3. POLIZEIWESEN, DETEKTIVS, VERBRECHERKNEIPEN UND OPIUMHÖHLEN.
Der Mord-, Spiel- und Skandalprozeß des amerikanischen Polizeileutnants Becker hat die New Yorker Polizei in den Augen Europas diskreditiert. Wir sind ja froh, wenn wir den Nachbarn jenseits des Großen Wassers nachsagen können, daß bei ihnen irgend etwas faul ist. Müssen wir doch in vielen Dingen, wenn auch noch so ungern und widerstrebend, ihre Überlegenheit zugeben. Aber auch in bezug auf die amerikanische Polizei sollte man sich hüten, auf Grund sensationeller Zeitungsnachrichten ein vorschnelles Urteil zu fällen. Eine Eiterbeule beweist noch lange nicht, daß der ganze Organismus krank ist.
Tatsache ist jedenfalls, daß die Einrichtungen der New Yorker Polizei über jedes Lob erhaben sind. Wie diese Einrichtungen funktionieren, ist eine andere Frage, die man erst nach gründlichem Studium der einschlägigen Verhältnisse beantworten könnte.
Bei flüchtigem Einblick wirkt die Organisation der Kriminalpolizei in New York verblüffend. Dank einer einflußreichen Empfehlung durften wir die Einrichtungen des Haupt-Polizeiamts aufs Genaueste in Augenschein nehmen. Es scheint unmöglich, daß jemand, der einmal mit der New Yorker Kriminalpolizei in Berührung gekommen ist, sich jemals wieder vor ihr verbergen könnte.
Ein besonderer Raum enthält die Verbrecher-Albums, d. h. Photographien-Schränke, in denen an beweglichen Rahmen, sorglich geordnet und numeriert, die Porträts sämtlicher Personen zu finden sind, die das Kriminalamt als verdächtig passiert haben. Jede Karte zeigt zwei Aufnahmen, die eine en face, die andere im Profil. Für den Physiognomiker ist diese Porträt-Galerie natürlich eine wahre Fundgrube, aber auch dem Laien fällt es schwer, die Durchsicht der Schränke einzustellen. Leider ist es unmöglich, diese ganze, weit über Hunderttausend Nummern umfassende Sammlung in Augenschein zu nehmen.
Man findet unter den Verbrecher-Physiognomien außerordentlich interessante Gesichter. Man möchte gerne einen oder den anderen Kopf genauer betrachten. Und es reizt einen natürlich, die Geschichte der betreffenden Personen kennen zu lernen. Das ist dem Beschauer übrigens leicht gemacht. Neben der Photographie befindet sich eine zweite Karte, die nicht nur das Signalement des Verbrechers enthält, sondern auch eine kurze Angabe der Art und der Zahl seiner Verbrechen. Neben Raubmördern finden sich dort harmlose Hochstapler, neben Dieben und Wechselfälschern – Heiratsschwindler und Falschmünzer. Eine Nummer auf der Karte verweist einen an einen der Schränke des nebenanliegenden Archivs. Dort findet man in dem betreffenden Schubfache nicht nur das ganze Aktenmaterial, sondern auch alle Zeitungsnotizen über den betreffenden Verbrecher und alle Darstellungen, die seine Schandtaten in der Presse gefunden haben. Oft ist es eine ganze kleine Bibliothek, die zu diesem oder jenem Verbrecherkopf gehört. Wieder eine andere Nummer gibt die Stelle an, wo man das genaue Signalement des Mannes, die Resultate der an ihm vorgenommenen anthropometrischen Messungen und die Photographie seiner Fingerabdrücke finden kann. Überall herrscht eine so musterhafte Ordnung, daß sich jeder Laie sofort zurechtfinden kann, ohne fremder Beihilfe zu bedürfen.
Ein Kapitel für sich bilden die Fingerabdrücke. Der uns begleitende Kriminalbeamte konnte sich nicht genug tun in Lobpreisungen dieses angeblich unfehlbaren Mittels zur Diagnostik von Verbrechern. Das Liniensystem der Fingerspitzen ist jetzt minutiös klassifiziert. Mit kabalistisch anmutenden Zahlen und Buchstaben kann jeder Fingerabdruck aufs genaueste rubrifiziert werden. Das erleichtert nachher seine Auffindung unter dem schon vorhandenen Material sehr erheblich. Unser Führer zeigte uns nachher die Abdrücke eines Zeige- und Mittelfingers, die kürzlich am Tatort eines Verbrechens an einem silbernen Eßlöffel nachgewiesen worden waren und die zur unfehlbaren Identifizierung des Verbrechers – es handelte sich um einen ganz scheußlichen Raubmord – geführt hatte. Wenn man sich das Gewirr der Linien eines Fingerabdrucks unter der Lupe betrachtet, wird allerdings ohne weiteres klar, daß eine genaue Wiederholung dieses komplizierten und bizarren Labyrinths an einem anderen Finger unmöglich ist. Leider sind jetzt nur schon viele amerikanische Verbrecher so schlau, in Handschuhen zu »arbeiten«.
Eine höchst wichtige Rolle im amerikanischen Kriminalwesen spielen die Detektivs. Es wimmelt in New York von Geheimpolizisten. Auf Schritt und Tritt begegnet man allerhand Nick Carters und Nat Pinkertons aus Fleisch und Bein.
In allen Theatern und großen Kaufläden, auf den Bahnhöfen, in den Stadtbahnzügen, an allen öffentlichen Plätzen und in sämtlichen großen Hotels sind sie in Massen zu finden.
In der Halle des »Astor-Hotels« lernten wir sie, durch den Direktor aufmerksam gemacht, bald von anderen Hotelgästen unterscheiden. Mit einem, der ganz besonders vertrauenerweckend aussah, befreundeten wir uns sogar. Der Mann erzählte so viel Interessantes von seiner Tätigkeit, daß in meinem Reisekameraden und in mir der Wunsch erwachte, das Feld seiner früheren Tätigkeit, d. h. die eigentliche Verbrecher-Gegend New Yorks kennen zu lernen. Daraufhin machte uns der Brave den Vorschlag, uns eine Nacht in den verrufensten Stätten des dunkelsten New York herumzuführen. Nachdem uns die Hotel-Administration versichert hatte, daß wir uns dem Mann ruhig anvertrauen könnten, nahmen wir diesen Vorschlag mit Freuden an.
Am nächsten Abend um 12 Uhr fuhr das Auto vor, und los ging es – ins dunkelste New York. Dieser Ausdruck gilt zunächst im buchstäblichen Sinn des Wortes. Durch eine Reihe von miserabel erleuchteten Straßen erreichten wir das Neger-Viertel der Stadt. Das größte Kontingent der Verbrecher in den Vereinigten Staaten ist unter den Schwarzen zu suchen. Wenn man sieht, wie diese Leute behandelt werden, kann man es ihnen eigentlich nicht übel nehmen, daß sie von Haß und Rachedurst gegen die Weißen erfüllt sind. Der weiße Amerikaner sieht den Neger nicht als Menschen an, sondern als inferiores Wesen, vor dessen Berührung ihn ekelt. Ich lernte in New York eine alte Dame kennen, die täglich die unzähligen Treppenstufen zu ihrer im achten Stockwerk gelegenen Wohnung hinauf keuchte, weil sie es für nicht vereinbar mit ihrer menschlichen Würde hielt, den Lift zu benutzen, der von einem Negerboy bedient wurde. Doch das nur nebenbei.
Dieser Horror vor allem, was ein »colored man« ist, zwingt die Neger, in dem für sie reservierten Stadtviertel zu leben und zu sterben. Wir suchten zuerst eine Negerkneipe dritten Ranges auf. Unser Nick Carter schien dort wohlgelitten zu sein. Der Wirt empfing ihn mit ausgesuchter Höflichkeit. Es ging in dem Lokal etwas laut, aber keineswegs anstößig zu. In der Mitte des ziemlich kleinen Raumes drehten sich einige Negermädchen und -burschen im Tanz. Die Musik dazu lieferten ein schwarzer Pianist und zwei ebenso schwarze Gitarristen. Sie eroberten meine Sympathien sofort. Ich habe eine große Schwäche für die originellen Rhythmen der Negermelodien. Sie enthüllen ihren ganzen Reiz aber erst, wenn man sie von Negern selbst spielen hört. Diese Selbstverständlichkeit und Elastizität der stets synkopierten Rhythmen bringt ein Europäer nie und nimmer heraus, er mag noch so musikalisch sein. Furchtbar aber ist es, wenn die Neger anfangen zu singen. Leider tat das eine anwesende Negermaid. Sie hatte, wie alle ihre Stammesgenossen, eine grauenhafte Stimme, ein Mittelding zwischen einem schlecht geschmierten Wagenrad und einem verbeulten Gießkannenrohr. Trotzdem erntete sie beim anwesenden Publikum rauschenden Beifall.
Wir waren die einzigen Weißen, und wurden von den Nebentischen aus scheel angesehen. Die Zuvorkommenheit des Wirtes, der uns selbst bediente, mag die Unzufriedenen im Zaum gehalten haben. Wenn man die Neger en masse beisammen sieht, kann man den animalischen Vorzügen ihrer Rasse seine Bewunderung nicht versagen. Es ist ein Vergnügen, diese tadellos gebauten Gestalten anzusehen, deren Muskelkraft legendarisch ist. Auch die Gesichter der nordamerikanischen Neger sind nicht häßlich. Die Nasen freilich sind nicht gerade von römischem Schnitt, doch fehlen die abstoßenden Lippenwülste der afrikanischen Schwarzen.
Weiße siedeln sich im Neger-Viertel von New York nur ausnahmsweise an. Es gibt nur wenige Weiße, die die Neger gerne unter sich dulden. Dazu gehören alle Personen, die irgend etwas mit der Boxerwelt zu tun haben. Der Box ist das Gebiet, auf dem sich Weiße und Schwarze am besten verstehen, vielleicht weil sie sich dabei von Zeit zu Zeit gegenseitig halb oder ganz totschlagen können. Der »berühmte« Ex-Boxer Tom Charkey, in gewissen Kreisen New Yorks eine der populärsten Persönlichkeiten, der in seinen besten Zeiten sogar »den« Joe Jeffries umgelegt hat, besitzt ein Café im Neger-Viertel New Yorks. Ihm galt unsere zweite Visite.
Im kleinen Lokal wimmelte es von Gestalten, denen man sonst wahrscheinlich mit großem Bogen aus dem Wege gegangen wäre. Der berühmte Mann empfing uns mit huldvoller Herablassung, spie einen langen braunen Strahl – das Resultat eifrigen Tabakkauens – hinter den Ladentisch, unbekümmert darum, wohin er traf und setzte uns dann, ohne sich nach unseren Wünschen erkundigt zu haben, eine Flasche Sekt auf den Tisch. Die trank er dann nachher mit großem Wohlbehagen selbst aus. Der Mann war überhaupt klassisch. Er war so durchdrungen von der Unwiderstehlichkeit seiner Erscheinung, daß er es nicht für nötig befand, irgend etwas zu äußern. Er saß da, stumm und großartig, spuckte von Zeit zu Zeit aus und ließ sich bewundern. Doch bewunderten wir mehr die Tragfähigkeit seines Stuhles, der unter dieser unglaublichen Last nicht zusammenbrach. Unnachahmlich war die Geste, mit der er in gemessenen Zeitabständen stumm und ernst seinen Arm über den Tisch herüberreichte, um uns seinen Bizeps befühlen zu lassen, wobei er wahrscheinlich erwartete, daß wir in Krämpfe des Entzückens und der Bewunderung verfallen würden. Wer beschreibt unser Erstaunen, als zu der leisen Musik eines unsichtbaren Orchesters dieser Mann plötzlich zu singen anfing, und zwar mit einem zittrigen dünnen Fistelstimmchen, das aus dem Mund eines schwachen Kindes zu kommen schien. Ihn selbst rührte sein Gesang so, daß ihm eine Träne über das Gebirge seiner Backe lief. Es war augenscheinlich der letzte Trumpf, den er wohlüberlegt ausspielte, um uns endgiltig aus der Fassung zu bringen. Das gelang ihm auch, aber in einem Sinne, der ihm schwerlich lieb war. Zwei Kouplets konnte ich mit dem nötigen Ernst anhören, doch als ich beim dritten die verzweifelten Muskelspannungen in meines Gefährten Gesicht bemerkte, war meine Fassung tatsächlich dahin. Ich mußte aufspringen und mich auf die Straße retten, sonst wäre ich zweifelsohne in nähere Berührung mit dem soeben befühlten Bizeps geraten.
Nun brachte uns das Auto quer durch New York in noch entlegenere Gegenden. An einer Straßenecke hielt es. Den Rest des Weges mußten wir, um nicht aufzufallen, zu Fuß zurücklegen. Auf den Rat des Detektivs hatten wir uns schon beim Antritt dieser Fahrt bemüht, unserm Aussehen einen etwas rowdyhaften Anstrich zu geben. Nun zogen wir die Mützen noch tiefer herab, schlugen die Rockkragen hoch und schlichen an den Wänden entlang durch die dunklen Gassen. Hin und wieder begegneten uns ähnliche Gestalten, die jedoch den Vorzug der Echtheit hatten.
Vor einem Hoftor blieb unser Führer stehen. Nach langem vorsichtigen Klopfen wurde uns geöffnet. Der sehr wenig einladend aussehende Zerberus ließ uns herein, nachdem sich unser Führer ausgewiesen hatte. Durch eine kleine Hintertür betraten wir ein geräumiges Schenkzimmer. Am liebsten wären wir freilich sofort wieder umgekehrt. Ein lebendig gewordenes Verbrecher-Album aus dem Kriminalamt schien den Raum zu bevölkern. So in Freiheit vorgeführt sind die Verbrecherfratzen doch sehr viel weniger anziehend, als auf dem schönen Glanzpapier der Photographie. Wir drückten uns scheu in eine Ecke mit dem schlechten Gewissen unbefugter Eindringlinge. Man sollte das Hausrecht jeder Gesellschaftsklasse respektieren. Übrigens wurden wir überhaupt nicht beachtet. In dem ganzen Lokal herrschte Totenstille. Die Leute saßen einzeln und in Gruppen um die schmutzigen viereckigen Tische und stierten teilnahmslos vor sich hin. Wir befanden uns dort, wofür Gorki den wunderbar treffenden unübersetzbaren Ausdruck »na dnje« (auf der Neige) gefunden hat. Gewesene Menschen umgaben uns. Ihr erloschener Blick verriet keine Möglichkeit von Initiative mehr, nicht einmal zu einem neuen Verbrechen. Die meisten saßen im Halbschlaf da, nur wenige hatten ein Riesenglas Bier vor sich stehen, das dort wohlfeil und schlecht zu 5 Cents verschenkt wird. Unser Führer bedeutete uns, daß die Besucher dieses Lokals ungefährlich, obgleich der Polizei wohlbekannt seien. Es waren »gewesene« Verbrecher, deren Energie durch lange Zuchthausstrafe endgiltig gelähmt war, oder die einfach zu alt waren, um neue Schandtaten auszuhecken. Der Detektiv holte einige an unseren Tisch heran und für ein Glas Bier erzählten die Leute bereitwillig aus ihrem vielbewegten Leben. Ich müßte ein Buch schreiben, wollte ich ihre zum Teil hochinteressanten Erzählungen wiederholen.
An einem der Nebentische war mir von Anfang an die Gestalt eines älteren Mannes aufgefallen, der mit einem trotzig-verächtlichen Ausdruck vor sich hinstarrte und unserem Erscheinen nicht die geringste Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Wäre er nicht so unrasiert gewesen und hätte er einen weniger zerrissenen Rock und einen weniger schäbigen Hut gehabt, so hätte man in ihm ebenfalls einen neugierigen Besucher vermuten können. Ja, mehr als das. Der Mann sah richtig vornehm aus und hatte ein ganz außerordentliches intelligentes Gesicht. Ich fragte unsern Detektiv, ob er ihn nicht kenne. Freilich kannte er ihn. Vor zehn oder fünfzehn Jahren war dieser Bettler eine der geachtetsten Persönlichkeiten der New Yorker haute volée, Bankdirektor und ein schwer reicher Mann. Infolge einiger mißlungener grandioser Spekulationen wurde er Wechselfälscher, kam ins Zuchthaus und jetzt saß er hier. Nur widerwillig folgte er der Einladung an unseren Tisch. Er sprach kaum ein Wort, nahm aber dankend ein Glas Bier an, da er sich selbst keines bezahlen konnte. Es machte einen niederdrückenden, trostlosen Eindruck, in dieser Umgebung einen Menschen zu finden, der in jeder Geste den Gentleman verriet und der sich mit einer gewohnheitsmäßigen Bewegung den schmutzigen Kragen zurechtschob, als er an unseren Tisch trat. Zu helfen war diesem Manne nicht, der jetzt nichts mehr sein konnte, als ein wandelndes Beispiel der Unerbittlichkeit und Grausamkeit amerikanischer Lebensverhältnisse. Dennoch verstand ich nur zu gut die Gefühlsregung meines Gefährten, der gerade diesem Manne, als wir weggingen, seine ganze Barschaft heimlich in die Rocktasche steckte.
Im nächsten Lokal, das wir aufsuchten, ging es vergnügter zu. Von den »gewesenen« kamen wir zu den gegenwärtigen Verbrechern. Auch hier galt es, verschiedene Präliminarien zu erledigen, bevor wir – wieder durch eine Hintertür – in eine Restaurationsstube hineingelassen wurden, in der eine ausgelassene Fröhlichkeit herrschte. Im dichten Tabaksqualm war anfangs nichts zu unterscheiden. Eine wenig liebenswürdige Gestalt – vielleicht ein Meuchelmörder oder Leichenschänder – klimperte auf einer Mandoline, einige junge Burschen stampften dazu einen wilden Niggertanz. Unser Erscheinen wurde mit Halloh begrüßt. Natürlich waren wir sofort als »outsider« erkannt, trotz der aufgeklappten Rockkragen und der Apachenmützen. Vor dem Detektiv, der natürlich auch allen bekannt war, hatte man nicht die geringste Scheu. Hier waren die Verbrecher bei sich zu Hause. Um einen von ihnen herauszuholen, dazu hätte es schon eines beträchtlichen Polizeiaufgebots bedurft, ein einzelner Geheimpolizist flößte ihnen keinen Respekt ein. Da wir in der Minderzahl waren, beschlossen wir, uns mit den Herrschaften gut zu stellen, und ließen eine Runde Bier für die ganze Gesellschaft auffahren. Wir wurden reichlich belohnt. Es wurden uns zu Ehren Tänze aufgeführt und Lieder gesungen, die wir sonst sicherlich nie in unserem Leben zu sehen und zu hören bekommen hätten. Überhaupt kann ich nicht verhehlen, daß die New Yorker Apachen, wenigstens die jüngeren Jahrgänge, unter sich ein höchst unterhaltendes und gar nicht unsympathisches Völkchen sind, d. h. solange sie einem nicht an die Gurgel fahren und die Hände in den eigenen Taschen lassen. Daß sie die gesellschaftliche Ordnung nicht respektieren, ist schließlich ihre Privatangelegenheit.
Nicht ohne Freundschaftsbeteuerungen nahmen wir von den Galgenvögeln, deren Gesellschaft wir bald genugsam genossen hatten, Abschied. Ihre abgefeimten Gaunerphysiognomien bemühten sich dabei, ehrbar und anständig zu blicken, was jedoch nur mangelhaft gelang. Auf den Straßen dieser Gegend war uns entschieden ungemütlicher zumute, als in der verräucherten Kneipe. Das lichtscheue Gesindel, das unseren Weg auf Schritt und Tritt kreuzte, sah sehr wenig vertrauenerweckend aus. Als wir wieder im Auto saßen, fühlten wir uns in Sicherheit.
Die nächste Station war an der Peripherie der Chinesenstadt. Wieder hieß es aussteigen und ein Gewirr von Gassen und Gäßchen zu Fuß durchwandern. Vor einem finsteren alten Hause blieb unser Führer stehen. Wir traten durch das offene Hoftor ein. Durch dunkle Korridore, über schmale Stiegen ging es immer tiefer ins alte Haus hinein. Wir mußten leise auftreten. Endlich wurde Halt gemacht. Wir befanden uns in einem schmutzigen Flur, der durch eine Petroleumlampe – welch ein Anachronismus anno 1913 in New York! – nur spärlich erleuchtet wurde. Der Detektiv klopfte an eine kleine Tür. Nach geraumer Zeit wurden dahinter schlürfende Schritte laut. Ein schmaler Spalt öffnete sich. Als der Detektiv irgend ein geheimnisvolles »Sesam, Sesam, tue dich auf« hineingeflüstert hatte, wurde er breiter. Eine alte Schlampe, auf deren Gesicht alle sieben Totsünden verzeichnet standen, ließ uns eintreten.
Ein merkwürdig penetranter süßlicher Geruch schlug uns entgegen. Die Bestimmung des Raumes, der uns aufnahm, ließ sich nicht feststellen. Es war ein Mittelding zwischen Küche, Vorzimmer und Rumpelkammer. Auf dem Fußboden lagen zerschlagene Flaschen und zerbrochenes Geschirr, an den Wänden hingen allerhand phantastische Kleidungsstücke. Was sich sonst noch darin befand, ließ sich im mystischen Halbdunkel nicht unterscheiden. Das alte Scheusal von Türhüterin führte uns stumm in den nebenanliegenden Raum. Dort bot sich uns ein höchst eigenartiges Bild, wie man es sonst nur in bösen Träumen sieht. Die eine Hälfte des winzig kleinen Zimmers nahm eine mit weichen Kissen belegte Ruhebank ein. Darauf lagen zwei Chinesen und eine Frau mittleren Alters. Zwischen ihnen standen zwei Tabletts mit allerhand geheimnisvollen Gerätschaften, auch zwei trübe brennende Öllampen, die als einzige Beleuchtungskörper dienten. Die Luft war von demselben süßlichen aber nicht unangenehmen Geruch geschwängert.
Opium! Der eine Chinese regte sich nicht mehr. Vielleicht schlief er. Aber auch der andere verriet nicht die geringste Anteilnahme an dem, was um ihn herum vorging. Mit einer ganz mechanischen Bewegung griff er von Zeit zu Zeit nach einem Glasstäbchen, tauchte das in ein Flakon mit der braunen Opium-Salbe, hielt es ohne hinzusehen über die Flamme der Lampe, wo sich das Opium aufblähte, drehte dann ebenso mechanisch und teilnahmslos eine Pille, steckte sie in seine Pfeife, die den Kopf merkwürdigerweise in der Mitte hatte, und sog in fünf bis sechs langen Zügen mit einem ekelhaft schnarchenden Geräusch den giftigen Rauch ein. Dann sank er wieder erschlafft in die Kissen zurück, um nach fünf Minuten dieselbe Prozedur zu wiederholen. Genau dasselbe tat seine Nachbarin, die übrigens ihrer Kleidung nach entschieden den besseren, wenn nicht gar den sehr guten Ständen New Yorks angehören mußte.
Der Chinese reagierte auf keinerlei Fragen. Dagegen zog mich die Dame, die neben ihm lag, selbst in ein Gespräch. Sie pries das Opium als das einzige Ding, das das Leben lebenswert mache. Sie selbst rauchte seit einigen Monaten und behauptete, seither der glücklichste Mensch der Welt zu sein. Jetzt lag sie seit einigen Tagen auf dieser Ruhebank, nahm fast gar keine Nahrung zu sich, schlief wenig, befand sich aber immer in einem Dämmerzustande, der ihr die höchsten Glücksempfindungen vortäuschte. Einen Rausch stellte sie in Abrede. Das sei durchaus nicht die Wirkung des Opiums. Man verliere nicht für einen Augenblick die Besinnung, genieße aber unausgesetzt das höchste körperliche und seelische Wohlbehagen. Man liebt alle Menschen, fühlt sich von allen geliebt, glaubt edel, gut und tugendhaft zu sein und verlangt vom Leben nichts weiter, als – eine Pfeife und ein Flakon von dem süßen braunen Gift.
Je länger man die Opiumdünste einatmet, desto verführerischer erscheint einem der Geruch. Nur mit Mühe konnte ich der Versuchung widerstehen, einige Züge aus der mir angebotenen Pfeife zu entnehmen.
In New York wird das Opiumrauchen bekanntlich mit drakonischer Strenge bestraft. Auf den Vertrieb von Opium stehen als Strafe sieben Jahre Zuchthaus. Dennoch gelingt es nicht, des Lasters Herr zu werden. Wer ihm einmal ergeben ist, kann nicht davon lassen, auch wenn man ihn mit der Todesstrafe bedroht. Woher übrigens unser Detektiv Zutritt zu dieser Opiumwirtschaft hatte, blieb unaufgeklärt.
Als wir uns durch das Gewirr der Stiegen und Korridore wieder auf die Straße gefunden hatten, atmeten wir die frische Morgenluft wie ein langentbehrtes Labsal ein. Das Auto mußte uns mit einem weiten Umwege nach Hause fahren. Aber das Opium ist zudringlich. Als wir uns die erste Papiros ansteckten, hatten wir wieder den süßlichen Geruch in der Nase, und noch zwei volle Tage lang verfolgte uns das penetrante Parfüm als lebendiges Zeichen des Cauchemars, den wir erlebt hatten.