6. DIE RÜCKKEHR.
In derselben Tonart klingt mein Tagebuch weiter. Besondere Erlebnisse hatten wir keine. Wir genossen das Leben auf, in und an dem Flusse. In Mapiri langten wir am 1. Mai um die Mittagsstunde an. Wir fanden das ganze Bild unverändert, auch unseren holländischen Freund ohne Beine. W. und ich machten uns sofort zu Fuß nach San Carlos auf, da wir unsere Maultiere nicht vorfanden. Unterwegs erlegte ich einen Kondor, was ich schon, nicht ohne Stolz, erzählt habe. Im übrigen war die achtstündige Wanderung eine Qual. Wir hatten die Sonnenglut und die große Steigung, die es zu überwinden galt, nicht in Betracht gezogen, als wir uns nach dem langen Sitzen im Boot, »die Füße ein wenig vertreten« wollten. Außerdem hatten wir die Zeit falsch berechnet und mußten die letzte Wegstrecke von ½7 bis 8 in absoluter Finsternis durch den Urwald tappen.
Erst am Abend des nächsten Tages langten unsere Gefährten mit dem Gepäck an. Wir gönnten uns zwei Ruhetage in San Carlos. Dann mußten wir wohl oder übel daran denken, wieder über die Kordillere nach Hause, d. h. nach La Paz, zu steigen.
Die Zeit drängte insofern, als die Jahreszeit vorrückte. Der erste Wintermonat stand vor der Tür. Von Juni an ist der Yachazani-Paß überhaupt nicht mehr zu überschreiten.
Ungern, sehr ungern schieden wir von San Carlos, seinen liebenswürdigen Bewohnern und – den Schmetterlingen, die nun wieder Ruhe haben sollten.
Unser braver Don Botello war mit dem langen Aufenthalte, den wir in dem tropischen Gebiete gehabt hatten, sehr unzufrieden. Seine Maultiere, gewöhnt an die Höhenluft, vertrugen das Klima nicht und wurden von Tag zu Tag magerer und matter, obgleich sie ein faules Leben, herrlich und in Freuden, auf den saftigen Weideplätzen der Hazienda, führten. Mit einigem Bangen sahen wir die dürren Gestelle an, als sie uns am Morgen des 2. Mai vorgeführt wurden. Als wir uns aufsetzten, fürchteten wir, daß sie in die Knie brechen würden. Doch konnten wir uns keine Tierschutzverein-Sentimentalitäten erlauben. Die Kordillere mußte überschritten werden und zwar sofort und ohne Aufenthalt, das weitere Schicksal der Maultiere durfte uns nicht interessieren.
Die Befürchtung, daß der Weg, den wir ja schon kannten, auf der Rückreise langweilig erscheinen würde, bestätigte sich nicht. Im Gegenteil, die Rückreise wurde kurzweiliger und unterhaltender, als wir voraussetzen konnten, meistenteils freilich in einem Sinne, der uns nicht recht lieb war.
So mußten wir, z. B. am zweiten Tage schon um 5 Uhr morgens aus den Schlafsäcken kriechen: der »Amargurani«-Aufstieg lag vor uns. Hatten wir auf der Hinreise den Weg reichlich schlecht gefunden, so war uns der Name »Amargurani« doch etwas übertrieben erschienen, wenigstens im Vergleich zu anderen Wegstrecken, die reichlich ebenso »bitter« waren. Aber damals waren wir abwärts gestiegen. Außerdem milderten die wunderbaren ersten Eindrücke der einsetzenden tropischen Vegetation die Beschwerlichkeiten sehr erheblich. Man war viel zu beschäftigt mit allen Details des eigenartigen, für uns durchaus neuen landschaftlichen Bildes, um viel auf die Schwierigkeiten des Abstieges zu achten. Jetzt galt es, dieselbe Strecke hinaufzuklettern. Die Tropenpracht der Wälder war durch das im Mapiri-Gebiete Gesehene weit übertroffen worden, reizte das Interesse infolgedessen längst nicht im früheren Maße. Außerdem war der Weg durch die inzwischen niedergegangenen Regengüsse stellenweise buchstäblich grundlos geworden. Von Reiten war keine Rede. Vierzehn Stunden sind wir von Lorenzo Pata bis Tola Pampa hinaufgekeucht. Obgleich wir um 4 Uhr morgens aufbrachen, durfte keine Minute verloren werden, wenn wir nicht vor dem Ziel von der Dunkelheit überrascht werden wollten.
Die Witterungsverhältnisse dabei waren folgende: wir ritten in rabenschwarzer Nacht aus, die Don Botello vergebens mit einem Lichtstümpfchen zu erleuchten bemüht war. Man sah nicht die Ohren des eigenen Maultieres vor sich. Nach einer Viertelstunde ging ein Wolkenbruch auf uns nieder, wie ich ihn selbst in den Tropen noch nicht erlebt hatte. Im Nu war kein trockener Faden mehr an Roß und Reiter. Gleichzeitig brach ein Gewitter von unglaublicher Heftigkeit los. Nach jedem Schlag kniff man sich ins Bein, um sich zu vergewissern, daß man nicht verkohlt war. Für Sekunden erleuchteten die Blitze den Weg, der dann gleich darauf in dreifach verdichtete Finsternis getaucht war. Die zwei Stunden bis zum Sonnenaufgange dauerten eine Ewigkeit. Wir waren gerade am Fuße des Hauptanstieges angelangt. Das Gewitter verzog sich. Dafür begann mit dem Sonnenaufgange die Tropenglut. Als unliebsame Begleiter stiegen mit uns dicke weiße Nebeldämpfe aus dem Tal in die Höhe. Im Gebiete der Vegetationsgrenze verdichteten sie sich zu einer feuchten, undurchdringlich scheinenden Wand. Amagurani! Jetzt konnten wir die »Bitternis« Schritt für Schritt schmecken. Als wir in dem schon geschilderten »Grand Hotel« Tola Pampa anlangten, fielen wir gleich toten Ratten auf unsere Betten und hatten das Gefühl, als müßten wir die sich lockernden Muskeln mit Bindfaden an die Knochen binden.
Der Nebel verließ uns in der Höhe nicht mehr. Der beginnende Winter machte sich geltend. Das wurde uns bald noch überzeugender zum Bewußtsein gebracht. Von Injenio, dem alten Inka-Dorfe, das dieses Mal einen noch rauheren, phantastischeren Eindruck machte, begann der Aufstieg zum Yachazani-Paß. Nach drei Stunden trafen wir die ersten Spuren frisch gefallenen Schnees. Der feine Regen, in dem wir ausgeritten waren, verdichtete sich zu einem regelrechten Schneegestöber.
Der Eindruck, den die Kordillere bei solch einem Wetter macht, ist der einer fast beängstigenden, rauhen und schroffen Wildheit. Es war hundekalt. Weder Sweater noch Poncho, noch Lederjacke boten genügend Schutz gegen Frost, Wind und Schnee. Dabei das erbarmungslos langsame Begräbnistempo, in dem die Mulas den verschneiten Weg hinankrochen! Der schneidende Wind raubte ihnen augenscheinlich den letzten Rest von Atem, den sie noch hatten. Man glaubte jeden Augenblick, daß einem die Füße abfrieren würden. Absteigen war nicht ratsam, denn man hätte bis an die halben Waden im Schnee waten müssen.
Auf dem höchsten Punkte des Passes ließ das Schneegestöber nach. Die Wolken ballten sich zusammen und krönten die Bergspitzen, die uns umgaben. Der Himmel wurde klar. Eine Symphonie von Blau und Weiß ringsumher, wie man sie in solch makelloser Reinheit und Schönheit wohl selten zu sehen bekommt. Schade, daß es zu kalt war, um dieses einzigartige Bild lange zu genießen. Uns fehlten seit einigen Tagen auch die künstlichen Wärmemittel. Ein Gemisch aus Brennspiritus und Wasser war doch nur ein sehr mangelhafter Ersatz für Whisky und Kognak.
Abgestiegen und im Laufschritte hinunter! Die Wärme, nach der wir uns so sehnten, wurde uns bald im Übermaße zuteil. Die fünf Stunden Abstieg vom Yachazani-Paß nach Sorata bringen einen in dieser Jahreszeit aus Eis und Schnee direkt in die Tropentemperatur von 30-35 Grad Celsius – ein Temperaturwechsel, wie man ihn schärfer anderswo kaum erleben kann. Ein Kleidungsstück nach dem anderen wurde den Mulas aufgeladen, bis das Tropen-Déshabillé glücklich wieder erreicht war.
Kurz vor Sorata, beim Passieren eines Indianerdorfes, hatten wir Gelegenheit, das höchst interessante Leben und Treiben bei einer indianischen Festlichkeit mitanzusehen. Es wurde eine Hochzeit gefeiert. Das gibt sämtlichen Bewohnern des Dorfes Anlaß, nicht mehr und nicht weniger als eine volle Woche lang sich unentwegt zu betrinken und ebenso unentwegt zu tanzen. Was die Indianer im Tanzen leisten können, grenzt ans Unwahrscheinliche. Es gibt Burschen, die von Sonnenaufgang bis zur Dunkelheit in unausgesetzter Bewegung sind. Eine Art Extase, ähnlich dem Delirium der indischen Drehderwische, scheint sie zu überkommen. In Gruppen von zehn bis fünfzehn Mann drehen sie sich in langsamen gemessenen Bewegungen, deren Tempo nur selten gesteigert wird, im Kreise und um die eigene Achse herum. Sie sind alle im Festtagskleide, oder irgend einem spezifisch indianischen, phantastischen Maskenanzuge. Hier ist eine Gruppe im herrlichsten Federschmuck, auf dem Kopf ein meterhoher Aufputz von vielfarbigen Papageifedern, der Oberkörper nackt, von der Taille bis zu den Knien wieder eine Art Ballettröckchen von grellgrünen oder roten, in dichten Kränzen aneinandergefügten Federn. Dort eine andere Gruppe hat sich mit Tigerfellen geschmückt. Sie haben eine Art Panzer aus den harten Fellen gebogen, der in Beulen von Rücken, Schultern und Brust absteht, die Beine stecken in Hosen und nur die Rückseite ist mit einer mächtigen grünen Federtournüre ausgestattet. Die Kerls sehen aberwitzig aus, drehen sich stieren Blickes in die Runde, wobei sie sich auf langen Flöten eine grauenhaft mißtönende Musik selber liefern.
Eine andere Gruppe hat abschreckende Tier- und Teufelsmasken vorgebunden, sie schwingen dreigezackte Kriegsspeere und springen mit unmelodischem Geheul regellos durcheinander. Der ganze Dorfplatz scheint sich zu drehen. Dem Zuschauer wird nach zehn Minuten schwindlich zu Mute, man begreift nicht, wie es die Tänzer stundenlang aushalten, ohne Rast und Ruhe in die Runde zu wirbeln.
Hin und wieder verläßt eine Gruppe den Platz, torkelt und taumelt im Gänsemarsch durch ein paar Straßen, um jedoch bald wieder auf den Ausgangspunkt zurückzukommen. In einigen Gruppen machen Knaben von zehn Jahren aufwärts mit. Nur sekundenlang sind die Pausen, in denen ein tiefer Zug aus der kreisenden Flasche mit Patinno-Schnaps getan wird. Die Tänzer scheinen alle total vertiert, in Blick und Ausdruck haben sie nichts Menschliches mehr an sich. Seit vier Tagen erlebt keiner von ihnen eine nüchterne Minute. Doch sind es ausschließlich Männer, die sich an diesem wahnwitzigen Treiben beteiligen. Die Frauen halten sich zaghaft im Hintergrunde. Sie sehen mit glänzenden bewundernden Blicken ihre taumelnden Ehegesponse an und sind glücklich, wenn sie die vor Erschöpfung niedersinkenden Tänzer mit einem Schluck kühler »Chicha« wieder auf die Beine bringen dürfen. Vor Zuschauern haben diese exotischen Tänzer übrigens nicht die geringste Scheu, auch nicht vor photographischen Apparaten. Mir schien, daß kein einziger von ihnen mehr begriff, was überhaupt um ihn herum vorging.
Gegen 5 Uhr nachmittags erreichten wir Sorata und das gastliche Haus seines »Königs« G. Das Städtchen erschien nach den kulturellen Entbehrungen der letzten fünf Wochen wie ein kleines Paris. Ich glaubte, nie einen herrlicheren Konzertflügel unter den Händen gehabt zu haben, als das alte gelbgezähnte Scheusal von Pianino, das dem Salon des G.'schen Hauses als Zimmerzier diente.
Wir waren in Sorata an einem aufregenden Tage angelangt, dem Tage der Präsidentenwahl. An diesem Tage herrschte in Sorata eine ganz fürchterliche Besoffenheit. Soweit die indianischen Bewohner der Stadt nicht in der Gasse lagen, zogen sie mit Pfeifen, Singen und Gebrüll durch die Straßen und trugen den Kaufpreis ihrer Wahlzettel aus einer Kneipe in die andere. Bis in den frühen Morgen hörte man an allen Enden und Ecken der Stadt das unmelodische, sinnlose Geklimper der »Charangos«, einer Art Gitarre, deren Leib aus dem Panzer eines Gürteltieres besteht, dem beliebtesten Instrument der städtischen Indianer.
Im gastfreien Hause des »Königs von Sorata« durften wir uns, dank der überaus liebenswürdigen Einladung des Hausherrn, drei Ruhetage gönnen. Wir konnten sie nach den Strapazen des zweiten Kordilleren-Überganges gut gebrauchen. Es würde zu weit führen, wollte ich noch alle die schönen Ausflüge, die wir zu Fuß und zu Maultier von Sorata aus machten, im einzelnen beschreiben. An den Abenden versammelten wir uns meist auf der luftigen Terrasse des Hauses, die in einen paradiesischen Tropengarten hineinragt, zu einem echt deutschen Skat. Das heißt ganz deutsch war er nicht immer. Wenn der spanische Arzt des Städtchens zu unseren Partnern gehörte, wurde auf spanisch gespielt. Die spezifisch deutschen Skatausdrücke nehmen sich in der Sprache des Cervantes höchst kurios aus: »sastre« (Schneider), »negro« (schwarz), »curazon« (Herzen) usw.
Erst am vierten Tage wurde uns gestattet, von einer langentbehrten Kulturerrungenschaft – dem Telegraphen – Gebrauch zu machen, und eine Kutsche von La Paz nach Achecachi zu bestellen. Bis Achecachi mußten wir noch einen Tag per Maultier reisen. Nicht ohne Bedauern nahm ich – sicherlich für lange, wenn nicht für immer – von dieser Verkehrsmethode Abschied. Hat man sich erst an den Fischgabelsitz in den bolivianischen Gebirgssätteln gewöhnt und sein Temperament dem des Maultieres angepaßt, so ist es ein Hochgenuß, langsam und gemütlich durch die herrliche Gebirgswelt der Kordillere zu reiten. Auf den Weg braucht man nicht aufzupassen. Das besorgen die Tiere. Man genießt die wundervoll reine Luft, die wilde weite Aussicht und läßt seine Gedanken weithin in die Ferne schweifen.
Die Reise bis La Paz verlief ohne bemerkenswerte Erlebnisse. Kurz vor der Stadt, noch im Wagen, überfiel meinen Gefährten ein heftiger Fieberanfall, dasselbe Schicksal ereilte gleich nach der Ankunft in La Paz noch einen Teilnehmer unserer Reise, den kerngesunden und vergnügten Sch. Übrigens sind die unvergeßlichen Eindrücke solch einer Reise im Tropengebiete mit ein paar tüchtigen Schüttelfrösten nicht zu teuer bezahlt.
Tafel 13
Sonnenaufgang beim Yalhazani-Paß (Bolivien)
Frühstückspause
Indianisches Denkmal
Tafel 14
Indianisches Stubenmädchen in Sorata
Der Balzero »Sonnenschein«
Indianerin beim Maismahlen
16. BRIEF.
IM SCHNELLZUG DURCH PERU. – DER TITICACA-SEE. – MOLLENDO. – LIMA.
Der Abschied von La Paz wurde uns schwer. Nicht ohne Wehmut schieden wir von Bolivien. Erstens mußten wir uns nun von unseren beiden Reisegefährten und den zahlreichen lieben Freunden, die wir uns während des ziemlich langen Aufenthaltes in La Paz erworben hatten, trennen. Zweitens scheint uns – hoffentlich zu Unrecht – daß der interessanteste Teil der Reise jetzt hinter uns liegt.
Die Verbindung zwischen La Paz und der peruanischen Küste kann keineswegs bequem genannt werden. Sie besteht aus drei Etappen: Eisenbahnfahrt bis zum Titicaca-See, Dampferfahrt über den See nach Puno, Eisenbahnfahrt vom Peruanischen Ufer des Sees bis zur Küstenstadt Mollendo. Nun scheinen leider die drei Betriebsgesellschaften in Fehde miteinander zu leben. Man kann nie mit Sicherheit darauf rechnen, daß man Anschluß findet. Verspätet man sich auf einer der beiden ersten Etappen, so ist man verloren, denn die Dampfer auf dem Titicaca-See und die peruanischen Schnellzüge verkehren nur zweimal in der Woche. Gewartet wird nicht. Das ist besonders ärgerlich, wenn man in Mollendo einen bestimmten von den auch nicht allzu häufig verkehrenden Küstendampfern erreichen will.
Die bolivianische Hochebene, die wir zweimal im Wagen passiert hatten, durchquerten wir nun im Eisenbahn-Coupé. Kein Mensch wird behaupten, daß der enge Waggon mit seinen schlüpfrigen Wachstuchpolstern bequemer wäre, als der geräumige Phaeton. Aber reizvoll war die Fahrt auch so. Zum letzten Mal verabschiedeten wir uns vom majestätischen Illimani und seinen schneegekrönten Trabanten.
Die interessanteste Station auf dieser Eisenbahnfahrt ist Tiguanaco – eine uralte, von Einwohnern fast verlassene Inka-Stadt. Als der Zug hielt, stürzte eine Horde schmutziger Indianerbuben in den Waggon herein. Mit ohrenbetäubendem Geschrei priesen sie »Reiseandenken« an, zerbrochene Löffel und verrostete Stricknadeln, die sie für Pfeilspitzen und prähistorischen indianischen Hausrat ausgaben. Als Goldplättchen alter Inka-Schätze konnte man zusammengeknetete Kapseln von Subercaseaux- und Santa Rita-Flaschen, chilenischen Weinsorten, erstehen. Ja, an diesen Plätzen eines lebhafteren Fremdenverkehrs muß man beim Einkauf von Antiquitäten vorsichtig sein.
Die Stadt Tiguanaco mit ihren grandiosen Inka-Ruinen, die nun allerdings fraglos echt sind, bietet von weitem einen sehr pittoresken Anblick. In der Nähe konnten wir sie leider nicht besehen.
Den Titicaca-See erreichten wir nach Anbruch der Dunkelheit. Glücklicherweise verspäteten wir uns nicht und fanden im Hafen einen zwar sehr kleinen, aber äußerst appetitlichen Dampfer vor, der natürlich »Inka« hieß. Die Pietät, mit der man dieses durch die brutalen Eroberer ausgerotteten stolzen Volksstammes gedenkt, ist wirklich rührend.
Die Überfahrt über den Titicaca-See dauerte eine ganze Nacht. Es war herrlichster Mondschein, als der »Inka« seine Anker lichtete. Die schwarze Silhouette der Königskordillere hob sich ordentlich gespenstisch vom hellen Nachthimmel ab. Wie ein silberner Strom teilte die glitzernde Mondstraße die unergründlichen schwarzen Fluten des Sees. Allmählich verdüsterte sich jedoch der Himmel. Es wurde empfindlich kalt und windig, die Fahrt des »Inka« immer weniger stolz und immer unruhiger. Plötzlich setzte ein regelrechter Schneesturm ein. Nicht schnell genug konnte man in die winzige Kabine flüchten. Kolossale Schneemassen fegten über das Verdeck. Man muß in dieser Gegend auf die merkwürdigsten Überraschungen gefaßt sein. Am nächsten Morgen noch lag auf Bug und Achterdeck des Dampfers eine dichte Schneedecke, die die Sonne freilich schnell zum Schmelzen brachte.
Die Eisenbahnfahrt vom Ufer des Titicaca-Sees an die peruanische Küste des Stillen Ozeans ist sicherlich eine der schönsten, interessantesten und aufregendsten, die man auf den fünf Erdteilen machen kann. Der Höhenunterschied zwischen beiden Endstationen beträgt mehr als 4000 Meter. Man legt die Strecke in ca. 12 Stunden zurück. Der Zug rast mit atemversetzender, echt amerikanischer Geschwindigkeit vorwärts, obgleich der Winkel des Gefälles oft ein beträchtlicher ist, und kühne Kurven das Geleise nur meterweit an gähnenden Abgründen vorbeiführen. Die Passagiere des Pullman-Wagens fliegen von ihren Sesseln nicht selten unerwarteter und meistens unerwünschter Weise einander in die Arme. Zwischendurch promeniert der Schaffner und erzählt in lässigem Spanisch wenig erheiternde Anekdoten von abgestürzten Eisenbahnzügen.
Die ganze Fahrt über hat man die herrlichste Hochgebirgs-Landschaft vor Augen. Ein Panorama mit den charakteristischen, schon oft geschilderten Farbenspielen der Kordillere. Hier ist die Färbung vorzugsweise hellrosa oder rötlich braun. Weite Strecken des Gerölls sind mit feinem hellgrauen Sande bedeckt. Es sieht aus, als hätte man Decken aus zartestem schwedischen Leder über die Berge gebreitet. In einigen Talkesseln fegt der Wind diesen Sand zusammen, und es bilden sich merkwürdige Hügel, die einander so genau gleichen, als seien sie aus einer Form gegossen. Sie ähneln den Kratern kleiner Vulkane, oder den Brustwehren alter Burgen, denn von einer Seite – woher der Wind weht – sind sie offen. Natürlich wird diese Menge von Flugsand dem Bahnbetriebe oft gefährlich.
Der Zug hält auch bei den wichtigsten Stationen, den Schwefelbädern Jura und der peruanischen »Großstadt« Arequipa nur wenige Minuten.
Arequipa ist im fruchtbarsten Teil des peruanischen Küstengebietes gelegen (immerhin noch 2500 Meter hoch). Hier fließen eine ganze Menge kleiner Gebirgsflüsse zusammen. Man kann ihren Lauf vom Eisenbahnwagen aus weithin verfolgen. Gleich schmalen grünen Bändern ziehen sie sich durch das öde, unwirtliche Gestein. Fast unwahrscheinlich wirkt dank seiner absolut regelmäßigen, geradezu mathematisch genauen Kegelform der schneebedeckte Vulkan Misti, der das Landschaftsbild von Arequipa krönt.
Ein grauenvolles kleines Nest ist die sonnendurchglühte Hafenstadt Mollendo. Hier muß man seine Ansprüche auf Komfort auf ein nicht mehr zu unterbietendes Minimum herunterschrauben.
In der Stadt selbst und in ihrer Umgebung fehlt, ebenso wie in den chilenischen Küstenstädten, jede Spur vegetativen Lebens. Die Sonnenstrahlen prallen überall auf nacktes Gestein und strahlen mit verdoppelter Glut zurück. Ganz wundervoll ist hier allerdings die Ozeanbrandung, die himmelhoch über das weit in die See hineingebaute Hafenbollwerk herüberschäumt.
So schön die Wellen der Brandung aus der Entfernung aussehen, so wenig angenehm sind sie, wenn man sich auf ihnen schaukeln muß. Und das muß man leider.
Die Küstendampfer ankern weit draußen auf der Reede. Kleine Ruderböte, die wie Nußschalen auf den majestätisch dem Ufer zurollenden Wogen herumtanzen, besorgen den Verkehr mit dem Hafen. Nie in meinem Leben habe ich eine ungemütlichere Ruderpartie gemacht. Die Böte haben außer dem Ruderknecht noch eine andere ständige Bemannung: ein bis zwei Knaben, die das immerfort hereinschlagende Wasser ausschöpfen. Eine nicht geringe Geschicklichkeit gehört auch dazu, um zu verhindern, daß das Boot beim Anlegen an die Falltreppe des Dampfers umkippt oder zerschellt. Als ich das gehörig schwankende Deck der »Orissa« betrat, kam es mir nach dieser fürchterlichen Ruderpartie vor, als hätte ich endlich wieder festen Boden unter den Füßen.
Die Küstenfahrt bietet keinerlei neue Eindrücke, sondern immer nur dasselbe Bild, das wir von der Fahrt zwischen Valparaiso und Antofogasta her schon genugsam kannten. In zwei Tagen brachte uns die »Orissa« nach Callao.
Callao ist der Hafen der peruanischen Haupt- und Residenzstadt Lima. Hier zum ersten Male zeigt die pazifische Küste Süd-Amerikas ein etwas freundlicheres Aussehen. Mit Behagen ruht das Auge auf dem saftigen Grün der üppigen tropischen Vegetation, die sich bis dicht an den Ozean hinzieht.
Callao und Lima sind durch eine elektrische Bahn verbunden. Die Fahrt dauert eine knappe halbe Stunde. Von allen Städten der Westküste Süd-Amerikas ist Lima ohne Frage die europäischste. Breite, gutgepflasterte Straßen, konventionelle Regierungsgebäude, anständige Hotels, vorzügliche Läden, Droschken im Stil der Wiener Fiaker, Automobile, gute Restaurants, in denen die Speisenzubereitung nach den bolivianischen Stiefelsohlen geradezu raffiniert, lukullisch erscheint. Alles in allem: recht kulturell, aber – uninteressant.
Nur eine Merkwürdigkeit, eine »Spezialität« von Lima kann ich nicht unerwähnt lassen. In einem fashionablen Laden wurde sie uns als »Reiseandenken« angeboten, jedenfalls war es das sonderbarste Souvenir, dem ich je begegnet bin, denn es war nichts anderes, als – der Kopf, nicht Jochannaans, sondern eines indianischen Mädchens. Keine Nachahmung, kein Papier-maché, kein bluff, sondern echt. Der Kopf eines einst lebendig gewesenen Menschen, oder der Kopf einer Leiche, wie man will. Kein nackter Totenschädel, sondern ein virtuos balsamiertes menschliches Gesicht, mit Glasaugen und langem Haarschopf. Nur die Haut ein wenig verschrumpft. Mir schauderte, als ich mir dieses anmutige Reiseandenken auf meinem Schreibtisch als Briefbeschwerer, oder unter einer Glasglocke in der guten Stube vorstellte.
Die Europäer in Lima treiben mit diesen Scheußlichkeiten einen schwunghaften Handel. Der Absatz ist enorm. Die Indianer, die sehr rasch begriffen, daß ihre Leichenköpfe als Handelsartikel gut bezahlt wurden, fingen an, Freund und Feind hinzumorden, balsamierten ihre Köpfe ein und brachten sie in großen Mengen auf den Markt. Da erst legte sich die Regierung ins Mittel. Jetzt dürfen nur »alte« Köpfe verkauft werden, während »frische« verpönt sind. Aber wer wagt es zu entscheiden, ob solch eine Mumie von gestern oder von anno dazumal stammt? Jedenfalls ist der Artikel rar geworden und infolgedessen im Preise gestiegen. Der Kopf, der uns angeboten wurde, sollte 50 englische Pfund kosten. Ich hätte ebensoviel zugezahlt, um ihn nicht zu besitzen.
Mit diesem unappetitlichen Eindruck schieden wir von Lima. Der peruanische Küstendampfer »Guatemala« nahm uns auf. In acht Tagen soll er uns nach Panama bringen.
Tafel 15
INDIANER IM FESTSTAAT (BOLIVIEN)
17. BRIEF.
PANAMA UND EINE ALLIGATOR-JAGD.
Durch drei Dinge ist Panama berühmt. Erstens durch den Panama-Kanal, zweitens durch den Panama-Skandal, drittens durch die Panama-Hüte. Der Panama-Skandal ist nicht mehr aktuell. Der Panama-Kanal wird es bald sein, wenn er nämlich wirklich, wie es heißt, im nächsten Jahre eröffnet wird. Die Panama-Hüte sind es immer und werden es so lange sein, als es für vornehm gilt, was Besseres auf dem Kopfe, als drin zu haben.
Über den Panama-Skandal werde ich mich nicht verbreiten. Wer sich daran erquicken will, lese in den betreffenden Jahrgängen der Pariser Zeitungen nach.
Aber von den Panama-Hüten und dem Panama-Kanal will ich erzählen.
Die Panama-Hüte heißen wahrscheinlich deshalb so, weil sie nicht in Panama gemacht werden. Ihr Entstehungsort ist die Republik Equador, besonders die Gegend um Guayaquil und Payta herum. Dort sitzen die fleißigen Indianerweiber, bleichen und spalten das haarfeine Palmstroh, aus dem ihre geschickten Finger die kostbaren Kopfbedeckungen flechten. In Panama selbst ist man dagegen so unnobel, die Hüte, die den Namen der Stadt tragen, mit einem ziemlich hohen Einfuhrzoll zu belegen. Wer also glaubt, daß man in Panama »billig und gut« Panama-Hüte kaufen kann, wird an Ort und Stelle gar bald eines Besseren, oder vielmehr Schlechteren belehrt. Man zahlt in Panama genau denselben Preis für einen Hut, wie in Europa, nicht unter 10 Dollar für mittelgute Ware. Natürlich gibt es auch hier Hüte, für die 200 Dollar von dreisten Verkäufern verlangt und von verrückten Amerikanern gezahlt werden. Die Zugehörigkeit von Panama-Hüten zu Panama versucht man dadurch kenntlich und glaubhaft zu machen, daß man alberne kleine Reisesouvenirs in Form von Puppen-Panamahüten verkauft.
Was nun den Panama-Kanal anbetrifft, so ist er allerdings sehr großartig in der Anlage, aber doch nicht so imposant, wie man ihn sich in Europa vorstellt, oder wie ich ihn mir wenigstens vorgestellt habe. Es ist kein einheitlicher, schnurgerader Durchstich, der nach dem Prinzip der kürzesten Linie die Küste des Stillen Ozeans mit der des Atlantischen verbindet, sondern vielmehr eine Kombination von vielen einzelnen Kanälen und Schleusen-Systemen, wobei auch die den Isthmus bewässernden Flüsse und einige kleine Binnenseen als Verbindungswege ausgenutzt sind. Wenn man also fragt: »Wie breit ist der Kanal?« so muß die Gegenfrage lauten: »An welcher Stelle?« Die Breite schwankt zwischen 300 und 1000 Fuß, die Länge beträgt genau 50 englische Meilen. Auch die Tiefe ist keine einheitliche. Das Minimum sind 41 Fuß, so daß immerhin ganz gewaltige Passagierdampfer und die größten Kriegsschiffe ihn passieren können. Die flacheren Stellen des Kanals machen, besonders wenn, wie jetzt, kein Wasser drin ist, durchaus keinen imponierenden Eindruck. Wenn man sie betrachtet, so muß man sich die Milliarden ausgebaggerter Kubikmeter Erde vorstellen, um in den vom Führer verlangten Zustand der Andacht und Bewunderung zu geraten. Mit einem »very nice«, womit ihn englische und amerikanische Touristinnen unter ihrem Reiseschleier hervor beglücken, ist er nicht zufrieden. Am sichtbarsten ist die beim Durchstich geleistete enorme Arbeit, mit der übrigens auch heute noch über 40 000 Menschen beschäftigt sind, bei den Schleusen, die frei daliegen und mit ihren gewaltigen Mauern und Riesen-Dampfkränen den Eindruck phantastischer Zyklopen-Festungen machen.
Im Januar 1914 muß der Kanal bekanntlich, laut Kontrakt, dem Verkehr übergeben werden. Danach sieht er jedoch zurzeit nicht aus. Auf allen Strecken wird fieberhaft gearbeitet, auf keiner einzigen noch sind die Arbeiten schon ganz abgeschlossen. An den Schleusen wird gebaut und gemauert, in den Gräben hocken Tausende von Arbeitern mit Spaten und Hacke, auf den Seen knattern und rumoren zahllose Baggermaschinen und fördern Millionen und Abermillionen von Eimern mit Schlamm und Sand ans Tageslicht. Es ist ein betäubender Betrieb. Das ganze Gebiet des Kanales gleicht einem riesigen Ameisenhaufen, und ebensowenig wie bei einem solchen kann man hier bei flüchtiger Betrachtung Plan und Ziel der gemeinsamen Arbeit feststellen.
Ein äußerst buntes Bild bietet die Schar der Arbeiter. Amerikaner, Japaner, Chinesen, Neger, Mulatten – alles wimmelt durcheinander. Betrachtet man die kräftigen halbnackten Gestalten, so denkt man mit Grausen daran, wieviele Menschenopfer diese Kraftprobe technischen Vorwitzes gekostet hat. Zu Hunderttausenden sind die Kanalarbeiter vom Sumpffieber jeder Art weggerafft worden. Eine Zeitlang stockte ja der Betrieb überhaupt, weil es unmöglich war, Arbeiter zu finden, die für hohen Lohn den sicheren Tod in den Kauf nehmen wollten. Dann erst ging man ernstlich daran, die fieberverpesteten Sumpfgebiete des Isthmus zu sanieren. Dieses schwierige Werk ist jetzt gelungen und zwar vermittelst selbsttätiger Petroleum-Pulverisatoren, die in den Wäldern und Sümpfen aufgestellt sind und im Frühjahr alle Wasserflächen mit einer dünnen Schicht Petroleum überziehen, unter der sich die Moskitos nicht entwickeln können. Jetzt gibt es kein Fieber mehr in Panama, denn es gibt keine Moskitos, die die einzigen Träger der Infektion sind. Die Furcht vor ihnen ist aber noch nicht ganz geschwunden. Sämtliche Häuser im Kanalgebiete sind mit einem dichten Schutzgeflecht aus feinstem Draht umgeben. Die Häuser sehen aus wie große viereckige schwarze Käseglocken.
In wirtschaftlicher und politischer Beziehung ist Panama ein Unikum. Der Aufenthalt dort hat für den Fremden manche Schwierigkeit. Vor allen Dingen weiß man nie, ob man sich im gegenwärtigen Augenblick in den Vereinigten Staaten von Nordamerika oder in der spanischen Republik Panama befindet. Seit zehn Jahren ist nämlich Panama – ich wage nicht zu sagen »bekanntlich« – eine selbständige Republik. Nur ein schmaler Streifen Landes, die sogenannte »Kanalzone«, wurde damals den Vereinigten Staaten abgetreten.
In dieser Kanalzone nun ist das beste und einzig komfortable Hotel Panamas gelegen. Dort lebt man natürlich, und befindet sich folglich in den Vereinigten Staaten, spricht englisch, zahlt mit Dollars und wird von amerikanischen Negern bedient. Ums Haus herum promeniert ein »policeman« in dem für die nordamerikanische Polizei charakteristischen Tropenhelm. Macht man jedoch drei Schritte zum Hotelgarten hinaus, so befindet man sich plötzlich und unvermutet in der spanischen Republik Panama. Will man eine Auskunft haben, so muß man sie auf spanisch einholen, an den Straßenecken stehen spanische Polizisten in kühnen Torreadorhüten, macht man einen Einkauf, so heißt es mit spanischen Pesos bezahlen. Da man aber, vom Hotel kommend, nie spanische Pesos in der Tasche hat, wird man beim Wechseln amerikanischer Dollars mit notorischer Sicherheit übers Ohr gehauen. Im Hotel gibt es nur Goldwährung, in der Stadt jedoch Gold-, Silber- und Papierwährung. Kurz, es ist ein unbeschreiblicher Kohl, und schließlich kauft man lieber gar nichts mehr, um nicht eine halbe Stunde lang Rechenexempel mit Pesos und Dollars lösen zu müssen und in der nächsten halben Stunde doch zu merken, daß man Golddollar statt Silberdollar bezahlt hat.
Im übrigen ist Panama ein ganz interessantes kleines Städtchen mit schönen alten spanischen Kirchen, anständigen Droschken und sogar Automobilen, die die engen Straßen verpesten. Man hat im allgemeinen durchaus den Eindruck, daß hier europäische, respektive nordamerikanische Kultur mehr abgefärbt hat, als in allen Städten der westlichen südamerikanischen Republiken zusammengenommen.
Wenige Minuten außerhalb der Stadt Panama und der Kanalzone ist das Land freilich noch ganz wild. Davon konnten wir uns überzeugen, als es uns eines schönen Tages gelang, ein Unternehmen in Szene zu setzen, auf das wir uns schon seit Brasilien gespitzt hatten – eine Alligatorjagd. Alle derartige Unternehmungen sind hier stets mit solchen Schwierigkeiten verbunden, daß man von besonderem Glück reden kann, wenn es gelingt, einen gefaßten Plan auch wirklich auszuführen. Wer hätte, z. B., gedacht, daß man im Lande der Revolver einen offiziellen Erlaubnisschein zum Tragen von – Jagdgewehren braucht. Ich will nicht schildern, was wir zu leiden hatten, bis wir diesen Erlaubnisschein bekamen. Wer einen russischen Utschastok kennt, weiß genau, auch ohne daß ich viele Worte mache, wie es in der Kanzlei des »Alkaden« von Panama hergeht. Doch Beharrlichkeit führte auch hier zum Ziel. Endlich war alles in Ordnung.
Wohlausgerüstet mit Büchsen, Patronen und Proviant machten wir uns auf den Weg. Dieser Weg ist nicht ganz kurz. Er führt quer über die ganze Bucht von Panama, dann vier Stunden stromaufwärts in einem der vielen Flüsse, die den Isthmus bewässern. Wir hatten ein Motorboot gemietet, dessen Besatzung aus zwei Mann bestand, die auf die stolzen Namen »Kapitän« und »Mechaniker« hörten. Leider rechtfertigten sie nachher ihre Titel in keiner Weise. Wir wußten noch nicht, was uns bevorstand, als unser Boot am Morgen fix und geschmeidig über die Bucht von Panama dahinglitt, vorüber an glitzernden kleinen Felseilanden und palmenbestandenen Märcheninseln. Wir freuten uns über die Morgensonne, die das Meer in eine Fläche flüssigen Silbers verwandelte, und über die aberwitzigen langgeschnäbelten Pelikane, die in Scharen unser Boot umschwärmten.
Nach ungefähr fünf Stunden erreichten wir die Mündung des Flusses, dessen Namen, der nichts zur Sache tut, ich vergessen habe. Das Ufer ist zu beiden Seiten mit dichtem Urwalde bestanden. Man erwartet nicht, kaum 60 Kilometer vom kultivierten Panama solch eine Wildnis zu finden. Dieselben dichten Wände von Schlingpflanzen, die wir vom tropischen Bolivien her genügsam kannten, machen den Wald unpassierbar. Allerhand merkwürdiges Wassergetier flatterte von Zeit zu Zeit am Ufer auf. Ich konnte meine Schießgelüste, die schon bei den Pelikanen erwacht waren, nicht bezähmen und machte einem wunderschönen schneeweißen Reiher den Garaus. Allerdings hielt ich ihn (er verzeiht mir diesen Irrtum wohl noch nach dem Tode) für eine wilde Gans. Er hätte seinen stolzen langen Hals nicht einziehen sollen, wenn er für das genommen werden wollte, was er war.
Alligatoren gab es in dem breiten Strome, den wir uns hinaufarbeiteten, keine. Die sollten wir erst an der Mündung eines kleinen Nebenflusses, tiefer im Lande, finden. Mit begreiflicher Spannung sahen wir diesem Ziel entgegen. Endlich stoppte der Motor. Es ist 3 Uhr nachmittags. Der »Kapitän« macht uns auf einige mächtige Baumstämme aufmerksam, die in einem schmalen Seitenflüßchen unter den überhängenden Schlinggewächsen des Ufergebüsches daliegen. Hallo, da setzt sich einer von den Baumstämmen in Bewegung und rudert nach dem anderen Ufer hinüber. Das also sind die Alligatoren. Donnerwetter! Klein sind sie nicht. Ich hatte sie mir ungefähr von der Größe der Nilkrokodile gedacht, aber diese »fellows«, wie sie der Kapitän zärtlich nennt, erreichen eine Länge von mindestens 3-4 Metern. Imposante Kerle. Doch zeigen sie leider nur ihren Rücken. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man ein schläfrig blinzelndes Auge von der Größe einer Backpflaume. Und dahinein soll man treffen? Ausgeschlossen, wenigstens bei der Entfernung, in der wir uns vorläufig befanden, d. h. ca. 150 Schritt.
Um unseren Jagdeifer etwas zu dämpfen, gab uns der Kapitän außerdem die tröstliche Versicherung, daß es unter allen und jeden Umständen unmöglich sei, eines Alligators habhaft zu werden, mag man ihn noch so tot schießen. Er geht sofort unter Wasser und bleibt dort, bis ihn sein aufgeblasener Leib an die Oberfläche hebt. Dann gab uns der offenbar sehr bewanderte Mann noch den Rat, zu warten, bis die Ebbe einsetzen würde, d. h. ungefähr drei Stunden. Bei niedrigem Wasserstand sei Hoffnung, daß sich die Alligatoren auf den Sandbänken sonnen würden. Nun versuche man, ausgerüstet mit einer trefflichen Winchester-Büchse, von Alligatoren rings umschwommen, drei Stunden ruhig zu warten. Schon nach zwanzig Minuten pfiffen wir auf Ebbe und Sandbänke und befahlen, unsere kleine Nußschale von Ruderboot ins Wasser zu lassen. Der »Mechaniker« wurde zum Ruderknecht. Die Büchse im Arm fuhren wir das Flüßchen hinauf. Die ersten zehn Schüsse wurden aus einer Entfernung von 20-30 Metern abgegeben. Es erfolgte darauf prompt ein heilloser Skandal im Wasser, mächtige Wellenkreise erfaßten unser kippendes und schwankes Boot, und wer nicht mehr zu sehen war, war der Alligator. Da sahen wir denn selbst ein, daß die Sache auf diese Weise aussichtslos war. Wir wappneten uns also mit Geduld und Schweigen und glitten stumm und regungslos unter den Uferbüschen dahin, jedes Geräusch mit den Rudern wurde vermieden. Ja ein empörter Blick des Ruderers traf mich, als ich mir eine Zigarette anzünden wollte.
Da, plötzlich wird er selbst unruhig. Mit einem mehr als ausdrucksvollen Minenspiel weist er nach einer Stelle des gegenüberliegenden Ufers hin und lenkt den Kahn in der angedeuteten Richtung. Ich sehe gar nichts, mein Freund augenscheinlich auch nicht. Halt, da nicht weiter als drei Schritte vom Steuer ein dicker, grünlicher Balken – der Kopf eines Alligators mit geschlossenen Augen. Ich kann mich nicht umwenden, um zu schießen. Mein Freund sitzt bequemer. Er nähert den Lauf seiner Büchse buchstäblich auf einen halben Meter dem berühmten Auge und drückt los. Donnerschlag, der Radau, der sich erhob! Aus Lederstrumpf und Konsorten wußte ich, daß Alligatoren, wenn angeschossen, die Kähne ihrer Jäger mit Vorliebe vermittelst des Schwanzes umkippen. Ich sah mich im Geiste schon zerfleischt und verdaut im Magen des grünen Ungeheuers. Aber nein, Gott sei Dank, wir leben. Der Alligator leider auch. Mit donnerähnlichem Getöse war er unter Wasser verschwunden.
Also so geht die Sache auch nicht. Was tun? Wie recht hatte unser Kapitän! Wir beschließen, das Flüßchen so weit als möglich hinaufzufahren, die Ebbe abzuwarten und dann mit der Strömung noch lautloser, als vorhin längst einem Ufer hinabzugleiten. Der Ruderknecht legt sich fester in die Riemen. Ich tue mir keinen Zwang an, weder mit Zigarettenrauchen, noch mit Schießen. Mancher exotische Wasservogel muß sein Leben lassen. Das Flußbild ringsherum ist von einer bezaubernden Romantik. Über unseren Köpfen schlagen die Kronen der Palmen und Riesenfarren fast zusammen. Der Fluß fällt rapide. Der Wald am Ufer sieht aus, als sei er auf einem kunstvoll angelegten Damm aus braunen, schlammbedeckten Pfählen erwachsen.
An der nächsten Biegung scheint der Fluß versperrt durch ein weißliches Gebirge. Bei genauerem Hinsehen entdeckten wir, daß dieses Gebirge auf uns zuschwimmt. Es ist der himmelwärts gekehrte Bauch einer Alligatorleiche. Das Tier ist von einer unheimlichen Größe, wir müssen unser Boot dicht ans Ufer drängen, um den Kadaver vorbei zu lassen. Er nimmt die ganze Breite des Flusses ein. Darauf sitzt krächzend ein Schwarm von zwanzig oder dreißig Aasgeiern. Scheußliche, kahlhalsige Tiere. Ich töte mit einem Schrotschusse vier. Die anderen fliegen träge auf, setzen sich aber sofort wieder zum leckeren Mal auf das faulende stinkende Fleisch nieder.
Bei der Abwärtsfahrt sehen wir an den Ufern des inzwischen durch die Ebbe stark verengten Flußbettes eine Unmenge Alligatoren, aber immer nur Kopf und Rücken. Kein einziger wagt sich auf eine Sandbank hinauf, um seinen weichen Bauch als bequemere Zielscheibe darzubieten. Wir verschießen unseren ganzen Patronenvorrat, mehr aus Freude an dem daraufhin entstehenden Wasserbeben, als in Hoffnung auf Beute. Erst bei der Mündung des Flüßchens sehen wir den grünlich-blauen Riesenleib eines prächtigen Alligators, langhingestreckt auf dem sandigen Ufer. Aber ehe wir in Schußweite sind, gleitet auch die letzte Hoffnung stumm und lautlos ins Wasser. Ich glaube, das infame Tier hat uns dabei nicht ohne Sarkasmus angeblinzelt. Die Flintenkugel, die so ein Amphibium ins Gehirn bekommt, regt es wohl nur zu lebhafterem Denken an, ohne seine Lebensgeister ernstlich zu gefährden. Und mit Kanonen hatten wir uns leider nicht bewaffnet.
Es wurde dunkel, und wir rüsteten uns zur Heimfahrt. Dabei hatten jedoch Kapitän und Mechaniker die Rechnung ohne die Ebbe gemacht. Kurz, nach einer halben Stunde saßen wir fest. Regungslos, rettungslos, hoffnungslos. Drei Stunden galt es, zu warten, bis die Flut unser Boot wieder flott machte. Unsere Mannschaft fand das ganz in Ordnung. Wir nicht. Zumal wir für solche Extrastationen durchaus nicht genügend verproviantiert waren und sich Hunger nie fühlbarer macht, als wenn man eine aufregende Jagd hinter sich hat.
Endlich spüren wir einen Ruck. Das Boot, siehe da – es bewegt sich, schwebt. In weniger als zwei Stunden ist die Bucht erreicht. Vertrauensvoll lassen wir uns ins Meer hinaussteuern. Alles geht glatt, in der Ferne sieht man schon die Lichter von Panama aufblitzen. Da, auf einmal ruckt und huppt der Motor so merkwürdig, jetzt setzt er ganz aus, jetzt springt er wieder an, setzt wieder aus, noch einmal, die Pausen werden immer länger, und endlich gibt er mit einem langen Seufzerhauche seinen letzten Lebensodem von sich. Selten ist mir ein Todesfall so nah gegangen.
Was soll ich nun weiter von dieser traurigen Begebenheit erzählen? Um es kurz zu machen: natürlich gelang es weder dem »Mechaniker«, noch dem »Kapitän«, den Motor wieder in Gang zu bringen. Diese würdigen Meister ihres Faches eröffneten uns kaltlächelnd, daß wir die Nacht auf dem Wasser zubringen würden und hoffen könnten, am nächsten Morgen von irgend einem zufällig vorbeifahrenden Dampfer aufgesammelt zu werden. Zwar hatte das Boot einen Mast und auch ein Segel und obgleich niemand zu segeln verstand (auch der »Kapitän« eingestandenermaßen nicht), zogen wir es auf, aber in Ermangelung des leisesten Windhauches hing es schlaff und kraftlos herunter und war nicht dazu zu bewegen, sich zu blähen.
So schaukelten wir denn auf den Wellen als willenloses Spielzeug der Ozeandünung. Das letzte Butterbrot war längst verspeist, der letzte Tropfen Tee getrunken. Es gibt Stimmungen, die man »weißglühende« nennt. Als uns gegen 5 Uhr morgens die Zigaretten ausgingen, glühte ich weiß, schneeweiß, durchsichtig. Begegnungen mit der Mannschaft vermied ich, um nicht zum Mörder zu werden. An Schlaf war vor Wut und Hunger kein Gedanke.
Das wundervolle Schauspiel des Sonnenaufganges konnte unter solchen Umständen natürlich auch nicht gebührend genossen und bewundert werden. Endlich um 10 Uhr morgens erblickten wir am Horizonte ein anderes Motorboot, das direkt auf uns zusteuerte: der Besitzer unseres Bootes, von Sorge um unseren Verbleib erfüllt (wir hatten noch nicht bezahlt), kam uns suchen. Freundlich war der Empfang, den wir ihm bereiteten, trotz aller Freude, nicht. Er nahm uns, schuldbewußt, in Schlepptau, und nach drei langen Stunden kamen wir in Panama an, wo wir uns in die erste beste Hafenkneipe stürzten.
Darüber, daß wir keinen Alligator mithatten, war der Bootsbesitzer keineswegs erstaunt. Er erzählte uns zum Trost, daß er vor einigen Wochen zweiundzwanzig Amerikaner in dieselben Jagdgründe expediert hatte, und daß sie nach einem mörderischen Feuer von Tausend Schuß ebenso beutelos heimgekehrt waren wie wir. Vor unserer Abfahrt hatte er uns diese lehrreiche Geschichte wohlweislich verschwiegen. Und die Moral von der Geschicht'? Fahr auf dem Meer auf Motorbooten nicht.
18. BRIEF.
VON PANAMA NACH NEW YORK. – JAMAIKA. – CUBA.
Da der Kanal noch nicht schiffbar ist, muß der Isthmus im Schnellzuge durchquert werden. Die Fahrt dauert knappe zwei Stunden. Aus dem bequemen Pullman-Car läßt man noch einmal die wechselnden Bilder der Kanalbauten an sich vorüberziehen, denn der Schienenstrang hält ziemlich genau die Richtung des Durchstiches ein. Die weiten Sümpfe, mit dichtem Tropen-Urwalde bestanden, bieten stellenweise ein überaus reizvolles landschaftliches Bild. Beruhigend hinsichtlich der Moskito-Gefahr wirken die mächtigen Petroleum-Behälter, an denen man von Zeit zu Zeit vorüberfährt.
Colon, an der atlantischen Seite der Landenge gelegen, ist der wichtigste Hafen Mittel-Amerikas. Er ist der Knotenpunkt des gesamten Schiffahrt-Verkehrs zwischen Europa, den Westindischen Inseln, Nord- und Mittel-Amerika.
Am Pier erwartete uns ein prächtiger neuer Dampfer der Hamburg-Amerika-Linie »Karl Schurz« – also benannt nach dem Kölner Freiheitskämpfer, der in den Vereinigten Staaten zu der Stellung eines führenden Staatsmannes gelangte und dem kürzlich ein prächtiges Standbild über der Amsterdam-Avenue in New-York enthüllt worden ist.
Die achttägige Seefahrt von Colon bis New York gehört zu den angenehmsten Erinnerungen unsrer Reise. Aus Dankbarkeit möchte ich die Hauptursache unseres Wohlbefindens an Bord des »Karl Schurz« erwähnen. Es war dies die außerordentliche Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit des gesamten Schiffspersonals, vom Ober-Steward bis zum letzten Schiffsjungen. Alle Angestellten des Dampfers sorgten sich um jeden einzelnen Passagier so, als hinge von dessen Wohl und Wehe ihr eigenes Seelenheil ab. Herrlicher Zustand! Ich glaube, ich bin mein Lebtag nicht besser bedient worden, als im Rauchsalon und im Speisesaale des »Karl Schurz«.
Auf der Route Colon–New York sind zwei Stationen vorgesehen: in Kingston auf Jamaika und in Santiago de Cuba. Auf Jamaica hatten wir einen ganzen Tag Aufenthalt. Diese Insel – wenigstens soviel wir davon zu sehen bekamen – ist ein bezauberndes Fleckchen Erde. Vom ersten Schritt an, den man auf Jamaica tut, spürt man mit Behagen, daß die spanische Lotterwirtschaft, die einem manche Strecken Süd-Amerikas verekelt, aufgehört hat.
Englische Kultur weit und breit. Ihre Vorzüge kann man erst richtig ermessen, wenn man sie sechs Monate lang entbehrt hat.
Eine mehrstündige Automobilfahrt führte uns weite Strecken am Ufer der Insel entlang. Zum ersten Mal konnten wir über die Herrlichkeiten einer gepflegten Tropen-Flora staunen. Es ist bekanntlich eine Spezialität der Engländer, die Natur in Parks zu verwandeln. Das haben sie auch auf Jamaika fertig gekriegt.
Samtene Rasenflächen – echte »greens« – dehnen sich kilometerweit um die Fahrwege, die, nebenbei gesagt, von vorzüglicher Beschaffenheit sind. Die Palmenhaine sind überall vom Unterholz sorglich gereinigt. Blühende Hecken phantastischer Tropenblumen ziehen sich an den Wegen entlang. Man erhält den Eindruck, als sei die ganze Insel ein großer wohlgepflegter Garten. Aus dem Grün blickten überall saubere Villen hervor, deren Bauart vollkommen dem Stil englischer Landhäuser ähnelt.
Das Ziel unserer Fahrt war eine hügelige, mit dichtem Walde bestandene Landzunge, die wir in den Ozean hineinragen sahen. Wer beschreibt unser Erstaunen, als wir erfuhren, daß dies der Aufenthaltsort englischer Zwangssträflinge sei! Wäre nicht die in der Tropenglut doch einigermaßen erhitzende Arbeit im nahen Steinbruch, so möchte man fast einen kleinen Einbruch verüben, um für ein Weilchen hierher deportiert zu werden.
Die Stadt Kingston bietet nichts besonders Bemerkenswertes. Der Eindruck, den man von ihr davonträgt, ist der einer Farbe: Weiß. Weiß sind alle Häuser, weiß die Straßen, weiß ist der Staub, der von Automobilen und verschiedenerlei Fuhrwerken in sehr reichlicher Quantität aufgewirbelt wird, weiß ist die Kleidung aller Passanten männlichen und weiblichen Geschlechts. Nur eines ist nicht weiß: die indigene Einwohnerschaft der Stadt. Die ist nämlich schwarz. Übrigens sind die Jamaika-Neger grauenhaft häßlich, besonders die Frauen, die ja überhaupt bei allen »wilden« Völkern nie und unter keinen Umständen Anspruch darauf erheben können, das schönere Geschlecht zu sein.
Ich ahne, daß man von mir erwartet, ich solle nun etwas vom Jamaika-Rum erzählen. Leider kann ich diesen Wunsch nicht erfüllen. Von diesem Trost aller Grogtrinker habe ich auf Jamaika nicht mehr gesehen als in Europa. Eher weniger. Vielleicht, weil die dampfende Hitze hier jeden »Nasenwärmer« völlig überflüssig macht.
Als wir zum Dampfer zurückkehrten, erwartete uns ein eigenartiger Anblick: eine schier endlose Negerprozession wanderte vom Hafenquai zum Dampfer. Jeder trug einen Bananenkolben auf dem Kopfe. Vor dem Laderaum des Zwischendecks stand ein enormer Neger, mit einem langen Schlachtmesser bewaffnet. Damit hieb er nach dem Kopf jedes vorüberziehenden Prozessionsmitgliedes. Man glaubte, sie müßten alle enthauptet in die Luke purzeln. Das taten sie jedoch nicht. Es stellte sich heraus, daß der grimmige Henker nur die Strünke der Bananenkolben abschlug. Jeder Neger nahm seinen Strunk wieder mit. Er mußte ihn am Ladeplatz abliefern, um einen neuen herübertragen zu dürfen. Eine höchst primitive, aber unfehlbare Ehrlichkeitskontrolle.
An Kuba habe ich nur eine dumpfe Erinnerung, obgleich der Besuch dieser Insel wenige Tage zurückliegt. Mir kommt es immer noch merkwürdig vor, daß ich Santiago wirklich lebend verlassen habe.
So was an Hitze! Dagegen erschien die Treibhaus-Atmosphäre des Mapiri-Tales als Eiskellerluft.
Ein Halbkreis blendendweißer Kalksteinfelsen umgibt die Stadt. In diesem Fokus sammelt die Sonne ihre sengenden Strahlen. Der Boden, den man betritt, scheint weiß zu glühen. Den Druck der heißen Luft auf dem Kopf empfindet man als physischen Schmerz.
Um vom Hafen in die Stadt zu gelangen, muß man einen zirka zweihundert Schritte breiten Platz überschreiten, der den Sonnenstrahlen schutzlos preisgegeben ist. Trotz eines reichlichen Aufgebots von Energie konnte ich den Entschluß nicht fassen, mich auf diesen Platz hinauszuwagen. Ich fühlte, daß ich die andere Seite nicht lebend erreichen würde und umschlich ihn mit großem Bogen im kümmerlichen Schatten der Hauswände.
Kuba ist das Eldorado aller Tabakraucher. Die Kuba-Zigarren hatten auch mich verlockt, den Dampfer zu verlassen. Nachdem ich meinen Einkauf in halb besinnungslosem Zustande besorgt hatte, eilte ich – soweit die Temperatur das zuließ – auf den Dampfer zurück.
Von Santiago habe ich infolgedessen wenig gesehen. Hatte auch keine Sehnsucht, die Tiefen der engen Gassen zu erforschen. Die Stadt macht einen unappetitlichen, unordentlichen Eindruck. Sie scheint ein einziger großer Drogenladen zu sein: überall stehen Fässer, Kisten, Kasten, Warenballen, Tonnen, Flaschenkörbe umher. Die Straßen werden, scheint's, nie gefegt. Spanische Wirtschaft!
Entschädigt wird man dafür durch das reizvolle und malerische Bild, das die Insel darbietet, wenn der Dampfer in langsamer Fahrt die Bucht von Santiago verläßt. Die Ausfahrt ist übrigens so schmal, daß man wetten wollte, unser Kapitän würde sein Schiff nicht durchzwängen. Wider Erwarten gelang es doch. An einer Seite des Felsentores steht eine spanische Festung. Mit einer Batterie kann man hier eine ganze Armada in Schach halten.
Auf der Fahrt von Colon nach New York erlebten wir unseren ersten regelrechten Sturm auf dem Ozean. Die Wellen, die übers Schiff sprangen, verwandelten das Promenadendeck in eine Schlittschuhbahn – ein Umstand, der von allen Pikkolos und Schiffsjungen, soweit sie seefest waren, natürlich eifrigst ausgenutzt wurde. Den ganz Geschickten gelang es, unter dem Druck eines Windstoßes ohne Aufenthalt vom Vorderdeck bis zum Heck zu schliddern. Ein pudelnasser, aber zweifellos sehr vergnüglicher Sport. Er mußte eingestellt werden, als der Dampfer sich gar zu steil zu bäumen anfing. Es war ein wundervolles Schauspiel, wenn sich die Spitze des 6000-Tonnen-Schiffs so tief senkte, daß es regelrecht Wasser schöpfte, und der schäumende Gischt sich wie ein Sturzbach vom Bug zum Steuer ergoß. Das Betreten des Deckes war unter solchen Umständen natürlich verboten. Übrigens gab es unter den Passagieren nur sehr wenige, die dieses Verbot hätten übertreten können.
Erst wenn man den Ozean im Sturm gesehen hat, weiß man, wie großartig schön er sein kann. Nur den ganz Gewaltigen raubt ein Zornesausbruch nichts von ihrer Majestät.