1. DER ERSTE EINDRUCK.
Schon vierundzwanzig Stunden, bevor man die Metropole der Vereinigten Staaten zu Gesicht bekommt, bemächtigt sich des Reisenden eine unerklärliche Unruhe. Selbst wenn man vorher unter den abenteuerlichsten Bedingungen einen ganz fremden, ebenso phantastischen wie interessanten Kontinent – Südamerika – bereist hat. Trotzdem fühlt man es deutlich: das eigentliche Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten beginnt erst mit den Vereinigten Staaten, präziser ausgedrückt mit – New York.
Dieses Vorgefühl trügt in der Tat nicht. Überall in Südamerika, in den Städten und selbst in der Wildnis, gelingt es, wenngleich nicht immer ohne Anstrengung, irgendwelche Anknüpfungspunkte mit dem europäischen Leben zu finden. Die Vergleichsmöglichkeit überhaupt ist gegeben. In New York dagegen muß man von vornherein darauf verzichten, mit den uns gewohnten Lebensbedingungen Vergleiche anzustellen. Mir wenigstens ist es so ergangen.
Ich habe mich nirgendwo, weder in den argentinischen Pampas, noch in den Urwäldern Boliviens, weder auf dem ungastlichen Rücken der Kordilleren noch im buntbewegten Panama so fremd, so wenig heimisch gefühlt, wie in New York. Und dieses Gefühl ist nicht geschwunden, obgleich ich in New York länger geblieben bin und bessere Gelegenheit hatte, mich mit allen Lebensbedingungen vertraut zu machen, als in irgend einer der südamerikanischen Städte.
Die Unruhe, die einen schon vor New York überkommt, verläßt einen dort für keinen Augenblick. Man hat die ganze Zeit das Gefühl, als stünde man unmittelbar vor irgendwelchen Katastrophen des allgemeinen oder persönlichen Lebens, man wird es erst los, wenn man das Schiff besteigt, um nach Europa zurück zu fahren. Dann atmet man ordentlich auf. Der Grund dieser sonderbaren Aufregung ist, glaube ich, nicht in der fabelhaften Großartigkeit des äußeren Stadtbildes, auch nicht im schwindelerregenden Straßenverkehr und im rasenden Tempo des geschäftlichen Lebens zu suchen, obzwar auch dieses alles genügt, um in der ersten Zeit ein Durchschnittstemperament außer Rand und Band zu bringen. Aber schließlich sind London und Paris auch keine Dörfer, und zu Zeiten geht es dort ebenfalls recht lebhaft her. Endlich gibt es keinen Radau, an den man sich nicht gewöhnen könnte. Warum sollte also der New Yorker Straßenverkehr eine Ausnahme machen?
Nein, der Grund, weshalb man in New York innerlich nicht ruhig werden kann, liegt darin, daß man den prinzipiellen Unterschied zwischen den Begriffen »amerikanisch« und »europäisch« fühlt, und sich von Stunde zu Stunde mehr der unüberbrückbaren Kluft bewußt wird, die unseren guten alten Kontinent von der neuen Welt trennt, trotz des täglichen Verkehrs, der zwischen ihnen aufrecht erhalten wird.
Dem Nordamerikaner ist die Psychologie des Europäers ebenso fremd, wie diesem das Innenleben eines Schimpansen. Man versteht sich gegenseitig nicht, denn man ist aus ganz verschiedenem Material geknetet. Und ebensowenig, wie man den einzelnen Menschen versteht, begreift man die Formen, die das Leben dort angenommen hat. D. h. mit dem Verstande wohl, nicht aber mit dem Herzen. Das jedoch ist die Grundbedingung dazu, um sich irgendwo heimisch, oder auch nur gemütlich zu fühlen.
Dieser Umstand braucht einen nicht zu hindern, den Vereinigten Staaten den Zoll aufrichtiger Bewunderung zu entrichten. Es ist ein wundervolles Land, und man bedauert vielleicht schmerzlich, daß es einem innerlich immer verschlossen bleiben muß.
Einen unvergeßlichen Anblick bietet die Bucht von New York, wenn man an einem sonnigen Sommermorgen die Einfahrt passiert. Weithin sichtbar erhebt sich die kolossale Freiheitsstatue auf ihrem breiten Granitsockel. Ihr goldenes Haupt scheint Blitze zu sprühen. Unzählige Dampfer, Segelschoner, Schaluppen schaukeln sich auf den Wellen, dazwischen schießen pfeilschnell in allen Richtungen Motorboote und die kleinen Dampfkutter, die den Verkehr zwischen der Stadt, den vielen Inseln der Bucht und den weiter gelegenen Vororten vermitteln. Es ist ein unwahrscheinlich buntes und belebtes Bild. Im Vergleich dazu scheint Cuxhaven der Vorhof einer Toteninsel.
Bald wird die Aufmerksamkeit von der nächsten Umgebung des Dampfers abgelenkt: vom Morgennebel noch ein wenig verhüllt zeichnet sich die Silhouette der Stadt in immer deutlicher werdenden Umrissen am Horizont ab. Im ersten Augenblick ist es schwer, sich über die Linie dieser Silhouette klar zu werden. Sie hat so merkwürdig viele Ecken und gerade Linien, die hoch in den Himmel hineinragen. Wenn man näher kommt und einzelne Bauwerke unterscheiden kann, begreift man, was man vor sich hat.
Das also sind die berühmten Wolkenkratzer! Vom Meer aus erfaßt man ihre Dimensionen noch ganz und gar nicht. Sie sehen nur so merkwürdig aus, weil sie vereinzelt dazustehen scheinen, denn die Häuserzeile mit Gebäuden unter zehn Stockwerken bleibt unbemerkt.
Es dauert überhaupt eine ganze Weile, zum mindesten einige Tage, bis man das Straßenbild von New York mit vollem Bewußtsein in sich aufzunehmen vermag. Wir sind solche Dimensionen nicht gewöhnt; der Blick gleitet darüber hinweg, ohne daß der Verstand erfaßt, was das Auge sieht. Erst allmählich lernt man begreifen, was man vor sich hat, und erst dann kann man anfangen zu staunen.
Alle Achtung vor den amerikanischen Architekten, deren berühmtester übrigens – eine Frau ist. Sie verstehen es, die kolossalen Steinmassen so zu gliedern, daß man sich von den enormen Gebäuden, die die Straßen umsäumen, keinen Augenblick bedrückt oder eingeengt fühlt. Zählen lassen sich übrigens die Stockwerke der Wolkenkratzer ebensowenig, wie etwa die Waggons eines vorüberfahrenden Güterzugs. Man hat keine Anhaltspunkte. Ist man glücklich in die Gegend von zwanzig gekommen, so muß man sicherlich wieder von vorne anfangen.
Kurz vor unserer Ankunft war das höchste Gebäude New Yorks, auf das sogar die Amerikaner ganz besonders stolz sind, fertig geworden. Es steht in vollster Pracht, von Gerüsten befreit, am Broadway da. Es ist die Kleinigkeit von siebenundsechzig Stockwerken hoch, d. h. es soll so viele Etagen haben. Nachzählen habe ich sie nicht können. Bei einem Zählversuche muß hier auch das sicherste Auge versagen, aus dem einfachen Grunde, weil man in der schwindelnden Höhe der obersten zwanzig Stockwerke keine einzelnen Fenster unterscheiden kann, man mag noch so weitsichtig sein. Man kann sich von den Dimensionen des Gebäudes annähernd eine Vorstellung machen, wenn man erfährt, daß es fast dreihundert Meter, d. h. beinahe ebenso hoch wie der Eifelturm ist. Da es trotzdem durchaus den Eindruck eines Hauses und nicht den eines Turmes macht, kann man sich denken, welch einen enormen Flächenraum es bedeckt. Wie mag es den Leuten zumute sein, die etwa im sechzigsten Stockwerke wohnen und eine Fernsicht fast bis Europa genießen? Unsereines hätte sicherlich nicht die innere Ruhe für solch ein luftiges pied-à-terre, das übrigens in diesem Falle lieber pied-en-air heißen sollte. Schon der Feuersgefahr wegen. Es brennt in New York täglich an allen Ecken und Enden, und zwar vorzugsweise in den Wolkenkratzern. Kein Mensch regt sich mehr darüber auf. Die Zeitungen registrieren ganz geschäftsmäßig die Zahl der Leichen.
Die Wolkenkratzer in New York rangieren nicht als gleichberechtigt unter der großen Masse der übrigen Häuser. Sie sind Aristokraten, und werden individuell behandelt. Bei den Lebenden leugnet die demokratischste aller Nationen den Adel ab, unter toten Gebäuden schafft sie ihn sich. Das äußert sich darin, daß jeder »sky-scraper« seinen Namen hat. Dieser Name bezeichnet entweder den Besitzer des Gebäudes: »Astor-Haus«, oder eine Bestimmung: »Rubber-building«, »Times-building«, oder ist einfach aus freier Phantasie geschöpft: »Atalanta«, »Independencia« usw. Dieser Name genügt natürlich als Adresse, sowohl der Post, als auch den Lenkern der Verkehrs-Vehikel.
Das Wolkenkratzer-Viertel ist die Geschäftsgegend der Stadt, New York-City. Es beschränkt sich auf die Straßen, die den Anfang des Broadway durchqueren. Dieser Broadway ist übrigens eine unfaßliche Straße, nach europäischen Begriffen wenigstens. Er ist – sage und schreibe – 45 Kilometer lang. Wenn man als Kind an einem Ende ausgeht, kommt man als Greis am andern an.
Seine Häuser individualisiert New York, die Straßen dagegen nicht. Es gibt nur wenig Straßen, die einen Namen haben. Die Numerierung der Straßen erleichtert einem zwar das Orientieren in der Stadt, hat aber im übrigen etwas Geisttötendes an sich, ebenso, wie die »Linien« auf dem »Wassili-Ostrow« in Petersburg. Längelang wird die Stadt vom Broadway und zwölf Avenuen durchschnitten, von denen nur eine einen Namen hat: die »Amsterdam Avenue«, quer durch gehen ca. 270 Straßen, deren jede ihre Nummer hat, durch zwei Zahlen und die Hausnummer läßt sich also jede beliebige Stelle der Stadt genau fixieren. Dieses Verfahren ist ebenso bequem wie langweilig, was sich übrigens auch von manchen anderen »amerikanischen« Einrichtungen sagen läßt.
Von den Avenuen ist die großartigste die berühmte »Fünfte«. Die verwegenste Rechenkunst muß an dem Exempel versagen, wieviele Milliarden schwer die Bewohner dieser Straße sind. Im Rayon der ersten siebzig bis achtzig Querstraßen ist die 5. Avenue die vornehmste Kaufstraße New Yorks. Die ganze »Rue de la paix« und »Avenue de l'Opéra« von Paris, die »New-bond-street« aus London haben hier ihre Filialen. Am meisten ins Auge stechen die fabelhaften Juwelierläden und die märchenhaften Blumengeschäfte. Nebenbei bemerkt, trägt jede fashionable New Yorkerin, die die 5. Avenue zu Fuß oder im Auto passiert, einen ziemlich umfangreichen Blumenstrauß im Gürtel, meistens Orchideen oder Rosen.
Beim sogenannten »Central-Park«, einem entzückend gepflegten Stadtgarten, beginnt die vornehmste Wohngegend New-Yorks, der Rayon der »Einfamilienhäuser«. Hier hat sich unter anderem die ganze Dynastie Vanderbilt angesiedelt. Ein Palast steht neben dem anderen. Jeder Chauffeur nennt einem die Bewohner der einzelnen Häuser und erzählt gerne und ausführlich ihre Familiengeschichten. Die Paläste der Dollarkönige zeugen übrigens von einigem Geschmack der – Architekten. Nur dokumentiert sich in fast allen eine gewisse Vorliebe für schwere klobige Steinmassen und wenig Lichtfreudigkeit. Die Häuser sind meistenteils in etwas finster anmutendem romanischem Stil erbaut.
Von den Bewohnern weilt übrigens jetzt kein Mensch in der Stadt. Die ganze 5. Avenue hinauf sind alle Fenster ohne eine einzige Ausnahme verhängt. Ohne sie zu sehen, kennt man diese Bewohner, wenn man einen schwatzhaften Chauffeur hat. Man weiß auch bald, wieviel Geld sie haben, ob sie in glücklicher oder unglücklicher Ehe leben, wieviel ihre Häuser gekostet haben usw. Das teuerste Haus besitzt ein Sohn des berühmten Cornelius Vanderbilt. Es soll die Kleinigkeit von 7 Millionen Dollar gekostet haben, sieht aber nicht danach aus. Einen verhältnismäßig bescheidenen Eindruck macht das Haus des jüngst verstorbenen Pierpont Morgan. Es ist nicht an der 5. Avenue, sondern in einer ihrer Querstraßen gelegen. Der Besitzer hat die wenig geschmackvolle Idee gehabt, mitten zwischen die umgebenden Mietskasernen einen griechischen Tempel für seine weltberühmte Bildergalerie hinbauen zu lassen. Das ganz aus weißem Marmor aufgeführte Gebäude ist an sich wunderschön, ideal in den Proportionen, rein und edel in allen Linien, doch nimmt es sich an dieser Stelle aus, wie eine Edelpalme auf einem Kohlfelde.
Von den öffentlichen Gebäuden New Yorks ist das schönste die »Carnegie-Hall«, ein stilvoller Tempelbau in der vornehmen Umgebung der 5. Avenue. Er beherbergt unter anderem eine wundervolle Bibliothek, in deren Zeitungssaal ich täglich die hauptsächlichen Moskauer Zeitungen lesen konnte.
Schöner noch als die 5. Avenue, wenngleich sie für etwas weniger vornehm gilt, ist die sogenannte »River-side«, das hochgelegene Ufer des imposanten Hudson-River. Unter den herrlichen Villen, die dort stehen, erregt am meisten Bewunderung die Besitzung eines gewissen Mr. Schwab, des getreuen Mitarbeiters Andrew Carnegies. Es ist eine altdeutsche Burg, ungefähr von den Dimensionen des Münchener Nationalmuseums.
Entzückend sieht der Hudson-River mit seinen grünen Ufern an sonnigen Sommertagen aus. Unzählige Segel- und Motor-Jachten beleben seine glänzende Wasserfläche. Einen unbeschreiblich großartigen Eindruck machen die vier Riesenbrücken, die ihn überwölben und die Verbindung zwischen New York und Brooklyn herstellen. Der Anblick dieser zwei Kilometer langen Brücken, die in kühnem Bogen die beiden gegenüberliegenden Ufer verbinden, und mit ihren kolossalen Strebepfeilern fast in die Wolken hineinzuragen scheinen, benimmt einem geradezu den Atem.
Von allen Städten, die mir bis jetzt zu Gesicht gekommen sind, ist New York bei weitem die internationalste. Jedes Volk fast hat dort sein Stadtviertel, in dem es seine Eigenart vollkommen bewahrt. Am interessantesten sind die Stadtviertel der Italiener, Juden, Chinesen und Neger.