2. HOTELS, ZEITUNGSWESEN, REKLAME.
Der Hotel-Komfort in Europa wird immer raffinierter und raffinierter. Das verdanken wir den Yankees. Sie sind es »bei sich zu Hause« so gewöhnt und wollen es in Europa, wenn sie uns mit ihrem Besuch beehren, auch nicht schlechter haben. Und da dürfen wir nun mitgenießen, obgleich wir es bei »uns zu Hause« durchaus nicht so gewöhnt sind.
Aber trotz aller unserer Anstrengungen gelingt es uns nicht, die Amerikaner in bezug auf Hotel-Luxus auch nur annähernd zu erreichen, geschweige denn zu übertrumpfen. Weder »Cecil« und »Carlton« in London, noch die glänzendsten Hotels in Paris, noch »Adlon« in Berlin können mit den amerikanischen Hotelpalästen konkurrieren.
In Amerika geht bekanntlich alles ins Grandiose. Neben der Qualität kommt auch die gemeine Quantität zu ungebührlicher Bedeutung. Die Sucht nach großen Zahlen beseelt das Leben und Streben der Amerikaner. Das gilt ganz besonders auch vom Hotel-Betriebe.
Das »Astor-Hotel« in New York genießt den Ruf »vornehm und ruhig« zu sein. Was soll man nun dazu sagen, wenn man hört, daß in diesem »ruhigen« Hotel neun Orchester beschäftigt werden, die zu allen Tages- und Nachtzeiten in den verschiedenen Speisesälen des Hauses konzertieren. Aber selbst damit ist dem unersättlichen Musikbedürfnis der Hotelleitung und ihrer Gäste nicht Genüge getan. Im »Astor-Hotel« steht im großen Bankett-Saal die größte Orgel der Vereinigten Staaten, ein wundervolles Werk amerikanischer Orgelbaukunst, auf der ein eigens angestellter Organist – nebenbei gesagt ein Meister seines Faches, der mit seinen 6000 Dollar Gehalt gewiß nicht zu hoch bezahlt ist – die Tafelfreuden der reichen Yankees würzt.
Während unseres Aufenthaltes im »Astor-Hotel« wurde dort von verschiedenen offiziellen und inoffiziellen deutschen Vereinigungen das 25jährige Regierungsjubiläum Kaiser Wilhelms gefeiert. Der gewöhnliche Betrieb des Hotels erlitt dadurch keine Einbuße. Doch erzählte der Direktor des Hotels nachher nicht ohne Stolz, daß an diesem Abend Diners für insgesamt 2800 Personen serviert worden waren, womit jedoch das Küchenpersonal des Hotels und die 600 Kellner keineswegs überanstrengt wurden.
Eine Sehenswürdigkeit von New York ist der »roof-garden«, des »Astor-Hotels«. Es gibt auch anderswo in der Welt Dachgärten, z. B. in Petersburg auf dem »Hotel d'Europe«. Doch kann er sich mit der vorwitzigen Probe amerikanischer Gartenbaukunst auf dem Dache des »Astor-Hotels« natürlich nicht im entferntesten messen. Schon den Dimensionen nach ist der »Astor-roof-garden« unendlich viel imposanter. Dort gibt es offene und geschlossene Wandelhallen, Squares mit wundervollen Blumenrabatten, ganze Palmenhaine und weiß der Himmel was alles noch. Eine wahrhaft geniale Einrichtung kann man während der mit Recht berüchtigten amerikanischen Hitzwellen nicht genug preisen. Ein großer Teil des Gartens hat nämlich ein Dach aus Glas, und über dieses Dach rieselt ununterbrochen kühles Wasser, wodurch die Temperatur dort immer erträglich ist. Überdies machen diese fließenden Wasser abends beim Lichte unzähliger bunter elektrischer Flammen einen höchst phantastischen Eindruck. Man wähnt sich auf dem Grunde des Ozeans und wartet auf die Fische und Seesterne, die gleich vorbeischwimmen werden. Dekoration zu Rheingold, erster Akt. Und das alles in der Höhe des fünfzehnten Stockwerkes.
Entsprechend diesem Restaurant-Luxus sind natürlich auch die Wohnräume des Hotels aufs raffinierteste eingerichtet und mit allen Bequemlichkeiten der modernen Hoteltechnik versehen. Daß jedes Logis sein eigenes Badezimmer hat und auch im Waschtisch fließendes heißes Wasser, versteht sich in Amerika von selbst. Weniger selbstverständlich, aber ebenso angenehm ist das Telephon in jedem Logis, und zwar ein Telephon, mit dem man nicht nur die Dienstboten anruft, sondern Anschluß nach Chicago, Philadelphia, mit einem Wort überallhin, wo es Telephonleitungen gibt, haben kann. Elektrische Glocken sind übrigens verpönt. Auf einen Anruf der Zentrale des Hotels erscheint prompt der gewünschte dienstbare Geist.
Ein Patent des »Astor-Hotels« ist eine ingeniöse Einrichtung, vermittels derer jeder Hotelgast sofort erfährt, wenn Post für ihn da ist. Jede Nummer hat ihr Postfach. Wenn nun ein Brief oder auch nur eine Visitenkarte in das Postfach hineingeschoben wird, schließt sich eine elektrische Leitung, und in der betreffenden Nummer leuchtet an der Wand ein Menetekel in roter Schrift auf: »mail for you in the office«. Natürlich freut man sich diebisch über diese frohe Botschaft, wenn man abends sein Zimmer betritt. Ein Ruf ins Telephon, und nach fünf Minuten ist man im Besitze seiner Briefe.
Dennoch gab es in New York eine Zeit, in der wir sowohl die Post als auch das Telephon verwünschten. Das war während der ersten vier bis fünf Tage. Und verekelt wurden uns diese beiden nützlichen und angenehmen Institutionen durch meine lieben Kollegen – die New Yorker Journalisten.
Das ist ein Kapitel für sich und sein Inhalt ist tragikomisch. Wenn ich bei seiner Wiedergabe etwas persönlich werde, werden mir das meine verehrten Leser hoffentlich nicht verübeln.
Die Amerikaner bilden sich bekanntlich ein, die demokratischste aller Nationen zu sein. Das hindert sie jedoch keineswegs, einem so dreisten und naiven Snobismus zu huldigen, wie er in Europa glücklicherweise nur noch ausnahmsweise vorkommt. Mein Reisekamerad führt vor seinem Namen einen nach amerikanischen Begriffen außerordentlich hohen Titel. Dieser Umstand genügte, um bei unserer Ankunft in New York an der Landungsbrücke der Hamburg-Amerika-Linie ein ganzes Heer von Reportern und Photographen zu versammeln, denn die Passagierliste des Dampfers war nach New York telegraphiert worden. Da wir auf diesen Ansturm völlig unvorbereitet waren, gaben wir den Herren bereitwilligst Auskunft über alles, was sie wissen wollten, in der Annahme, daß sie sich wirklich für unsere Erlebnisse in den südamerikanischen Tropen interessierten. Stutzig wurden wir, als auch bei unserer Ankunft im Hotel, wo wir ebenfalls telegraphisch angemeldet waren, uns die Visitenkarten einiger Berichterstatter amerikanischer Zeitungen überreicht wurden. Sie folgten uns auf Schritt und Tritt, wo wir gingen und standen, assistierten uns beim Frühstück, notierten sich eifrig das Menü, fragten nach lauter Dingen, die sie ganz und gar nichts angingen und interessierten sich besonders für unsere Meinung über die amerikanischen Frauen. Am nächsten Morgen schon durften wir die Früchte dieser aus angeborener Höflichkeit gewährten Interviews genießen. Alle New Yorker Zeitungen brachten spaltenlange Artikel, die sich aufs ausführlichste mit unserer Wenigkeit beschäftigten. Die Phantasie der Reporter feierte dabei wahre Orgien. Von unseren südamerikanischen Erlebnissen kein Wort, dagegen die Mitteilung von lauter zu sensationellen Ereignissen aufgebauschten Nichtigkeiten.
Wir hatten unseren Koffer, der unsere Gesellschaftsanzüge enthielt, nicht gleich bekommen können und waren infolgedessen gezwungen, in Jackettanzügen zum Mittagessen im Speisesaal des Hotels zu erscheinen: Daraus wurde ein fulminanter Artikel: »Russian Prince dining in the Astor-Hotel in a white flannel suit«. Der phantasiebegabte Journalist schilderte in lebhaften Farben das Entsetzen, das wir beim maitre d'hôtel hervorgerufen hatten, das Aufsehen, das wir bei der Tischgesellschaft erregten, zählte die Gläser »wodki« auf, die wir angeblich getrunken, und die Portionen Kaviar, die wir gegessen hatten, schilderte dann den Inhalt unserer vierzehn (!) Koffer, als wenn er sie selbst eingepackt hätte, und schloß mit der weisen Sentenz, daß wahre Vornehmheit sich auch in einer weißen Flanelljacke nicht verleugnen könne. Von alledem war nur wahr, daß wir statt in Smokings in blauen Anzügen klein und bescheiden in einer Ecke des Speisesaales zu Mittag gespeist hatten.
Ein anderer Reporter ging gleich in medias res. »Russian Prince in New York not for a bride but for study« war sein Artikel mit Riesenlettern überschrieben. Darin standen die wunderbarsten Dinge, die wir angeblich über die Frauen sämtlicher Weltteile und besonders über die amerikanischen Damen geäußert hatten. Sittliche Entrüstung hatten bei uns der »Tango«, der »Turkey-Trot« und wie alle diese geschlichenen, geschaukelten und geschwungenen amerikanischen Schiebetanz-Scheußlichkeiten sonst noch heißen, hervorgerufen. Dem »Mondscheintanz« (??) der bolivianischen Indianerinnen gaben wir entschieden den Vorzug. Diesen ganzen Unsinn hatte sich der kühne Federheld bis auf den letzten i-Punkt aus den Fingern gesogen.
Noch ein anderer schilderte in tragischen Tönen ein völlig belangloses Erlebnis: »Real Russian Prince lost in the L-train«, dem die wahre Begebenheit zugrunde lag, daß wir uns am ersten Abend vergeblich bemüht hatten, mit den Untergrund- und Hochbahnen nach Coney-lsland zu kommen, was mißlang, da wir stets in die falschen Wagen einstiegen und von den bis zur Grobheit unhöflichen Yankees auf keine Weise eine vernünftige Auskunft erhalten konnten. Lange leutselige Gespräche, die mein Kamerad dabei mit den Schaffnern und Mitreisenden geführt hatte, erfuhren wir aus diesem Artikel zum erstenmal.
Da meine Person als solche den amerikanischen Journalisten zu gering war, avancierte ich je nach Bedarf zum »Baron« oder »Professor«. Ein ganz dreister Reporter, den ich nie gesehen habe, leistete sich dabei eine wundervolle Beschreibung meiner äußeren Erscheinung, wobei er sich lange bei der Schilderung meines wallenden weißen Bartes aufhielt und voller Rührung erzählte, welch ein herrliches Verhältnis zwischen dem »genial old gentleman«, dem intimsten Freunde des Grafen Tolstoi (das war ich), und seinem Schutzbefohlenen (mein Reisekamerad) herrsche und mit welch einer Andacht der junge Springinsfeld von Prinz die Weisheit von den Lippen seines »general adviser« lese, der übrigens zuweilen auch als »safety-brake« (Sicherheitsbremse) zu funktionieren habe.
Zuerst amüsierten wir uns über den Unsinn, dann ärgerten wir uns, endlich schnaubten wir Wut, besonders als uns auch aus anderen amerikanischen Städten, Boston, Chicago, Philadelphia Zeitungsausschnitte zugingen, die denselben haarsträubenden Blödsinn, noch verbrämt und ausgeschmückt, enthielten. Den ganzen Tag rasselte das Telephon. Erst waren es nur Reporter, dann Photographen, die uns bei uns, bei sich, vor dem Hotel, im Auto, auf der Straße, immer unentgeltlich photographieren wollten, dann klingelten allerhand Agenten, Wucherer, Damen »der Gesellschaft«, die uns zu Fünfuhr-Tanzkränzchen einluden, verkrachte Russen, darunter ebenfalls einige Fürstinnen und Gräfinnen, die die unglaublichsten Anliegen hatten usw. Denn alle Zeitungsartikel erschienen mit voller Nennung unserer Namen und genauer Angabe der Adresse. Da wir nur wenige gute Freunde in New York hatten, die der Hotel-Administration ausnahmslos bekannt waren, war es glücklicherweise nicht schwer, Gegenmaßregeln zu ergreifen. Wir ordneten kurz entschlossen an, daß kein Mensch, wer es auch sei, empfangen werde und daß keine Telephonverbindung mit unserer Nummer herzustellen sei. Dann hatten wir endlich Ruhe. Aber der »Russian Prince« spukte noch lange in den amerikanischen Blättern.
Für den Snobismus der Amerikaner und ihr Zeitungswesen ist das Erzählte sehr charakteristisch. Es gibt nur zwei Dinge, von denen sich die amerikanischen Journalisten nähren: Klatsch und Sensation. Sonst existiert für sie nichts. Das Niveau aller amerikanischen Zeitungen – auch der deutschen – ist ein geradezu klägliches. Die verpöntesten Pariser Klatschblätter sind trockene wissenschaftliche Revuen dagegen.
Übrigens gibt es noch ein Drittes, wovon die amerikanischen Zeitungen schwellen und ihre Besitzer reich werden: die Reklame. Über das Reklame-Unwesen in Amerika ließen sich Bände schreiben und sind wohl auch schon geschrieben worden. Doch zeigt es sich zuweilen in ganz amüsanten und sogar hübschen Formen. Zu diesen gehört die fabelhafte Lichtreklame, die abends und nachts in den Straßen von New York getrieben wird. Man kann sich denken, welch wunderbare Flächen für Elektrizitäts-Orgien die Brandmauern der Wolkenkratzer abgeben. Diese Gelegenheit nutzen die Amerikaner denn auch gründlich aus. Ganz New York scheint am Abend in Flammen zu stehen. Die Beleuchtungstechnik feiert Triumphe. Die unglaublichsten Dinge spielen sich an den Wänden der Häuser ab, dargestellt durch elektrische Lampen: Boxerkämpfe, Pferderennen, Tänze, weiß der Himmel was alles noch. Diese Illumination bietet ein feenhaftes Bild, an dem man sich anfangs gar nicht satt sehen kann. Außerdem sind diese weithin leuchtenden Reklameschilder vortreffliche Orientierungstafeln für alle Fremde. Zu unserem Leitstern wurde ein zirka dreißig Etagen hoher Frauenkopf, der freundlich mit dem linken Auge blinzelte. Er lud zum Einkauf von »Spearmint« ein. Das ist eine besonders beliebte Sorte des amerikanischen Kaugummis. In Amerika kaut nämlich jedermann von morgens früh bis abends spät Gummi. Hoffentlich ist das ebenso hygienisch, wie es unästhetisch ist. Der Fremde freilich verwünscht den Gummi in der Amerikaner Munde. Zu einer Konversation wird dieser Gummi nämlich nicht etwa herausgenommen oder ausgespuckt, sondern bloß mit der Zunge beiseite geschoben. Nun spricht der Amerikaner sowieso sein Englisch als wenn er Brei im Munde hätte. Dieser Gummiballen in der Backentasche verwandelt seine Aussprache vollends in eine Folge unartikulierter Laute und Geräusche. Wenn man gerade eine halbe Stunde lang mit einem Chauffeur oder Schutzmann geredet hatte, um ihr Kautschuk-Englisch endlich doch gründlich mißzuverstehen und dann zu der freundlich blinzelnden Spearmint-Dame aufblickte, schien ihr Lächeln nur noch Spott und Schadenfreude auszudrücken, und man wußte nicht, was man mehr verwünschen sollte, die Gummi-Industrie oder die elektrische Beleuchtungstechnik, die für sie Reklame macht.