IV. Der Wald.

Wenn wir in dem folgenden Abschnitt über die Pflanzendecke unseres Gebietes handeln wollen, so betreten wir damit bereits die Grenze zwischen physikalischer und Anthropogeographie. Denn die heutige Vegetation ist ja nur zu einem Teile ein Ergebnis natürlicher Bedingungen, und neben, wenn nicht gar vor sie, tritt als bestimmende Macht der Mensch. Er weist nicht nur der einzelnen Pflanze und ganzen Gruppen Wohnplätze an und verbannt sie von anderen, sondern er läßt auch ganze Familien von Gewächsen aus einem Lande verschwinden und einwandernden Fremdlingen Platz machen. Wie schnell sich solch ein Wechsel selbst innerhalb eines Menschenlebens vollzieht, diese Beobachtung stimmte schon vor 700 Jahren den edlen Sänger Walter von der Vogelweide elegisch, da er als bejahrter Mann in seine Heimat zurückkehrte. Klagend rief er aus:

Wo einst im tiefen Dunkel gerauscht der Tannenwald,
Da wogen goldne Ähren, Kornblumen nicken drin —
Nur du, geliebtes Wasser, strömst noch wie sonst dahin. (Samhaber.)

Abb. 24. Hof in Kalkriese bei Engter (Osnabrück). Eigentümer: Hofbesitzer W. Fisse-Niewedde. (Zu Seite [45].)

Wandel im Landschaftsbild.

Wer nach langer Abwesenheit in das Weserbergland zurückkehrt, wird dieselben Beobachtungen machen; ja oft wird er nicht einmal die alten Wasserläufe wiederfinden, sondern statt der sich schlängelnden Bäche »begradigte« Gräben. Mit dem murmelnden Quell aber ist manch liebliches Blümlein der Verkoppelung zum Opfer gefallen. Die stärkere Ausnutzung jedes Fleckchens Erde, die Pflasterung oder Beschotterung der Wege, das Aufräumen wüster Winkel hat die sogenannte Ruderalflora der Straßenränder, Dungstätten und Schutthaufen dem Untergange geweiht. Die aus Eichen und Buchen bestehenden Büsche, die besonders im Osnabrückischen und auch sonst in Westfalen zwischen den Feldern eingesprengt sind und dem ganzen Bezirk den Charakter eines Waldlandes geben, obgleich der Anteil des Gehölzes an der Bodenbedeckung verhältnismäßig nicht so groß ist, schwinden mehr und mehr ([Abb. 101]). Ebenso ergeht es vielfach in Westfalen den hohen Wallhecken, die neben Buche und Eiche auch Weißdorn- und Haselnußsträucher enthalten, und die »Kämpe« wandeln sich in offenes Feld um. Die Gemeindeänger sind verschwunden und zu Acker gemacht. Von den alten Waldbäumen ist die Eibe nahezu ausgerottet, und die wenigen noch wild wachsenden Exemplare werden als »Naturdenkmäler« gezeigt ([Abb. 17] und [81]). Der Wald ist aus der Tiefe der Täler fast ganz verbannt. In wesentlich höhere Lagen sind stellenweise die Felder emporgestiegen; aber weder das zarte Blau der Leinblüte, noch das üppige Goldgelb des Rapses schmückt mehr die Hänge und die Talbreiten. Vorbei auch sind die Zeiten, in denen »der Pappeln stolze Geschlechter in geordnetem Pomp vornehm und prächtig daherzogen«. Die Pyramidenpappel, übrigens auch ein Fremdling, ein Kind des sonnigen Welschlandes, hat an unseren Heerstraßen dem unscheinbaren, aber nahrhaften Apfelbaum weichen müssen, weil man ihren ungünstigen Einfluß auf die angrenzenden Felder erkannt hat, denen sie mit ihren weitverzweigten Wurzeln die Nahrung entzieht. Anderseits aber hat auch mit der Einschränkung der Hausschlachtung und Hausbäckerei der Bedarf an hölzernen Mulden und mit der Verbesserung der ländlichen Wege der Bedarf an Holzschuhen nachgelassen, die man beide, besonders im Schaumburgischen, aus ihrem weichen Holze heraushieb oder-schnitzte.

§. Abb. 25. Diele in Sudenfeld, Kreis Iburg. (Zu Seite [45].)

Die Landschaft im Lauf der Zeiten.

Die Berge selbst haben ebenfalls ihr Aussehen verändert. Und wenn wir gelegentlich an Stelle einer Buchenkuppe, auf deren fein bis in die Einzelheiten durchmodellierter Oberfläche tausend Lichter spielten, eine ernst einförmige Fichtenpflanzung erblicken, so können wir uns in die Empfindung einer Mutter hineinversetzen, die ihres Sohnes geliebtes Lockenhaupt bei dessen Heimkehr aus der Fremde in einen modischen »Stiftekopf« verwandelt sieht.

Nicht alle diese Eingriffe in die natürlichen Verhältnisse haben sich als zweckmäßig erwiesen. Manche hatten auch ungewollte und ungeahnte Nachteile im Gefolge. Das Niederlegen der Hecken und Regulieren der Bäche führte zur Austrocknung des Ackerbodens und beförderte die Mäuseplage. Die Umwandlung von Wald in Feld brachte, wo der Boden zu dürftig für den Körnerbau war, nicht die erhofften Erträge, und er verarmte ganz und gar. Deshalb war es nötig, die Walddecke vielfach wieder herzustellen und sich somit bis zu einem gewissen Grade den ursprünglichen Verhältnissen wieder zu nähern.

Der Wald im Altertum und Mittelalter.

Als ganz vom Urwald bedeckt dürfen wir uns unsere Gegend nämlich weder während der Anfänge menschlicher Besiedelung noch zu der Zeit denken, in der die Römer — aus dem sonnigen Italien kommend — ihre übertriebenen Schilderungen von »des Waldes Duster« machten. Wie hätte ein solches Land Weide für das Vieh der nomadisierenden ersten Bewohner, wie auch Acker für die seit dem ersten christlichen Jahrhundert seßhaft werdenden Stämme liefern können? Ein Wechsel von Gehölz und waldfreiem Boden wird stets vorhanden gewesen sein; doch hat sich mehr und mehr das Verhältnis zuungunsten des Waldes verschoben.

§. Abb. 26. Gehöft in Linnenbeke bei Vlotho. (Zu Seite [45].)

Der Wald in der Neuzeit.

Neue Ansiedelungen, vor allem die durch christliche Missionare und Klöster ins Leben gerufenen vor und nach Karl dem Großen, befriedigten ihr Landbedürfnis durch Rodungen. Erst seit dem dreizehnten Jahrhundert begegnen wir den ersten Anfängen von Maßnahmen zum Schutze des Waldes. Im sechzehnten Jahrhundert finden wir im Osnabrückischen die Vorschrift, daß auf jedem Hofe höchstens zwei Feuerstellen sein durften, nämlich das Haus des Besitzers und die »Leibzucht«, in welcher die Altenteiler wohnten. Auch war für Vollerben, Halberben und Kötter, die verschiedenen Stufen bäuerlicher Besitzerwürde, je ein Höchstmaß der Hausgröße vorgeschrieben, um den wertvollen »Obstbaum«, die für die Schweinemast unentbehrliche Eiche, nicht unnötig zu dezimieren. Später freilich räumte der Dreißigjährige Krieg grausam unter unseren Wäldern auf. Wie sich die Heere rücksichtslos das Brenn- und Nutzholz für ihre Zwecke holten, so konnten auch die Gemeinden die Forsten nicht schonen, wenn sie Geld zur Aufbringung von Kontributionen nötig hatten und nur durch rasche Befriedigung gestellter Forderungen ihre Ortschaft vor Einäscherung zu bewahren vermochten. Als nach dem Kriege die Volkszahl wieder stieg, sah man sich zur Hebung der Landwirtschaft wieder auf den Wald angewiesen. Hier holte man Laub und Plaggen als Streu, Gras und Kraut als Futtermittel, und hier ließ man auch das Vieh weiden, wodurch die natürliche Verjüngung des Gehölzes fast unmöglich wurde. So gab man den Wald, wenigstens als Hochwald, dem Untergange preis. Kümmerlicher Mittel- oder Niederwald trat an seine Stelle. Als die Marken im achtzehnten Jahrhundert aufgeteilt wurden, waren vielfach die Parzellen überhaupt für eine verständige Wirtschaft zu klein. Im Wiehengebirge und Osning liefen sie in schmalen Streifen über Berg und Tal. Da obendrein noch »Heide und Weide« gemeinsam blieb, war der Besitzer gar nicht in der Lage, sein Eigentum zu schützen, und niedriger Busch oder gar Heide waren die letzten Reste einstiger Pracht. Dieser Zustand hat sich dort auf weiten Strecken bis auf den heutigen Tag erhalten.

Günstiger liegen die Verhältnisse an der oberen Weser. Aber auch hier hat der Wald seine Zeiten der Verwüstung durchgemacht, und zwar aus ähnlichen Gründen. Dazu kam aber dort noch die übermäßige Inanspruchnahme des Waldes durch die Pottasche-Siedereien für Leinenbleiche und Glasfabrikation hinzu. Außerdem bot die Weser und die Leine gute Gelegenheit zum Verflößen des Holzes, und auch das reizte zum Abholzen.

§. Abb. 27. Diele eines lippischen Zieglerhauses in Heidelbeck. (Zu Seite [45].)

Heutige Verteilung des Waldes.

Daß im neunzehnten Jahrhundert, welches fast gleichzeitig für die Landwirtschaft wie für die Forstkultur den Anfang einer verständigen und pfleglichen Behandlung der Natur bedeutet, die Wiederherstellung des Waldes im Süden besser gelang als im Nordwesten, erklärt sich aus den Besitzverhältnissen. Staats- und Gemeindebesitz zusammen umfaßt im Oberweser- und Diemelgebiet rund vier Fünftel, im Werregebiet nicht viel über ein Drittel, an der oberen und mittleren Ems und an der Hase wenig über ein Achtel des gesamten Waldbestandes. Zum Aufforsten aber sind natürlich langlebige Körperschaften besser befähigt als Private, denen für mehrere Generationen ein Verzicht auf jeglichen Ertrag zugemutet wird, wenn sie an Stelle auch noch so mageren Ackers oder dürrer Weide Waldbäume pflanzen sollen. Der lästigen Nebenbenutzer des Waldes entledigten sich Staat und Gemeinde durch Abfindungen, die auch dann nicht als allzu drückend empfunden wurden, wenn sie, wie besonders im Kreise Rinteln-Schaumburg, in Teilen des Waldes selbst bestanden, die dann der Urbarmachung anheimfielen.

§. Abb. 28. Gasthaus in Volksen bei Rinteln. (Zu Seite [45].)

Bei den Neuaufforstungen konnte man aber vielfach den alten Zustand nicht ohne weiteres wieder herstellen. Der verarmte Boden war nicht mehr imstande, Laubwald zu ernähren, und so mußte man denn die genügsame Kiefer als Pionier des Baumwuchses voranschicken; meist aber bot doch wenigstens die Fichte einen Ersatz für das entschwundene Buchengrün, das bis zum sechzehnten Jahrhundert noch fast alle Höhen überzog. Denn dieser herrliche Baum, dessen schlanke, silbergraue Stämme die grünen Kreuzgewölbe des deutschen Waldes am stolzesten tragen, gedeiht in unserem Klima vortrefflich auf allen Gesteinsarten der mesozoischen Formationen ([Abb. 16]). Gesellt aber hat sich ihm, wenn auch seltener in großen, geschlossenen Beständen, die Eiche, der am höchsten geschätzte Nutzbaum unserer Altvordern, der in den westfälischen Teilen unseres Gebietes früher stellenweise auch den ersten Platz einnahm. In der »Bramwaldischen Relation« von 1666 werden nur Buche und Eiche dort als waldbildend genannt. Ebenso stand es im Solling, und der Reinhardswald war fast ausschließlich mit Buchen bestanden, wogegen jetzt die Buche nur 45% des Waldbodens im Oberwesergebiet innehat.

§. Abb. 29. Motiv aus Exten bei Rinteln. (Zu Seite [54].)

Der Wiederkehr der alten Verhältnisse, die der Naturfreund mit Freuden begrüßen würde, steht nämlich mancherlei im Wege. Nicht auf allen Standorten leistet die Buche Genügendes, und die bequeme, schnell wachsende Fichte liefert als treffliches Nutzholz dem Forstfiskus Erträge, auf die er nicht verzichten kann.

Der Anteil des Waldes an der Bodenbedeckung beträgt in dem Oberwesergebiet von Münden bis zur Porta unter Ausschluß der zur Diemel und Werre entwässernden Landesteile 35,3%, wobei aber bemerkt sein mag, daß das rechte Weserufer waldreicher ist als das linke. Das Diemelgebiet hat 31,2%, das Werregebiet dagegen 21,6 und das obere und mittlere Emsgebiet nur 19,3%. Die entsprechenden Ziffern für Preußen und das Deutsche Reich sind 23,7 und 25,9%. Als Hochwald werden im Oberwesergebiet 96,8% bewirtschaftet, im Diemelgebiet 96,7%, im Werre- und oberen und mittleren Emsgebiet nur 72,0 und 77,6%. Laubholz bedeckt im Oberwesergebiet 77,9, im Diemelgebiet 75,6%, im Werregebiet 72,4, im oberen und mittleren Emsgebiet 52,3% der Waldfläche.

Waldnutzung.

Als Kultur- und Wirtschaftselement hat der Wald früher eine größere Bedeutung gehabt als jetzt. Ehe man die in den schwarzen Diamanten unseres Landes, vor allem Westfalens, aufgespeicherten Kapitalien an Energie erschlossen und die gerade in unserem Gebiete reichlich vorhandenen unterirdischen Kaliablagerungen ans Tageslicht gezogen hatte, war es der Wald, insbesondere der Buchenwald, welcher die für manche Fabrikationszweige unentbehrlichen Stoffe, Kohle und Pottasche, liefern mußte. In jedem ländlichen Haushalt gehörte noch vor dreißig bis vierzig Jahren ein »Bükefaß« zum notwendigen Inventar; das war eine große hölzerne Tonne, in der die Leinenwäsche mit Buchenaschenlauge behandelt, d. h. »gebükt«, wurde. Dieses Bleichen mit dem aus der Holzasche gewonnenen kohlensauren Kali wurde an einzelnen Orten in größerem Stile gewerbsmäßig betrieben, so in Uslar am Solling und in dem benachbarten Sohlingen, wo noch heute eine »Königliche Musterbleiche« besteht, freilich mit einer inzwischen veränderten Betriebsweise.

Abb. 30. Bauernfamilie aus Meinsen bei Bückeburg. Älterer Typus. (Zu Seite [54] bis 56.)

Große Massen Pottasche brauchten auch die Glashütten, deren es früher in allen waldigen Teilen unseres Gebietes, am Solling, an der Egge, am Bramwald, am Hils, am Deister und Bückeberg und an der Weserkette zahlreiche gab und zum Teil auch noch gibt. Der Wald lieferte ihnen außer Pottasche auch billiges Brennholz. Wie vieles Holz von ihnen verbraucht wurde, kann man sich vorstellen, wenn man hört, daß die kleine Glashütte Amelith im Solling in ihren blühendsten Zeiten 20000 kg Pottasche jährlich verwendet haben soll, und dabei bedenkt, daß 1000 kg trockenen Holzes etwa 3 kg Asche und diese 3 kg Asche etwa 1 kg Kali enthalten.

Abb. 31. Bauernmädchen aus der Gegend von Nenndorf. Nach einer Photographie von Gustav Kaulmann in Minden. (Zu Seite [54] bis 56.)

Kohlenbrennerei.

Ein anderes aus dem Holze gewonnenes Erzeugnis ist die Kohle; man bedarf ihrer noch heute zur Herstellung feinerer Stahlarten und anderer Fabrikate.

Zwar hat die verständige Gewinnung der Holzkohle, nämlich durch Abdestillieren der flüchtigen Bestandteile, die als Holzteer, Holzessig, Holzgeist, Aceton usw. mannigfach verwendbar sind, bei uns bereits Eingang gefunden. In Bodenfelde an der Weser z. B. ist eine solche Fabrik. Aber immer noch besteht auch die alte, zwar unzweckmäßige, aber poesieumwobene Kohlenbrennerei. Besonders im Bramwald, im Solling und im Vogler sieht man noch die Meiler dampfen. In der Nähe einer kühlen Quelle, die nach der heißen, staubigen Arbeit den erfrischenden Trunk spendet, hat sich der Köhler seinen Wigwam — ich wollte sagen seine Köte — aufgebaut ([Abb. 19]). Es ist ein kreisrunder, kegelförmiger Bau aus Stangen, Reisig und Moos. Oben befindet sich ein Rauchloch, von einem kleinen Regenschirm aus den gleichen Materialien überbaut. Eine Tür mit Schutzdach ist an der Seite angebracht, und an sie schließt sich ein gemütliches Sitzbänkchen. So macht das Ganze von außen einen recht behaglichen Eindruck. Der Innenraum mit seiner mehr als bescheidenen Einrichtung dient zugleich als Küche und Schlafzimmer. Denn der Köhler muß auch nachts in der Nähe seiner Meiler bleiben.

Abb. 32. Schulmädchen aus Eisbergen (Kreis Minden) auf dem Kirchgange. (Zu Seite [54] bis 56.)

Will er eine neue Kohlenstelle anlegen, so muß er zunächst den Boden mit der Schaufel einebnen. Dann schlägt er zwei etwa 2 m lange dürre Stangen dicht nebeneinander in die Erde und steckt zwischen sie kurze Stückchen trockenen Fichtenholzes. So entsteht der »Quandel«, der später dazu dienen soll, den Meiler von der Mitte aus zu entzünden. Nun werden ringsum etwa 1 m lange Knittel Buchenholz in immer größer werdenden Kreisen aufgestellt, jedoch so, daß am Boden ein kleiner Tunnel vom Quandel bis zum äußersten Rande ausgespart bleibt. Dies ist »dat Stekelock«, das Loch zum Anstecken. Zwei bis vier Stockwerke von Scheiten werden regelmäßig übereinander gebaut, und dann wird ein niedriges Gitterchen aus Buchenzweigen, das später die Decke halten soll, herumgeführt; so ist denn der Meiler »holtrei«, d. h. holzfertig ([Abb. 18]). Nun aber muß er mit welkem Buchenlaube verkleidet werden, und darüber wird Erde geschaufelt und festgeklopft. Etliche kunstvoll in Form eines Geländers rings herumgestellte Scheite verhindern das Abrutschen des oberen Teiles der Erddecke ([Abb. 20]). Aber bereits vor der völligen Eindeckung wird der Meiler angezündet. Jetzt heißt es aufpassen! Denn das Feuer will »regiert« sein. Es darf nicht ausgehen, aber auch nicht mit lichter Flamme auflodern. Um den Luftzutritt, von dem alles abhängt, auf das richtige Maß zu bringen, dienen dem Köhler die »Rumen«, d. h. Räume oder Löcher in der Decke, die er mit der Stange öffnen oder mit Erde schließen, bald nach oben, bald mehr nach unten verlegen kann. Alle sechs Stunden besteigt er seinen Meiler auf einer rohen Leiter, die aus einem einzigen Baumstamm mit eingekerbten Stufen besteht ([Abb. 20]); er überzeugt sich von dem Gange des Verkohlungsprozesses und füllt die eingesunkene Kuppe mit neuen Holzstücken auf. Nach etwa acht Tagen ist die Kohle »gar«. Der Meiler wird durch vorsichtiges Abheben und Wiederauflegen des »Drecks« gekühlt, die Kohlen nach und nach mit dem eisernen »Riethaken« (Reißhaken) vorsichtig herausgezogen, nach völligem Erkalten in Säcke gepackt und zu Wagen fortgeschafft ([Abb. 21]).

Holzverwertung.

Ein großer wirtschaftlicher Wert kommt natürlich dieser alten Industrie nicht zu. Wesentlich mehr Menschen finden ihre Nahrung in den großen Holzverwertungs-Unternehmungen unserer Waldgebiete, besonders an der Oberweser. So werden in Münden Trockenfässer, Eisenbahnschwellen, Parkett- und Pflasterklötze, in Carlshafen Fässer und Wiener Möbel, in Bodenfelde, Kaierde und Alfeld Schuhleisten, in Lauenförde, Hameln, Münder und Springe Stühle und in einigen Orten der Hilsmulde sowie in Wertheim bei Hameln Holzpappe und -papier gemacht. Von dem Umfang der Gesamtfabrikation wird man sich nicht leicht einen richtigen Begriff machen; immerhin ist es vielleicht interessant zu hören, daß die beiden größten unter jenen Werken zusammen 31500 Raummeter Holz, d. h. einen Würfel von fast 31½ m Kantenlänge, im Jahre verarbeiten.

§. Abb. 33. Bauernmädchen aus Uffeln bei Vlotho. Einige unechte Bestandteile (Tücher, Schürzen) dringen in die Volkstracht ein. (Zu Seite [54] bis 56.)

Erscheinen uns solche Ziffern hoch, so wird es uns anderseits wundern zu hören, daß in den beiden waldreichen Kreisen Uslar und Münden nur 15,7 und 11,4% aller im Hauptberuf erwerbstätigen Einwohner in Forstwirtschaft oder Holzindustrie ihren Unterhalt finden. Trotz dieser beschränkten volkswirtschaftlichen Bedeutung der Waldindustrien wird doch der Naturfreund an deren Bestehen seine Freude haben. Denn sie geben der Forstverwaltung Gelegenheit, das Buchenholz, das früher fast nur zum Brennen diente, nützlich zu verwerten, und so bieten sie eine erneute Gewähr für die Erhaltung unserer herrlichen Laubwälder.