Versöhnung

Gesänge und Psalmen

Kurt Wolff Verlag · Leipzig
1919

Bücherei „Der jüngste Tag“, Band 71

Gedruckt bei Poeschel & Trepte, Leipzig

Copyright by Kurt Wolff Verlag, Leipzig 1919

Armes Wort

So steig ich wieder auf, heimlich erhobene Schale!

Schon schüttet ewiger Sinn sich in mich schwer.

Wird mich nicht überreicher Drang zermahlen?

Gesang quält wieder auf und bettelt sehr.

Doch immer spür ich Scheu, hinaufzublicken:

Geahnter! Du wirst Wert und Wort der Stunde knicken.

Sieh, meine Hände sich wie Ringer keuchend um dich falten!

Wie halten — o wie retten dich in mein Erkalten?

Du lädst dich in mein armes Schaun, wie schwank ich wild!

Berührten, die ich pflückte, Erdenharmonien dein ewig Bild?

So schlürft ich nie, Verzehrender! so ward ich nie verschleudert!

Hinrasend Meer! Aufblühe, Mensch! noch Tierblick sich ins Ahnen läutert!

O lösch mich aus, Gewalt! so trüb dort unten spült der Tag.

Schmilzt hin vor dir und höhnt, der so an deinem Busen lag.

Schon gleit ich nieder. Täler brüllen auf, da ich sie fülle

in Drang und Trotz. Sie werden über mir zusammenschlagen.

Ein Schluchzen nur in armer Hand werd ich in meine Hütte tragen,

Ein Schluchzen, drin ich mich in lauter Scham verhülle.

Doch immer hart getürmt auf mein Verzagen ragt Gebot:

„Ich hab mich dir gezeigt. Du wieder sollst mich zeigen!

Ich bin der Sinn und Form ist meine Not.“

Dann werde ich mich neigen, großer Rufer! tiefer neigen.

Dein Bild zu wagen, taste ich nach Körnern warmer Erde:

Ach wie ich greife, wird es Asche werden.

Winterritt mit weißen Hunden

Weicher Hufschlag kost die weißen Flächen,

lichtumspülte Berge wandern mit.

Selig Jagen, daß die Fernen brechen,

wilde Nähe dampft von meinem Ritt.

Schneegewölke stiebt um unsre Lenden,

Sonne schauert auf in weißem Gischt.

Meine Hunde schießen vor und wenden,

Wellenlust, die sich dem Schäumen mischt.

Froh umbellt und königlich getragen,

Gold blitzt auf dem wildgeworfnen Huf.

Bläh’ die Nüstern, Brauner! Friß dein Jagen,

spür auch du den Drang, der dich erschuf.

Tag schreit auf und selig kreist die Sonne,

trunkner Bräutigam umkniet die Braut.

Ich bin Tag und Hund und Pferd und bin die Wonne,

die in Taumeln ihren Gott erschaut.

Nacht im Februar 1917

So ritt ich durch die armen Fetzen Ewigkeit.

In stummem Zwange lag die Nacht geknebelt

und lohte hungernd, wie ein ausgeweintes Leben

nach einem Schmerzensschrei, der sie erlöste.

Erbarmungsloses Mondlicht drängte alle Sterne

in freudenlose Firmamente roh hinauf,

mit kalten Hieben warf es unsre Erde

— das weiße Schneeland, das um Sonne trauert —

wie einen Toten in den fahlen Grund.

Gespenstisch fror das kalte Dämmern auf dem Leichnam,

den ich mit grauem Schauder überritt.

Aus ihrer Schattenbläue sprangen dunkle Bäume

wie rasende Fontänen schwarzen Blutes auf,

im lodernden Geäste sich verspritzend.

Rauchende Dolden tobten wild ins Graun.

Und harter Mondschein starrte alle Brunnen Blutes,

und fror gespenstisch auf der Leiche Welt,

in die mein Pferd die scharfen Hufe bohrte.

Solang ich ritt, umgraute mich der Leichnam

und Wunden sprangen blutend, wo ich ritt.

Da half mir niemand solche Wehschau zu ertragen.

Du arme Welt, wer hat dich so geschlagen?

O Menschenerde, wie du dich verklagst!

Ich schrei den Bußeruf, den du nicht wagst.

Märzpsalm

Erbarmender! daß ich hier liege

niedergeworfen in deine keimenden Schollen!

Höre mein Schrein!

Wer warf uns in solche Geschicke?

Raserei über uns! ewig urfremdes Sterben!

Sterben in Frühen und Abend und duldenden Nächten.

Leben uns ausspie;

in Erden müssen wir kauern, ach! hassen die dumpfen Tage!

Immer geduckt unter drohenden Fäusten,

brechendem Hohn.

O wer hat uns so unterjocht?

Empörung lauert in allen tödlichen Schlachten,

da aus der Not sich erkannte

Opfer und Mord.

Wohin, ihr Alten, stelltet ihr eure Söhne,

daß sie euch hassen müssen

jungguten Erkennens!

Denn euer Tun müssen wir büßen —

Was fehlten wir?

Euern verirrten Begierden

was bluten wir noch?

Säulen von Vätern lasten

schwer auf uns.

Wir wollen sie vertoben,

verspritzen,

in Tage baun, uns zu erfüllen!

Es wartet ein Tun in den Welten: ich möchte es wagen!

Es jagt ein rotheißes Geblüt in den Adern der Erde:

ich möchte es küssen!

Geschöpf sein und leben!

Ging ich, mein Vater, nicht,

ein Schwankender,

unter den Lasten deiner Gesichte!

Lagerten sich nicht schwer

auf meine Tage

all deiner Schöpfungen blitzende Momente

Schicht um Schicht!

Daß auferstand aus Gebirgen Fühlens,

— zu reifen in unendlichen Jubel —

Gütiger, dein Bild!

dein Lächeln, mein Vater!

Jetzt schütten aus grausamen Stunden

Aschen nieder die Tage

und tiefer immer versinkt mir

dein erhabenes Gesicht.

Halte mich, Vater!

O, dich zu halten aus dem schwingenden Lachen der Stürme

sandtest du diesen Tag!

Sandtest Geläute der Himmel,

daß ich dich greife,

aus den verzückenden Sonnen dich, Rufender, zwinge

in mein empörendes, in mein

demütiges Lied.

Seht, wie Tod bereite Schale hebt

Immer glüht der Tod um unsre Glieder.

Schaut sein Flammen armen Leib umlohn!

Tage schmelzen uns und Stunden nieder.

Schon auf toten Vätern schreit der Sohn.

Alles Tun rinnt ab von unserm Wollen.

Seht, wie Tod bereite Schale hebt!

Alles Schlürfen ist Verrat am Vollen!

In sein Sterben reift, was immer lebt.

Wessen Schwur sich reißt vom Mutterschoße,

sinkt schon hin in tödlicher Magie,

brennt sich ab nach dem erzwungnen Lose,

bis ihn letzte Stufe niederzieh.

Wort, das in das große Lauschen hallte,

schlägt sich ein in Wellenmeer und stirbt.

Tod ist Freundschaft, die hinüberwallte.

Liebesblick, erloschner, nie mehr wirbt.

Schritt, den ich getan, ist Raub des Todes,

da ihn furchtbar großer Raum verschlingt.

Liebes Gestern, grausam hin verloht es.

Melodie ins Nichtmehrsein verklingt.

Wir sind Wälder nur dem Tod zu pflücken

— Sonne winkt vergeblich blau und rot —

Tropfen nur, die sich im Fall verzücken.

Schwankend unten füllt sich Schale Tod.

Einer doch wandelt ...

Einer doch wandelt

unter allen Menschen

und noch einer wohl,

der trägt und trachtet

Leid und Last seiner Welt.

Hat sein Erbarmen gestachelt ein voriges Schicksal,

Blutet er unterm Erinnern des lächelnden Gotts?

Plötzlicher Schreck dolcht sein Lachen und trinken nimmer in Frieden

kann er der gütenden Nächte Beruhigung,

denn ewig rafft ihn der Schrei:

Grausames Mißtun der Erde!

Notverkrampfte Arme zucken nach Sonnen hin

und Mutterhände, fiebernd gefaltete, würgen sein Träumen.

Heiß überm Lärmen umgellt ihn die Klage der Väter,

wenn sie am Abend gehn, siech um den Märtyrer Sohn.

So wandelt der eine durch schreiende Tage und Länder.

Tief in sein Aug ist gekerbt alles Leiden der Welt.

Frierender Kinder und stinkender muß er erbarmen.

Hunger der Vielen durchschüttelt ihn und noch der Huren

anklagend Geheul reißt sein teilendes Herz in Zerrüttung.

Silbernes Lachen der Mädchen kann ihn nicht trösten.

Jubellust Gieriger stampft unter Füße sein blutendes Menschsein.

Wild aus Erinnern und Vorschaun auftobt ihm Verzweiflung.

Dann wird er Mensch sein!

Aufstemmt ihn rasende Lust

zu tragen, zu leiden,

der Tiefste zu tauchen in ausgeschüttete Qualen der Welt.

Nottrank der Nächte schlürft er, bitteren Balsam dem Wunden der Tage.

O, Phalangen Schwerterglut pflückt er mit selig erwachender Brust!

Aus Krämpfen und Krümmung der schreienden Glieder dann

— Tobe du Seliger —

Aufblüht sein siegender Tanz.

Ein Menschentag