Urvolk hier durch Blutmischungen mit Nachbarstämmen verändert worden.
Die Haare werden oft zu kleinen, mit Fettlehm angemachten und roth bemalten Zöpfchen geflochten. Der Körper wird vielfach roth bemalt. Die Männer tragen Bastschnüre und Perlen um den Leib. Zum Unterschied von den Wanyaturu, denen sie im Aeussern sonst nahe stehen, lassen sie vorn ein Zeugfetzchen herabhängen, das an Stelle des früher üblichen Hühnerhalses getreten ist. Die Weiber tragen Lederlendenschurze.
Von Charakter sind die Wassandaui gutmüthig und friedlich, früher sollen sie bösartig gewesen sein, doch sind sie von den Wanyamwesi-Ansiedlern unterworfen worden.
Ihre Wohnungen sind Temben, die jenen der Wanyaturu gleichen, etwa 4 m im Quadrat halten, circa brusthoch und innen vertieft sind und einen Viehplatz einsäumen. Im Innern der Hütte sieht man gut gefertigte grosse Holzschachteln, ähnlich wie in Uha, als Getreidebehälter, ein Gegenstand, dessen Gebrauch vielleicht von den Wanyamwesi eingeführt wurde.
Bogen der Wassandaui.
Eine grosse Rolle spielt die Jagd, der die Wassandaui mit besonderem Eifer nachgehen. Sie benutzen dazu Bogen und Pfeile.
Speer und Pfeilspitze
der Wassandaui.
An Hausthieren besitzen sie viel Kleinvieh und Esel, sowie auffallend grosse und schöne Hühner. Als Kulturpflanzen dienen Sorghum und Eleusine, welche mit dem Erträgniss der Jagd die Hauptnahrung liefern.
Die Geräthe sind wenig originell und gleichen meist jenen der Wanyaturu. Die Hauptwaffe ist Bogen und Pfeil. Die Bogen sind auffallend stark gekrümmt, die Pfeile besitzen eigenthümlich geformte Holzspitzen. Daneben sind kurze Messer und schwächliche Speere, wohl auch Schilde der Wanyaturu-Form üblich.
Mit der Aussenwelt haben die Wassandaui wenig Verkehr. Am besten noch stehen sie mit den Wanyaturu, deren viele im Lande leben und deren Sprache häufig verstanden wird. Sonst kommen sie mit dem Ausland fast nur durch Vermittlung der Wanyamwesi-Ansiedler in Berührung. Früher wurden sie von allen umwohnenden Stämmen bedrängt und erfreuen sich erst seit Bestehen der Wanyamwesi-Kolonien eines ruhigen Daseins.
TAFEL XXI
Meisenbach, Riffarth & Co. Berlin heliogr.
IRAKU-LEUTE
An Kindern wird die Sitte der Beschneidung vorgenommen, sie findet im November, mit der Aussaat statt. Beim Reifwerden eines Mädchens werden Tänze abgehalten, die mit Gesang, doch stets ohne Trommelbegleitung ausgeführt werden. Die Heirathen werden gewöhnlich nur von den Vätern vereinbart, diese zahlen bezw. empfangen den Brautpreis, der bei Scheidung verfällt. Doch darf die geschiedene Frau niemals wieder heirathen. Vielweiberei ist gestattet, doch selten. Die Heirathen werden fast nur im eigenen Stamme geschlossen.
Bei einem Todesfall glaubt man stets an Zauberei. Derjenige, der sie verübt, wird durch den Zauberdoktor ermittelt und verfällt der Blutrache. Todte werden hockend mit gefalteten Händen, zugleich mit einer Opferziege beerdigt, die der Geist des Verstorbenen verzehren soll. Auch hier herrscht also der Ahnenkult; ein Gottesbegriff soll unbekannt sein.
Eigentliche Häuptlinge giebt es nicht, doch erwerben die Zauberdoktoren, die auch Regen machen, grosses Ansehen. Gegenwärtig sind übrigens die Vorsteher der Wanyamwesi-Kolonien, vor allem Mtoro, die eigentlichen Beherrscher des Landes.
Bei Mord tritt Blutrache ein. Diebstahl kommt vor eine Greisenversammlung, die den Strafpreis bestimmt.
Die vorerwähnten Wanege werden von den Wanyamwesi Watindiga genannt, von den Massai, wie alle Jäger, den Wandorobo beigezählt. Obwohl ich ihr Gebiet mehrmals durchstreifte, habe ich doch niemals etwas von ihnen zu sehen bekommen. Ihre Sprache soll an Schnalzlauten reich und dem Kissandaui verwandt sein. Sie tragen kurze Haare und Armbänder aus Kauri und leben von der Jagd, die sie mit kräftigem Bogen und vergifteten Pfeilen betreiben. Sie sollen Tänze nach der Trommel ausführen. Sie hausen in Grashütten und den Höhlungen der Baobabs und sind so scheu, dass selbst die Makua (Elephantenjäger) sie nur sehr selten zu Gesicht bekommen. Sie nähren sich nur von Wildfleisch und Honig. Einzelne von ihnen sollen in Meatu, andere in Iramba angesiedelt sein. Ihre Zahl ist jedenfalls nur sehr gering.
Wenn wir die Völker der abflusslosen Gebiete überblicken, so finden wir eine erstaunliche ethnische und sprachliche Mannigfaltigkeit, wie solche im dunkeln Welttheil auf beschränktem Raume selten ist. Ein Beispiel, wie verschieden die Sprachen sind, die in diesen Ländern gesprochen werden, mögen die Zahlwörter von 1 bis 10 der verschiedenen Völker in der Umgebung Irangi's geben.
| Kirangi- Kimbugwe | Kifiomi | Tatoga (Kitaturu) | Kisandaui | Massai | Ndorobo | |
| 1 | munti | naka | aki | tzeχe | nabo | napu |
| 2 | ere | sare | iyeni | kisoχe | are | enya |
| 3 | satu | tamu | samak | somekeχ | uni | uni |
| 4 | inya | sia | angwan | hakaχ | ungwan | ongwan |
| 5 | tano | kowan | mut | kwanaχ | umiet | mot |
| 6 | asatu | laho | la | dandatzeχe | ille | lei |
| 7 | fagate | faangu | isukwa | " kisoχe | nawishana | onar |
| 8 | nana | dagnat | siss | " somekeχ | issiet | sissie |
| 9 | kenda | gwelel | segäs | " hakaχ | ndoroi | naudó |
| 10 | kumi | miba | taman | " kum | tomon | gaget |
Als Urbewohner der abflusslosen Gebiete kann man wohl jenen niedrigstehenden Jägerstamm der Wanege betrachten, von dem ein Zweig als Wassandaui sesshaft geworden ist. Wie weit dieser Stamm mit seiner an Schnalzlauten reichen Sprache der Buschmann-Gruppe oder den Pygmäen Centralafrika's verwandt ist, mögen künftige Forschungen lehren. In jedenfalls schon sehr früher Zeit wanderten die Wafiomi, ein hamitischer Stamm, aus dem Norden ein. In ihrer Sprache vollkommen selbstständig und, von den Massai verschieden, bilden sie mit den Stämmen von Nandi, Lumbwa und Kamassia eine Gruppe ackerbautreibender Völker. Eine sehr alte Einwanderung bildeten jedenfalls auch die Wanyaturu und Wanyairamba, Bantuvölker, die durch die Waschaschi mit der grossen Gruppe der Nyansa- (Zwischenseen-) Völker zusammenhängen und von Nord nach Süd drängen. In umgekehrter Richtung erfolgte die Einwanderung der Wagogo-Völker, jener Bantu-Gruppe, die als Wagogo, Warangi und Wambugwe ein ziemlich einheitliches Gepräge besitzt und unwillkürlich auf eine südafrikanische Herkunft schliessen lässt. Mit ihnen zugleich, vielleicht auch schon früher, treten erst die Wataturu (Tatoga), dann die Massai als räuberische, von Nord nach Süd drängende Hirten von hamitischer Physis auf. Ihre Sprache steht derjenigen der Bari am obern Nil am nächsten, welche ihrerseits wieder ein Abkömmling der hamitischen Sprachen ist. Die Annahme, dass die Massaistämme vom Nil herkommen, scheint daher nicht nothwendig. Die Vermuthung liegt vielmehr nahe, dass die Massai sich schon in der Urheimath von den Bari trennten und ihre hamitische Physis reiner erhalten konnten als die Bari, die mitten unter Negerstämmen starker Blutmischung ausgesetzt waren.
Es ist begreiflich, dass so nahe beisammen wohnende verschiedene Völker sich weder sprachlich noch ethnisch rein erhalten können. Die Viehnomaden in ihren isolirten Stellungen vermögen das noch am ehesten, bei den Ackerbauern wirken Zwischenheirathen jedoch nivellirend. Es scheint zweifellos, dass die Bantustämme in diesem Kampfe den Sieg davon tragen werden, und besonders die langsame, aber ständige Wanyamwesi-Einwanderung dürfte hier entscheidend wirken.
In seinem gegenwärtigen Zustande ist das abflusslose Gebiet Deutsch-Ostafrika's zweifellos ethnographisch eines der interessantesten des Kontinents. Die Steppen, welche die bewohnten Gebiete umschliessen und die durch kriegerische Nomaden nahezu unpassirbar gemacht wurden, hatten eine isolirende Wirkung und ferne von dem Getriebe der Karawanenstrassen konnten die Volksstämme sich in seltener Ursprünglichkeit erhalten. Hier hausen die räthselhaften Wanege, die, scheuer als das Wild der Steppe, noch von keines Europäers Auge geschaut wurden, die Wassandaui mit ihrer an Schnalzlauten reichen Sprache, hier entwickeln mehrere Bantustämme ein primitives eigenartiges Volksleben. In den Wataturu finden wir einen versprengten Zweig der Hamiten mit nilotischer Sprache und daneben, in den Wafiomi, physisch und sprachlich reine Hamiten. Gerade die letzteren nehmen unser Interesse besonders in Anspruch, da sie wahrscheinlich einen der ältesten Zweige des hamitischen Stammes darstellen.
Nach den Ergebnissen der Forschung ist der Ursprung der Hamiten in Asien zu suchen, von wo sie vor der Einwanderung der alten Egypter nach Afrika zogen. Das Volk der Pharaonen trat 5000 Jahre vor Christi mit einem Kulturzustand in die Geschichte ein, der bereits auf eine uralte Entwickelung im Nilthale schliessen lässt. Vor wie vielen Jahrtausenden mag also die Einwanderung der Egypter aus Asien erfolgt sein, in welch' grauer Vorzeit mögen erst ihre Vorläufer, die Hamiten und gar deren äusserste Zweige, die Fuebe einerseits, die Wafiomi andererseits, die grosse Völkerbrücke am rothen Meere überschritten haben?!
Iraku-Leute.
[[←]] IX. KAPITEL.
Die Völker der Nilquell-Gebiete.
Die Waschaschi. — Die Watussi. — Die Wasinja. — Die Warundi. — Die Wanyamwesi.
Im Gegensatz zum abflusslosen Gebiet, in welchem der Steppen-Charakter vielfach vorherrscht, bieten die Länder der Nilquellen menschlicher Ansiedelung ziemlich günstige Bedingungen. Dieselben sind auch für afrikanische Verhältnisse dicht bewohnt, und nirgends trifft man dort so ausgedehnte menschenleere Striche wie im Massai-Land. Die Völker, welche hier in Betracht kommen, gehören sprachlich sämmtlich der Bantu-Gruppe an. Anthropologisch freilich wird man auch hier eine Gliederung in Hamiten und Neger aufstellen müssen, welch' erstere durch den Hirtenstamm der Watussi oder Wahuma vertreten sind.
Mann aus Ussui.
Aus dem abflusslosen Gebiet nach den ersten Nilzuflüssen kommend, treffen wir den Stamm der Waschaschi. Derselbe dürfte ursprünglich den Wasinja verwandt gewesen sein, wenigstens ist die Sprache, das Kischaschi, vom Kisinja nur dialektisch verschieden. Gegenwärtig weichen die Waschaschi ethnographisch stark von den Wasinja ab. Besonders in den östlichen und nördlichen Grenzgebieten haben die Waschaschi starke Beimischungen von hamitischem (Massai und Wataturu) und nilotischem (Kavirondo) Blut erlitten und sich dadurch abweichend entwickelt. Im Süden dagegen brachte der fortwährende Verkehr mit den Wanyamwesi (Wasukuma) eine Annäherung an diese hervor.
Wir verstehen hier unter Waschaschi jene östlichen Nyansavölker, die ethnographisch ein einheitliches Ganzes bilden, in einzelnen Zügen allerdings von einander abweichen und sich in verschiedene Stämme gliedern.
Im Norden hausen die Wangoroïne, die stark mit Wakuavi- und Kavirondo-Blut vermischt sind. An diese schliessen sich südlich die Waschaschi im engeren Sinne, die das Hinterland des Nyansa bewohnen und nur in Katoto dessen Küste erreichen. Ihnen sehr nahe stehend, doch stark mit Massai-Blut gemischt, sind die Bewohner von Ikoma oder Elmarau. Die Waruri und Wakwaya am Nyansa sind auch nichts Anderes als Waschaschi, wie aus Sprache und Lebensweise deutlich hervorgeht. Die Waruri sind stark mit Wagaya (Kavirondo) gemischt, welche bereits der nilotischen Gruppe angehören, die Wakwaya aber ziemlich rein. Ihr Zweigstamm, die Wakara der Insel Ukara, haben sich zwar im Aeusseren und Wesen sehr ursprünglich erhalten, sind aber jedenfalls durch Zwischenheirathen mit Wakerewe (Wasinja) gemischt.
Wo Waschaschi noch ihren eigentlichen Charakter bewahrt haben, zeigen sie überraschende Analogien mit den Wanyaturu des Distrikts Turu, sodass man unwillkürlich auf den Gedanken kommt, dass beide Völker — etwa mit den Wanyairamba — einer Quelle entsprungen sind.
Von einem einheitlichen körperlichen Typus kann bei den Waschaschi, die so vielen Blutmischungen ausgesetzt waren, kaum die Rede sein. Im Norden und Osten sieht man viele Anklänge an den hamitischen Typus, im Süden ist die untersetzte, negerhafte Körperform der Wanyamwesi vorherrschend. In Ikiju und bis Uaschi hin, sowie in Majita und Ururi, leben hochgewachsene, sehr kräftige und schlanke Waschaschi mit dunkelbrauner Hautfarbe, nicht allzu scharfem Negertypus und freundlichem Gesichtsausdruck. Alle Waschaschi sind beschnitten und stehen damit im Gegensatz zu den Wasinja und Wanyamwesi. In vielen Gegenden werden die vordersten oberen Schneidezähne dreieckförmig ausgesplittert, bei den Waruri die ganzen Schneidezähne des Oberkiefers spitz gemacht, eine Sitte, die jedoch den Wagaya entlehnt ist. Das Ohrläppchen wird überall durchbohrt und lang ausgedehnt, in der Oeffnung werden ovale Holzscheiben getragen. Daneben findet auch der Massai-Ohrschmuck und die Messingspirale der Wasukuma Eingang.
Das Haar wird meist kurz getragen und rund um den Kopf abrasirt, oft auch über der Stirn dreieckförmig ausrasirt. Die Wakwaya rasiren das ganze Vorderhaupt ab und flechten das Haar am Hinterkopf in Zöpfchen. In Ikoma und den Nachbargebieten bis Ururi hin, wird das Haar vielfach in Zöpfchen gedreht und mit rothem Lehm und Fett angemacht, der Haarrand jedoch stets rund ausrasirt.
Die ursprüngliche Kleidung sämmtlicher Waschaschi-Männer besteht aus einer Anzahl um den Leib gewundener Bastschnüre, gleicht also völlig jener der Wanyaturu. Bei Knaben ist diese Tracht fast überall noch üblich. Junge Männer tragen in Ikoma, Ngoroïne und bis Ururi hin den Massai-Ueberwurf, der niemals die Schamtheile bedeckt. In Ikiju, Katoto und Ukwaya wird ein kleineres Fellschürzchen getragen. Die Wakara ziehen die Schnur zwischen den Beinen durch und lassen vorn ein Leder- oder Zeugschürzchen herabhängen. Aeltere Männer tragen überall längere Felle, die oft schön gegerbt sind. Die Weiber kleiden sich mit einem oft vielgefalteten Lendenschurz aus Leder, der bei festlichen Gelegenheiten mit Schnüren und Klapperfrüchten besetzt ist. Beide Geschlechter pflegen sich roth zu bemalen. Als Kopfschmuck dient den Kriegern in Ngoroïne eine Bastschnur, von welcher Fransen aus weissem oder rothem Bast, Federn oder Käferflügel herabhängen. Um den Hals tragen beide Geschlechter Glas- oder Eisenperlen, sowie den weitverbreiteten eigenartigen Schmuck, der aus Strausseneischeibchen gebildet wird. Am Oberarm sitzt ein Bastring, am Unterarm breite Elfenbeinringe, die oft ganze Manschetten bilden. Unter dem Knie pflegen Weiber ebenfalls einen Bastring zu tragen. Letztere schmücken sich in vielen Gegenden auch mit Armringen aus Eisen. Beim Tanz pflegen die jungen Krieger grosse Schellen an den Beinen zu tragen. An einer Schnur hängend wird oft ein eiserner Kratzer am Rücken getragen. Ein merkwürdiger Schmuck ist ein mit einem Messer versehener Fingerring.
Der Charakter aller Schaschi-Stämme ist ein friedlich gutmüthiger und für Schwarze äusserst liebenswürdiger. Sie sind nichts weniger als kriegerisch und ihren Erbfeinden, den Massai, in keiner Weise gewachsen. Eine Ausnahme bilden die Wakara, die von erstaunlicher Wildheit und Abneigung gegen alles Fremde sind und darin völlig den Wanyaturu gleichen.
Rückenkratzer der Waschaschi.
Fingerring der Waschaschi.
Das Leben der Waschaschi dreht sich um den Ackerbau, dem sie mit grossem Eifer und Geschick nachgehen. In Ikoma und Ngoroïne liefert die Eleusine (Kisw. wimbi) die Hauptnahrung, in Uhemba, Uaschi, Ikiju und den Nachbarländern jedoch die Grundnuss, Arachis hypogaea. Soviel mir bekannt, giebt es keine andere Gegend, wo dieses weitverbreitete Gewächs als Hauptnahrung dient. In den Gegenden, wo, wie in Uhemba, fast nichts als Arachis zu haben ist, litten meine Leute vielfach an Magenbeschwerden, die Waschaschi fühlten sich jedoch ganz wohl dabei. Sonst baut man noch Sorghum der rothen Varietät, Mais, Penicillaria, Sesam, Kürbisse, Gurken, Maniok, süsse Kartoffeln, Tabak (besonders in Ukwaya), im Süden auch Hanf. Die Banane ist allen Waschaschi unbekannt, selbst die Wakara pflanzen nur Sorghum und Arachis, obwohl im benachbarten Ukerewe Bananen die Hauptnahrung bilden. Dagegen betreiben sie eine sehr eigenthümliche Kultur, welche durch ihre insulare Lage veranlasst wird. Sie bauen nämlich eine Art Laubbäume als Futterpflanzen für das Vieh; dieselben stehen in förmlichen Alleen. Das Laub wird abgeerntet und in kegelförmigen Schobern getrocknet (Abb. pag. 50). Dadurch sind sie in der Lage, grosse Rinderheerden von kleinem Zebuvieh zu halten, obwohl ihre Insel keine Weideplätze bietet. Im Uebrigen ist von Rindvieh bei den Waschaschi nicht viel zu sehen; ausser bei den Wakara und den Bewohnern der Inseln des Baumann-Golfes trifft man kaum irgendwo welches an, da es den Massai und früher wohl auch den Wataturu zur Beute gefallen ist. Dagegen findet man Ziegen und Schafe und sehr viele Hühner, aber keine Esel und sehr wenig Hunde.
Tabakspfeife der Wangoroïne.
Grundriss eines Weilers der Waschaschi.
Schnupftabaksdose der Wangoroïne. Flusspferdharpune der Waschaschi.
Alle Waschaschi jagen eifrig mit Bogen und Pfeil und betreiben, wo sich grössere Gewässer befinden, Fischfang. Besonders die Bewohner des Nyansaufers in Katoto, wo der See ungemein fischreich ist, betreiben Fischerei im Grossen mit Reusen, Netzen und grossen Angeln (Abb. pag. 40) und jagen das Flusspferd mit der Harpune. Die Kanus sind schlechte Nachahmungen der Wakerewe-Fahrzeuge. Sie pflegen die Fische auf Gestellen zu trocknen und nach Usukuma zu verkaufen. Doch auch die Bewohner von Ikoma fischen eifrig mächtige Welse im Grumeti und Rubana.
Die Hauptnahrung der Waschaschi liefern die Produkte des Ackerbaues, in Katoto der Fischfang. Der Genuss von Hühnereiern gilt als ekelhaft. Tabak wird von Männern und Weibern aus schönen langen Pfeifen mit Thon- und Steinköpfen geraucht. In Ngoroïne wird auch viel geschnupft, eine Sitte, die wohl den Wakuavi entlehnt ist. Zum Aufbewahren des Schnupftabaks dienen hübsche Kalebassen, die im erweiterten Ohrläppchen getragen werden. Pombebereitung aus Sorghum ist üblich und besonders in Ukara beliebt. Honig wird genossen, ist jedoch besonders da, wo die Dörfer mit Euphorbienhecken umgeben sind, oft gesundheitsschädlich.
Die Hütten der Waschaschi haben das Gemeinsame, dass sie cylindrische Lehmwände und ein Kegeldach besitzen, sich also mehr dem Unyamwesi-Typus nähern. Die einzige Ausnahme bilden die Wakara, die den reinen Grashüttentypus mit spitzer Anlage den Wakerewe (Wasinja) entlehnt haben (Abb. pag. 50).
In Ikoma und Ngoroïne, wo die Hütten selten viel über 4-5 m hoch sind, haben sie einen Mittelpfahl, sonst fehlt dieser. Die grössten und schönsten Hütten mit bis 12 m Durchmesser haben die Wakwaya von Majita. Die Wände sind hier aussen von Schilf und nur innen mit Lehm verputzt. Die Hütten sind in kleine Komplexe gruppirt, deren jeder den umstehend schematisch gezeichneten Grundriss und eine buschige Euphorbienhecke besitzt, welche die Hütten untereinander verbindet. Jede Hütte hat zwei Eingänge, deren einer (a) von Aussen hineinführt, eine Steinschwelle besitzt und nur für Menschen bestimmt ist, während der zweite (b) keine Schwelle hat, in den Hof führt und dem Vieh als Eingang dient. Eine Geflechtwand trennt den Vorraum vom Wohnraum, in dem die primitive Bettstelle sich befindet. Der Dachraum ist durch ein Stangendach abgeschlossen, auf welchem Feuerholz, Fisch- und Ackergeräth liegt. Als normale Hütten dienen cylindrische Korbgeflechte mit Grasdach, die auf Pfählen stehen und grosse im Innern der Hütte befindliche flaschenförmige Körbe.
In Uaschi und Ngoroïne ist der zweite Ausgang der Hütte so niedrig, dass man nur tief gebückt eintreten kann. Besonders in Gebirgsgegenden können die Komplexe nicht regelmässig kreisförmig angelegt werden, greifen ineinander über und bilden ein förmliches Labyrinth. In manchen Gegenden ist um mehrere Komplexe eine grössere Euphorbienhecke gezogen, die derart ein Dorf umschliesst. Um die Dörfer von Ngoroïne zieht sich eine feste etwa 2 m hohe steinerne Trockenmauer, auf welcher Dorngestrüpp liegt, hinter der die hohe Euphorbienhecke sich hinzieht. Diese im tropischen Afrika sehr seltene Befestigungsart durch Steinmauern findet sich auch in Lumbwa und Sotik und ist möglicherweise vom Norden übernommen. In den Gegenden, wo einzelnstehende steile Granithügel aufragen, bauen sich die Waschaschi in diese hinein und benutzen die höchsten Felskuppen als Warten, von welchen sie nach etwaigen Feinden auslugen. Als Schutz vor bösen Geistern dienen Dorfamulette die in den Boden gesteckt werden.
Die Geräthe der Waschaschi sind einfach, doch nicht ohne ein gewisses Geschick gefertigt. Die ursprüngliche Hacke ist offenbar die mit Holzklinge, wie sie sich heute noch in Ukara findet und dort völlig der Holzhacke der Wanyaturu gleicht. Sonst hat fast überall die Usinja-Hacke durch Wasukuma-Händler Eingang gefunden. Doch wird dieselbe an ein Knieholz angebunden, wie an der kleinen Eisenhacke ersichtlich. Als Kopfpolster dienen kleine Holzgestelle. Korbflechtereien werden sehr fest und wasserdicht angefertigt. Zum Abkratzen der Häute, die gegerbt werden sollen, dient ein eigenes, umstehend abgebildetes Instrument.
Lederkratzer, Waschaschi. — Stockschild, Waschaschi. — Dorfamulett, Waschaschi. — Hacke, Ngoroïne. — Hacke mit Holzklinge, Wakara. — Kopfpolster, Waschaschi. — Schlagschild, Ngoroïne.
Die Schilde sind vergrösserte, aber schlechte Nachahmungen der Massai-Schilde. Schwerter und Keule sind selten und rein den Massai entlehnt.
Ursprünglich dagegen sind die Schlagstöcke und Stockschilde. Erstere führen die Waschaschi immer bei sich. Letztere sind weniger breit, aber ebenso geformt wie die der Wanyaturu. Eine abweichende Art von Schlagschilden haben die Wangoroïne. Dieselben werden bei Stockkämpfen benutzt, die zu den Volksbelustigungen gehören. Diese eigenthümlichen Stockkämpfe mit besonderen Schilden scheinen mir ein besonderer Beweis für den ursprünglichen Zusammenhang mit den Wanyaturu zu sein. Eine weitere Analogie mit diesen bietet die rein republikanische Regierungsform der Waschaschi. Häuptlinge sind gänzlich unbekannt, die Streitfragen in der Gemeinde werden von Aeltesten entschieden. Ihre Todten begraben die Waschaschi und legen dann Bastleibschnüre auf das Grab.
Ihre Sprache ist, wie oben erwähnt, nur dialektisch vom Kisinja (Kinyoro) verschieden, so dass Leute, welche die letztere Sprache reden, sich in Schaschi ohne Schwierigkeit verständlich machen können. Die einzelnen Dialekte der Waschaschi-Stämme weichen nur sehr wenig von einander ab. Von Ikoma bis Nata einerseits und Katoto andererseits wird der reinste Dialekt gesprochen. Die Sprache von Ngoroïne ist vielfach mit Massai-Elementen vermischt. Wakwaya (Majita) und Wakara reden denselben Dialekt.
Trommel der Wakara.
Paukenartige Trommeln sah ich bei den Wakara. In Ngoroïne kennt man eine Leier, die völlig jener der Sudan-Neger gleicht (Abb. pag. 57), und Flöten. Letztere werden so häufig und zu so besonderen Gelegenheiten geblasen, dass ich unwillkürlich an das Bestehen einer Signal-Sprache dachte. Ein anderes Saiteninstrument ist bei allen Waschaschi, sowie in ähnlicher Form bei den Wanyaturu und den Völkern westlich vom Victoria-See bis zum Tanganyika gebräuchlich. Als Kriegstrompeten dienen Antilopenhörner. Der Tanz besteht hauptsächlich in Bewegungen des Unterleibes.
Saiten-Instrument, Waschaschi.
Die Hauptwaffen der Waschaschi sind Bogen und Pfeil. Erstere sind kräftig, letztere fast immer vergiftet. In Ukara hat sich die ursprüngliche Pfeilform mit harten Holzspitzen erhalten, solche findet man sonst nur in Majita, die übrigen Waschaschi haben Pfeile mit Eisenspitzen, die sie in Leder-Köchern tragen. Das Pfeilgift, eine schwarze Masse, wird in Holzbehältern verwahrt. Auch andere Stämme beziehen Pfeilgift von den Waschaschi. Speere sind immer anderen Stämmen entlehnt. So findet man im Norden den langen Kavirondo-Speer mit kurzer, oft widerhakiger Spitze, im Süden den modernen Wasukuma-Speer mit übergreifender Zwinge. Auch Massai-Speere werden manchmal getragen. Die alte Form der Wataturu-Lanzen ist als Paradewaffe beliebt.
Speer der Wangoroïne.
Wenn also sprachlich zwischen den Waschaschi und Wasinja eine grosse Aehnlichkeit besteht, die möglicherweise auf gemeinsamen Ursprung deutet, so haben sich diese beiden Stämme, durch den Keil der Wanyamwesi (Wasukuma) getrennt und sehr verschiedenen Einwirkungen ausgesetzt, so verschieden entwickelt, dass sie heute kaum mehr einen Zusammenhang ahnen lassen.
Unter Wasinja verstehen wir hier die Bewohner des alten Königreiches Usinja, welches die heutige Landschaft dieses Namens, ferner Ussambiro und Ussui umfasste. Doch sind die Bewohner des westlichen Nyansaufers bis zur Grenze von Uganda, sowie jene von Karagwe, Ankole und den nördlichen Landschaften bis Unyoro hin gleicher Sprache und wohl auch gleichen Stammes mit den Wasinja.
Die genannten Landschaften gehören mit Uganda einerseits und Urundi, Uha und Ruanda andererseits jener Gruppe von Bantu-Völkern an, welche durch das Eindringen eines nördlichen, hamitischen Elementes aufs Tiefste beeinflusst wurden, so dass es unmöglich erscheint, von ihnen zu sprechen, ohne vorerst die heutigen Vertreter dieses hamitischen Elementes, die Watussi, erwähnt zu haben. Dieselben werden, besonders wo sie nicht als Hirten, sondern als Herrscher auftreten, auch Wahima oder Wahuma genannt. Da jedoch derselbe Ausdruck in vielen Gegenden auch die Massai bezeichnet, da ferner die Leute selbst sich stets Watussi nennen, so möchte ich die Beibehaltung dieses Namens vorschlagen.
Ueber die, jedenfalls seit undenklichen Zeiten ansässige Bantu-Ackerbaubevölkerung, welche in die drei Hauptgruppen Waganda, Wanyoro (Wasinja) und Warundi gegliedert ist, ergoss sich vor vielen Jahrhunderten ein Einwandererstrom von hamitischen Hirten, die Süd-Abessinien oder den nördlichen Galla-Ländern entstammten. Dass sie wirklich aus diesen Gegenden herkamen, beweist nicht nur ihr körperlicher Typus, den sie in vielen Gegenden bis zum heutigen Tage rein erhalten, sondern auch die Rinderrasse, welche sie mitgebracht. Dass die Einwanderung eine alte, und der Zeitpunkt, als dieselbe erfolgte, mindestens ein Jahrtausend zurückliegt, dafür zeugen nicht nur die Genealogien der Watussi-Herrschergeschlechter, welche von Uganda und anderen Ländern überliefert werden, sondern vor Allem auch die fast gänzliche Umwandelung, welche das Volk der Watussi erlitten hat. Denn jedenfalls waren sie Anfangs ein sprachlich und ethnographisch selbständiges Volk, wie heute die Massai, doch finden wir, dass gegenwärtig alle Watussi die Bantusprache der Ackerbauer angenommen haben und sich auch in Tracht und Lebensweise nur wenig von diesen unterscheiden. Wohl mag es sein, dass einzelne Zweige der Watussi noch Spuren der Ursprache erhalten haben — wie von den Hirten in Uganda behauptet wird —, doch ist darüber noch nichts sicheres bekannt.
Die heute lebenden Watussi finden sich als Hirten oder als Häuptlinge der Ackerbauer. Die ersteren haben sich reiner und ursprünglicher erhalten, die letzteren sind nur durch ihren Typus als Watussi erkennbar. In meinem Forschungsgebiet traf ich Watussi-Hirten in geschlossenen Massen in den Gebirgen nordöstlich vom Tanganyika. Als Hirten-Adel sind sie in ganz Urundi, als herrschende Klasse in Ruanda zu treffen. Auch in Urambo, Unyanyembe und anderen Gegenden Unyamwesi's findet man Watussi-Hirten die aus Urundi stammen und vor mehreren Generationen von dort ausgewandert sind. Nur wenige Hirten haben sich in Usinja und Ussui erhalten. Dort jedoch, wie in Ukerewe, tragen die Häuptlinge deutlichen Watussi-Typus und ist überhaupt eine starke, hamitische Blutmischung in der Bevölkerung unverkennbar. Die reinsten Watussi sind jene von Ruanda und Urundi, wo sie grundsätzlich keine Mischheirathen mit den Ackerbauern eingehen, weshalb diese auch nichts vom Watussi-Typus angenommen haben. Dieser ist so auffallend, dass man einen Mtussi sofort aus einer Menge erkennt, obwohl er in Tracht und Schmuck in keiner Weise von den Ackerbauern abweicht.
Da, wo sie vollkommen rein sind, zeigen die Watussi den hamitischen Typus in weit grösserer Deutlichkeit als die Massai und gleichen völlig den Galla und Abessiniern, mit schmalen Nasen, feinen, regelmässigen Zügen und sprechenden Augen. Sie sind hochgewachsen, zur Magerkeit neigend und besitzen ungemein zierliche, schön geformte Extremitäten. Letztere sind besonders charakteristisch. Selbst in Gegenden, wo die Watussi-Herrscher stark mit Bantublut vermischt sind, erkennt man sie ohne Schwierigkeiten an ihren Händen und Füssen, die bei oft vollkommen negerhaften Gesichtszügen doch deutlich den Watussi-Charakter zeigen. Die Ohren sind wohlgeformt, doch nicht selten grösser als bei den Ackerbauern. Beschneidung ist nicht üblich. Das Haar ist stets kraus, negerhaft, nirgends fand ich das bei Massai so häufige halbglatte »Hamitenhaar«, eine Eigenthümlichkeit, die übrigens auch den Galla vielfach anhaftet, während das Hamitenhaar mehr bei Somali und Abessiniern vorkommt. Uebrigens fand Stuhlmann bei nördlicher lebenden Watussi Hamitenhaare. Wie gross die Aehnlichkeit der Watussi mit den Galla ist, mag man daran erkennen, dass einer meiner Soldaten, ein Arussi-Galla, von den Leuten überall für einen Mtussi gehalten wurde.
Die Hautfarbe der Watussi variirt sehr. In Usukuma, überhaupt in Unyamwesi, sind sie meist dunkel, doch könnte man dies Blutmischungen zuschreiben, während solche in Ruanda und den Urundi-Gebirgen nahezu ausgeschlossen sind. Aber auch dort findet man neben angenehm lichtbraunen, dunkle und schwarzbraune Leute, wie denn überhaupt bei dunkelfarbigen Rassen die Hautfarbe mit dem Wohnsitz und der Lebensweise variirt und nur der Typus konstant bleibt.[20] Ob es, wie behauptet wird, auch »weisse«, d. h. sehr lichtfarbige Watussi giebt, ist mir nicht bekannt, doch halte ich dies nicht für unmöglich. Giebt es doch unter den Abessiniern und Galla, besonders unter Weibern, neben sehr dunkelfarbigen auch solche Individuen, welche kaum einen leichten Farbenton erkennen lassen, wie ich selbst mich in Massaua überzeugt habe.
Während der Watussi-Typus in der Jugend etwas anziehend freundliches hat, wird er im Alter scharf, zigeunerartig. Die Bantu-Bevölkerung nennen die Watussi in Urundi und Ruanda »Wahutu«, ein Ausdruck der »Unterworfene« bedeutet und mit den Wauddu der Waganda-Watussi identisch ist, nach welchen die Landschaft Uddu (Buddu) benannt ist. Ueberall jedoch schliessen sich die Watussi diesen Wahutu in Sprache und Tracht an. Die Watussi in Urundi, Ruanda und Unyamwesi sprechen Kirundi, die in Usukuma und Usinja Kisinja (Kinyoro). Die Annahme Stuhlmanns, dass die Watussi (Wahuma) ihre ursprüngliche hamitische Sprache in Unyoro verlernt und das Kinyoro angenommen haben, um sodann die letztere Sprache den sämmtlichen Völkern des Zwischenseengebietes beizubringen, scheint mir allzuweit hergeholt. Sie wird auch durch die Thatsache widerlegt, dass die Völker des östlichen Nyansagebietes, die nie mit Watussi in Berührung kamen, ebenfalls Kinyoro, oder doch sehr nahe verwandte Dialekte sprechen. Die Annahme scheint mir weit näher zu liegen, dass die Bantu-Sprachgebiete zur Zeit des Einbruches der Watussi bereits annähernd in der heutigen Form vorhanden waren und dass die numerisch schwächeren Hamiten sich die Sprache der jeweiligen Ackerbauer aneigneten, ein Fall, der in der Völkergeschichte mehrmals vorkam. So wird es auch erklärlich, warum die Wahuma in Uganda Kiganda und nicht Kinyoro sprechen, während Stuhlmann zur Erklärung dieses, eine andere Hamiten-Einwanderung annehmen muss.
Der Charakter der Watussi-Hirten ist ein kriegerischer, herrschsüchtiger. An Tapferkeit übertreffen sie die Massai die durch wilden Kriegsschmuck wirken wollen, während die Watussi in gewöhnlicher Tracht und mit schlechten Waffen ungemein kühn angreifen und sich selbst durch Misserfolg nicht abschrecken lassen. Doch treten diese Eigenschaften nur in Urundi und Ruanda zu Tage, in Unyamwesi sind sie friedliche Hirten, die froh sind wenn Wangoni und Massai ihnen ihr Vieh lassen.
Nirgends mehr findet man nomadisirende Watussi, alle haben ständige Wohnsitze und erbauen sich Hütten im Kirundi-Styl, doch schlechter angelegt und unreinlicher gehalten. Die kleinen Dörfer sind mit Bambus- und Stangenzäunen umgeben, deren Zwischenräume mit Dorngestrüpp und Disteln angefüllt werden, die eigens zu diesem Zwecke angepflanzt werden. Die Bananenhaine, welche den Warundi-Dörfern ein so freundliches Aussehen geben, fehlen den Watussi stets, so dass man ein Watussi-Dorf schon von Weitem erkennt.
Neben den Dörfern haben sie kleine, aber gut gehaltene Felder vortrefflicher Erbsen und Bohnen, welche diesen Gegenden eigenthümlich sind. Manchmal bauen sie wohl auch etwas Kürbisse. Die Hauptnahrung liefert jedoch die Viehzucht. Sie halten bedeutende Heerden der grossgehörnten Rinderrasse, die in allen Ländern westlich vom Victoria-See vorkommt, während östlich von diesem nur das typische Zeburind lebt. Diese Rinderrasse (Abb. pag. 85), welche auffallend dem abessinischen Sanga gleicht, hat nur einen leichten Buckelansatz, ist verschieden, aber vorherrschend braun gefärbt, grösser und schlanker als das Zeburind. Das merkwürdigste sind die Hörner, die zu dem kleinen Kopf in gar keinem Verhältniss stehen und den Thieren wirklich eine Last sein müssen. Oft ist ein Horn schwerer als das andere, in welchem Falle das Thier den Kopf nicht gerade halten kann. Die Rinder, die am Plateau von Urundi leben, sind derart den wasserreichen, kühlen Gebirgsländern angepasst, dass sie in trockenen Gegenden sofort eingehen. Sie sind wenig milchreich; ihr Fleisch schmeckt schlechter als das der Zeburinder.
Es scheint mir zweifellos, dass diese höchst charakteristische Rinderrasse von den Watussi aus ihrer Urheimath eingeführt wurde. Wahrscheinlich fanden sie in den Gegenden westlich vom Nyansa gar keine Rinder vor und konnten daher die eingeführte Rasse in voller Reinheit fortzüchten. Diese wurde dann auch von den Ackerbauern übernommen. Es könnte Wunder nehmen, dass die Massai, die doch eine viel jüngere Einwanderung bilden, keinerlei charakteristische Rinderrasse mehr erhalten haben. Doch brachen diese in sehr rinderreiche Gegenden räuberisch ein, eigneten sich grosse Heerden Zeburinder an und es musste daher, selbst wenn sie eine ursprünglich abweichende Rasse besassen, diese bald in der ungeheuren Ueberzahl der Zeburinder aufgehen. Dass dies auch bei den Watussi in überraschend kurzer Zeit möglich, zeigen die Watussi-Heerden in Unyamwesi. Die dortigen Ansiedler, die vor Menschengedenken aus Urundi einwanderten und noch Kirundi sprechen, brachten zweifellos das Watussi-Rind mit sich. Da dasselbe jedoch, durch lange Anpassung an wasserreiche Plateaus, das Tieflandklima schlecht vertrug, nahmen sie immer mehr Zebus auf, die heute die Hauptstärke der Heerden bilden.
Die Watussi widmen ihren Rindern sehr grosse Sorgfalt und bringen sie Nachts oft in den Hütten unter. In Gegenden, wo die Gewässer von Papyrus erfüllt sind, lassen sie die Rinder nicht direkt daraus trinken, sondern schöpfen mühsam Wasser in eigene Lehmgruben.
An charakteristischen Geräthen konnte ich bei den Watussi nur drei auffinden, die allen gemeinsam eigen sind: Einen hölzernen Milchtopf, der an einem Schnurnetz aufgehängt wird, ein Instrument zum Aushöhlen dieses Topfes und einen stumpfen Pfeil zum Aderlassen der Rinder. Letzterer findet sich auch bei den Massai. Sonst sind alle Geräthe den umwohnenden Völkern entlehnt.
Was die ursprüngliche Waffe der Watussi war, erscheint zweifelhaft. In Urundi, Ruanda und Unyamwesi brauchen sie heute fast nur Bogen und Pfeile ohne Köcher, die jenen der Bantustämme entlehnt sind, selten den charakteristischen Warundi-Speer.
Welche Rolle der Schmiedestamm der Warongo in Usinja und Usukuma den Watussi gegenüber spielt, ist ebenfalls fraglich. Körperlich stehen die Warongo vielfach dem Watussitypus nahe und haben wir in diesen geschickten Schmieden — die auch in Ruanda auftauchen — vielleicht Nachkommen einer Schmiedekaste, ähnlich den Elkonono der Massai, zu sehen.
Von besonderen Gebräuchen erfuhr ich nichts, was nicht auch den umwohnenden Bantu eigen wäre. Nur sollen die Watussi in Ruanda die reifgewordenen Mädchen in Hütten einschliessen, bis die Haare lang über den Nacken herabfallen. Auch halbwüchsige Knaben sah ich mit abrasirtem Vorderhaupt und langen Haaren am Hinterkopf. Von eigenen religiösen Anschauungen konnte ich nichts erfahren. Was Speke diesbezüglich anführt, vor Allem das Bewerfen gewisser Lokalitäten mit Steinen, die sich nach und nach zu grossen Haufen aufthürmen, oder mit Gras zum Schutz gegen böse Geister, ist nichts charakteristisches und auch den Bantu eigen. Ob das Vermischen der Milch und Butter mit Kuhurin, das überall westlich vom Nyansa geübt wird, ursprünglich den Watussi entstammt, mag dahin gestellt bleiben.
Milchgefäss aus Holz, Watussi. — Geräth zum Aushöhlen der Milchgefässe, Watussi.
Wie wir die Watussi heute sehen, erscheinen sie als ein physisch hervorragender hamitischer Hirtenadel unter den Bantustämmen, welchen sie sich sprachlich und ethnographisch völlig angeschlossen haben. In manchen Gegenden sind sie von den Bantu nur durch den Typus, der besonders bei Herrscherfamilien rein erhalten ist, zu unterscheiden. In anderen Gegenden, wie in Urundi und Ruanda, leben sie noch als getrennter Stamm, als Viehzüchter unter den ackerbauenden Bantu. Ob es gelingen wird, sprachlich und ethnographisch reinere Watussi, als die von Stuhlmann und mir gesehenen, aufzufinden, scheint fraglich. Denn an den Nilquell-Seen fehlen die weiten Steppen und unbewohnten Plateaus der Massai-Länder, überall lebt hier seit Jahrtausenden eine Bantu-Bevölkerung, welche Eindringlinge wie die Watussi wohl politisch beherrschen, deren ungeheurer Ueberzahl sie jedoch ethnisch weichen müssen.
Der östlichste Punkt bis zu welchem der Watussi-Einfluss gedrungen, ist die von Wasinja bewohnte Insel Ukerewe. Dort soll vor 15 Generationen Ruhinda, ein Mtussi, mit seinem Anhang aus Uhaia, eingewandert sein. Er verdrängte die Ureinwohner, die der Waschaschi-Gruppe angehörten und den Wakara-Wakwaya verwandt waren und soll die Banane eingeführt haben. Er ist am Kitare-Berg begraben und sein Nachkomme ist der jetzt lebende Häuptling Lukonge, der mit seiner Familie noch deutlich den Watussi-Typus trägt. Irangala, der Nordwesten der Insel, untersteht jedoch nicht diesem, sondern dem Häuptling Kaka.
Krieger aus Ukerewe.
Nur mehr oder weniger mit ohnehin verwandten Wakwaya-Elementen vermischt, sind die Wakerewe sprachlich reine Wasinja. Sie hatten früher Kämpfe mit den zwischen Speke-Golf und Baumann-Golf hausenden Wataturu zu bestehen, die sie mit ihren vergifteten Pfeilen angriffen. Doch wurden diese schliesslich besiegt und lebten dann mit den Wakerewe in Frieden. Dann tauchten die Massai auf, vernichteten die Wataturu und fielen auch, den Rugedsi-Kanal übersetzend, in Ukerewe ein, um Rinder zu rauben. Gegenwärtig beherrscht Lukonge ausser Ukerewe auch Kiruviru, die Insel Nafuba und die Inseln des Baumann-Golfes; Ukara dagegen ist völlig unabhängig.
TAFEL XXII
Ornamente auf Körben der Wakerewe.
Ukerewe stand bis in die letzten Jahre in einem gewissen Abhängigkeits-Verhältniss von Uganda. Das Gleiche war auch bei den kleinen Staaten von Usinja, im engeren Sinne von Mweri, der Fall, eine Landschaft, die sich von der Bukumbi-Bai bis zum Südwestende des Emin Pascha-Golfes ausdehnt. Das Land war früher stärker bewohnt, wie die zahlreichen Spuren früherer Niederlassungen in jetzt unbesiedelten Gebieten andeuten, wurde jedoch durch Einfälle der Wangoni theilweise entvölkert. Am bedeutendsten ist der Häuptling Rwoma, der den Nordosten des Landes beherrscht. Alle anderen sind nur Schulzen die jedoch, wie auch Rwoma, sämmtlich dem Watussi-Stamm angehören.
Westlich vom Nyansa dehnt sich das Königreich Ost-Ussui aus, das auch Theile von Usambiro- und nördlichen Wanyamwesi-(Wafiomi)-Landschaften umfasst. Es ist in seinem östlichen Theile ziemlich dicht, im westlichen Gebirgsland dagegen schwach bewohnt. Es steht unter despotischer Herrschaft des Häuptlings Kassusura, der früher ein Vasall Uganda's jetzt unabhängig ist. Durch einen unbewohnten, zu Karagwe und Uha gehörigen Strich von Ost-Ussui getrennt, liegt West-Ussui, das nur in seinem östlichem Theil von Wasinja, im westlichen von Warundi bewohnt ist. Diese nennen sich, ebenso wie die Wanyamwesi Südost-Ussui's, ebenfalls »Wassui«, woraus hervorgeht, dass dieser Begriff kein ethnographischer, sondern ein politischer ist. West-Ussui wird vom Häuptling Yavigimba (Kirundi Rwawigimba) beherrscht. Dieser ist, wie Kassusura, ein Mtussi, auch trifft man in West-Ussui zuerst Watussi-Hirten, die jedoch von Yavigimba nicht sehr begünstigt und vielfach vertrieben wurden. So stammen die Watussi von Urambo aus West-Ussui.
Die Wasinja erscheinen körperlich als ein Mischvolk der ursprünglichen Bantu-Bevölkerung mit starken hamitischen (Watussi) Elementen. Man trifft also neben reinem Negertypus auch schöne an Abessinier erinnernde Körper- und Gesichtsformen, sowie Leute, die ein deutliches Gemisch der beiden Typen erkennen lassen. Als fast reine Watussi erscheinen die Herrscherfamilien, doch haben dieselben vollere Körperformen als die mageren Hirtenstämme, was wohl hauptsächlich der reichlicheren Pflanzenkost zuzuschreiben ist.
Im Allgemeinen sind die Wasinja ein mittelgrosser, kräftiger und wohlgebildeter Stamm mit dunkelbrauner Hautfarbe. Haarfrisuren werden nicht getragen. Beschneidung ist unbekannt. Als Stammesmarke gilt in der Landschaft Usinja eine schlangenartig, spiralig endende Narbenverzierung die unterhalb des Nabels quer über den Bauch verläuft. Die ursprüngliche, in Ukerewe noch allgemein übliche Kleidung ist ein Ziegenfell, das von einer Schulter herabhängt und stets die Schamtheile bedeckt, doch wird in Usinja und Ussui überall Baumwollzeug getragen. Nur die Weiber tragen meist Lederlendenschurze. In Ukerewe lässt man oft den Bart lang wachsen und dreht ihn zu einem dünnen Zopf, der mit Bast umwunden wird. Ausser Arm- und Beinringen und mit Draht umsponnenen Darmsaiten (Madodi) am Arm, werden nur Halsbinden aus Metall- oder Glasperlen als Schmuck getragen.
Den Zähnen wird überall besondere Pflege gewidmet, in Ukerewe benutzt man eigene Gefässe mit Sand zum reinigen derselben. Als Kriegsschmuck wird in Ukerewe eine kaurigeschmückte Mütze aus Löwenfell getragen.
Die Wasinja sind intelligent und wissen sich in neue Verhältnisse zu schicken. Früher waren sie durch ihre Erpressungen der Schrecken der Karawanen, jetzt haben sie darin sehr nachgelassen und nur Kassusura von Ost-Ussui erhebt nach wie vor sein »Mahongo« (Tribut) von den Händlern. Durch diese Erpressungen, sowie durch die Eisenindustrie haben sie, obwohl sie niemals zur Küste gehen, doch viel Zeug gesammelt. Ihre Sprache ist ein angenehm klingender Bantudialekt, der ungeheure Verbreitung von Unyoro bis Ukerewe und auch über Schaschi besitzt.
Während Waschaschi und Wanyamwesi noch in Cylinderhütten mit Kegeldach und Lehmwänden wohnen, finden wir bei allen Wasinja die reinen Gras- oder Laubhütten, in Ukerewe sowohl, wie in Usinja und Ussui von genau der gleichen Anlage, nur nach Reichthum und Stellung des Besitzers abweichend in Grösse und Sorgfalt der Ausführung. Die Wasinja-Hütte (Abb. pag. 71) besteht aus einem einfachen Geflecht aus Zweigen ohne Mittelpfeiler, das mit Gras oder dürren Bananenblättern gedeckt wird. Den Gipfel krönt häufig ein Straussenei. Oefter ist an dem Eingang ein Vordach vorhanden, das manchmal hübsch mit Rohrwänden versehen ist. Das Innere ist durch Lehm- oder Rohrwände in kleine Abtheilungen getheilt. Der Durchmesser variirt von circa 15 m (wie bei Lukonge's Hütte) bis zu 3 m. Oft ist die Hütte so leicht, dass man sie ohne Schwierigkeit an einen andern Platz tragen kann.
Gefäss mit Sand
zum Zahnreinigen
der Wakerewe.
In Ukerewe und Usinja ist die Höhe grösser als der Durchmesser, in Ussui ist das Umgekehrte der Fall und die Hütte nähert sich immer mehr der Halbkugelform. Grössere Dörfer sind vereinzelt, meist sind kleine Weiler zwischen den Feldern verstreut, die mit lebenden oder Stangenzäunen und schönen Bananenhainen umgeben sind.
Die Hauptbeschäftigung der Wasinja ist Ackerbau, neben welchem Jagd und Fischerei nur untergeordnete Rollen spielen. Letztere wird von den Nyansastämmen, besonders den Wakerewe in ähnlicher Weise wie von den Waschaschi betrieben. Hauptsächlich dazu, sowie zur Vermittelung des Verkehrs haben sie ziemlich grosse Kanus, die ähnlich wie jene der Waganda aus genähten Brettern bestehen und von 2-40 Mann halten. Das Rudern geschieht sitzend mit eigenthümlich geformten und bemalten Rudern. (Abb. pag. 44.) Den Takt giebt Gesang, den ein meist an der Spitze des Kanus stehender Vorsänger leitet.
Die Viehzucht war früher bedeutender als jetzt, wo sie durch die Seuche stark gelitten. In Ukerewe wird das (offenbar von Osten importirte) Zeburind, westlich vom Bukumbigolf aber überall das Watussi-Rind gehalten. Die Bewohner der Landschaft Usinja sollen sich früher fast ausschliesslich von Viehzucht ernährt haben, bis die Wangoni-Einfälle ihnen das unmöglich machten.
Kleinvieh wird überall, besonders in Ukerewe zahlreich gehalten. In Ussui haben die Schafe auffallend lange Fettschwänze. Hühner giebt es wenige, dagegen wird viel Mühe auf Bienenzucht verwendet. Als Stöcke dienen auf Bäume aufgehängte Holzröhren, wie man solche auch in den Kilimanjaro-Ländern antrifft. Der Ukerewe-Honig gilt mit Recht als besonders vorzüglich. Hunde giebt es überall, dieselben sind in Usinja auffallend langbeinig.
Die ursprüngliche Kulturpflanze der Wasinja war jedenfalls die Banane, die sich, meist in der süssen Art (Musa paradisiaca) überall bei ihnen findet. In Ukerewe und Theilen von Ussui liefert sie heute noch die Hauptnahrung während in Usinja der Maniok ihre Stelle vertritt, eine Kulturpflanze, welche ihrer leichten Anbauart halber, nicht selten von früheren Viehzüchtern (z. B. auch den Wadigo) gewählt wurde. Im Uebrigen findet man eine auffallend grosse Mannigfaltigkeit der Kulturpflanzen. So baut man in Ukerewe Bananen, Sorghum Mawele (Penicillaria), Mais, Pataten, Hülsenfrüchte, Kürbisse, Maniok, Tabak und Hanf, in Usinja Maniok, Pataten, rothen Sorghum, Mais, Bananen, Arachis und etwas Tabak, in Ussui Bananen, weissen Sorghum, Maniok, Tomaten, Pataten, Bohnen, Sesam, Arachis, kleine Kürbisse, Ricinus und Tabak.
Die Felder sind gut gehalten, das Erträgniss der Ernte wird in Vorrathshütten aufgespeichert oder in länglichen, an Stangen gebundenen Grasgeflechten verwahrt. (Abb. pag. 71.) Zur Bearbeitung dienen Hacken und sichelförmige Feldbeile, die zum Roden des hohen Grases benutzt werden. Der Sorghum wird nicht in Mörsern, sondern in länglichen Holztrögen gestampft, die rothe Varietät fast nie zur Pombebereitung benutzt.
Von besonderer Bedeutung ist in Usinja und Ost-Ussui die Eisenindustrie, die von »Warongo« genannten Schmieden ausgeübt wird, welche möglicherweise die Nachkommen einer Schmiedekaste der Watussi sind. Das Eisen wird aus Raseneisenstein gewonnen und ist guter Qualität. Die Werkstätten sind geräumiger als die Wohnhäuser. Als Brennmaterial dienen Holzkohlen. Der Blasebalg, sowie überhaupt der ganze Schmiedeapparat mit Hämmern und Zangen, gleicht fast vollkommen dem in Nord-Pare[21] üblichen. Das Haupterzeugniss sind Hackenklingen (Abb. pag. 72), die in ganz Unyamwesi und bis Ugogo hin ungemein geschätzt sind. Daneben werden sehr schöne Speere und Pfeilspitzen gefertigt, wie denn alle Arbeiten der Warongo sich durch ausserordentliche Schönheit und Solidität auszeichnen. Pfeile und Bogen sind die Hauptwaffen der Wasinja, erstere werden in Bambusköchern oder länglichen Kalebassen, in Ussui in Lederbeuteln verwahrt und manchmal vergiftet. Vorderlader-Gewehre sind in Usinja und Ussui stark verbreitet. Die Speere haben durchwegs Klingen mit übergreifender Schaftzwinge. Ihre Form nähert sich theils jener von Urundi, theils der von Nkole. Manche Speere haben auch eiserne Schäfte. Schilde sind nicht mehr gebräuchlich, eine veraltete Form derselben fand ich nur in Ukerewe. Dieselbe ist aus dem korkähnlichen Ambatsch-Holz gefertigt und eigenartig ornamentirt. Schwerter sind nicht gebräuchlich. Von Häuptlingen werden öfters zierliche Paradebeile getragen.
Alle Geräthe der Wasinja und besonders der Wakerewe zeichnen sich durch sorgfältige und zierliche Ausführung aus. Trinkkalebassen und vor Allem Körbe sind mit originellen Ornamenten versehen, in welchen die Quadrat- und Dreieckmuster vorherrschen, nicht selten aber auch Spiralmuster auftreten.
Pfeilspitzen, Usinja. — Sichel der Wasinja. — Sichel, Ukerewe. — Trinkkalebasse der Wakerewe. — Korbflasche der Wakerewe.
Gegenstand des Kultus sind die Geister der Ahnen, welche Krankheiten verursachen und die man in Ukerewe durch Trommeln und kleine Opfer, in Ussui durch Zeugbündel, die an Kreuzwege gelegt werden, versöhnt. Auch gewisse Plätze gelten als Sitz von Geistern und pflegt dort jeder Vorbeiziehende einen Stein hinzuwerfen, so dass sich nach und nach ein Steinhaufen aufthürmt. Mit dem Ahnenkultus in Beziehung steht jedenfalls auch eine meterhohe Figur aus Ebenholz, die ich in Ukerewe fand und die mir als Bildniss des verstorbenen Häuptlings gedeutet wurde. Bei derselben hielt sich stets die Lieblingsfrau des Verstorbenen auf. Bei der Seltenheit bildlicher Darstellungen des menschlichen Körpers in Ost-Afrika hat diese Figur besonderes Interesse.
Topf der Watwa (Urundi). — Speere der Wassui. — Holzfigur des verstorbenen Häuptlings, Ukerewe. — Paradebeil der Wasinja. — Schild aus Ambatschholz, Ukerewe. — Köcher der Wassui.
Die Regierungsform der Wasinja ist überall monarchisch. Früher bestand ein grosses Königreich, jetzt ist das Land in kleine Fürstenthümer getheilt, von welchen Ost-Ussui das bedeutendste ist. Dann folgen West-Ussui (Uyogoma), Ukerewe und Rwoma's Land in Usinja. Alle anderen Herrscher in Usinja, sowie Kaka in West-Ukerewe, sind nicht viel mehr als Dorfschulzen. Die Häuptlinge geniessen sehr grosse Macht und verfügen nahezu unumschränkt über Leben und Tod. Sie halten eine Art Leibwache, welche zugleich Polizeidienste versieht und bei Verbrechen die Schuldigen verhaftet. Auf Diebstahl steht Todesstrafe, auch wird das Vermögen des Schuldigen eingezogen und seine Verwandten werden der Sklaverei überliefert. Ausser solchen Sklaven, die jedoch meist ins Ausland verkauft werden, giebt es in Usinja auch fremde, durch Karawanen importirte.
Watwa-Dorf, Urundi.
Der gewöhnliche Gruss eines Höheren besteht bei allen Wasinja, von Ukerewe bis Ussui, im Niederknien und Händeklatschen. Der Gegrüsste erwidert darauf nicht.
Die Wasinja sind zwar weniger unternehmungslustig als die Wanyamwesi, durch ihre Intelligenz und ihre Geschicklichkeit, die sich besonders in Schmiedearbeiten äussert, aber doch sicher berufen eine Rolle zu spielen.
Während die Wasinja schon von verschiedenen Reisenden, von Speke bis auf die neueste Zeit besucht und besonders von Stuhlmann vorzüglich beschrieben wurden, gelangen wir westlich von ihnen zu einem Bantustamm, von dem kaum mehr als der Name bekannt war: den Warundi. Mit den ihnen nahe verwandten Waha und Wanyaruanda bewohnen sie ein weites Gebiet, von Ussui bis zum Russisi, von Unyamwesi bis zum Tanganyika und reichen nördlich bis nahe an den Albert Edward-See. Ueberall stehen sie als »Wahutu« (Unterworfene) dem Adel der Watussi gegenüber.
Die Warundi sind zweifellos sehr alte Ansiedler der von ihnen bewohnten Gebiete; irgend welche Tradition über Einwanderung besteht, soviel ich erfahren konnte, nicht. Dennoch sind die Warundi wahrscheinlich keine Urbevölkerung, sondern eine solche haben wir in den Watwa zu sehen, welche überall im Lande verstreut leben. Der Name Watwa (oder Batwa) ist bekanntlich ein weit verbreiteter und wird hauptsächlich den Pygmäenvölkern in den südlichen Kongowäldern beigelegt. In den schwach bewohnten Urwäldern konnten die Watwa sich begreiflicherweise reiner erhalten als in dem offenen Urundi, inmitten einer dichten Ackerbaubevölkerung. Der Blutmischung waren hier die Wege geebnet und thatsächlich finden wir, dass die Watwa Urundi's durchschnittlich nicht kleiner sind als die umwohnenden Warundi.
Sie leben in kleinen Niederlassungen mit sehr schlechten Grashütten, benutzen im Gegensatz zu den Warundi, die stets auch Speere führen, ausschliesslich Bogen und Pfeile und lebten ursprünglich von der Jagd. Mit der Zunahme der Bevölkerung nahm jedoch das Erträgniss derselben ab, doch wandten sich die Watwa keineswegs dem Ackerbau, sondern der Töpferei zu. Mit einem Stück Kalebasse als einzigem Geräth und einem Schnurende zum Anbringen der Ornamente fertigen sie ungemein geschmackvolle Töpfe und Krüge an, welche sie an die Ackerbauer verkaufen.
Sie werden sehr verachtet und gelten als Pariastamm. Kein Mrundi würde aus demselben Gefäss wie ein Mtwa trinken, auch sollen Heirathen nicht vorkommen. Dennoch ist, wie gesagt, die Blutmischung unverkennbar und zwar nicht nur bei den Watwa, sondern auch bei den Warundi. Denn unter den vielfach hochgewachsenen Warundi trifft man, besonders im Norden, auffallend häufig Leute von etwa 1,35 m Höhe mit kurzem Hals, röthlichen Lippen und gedrungener Gestalt, auch erwachsene, auffallend lichtfarbige Weiber mit dem Kinde auf dem Rücken bei einer Höhe von 1,20 m.
Offenbar hat man es hier mit Fällen von Atavie zu thun, bei welchen der Typus einer Watwa-Urbevölkerung zu Tage tritt, welche in den Warundi aufgegangen ist. Die heutigen Watwa dagegen stellen nur einen von der herrschenden Rasse durch die Lebensweise unterschiedenen Pariastamm dar. Der Uebergang zwischen ihnen und den Kongo-Watwa bilden die Watwa der Berge westlich vom Tanganyika, die ebenfalls von Jagd und Töpferei leben, nach den Märkten der Eingeborenen kommen, jedoch bereits als Zwerge bekannt sind. Alle Watwa sollen eine eigene Sprache besitzen, doch konnte ich trotz vieler Bemühung nur Kirundi-Wörter von ihnen erhalten. Sie scheinen sehr stumpfsinnig, »tu wayovu« (Wir sind Elephantenjäger) ist das einzige, was sie auf alle Fragen antworten. Auch ihre Geräthschaften, mit Ausnahme jener für Töpferei, haben nichts charakteristisches und gleichen jenen der Warundi.
Wenn also auch in gewissen Distrikten eine Aufnahme von Watwa-Elementen bei den Warundi wahrscheinlich ist, so haben sie sich im Allgemeinen doch sehr rein und besonders von hamitischen (Watussi) Mischungen ziemlich frei erhalten.
Die Warundi sind ein kräftiger, mittelgrosser Stamm; hochgewachsene und herkulisch gebaute Leute sind nicht selten. Die Gesichtszüge sind rein negerhaft, die Hautfarbe dunkelbraun, bei der geringen Reinlichkeit oft fast schwarz erscheinend. Die Busen junger Weiber sind wohlgeformt und nicht zitzenförmig.
Haartrachten der Warundi.
Die Sprache der Warundi ist ein reines Bantu-Idiom, welches von Kisinja (Kinyoro) wesentlich abweicht, mit Kiha aber nahezu identisch ist. Der Dialekt von Ruanda nähert sich etwas mehr dem Kisinja. Sonst finden sich keine eingreifenden dialektischen Verschiedenheiten in ganz Urundi und einige meiner Leute aus Ujiji konnten sich überall verständlich machen.
Im Gegensatz zu den meisten Negerstämmen werden die Ohren in Urundi niemals durchbohrt und auch die Zähne in keiner Weise verstümmelt. Beschneidung ist nicht üblich. Die Kopfhaare werden kurz getragen oder abrasirt, wobei man oft einzelne Stellen in Form von Spiralstreifen, Kreisen oder Haarkämmen stehen lässt. Die Weiber rasiren die Haarränder meist rund ab. In manchen Gegenden pflegt man sich mit weisser Farbe (aus Mergel oder Hyänenmist) am kahlrasirten Schädel und im Gesicht Flecken und Streifen zu malen. Als Kleidung dient hauptsächlich Rindenzeug, das in rother und grauer Farbe vorkommt. Die rothen Stoffe sind oft mit grauen und schwarzen Flecken und Streifen gemustert. Männer tragen einen dreieckigen Ueberwurf, dessen langer Zipfel bis zu den Knien herabhängt und stets die Schamtheile bedeckt, sowie manchmal auch einen Lendenschurz. Ledige Weiber tragen einen Lendenschurz aus grauem Rindenzeug, Verheirathete auch noch ein Tuch, welches den Busen verhüllt und oft zugleich den Sprössling festhält.
Zeug-Ornamente der Warundi.
In manchen Gegenden tritt an Stelle des Rindenzeugs — doch stets nur vereinzelt — Leder; besonders lieben es junge Leute, beim Tanz schneeweiss bemalte Lederschürzen zu tragen. In Ruanda haben viele Weiber Lederkleidung. Europäisches Zeug trifft man in Urundi — ausser am Tanganyika — nirgends, in Ruanda nur ganz vereinzelt. Ein beliebter Halsschmuck der Warundi ist das dreieckige Segment einer Seeschnecke, welches an einer Schnur getragen wird. Da Küstenerzeugnisse — ausser etwas Messing und sehr wenigen Glasperlen — sonst gänzlich fehlen, so ist das häufige Vorhandensein einer Seeschnecke auffallend. Doch wird dieser Schmuck auch in Unyamwesi häufig getragen und wurde wohl in früheren Zeiten — als ein friedlicher Verkehr mit Urundi noch möglich war — massenhaft importirt und hat bei seiner Solidität bis heute ausgehalten. Doch sieht man schon häufig Nachahmungen aus Knochen und Flusspferdhauern. Ausser diesen wird auch ein trichterförmiger Eisenschmuck um den Hals getragen, sowie hübsche, mit Messing ornamentirte Holzcylinder.
An den Knöcheln tragen Weiber und vornehme Männer mit Eisendraht umsponnene Darmseiten, Madodi. Ein eigenthümlicher Schmuck ist der dicke hölzerne Armring (Abb. pag. 77), den alle Warundi-Krieger am linken Unterarm tragen und der häufig mit originellen Eisen-, Messing- und Kupferornamenten beschlagen ist. Er dient theils als Waffe beim Faustkampf, theils zum Auflegen des Pfeiles beim Zielen und zum Abhalten der rückschnellenden Bogensehne. Doch findet er sich als reiner Schmuck auch in Gegenden, die keine Bogen und Pfeile benutzen, wie Uyogoma.
Die Wohnungen der Warundi sind reine Grashütten ohne Mittelpfahl, oft breiter als hoch, dann mit seitlichen Stützen. Von der reinen Halbkugelform weichen nur die Hütten im Kagera-Quellgebiet ab, die cylindrischen Bambus-Unterbau besitzen. In Nord-Urundi und Uyogoma ist das Innere durch zwei halbkreisförmige Lehmwände (a a) getheilt, die nicht bis zum Dach reichen und mit den convexen Seiten gegen den Eingang stehen. Sonst werden die Kammern stets durch Papyrus- oder Bambuswände abgetrennt. In einer derselben steht das bequeme, mit Gras und Bananen-Matten bedeckte Bett. Neben der Wohnhütte stehen Vorrathskörbe, die ähnlich wie die von Usinja und Unyamwesi aussehen.
Halsschmuck der Warundi.
Wohngrundriss.
Alle Hütten sind in kleinen Komplexen zwischen dichten Bananenhainen vertheilt und mit buschiger Euphorbien- oder mit Distel ausgefüllter Bambus-Hecke umgeben. Aus den Bananen erheben sich einzelne glänzendblättrige Ficus-Bäume, die zur Herstellung des Rindenzeugs dienen und das ganze Dorf erscheint wie eine dunkelgrüne Insel in dem Meer lichtgrüner Grashalden.
Die Jagd spielt in dem dicht bewohnten Urundi keine Rolle, Fischfang betreiben die Tanganyika-Stämme mit Eifer, während im Kagera und Akanyaru, soviel ich erfahren konnte, nicht gefischt wird. Die Kanus der Tanganyika-Warundi sind primitive Einbäume mit Ruder, deren Blätter mit Baststricken befestigt sind. Am Akanyaru giebt es schone Einbäume mit langen, schaufelförmig ausgehöhlten Rudern, die wohl zugleich zum Ausschöpfen des Kanus dienen.
Die Rindviehzucht liegt hauptsächlich in den Händen der Watussi, doch haben auch Warundi vereinzelt Rinder der Sanga-Varietät. Schafe werden viele gehalten, sie sind glatthaarig mit kleinem Fettschwanz, nur in Nord-Urundi sah ich auch wollhaarige Schafe. Ziegen trifft man nur vereinzelt. Schlanke Hunde sind häufig und werden oft an der Leine geführt. Bienenzucht ist überall beliebt, die Körbe werden cylindrisch aus Gras geflochten und haben zwei Holzdeckel mit Fluglöchern. Hühner werden selten, in West-Ussui garnicht gehalten.
Die Hauptnahrung der Warundi liefert die Banane, welche in den Dorf-Komplexen angebaut wird. Die halbreifen Früchte werden meist abgenommen und vergraben, wodurch sie rascher reif werden. Eine grosse Rolle spielen auch Hülsenfrüchte, Bohnen und Erbsen, letztere von besonders guter Qualität. Sie werden in langen Bastkörben in den Hütten aufbewahrt. Sorghum der rothen Varietät dient hauptsächlich zur Bereitung von Pombe, der in grossen Mengen genossen wird. Zum Stampfen dienen Holzmörser. Vereinzelt trifft man auch Eleusine, süsse Kartoffeln, Mais und Maniok; überall Tabak, der in Ruanda geraucht, in Urundi hauptsächlich geschnupft wird. Aus Honig und Bananen wird ebenfalls ein geistiges Getränk bereitet, das ziemlich wohlschmeckend ist. Zum Rauchen dienen lange Pfeifen mit Thonköpfen, die Schnupfer pflegen sich die Nase mit einem halbgespaltenen Stück Holz zusammen zu klemmen, um den Genuss zu verlängern.
Topf, Ruanda. — Sichel, Urundi. — Hackenklinge, Urundi.
Am Tanganyika trifft man sehr viele Oelpalmen, die dort ein richtiges Kulturgewächs bilden. Ueberall pflanzt man ferner die Ficus-Art, welche das Rindenzeug, in manchen Gegenden auch Brennholz liefert, vielfach auch Bambus und Disteln zum Herstellen von Zäunen. Im Allgemeinen sind die Warundi keine besonders eifrigen Ackerbauer, sie pflanzen nur so viel, als sie zum Leben unbedingt nöthig haben und weite Striche ihres fruchtbaren Landes bleiben unbebaut.
Von Geräthschaften der Warundi fanden schon einige Erwähnung. Dem Ackerbau dienen eiserne Spaten und eigenthümliche, sichelförmige Haumesser, die sich ähnlich in Ukerewe und dem nördlichen Zwischenseengebiet finden und die auch zum Lichten der Papyrussümpfe gebraucht werden. Korbwaaren werden mit Geschick gefertigt. Zur Töpferei haben die Warundi wenig Geschick, wo die Watwa fehlen, sind die Töpfe stets plump und leicht zerbrechlich. Ein eigenthümlicher Regenschirm ist im Süden des Landes gebräuchlich, er besteht aus einem Halbcylinder aus Blättergeflecht, den der Träger über den Kopf stülpt. Zur Anfertigung des Rindenzeuges dient ein Beinhammer, mit welchem das betreffende Rindenstück einfach breitgeschlagen wird. Der Baum kann vollständig geschält werden und erholt sich, umwickelt mit altem Rindenzeug oder Bananenblättern, rasch wieder.
Hammer zum Fertigen von Rindenzeug, Urundi. — Speerspitze der Warundi. — Pfeilspitze, Warundi. — Schwert der Warundi vom Tanganyika. —
Schild, Ruanda. — Schwert, Ruanda. — Pfeilbehälter der Warundi.
Die Waffen der Warundi sind Speer und Bogen, wobei schwer zu sagen ist, welche Waffe als Hauptwaffe gelten kann. In manchen Gegenden trifft man nur Speere, in anderen nur Bogen, meist aber beide Waffen gemeinsam. Die Speere haben lange, schlechte Schafte und locker sitzende, charakteristisch geformte Spitzen. Letztere werden meist abgenommen und in Bananenblätter gewickelt unter dem Rindenzeug getragen. Die Bogen sind nicht besonders kräftig, die Pfeile meist ohne Widerhaken und fast niemals vergiftet. Köcher sind nicht bekannt, die Pfeile werden in den Hütten in länglichen, ornamentirten Behältern aufbewahrt, im Felde aber stets in der Hand getragen. Kurze Schwerter dienen hauptsächlich als Paradewaffen und werden besonders am Tanganyika schön ausgeführt. Schilde sind gegenwärtig nicht mehr gebräuchlich, doch traf ich in Nord-Urundi alte, sehr originelle Holz- und Korbschilde, die jetzt nur mehr bei Tänzen dienen.
Einen Verkehr mit der Aussenwelt kennen die Warundi nicht, weder kommen jemals Karawanen in's Land, noch verlassen die Bergwarundi ihre Heimath. Sie gehen niemals nach Ussui oder Ruanda, ebenso nicht zum Tanganyika, sondern verkehren höchstens mit Uha, woher sie Salz und Messing beziehen. Die Tanganyika-Warundi allerdings haben durch jahrelangen Verkehr mit Arabern und Swahíli ihre Sitten vielfach modificirt, reisen öfter nach Ujiji und ziehen sogar mit an die Küste.
In so grossartiger Weise ich auch das Volksleben in Urundi kennen lernte, so wenig bot sich mir bei dem herrschenden Begeisterungstaumel Gelegenheit, näheres über das innere Leben der Warundi zu erfahren. Diesbezügliche Erkundigungen konnte ich nur am Tanganyika einziehen, so dass die nachfolgenden Bemerkungen sich hauptsächlich auf die Bewohner des Seeufers beziehen, bei der grossen Einheitlichkeit des Stammes aber wohl in den Hauptsachen für alle Warundi gelten.
Nach der Geburt eines Kindes bleibt die Mutter sieben Tage in der Hütte. Sobald dem Kinde Haare wachsen, wird ein Familienfest abgehalten, wobei Pombe getrunken und ein Schaf geschlachtet wird, dessen Blut man mit dem festen Abfall des Pombe (Maische) in eine Grube giesst. Diese wird wieder ausgefüllt, mit Gras bestreut und ein Topf mit Doppelöffnung darauf gestellt. Dabei werden die Geister der Vorfahren beschworen das Kind zu schützen. Hierauf wird das Kind rasirt, die Haare werden mit Pombeabfall angemacht und in einer Schachtel aufbewahrt. Diese gilt als ein Talisman und bleibt stets am Geburtsort des Kindes. Gelegentlich dieses Festes erhält das Kind drei Namen vom Vater, Mutter und der Grossmutter (mütterlicherseits) die es lebenslang behält. Ein Kind, welchem die oberen Schneidezähne zuerst wachsen, gilt als unglückbringend und wird in den Busch geworfen. Am Tage des Reifwerdens eines Mädchens, wird dieses von der Grossmutter im Hause umhergeführt und muss alle Gegenstände berühren.
Topf der Warundi.
Der Vater wählt dem Sohne eine Gattin und bezahlt den Brautpreis, der meist in zwei Ochsen oder dem Aequivalent besteht. Das junge Ehepaar bleibt sieben Tage in der Hütte, während welcher ein Fest gefeiert wird. Vielweiberei ist gebräuchlich.
Die Warundi sind ein körperlich gesundes Volk, Kranke und Krüppel sieht man nur wenige. In gewissen Gegenden sind Augenleiden sehr häufig und man trifft verhältnissmässig viele Blinde und Einäugige. In das Gebiet der Krankheiten gehört auch die besonders am Tanganyika häufige Geophagie (Erdesserei). Töpferthon geniessen dort viele Leute mit Vorliebe, manche Kinder verschlingen jedoch mit Gier alle Arten Erde und magern zu Skeletten ab, während der Bauch unförmlich anschwillt. Die Pocken grassiren öfter im Lande und richten besonders am Tanganyika Verheerungen an. Der Sandfloh ist fast schon über ganz Urundi verbreitet und wird vielfach zur unerträglichen Landplage.
Zaubergeräth, Klapper der Zauberdoktoren in Warundi.
Die Behandlung der Kranken obliegt dem Zauberdoktor, einem Mann oder alten Weib. Derselbe trägt einen Kopfputz von Federn, bemalt sich im Gesicht mit Mergel, führt einen Bastsack mit Amuletten mit sich und rasselt mit einer Klapper während er mit heiserer Stimme singt. Ist Jemand von einem Geist besessen, so finden Tänze statt, ein Schaf wird geschlachtet und der Kranke im Fluss gebadet.
Die Warundi glauben nicht an natürlichen Tod, sondern nur an solchen durch Zauberei, darum schneiden die Angehörigen allen Todten den Bauch auf und suchen darin den Zauber. Dann gehen sie mit einem Geschenk zum Zauberdoktor, das sie jedoch vor seinen Augen verbergen. Als Probe seiner Geschicklichkeit muss er die Grösse des Geschenkes errathen. Dann wird ein Topf mit Wasser und Zaubermedizin aufgestellt, den alle Dorfinsassen haben müssen. Wer dies nicht kann, ist der Zauberer, der den Verstorbenen getödtet, er wird gebunden und getödtet (in den Tanganyika geworfen), worauf die Angehörigen des Verstorbenen sein Vermögen einziehen.
Der Todte wird auf der rechten Seite liegend ins Grab gelegt. Stirbt ein Hausvater, so wird er in der Hütte begraben und diese hierauf verlassen, andere begräbt man vor der Hütte.
Die ganzen religiösen Anschauungen der Warundi lassen sich auf den Ahnenkultus zurückführen. Selbst der Mwesi-(Mond)-Glaube ist nichts anderes als dieser, indem die Herrscher des Landes ihre Abkunft vom Mond herleiteten.
Als Schutz gegen böse Geister, die in Flüssen und Bäumen wohnen, wird Zauber-Pombe an die Hütten gespritzt. Hat man Grund zu glauben, dass der Geist eines Verstorbenen unzufrieden sei, so wird ein junger Anverwandter desselben auf den Boden gelegt und ihm mit einer Hacke auf den Kopf geklopft. Er äussert dann die Wünsche des Verstorbenen.
Den Verkehr mit den Geistern vermittelt der Zauberdoktor, dieser macht auch Regen und wahrsagt aus Hühnerdärmen. Einzig zu diesem Zwecke werden überhaupt Hühner gehalten und niemals gegessen. Auch Ziegen isst man nicht; die Warundi-Männer geniessen nur Schaf- und Rindfleisch, die Weiber nur das letztere.
Die Regierungsform der Warundi war wohl stets eine monarchische und zwar wurden sie jedenfalls sehr lange Zeitepochen hindurch von dem Geschlecht der Mwesi (Monde) beherrscht. Wie weit deren Reich sich ursprünglich ausdehnte wäre schwer zu ermitteln, doch überschritt es jedenfalls die Grenzen des heutigen Urundi. In den Nachbarländern nennt man Urundi heute noch stets »charocha Mwesi« (Land Mwesi's) und glaubt noch vielfach an die Existenz dieses Herrschers. Nach Aussage der Meisten waren die Mwesi lichtfarbige Watussi und der letzte Mwesi hiess Makisavo (Bleichgesicht), ein Name der auch mir beigelegt wurde. Diese Ansicht von der lichten Farbe des Mwesi ist allgemein verbreitet, doch giebt es Leute die behaupten, dass er kein Mtussi, sondern ein Mrundi, also ein nationaler Herrscher gewesen sei.
Die Residenz des Mwesi lag zweifellos unweit der Kagera-Nil-Quelle, wo sie auch Burton erkundete. Man kann dies schon daraus schliessen, dass die heute noch bekannten Mwesi-Gräber sich am Ganso-Kulu, einem Berg an der Kagera-Quelle, befinden. Die Träger der Königleiche ruhten in einem dunklen Hain, Wuruhukiro, und beerdigten hierauf die Leiche am Ganso-Kulu. Die waldigen Missosi ya Mwesi, die Berge Mwesi's oder Mondberge, gelten als Sitz der Geister verstorbener Mwesi.[22]
Wann der letzte Mwesi gelebt hat und warum das Geschlecht ausstarb konnte ich niemals bestimmt erfahren, doch muss es schon an 100 Jahre her sein, dass er — angeblich in einem Kriege im Ausland — verschollen ist. Alle Warundi haben übrigens den festen Glauben, dass der Mwesi heute noch lebt und erwarten ihn als eine Art Erlöser. Es war daher sehr natürlich, dass ich, ein von Norden kommender, lichtfarbiger Mensch, ihnen als die Verkörperung dieser mythischen Person erscheinen musste. Zu welch' tollem Fanatismus die Warundi durch diesen Glauben hingerissen wurden versuchte ich in der Reiseschilderung darzustellen.
Der Glaube an meine Sendung nahm erst ab, als ich die Missosi ya Mwesi und die Begräbnissstätten der früheren Könige ohne Schaden besucht. Denn nach der Tradition darf ein lebender Mwesi diese Gegenden nicht betreten: geschieht dies doch so muss er sterben. Da mir jedoch nichts geschah, so wurde die allgemeine Begeisterung stark abgekühlt. Als ich später vom Tanganyika her, also vom Westen wieder in Urundi eindrang, hielt mich Niemand mehr für den Mwesi, der von Norden kommen muss, doch wurde mir berichtet, dass der Mwesi kurz vorher Nord-Urundi im Triumph durchzogen und alle seine Feinde niedergeworfen habe, ohne dass man ahnte, dass ich mit diesem »Mwesi« identisch war. Der Widerstand der Watussi im Norden lag keineswegs in einem Zweifel an meiner Sendung, sondern nur in der Abneigung dieses Raubadels, ein für sie angenehmes Interregnum, durch das Auftauchen eines Mwesi beendet zu sehen.
Zur Regierungszeit der Mwesi lebten wohl die Watussi, ähnlich wie jetzt in Ruanda, als deren Statthalter im Lande verstreut, jetzt ist dasselbe in zahllose kleine Gemeinden zerrissen, die von Häuptlingen verschiedener Abkunft regiert werden. Ihre Würde ist auf den Sohn, event. auf die Tochter erblich; stirbt eine Familie aus, so wird ein neuer Häuptling gewählt. Die Autorität des Häuptlings ist nicht bedeutend, er übt zusammen mit den Aeltesten Gerichtsbarkeit aus. Diebe werden geköpft, doch ist Lösegeld üblich, von welchem die Hälfte der Bestohlene, die andere Hälfte der Häuptling bekommt. Mörder werden stets geköpft. Entfliehen sie zu einer Nachbargemeinde, so werden sie unter keinen Umständen ausgeliefert und es finden ihretwegen Kämpfe statt. Männliche Kriegsgefangene werden dabei getödtet, weibliche und Kinder jedoch zurückgegeben. Der siegreiche Häuptling betrachtet das besiegte Land als unterworfen. —
Sklaverei ist in ganz Urundi unbekannt, doch wurden von den Ujiji-Arabern schon mehrfach Razzias nach Süd-Urundi unternommen und Sklaven ausgeführt, deren man auch an der Küste einzelne findet. Nach Mittel- und Nord-Urundi haben sie sich jedoch niemals gewagt.
Eine grosse Rolle spielen in Urundi die Volksbelustigungen und Tänze von welchen in der Reiseschilderung[23] ausführlich die Rede war. Das Tanzen ist in Urundi eine förmliche Kunst, welche von Jugend an geübt und mit Meisterschaft betrieben wird. Die Trommel ist unbekannt, doch wird ein Kuhhorn geblasen und ein Saiteninstrument gespielt.
Als gewöhnlicher Gruss dient Niederknien und Händeklatschen, sowie Ueberreichen von Laub. Als Friedenszeichen pflegt man Feldfrüchte oder mit Laub umwundene Spaten darzureichen. Auch Geschenkvieh wird mit Laub bekränzt.
TAFEL XXIII
Meisenbach, Riffarth & Co. Berlin heliogr.
WATUSSI
Wenn man das heutige Urundi betrachtet, so erhält man den Eindruck der grössten politischen Zerfahrenheit. Im Norden den Einfällen Kigere's, des eroberungslustigen Häuptlings von Ruanda, im Süden den Razzias arabischer Sklavenhändler ausgesetzt, sind die Warundi in unzählige, durch Zwistigkeiten getrennte Gemeinden zertheilt und werden durch den räuberischen Hirtenadel der Watussi ausgebeutet. Es ist kein Wunder, wenn sie mit Sehnsucht dem Auftreten eines »Mwesi« entgegensehen. Einmal ist ihnen ein solcher schon unter deutscher Flagge erschienen, freilich nur als Pionier und den Nachfolgern die Pfade ebnend. Wenn diese eintreffen und versuchen, die deutsche Herrschaft in Urundi zu begründen, so werden sie — wenn es eben die rechten Leute sind — keinerlei Schwierigkeiten sondern begeisterten Empfang finden und im Stande sein, der deutschen Sache ein noch unberührtes, gut veranlagtes Naturvolk zu gewinnen, welches jedenfalls bestimmt ist in der Zukunft der Kolonie die wichtigste Rolle zu spielen.
Die grosse Empfänglichkeit der Warundi lässt auch schliessen, dass ein von Norden kommender Missionar dort die grossartigsten Bekehrungs-Erfolge erreichen könnte. Jedenfalls scheint es rathsam, Urundi von vornherein einer bestimmten Konfession von Missionaren zuzutheilen, damit das traurige Schauspiel des Religionskrieges in Uganda keine Wiederholung finde.
An die Warundi schliessen sich südlich vom Mlagarassi die Waha. Dieselben sind den Warundi nahe verwandt, sprechen dieselbe Sprache und zeigen nur geringe Abweichungen, die auf den langjährigen Verkehr mit Wanyamwesi hinweisen. Im Aeusseren und der Tracht gleichen sie den Warundi, besitzen jedoch ziemlich viel Baumwollzeug. Die Hütten sind stets höher als ihr Durchmesser, innen durch Strohwände getheilt, geräumig und freundlich. Sie sind oft in grossen Dörfern mit bis zu 120 Hütten vereinigt, während man in Urundi nur von verstreuten Weilern reden kann. Der Grund hierfür liegt in den vielen äusseren Feinden, welche die Waha bedrohen und sie zwingen, in grossen Mengen zusammenzuleben. Die Getreidevorräthe bewahren sie in mächtigen runden Holzschachteln. Die Dörfer sind oft mit Stangenzäunen umgeben.
Getreideschachteln
Wohnhütte
Getreideschober
Bienenstock
Geisterhütten
der Waha.
Der Ackerbau wird mit grosser Sorgfalt betrieben und es macht sich in den Kulturpflanzen der Einfluss Unyamwesi's geltend. An die Stelle der Banane, die seltener wird, treten Sorghum und Mais, auch Maniok, Pataten, Hülsenfrüchte, Zuckerrohr, Tomaten, Grundnüsse und Tabak werden angebaut. Die ausgedehnten Waldwildnisse bieten gute Gelegenheit zur Jagd.
Die Viehzucht ist nicht bedeutend, der Rinderstand wurde durch Einfälle der Wangoni und im Süden auch der Massai decimirt. Doch trifft man noch ziemlich viel Kleinvieh und Hühner, auch Tauben, die in den im westlichen Unyamwesi gebräuchlichen Taubenschlägen gehalten werden. Bienenzucht ist sehr häufig, die Stöcke bestehen aus cylindrischen, mit Lehm bestrichenen Körben, die auf niedrigen Gestellen ruhen.
Die Waha verfertigen Rindenzeug nicht nur aus dem Ficus, sondern auch aus einem der Miombo-Gruppe angehörigen Waldbaum. Doch dient das aus letzterem gewonnene Zeug mehr zu Schlafmatten, da es steifer als das Ficuszeug ist. Auch die grossen Holzschachteln werden in ähnlicher Weise aus Baumrinden hergestellt und geschickt vernäht. Selbst Kanus zum Uebersetzen des Mlagarassi werden aus Baumrinde zusammengenäht. Zum Unterschied von den Warundi besitzen die Waha Trommeln länglicher Form in verschiedener Grösse.
Puppe der Waha. — Rindenzeughammer, Uha. — Trommel der Waha. — Speer der Waha.
Ihre Bewaffnung besteht aus Wurfspeeren, Bogen und Pfeil. Die Wurfspeere haben in den Schaft eingelassene Spitzen, sind leicht und werden stets zu zwei getragen. Doch sind auch die Warundi-Speere mit kürzeren Schäften und eine andere Speerform mit Schaftzwinge üblich, die angeblich die ursprüngliche sein soll. Die Pfeile sind zierlich gefertigt und gleichen jenen der Warundi; die Bogen sind nicht besonders kräftig. Schwerter in Holzscheiden sieht man nur vereinzelt. Originell ist eine aus Kalebassen und Stroh gefertigte Kinderpuppe.
Die Waha unterstehen kleineren Häuptlingen, welche theilweise Watussi-Blut haben. Den Verkehr mit der Aussenwelt vermittelt das Salz, welches in Uvinsa, im Süden des Landes, gewonnen wird und von sehr guter Qualität ist. Man trifft im Lande zahlreiche Wanyamwesi-Händler, welche Salz, Kleinvieh und Honig kaufen, und Messingdraht, wohl auch einzelne Gewehre einführen. Ebenso machen die Waha Reisen nach Unyamwesi und gelangen bis Tabora. Früher waren sie ihrer Ungastlichkeit halber berüchtigt, gegenwärtig lernte ich sie als gutmüthiges, freundliches Volk kennen, welches Europäern sehr geneigt scheint.
Es war oben schon mehrfach von den Wangoni oder Watuta die Rede, einem räuberischen Zulustamm, der vor jedenfalls nicht allzulanger Zeit aus Südafrika eingewandert ist und sich in Sprache, Tracht und Sitten sehr rein erhalten hat. Die Wangoni sassen früher in der Gegend von Urambo, von wo aus sie die Nachbargebiete verheerten. Nach ihrer Niederlage durch die deutsche Schutztruppe unter Lieutenant Langheld, zogen sie sich nach dem südlichen Ost-Ussui zurück, wo sie schöne Dörfer und Reiskulturen besitzen und vollkommen friedlich leben. Ich kam mit diesem merkwürdigen Stamm niemals in Berührung und kann daher nichts Näheres über denselben mittheilen.
Zuletzt erübrigt noch von jenem Volk zu sprechen, welches den Verkehr mit der Küste vermittelt und welches sich am meisten fremden Einflüssen und fremder Kultur zugänglich erweist: den Wanyamwesi. Alle Reisenden von Burton und Speke an, und darunter vorzügliche Beobachter wie Paul Reichard und Stuhlmann, haben sich bereits eingehend mit diesem Volke beschäftigt, sodass ich mich betreffs desselben kürzer fassen kann.
Unter Wanyamwesi verstehe ich die Bewohner der von den Küstenleuten als Unyamwesi bezeichneten Landschaft, die im Osten an die Massai-Steppen, an Turu und Ugogo, im Norden an den Victoria-Nyansa vom Speke-Golf bis zur Bukumbi-Bai, im Westen an Usinja, Ussirombo und Uha grenzt und sich gegen Süden in noch unbekannter Entfernung erstreckt.
Der Name Unyamwesi ist, wie ich durch viele und sorgfältige Erkundigungen im ganzen Lande, von Usukuma bis Urambo erfuhr, kein nationaler, sondern von den Küstenleuten dem Lande beigelegt. Er bedeutet »Mondland«, U-nya-mwesi d. i. Land des Mondes. Diese, schon den alten Reisenden bekannte Ableitung wurde neuerdings bezweifelt und behauptet, dass in Unyamwesi eine Stammsilbe »nyam« enthalten sei. Dies ist jedoch unrichtig wie man daraus ersehen kann, dass z. B. auch die Bewohner von Turu nicht »Waturu« sondern Wa-nya-turu, die Leute von Ruanda Wa-nya-ruanda genannt werden und dass es zahlreiche ähnlich lautende Landschaften, wie U-nya-nyembe, U-nya-nganyi giebt, woraus deutlich hervorgeht, dass »nya« etwa »von« bedeutet, also Wanyaturu »Leute von Turu«, Wanyamwesi, »Leute von Mwesi« Mondleute.
Dass das im Worte enthaltene mwesi hier wirklich Mond bedeutet, wurde mir von alten Küstenleuten sowohl, wie auch von Eingeborenen stets versichert und kann als zweifellos betrachtet werden. Daraus jedoch einen Schluss ziehen zu wollen, dass Unyamwesi das Mondland der Alten sei, wie dies in neuerer Zeit vielfach geschah, scheint mir verfehlt. Ein solcher Schluss wäre nur gestattet, wenn der Name ein einheimischer wäre, während er wie gesagt den Küstenleuten, also den Swahíli seinen Ursprung verdankt. Wie diese dazu kamen das Land als »Mondland« zu bezeichnen, ist nicht schwer erklärlich. Denn den Arabern und damit auch den intelligenten Swahíli war ja sehr wohl bekannt, dass die alten Geographen ein »Mondland« im Innern Afrika's, an den Quellen des Nil, vermutheten. Als nun Karawanen in jene Länder vordrangen, war es sehr begreiflich, dass sie in dem reichsten und wichtigsten Lande des Innern, in dem Lande, welches im Handel die grösste Rolle spielte, das Mondland U-nya-mwesi zu erkennen glaubten. Oder mit anderen Worten: Nicht weil im Innern Ostafrika's ein Unyamwesi existirt, kann man darauf schliessen, dass dasselbe mit dem Mondland der Alten identisch sei, sondern weil die alten und arabischen Geographen in Innerafrika ein Mondland vermutheten, wurde diese Landschaft von den Küstenleuten »Unyamwesi« genannt.
Die Wanyamwesi selbst gebrauchen diese Bezeichnung unter einander niemals, sondern trennen sich in verschiedene grosse Stämme wie Watakama, Wasukuma[24], Wasumbwa, Wafioma und Wakonongo. Sie sind jedoch sehr deutlich als ein Stamm charakterisirt und sprechen auch dieselbe, nur dialektisch abweichende Sprache. Der Hauptunterschied zwischen den verschiedenen Wanyamwesi-Stämmen liegt in dem mehr oder weniger starken Eindringen der Küstenkultur.
Am ursprünglichsten haben sich die Wasukuma, besonders in den östlichen Distrikten von Ntussu und Meatu erhalten, während die Wasumbwa und Watakama, besonders die Leute von Urambo, in materieller Kultur den Swahíli der Küste kaum nachstehen.
Die Wanyamwesi sind mittelgrosse, kräftiggebaute Leute von meist dunkelbrauner Hautfarbe. Die südlichen Stämme sind schlanker und grösser, die Wasukuma untersetzt und dunkelfarbiger oder scheinen wenigstens so, da ihre Unreinlichkeit die Hautfarbe schwer erkennen lässt. Sie haben ziemlich ausgeprägten Negercharakter und physisch einen recht einheitlichen Typus. Nur die Bewohner des östlichen Usukuma, besonders die von Meatu, scheinen hamitische (Wataturu) Blutmischungen erhalten zu haben.
Alle Wanyamwesi sind unbeschnitten. Als Stammesmarke kann eine von der Nasenwurzel zum Ohre verlaufende Reihe von Narbenverzierungen gelten, auch werden die oberen vorderen Schneidezähne vielfach dreieckig ausgesplittert. Doch sind beide Merkmale nicht mehr allgemein verbreitet. Haarfrisuren kommen nicht vor, doch werden die Haare vielfach rasirt. Die Ohrläppchen werden besonders in Usukuma ausgedehnt und Messingspiralen darin getragen. Die Weiber im Süden des Landes tragen nach Küstenart runde Holzscheiben im Ohr. Die ursprüngliche Kleidung der Wanyamwesi ist Fell, in den westlichen Distrikten auch Rindenzeug. In Usukuma tragen die Männer ein Ziegenfell, das den Oberkörper, niemals jedoch die Schamtheile bedeckt, manchmal gehen sie auch ganz nackt. Die Weiber tragen Lendenschurze aus Leder und verhüllen oft auch den Busen.
Sonst wird fast überall europäisches Baumwollzeug getragen, welches das solide eingeborene Baumwollzeug und das Rindenzeug fast völlig verdrängt. Letzteres dient kaum noch irgendwo als Kleidung, sondern nur mehr zu Schlafmatten. In Urambo, Unyanyembe, sowie anderen Plätzen der Karawanenstrassen sind bedeutende Mengen Baumwollzeug vorhanden und Männer und Weiber unterscheiden sich in der Tracht kaum von der Küstenbevölkerung.
Als Schmuck dienen Glas-, Holz- und Eisenperlen und mit Messing- oder Eisendraht umsponnene Darmsaiten, sowie Eisenarmringe. Die Elephantenjäger und ihre Frauen pflegen Armringe zu tragen die aus der Sohle des Elephanten geschnitten werden. Im östlichen Usukuma findet man sehr grosse milchweisse und blaue Glasperlen, die jetzt durch keine Karawane mehr eingeführt werden und sehr alten Ursprungs sind. Die jüngeren Weiber tragen Holzperlen als Amulett um den Hals; Eisenschmuck ist ein Zeichen verheiratheter Frauen. Als Kopfschmuck der Krieger dienen in Usukuma Büschel von Federn und Stroh (Abb. pag. 61).
Den Charakter der Wanyamwesi hat Paul Reichard mit grossem Geschick beschrieben. Bei allen ihren Fehlern ist ihnen doch ein ausserordentlicher Unternehmungsgeist und eine für Afrikaner seltene Arbeitskraft eigen, welche sie zu einem wichtigen Kulturelement macht.
Wohnhütte
Vorrathshütte
Geisterhütten
Taubenschlag
der Wanyamwesi von Urambo.
Die Wohnung sämmtlicher Wanyamwesi ist die Rundhütte mit Kegeldach und cylindrischem, lehmverputzten Unterbau. In Usukuma und in den westlichen Distrikten hat sich diese Form noch rein erhalten, in der weiteren Umgebung Tabora's wird die Hütte jedoch allmählich durch den Tembe ersetzt. Zu Speke's Zeiten, also Anfang der sechziger Jahre, gab es solche noch viel weniger und ältere Leute erinnern sich auch noch sehr genau an die Entstehung des Tembebaus. Derselbe fällt mit der Einführung der Feuerwaffen zusammen, gegen welche die alten Befestigungsformen nicht genug Schutz boten. Man erbaute daher um die Rundhüttendörfer Tembenringe, deren Styl halb den Arabern Tabora's, halb den Wagogo entlehnt war.
Ursprünglich waren diese Temben reine Befestigungen und nicht bewohnt; ich fand heute noch solche unbewohnten Tembenringe in Kirambo. Später zwang der Raummangel sie zu bewohnen, neue Aussenbauten mussten natürlich im Tembestyl erbaut werden und nach und nach entwickelten sich aus den Dörfern förmliche Labyrinthe, deren Mittelpunkt jedoch noch sehr oft einige grosse Rundhütten des Häuptlings einnehmen. — Die Temben haben rechteckigen Querschnitt, sind aber mannshoch und besitzen glattverputzte Wände und ein ebensolches Dach. Gegen aussen und gegen die Eingänge zu sind sie mit Schiessscharten versehen und bilden oft recht starke kleine Festungen (Abb. pag. 62, 93 u. 113).
Die grössten und schönsten Rundhütten in Unyamwesi, überhaupt im Innern Afrika's, sah ich in Urambo. Sie sind sehr sorgfältig und fest erbaut und haben ca. 10-15 m Durchmesser und 12-30 m Höhe. Letztere Höhe sah ich bei den wahrhaft pyramidalen beiden Hütten des Häuptlings Mlamira von Kirambo, in welchen Hunderte von Menschen Platz haben. Sie ähneln im Styl den Hütten der Wasegua. Ein Verandaraum, dessen Aussenwand theils mit Lehm ausgefüllt ist, theils nur aus Pfosten besteht, umschliesst ringförmig den cylindrischen Innenraum, der meist keine Theilung hat und mit dem Dach einen sehr hohen Raum bildet. Darin steht das Bett aus glatten Brettern und der Feuerheerd, bestehend aus drei festgebrannten Lehmkegeln. Das Dach ohne Mittelpfeiler ist stark geneigt und mit ziegelförmig übergreifenden, koncentrischen Grasschichten sorgfältig gedeckt. Das Getreide wird in eigenen Vorrathshütten untergebracht.
Aehnlich, doch weit mangelhafter sind die Hütten der Wasegua errichtet. Sie besitzen ebenfalls keinen Mittelpfeiler. Der Innenraum ist meist durch eine Querwand in zwei Hälften getheilt, deren vordere das Vieh, die hintere, ganz dunkle die Menschen bewohnen. In einem durch Stangen abgegrenzten Dachraum sind mächtige Vorrathskörbe für Getreide aufgestapelt.
In Usukuma sind die Dörfer nicht selten wie in Schaschi durch buschige Euphorbienhecken in kleine Komplexe getheilt. Fast stets schliessen sie sich an die felsigen Granithügel der Gegend, die als natürliche Befestigungen dienen und deren Klüfte im Nothfall einen Zufluchtsort bieten. In den Wasumbwa-Gegenden überwiegt der Stangenzaun noch vor der Tembebefestigung, während diese sonst überall vorherrscht.
Im Gegensatz zu vielen ihrer Nachbarn, welche, wie die Warundi, in Weilern hausen, sind die Wanyamwesi echte Dorfbewohner und vereinen sich stets zu oft sehr ansehnlichen Niederlassungen. Vielleicht hat dieser, durch die kriegerischen Verhältnisse begünstigte Geselligkeitstrieb viel zu der Entwickelung dieses Volkes beigetragen. Wenigstens findet man in Urambo, wo die grössten Dörfer liegen und alle Bewohner sich in ausgedehnten Ortschaften koncentriren, auch die höchste Kultur in Unyamwesi.
Die Wanyamwesi sind sehr tüchtige Ackerbauer, ihre Felder sind gut gehalten und werden mit grosser Sorgfalt gepflegt. Die Hauptnahrungspflanze ist Sorghum. Neben dieser wird auch vielfach Mais und Mawele (Penicillaria), in Usmau, Urambo und Unyanyembe auch Reis gebaut, der durch die Araber eingeführt wurde. Ausserdem giebt es fast überall Hülsenfrüchte, Mais, Pataten, Kürbisse, Gurken, Grundnüsse, seltener Bananen, Tomaten und Maniok. Baumwolle wird in Usukuma, Tabak und Hanf überall angebaut. Wo die Wanyamwesi mit Arabern und Küstenleuten in nähere Berührung kamen, merkt man deren Einfluss in der Anlage der Felder und in dem Vorhandensein fremder Kulturpflanzen, an welche sie sich rasch gewöhnen. Ausser dem Reis haben sie in vielen Gegenden auch Obstbäume, Citronen, Mangos, Guayaven und Papayas übernommen.
Den Sorghum pflegt man nach der Ernte auf flachen Steinplatten mit langen Stangen zu dreschen, sodann wird er in Holzmörsern weiter enthülst und in den Vorrathsbehältern aufbewahrt. Auf flachen Steinplatten wird er mit einem Reibstein zu Mehl gemahlen. Nach der Arbeit wird der Mahlstein mit einem eigenen Besen reingekehrt. Durch das fortwährende Reiben wird die Steinplatte nach und nach ausgehöhlt und die Granitfelsen Usukuma's tragen oft derartige Vertiefungen, die auf alte Dorfstätten schliessen lassen, wo sonst längst keine Spur mehr von solchen vorhanden ist.
Feldbeil der Wanyamwesi.
Die Viehzucht hat in Unyamwesi durch die Rinderseuche stark gelitten, welche einen grossen Theil der Zeburinder wegraffte, so dass man solche nur selten antrifft. Doch giebt es überall und besonders in Usukuma viele Ziegen und Schafe, letztere mit sehr schwachem Fettschwanz, sowie Hühner, deren Eier nicht gegessen werden. Tauben findet man besonders in Urambo, wo sie in netten Taubenschlägen gehalten werden. Die Wanyamwesi essen Fische in vielen Gegenden garnicht und schätzen dieselben überhaupt nicht sehr, während sie (hauptsächlich die Wakonongo) gedörrte Maden mit Vorliebe geniessen. Tabakrauchen ist bei Männern und Weibern sehr beliebt, auch der Hanf, der aus Kürbiss-Wasserpfeifen geraucht wird, ist weit verbreitet.
In vielen Gegenden jagen die Wanyamwesi eifrig; es giebt unter ihnen berufsmässige Elephantenjäger (Makua), die den Küsten-Makua starke Konkurrenz machen.
In den Geräthen und Waffen der Wanyamwesi zeigt sich ebenfalls die Tendenz, von anderen Stämmen ihnen passendes zu entlehnen und nach eigenem Ermessen abzuändern.
Besonders interessant ist das eingeborene Baumwollenzeug, ein ungemein festes Gewebe, welches schwarze und gelbe Streifen und einen Quastensaum hat.[25] Es ist jedenfalls eine Nachahmung der Küstenbaumwollzeuge, zu welcher wohl ursprünglich Swahíli oder Araber die Anleitung gaben. Diese Stoffe wurden viel erzeugt als Küstenzeug noch selten war. Gegenwärtig hat die Herstellung dieses Zeuges im südlichen Unyamwesi ganz aufgehört und beschränkt sich auf Usukuma. Rindenzeug wird, wie erwähnt, fast garnicht mehr gefertigt.
In Schmiedearbeiten sind die Wanyamwesi recht geschickt; die Hackenklingen beziehen sie zwar aus Usinja und auch in Usukuma sind die Schmiede meist Warongo aus Usinja, doch im Süden, besonders in Urambo, trifft man einheimische Arbeiter. Diese hausen in eigenen offenen Hütten und verstehen selbst Gewehrbestandtheile zu repariren. Sie benutzen nicht selten Schraubstöcke und andere Geräthe von der Küste.
An Waffen trifft man sehr verschiedenartige Formen. Im Süden des Landes, hauptsächlich in Urambo und Unyanyembe, herrschen Kapselgewehre vor, in Usukuma sind solche noch sehr selten. Als ursprüngliche Waffe der Wanyamwesi erscheint der Wurfspeer mit eingelassener Spitze, wie er heute noch im östlichen Usukuma in charakteristischer Form gebraucht wird (Abb. pag. 61). Daneben giebt es allerlei Arten Zwingenspeere: kurze mit Messingverzierung, lange mit lanzettförmiger Spitze und Paradespeere (in Ntussu), die im Kleinen die Massai-Speere nachahmen. Wuchtige Spiesse mit eingelassenem Dorn werden auf Elephantenjagden benutzt; deren Spitze ist manchmal vergiftet. Nur bei Tänzen dient die in Usukuma übliche alte Form der Wataturu-Speere.
Leichte Bogen mit Pfeilen und Köcher trifft man überall, die Pfeile werden nicht selten vergiftet. Schilde giebt es fast nur in Usukuma, sie sind aus Büffelhaut, länglich mit einer Einkerbung in der Mitte (Abb. pag. 61).
Als Musikinstrumente dienen die halb eiförmig geformten Karawanen-Trommeln (Mganda), Antilopenhörner und lange aus Rohr und Kalebassen gefertigte Trompeten.
Korbwaaren werden mit grossem Geschick gefertigt und es dient dazu eine eigene Nadel. Ebenso sind grosse und kleine Töpfe hübsch ausgeführt.
Besonders charakteristisch für die Wanyamwesi ist der Karawanenhandel, der den tiefgehendsten Einfluss auf ihr ganzes Dasein ausübt. Während fast alle anderen Stämme Ostafrika's, selbst jene unweit der Küste, in ihrer bedürfnisslosen Indolenz ruhig daheimbleiben und höchstens genehmigen, dass Karawanen von der Küste zu ihnen kommen, haben die Wanyamwesi schon seit Jahrzehnten selbst Karawanen zusammengestellt und dieselben nach der Küste sowohl, wie auch nach entfernten Elfenbeingegenden gesandt. So alt übrigens als man vielfach annimmt — also etwa bis ins klassische Alterthum zurückreichend — ist dieser Karawanenhandel keineswegs. Dies beweist nicht nur die überall verbreitete Tradition, sondern auch die ungeheuere Zunahme, welche der Karawanenverkehr und damit die Einführung europäischer Erzeugnisse seit den sechziger Jahren genommen und der Umstand, dass gewisse Stämme notorisch erst in ganz jüngster Zeit sich an diesem Handel betheiligt haben.
Korbnadel,
Wasukuma.
Köcher
aus Urambo.
Elephantenjagd-
speer, Wasukuma.
Speerform der
Wanyamwesi.
Speer,
Usukuma.
Einen Anhaltspunkt für das Alter des Karawanenverkehrs bietet uns der Stammbaum der Häuptlinge von Unyanyembe:
Swetu I.
|
Fundikila
|
Miasere --------+
| |
Swetu II. Kiunge (Ziehsohn)
| |
Bibi Niasso Isike.
Swetu I. soll alt geworden sein, Fundikila starb als reifer Mann, Miasere starb jung und hinterliess den unmündigen Swetu II., an dessen Stelle sich sein Ziehsohn, Kiunge, der Herrschaft bemächtigte. Dessen Sohn war der bekannte Isike (Sike), dessen Feste 1893 von Lieutenant Prince gestürmt wurde, worauf Bibi Niasso eingesetzt wurde.
Swetu I. hat also vor höchstens 100 Jahren regiert. Unter seiner Regierung drangen die Elephantenjäger Mparangombe und Ngogome aus Usagusi — die heute noch in zahlreichen Liedern verherrlicht werden — so weit nach Osten vor, dass sie mit zeugtragenden Eingeborenen und Küstenhändlern zusammentrafen. Letzteren folgten sie an die Küste und gaben dann, in die Heimath zurückgekehrt, den Anstoss zur Eröffnung des Karawanenverkehrs. Das Erscheinen der Wanyamwesi an der Küste gab auch den Swahíli und Arabern Veranlassung in dieses neuerschlossene Land einzudringen. Dies geschah ca. 1830; doch erst 1846 wurde Tabora begründet, nachdem eine etwas ältere Niederlassung in Msenne bei Urambo aufgelassen worden war. Das Jahr der Begründung Tabora's ist vielen dort lebenden Arabern genau bekannt.
Das Vorhandensein Tabora's als Handelsemporium gab den Wasukuma Veranlassung dorthin zu kommen und ihre Produkte umzutauschen. Diese waren früher niemals aus ihrem Lande, geschweige denn an die Küste gekommen und erinnern sich daran, dass Swahíli, die aus dem Massai-Lande, also wohl von Tanga oder Mombas kamen, ihnen zuerst Baumwollzeuge brachten. Auch nach Begründung Tabora's kamen die Wasukuma Jahre lang nur dahin und ziehen erst seit ca. 20 Jahren nach der Küste.
Die grösste Bedeutung hat der Karawanenhandel bei den Wasumbwa des westlichen Unyamwesi erlangt, die überhaupt die höchste Entwicklung ihres Stammes darstellen. Sie unternehmen Züge nach Unyoro, Ruanda und Manyema, früher reisten sie auch nach Umbugwe und an die Grenze des Massai-Landes, doch hat dies aufgehört, seit die Wasukuma ihnen dort zu starke Konkurrenz machen. Diese bereisen die Uferländer des Victoria-Nyansa bis nach Kavirondo hin. Sobald diese Handelszüge genügend Elfenbein gebracht haben, wird eine Karawane nach der Küste zusammengestellt, an der sich auch viele Leute betheiligen, die dort Arbeit und Verdienst suchen. Mit Zeug und andern Artikeln reich beladen kehren die Karawanen in die Heimath zurück, um bald wieder neue Züge nach entfernten Gegenden zu unternehmen.
Die Wanyamwesi sind tüchtige, sehr ausdauernde Träger, allerdings nur auf Karawanenstrassen brauchbar, wo sie reichlich Wasser und Nahrung bekommen. Sie haben die unangenehme Eigenschaft nur auf den Schultern zu tragen, so dass die Lasten alle länglich oder in Halblasten, Midalla, verpackt werden müssen, die an die Enden einer Stange gebunden werden können. Diese scheuert die Schulter des Trägers nicht selten blutig, was ihn jedoch wenig zu kümmern scheint.
Der Karawanenverkehr gab auch Veranlassung zur Auswanderung und Begründung von Kolonien im Auslande. Der Grund dazu lag theils in politischen Unruhen, theils in dem natürlichen Wandertrieb dieses Volkes. Man findet Wanyamwesi-Kolonien nicht nur in Ugogo, Ussandaui, Irangi und neuestens auch in Umbugwe, sondern auch in Manyema und Katanga. Ueberall gelangen sie den Eingeborenen gegenüber zu Einfluss und bilden ein wichtiges Kulturelement.
Ueber das innere Leben der Wanyamwesi theile ich nur der Vollständigkeit halber einige Notizen mit, die ich im Lande sammeln konnte und verweise im Uebrigen auf Reichard und Stuhlmann, die Gelegenheit hatten den Stamm genauer kennen zu lernen.
Die Geburt eines Kindes giebt keinen Anlass zu besonderen Festlichkeiten, höchstens die von Zwillingen wird durch einen Tanz gefeiert. Der Vater giebt dem Kinde einen Namen — meist nach dem Grossvater oder der Grossmutter — den es lebenslang behält. Daneben sind oft viele Spitznamen üblich, die oft bekannter als der wirkliche Name sind. In Usukuma ist der Kindesmord unbekannt. In den von Swahíli vielbesuchten Gegenden, wie Urambo, hat sich der Küstenaberglaube verbreitet, dass ein mit Zähnen geborenes Kind dem Vater den Tod bringe. Es wird aber nur getödtet, wenn der Vater ein Häuptling ist. Als Kinderspielzeug dienen aus Lehm gefertigte kleine Puppen. Der Bräutigam erwirbt die Braut durch Kauf vom Vater; nach einem Tanzfest wird sie ihm übergeben. In Usukuma wird nach der Brautnacht ein Ochse geschlachtet und mit den Verwandten verzehrt. Vielweiberei ist üblich, in Usukuma hat aber nur ein Häuptling mehr als zwei Frauen. Eine unbeliebte Frau wird einfach zurückgeschickt, der Vater muss dann den Preis wieder herausgeben. Bei den Wasumbwa muss der Vater selbst im Todesfall der Frau den Brautpreis ersetzen, oder eine Schwester der Frau stellen.
Puppe aus Lehm, Wasukuma.
Bei Krankheiten werden entweder Pflanzenmedizinen angewandt oder der Zauberdoktor geholt, der dann aus Hühnerdärmen bestimmt, welche Krankheit vorhanden ist und diese durch allerlei Hokuspokus mit einem Holzschüsselchen, mit Amuletten u. s. w., auszutreiben sucht. Ein Besessener geniesst in Urambo ein Schaf mit Zauberarznei, geheilt darf er keinen Kopf, Herz oder Magen und kein am selben Tage geschlachtetes Thier essen. Wie so viele Bantu, so glauben auch die Wanyamwesi nicht an natürlichen Tod. Stirbt Jemand an einer Krankheit, so wird der Zauberdoktor befragt, der dann wieder aus Hühnerdärmen sein Orakel fällt. Dasselbe lautet entweder dahin, dass die Geister der Verstorbenen ihn getödtet hätten, oder Jemand wird als der Bezauberer genannt. Dieser wird in Urambo von den Verwandten getödtet, in Usukuma vor den Häuptling gebracht, sein Vermögen eingezogen und er selbst verbannt. Das Honorar des Zauberdoktors beträgt eine Hackenklinge.
Todte werden bei den Wasumbwa in den Busch geworfen, nur Häuptlinge auf einem Stuhl sitzend begraben. In Usukuma werden alle Verstorbenen mit angezogenen Beinen, auf der Seite liegend, begraben, der Häuptling hockend mit erhobener Rechten, die durch Lehm gestützt wird.
Den Geistern der Verstorbenen, die den Lebenden im Traum erscheinen, werden kleine Hütten erbaut und Opfer an Pombe und Mehl dargebracht. Stätten von Geistern, wie Baobabs, werden mit Gras bestreut. Sonst schützt man sich vor ihrem Treiben durch Amulette, deren es für jeden Zweck, für Jagd, Viehzucht, Krieg u. s. w. verschiedene giebt. Menschliche Holzfiguren sind sehr selten, ich fand eine solche in Usukuma, die bei Geistertänzen dienen soll.
Die Wanyamwesi werden von Mtemis (Häuptlingen) regiert, deren Verwandte Mwanangwa (Prinzen) genannt werden. Auch hier zeigt sich die Erscheinung, dass grössere Königreiche nach und nach in kleine Fürstenthümer zerfallen. Eine Art Oberherrschaft über fast ganz Unyamwesi übte Jahre lang der bekannte Mirambo von Urambo aus. Auch dessen Nachfolger, Mpanda Charo (Beherrscher der Königreiche), spielte noch eine grössere Rolle, während unter dem jetzigen jugendlichen Häuptling Tuga Moto das Reich immer mehr zerbröckelt. Ein Theil der Wafioma erkennen Kassusura von Ost-Ussui als ihren Herrscher an.
Hüttenamulett der Wasukuma.
Amulettfigur der Wasukuma.
Die Häuptlingswürde ist thatsächlich erblich, dem Namen nach besteht ein Wahlkönigreich, doch wird eben fast immer der Sohn oder sonst nächste Verwandte des verstorbenen Häuptlings gewählt. Manche Häuptlingsfamilien behaupten von Watussi abzustammen, doch lässt ihr Typus davon jedenfalls nichts mehr erkennen. Kleine Stammkriege sind häufig und werden mit ziemlicher Erbitterung geführt, die Dörfer des geschlagenen Feindes werden verbrannt. Kriegsgefangene werden zu Sklaven gemacht und meist an Küstenleute verkauft. Im Lande selbst findet man auch ziemlich viele Sklaven aus Manyema, vom Tanganyika u. s. w., die sich guter Behandlung erfreuen.
Grössere Kriegs- und Raubzüge werden von einzelnen Häuptlingen mit ihren »Ruga-Ruga« (Räubern) ausgeführt, die phantastisch geschmückt ins Feld ziehen und oft zur wahren Landplage werden.
Die Wanyamwesi sind ein kriegerischer und muthiger Stamm, besonders wenn es sich um die Vertheidigung von Haus und Feld gegen einen wirklichen oder eingebildeten Feind handelt. Sie sind dann weit ernstere Gegner als etwa die Massai und wissen ihre zahlreichen Gewehre und ihre festen Dörfer tüchtig auszunutzen. Europäern sind sie im Allgemeinen geneigt und wenn es doch in Unyamwesi zu Kämpfen kam, so ging die Veranlassung dazu von Leuten aus, welche, wie Isike von Tabora, Feinde jeder geordneten Regierung sind. Der durchaus praktische Sinn der Wanyamwesi erkennt weit leichter als andere Eingeborene den ungeheueren Vortheil, den der direkte Verkehr mit Europäern für sie haben kann. Missionare und Reisende fanden denn auch niemals ernste Schwierigkeiten in Unyamwesi, erstere werden überall als Freunde betrachtet, haben allerdings im Bekehrungswerk fast gar keinen Erfolg, da der Mnyamwesi in religiöser Beziehung vollkommen gleichgiltig ist. Selbst der Islam, der doch sonst auf schwarze Naturmenschen eine zauberhafte Anziehungskraft ausübt, macht in Unyamwesi gar keine Proselyten.
Im Gegensatz zu den phantasiereichen, leicht erregbaren Waganda sind die Wanyamwesi eben durchaus materiell angelegte praktische Leute, die von Fremden nur das annehmen, was für ihre Bequemlichkeit förderlich ist. Man kann daher in Urambo, drei Monate von der Küste, reinlichere und besser bekleidete Menschen und schönere Felder und Dörfer antreffen, als etwa im Wadigoland, drei Stunden von der Küste. Diese leichte Aneignung neuer Bedürfnisse, verbunden mit grossem Unternehmungsgeist und bedeutender Arbeitskraft, lassen die Wanyamwesi als ein für koloniale Zwecke hoch geeignetes Menschenmaterial erscheinen. Deutschland kann sich beglückwünschen, ein solches Volk in seinen Schutzgebieten zu besitzen und die Engländer würden wohl gern ihre vielgepriesenen, intelligenten aber faulen und fanatischen Waganda hergeben, wenn sie dafür so ruhige, unermüdliche Arbeiter eintauschen könnten, wie die Wanyamwesi.
Zum Schluss sei es auch hier gestattet, die Völker des Nyansa-Tanganyika-Gebietes überblickend, einen Schluss auf deren ursprüngliche Wanderungen zu ziehen.
Als Ureinwohner dieser Gebiete erscheinen die Pygmäen-Völker, Jägerstämme von niedrigem Körperbau, die mit Bogen und Pfeil dem Wild nachstellten. In Urundi treten sie als Watwa noch heute auf und bilden die Verbindung mit den gleichnamigen Pygmäen-Stämmen der Kongowälder. Im Osten sind sie durch die Wanege der Wembere-Steppe vertreten, während sie in den dicht bewohnten centralen Gebieten völlig verschwunden sind.
Diese wurden von einem mächtigen Bantustamm mit der Wandertendenz von Nord nach Süd, den Nyansa- (Zwischenseen-) Völkern, eingenommen, welche die Ufergebiete des Victoria-Nyansa in West und Ost und den grössten Theil des heutigen Unyamwesi einnahmen. Auf sie drückten die Wanyamwesi mit der Wandertendenz von Süd nach Nord, erreichten den Victoria-Nyansa und theilten die Nyansa-Völker in zwei Gruppen, die sich von da ab selbstständig entwickelten. Es sind dies die östlichen Nyansa-Völker, bestehend aus den Waschaschi, Wanyairamba und Wanyaturu, von welchen die Waschaschi sprachlich zweifellos der Wanyoro-Gruppe angehören, während die Wanyairamba und Wanyaturu aus ethnographischen Gründen diesen Stämmen beigezählt werden müssen, und die westlichen Nyansa-Völker. Diese bestehen aus den Völkergruppen, die sich von Unyoro bis Ussambiro und Usinja im Westen des Victoria-Nyansa ausdehnen.
Unabhängig von den Wanyoro-Völkern und wahrscheinlich den Wanyamwesi näher als diesen stehend sind die Warundi-Völker, welche den Ostrand der Centralafrikanischen Spalte vom Tanganyika bis zum Albert-Edward-See, also Uha, Urundi und Ruanda bewohnen.
Erst lange nach Ansiedlung dieser Bantustämme traten die Hamiten als Watussi auf, welche, aus den Galla-Ländern kommend, nach und nach sich über das Nilquellgebiet und bis Unyanyembe und Fipa ausdehnten. Theils behielten sie ihre ursprüngliche Stellung als Hirten bei, theils verwandelten sie sich in eine herrschende Klasse, dabei ihre Sprache und Nationalität einbüssend. Aufs tiefste wurden die westlichen Nyansa-Stämme sowohl körperlich (durch Blutmischung) als geistig durch diese Hamiten beeinflusst, während die Wanyamwesi und Warundi trotz vielfacher Berührung sich reiner erhielten. Von den Watussi unberührt blieben die östlichen Nyansa-Völker, welche daher einen reinen, ursprünglicheren Zweig dieser Gruppe repräsentiren, jedoch durch die spätere Einwanderung der Hamiten mit nilotischer Sprache (Massai und Wataturu) und das südliche Vordrängen der reinen Niloten (Wagaya) beeinflusst wurden. Eine sehr junge Einwanderung aus dem Süden stellen die Wangoni vor, die der Zulu-Gruppe angehören.
Wenn wir die Gesammtheit der Nilquellvölker überblicken so finden wir, dass dieselben sprachlich ziemlich einheitlich sind und durchwegs der Bantugruppe angehören. Für den Linguisten findet sich hier also kein so reiches Material als im abflusslosen Gebiete, wenn auch vielleicht das Studium dieser nördlichsten Bantu-Idiome Ostafrika's geeignet ist auf den Zusammenhang der grossen Bantu-Gruppe mit den hamitischen Sprachen Licht zu werfen.
Ein wahrhaft klassisches Land ist das Nilquellgebiet, besonders Urundi und Ruanda, für den Ethnologen. Hier konnte sich, fern von dem nivellirenden Einfluss der Karawanenstrassen eine primitive Kultur entwickeln, wie sie gleich unverfälscht nur selten zu treffen ist. Auffallende Erscheinungen bieten sich hier in reicher Fülle; ich erwähne nur das Auftreten des Rindenzeuges in einem scharfumgrenzten Gebiet im Herzen Afrika's, welches westlich an Mattenzeug, östlich und nördlich an Fellkleidung grenzt. Das Studium der ethnologischen Thatsachen, welches geeignet ist auf alte, vielleicht sogar egyptische Kultureinflüsse Licht zu werfen, ist jedoch nicht nur wichtig sondern auch in hohem Grade dringlich zu nennen. Denn mit dem Vordringen des Küstenhandels wird das Land mit europäischen Industrie-Artikeln überschwemmt und die einheimische Kultur, die auf Jahrhunderte zurückreicht, geht mit einem Schlage verloren. Dem Pionier freilich, der in raschem Fluge weite Länderstriche durcheilt, ist es nicht möglich die Fülle der Erscheinungen festzuhalten. Dazu bietet sich dem Stationsbeamten, dem Missionar, reiche Gelegenheit, der jahrelang unter einem und demselben Volksstamm lebt. Wie selten aber wird gerade in Deutsch-Ostafrika diese Gelegenheit ausgenutzt!
Schädel des Watussi-Rindes.
Tabora.
[[←]] X. KAPITEL.
Der wirthschaftliche Werth des Landes.
Der Karawanen-Handel. — Die Massai-Karawanen. — Der Tabora-Handel. — Die Manyema-Araber. — Rohprodukte des Landes. — Anbaufähigkeit des Gebietes. — Bevölkerungsdichtigkeit. — Kulturpflanzen. — Viehzucht. — Import. — Eingeborene und fremde Einwanderung. — Ostafrikanische Eisenbahnen.
Die Gebiete des tropischen Afrika, welche erst vor wenigen Jahren aus ihrem Dunkel hervorgetreten sind und begonnen haben, für die europäischen Nationen eine praktische Bedeutung zu gewinnen, diese ungeheuren Striche sind ihrem ganzen Wesen nach Zukunftsländer, also solche, deren Werth nicht nach dem bemessen werden kann, was sie heute liefern, sondern nach dem, was sie einmal liefern werden.
Dieser unzweifelhafte Satz ist von Freunden und Gegnern der Kolonial-Politik vielfach unrichtig aufgefasst worden. Während er den ersteren Veranlassung zu den kühnsten Hoffnungen bot, liess er letztere alles schwarz sehen. Gegenwärtig jedoch, wo der erste koloniale Taumel verraucht ist, wo die »Schwärmer« theilweise abgekühlt sind, die Gegner jedoch durch die Thatsachen langsam gewonnen werden, gegenwärtig ist es an der Zeit, koloniale Fragen völlig nüchtern zu erörtern. Der richtige Weg dazu scheint doch immer der zu sein, erst festzustellen, was die fraglichen Länder heute liefern und daraus Schlüsse auf die Zukunft zu ziehen.
Wenn wir nun die weiten Gebiete Deutsch-Ostafrika's überblicken, welche die Massai-Expedition auf ihren Zügen durchstreifte, so finden wir, dass dieselben seit Jahren nur zwei Produkte geliefert haben: Elfenbein und Sklaven. Einzig die Gier nach diesen war es, welche die Araber und Swahíli ins Innere des Kontinentes trieb, einzig und allein diese beiden Produkte riefen den ganzen Karawanenverkehr Centralafrika's hervor.
Von den Karawanen, welche Handelszüge ins Innere unternehmen, sind jene nach den Massai-Ländern und jene auf der Tabora-Strasse ziemlich wesentlich von einander verschieden.
Die Massai-Karawanen, die von Mombas, Wanga, Tanga oder Pangani, selten von Sadani ausgehen, sind wahrscheinlich älter als die der Tabora-Route und schlossen sich unmittelbar an den Handel an, der von Makdischu aus mit dem Binnenlande getrieben wurde. Die eigentlichen Unternehmer sind Inder, welche an einen oder mehrere Swahíli Vorschüsse geben, die nach der Rückkehr in Elfenbein ausgezahlt werden müssen. Araber betheiligen sich fast garnicht direkt am Massai-Handel, stellen den Karawanen jedoch vielfach ihre Sklaven als Träger und erhalten dafür einen Antheil von der Löhnung. Die Karawanen sind selten unter 100, oft bis 500 Mann stark und bestehen ausschliesslich aus Küstenleuten, die durchweg mit Vorderladern bewaffnet sind. In Taveta oder Aruscha lösen sich grosse Karawanen in kleine Abtheilungen von 100 bis 150 Mann, oft noch weniger, auf, die dann auf verschiedenen Routen ins Massai-Land vorrücken. Die Linien, welche hauptsächlich begangen werden, sind die folgenden:
Von Taveta oder Ukambani nach Kikuyu und Njemps am Baringo.
Von Aruscha über Ober-Aruscha nach Nguruman und Njemps.
Haben die Karawanen einen Inlandposten erreicht, so gründen sie meist ein befestigtes Lager, von dem aus sie Streifzüge nach der fernen Umgebung machen. Von Unter-Aruscha durchstreift man die Massai-Steppe bis Kiwaya hin, von Ober-Aruscha dringt man über Mutyek nach Elmarau und Ngoroïne vor. Von Nguruman werden Vorstösse nach Sonyo und Ndassekera gemacht und der Naivascha-See ist der Ausgangspunkt für die Routen über Mau nach Kavirondo und nach den Plateauländern von Lumbwa, Nandi und Kossowa. Die wichtigste Station bleibt jedoch Njemps, von der aus Reisen nach Kamassia und Kavirondo, sowie nach Leikipya und zum Rudolf-See unternommen werden.
Das Elfenbein, sowie die Nahrungsmittel, deren die Karawanen bedürfen, werden stets von den Eingeborenen gekauft, Gewaltthätigkeiten üben die Massai-Händler niemals aus. Sie sind im Gegentheil den Eingeborenen gegenüber stets der leidende Theil und haben unter Erpressungen und Räubereien schwer zu leiden. Ueberhaupt ist eine Massai-Reise stets ein sehr gewagtes Unternehmen. Wenn auch von Seiten der Eingeborenen, besonders der Massai, heute kaum mehr Gefahren vorliegen, so drohen doch Hunger und Wassermangel in den weiten unbewohnten Strichen und ein Drittel der Leute ist fast immer dem Untergange geweiht.
Ausser Elfenbein bringen die Karawanen stets auch einige Sklaven nach der Küste, meist Kriegsgefangene der Eingeborenen, die sie von diesen kaufen oder auch in seltenen Fällen rauben. Früher wurden fast nur Kavirondo- und Wakamba-Sklaven an die Küste gebracht, gegenwärtig, wo die Hungersnoth im Massai-Land wüthet, schliessen sich auch zahlreiche Massai den Karawanen an und werden an der Küste verkauft. Im Allgemeinen ist der Sklavenhandel der Massai-Karawanen ein ganz unbedeutender und fast völlig frei von den Gräueln des Sklavenraubes.
Das Erträgniss dieser Reisen wird mit jedem Jahre geringer. Im deutschen Massai-Gebiet ist das Elfenbein nahezu erschöpft und fast alles, was an die Küste gebracht wird, stammt aus der englischen Interessensphäre. Doch liegen drei wichtige Centren des Massai-Handels, Ober- und Unter-Aruscha und Nguruman im deutschen Gebiet, von welchem allerdings nur Unter-Aruscha im Machtbereich der Kilimanjaro-Station liegt.
Da die Stämme, mit welchen die Karawanen in Verbindung treten Baumwollzeug wenig schätzen, so besteht die durch sie vermittelte Einfuhr fast nur in Eisen- und Messingdraht und Glasperlen. Feuerwaffen und Munition haben sie niemals in irgendwie nennenswerthen Qualitäten eingeführt, wie denn überhaupt ihr Einfluss auf das materielle Dasein der Eingeborenen ein ganz unbedeutender ist. Es liegt dies hauptsächlich darin, dass sie niemals im Innern dauernde Niederlassungen gründen, während solche für die Händler der Tabora-Route charakteristisch sind. Auf letzterer bewegen sich auch ständig Handelszüge der Eingeborenen nach der Küste, während von solchen in den Massai-Gebieten keine Rede ist.
Auch für den Tabora-Handel, der in Bagamoyo und Sadani seine Hafenplätze hat, sind Inder die eigentlichen Unternehmer. Vor Allem spielt das grosse Sansibar-Haus Tarya Topan eine leitende Rolle, als deren Agenten die hervorragendsten Araber, wie Tippo-Tip in Manyema, Saïd bin Omar in Irangi u. A. zu betrachten sind. Die Karawanenführer, überhaupt die Leiter der Inland-Unternehmungen sind jedoch fast ausschliesslich Araber. Diese haben von jeher das Vorgehen befolgt: Inlands-Stationen zu gründen und von diesen aus ihre kommerzielle Verbindung auf die Umgebung auszudehnen, die dann zur Gründung neuer Niederlassungen führte. So wurden Usagara und Irangi, und später auch Tabora begründet.
Um das Jahr 1830 drangen die Araber über Usagara hinaus nach Unyamwesi, begründeten aber erst 10 Jahre später eine Niederlassung in Kigandu, etwa zwei Tagereisen nördlich vom heutigen Tabora. Etwa gleichzeitig wurde Msenne bei Urambo begründet, welches lange Jahre »die Hauptstadt der Küstenaraber und Swahíli« war. Burton, der Msenne 1858 besuchte, fand dort zahlreiche grosse Temben und Hütten im Küstenstyl und konnte sämmtliche Tauschwaaren erhalten. Weit unbedeutender war zu Burtons Zeit Kazeh, ein Ort, nach welchem 1852 die Niederlassung in Unyanyembe von Kigandu aus verlegt wurde. 1840 wurde von Msenne aus Ujiji begründet und erst 1846 das heutige Tabora, das Anfangs unwichtig, später alle anderen Niederlassungen überflügelte und lange Zeit der Centralpunkt des Handels war.
Diese Stationen sind nicht nur Handelsniederlassungen, sondern auch Mittelpunkte für die Elephantenjagd, das sogenannte Makua-Geschäft. Dieses besteht darin, dass ein Araber oder Swahíli mit einem oder mehreren Elephantenjägern in ein Vertragsverhältniss tritt. Die ersten Jäger, welche vom Sultan Seyid Saïd eingeführt wurden, waren Makua, und dieser Name hat sich auf ihre Nachfolger übertragen, obwohl sie allen Stämmen des Küstengebietes und Unyamwesi's angehören. Sie leben in kleinen Gruppen unter Anführung eines »Fundi« (Meisters), welcher den Jagdzauber fertigt von dem alles abhängig gemacht wird. Viele kommen Jahrzehnte lang nicht nach der Küste, manche sind sogar im Innern aufgewachsen, alle werden durch das Leben in der Wildniss zu rauhen, trotzigen Gesellen.
Der Unternehmer versieht diese Leute mit Pulver und Gewehren, dann gehört von jedem erlegten Elephanten ein Zahn den Jägern und einer dem Kaufmann. Auf ihr Elfenbein erhalten die Jäger jedoch meist zu wucherischen Bedingungen Vorschüsse in Bedarfsartikeln, Zeug u. s. w. und kommen aus den Schulden nicht heraus. Dabei wird der Beruf ein immer mühsamerer, denn die Elephanten ziehen sich begreiflicherweise immer weiter in unbewohnte Gebiete zurück und schwinden überhaupt sehr merklich. An Orten wo sie früher zahlreich waren, wie am Gurui-Berg, sind sie nahezu ausgerottet. Die Jäger aus Usagara und Irangi durchstreifen jetzt hauptsächlich die östliche Massai-Steppe und das Umbugwe-Gebiet, jene von Usukuma beuten das Wembere-Gebiet aus und wagen sich in die Nyansa-Gegenden, ja bis Unyoro vor. Von Tabora aus gehen Jäger bis in die Wälder Manyema's.
Neben der Elephantenjagd geht der Elfenbeinhandel, welcher die Jagdergebnisse der Eingeborenen erwirbt. Doch machen den Küstenhändlern darin die Wanyamwesi sehr bedeutende Konkurrenz. Die Gebiete westlich am Nyansa und bis Unyoro hin sind fast gänzlich in den Händen der Warambo, jene der östlichen Gebiete werden neuerdings von den Wasukuma planmässig ausgebeutet. Die Araber sind am Victoria-See fast ganz aus dem Felde geschlagen, und der einzige, der neben den Eingeborenen bestehen kann, ist der Irländer Stokes, der sich eben vollkommen der Wanyamwesi-Methode angepasst hat.
Jene Händler, welche sich mit dem Makuageschäft und mit Elfenbeinhandel im Gebiet zwischen der Küste und den Seen abgeben, betreiben nur wenig Sklavenhandel und keinen Sklavenraub. In Despotenstaaten wie Ussui und Karagwe, in Ländern fortwährender Fehden wie Unyamwesi, bietet sich stets Gelegenheit zum Ankauf von einzelnen Kriegsgefangenen oder Verurtheilten. Dass ihre Zahl jedoch eine geringe ist, kann man schon aus der verschwindenden Menge von Sklaven aus diesem Gebiet schliessen, die man an der Küste findet. Auf 1000 Sklaven aus Manyema kommt höchstens einer aus Uganda und Unyamwesi und die Zahl der Manyema-Sklaven ist wieder verschwindend gegen die Hochfluth von Menschenwaare aus dem südlichen Schutzgebiet, den Wahiao, Wangindo, Wanyassa u. A., welche die Hauptmasse der Sklavenbevölkerung in Sansibar und an der Küste bilden. In früherer Zeit mag der Sklavenhandel zwischen der Küste und den Seen grössere Ausdehnung gehabt haben. Irgend welche Gewaltthaten waren jedoch kaum jemals direkt damit verbunden. Stets wird der Sklave gekauft, wenn auch nicht ausgeschlossen ist, dass die Händler die Eingeborenen zum Abfangen solcher verleiteten.
Ueberhaupt ist mit dem Eingeborenen-Verkehr zwischen Küste und Seegebiet ganz und gar nichts Gewaltthätiges verbunden. Die Träger erhalten einen Lohn und bestehen zum allergeringsten Theil aus unbesoldeten Sklaven. Nahrungsmittel werden gekauft und wenn auch einzelne Diebereien vorkommen, so ist doch sicher, dass die Karawanen in diesen Gebieten stets mehr von den Eingeborenen zu leiden hatten, als umgekehrt. Die Vorwürfe, welche in neuerer Zeit gegen die Missstände des Verkehrs erhoben wurden, scheinen mir daher, soweit sie die Eingeborenen-Karawanen betreffen, ziemlich unbegründet. Die Sicherung der Karawanenstrassen als Adern des Verkehrs wird daher mit Recht als eine der ersten Aufgaben der Kolonialverwaltung betrachtet. Damit wird auch der ohnehin unbedeutende Sklavenhandel schwinden.
Gegen die planmässige Ausrottung des Elephanten giebt es allerdings kein Mittel: denn welche Schutztruppe wäre im Stande den streifenden Jäger der Steppe zu kontrolliren? Das Einzige was geschehen könnte, wäre ein Verbot kleine Zähne, also solche der jungen Thiere, in den Handel zu bringen, ein Verbot, das durch Konfiskation solcher Zähne Nachdruck erhalten könnte. Die gleiche Maassregel wird im englischen Schutzgebiet geplant und würde den Vernichtungskrieg wenigstens etwas aufhalten.
Mit der Abnahme des Elfenbeins, mit dem Wachsen der Konkurrenz in Unyamwesi, wurde naturgemäss der Schwerpunkt des arabischen Handels von Tabora nach Westen, nach Ujiji, nach Manyema verlegt. Die Leute, welche jene fernen Gebiete erschlossen, waren fast ausnahmslos keine Maskater, sondern in Ostafrika geborene Araber, vielfach Mischlinge. Die erste Rolle spielte dort die von Tarya Topan abhängige Drei-Männer-Firma Tippo-Tip (Kasongo), Rumaliza (Ujiji) und Bwana Nsige (Stanley Falls).
Zum Unterschied von den Maskatern, die sich ausschliesslich mit Handel — sei es auch Sklavenhandel — abgeben, verüben die Manyema-Araber nur Raub. Der Unterschied ist auf den ersten Blick kenntlich. Denn in den Gebieten des Tabora-Handels im engeren Sinne, in Unyamwesi, Ussui, Karagwe und Uganda findet man grosse Mengen europäischen Baumwollzeuges, Gewehre und andere Produkte die nur der Handel eingeführt haben kann. Am Nordende des Tanganyika dagegen und am oberen Kongo bei den Stanleyfällen, also in Gegenden die von den Arabern seit Jahren ausgebeutet werden, fand ich kaum eine Glasperle, kaum einen Fetzen Zeug, was wohl den besten Beweis liefert, dass es sich hier nur um Raubzüge handelt.
Der Vorgang dabei ist bekannt. In neue Gebiete einfallend rauben die Banden der Araber Weiber und Kinder und lassen nur jene wieder los die mit Elfenbein ausgelöst werden. Die anderen sind der Sklaverei verfallen. Mit kluger Politik weiss man hierauf die Unterworfenen zu gewinnen und als Bundesgenossen gegen den Nachbarstamm zu verwenden. Die Banden wachsen immer mehr an, jeder Ackerbau wird unmöglich, dicht bewohnte Gebiete entvölkern sich und die elenden Ueberreste der Bevölkerung verkaufen sich selbst und ihre Kinder für eine Mahlzeit den Sklavenhändlern.
Dieser Zustand war in Manyema und am westlichen Tanganyika der stehende, auch am Ostufer des Sees wurden Razzias versucht, doch, der kriegerischen Bevölkerung halber, mit geringem Erfolg. Das Elfenbein und die Sklaven aus Manyema wurden über Tabora oder dessen Vorort Kwihara nach der Küste gebracht. So wurde Tabora immer mehr zur Durchgangsstation. Die Waaren von der Küste, das Elfenbein aus dem Innern, wurden dort aufgestapelt und die Sklaven bekamen jene Tünche des Swahílithums, die sie an der Küste unverdächtig machte.
Das Elfenbein, welches heute über Tabora nach Bagamoyo geht, kommt also zum allergeringsten Theil aus dem deutschen Interessengebiet, sondern aus dem Kongostaat, aus Manyema, und aus der englischen Sphäre in Unyoro und den Nachbargebieten. Es kann kein Zweifel darüber sein, dass diese Quellen in nächster Zeit versiegen müssen. Mit eiserner Hand hat der Kongostaat, nachdem er Jahre lang eine abwartende Haltung eingenommen, nun plötzlich die Araberfrage nahezu gelöst. Durch die glänzendsten Siege, die jemals im tropischen Afrika erfochten wurden, ist die Macht der Sklavenjäger am oberen Kongo und bis zum Tanganyika hin gebrochen worden. Bei der erstaunlichen Thatkraft, welche die kommerziellen Kreise des Kongostaates, sowohl Holländer als Belgier, entwickeln, ist es kein Zweifel, dass der kriegerischen sehr bald die kaufmännische Eroberung folgen wird. Sobald nur die Kongobahn das riesige Wassernetz jener glücklicheren Gebiete dem Weltverkehr völlig erschliesst, wird man, durch die Konkurrenz getrieben, bald in Bana Kamba und am oberen Sankuru dieselben Preise für Elfenbein bezahlen wie in Sansibar und Bagamoyo, und kein Mensch wird mehr daran denken, sein Elfenbein auf dem langen Karawanenwege nach der Ostküste zu schleppen.
Noch eine andere Linie ist bestimmt die Tabora-Strasse völlig lahm zu legen: die Nyassa-Route. Sobald diese herrliche Wasserstrasse erst erschlossen und die schmale Strecke zwischen Tanganyika und Nyassa irgendwie zugänglich gemacht ist, wird der Verkehr bis ins Herz Afrika's dringen können. Länder, welche, wie Urundi und Ruanda, heute zu dem Ultima Thule des Tabora-Verkehrs gehören, werden direkt mit dem Handel in Berührung treten.
Wenn wir daher auf den Elfenbeinhandel der nächsten Zukunft einen Schluss ziehen wollen, so ist vor Allem die Thatsache nicht zu leugnen, dass das deutsche Interessengebiet heute schon verschwindend wenig Elfenbein liefert, dessen Menge alljährlich abnehmen wird. Das Elfenbein aus den englischen Gebieten, sowohl jenen im Massailand als jenen nordwestlich vom Nyansa werden die Engländer bald an ihre Hafenplätze abgelenkt haben, jenes aus Manyema fällt der Kongo- und Nyassa-Route zu. Es wird also in sehr naher Zeit nur der Karawanenverkehr der Wanyamwesi übrig bleiben, die in ihrem konservativen Sinne der Ostküste, speziell Bagamoyo, so bald nicht untreu werden. Doch haben ja auch diese keinen Born aus dem sie ewig Elfenbein schöpfen können, und wenn heute schon Tabora den Eindruck des Verfalls in hohem Grade macht, so wird es seine Bedeutung selbst als Durchgangsposten bald gänzlich verlieren.
Gerade aus dem Grunde, weil die jetzigen Produkte, Elfenbein und Sklaven, nicht von Dauer und daher wirthschaftlich bedeutungslos sind, scheint es mir verfehlt, in den gegenwärtigen Karawanenstrassen die Verkehrslinien der Zukunft zu suchen. Diese dürfen sich nicht nach den Produkten richten, die sind, aber nicht mehr lange sein werden, sondern nach jenen, die geschaffen werden sollen.
Von wild vorkommenden Produkten ist im Allgemeinen nicht viel zu erwarten. Von Schätzen des Mineralreiches wurde bisher noch nichts gefunden; die erhofften Salpeterlager im Massailand fehlen und an ihrer Stelle wurde Salz entdeckt. Im ersten Augenblick mochte man darüber enttäuscht sein, doch scheint mir, dass der Besitz reicher, vorzüglicher Kochsalzlager auch nicht zu verachten ist. Am Balangda-See in Mangati, in der Nyarasa-Steppe südlich vom Eyassi-See und in Uvinsa südlich von Uha trifft man Salz von ausgezeichneter Qualität, ja nahezu chemisch reines Kochsalz.[26]
Ungeheuere Gebiete des tropischen Afrika's, fast der ganze Sudan und Kongostaat besitzen kein Kochsalz, welches dort zu den werthvollsten Artikeln gehört und nur mangelhaft durch Bananenasche ersetzt wird. Uganda und Unyoro führten blutige Kriege um den Besitz einiger Salzlachen und zu den ersten Handlungen der Engländer in diesen Gebieten gehört die Beschlagnahme dieser Lachen, die ihnen nicht nur die kommerzielle, sondern theilweise sogar die politische Herrschaft dieser Länder sichern.
Dabei ist das Salz vom Albert-Edward-See sehr minderwerthig und hält keinen Vergleich mit den Salzen Deutsch-Ostafrika's aus. Heute schon spielen dieselben im lokalen Verkehr die grösste Rolle. Durch die Wildheit der Massai und Wataturu waren die Salze von Mangati und Nyarasa nur schwer zugänglich und manche Handelskarawane erlag den kühnen Räubern der Steppe. Dennoch führt ein breiter, ausgetretener Pfad von Meatu nach den Salzlagern, und das Nyarasa-Salz ist in ganz Usukuma und dem östlichen Nyansa-Gebiet verbreitet. Das Mangati-Salz versorgt hauptsächlich die Gegenden um Irangi. Noch wichtiger ist das von Uvinsa, das heute schon einerseits nach Tabora, andererseits nach Manyema exportirt wird und den einzigen Verkehr mit den wilden Warundi vermittelt.
Eine Beschlagnahme und wenigstens einigermaassen planmässige Ausbeutung dieser Salzlager wäre heute schon ein keineswegs aussichtsloses Unternehmen. Wer z. B. eine Wasukuma-Karawane zum Nyarasa schickt, dort Salz auflesen lässt und dasselbe über den Nyansa nach der Westküste des Sees oder nach Uganda verfrachtet, der könnte dabei zweifellos seine Rechnung finden. Dasselbe wäre bezüglich des Tanganyika mit dem Uvinsa-Salz der Fall.
Neben Salz bildet Eisen in Hackenform ein Hauptmittel des eingeborenen Verkehrs. Centren für dessen Erzeugung sind Usinja und Irangi, von wo die Hacken über ganz Unyamwesi und Ugogo verbreitet werden, doch kommt Eisen für den europäischen Handel natürlich nicht in Betracht.
Von wilden Produkten des Pflanzenreiches ist Kautschuk zu nennen, der zwar weniger reichlich als im Küstengebiet, aber doch besonders im westlichen Nyansagebiet in ziemlichen Mengen vorkommt. Das massenhafte Auftreten von Akazien in den Steppen macht das Vorkommen von Gummi arabicum wahrscheinlich und auch sonst lässt sich von der botanischen Durchforschung des Landes manches hoffen. Holz kommt in den Caesalpinien-Wäldern Unyamwesi's, sowie in den Urwäldern des Massai-Plateaus reichlich und in guter Qualität vor, hat jedoch in so entfernten Gebieten als Exportartikel keine Bedeutung. Die Thierwelt liefert ausser Elephantenhauern auch Nilpferdzähne und Rhinoceroshörner als unbedeutende Nebenprodukte. Straussfedern kommen gar nicht in den Handel, obwohl der Vogel im Massailand häufig genug ist.
Wenn auch die nähere Erforschung noch manches Rohprodukt zu Tage fördern wird, so wäre es doch verfehlt, darauf zu grosse Hoffnungen setzen zu wollen. Die Möglichkeit einer Entwickelung liegt einzig im Ackerbau. Im Küstengebiet, besonders in dem fruchtbaren Usambára, ist Plantagenbau unter europäischer Leitung das aussichtsvollste Unternehmen. Im Innern jedoch ist vorläufig an solchen nicht zu denken und es muss der eingeborene Ackerbau an seine Stelle treten. Dazu braucht man anbaufähiges Land und Menschen, welche dieses Land bebauen. An beiden ist kein Ueberfluss, aber doch genügend vorhanden.
Im Hinterlande der Küste bis zum grossen Graben erheben sich die fruchtbaren Gebiete insular als Gebirge aus den weiten, fast gänzlich werthlosen Steppen. An die Berglandschaften von Usagara, Unguu, Usambára und Pare schliesst sich im Nordwesten der Kilimanjaro und Meru. Spärlicher sind die fruchtbaren Inseln in der Massai-Steppe; fast nur die nächste Umgebung der Berggruppen des Sogonoi, des Kissale und anderer sind anbaufähig. Besser ist die Sohle des Grabens, wo nacktes Wüstenland mit fruchtbaren, wasserreichen Gebieten wechselt. Zu den schönsten Strichen gehört jedoch das Massai-Plateau mit Iraku und dem Guruiberg, ein prächtiges, wasserreiches Hochgebiet mit fettem Boden und üppiger Vegetation, im Norden völlig brach liegend, im Süden, in Iraku, reich bebaut. Unyamwesi, dem wirthschaftlich auch die östlichen Nyansa-Gebiete, die Umgebung von Irangi und das südliche Uha beizurechnen sind, ist vorherrschend trockenes Land und häufig von Steppen und Miombo-Wäldern bedeckt. Dennoch ist das Land, wie sich zeigt, überall anbaufähig und der unermüdliche Eifer der Bewohner weiss diesem kargen Boden reiche Ernte abzugewinnen. Die Hochländer zwischen Nyansa und Tanganyika sind vorherrschend fruchtbar und nähern sich, was Wasserreichthum und Ueppigkeit anbelangt, stellenweise sogar dem Massai-Plateau. In Ussui giebt es zwar steinige, dürre Striche, doch sind solche nur vereinzelt, das ganze Gebiet muss als gutes bezeichnet werden.
Die Erforschung des nördlichen Deutsch-Ostafrika hat also im Allgemeinen günstigere Ergebnisse geliefert, als sich erwarten liess. Die weiten Steppenstriche, die auf älteren Karten angegeben waren, schrumpfen immer mehr zusammen und wo wasserlose Wüsten erwartet wurden, stiess die Forschung auf prächtige Hochländer, die aussichtsvollsten der Kolonie.
Was die Bevölkerungsdichtigkeit anbelangt, so wird es mir schwer, darüber auch nur annähernde Angaben zu machen. Die Nomaden entziehen sich nahezu jeder Beobachtung, sehr erschwert wird eine Untersuchung in Gegenden, wo keine Dörfer, sondern nur verstreute Siedelungen bestehen, und auch da, wo Dörfer vorhanden sind, war mein Routennetz ein zu weitmaschiges, um Schlüsse auf das ganze Gebiet zu gestatten. Ein besseres Material konnte ich 1890 für Usambára und seine Nachbargebiete gewinnen. Auf dieses gestützt, kann ich diesmal nur Vermuthungen über die Bewohnerzahl des Inneren aussprechen.
Die Steppengebiete, überhaupt alle jene, die nicht ständig besiedelt, sondern nur von Nomaden durchstreift werden, sind natürlich sehr schwach bewohnt. Die Zahl von 2 Einwohnern auf 10 Quadrat-Kilometer, welche ich 1890 für die Steppenstriche des Küstengebietes erhielt, dürfte auch hier annähernd der Wirklichkeit entsprechen. Eine direkte, wenn auch nur rohe Schätzung konnte ich in den besiedelten Ländern des abflusslosen Gebietes ausführen. Dieselbe basirt auf der Schätzung für Umbugwe, wo ich ca. 300 Temben zählte, für welche man eine durchschnittliche Bewohnerzahl von 10 rechnen muss, da manche Temben von mehreren Familien bewohnt sind und bis zu 40 Insassen und darüber haben.
Die Zahlen für die anderen Landschaften wurden nach dem allgemeinen Eindruck der Tembezahl im Vergleich zu Umbugwe angenommen. Es wären danach anzusetzen:
| Wambugwe | 3000 |
| Wassandaui | 4000 |
| Warangi (mit Uassi) | 4000 |
| Wafiomi | 3000 |
| Mangati | 3000 |
| Iraku | 5000 |
| Wanyaturu | 4000 |
| 26000 |
Für die sesshaften Bewohner der abflusslosen Gebiete (mit Ausnahme der Wagogo) wäre also eine Zahl von 26000, allerhöchstens (mit den Wanyairamba) 30000 anzusetzen! Eine Nebenstrasse in Berlin, eine einzige Kaserne enthält also mehr Menschen, als ganze Stämme, die, wie die Wambugwe, eigene Sprache und Sitten besitzen. Und doch könnte das abflusslose Gebiet leicht die hundert und tausendfache Zahl von Menschen ernähren!
Die Gebiete östlich vom Nyansa sind im Allgemeinen schwach besiedelt. Am Ufer des Sees wechseln unbewohnte mit stark bewohnten Strichen; noch sporadischer, noch insularer ist die Besiedelung im Inland, in den Waschaschi-Gebieten. 4 Menschen auf den Quadrat-Kilometer dürfte hier etwa das richtige Verhältniss sein.
Das am dichtesten bewohnte Gebiet, welches ich auf dieser Reise kennen gelernt, ist Usukuma, besonders die Landschaften Ntussu, Usmau und Mwansa, doch schieben sich auch hier Steppenstreifen zwischen die bewohnten Gebiete und mehr als 7 Menschen auf den Quadrat-Kilometer dürften nicht anzusetzen sein. In Süd-Unyamwesi liegen ansehnliche Ortschaften in grossen unbewohnten Strichen sporadisch verstreut, während sich in Usukuma kleine Ortschaften dicht an einander drängen. Dennoch macht Süd-Unyamwesi einen schwach bewohnten Eindruck und mehr als 6 Menschen auf den Quadrat-Kilometer sind hier wohl nicht anzunehmen. Relativ schwach bewohnt sind Usinja, Ussui und Uha. 4 Bewohner auf den Quadrat-Kilometer dürfte hier die allerhöchste Ziffer sein. Ziemlich schwer wird es mir bezüglich Urundi und Ruanda, selbst annäherungsweise Zahlen zu sagen; denn die Volksmassen, welche mich fortwährend umgaben, konnten leicht den Eindruck einer dichten Bewohnerschaft hervorrufen, welche den Thatsachen nicht entspricht. Da es jedoch dort fast gar keine unbewohnten Gebiete giebt und die kleinen Siedelungen mit geringer Hüttenzahl recht dicht verstreut sind, so glaube ich, dass 7 Menschen auf den Quadrat-Kilometer nicht zu hoch gegriffen ist.
Wenn man das ganze Gebiet überblickt, so kann kein anderes Urtheil gefällt werden, als dass dasselbe nur dünn bevölkert ist. Sporadisch und mehr oder weniger dicht gesäet sind besiedelte Striche auf weite, unbewohnte Gebiete vertheilt, nur in wenigen Gegenden trifft man grössere bebaute Landschaften.
Was die nomadischen Hirten und Jäger anbelangt, so haben dieselben wirthschaftlich natürlich keine Zukunft. Denn mit dem Fortschritt der Kultur ist nomadische Lebensweise unvereinbar, diese Völker müssen auf irgend eine Art verschwinden, sei es, dass sie unter den Ackerbauern aufgehen, sei es, dass der stärker werdende Kampf ums Dasein sie gänzlich verdrängt.
Die sesshaften Stämme ernähren sich sämmtlich von Ackerbau, der mit der Hacke betrieben und von Viehzucht gänzlich unabhängig ist, die nebenbei auch gepflegt wird. Im abflusslosen Gebiet und in Unyamwesi spielt Sorghum die erste Rolle, bei den Waschaschi Eleusine und Penicillaria, in Usinja Maniok, in Ussui Sorghum, in Urundi vorherrschend Bananen und Hülsenfrüchte. Selbstverständlich wird nur soviel angebaut, als zum Leben nothwendig ist, da irgend welcher Export an Nahrungsmitteln nicht stattfindet. Fast bei allen Stämmen wird der Ackerbau mit grosser Sorgfalt betrieben, die Felder sind meist gut gehalten. Die besten Ackerbauer sind die Wanyamwesi, die mit grosser Vorliebe und ungemein rasch fremde Kulturpflanzen, wie Reis und Baumwolle, annehmen und bauen.
Dennoch schliesst diese Art der Kultur häufige Hungersnoth nicht aus. Bei einer Missernte sind die Vorräthe, so bedeutend sie auch oft sind, nicht genügend, um bis zur nächsten Ernte vorzuhalten und die Isolirung der einzelnen Landschaften, der Mangel jeglicher Verkehrsmittel lassen selbst eine rein lokale Missernte zur Katastrophe werden, der Hunderte erliegen. Diese periodisch auftretende Hungersnoth, verbunden mit Stammesfehden, welche jene Gebiete fast unaufhörlich zerfleischen und Pockenepidemien, die oft furchtbare Verheerungen anrichten, decimiren die Bevölkerung oder lassen doch eine Vermehrung derselben nicht zu. Es liegt auf der Hand, dass die Verbesserung der Verkehrsmittel, die Erhöhung der Sicherheit des Lebens und Eigenthums, die Kultur mit einem Worte, geeignet ist den materiellen Zustand dieser Stämme und damit auch die Bevölkerungszahl zu heben.
Wenn wir die Kulturpflanzen der Eingeborenen auf ihre Entwickelungsfähigkeit für den Export betrachten, so sind die Hirsearten (Sorghum, Eleusine, Penicillaria) wohl nicht oder doch erst in zweiter Linie zum Export aus so fernen Gebieten geeignet. Dasselbe gilt von den Knollengewächsen, Maniok, süssen Kartoffeln und von Bananen, die sämmtlich an erster Stelle als Nahrungspflanzen stehen. Aussichtsvoll sind jedoch manche jener Produkte, die heute nur nebenher gebaut werden.
Weizen wird in Unyanyembe und Irangi durch Araber und Wanyamwesi gebaut. Obwohl diese Gegenden keineswegs besonders fruchtbar sind, liefert er doch bei fleissiger Berieselung gutes Erträgniss. Noch besser würde er in Hochgebieten gedeihen. Da durch die Erfahrung bewiesen ist, dass Weizen selbst in trockenen Gebieten Ostafrika's gedeiht, so scheint mir eine Förderung seiner Kultur vor Allem wünschenswerth.
Reis wird in Usukuma, Unyanyembe und Urambo von Eingeborenen gebaut und wurde ursprünglich von Arabern importirt. Da die betreffende Varietät auch im Trockenen gedeiht, so steht einem Anwachsen dieser Kultur kein Hinderniss entgegen.
Baumwolle pflanzt man in Usukuma zur Herstellung des ungemein festen, einheimischen Baumwollzeuges. In Gegenden, wo das europäische Zeug eingeführt wird, schwindet diese Kultur, die hauptsächlich für die Tieflandsgebiete bestimmt erscheint.
Oelfrüchte, Sesam und Arachis pflanzt man in vielen Gegenden, letztere besonders massenhaft in Schaschi und es liesse sich bei geeigneten Transportmitteln schon jetzt ein namhafter Export erzielen. Palm-Oel produziren die Tanganyika-Ufer in grossen Mengen und versorgen selbst Tabora mit solchem.
Kaffee wird, soweit mir bekannt, in Deutsch Ost-Afrika nirgends, wohl aber in Uganda gebaut und liefert dort eine grossbohnige, dem Liberia-Kaffee ähnliche Sorte von mittelmässiger Qualität. Dieselbe könnte eben so gut in deutschem Gebiete gepflanzt werden.
Tabak wird fast überall in reichlichen Mengen, allerdings minderer Qualität gebaut und könnte heute schon einen Exportartikel liefern.
Produkte der Viehzucht spielen im Karawanenverkehr eine gewisse Rolle. Zeburinder, Ziegen und Schafe werden als Schlachtvieh an die Küste getrieben und dort meist mit sehr grossem Gewinn verkauft. Esel der guten Massai- und der schlechteren Wanyamwesi-Varietät gelangen auch oft an die Küste, wo sie sehr schwankende Preise von 5-40 Rps. erzielen. Die Seuche, welche in den letzten Jahren in Ost-Afrika wüthete, hat einen grossen Theil der Rinder hinweggerafft und nur langsam erholen sich die Viehzüchter von derselben. Rationelle Zucht, eventuell Veredelung durch fremde Rassen, kann viel zur Hebung der Viehzucht beitragen, auch muss auf die Ausbildung der Rinder zu Zugthieren Bedacht genommen werden, da die höhere Entwickelung des Ackerbaues solche unbedingt erfordern wird.
Die Esel sind heute schon ein nicht zu unterschätzendes Transportmittel und sowohl als Lastthiere, wie zum Karrenzug verwendbar. Veredelungen mit den im Innern vorzüglich gedeihenden Maskat-Eseln würden jedenfalls gute Resultate erzielen. —
Fast sämmtliche oben genannte Kulturpflanzen sind nicht afrikanischer Abkunft, sondern erst seit relativ kurzer Zeit eingeführt. Grade dieser Umstand beweist, dass man von den Afrikanern erwarten und hoffen kann sie zur weiteren Ausdehnung dieser Kulturen wie zur Annahme neuer Nutzpflanzen bereit zu finden.
Manche Stämme, vor Allem die Wanyamwesi, haben sich Bedürfnisse, hauptsächlich an Baumwollzeug, angeeignet, zu deren Befriedigung sie sich grosser Mühe unterziehen. Als Träger wandern sie nach der Küste, leisten dort oft Dienste als Arbeiter und kehren dann mit den europäischen Industrieerzeugnissen ins Innere zurück.
Mit dem Schwinden des Elfenbeins, mit der Eröffnung der Kongo- und Nyassaroute wird der grosse Karawanenverkehr und damit auch diese Einnahmequelle aufhören. Zwar werden die Leute an der Küste stets Arbeit finden, aber es scheint doch sicher, dass sie auch bereit sein werden, durch Anbau werthvoller Kulturpflanzen ihre Bedürfnisse zu decken, falls durch Verkehrsmittel die Märkte zu solchen geschaffen werden. Auch jene Stämme, welche gegenwärtig abseits der Handelsstrassen ein primitives Dasein führen, unter welchen sich jedoch hochbegabte und kräftige Völker, wie die Wambugwe und vor Allem die Warundi, befinden, werden sich Bedürfnisse aneignen und mit der Aussenwelt in Beziehung treten, sobald moderne Verkehrsmittel bis ins Innere führen.
Der Import nach diesen Gegenden besteht vor Allem in bedeutenden Mengen Baumwollzeug. Dieses wird wohl stets die erste Rolle spielen und gewinnt täglich an Verbreitung. Im südlichen Unyamwesi und Ost-Ussui hat es Fell- und Rindenkleidung fast vollkommen ersetzt, in Usukuma nimmt es ungeheuer zu. Nur im abflusslosen Gebiet ist fast ausschliesslich Lederkleidung üblich, während Urundi nur Rindenzeug kennt. Wie rasch jedoch Baumwollzeug solche nationalen Bekleidungsmittel verdrängen kann, zeigt das Beispiel in Umbugwe. Im März 1892, bis zu welchem Zeitpunkt das Land gänzlich unzugänglich war, sah ich dort ausschliesslich Lederkleidung. Als durch die Kämpfe der Expedition das Land erschlossen wurde, verbreitete sich Baumwollzeug mit unglaublicher Schnelligkeit und im Januar 1893 fand ich die meisten Eingeborenen damit bekleidet, während im März 1892 kaum ein Fetzen im ganzen Lande aufzutreiben war. Was die Qualität dieser Stoffe anbelangt, so verlieren die schlechten immer mehr an Beliebtheit. Die Erfolge des Irländers Stokes gegenüber seinen indischen und arabischen Konkurrenten liegen hauptsächlich darin, dass er gute und billige Stoffe verkauft, welche die Eingeborenen den schlechten vorziehen, auch wenn diese noch billiger sind.
Neben Baumwollstoffen könnte noch die Waffen- und Munitionseinfuhr genannt werden, die stets in bedeutenden Mengen stattfand. Dieselbe steht jedoch in so innigem Zusammenhange mit dem Sklavenhandel und könnte eine so bedrohliche Macht im Rücken des Küstengebietes schaffen, dass ihre strenge Unterdrückung bekanntlich zu den wichtigsten, durch internationale Verträge verbürgten Aufgaben der deutschen Kolonialverwaltung gehört. Es kommen also nur mehr Nebenartikel, wie Glasperlen, Metalldraht, Produkte der Eisenindustrie u. s. w. in Betracht.
Dass diese Länder eine kolossale Konsumtionsfähigkeit besitzen ist zweifellos. Um jedoch die Völker zu Konsumenten zu machen, bedarf es vor allem der Hebung der eingeborenen Produktion durch Herstellung geordneter Zustände und durch Schaffen von Verkehrsmitteln, welche den kostspieligen, für minderwerthige Produkte ungeeigneten Trägertransport vortheilhaft ersetzen.
Was die unbewohnten Gebiete anbelangt, so scheint mir deren allmähliche Besiedelung in hohem Grade wünschenswerth. Dieselbe muss durch eingeborene Einwanderung begonnen werden, welcher dann vielleicht eine fremde Einwanderung folgen kann.
Bei der eingeborenen Einwanderung denke ich vor Allem an die Wanyamwesi, die heute schon mit Vorliebe Kolonien in anderen Gegenden gründen. Ihre Arbeitskraft, Zähigkeit und Intelligenz macht sie zu Kulturträgern ersten Ranges, wie man in Unyanganyi und Ussandaui sehen kann, wo Wanyamwesi-Ansiedler die wilden Eingeborenen vollkommen gebändigt und das Land dem Handel erschlossen haben. Die Förderung und systematische Anlegung solcher Kolonien gerade im abflusslosen Gebiet scheint mir von hervorragender Wichtigkeit. Jede solche Niederlassung vertritt, wenn sie unter gehöriger Aufsicht steht, eine Station mit einem Europäer; ohne Schutztruppe, ohne Weissen kann man hier dasselbe Ziel, die Sicherung der Strassen, die allmähliche Heranbildung der Eingeborenen, erreichen. Menschenmaterial findet man in Unyamwesi genug, denn der Unternehmungsgeist dieses merkwürdigen Volkes treibt Angehörige desselben immer wieder in die Ferne. Solche Kolonien unter primitiven Völkern, wie Wafiomi, Wanyairamba, Wanyaturu u. s. w. wären ein äusserst nützliches Ferment. Wo sie heute bestehen, sieht man deutlich, wie die Eingeborenen mehr und mehr ihre ursprünglichen Sitten verlassen und sich dem Wanyamwesi-Typus nähern, eine Umwandlung, welche der Ethnograph vielleicht beweint, der Kolonialpolitiker aber nur mit Freuden begrüssen kann.
Dass ähnliche Niederlassungen unter europäischer Aegide möglich sind, zeigt meine Begründung einer Wanyamwesi-Kolonie in Umbugwe unter Mwanangwa Swetu. Dieselbe erblühte unglaublich rasch und war für meine Nachfolger Kompagnieführer Langheld und Herrn Wolf ein Stützpunkt von hohem Werth, erfüllt also genau denselben Zweck als eine Station mit einem Europäer, nur dass die Kosten monatlich nicht mehr als 5 Rps. betragen! Solche Ansiedler, die ihre Existenz an ein Land knüpfen haben eben ein direktes Interesse mit den Eingeborenen einen modus vivendi zu finden und verstehen es rasch zu Einfluss zu gelangen. Anderseits ist ihnen das Wohlwollen und die Unterstützung der Europäer von so hohem Werth, dass sie sich sorgfältig hüten es mit diesen zu verderben. Natürlich muss ihre Autorität den Eingeborenen gegenüber eine gewisse Stütze erhalten; diese liesse sich jedoch von einer europäischen Station aus leicht gewähren, die gleichzeitig die Ueberwachung dieser Wanyamwesi-Kolonien zu leiten hätte.
Wenn schon im besiedelten Theil des abflusslosen Gebietes solche Wanyamwesi-Niederlassungen den höchsten Werth hätten, so wäre dies noch mehr im Massai-Land, hauptsächlich in Mutyek und bis Serengeti hin der Fall. Dass es möglich wäre Leute zu finden, die sich in den genannten Gegenden sowie in den Massai-Steppen, am Donyo Kissale u. s. w. niederlassen und dadurch diese Gebiete zugänglich machen, scheint mir völlig zweifellos. Von den Massai ist, wie ich ausdrücklich betone, weder bezüglich solcher Ansiedelungen noch überhaupt das Geringste zu fürchten. Ihre Hauptmacht ist gebrochen, auch sind sie, wie sich in der englischen Interessensphäre täglich zeigt keineswegs so schroff ablehnend wie stets angenommen wurde.
Eine wenn auch noch so sporadische Besiedelung durch eingeborene Ackerbauer muss vorangehen, bevor an die Einleitung einer fremden europäischen Einwanderung gedacht werden kann. Wenn es überhaupt Gebiete im tropischen Afrika giebt, die für solche Ansiedelung geeignet sind, so sind es die deutschen Massai-Gebiete von Iraku bis Mau, wo Höhenklima sich mit Wasserreichthum paart. Allerdings wäre es verfehlt, direkt einen diesbezüglichen Versuch einzuleiten. Zu einem solchen eignen sich die küstennahen Hochweide-Gebiete Usambára's und Pare's, vielleicht auch des Kilimanjaro am meisten. Da die für Europäer geeigneten Striche dieser Landschaften immerhin nur kleine sind, so muss jedoch schon von vornherein an die Möglichkeit einer Besiedelung der Massai-Gebiete gedacht werden, die vor Allem durch Anlage von Wanyamwesi-Kolonien eingeleitet werden könnte.
Denn nur in den Hochgebieten, die eben in geschlossenen Massen im Massailand vorhanden sind, kann an die Möglichkeit europäischer Ansiedelungen gedacht werden. Die Tiefländer unter 1200 m Seehöhe sind nirgends malariafrei und gestatten daher Europäern eine dauernde Niederlassung nicht. Ob für diese weiten, spärlich bewohnten Striche vielleicht eine andere fremde, etwa chinesische oder indische Einwanderung in Betracht käme, mag dahingestellt bleiben: Raum genug für eine solche wäre jedenfalls vorhanden.
Wie immer man jedoch die wirthschaftliche Zukunft des Innern Ostafrika's betrachtet, stets stösst man auf die Schwierigkeit der Transportmittel, deren heutige Form jede Entwickelung hemmt. Durch Trägerkarawanen lässt sich eben nur Elfenbein, vielleicht auch Vieh und Esel mit grosser Schwierigkeit nach der Küste schaffen. Alle anderen Produkte, vor allem jene des Ackerbaus, die doch die eigentliche Zukunft des Landes bilden, sind auf diesem Wege nicht zu befördern, da sie die Kosten solchen Transportes nicht lohnen.
Wenn es sich nun darum handelt Linien zu finden, welche durch Anlage einer Strasse oder Eisenbahn die Kolonie erschliessen sollen, so müssen dabei in erster Linie wirthschaftliche, in zweiter Terrain-Gründe maassgebend sein. Es muss ferner bedacht werden die »zweite Küste« Ostafrika's, die der grossen Seen möglichst auszunutzen.
Eine Linie, welche, sei es nun von Tanga oder von Bagamoyo oder Dar-es-Salaam aus nach Tabora führt, müsste nach dem obengenannten Gesichtspunkte als gänzlich verfehlt betrachtet werden. Denn bei diesem Projekt herrscht offenbar die irrige Voraussetzung, dass Tabora, das lange Zeit das Emporium des Elfenbein- und Sklavenhandels war aber schon heute nicht mehr ist auch in Zukunft eine Rolle spielen werde. Dies ist jedoch, wie oben ausgeführt, vollkommen ausgeschlossen. Ebenso wie Msenne, welches 1858 der Centralpunkt des Inlandhandels war, völlig verschwunden ist, so wird in einem Jahrzehnt auch von Tabora nicht viel übrig bleiben.
Eine Bahn von Tanga nach Tabora hätte allerdings keine wesentlichen Terrainschwierigkeiten zu überwinden. Sie würde bei Korogwe den Ruvu überschreiten und bei Mgera fruchtbares Gebiet verlassen. Durch den ödesten Theil der Massai-Steppe würde sie nach Irangi führen und die fruchtbaren Hochgebiete weitab im Norden liegen lassen. Etwa bei Unyanganyi müsste sie das Plateau ersteigen, welches in Turu besonders unfruchtbar ist, hierauf die Wembere-Steppe durchqueren und käme erst in unmittelbarer Nähe Taboras in halbwegs fruchtbares Gebiet.
Nicht viel besser ist die Linie Bagamoyo—Tabora, die überdies Anfangs ziemlich grosse Terrainschwierigkeiten bietet. Sie verlässt in Usagara fruchtbares Gebiet und führt durch wasserarme, dürre Strecken von Ugogo nach Tabora. — Die ganze Linie, vom Küstengebiet, also von Mgera einerseits und Usagara andererseits wäre wirthschaftlich völlig unproduktiv und müsste erst durch Seitenlinien ergänzt werden. Dasselbe wäre auch in Tabora der Fall, man müsste einerseits zum Victoria-See, andererseits zum Tanganyika Linien errichten, wenn das ganze Unternehmen überhaupt einen Zweck haben soll. Wenn es sich also, wie auch von den Vertretern der Tabora-Linie allgemein anerkannt wird, vor Allem um die Erreichung der Seen handelt, so ist kein Grund einzusehen, warum dieser Zweck nicht in gerader Richtung angestrebt werden soll.
Eine Bahn, die von Tanga zum Speke-Golf führt, würde sich der Luftlinie am meisten nähern. Im Anschluss an die Korogwe-Bahn würde sie, dem Thal des Ruvu oder Mkomasi folgend, an den Fuss des Kilimanjaro gelangen. Der weitere Weg wäre nach Ober-Aruscha, um das Südende des Simangori-Berges zum Nordende des Manyara-See, dann auf die Höhe des Plateaus, durch Mutyek und am Nordende des Eyassi vorbei nach Serengeti und Ntussu zum Nyansa, der etwa bei Nassa erreicht würde.
Die Terrainschwierigkeiten dieser Linie wären nicht bedeutende, jedenfalls ohne Vergleich geringer, als die der englischen Mombas—Victoria-See-Bahn.
Bis zum Kilimanjaro durchschneidet die Bahn Ebenen und hat keinerlei nennenswerthe Hindernisse zu überwinden. Aus rein wirthschaftlichen Gründen wäre die etwas schwierigere Mkomasi-Route jener durch das Ruvu-Thal vorzuziehen. — Zwischen dem Kilimanjaro und Ober-Aruscha dehnen sich ebenfalls Ebenen aus, in welchen die Ueberbrückung einiger Gewässer nothwendig wären. — Zwischen Ober-Aruscha und dem Manyara-See führt die Linie fast völlig eben. Die Bäche, welche in den See münden, würden wieder einige unbedeutende Brücken erfordern, hierauf wäre die grösste Schwierigkeit, die Ersteigung des Plateaus zu überwinden. Der Abfall ist aber am Nordende des Manyara nur ca. 100 m hoch, also weit niedriger und sanfter als an irgend einer anderen Stelle. Am Plateau von Mutyek, etwa bis zur Höhe des Eyassi, dürften noch einige nicht namhafte Schwierigkeiten zu bewältigen sein. Dann tritt die Linie wieder in Ebenen und durchschneidet diese ununterbrochen bis zum Victoria-See. Bei einer Länge von ca. 800 km hätte die deutsche Victoria-See-Bahn also ungleich geringere Terrainhindernisse zu überwinden als die 1060 km lange englische.
Wirthschaftlich könnten durch eine solche Bahn die folgenden Ziele erreicht werden: die fruchtbaren Gebiete des nördlichen Usambáras und Pares würden direkt an die Küste angeschlossen. Der Kilimanjaro, der nach Aussage aller Beobachter zu den besten Gebieten Ostafrika's gehört und auch militärisch von hoher Wichtigkeit ist, wäre zugänglich gemacht. Im weiteren Verlauf berührt die Linie den Meru, der kaum weniger günstig beschaffen ist als der Kilimanjaro, durchschneidet die Massai-Steppe in ihrem weniger unfruchtbaren, schmalen Nordabschnitt und erreicht den Manyara, in dessen nächster Nähe sich die bewohnten Ackerbaudistrikte Umbugwe und Iraku befinden. Sie durchzieht hierauf das Mutyek-Plateau, welches, heute unbewohnt, doch zu den fruchtbarsten Gebieten gehört und besonders in Bezug auf europäische Einwanderung in Betracht kommt. Am Nordende des Eyassi-See berührt die Linie die reichen Kochsalzlager dieser Distrikte, führt hierauf durch Serengeti, das hauptsächlich als Weideland in Betracht käme und betritt Usukuma, eines der dichtest bewohnten und bebauten Gebiete des Innern, das bezüglich Ackerbau sehr entwicklungsfähig ist.
Im Anschluss an die Bahn müsste natürlich ein Dampfer auf dem Victoria-See laufen. Selbst für Dampfer bis zu 6 m Tiefgang ist der See bequem fahrbar, doch müsste Feuerungsmaterial, sei es von Kohlen oder Petroleum, mit der Bahn heraufgeschafft werden. Dieser Dampfer, sowie einige Segelschiffe müssten den Verkehr auf dem See herstellen und vor Allem dessen Küsten mit Salz versorgen.
Von Seiten feindlicher Völkerschaften wäre auf dieser Linie so gut wie nichts zu befürchten. Einzig die Bewohner von Ober-Aruscha sind entschiedene Gegner, doch steht deren endgiltige Niederwerfung in hoffentlich naher Aussicht.
Im weiteren Verlauf der Route, besonders im Massai-Land, sind Hindernisse von Seiten der Eingeborenen ganz und gar nicht zu fürchten. Die Engländer, deren projektirte Bahn doch ebenfalls das Massai-Land durchquert, veranschlagen für dieselbe eine Schutztruppe von 400 Swahíli-Askari, hauptsächlich zur Bewachung der Telegraphendrähte. Nach meiner Ansicht wäre diese Zahl für die deutsche Linie noch zu hoch gegriffen. — Jedenfalls müsste jedoch einem Bahnunternehmen die wenigstens theilweise Besiedelung der Massai-Länder durch Wanyamwesi-Kolonien vorangehen, da die Verpflegung der Arbeiter während des Baues sonst schwierig würde. Die Anlage solcher könnte in 1-2 Jahren in genügender Zahl erfolgt sein und mit den Trassirungsarbeiten für die Bahn Hand in Hand gehen.
Baumann, Massai, pag. 255.
Schematisches Profil der Victoria See-Bahn.
1:4,000,000.
Die Engländer nehmen für ihre Bahn die Benutzung indischer Kulis als Arbeiter in Aussicht, da die englische Interessensphäre keinerlei Völker beherbergt, die gegenwärtig schon zu intensiver Thätigkeit geneigt wären. — Darin ist man deutscherseits in glücklicherer Lage; die Wanyamwesi stehen hier zur Verfügung. Tausende von Arbeitern sind jederzeit in Usukuma und in den südlichen Strichen Unyamwesi's zu haben. Nur für Arbeiten, welche besonderes Geschick erfordern, wären Leute von der Küste oder von auswärts nöthig.
Die Verpflegung von Trassirungs-Kolonnen, sowie die der Arbeiter während des Baues hätte keinerlei unüberwindliche Schwierigkeiten. Bis Ober-Aruscha liefern die umliegenden Landschaften genügende Nahrung. Ein Proviantdepot am Nordende des Manyara, wo auch eine Wanyamwesi-Niederlassung zu gründen wäre, liesse sich leicht von Umbugwe aus versorgen. Zwischen Manyara-See und Ntussu ist allerdings gegenwärtig kein Proviant zu erhalten und es müsste die Verbindung durch Begründung von Wanyamwesi-Niederlassungen vermittelt werden. Uebrigens ist die genannte Strecke kaum so lang wie die von Kikuyu nach Kavirondo der englischen Bahntrasse, die ebenfalls absolut keine Nahrungsquellen bietet. Transporte auf dieser Route könnten von Anfang an vorzugsweise mit Eseln ausgeführt werden, die sich, wie ich aus Erfahrung weiss, sehr gut dazu eignen.
Ausser der genannten Linie könnte für eine Victoriasee-Bahn noch die Route Tanga—Korogwe—Mgera—Irangi—Umbugwe—Meatu—Speke-Golf in Betracht kommen. Dieselbe ist zweifellos kürzer und bequemer als die alte Ugogo-Route und daher einer vorläufigen Entwickelung als Karawanenstrasse wohl werth. Doch bietet sie ungleich mehr Terrainschwierigkeiten und durchschneidet vielfach wirthschaftlich aussichtslose Gebiete, sodass eine Bahn hier keine Vortheile hätte. Da Umbugwe und die Nachbarländer viele Esel besitzen und in Mgera einerseits, in Usukuma andererseits, leicht Träger zu bekommen sind, so hat diese Route für gegenwärtige Verhältnisse, sowie als Zufuhrlinie bei Bahnarbeiten grossen Werth und könnte durch rohe Klärung event. auch für Eselkarren befahrbar gemacht werden. — Durch Wanyamwesi-Kolonien nahe den Routen Mgera-Irangi und Mbulu-Meatu liessen sich die grossen nahrungslosen Strecken dieser Linie verkürzen. Hier sowohl wie im Massai-Lande mag es schwierig erscheinen, Niederlassungen in unbewohnten Gebieten zu errichten. Wie ich jedoch die Verhältnisse kennen gelernt, ist mir nicht zweifelhaft, dass man das nöthige Menschenmaterial dazu findet und dass in wenigen Jahren nahezu ohne Kosten, die weiten unbewohnten Gebiete wenigstens sporadisch besiedelt sein könnten.
Was das Bahnunternehmen anbelangt, so erscheint es auf den ersten Blick gewagt, dasselbe auf eine Linie zu lenken, die heute fast völlig unproduktiv ist. Aber es kann nicht genug betont werden, dass jedes Projekt, welches auf den heutigen Handelsverkehr basirt ist, von gänzlich verfehlter Anschauung ausgeht. Denn Elfenbein wird niemals eine Bahn bezahlt machen, das können nur Produkte des Ackerbaues.
Dass eine Bahn ein Kulturfaktor ersten Ranges und geeignet ist, einen ungeahnten Aufschwung zu veranlassen, ist durch zahllose Beispiele in europäischen und überseeischen Ländern bewiesen. Nicht nur der gesammte Handel wird sich sofort an der Bahnlinie und ihren Ausgangspunkten koncentriren, sondern auch jeder unerlaubte Verkehr, vor Allem der Sklavenhandel wird aufhören oder bei der kolossalen Abnahme jedes Karawanen-Verkehrs leichter zu verhindern sein.
Die Engländer, die doch in kolonialen Dingen gewiss keine Phantasten, keine »Schwärmer« sind, gehen mit Ernst an den Bau der Victoriasee-Bahn. Der einzige wenn auch nur scheinbar stichhaltige Einwand gegen eine deutsche Bahn wäre der, dass zwei Bahnen zum Victoria-See des Guten etwas viel seien. Die Vortheile der Route Kilimanjaro—Speke-Golf gegenüber jener Kikuyu—Kavirondo sind jedoch in die Augen springend. Vor Allem ist es die nächste Linie — käme doch eine Bahn Mombas—Kilimanjaro—Speke-Golf der Luftlinie nahezu gleich —, ferner sind die Terrainschwierigkeiten ungleich geringer und Arbeitskräfte weit leichter zu beschaffen. Die Kosten einer solchen Bahn wären also weit geringer und der erreichte Hauptzweck, die Verbindung des Victoria-Sees und Uganda's mit der Küste wäre derselbe. Es scheint also nicht abzusehen, warum eine Vereinigung der beiden Bahnprojekte, des deutschen und englischen, nicht denkbar wäre.
Wenn man die Victoriasee-Bahn auf die Möglichkeit einer weiteren Verlängerung betrachtet, so findet man, dass die Mlagarassi-Zuflüsse in nächster Nähe des Victoria-Sees entspringen, also zweifellos eine Bahnlinie zum Tanganyika, etwa von Bukome nach Ujiji, ohne besondere Schwierigkeiten ermöglichen würden. Doch gehört eine solche zweifellos der späteren Zukunft an, vorläufig ist der Tanganyika unbedingt abhängig von der Nyassa-Route. Kein wie immer geartetes Bahnprojekt kann mit dieser konkurriren. Sich zur Nyassa-Route einen Zugang zu sichern, die weiten, vielversprechenden Gebiete im Süden des Schutzgebietes, die heute noch eine terra incognita sind, zu erforschen und der Kultur aufzuschliessen, scheint mir eine der dringlichsten Aufgaben deutscher Kolonialpolitik. Hier ist noch Pionierarbeit zu thun, während dieselbe im Norden des Schutzgebietes vollendet und die Spezialforschung, die allmähliche wirthschaftliche Erschliessung einsetzen kann.
Auf die Wichtigkeit geographischer Forschung kann nie genug hingewiesen werden, obwohl dieselbe selbst in kolonialen Kreisen gar oft als »gelehrter Kram« im Gegensatz zu den »praktischen« Arbeiten aufgefasst wird. Wie kurzsichtig diese Ansicht ist, zeigt am besten das Beispiel von Usambára. Es ist neuerdings öfter die Frage aufgeworfen worden, warum sämmtliche wirthschaftliche Unternehmungen sich auf Usambára koncentriren, wo doch andere Gebiete ebenso grosse, ja grössere Vortheile bieten sollen. Die Antwort darauf ist einfach die: weil man Usambára kennt und weil es Niemanden einfällt sein Kapital in Ländern auf's Spiel zu setzen, von welchen man nichts weiss. Aber nicht nur die geographisch-naturwissenschaftliche, sondern auch die ethnographische Forschung hat eine eminent praktische Bedeutung, auf die auch Stuhlmann in seinem ausgezeichneten Werk hinweist. Denn sie allein ist im Stande uns mit dem Denken und Fühlen der dunkelfarbigen Völker vertraut zu machen, welche die deutschen Schutzgebiete bewohnen. So lange Offiziere und Beamte vom hohen Ross ihres Europäerthums verächtlich und interesselos auf den Neger herabblicken, solange sie »Afrika ohne die Afrikaner« regieren wollen, so lange wird die Zeit der verhängnissvollen Irrthümer kein Ende nehmen.
Was die Frage anbelangt, ob die ferneren Arbeiten sich auf die Küste beschränken, oder auch das ferne Innere mit umfassen sollen, so ist es allerdings richtig, dass die fruchtbaren Küstengebiete das naheliegendste und aussichtsreichste Feld für koloniale Thätigkeit in Ostafrika sind. Doch vor der Thatkraft und seltenen Kühnheit, mit welcher Engländer und besonders Belgier heute daran gehen, das Herz Afrika's der Kultur zu eröffnen, kann deutscher Unternehmungsgeist nicht zurückstehen. Auf meinen langjährigen Reisen im tropischen Afrika bin ich zu der Ueberzeugung gelangt, dass die Erschliessung des dunklen Welttheils zwar noch schwere Opfer erfordern, dass aber der Lohn dieser Mühen sicher nicht ausbleiben wird.
Kapt. Lugard, ein genauer Kenner indischer und afrikanischer Verhältnisse, spricht die Ueberzeugung aus, dass Ostafrika nicht besser und nicht schlechter sei als Britisch-Indien. Hier wie dort giebt es fruchtbare und wüste Strecken, gesunde Hochländer und fieberreiche Niederungen. Was jedoch Indien unbedingt voraus hat, ist die kolossale Bevölkerung; was uns in Ostafrika fehlt, sind Menschen. Ungeheure Striche, und zwar nicht nur Steppen, sondern auch wasserreiche, üppige Hochländer sind so gut wie unbewohnt; überall ist die Bevölkerung äusserst dünn gesäet. Hebung der Einwohnerzahl bleibt daher die wichtigste Aufgabe in Deutsch-Ostafrika, möge sie immer durch Versuche angebahnt werden, die zu einer fremden Einwanderung führen, oder möge sie die Faktoren zu beheben suchen, welche eine Vermehrung der Eingeborenen verhindern. Nicht nur aus Humanität, nicht nur aus sentimentaler Sorge um unsere »schwarzen Brüder« sind wir verpflichtet, deren Lage zu verbessern, sondern aus dem rein praktischen Interesse, das eine Kolonialmacht an der Entwickelung ihrer Schutzgebiete haben muss. Die Vermehrung der Inlandstationen, die strenge Aufrechterhaltung des Verbotes der Waffeneinfuhr werden dem Fluch der Sklavenjagden und Stammesfehden ein Ende machen und die vorschreitende Kultur wird das Elend der Hungersnoth und der Seuchen mildern, das schwer auf den Afrikanern lastet.
Den ungeheueren Anstrengungen der europäischen Nationen, die in der Geschichte nicht ihres Gleichen haben, ist es gelungen, das tropische Afrika zu erschliessen. Zwar ist die Periode der Erforschung keineswegs abgeschlossen, viele Gebiete hat noch keines Europäers Fuss betreten, und dass auch die Zeit der Entdeckungen noch nicht vollendet, hat die Massai-Expedition bewiesen. — Aber die Arbeit des Pioniers kommt heute nicht nur der Wissenschaft zu Gute, sondern der Missionar, der Kaufmann, der Pflanzer, sie folgen unaufhaltsam seinen Spuren.
Auch mir war es vergönnt, bei der Erschliessung eines Theiles von Ostafrika mitzuarbeiten. Usambára, welches ich in den Jahren 1888 und 1890 als förmliche terra incognita durchstreift, es steht heute im Brennpunkt der deutschen kolonialen Interessen. Durch die Urwälder von Handeï schallt die Axt des Pflanzers, auf den Höhen der Bergdörfer hat der Missionar sein Kreuz aufgerichtet und am Fuss der Berge ertönt der Pfiff der Lokomotive, der bestimmt ist, das Land aus tausendjährigem Schlummer zu erwecken.
Mögen auch jene fernen Gebiete, in welchen die Massai-Expedition zuerst die deutsche Flagge entfaltet, mögen auch die Hochplateaus des Massailandes und die Quellländer des heiligen Nil, mögen auch sie dereinst der Kultur erschlossen sein!