ZWÖLF JAHRE ZUCHTHAUS

I.

Weit hatte es der Schlosser Peter Windel im Laufe einer beinahe zwanzigjährigen Arbeitszeit bei der Motorenfabrik Jank gebracht. Als blutjunger Geselle trat er damals in den Dienst und heute war er erster Werkmeister. Seine stumpfe, schweigende Energie, sein fanatischer Lerneifer und seine fast pedantische, aber keineswegs devote Pünktlichkeit hatten ihm Respekt und Achtung verschafft, bei den Arbeitern sowohl, wie bei den Vorgesetzten. Beliebt war er nicht, aber es war keiner in der ganzen Fabrik, der auf ein einmal gesprochenes Wort von Windel nichts gab. Es dauerte allerdings lange, bis er mehr als das Allernotwendigste sprach. Verschlossen, wortkarg und mit jener stoischen Strenge im Gesicht, die schon nahe an der Grenze des Mißmuts steht—so kannte man ihn seit Jahr und Tag. Noch dazu war er keineswegs eine Erscheinung. Von Gestalt klein und nicht gerade kräftig, etwas vornübergebeugt, mit langem Hals, auf dem ein unförmiger, zu großer Kopf mit borstigen, kurzen, schon etwas angegrauten Haaren und weitwegstehenden Ohren saß. Das lederne, scharfe Gesicht machte einen überreizten Eindruck. Die tiefliegenden, unruhigen Augen waren von vielen blutunterlaufenen Äderchen durchzogen. Aus dem schroffen Tal der Backen hob sich die plumpe, unregelmäßige Nase wie ein spitzer Hügel. Griesgrämig griff die massige, verfaltete Stirne von einer Schläfenbucht zur andern.

Das Merkwürdigste an diesem Antlitz aber war der untere Teil. Er schien fast von einem anderen Menschen zu sein, hatte etwas so Hilfloses und Schüchternes, daß man den Eindruck des Mädchenhaften nicht losbrachte, wenn nicht hin und wieder der geöffnete kleine, aufgeworfene Mund die eingerissenen, stark mitgenommenen Zähne gezeigt hätte. Kam noch hinzu ein ungewöhnlich kurzes, fast in den Hals gefallenes und nur durch einen ganz kleinen Ballen angedeutetes Kinn, aus dem ein spröder Knebelbart spritzte wie eine Rettung. Sonst hätte man buchstäblich der Meinung sein können, nach dem Hals ginge der Mund an.

Man sagt im allgemeinen, Pedanten, die ihr Dasein fast abgezirkelt genau ableben, hätten ein sorgfältig gepflegtes Erinnerungsvermögen und vergäßen die kleinste Kleinigkeit oft jahrelang nicht.

Peter Windel hatte keine Erinnerung.

Schließlich, daß man irgendwie zur Welt kommt, aufwächst und allmählich auf einen Namen hört, dann, in der Schule, noch auf einen zweiten; in die Lehre kommt, etliche Stellen wechselt; daß es einem schlecht oder besser geht, daß man auf einem Gottesacker unter anderen Leuten um ein Grab steht und den Kies auf den Sarg einer toten Mutter oder eines verstorbenen Vaters, eines Bruders oder einer Schwester fallen hört und endlich Hinterlassenschaftspapiere, Notariatszimmer und Pfandbriefe zu sehen bekommt,—das erlebt so ziemlich jeder Mensch auf die eine oder andere Weise.

Ein schepperndes Weckerläuten. Es ist noch tiefste Nacht draußen, die Fenster sind gefroren und hoch herauf verschneit, man hört auf den weiten, überschneiten Straßen nur seine eigenen Schritte knirschen. Aus Schnee und Dunkelheit kommt langsam eine flimmernde Straßenbahn, dann hinter einer gelben Fensterscheibe ein verschlafenes, ärgerliches Pförtnergesicht, üher einen Hof viele, dumpf trommelnde Schritte und ineinanderschwimmende Laute, endlich einen glatten Hebel in der Hand, —herumgezogen—und ratsch! ein ganzer Hauskoloß surrt bebend auf, die Riemen klatschen, ächzen, es hämmert, feilt, quietscht, kracht, klingt, braust—das wußte Peter Windel seit ewiger Zeit. Zwischendurch freilich auch Sommertage. Ein offenes Fenster, Kühle und Dämmerung und etliche schüchterne Vogeltriller beim Erwachen. Das meiste der zwanzig Jahre—: Nächte über technischen Büchern, Sonntagnachmittage über dem Zeichenblock und manchmal ein Zählen des ersparten Geldes. Öfters als wünschenswert Streitigkeiten, Zänkereien mit der halbtauben, beschränkten Logisfrau können noch hinzugezählt werden. Das war alles. Peter Windel hatte keine Erinnerung. Er kannte nur Interessen.

Wenn nicht—

Und hier beginnt diese Geschichte.

II.

"Sie sind eine Sau! Vier Wochen kein frisches Handtuch, zwei Monate keine Bettwäsche gewechselt! Wenn das nicht aufhört, ziehe ich!" schrie Peter Windel an einem Sonntag seine Logisfrau an.

Wie immer. Das Weib blieb stehen, glotzte ihn an, verzog das Gesichtzu einer weinerlichen Grimasse und winselte ein paar unverständliche Worte heraus. Und weinte erst leise, dann immer unerträglicher.

Das Fenster stand offen. Es war Sommer. Klar fiel die Sonne in den Hof. Windel riß die Schranktüre auf, nahm seinen Regenmantel, schob die Frau beiseite und ging.

Vierzig Mark für ein Zimmer ist nicht viel und die Frau schnüffelte nicht, war uralt, hockte den ganzen Tag in der dumpfen Küche und lispelte Gebete. Unreinlich war sie nur von Zeit zu Zeit. Man mußte sie dann grob anschreien.—

Auf der Treppe fiel Peter ein, daß er "Die Elektrizität als Nutzkraft" vergessen hatte. Er drehte sich rasch um und ging zurück. Immer noch stand das Weib in der Zimmermitte, fast unbeweglich und wimmerte. Einen Augenblick maß sie Peter verärgert. Dann stampfte er mit dem Fuß auf den Boden.

"Herrgott nochmal!" stieß er heraus, warf seinen Mantel hin, riß die Bettlaken herunter, zog in aller Eile Decke und Kopfkissen ab und warf die ganze Wäsche der Frau vor die Füße, samt dem schmutzigen Handtuch. "Gehn Sie doch in die Küche mit Ihrem Lamentieren und legen Sie mir die Bettwäsche dann herein, ich mach's mir selber!" sagte er noch, nahm vom Nachtkasten das vergessene Buch und schmiß wütend die Türe zu.

"Meine Lies' … heut wird's das zweite Jahr!" wimmerte die Frau noch.
Und fiel wieder in ihr wimmerndes Weinen.—

Als Peter Windel tief in der Abendstunde nach Hause kam, lag sie quer auf dem Zimmerboden, den Kopf auf die Waschtischkante geschlagen, eine ziemlich große Wunde auf der Stirn—reglos, steif.

Eine kleine Lache geronnenes Blut umgab den Kopf. Die Tote mußte sich in den hingeworfenen Bettüchern mit den Füßen verwickelt haben und dann hingefallen sein.

Peter Windel stand und stand. Er fühlte das Brennen des angesteckten Streichholzes nicht auf den Fingern. Erst als es wieder dunkel war, zuckte er ein wenig, steckte schnell ein neues an und ließ es wieder verglimmen. Stand und stand.

Plötzlich gab er sich einen Ruck und lief wie ein Irrer davon, ließ die Türen offen, polterte die Treppen hinunter, rannte hastig und totenbleich an Leuten vorbei und meldete das Geschehene auf der Polizeiwache. Als er mit zwei Schutzleuten und dem Polizeiarzt zurückkam, waren schon Leute aus den Türen gekommen und musterten ihn, trippelten nach und blieben an der Eingangstüre stehen mit gereckten Hälsen, brummten, lispelten.

Der eine der Schutzleute schloß endlich die Türe. Man machte Licht in Peters Zimmer, schaute eine Zeitlang auf die Tote, nahm die zwei oder drei schwarzen, verkohlten Streichholzköpfe auf ein Papier und sagte zu Windel, der säulenstarr dastand: "Setzen Sie sich."

Der Arzt beugte sich üher die Tote, ein Schutzmann prüfte die
Waschtischkante. Der Arzt nickte.

"Setzen Sie sich!" sagte ein Schutzmann strenger.

Peter brach endlich in einen Stuhl.

Die drei lispelten in der Ecke.

Der Arzt steckte seine Instrumente ein, hustete und stellte sich neben die Tote.

Ein Schutzmann nahm neben Peter Platz, einer blieb an dessen Seite stehen.

"Wann haben Sie die Frau verlassen?" fragte der Schutzmann und notierte.

Fragte weiter, mit einer gewissen hämischen Herausforderung:

"Haben Sie Beziehungen zu der Hullinger gehabt?"

"Nein."

"Wie lange wohnen Sie hier?"

"Und haben schon öfters solche Streitigkeiten mit der Hullinger gehabt?"

"Ja," sagte Peter.

"Und diesmal?"

"Weil sie mir schon vier Wochen keine frische Bettwäsche mehr gab."

"Sie waren also grob zu ihr?"

"Ja."

Und noch, was er Gehalt hätte, was er bezahlen müsse für Logis, ob die Hullinger vielleicht eine größere Hinterlassenschaft in bar irgendwo aufbewahrt, beziehungsweise ob ihm bekannt wäre, in welchen Verhältnissen die Hullinger gelebt habe.

Peter antwortete meistens mit Ja oder Nein. Seine Stimme klang zerbrochen und schwer.

"Dann muß ich im Hotel schlafen … Herr Schutzmann … wenn die Leiche hier liegenbleiben muß," sagte er endlich hilflos. Er hatte diese Anordnung vom Arzt gehört.

Da stand der Schutzmann selbstbewußt auf, sagte: "Sie kommen mit!"-Alle Menschen waren noch auf dem dunklen Hof, und entsetzte Blicke fielen auf die Davongehenden.

III.

Wegen dringenden Verdachts, seine Logisfrau ermordet zu haben, wurde Peter Windel in Untersuchungshaft genommen und in einer Einzelzelle untergebracht. Vier hohe, glatte, mit kahler, graugrüner Ölfarbe gestrichene Wände umgaben ihn von nun ab. Unter der Lichtluke stand die hölzerne Pritsche, daneben der Abort. Auf dessen Deckel konnte man bei den Mahlzeiten den Eßnapf oder die blecherne Wasserkanne stellen.

Die erste Nacht lehnte Peter schlaflos an der kalten Tür. Als die Wärter in der Frühe aufschlossen, mußten sie fest drücken, bis seine steife Gestalt nachgab und endlich, als sie wütend fluchten, mechanisch etliche Schritte in den Raum machte. Während die Wärter die Brotration auf die Pritsche legten und den Kaffee in die blecherne Tasse gossen, stand der Gefangene die ganze Zeit unbeweglich und zusammengeschrumpft da. Sie achteten nicht weiter darauf und schlossen geräuschvoll wieder die Tür.—

Jetzt war Licht. Die Gefängnisuhr schlug sieben.

Peter schaute schüchtern im Raum herum und begann zu gehen. Ging
stoisch die Wände lang. Immer zehn Schritte der Länge nach und zwölf
Schritte der Breite nach. Den ganzen Tag, ohne innezuhalten, wenn man
Essen oder Abendbrot brachte.—

Erst als das Licht beim Hereinbruch der zweiten Nacht verlosch, legte er sich auf die Pritsche, zog die rauhe Decke üher sich und schlief wie immer. Jäh erwachte er in der anderen Frühe. Es war stockdunkel. Er griff in die Gegend des Abortes, als suche er etwas oder wolle Licht anstecken und stieß dabei so hastig an die Wand der Wasserkanne, daß dieselbe mit einem Knall auf den Boden fiel und klatschend die Flüssigkeit aus ihr peitschte. Erschreckt schwang sich Peter von der Pritsche, hielt seine aufgeknöpften Kleider raffend zusammen und lauschte aufmerksam.—

Jetzt schlug es fünf. Er atmete auf und begann unsicher und vorsichtig umherzutasten. Auf einmal fühlte er die Nässe an seinen Füßen.

"Herrgott! Herrgott!" brummte er mürrisch und besann sich. Aber in diesem Augenblick räkelte wer an der Tür. Ein Atmen wurde vernehmbar, das Licht in der hohen Decke flammte auf und wieder standen die kahlen Mauern ringsherum, das kleine Loch glotzte in den totenstillen Raum.

"Was machen Sie denn da?!… Sind Sie ruhig!" brüllte der Wärter draußen ärgerlich. Peters Finger streckten sich und ließen von den Kleidern. Seine Hose fiel langsam herab. Ein Zittern schüttelte seinen ganzen Körper.

"Es ist schon fünf Uhr vorbei, ich muß weg!" hauchte er gedämpft.
—Aber es war schon wieder dunkel. Und still.—

Erst nach einer Weile brachte Peter die Kraft auf, seine Hose hochzuziehen, und tastete sich zur Pritsche, legte sich darauf. Sein Herz schlug hörbar und mit jedem Uhrenschlag erregter. Um sechs Uhr schwang er sich empor und blieb dann hölzern sitzen.

Das Licht griff endlich wieder von der hohen Decke in den Raum. Die Tür öffnete sich unter dem Knarren der Schlüssel. Ein Wärter stellte das Frühstück herein und der andere an der Tür warf den Aufwischlumpen her und beide brummten und schimpften wegen des Wasserumschüttens, hießen Peter aufwischen. Fast froh darüber ergriff dieser den Lappen, kniete hin und wollte alles möglichst in die Länge ziehen. Aber die Wärter zeterten und trieben zur Eile.

"Vorwärts! Vorwärts! Glauben Sie, wir sind zu Ihrer Unterhaltung da!
… Marsch! Marsch! … So … fertig!"

Sie rissen ihm den Lumpen aus der Hand und waren schon draußen. Wieder wich die Tür in die Wand zurück. Die Schlüssel knirschten. Das Guckloch starrte wie ein gräßliches, ausgestochenes Auge in den kahlen Raum.

Peter kniete benommen da. Lange.

Es war still! Still!!

Fürchterlich still!

Wie ein aufgescheuchtes Tier hob der Kniende plötzlich den Kopf, schaute scheu um sich und sprang mit einem Satz an den Abort, hob den Deckel und schloß ihn hastig wieder, hob und schloß.

Die Spülung rauschte. Auf und zu klappte der Deckel. Es krachte, rauschte. Immer hastiger, schneller, motorisch riß Peter auf und zu, auf und zu, immerfort, immerzu, nur um die Stille nicht mehr zu hören, hob und deckte zu, es rauschte, rauschte—bis der Wärter schrie: "Sie!! … Sie! Sind Sie verrückt geworden!!—Passen Sie auf! … Man ist schon mit anderen fertig geworden! … Warten Sie, Sie!!"

So erschrocken war Peter, daß er noch lange zitterte, dann ging er hastig wieder die zehn und die zwölf Schritte. Den ganzen Tag.—

Viele, viele Tage, jedesmal um fünf Uhr früh, erwachte Peter so jäh. Immer griff er hinüber zum Abortdeckel, wollte Licht anstecken, sprang auf, brachte seine Kleider in Ordnung,—machte etliche Schritte, stieß an die kalte Tür und prallte zurück.

Neunzehnunddreiviertel Jahre gleichmäßiges Aufstehen lassen sich schließlich nicht aus der Gewohnheit auslöschen.

Um sechs Uhr pfiff es. Wenn er am Hebel stand undihn herumriß, fing der mächtige Koloß der Fabrik zu surren an, die Riemen klatschten, quietschten, es krachte, bebte, hämmerte….

Peter war so mit dem Kopf an die Tür gestoßen, daß er taumelnd zurückfiel, glatt auf den Boden und liegenblieb.—

Wo!? Wo war man denn? Wo denn! Wo!!?

Auf der Welt? In der Hölle? Tief in der Erde?—

Es war still!

Nirgends war man! Nirgends! Gar nirgends!

In einem Grab, in einem luftleeren, steinernen Sarg! In einer fressenden Stille! Und durfte langsam, ganz langsam sterben. Niemand wußte, sah und hörte etwas. Es war still! Still!!—Still!!!

Doch—man hörte etwas, zeitweilig ein ganz fernes Klopfen, ein Kratzen in den Wänden. Aus einer anderen Gruft vielleicht?!—Nein! Es waren Holz—oder Mauerwürmer, die nagten, nagten, weil sie einen Kadaver witterten.—

Die dann herabfielen wie Tropfen und langsam in den Leibbohrten,—nagten, nagten und alles auffraßen!—

Das Licht kam wieder. Peter Windel stand auf, ging zehn und zwölf
Schritte. Er aß jetzt auch.—

IV.

Endlich nach fünfzehn Wochen Haft fand die Verhandlung gegen Peter statt.

Stupid folgte der Gefangene den Wärtern durch lange Gänge, dann fühlte er Luft und bekam Angst, atmete sparsam.

Und dann saß er in einem Saal, sah Gestalten, sah starre Augen und hörte Redegeräusche um sich herum und aus sich heraus.

Zuerst saß er da wie eine leblose Puppe. Dann, mit jedem gehörten Wort, kam mehr und mehr das Leben in ihn. Sein Gesicht bewegte sich, als öffne es sich aus einer Erstarrung—und dann lag ein Lächeln die ganze Zeit auf seinen stoppeligen Falten und blieb.—

Die Dienstmagd vom Vorderhaus sagte aus. Einfach klangen ihre Worte.
Sie sprach nicht zu viel und nicht zu wenig.

Das Geräusch der Worte war erst undeutlich, dann wurde es klarer und klang.—

Am fraglichen Sonntag nachmittags zwei Uhr vernahm diese Dienstmagd ein Wimmern aus dem offenen Fenster des Windelschen Zimmers. Dem folgte ein grobes, kurzes Schimpfen. Dann sah sie den Angeklagten auf der Treppe, wie er plötzlich innehielt und wieder umkehrte. Und wieder hörte sie das Wimmern, noch deutlicher sogar und ein wütenden Schimpfen, dann einen Türzuschlag und Windel mit grimmigem Gesicht die Treppe hinunterrennen.

Wie ruhig sie das sagte: "Und dann, gleich darauf, habe ich einen dumpfen Knall und einen kurzen, nicht recht lauten Schrei, der eher ein Stöhnen war, gehört und das Wimmern hat auf einmal aufgehört. Ich weiß nicht mehr genau, war's gleich nach dem Türzuschlagen oder ein wenig später. Ich bin dann zu meiner Schwester gegangen, weil ich Ausgang hatte…. Die Leute im Vorderhaus und im Hinterhaus? … Ja … soviel ich gesehen habe, die waren fast alle weggegangen … schon mittags…. Es war ja auch so schönes Wetter."

Peter Windel saß da und lauschte. Es klang!—

Er begann auf einmal langsam—dann aber stoßweise zu schluchzen. Eine
Bewegung kam in den Saal. Eine Glocke läutete. Lauter rief wer!
Ja!—Ja! Das konnte der Vesperruf in der großen Halle sein! Das war
dasselbe, dünne, schrille Läuten.—

Dann klangen wieder Stimmen hin und her.

Der Chef, die Arbeiter und Angestellten und die frühere Logisfrau sagten günstig über den Angeklagten aus. Die letztere weinte sogar buchstäblich und sprach erregt, daß der Staatsanwalt sich verpflichtet fühlte, sie zu fragen, wie lange Windel sie kenne, ob er sie zuletzt noch aufgesucht und ob sie zu ihm in näherer Beziehung gestanden habe.

Die dicke Frau wurde darob sehr schrill, schrie und es läutete abermals. Peter Windel war wieder ruhig geworden und lächelte wieder.—

Lächelte, trotz der furchtbaren Anklagerede des Staatsanwalts, lächelte starr in den Raum, als der Rechtsanwalt redete und redete.—

Man fand keine Absicht in dieser Tat. Die Beweise waren zu mangelhaft. Der Angeklagte war ein unbescholtener Mensch. Bis in die Schulzeit hatten die eifrigen Nachforschungen der Behörden zurückgegriffen, nichts ließ auf einen jähzornigen, böswilligen Menschen schließen, sondern eher auf einen schüchternen, scheuen, dem das Leben stark mitgespielt hatte.—

"Alles, was die tote Frau Hullinger hinterlassen hat, fand man unberührt. Sie haben ein Zeugnis aus der weitaus überwiegenden Mehrzahl der Aussagenden, daß der Angeklagte nie zu einer solchen Tat fähig sei. Wie kann man annehmen, daß ein solcher Mensch wegen einer geringfügigen Unreinlichkeit einfach eine alte Frau dermaßen an den Waschtisch wirft, daß sie augenblicklich tot ist!" rief der Verteidiger. Und viele nickten. Man hörte deutlich ein Aufatmen, als der Freispruch bekanntgegeben wurde und sah aufgeheiterte, fast erlöste Gesichter.—

Peter Windel war frei.

"Kommen Sie nur gleich wieder!" hatte sein Chef gesagt, als er ihm beim Weggehen die Hand drückte. Und der Rechtsanwalt hatte einen Blick wie ungefähr: "Na, das hätten wir wieder durchgedrückt!"

Nach fünfzehn Wochen spürten Peters zögernde

Schritte wieder Straßen, hörten seine Ohren Trambahnrattern, sahen seine Augen Menschen, Farben, Fenster, und er wußte selber nicht, wie und weshalb er plötzlich an einen Schalter herantrat und sagte: "Dritter Klasse! Ja!"

Er stieg auf den Zug und ging nicht in die Kupees. Eine Nacht lang stand er auf dem eisernen, ratternden Vorplatz eines Wagens und atmete.—

Der Wind pfiff. Der Zug sauste, riß die Luft auseinander, zog vorbeifliegende Lichter in die Länge, bohrte hemmungslos in eine dunkle, ungewisse Ferne.

Keine Wand mehr, keine zehn und zwölf Schritte, kein Ende—das Toben und Brausen wieder! Nur diesmal wie ein Flug durch einen unermeßlichen Raum.—

V.

Aber—es ist nicht wahr! Man kann nichts wegtrinken, nichts vergessen machen, nichts auslöschen! Man trägt es mit sich wie ein unsichtbares Schneckenhaus und zuletzt!?—

Es sind immer wieder die kahlen, glatten Mauern, die Tür mit dem ausgestochenen Aug' in der Mitte, die zehn und zwölf Schritte….

Es klopft.—

Es kratzt in den Wänden. Die Würmer nagen. Sie warten und fallen plötzlich in einer Nacht wie schwere Tropfen herab, bohren sich ins Fleisch, nagen—nagen.—

Peter Windel hatte eine wilde Flucht hinter sich. Durch Städte und Dörfer war er gefahren, in Hotels und in Wirtschaften, in Animierkneipen oder am Leib eines Weibes hatte er die Nächte verbracht. Er trank, warf das Geld weg, aß, saß in den Theatern und den Kinos, in den Bars und Vergnügungslokalen jeder Klasse.

Es war immer wieder die Stille, das Stockdunkle, das Grab!—

Er floh und kehrte endlich wieder zurück zu Jank, nahm die Arbeit wieder auf und wurde ruhiger. Es trat die alte Regelmäßigkeit in sein Leben. Ereignislos verliefen die Jahre. Er wurde alt. Gebückt ging er.

Der Chef nahm ihn in die Abteilung für technische Angelegenheiten ins Bureau. Da saß er nun jeden Tag auf seinem Drehstuhl und rechnete, schlug das Buch zu, kam am ändern Tag wieder und rechnete.

Neben ihm saß das Schreibmaschinenfräulein, weiter am Fenster vorne der Ingenieur und manchmal auch der Chef.

Jahre.—

Plötzlich an einem Nachmittag gegen drei Uhr warf Peter Windel die Feder weg, riß sich fast soldatisch herum, ging an den Schreibtisch des Ingenieurs und sagte mit hohler, kalter Stimme: "Die Sache liegt vollkommen glatt. Für den Verlust mache ich Sie keinesfalls haftbar."

Steif stand er einen Augenblick vor dem verblüfften Herrn und drehte sich rasch um, rannte zur Tür und war weg.

Schon nach der Mittagspause hatte er sich den Hut unter den
Schreibtisch gelegt. Und jetzt war er froh, daß kein ihm bekannter
Straßenbahner den Wagen führte, in den er stieg.

Nach der fünften Haltestelle stieg er aus. Er war mitten in der Stadt.
"Das Urteil im Heinold-Prozeß! Zwölf Jahre Zuchthaus!" schrien die
Zeitungsverkäufer und flatterten mit den Extrablättern herum.

Wichtige, gesprächige Gesichter tauchten auf, gedrängte Gruppen stauten sich um die Anschlagssäulen.

Peter bohrte seine Augen spähend in die staubige Luft. Nach einem regen Ausschreiten blieb er auf einmal stehen, murmelte etliche Worte heraus, drehte sich mechanisch herum und ging in den Blumenladen, vor dem er jetzt stand. Nach einer langen Weile kam er mit einem großen, auffallend schönen Rosenstrauß heraus, und ein kaltes Lächeln lag auf seinen störrischen Zügen.

"Lebenslänglich in einem Grab … da schon lieber gleich weg," hatte er gestern beim Treppenhinaufgehen gehört, und dann sagte eine andere Frau superklug: "Beantragt erst. Es hängt noch vom Gericht ab."

Heute war niemand im Treppenhaus. Auch die Wohnung war leer. Die Logisfrau war wahrscheinlich zum Putzen gegangen und ihr Mann kam erst gegen sieben Uhr abends von der Arbeit.

Peter öffnete rasch und schritt behend in sein Zimmer, legte behutsam den Rosenstrauß auf den Tisch und holte sich in der Küche warmes Wasser zum Rasieren.—

Als er bereits im Gebrock vor dem Spiegel stand, überfiel ihn auf
einmal ein maßloses Zittern, und eine Totenblässe überzog sein
Gesicht. Mit Gewalt straffte er seine Füße. Dann nahm er endlich den
Strauß und verließ die Wohnung.

Es war schon dunkel, als er vor der Tür des Staatsanwalts Petersen stand und läutete.

"Ich möchte gern … wenn es erlaubt ist … dem Herrn Staatsanwalt diese Blumen bringen … und—und gratulieren," stotterte er dem Mädchen ins Gesicht. Das ließ ihn ein und führte ihn in ein Empfangszimmer. Nach ganz kurzer Zeit tat sich die Mitteltür auf, und Peter stand vor dem Staatsanwalt. Einen Augenblick hatte der Mann eine steinern ernste Miene, dann flossen alle Falten in ein Wohlwollen und er lächelte geschmeichelt.

Mit vielen unbeholfenen Verbeugungen reichte ihm Peter den Rosenstrauß und stotterte devot: "Für … für den außerordentlichen Eindruck, den ich von Ihrer Anklagerede empfing … nur eine kleine Erkenntlichkeit meiner Wenigkeit, Herr … Herr Staatsanwalt, Herr….!"

Der Staatsanwalt nahm ihm mit aller Freundlichkeit der Herablassung den Strauß aus der Hand, führte ihn an die Nase und sog in vollen Zügen den Duft ein, hob den Kopf wieder, sagte: "Ah …!" und drehte sich lächelnd um, zur anderen Tür schreitend: "Das muß ich gleich meiner Frau sagen…."

Jetzt, da er ihm den Rücken zugewendet hatte, rief Peter plötzlich mit schneidender Hast: "Eins, zwei, drei! … einen Augenblick …" und er lächelte, wie um sich zu besinnen … "sind drei … aber nein, nein! Das stimmt nicht! … Zehn und zwölf, verstehn Sie … sind?"

Der Staatsanwalt hatte sich erschreckt umgedreht, stand unschlüssig.
Peters Mund bewegte sich fieberhaft. Schaum stand auf seinen Lippen:
"Verstehn Sie … zehn und zwölf Schritte! Den ganzen Tag! Den ganzen
Monat—ein Jahr—zwei!—drei!—vier—zwölf Jahre! Zwölf Jahre!!"

Und noch ehe der Staatsanwalt auf ihn zustürzen konnte, stieß ihm
Peter mit aller Wucht sein feststehendes Messer in die Brust, daß er
lautlos zusammenbrach und vornüber hinfiel. Dumpf hallte es. Der
Körper warf sich etliche Male zuckend und blieb dann steif liegen.

Peters Mund ging auf und zu: "Zehn und zwölf Schritte—einen Tag, einen Monat—ein Jahr—zwölf Jahre, zwölf——"

Die Tür ging auf. Hoch stand ihr Dunkel. Etwas Buntes, Weißes flimmerte dazwischen! Peter schrie in einem Schrei:

"Für den Verlust mache ich Sie keinesfalls haftbar,—Zwölf Jahre Grab!
Verstehn Sie … Das ausgestochene Aug'! Die Würmer! Zwölf Jahre …
Verstehn Sie! Zwölf Jahre Nirgends! Nicht Hölle! Nicht Welt! Zehn und
zwölf Schritte … die Wü-ü-ürmer!"….

Nach der irren Hast der ersten Worte spaltete sich die Stimme, überschlug sich und klang zuletzt wie ein keuchendes, ersticktes Stöhnen. Jetzt hielt er inne.

Die hohen Türen standen offen da. Schwarz und düster. Gegen ihn gerichtet wie drohende Rachen.

Die Gestalten und Gesichter waren fort. Es war still. Still!—Mit weit aufgerissenen Augen starrte Peter in diese Leere. Sein Körper begann zu schlottern, aber er riß sich zusammen. Er wich zurück. Sein Kopf stieß dumpf an den Fenstergriff. Erschrocken wandte er sich herum. Die Helle brach üher ihn. Er öffnete rasch.

Jetzt befiel ihn wieder das Zittern. Sein Gesicht verzerrte sich. Er wollte umsehen und wagte es nicht. Seine Arme umklammerten das Fensterkreuz.

Furchtbar schrie er: "Hilfe! Hi-ilfe!"

Er schwang sich plötzlich mit einem wilden Satz aufs Fenster und sprang in die Tiefe.—