SINNLOSE BEGEBENHEIT

Um es ohne Umschweife zu sagen—: Michel Zöll hatte heute einen guten
Tag.

Vorgestern, als er stumpfsinnig in der Wärmestube der Arbeitsvermittlung saß und an dem nassen, verfilzten Zigarrenstummel saugte, den er auf dem Hergang in der Frühe gefunden hatte, kam sein Weib herein und sagte zu ihm: "Dein Alter ist gestorben … Vom Elektrizitätswerk haben sie hergeschickt, daß er auf der Straße umgefallen ist.—Schau nach!"

Es stimmte.

Jetzt lag der Tote unter der Erde.

"Ich komm schon!—Nachher!" sagte Michel zu seinem Weib nach dem
Begräbnis und schickte es heim, während er zur Logisfrau des
Verstorbenen ging.—

Wie oft hatte Michel es nicht gehört, wenn Fußtritte auf ihn traten, wenn er in eine Ecke flog, wenn die Fäuste seines Vaters auf seinen Kopf niedersausten oder eine Eisenstange, ein Teller, eine Bürste: "Knochen, verstockter!—Der Teufel soll mich kreuzweis' holen, wenn ich dir einen Pfennig hinterlaß'! Ertränkt sollte man dich im ersten Bad haben, du Nichtsnutz!"

Mit sechszehn Jahren noch, als Michel schon im letzten Lehrjahr stand und eigentlich keine Last mehr war, wollte der Alte den Jungen wegräumen und übergoß ihn beim Heimkommen mit siedendem Kartoffelwasser, weil er das Vogelfutter für den Kanarienvogel mitzubringen vergessen hatte.

Michel mußte damals ins Krankenhaus gebracht werden und sah zum erstenmal, wie ein Bett aussah.

Es war schön in diesen hellen Räumen. Man sah viele fremde Menschen, die allerhand erzählten. Michel faßte Mut da und ging nach seiner Entlassung mit dem was er auf dem Leibe trug, auf die Wanderschaft, schlug sich auf alle mögliche Art und Weise durchs Leben.

Mutter—?! Ein komischer Begriff!

Michel hatte noch so etwas wie eine abgemagerte Frau in einem Haufen
Lumpen im Gedächtnis. Ein Paar spindeldürre Arme wie Stöcke. Und
Hüsteln.

Und das, was er nun seit ungefähr zwei Jahren unausgesetzt ablebte:
Eben ein Zimmer voll Gerumpel, mit erstickender Luft und einem
Vogelbauer im staubigen Fenster.

Nur—daß Michels Weib zwei Kinder hatte und hin und wieder zum Putzen ging, daß das jetzige Zimmer keinen Vogelbauer hatte, ein klein wenig heller war, aber enger als das frühere.

Vor zwei Jahren war es etwas anders. Damals arbeitete Michel noch in der Motorenfabrik. Es war guter Verdienst. Aber wie der Teufel sein wollte, die Firma machte Bankrott, kam noch hinzu, daß das damalige Haus, in dem Michel mit Weib und Kindern in einer Zweizimmerwohnung hauste, in ein Warenhaus umgewandelt wurde, und die Leute nach langem Hin und Her auf die Straße gesetzt wurden.

Weshalb soviel Aufhebens machen! Die Entwicklung der Dinge läßt sich leicht denken. Die Hauptsache war immer: Man hatte zur Not ein Dach üher dem Kopf bekommen. Man wußte, wo man hingehörte.—

Nun, es ist etwas Wahres dran an dem Sprichwort: "Wo die Not am größten, ist Hilfe am nächsten."

Trotzdem der Verstorbene sich vielleicht geschworen haben mochte, nie und nimmermehr für Michel etwas zu hinterlassen, fiel dem Sohn jetzt die ganze erraffte Habschaft des Alten zu.—

Es war erst fünf Uhr nachmittags. Michel konnte in aller Ruhe das Zimmer des Verstorbenen durchstöbern und alles mitnehmen. Er fand außer baren fünftausend Mark einige Anzüge, von denen er den besten sogleich anzog, einen Überzieher, den er ebenfalls umlegte, und allerhand Gerumpel, das er dem Tändler Finsterhofer verkaufte.

Er war gut aufgelegt, der Michel, lachte und gab schließlich dem drängenden Tändler auch das ganze andere Geschleppe, die übrigen Anzüge und was da noch war.

Die Tasche voll Geld schritt er in die dämmernde Stadt.

"Ist doch gut, wenn man weiß, wer einen auf die Welt gebracht hat," brummte er aufgeheitert und ging in eine der bekannten Wirtschaften inder Bahnhofsnähe, um noch ein paar Gläser zur Feier des Tages zu trinken.

Es kam ihm merkwürdig vor, als er so unter den anderen Arbeitern,
Zuhältern, Herumlungerern und alten Huren saß.

Einige kannten ihn und maßen ihn von der Seite.

"Hast das große Los gezogen, Michel! He … gibst was aus?" rief ihm ein Tisch zu und in jedem Blick war ein konstatierendes Zwinkern.

Michel setzte sich. Es tat ihm wohl, daß soviel Freundlichkeit ihn umgab. Auf seinem Gesicht war sogar eine Art Gönnerhaftigkeit.

"Meinetweg'n …," rief er und lachte, "trinkt. Mein Alter hat ins
Gras gebissen! Es kommt mir nicht drauf an….!"

Und die Gesichter um ihn zäunten sich enger, fingen zu glänzen an.
Man trank sich kameradschaftlich zu.

"Erste Runde … wer bezahlt!" schrie der martialische Kellner und
Ordnungsmann in den Tisch.

"Daher!" schrie Michel und griff in seine Hosentasche, zog die Scheine heraus.

"Da gehn schon noch ein paar Runden, Michel?!" riefen mehrere.

"Kameradschaft bleibt Kameradschaft!" bekräftigte ein anderer.

Und Michel legte einen Hundertmarkschein auf den Tisch: "Soviel soll genug sein!"

Der Tisch war zufrieden, wurde laut, man brachte Bier und ließ Michel leben!

Dann stand Michel endlich auf. Einige wollten ihn noch halten, bettelten. Aber ein paar andere mischten sich ein und riefen: "Nein … richtig gesagt, sind wir zufrieden … der Michel kommt wieder!"

Und jeder drückte Micheln die Hand.

"Ein kreuzguter Mensch!" hörte dieser noch, als er die Tür hinter sich zuzog und seine Schritte eiliger straffte.

Die großen Bogenlampen leuchteten schon durch den nachtdurchwobenen Nebel. Aus den Kaffeehäusern griffen die Lichter, die Straßenbahnen flimmerten, surrten und läuteten.

Michel stieg nicht ein. Er ging zufrieden dahin und lächelte manchmal. Es schien, als wolle er noch einmal, ganz für sich allein, das eben zuteil gewordene Glück auskosten.

Er griff nach seinem Geld. Er griff hastiger. Nichts.

Seine Knie begannen zu schlottern, sein Herz stand jäh still. Er griff nochmal.

Das ganze Geld war weg. Man hatte es ihm gestohlen.

Er taumelte an eine Hauswand. Griff, suchte—suchte alle Taschen durch, vorsichtig, zitternd, furchtbar.

Nichts mehr.

Einen Augenblick stand er starr.

Die Trambahn surrte vorbei. Ganz dünner Schnee fiel. Die Lichter flimmerten. Es rauschte, rauschte—und war doch grauenhaft still. So als ob alles wie ein fließendes Wasser leise um ihn herumflösse. Er hörte es nicht und hörte es doch, hörte es wie ein verborgenes, leises Kichern….

Der Schnee fiel. Michel bewegte sich nicht von der Stelle.

Lange.—

Endlich gab er sich einen Ruck, rannte in die Wirtschaft zurück, auf den Tisch zu.

Es war keiner mehr da. Er fuhr den Ordnungsmann an. Fragte, flehte, weinte. Vergebens.

In sich zusammengesunken verließ er die Wirtschaft. Machte sich auf den Heimweg. Als er vor dem Haus stand, in dem er wohnte,—hielt er inne. Er griff nochmal in alle Taschen.

Dann, als er die Treppen emporstieg, schien es, als hätte sein Gang wieder die gewöhnliche Ruhe und Gleichgültigkeit, mit der er sonst dahinschritt. Der Dunst des Zimmers schlug ihm ätzend entgegen. Es war still und düster. Die zwei Kinder lagen im Korb, in einem Berg von Lumpen, und schliefen. Anna saß am Tisch, die Petroleumlampe flammte ärmlich und bläulich üher ihre Hände.

Gleichgültig schaute das Weib vom Sockenstopfen auf und rief: "Hast was gefunden?"

Michel schwieg, drehte sich umständlich um und schloß die Tür. Dann, seinem Weib wieder zugewendet, sagte er: "Zuwas stopfst' Socken? … Brauchst bloß Licht."

"Hast denn solang braucht?" fragte Anna und fixierte nunmehr die ungewohnte Kleidung ihres Mannes.

"Ja …," sagte Michel und zog seinen Überzieher aus, "ist eine schöne
Strecke gewesen…."

"Ist ein schönes Stück Gewand," sagte Anna wieder, als Michel näher ans Licht getreten war und sich auszuziehen begann, "sonst hat er also nichts gehabt?"

Der Michel schnaubte ein paarmal auf. Dann rief er einsilbig: "Geh, leg dich nieder … für uns wär's besser gewesen, man hätt' uns im ersten Bad ertränkt … leg dich nieder, Alte!"

Und plumpsig ließ er sich ins Bett fallen, daß die Federn knarzten.
Bald darauf lag auch Anna an seiner Seite.

Am ändern Tage trug Michel den Überzieher aufs Leihamt und gab Anna das Geld.

Wieder wie immer hockte er stumpfsinnig in der Wärmestube der
Arbeitsvermittlung.—