XII. Von Hameln nach Osnabrück. Süntel, Weserkette und Wiehengebirge.

Hameln.

Eine Wanderung über die Weserkette nimmt naturgemäß von Hameln ihren Ausgang ([Abb. 70]). Die Stadt (20700 Einwohner) liegt an einer von der Natur selbst zum Brücken-, Umschlags- und Mühlenort bestimmten Stelle. Das den Überschwemmungen ausgesetzte Gebiet ist hier sehr schmal, schmaler als oberhalb und unterhalb der Stadt. Ferner führen abgesehen von dem Wesertale selbst von rechts die Täler der Hamel und Remte, von links die der Emmer und Humme dem Orte alte Straßen und neuerdings Eisenbahnen zu. Die Weser aber ist durch eine Insel und ein noch nicht völlig von den Wassern durchnagtes Felsenriff aufgestaut, was die Anlage von Mühlen erleichterte, aber die Schiffer zum Umladen zwang. Was in diesen Verhältnissen Ungünstiges lag, hat die moderne Technik siegreich überwunden. Das gefürchtete »Hameler Loch« hat nach Anlage geräumiger Schleusen seine Schrecken verloren. Wohl aber blühen noch die großartigen Müllereien, die jetzt der Weser-Mühlen-Aktien-Gesellschaft gehören. Die beiden Mühlenwerke werden durch 16 Turbinen mit rund 1500 Pferdekräften betrieben und können täglich etwa 6000 Zentner vermahlen. Außerdem geben die Wehre Gelegenheit zum Lachsfang, der seit alten Zeiten dort betrieben, seit Mitte des vorigen Jahrhunderts aber durch die Anlage von Lachsbrutanstalten in der Nähe der Stadt wesentlich lohnender gemacht worden ist. Stehen wir auf der eisernen Brücke, welche den Mühlenwerder mit den beiderseitigen Ufern verbindet, so können wir die Fischer beobachten, wie sie das schwere quadratische Netz wieder und wieder in die bewegte Flut senken und dann an einem plumpen Holzhebel emporziehen.

Abb. 99. Kette des Teutoburger Waldes bei Halle mit Blick auf den Ravensberg.
Nach einer Photographie (Eigentum des Verschönerungs-Vereins in Halle i. W.) von H. Baumann in Bielefeld. (Zu Seite [114].)

Abb. 100. Idyll aus Amshausen bei Halle i. W.
Nach einer Photographie von H. Baumann in Bielefeld. (Zu Seite [114].)

Nicht zu vergleichen mit den Verkehrsverhältnissen einer Zeit, die noch nicht lange hinter uns liegt, ist die Güterbewegung auf der Weser, wie sie sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Wurden durch die Hameler Schleuse zu Berg und zu Tale im Jahre 1881 erst 48256 Tonnen hindurchbefördert, so konnte man im Jahre 1891 bereits 155540, im Jahre 1901 dagegen 311309 und im Jahr 1907 endlich gar 491368 Tonnen notieren. Es hat sich also der Verkehr im Laufe von 26 Jahren verzehnfacht. Bei der immer stärker werdenden Produktion von Kali, dem zurzeit hauptsächlichsten Ausfuhrartikel der Weser, dürfte auch in der Folgezeit auf eine große Steigerung zu rechnen sein. Von allen Umschlagplätzen aber von Cassel bis Minden einschließlich hatte im Jahre 1906 der Hameler Hafen mit einer viertel Million Tonnen den größten Verkehr.

Abb. 101. Blick auf Bielefeld. Nach einer Photographie von H. Baumann in Bielefeld. (Zu Seite [28] u. [114].)

Vorüber sind die Zeiten, wo die sogenannten Bremer »Böcke« von 15 bis 20 Pferden mittels eines am Maste befestigten Seiles unter endlosem »Hüh!« und »Hoh!« der Treiber stromauf geschleppt wurden und den kleineren »Hinterhang« nebst den noch kleineren »Bullen« hinter sich herzogen. Drei auf diese Weise vereinigte Schiffe hießen »eine Mast«. Stromabwärts ließen die Schiffer ihre Fahrzeuge treiben und machten durch einen lauten harmonischen Dreiklang die Fährleute von weitem auf ihr Kommen aufmerksam, damit das Drahtseil rechtzeitig in den Strom hinabgelassen werden konnte. Hat Schreiber dieser Zeilen jene Art des Verkehrs noch in seinen Knabenjahren mitangesehen, so wird es ihm und wohl auch dem Leser schwer, sich in jene Zeit zu versetzen, wo selbst der Treidelzug mit Pferden eine Neuerung war, die stellenweise mit alten Verboten zu kämpfen hatte. Im Jahre 1815 bestand ein solches allerdings nur noch auf der lippischen Strecke, wo selbst damals nur mit Menschen getreidelt werden durfte.

Abb. 102. Burg Sparenberg (Bielefeld) vom Johannisberg aus gesehen.
Nach einer Photographie von Ernst Lohöfener in Bielefeld. (Zu Seite [114].)

Kehren wir nach dieser Abschweifung noch einmal zur Stadt Hameln zurück! Was ihren baulichen Charakter anlangt, so reichen sich hier Mittelalter und Neuzeit die Hand. Da bewundern wir das ehrwürdige Bonifatius-Münster, dessen Ursprung vielleicht noch auf die Karolingerzeit zurückgeht, dessen älteste erhaltene Teile der Spätblüte des romanischen Stiles und dessen Umbauten der gotischen Zeit angehören. Da erfreuen wir uns an den Renaissance-Schöpfungen jenes unbekannten Meisters, der in dem Hochzeitshause einen Bau für allgemeine städtische Zwecke, in dem sogenannten Rattenfängerhause ein behagliches Patrizierheim und in den benachbarten Schlössern Schwöbber und Hämelschenburg Edelsitze nach dem neuen Geschmack von 1600 herzustellen wußte ([Abb. 71] u. [72]). Umgeben ist die Stadt von einem Kranz zierlicher Landhäuser. Und wahrlich man kann es verstehen, wenn wirtschaftlich unabhängige Menschen sich diesen Wohnplatz aussuchen. Lockt der Ort doch auch Jahr für Jahr einen immer stärker werdenden Schwarm von Touristen herbei, die hier teils die Dampfschiffahrt in die Oberwesergegenden antreten, teils zu Fuß oder im Motorboot die beliebten Punkte der Umgegend aufsuchen. Zu diesen gehört außer dem Seite [84] erwähnten Ohrberg der Klüt, ein unmittelbar über der Stadt am linken Weserufer ziemlich schroff aufsteigender Berg, im achtzehnten Jahrhundert von dem Fort George, jetzt von einem steinernen Turme bekrönt. Unvergleichlich ist der Blick von dort oben auf die schmucke Stadt, das fruchtbare Tal und die gegenüberliegenden Bergketten.

Von Hameln nach Minden fehlt es an einem regelmäßigen Personendampferverkehr. Nur Sonntags im Sommer fährt ein Schiff stromabwärts. Das Tal ist bis Erder zu breit, der Wasserspiegel zu tief, um immer eine freie Umschau zu ermöglichen. So benutzen wir denn lieber die Bahn Hameln-Löhne, die das fruchtbare, von schön profilierten Bergen umrahmte Tal durchzieht ([Abb. 80]). Hier hat Fischbeck von seinem alten Augustinerinnenkloster, das jetzt als adliges Fräuleinstift weiter besteht, noch eine flachgedeckte romanische Basilika von hervorragender Schönheit. Es folgen Hessisch-Oldendorf (1900 Einwohner) und Rinteln (5300 Einwohner), zwei Städte, deren hübsche alte Fachwerkshäuschen großenteils noch nicht von der entstellenden Tünche befreit sind, mit denen Ungeschmack und Großmannssucht sie im vorigen Jahrhundert bekleidet hat[6].

[6] Wie in den vierziger Jahren selbst die Gebildeten jedes Verständnis für die behaglichen alten Bauformen verloren hatten und nur für lange, weiße Mauern schwärmten, dafür enthält das in der Einleitung erwähnte Buch von Boclo zwei charakteristische Stellen. An Hameln weiß der »Begleiter auf dem Weserdampfschiff« nur das Gefängnis(!) zu rühmen. Er bittet, »nicht zu übersehen, wie großartig-modern Hameln sich ausnimmt, in dem Moment, wo man es zuerst erblickt. Die großen neuen massiven Korrektionsgebäude maskieren nämlich die ganze übrige, ältliche nicht eben schöne (!) Stadt ... und lassen vermuten, Hameln wäre nach diesem modernen Stile eben gebaut worden.« Von Rinteln heißt es: »Die Straßen Rintelns würden viel länger, die Stadt viel schöner sein, wenn nicht bei weitem die meisten Häuser mit der Giebelseite nach der Straße gerichtet wären. Der Grund mag darin liegen, daß Rinteln ... früher eine Ackerstadt war. Man sieht dies noch daraus, daß viele Häuser statt der Türme hohe Tore haben.«

Abb. 103. Haus in der Oberntorstraße in Bielefeld.
Nach einer Photographie von Ernst Lohöfener in Bielefeld. (Zu Seite [114].)

Rinteln.

Rinteln ist die Hauptstadt des preußischen Kreises Grafschaft Schaumburg, d. h. des nach dem Aussterben der einheimischen Herrscher an Kurhessen gefallenen Teiles von dem Schaumburger Erbe ([Abb. 74]). Das Dorf Rinteln lag ursprünglich auf der rechten Seite der Weser, die Stadt wurde im dreizehnten Jahrhundert vom Grafen Adolf IV., dem Dänenbesieger, auf dem linken Ufer gegründet, hat aber in den letzten Jahrzehnten mit ihrer jungen Industrie die alte Heimstätte wieder mit in Beschlag genommen. Im Jahre 1621 gründete hier Fürst Ernst (Seite [93]) eine Universität, die König Jerome im Jahre 1809 zugleich mit Helmstedt eingehen ließ. Dem Königreich Westfalen blieben ja noch die Hochschulen zu Marburg, Göttingen und Halle, mehr als genug für die wissenschaftlichen Bedürfnisse des Königs »Loustic«. Während der kurfürstlichen Zeit war Rinteln als das »hessische Sibirien« verschrien. In diesen entlegenen Teil des Staates schickte man gern unfähige oder auch allzu steifnackige Beamte. Früher war die Zahl der Behörden größer. Aber auch die jetzigen erhalten ihre Beamtenschaft in der Regel aus dem Hauptteil des Regierungsbezirks Cassel. So ist denn hier in der westfälischen Bevölkerung ein hessischer Einschlag immerhin bemerkbar.

Abb. 104. Rathaus und Theater in Bielefeld.
Nach einer Photographie von Ernst Lohöfener in Bielefeld. (Zu Seite [114].)

An der Lippischen Porta. Vlotho.

Unterhalb Erder verengert sich das Tal. Der Fluß windet sich wieder durch ein Stück des Keupergebirges hindurch und bildet die sogenannte »Kleine« oder »Lippische Porta«. Das mit ihr beginnende Durchbruchstal ist nur kurz, es mißt kaum 10 km; aber innerhalb desselben vollführt die Weser einen ihrer schärfsten Knicke. Bei dem westfälischen Industriestädtchen Vlotho (4700 Einwohner), das sich malerisch unter seine alte Dynastenburg auf dem Amthausberg schmiegt, geht sie aus der westlichen plötzlich in die nördliche Richtung über ([Abb. 77]). Hier verläßt die Bahn das Wesertal, um auf die linksseitigen Höhen nach Oeynhausen und Löhne hinaufzusteigen. Die Weser aber tritt in das breite Tal ein, das bereits die Werre in ostwärts gewendetem Laufe durchfließt. Dieser Richtung folgt sie selber und erreicht alsbald die Westfälische Pforte.

Abb. 105. Grabmal Wittekinds in der Kirche zu Enger. (Zu Seite [116].)

Der Süntel. Die Weserkette.

Diesem Zielpunkte wird der rüstige Wanderer lieber auf anderen Wegen zustreben. Vielleicht wird er von Hameln aus das linke Weserufer verfolgen; er wird über den aussichtsreichen Taubenberg gehen, das uralte Dorf Exten ([Abb. 29] u. [78]) an der forellenreichen Exter besuchen, die dort einer alt eingesessenen Stahlwarenindustrie dienstbar gemacht ist, und die ansehnlichen Baulichkeiten des tausendjährigen Klosters Möllenbeck ([Abb. 80]) sowie das Renaissanceschloß Graf Simons VI. zur Lippe in Varenholz bewundern ([Abb. 79]). Der Hauptstrom der Touristen aber folgt der nördlichen Weserkette, deren schöne Wellenlinie zwar vom Tal und den gegenüberliegenden Höhen aus besser zu beobachten ist, deren kühle Buchenhallen aber nebst manchen sehenswerten Punkten einen Besuch des Gebirges selbst fordern. So sind wir denn an dem östlichen Ende jenes etwa 115 km langen Zuges angelangt, der früher in seiner ganzen Ausdehnung von der Hamel zur Hase den Namen Süntel führte. Jetzt begegnet uns diese Bezeichnung zunächst in seinem östlichen und höchsten Stück, das sich aus Wealdensandstein aufbaut und bis zu 437 m ansteigt. Am Nordostfuße liegt Münder (3300 Einwohner) mit Solbad, Stuhlfabriken und Kohlengruben (vergl. Seite [92]), von wo eine Eisenbahn durch die Senke zwischen Süntel und Deister nach Nenndorf führt. Steigen wir von dort statt von Hameln zur Höhe hinan, so werden wir hier und da einer nur noch in kleineren Beständen vorhandenen, interessanten Baumform begegnen, der Süntelbuche, die sich außerdem nur am Jura in geringem Maße vorfindet; sie wächst völlig krumm und ist daher anders als zu Heizzwecken nicht zu verwenden ([Abb. 81]). Von dem Süntelturm aus, an dessen lohnender Fernsicht wir uns lange erfreuen, sehen wir unseren Weg deutlich vor uns. Zwei bis drei Tage lang werden wir, wenn wir die Porta zu Fuß erreichen wollen, der Bergkette zu folgen haben, die wir hier in der Verkürzung erblicken. »Auf eine Kette von niederen Vorbergen gestellt, zieht das Hauptgebirge von dem eigentlichen Süntel aus gegen Abend bis zur Porta Westfalica, zumeist scharf und steil gegen das Tal abfallend. Die schöne Scheitellinie der Bergwand ist wellenförmig gewunden, und häufige, symmetrisch wechselnde, flach eingeschnittene Buchten bezeichnen eine Reihe der ausgezeichnetsten Berge, welche ebensowohl durch ihre malerischen Formen und namentlich ihre grotesken Felsenhäupter, als durch die herrlichen Aussichten, welche man von ihnen genießt, die ganze Aufmerksamkeit des Wanderers in Anspruch nehmen« (Franz Dingelstedt). Der Übergang vom Süntel zur eigentlichen Weserkette macht sich wenig bemerkbar, nur daß der Fichtenwald vom Buchenwald abgelöst wird. Daß wir uns auf dem Gebiete des Weißen Juras befinden, verraten uns erst die Klippen, auf die wir am Hohenstein (332 m) unerwartet heraustreten. Großartiger noch und massiger, von tieferen Kaminen zerklüftet als am Ith, fallen hier die Dolomitfelsen in das waldige Vorland ab. Als dunkele Flecken heben sich die vielhundertjährigen Eiben an unzugänglichen Standorten von dem lichtgrauen Gestein ab ([Abb. 82]). Von einsamen Waldtälern ist der mächtige Steinklotz auf drei Seiten umschlossen. Tiefe, nachdenkliche Stille umgibt uns hier oben. Gern wollen wir es glauben, was die Überlieferung behauptet, daß der vereinzelt vorspringende Fels, der heute den Namen Teufelskanzel führt, einst ein altgermanischer Opferaltar gewesen sei, und immerhin annehmbar erscheint uns die Hypothese, daß die Namen der benachbarten Hochfläche, des einen Tales und seines Wasserlaufes sowie des einen Dorfes im Tal — Dachtelfeld (= Prügelfeld), Totental, Blutbach, Weibeck (= Kampfbach) — an den Sieg Wittekinds über die Franken im Jahre 782, wenn nicht gar an Idistavisus erinnern sollen.

Abb. 106. Waldchaussee von Detmold zum Jagdschloß Lopshorn.
Verlag der Hinrichs'schen Hofbuchhandlung (H. Knöner) in Detmold. (Zu Seite [116].)

Durch frische Täler und über buchenbewachsene Hügel geht es fort zur Paschenburg, zur Schaumburg und zur Arensburg. Die erste ist ein hochgelegenes Gasthaus (336 m), das wegen seiner Fernsicht berühmt ist. Lassen sich doch von dort oben angeblich 23 Windungen der Weser und 136 Ortschaften zählen. Die Schaumburg, der Stammsitz des gleichnamigen Grafengeschlechtes, liegt unmittelbar darunter auf einem Vorberge. Von dem Schloß sind noch eine Anzahl teils bewohnte, teils halb zerfallene Baulichkeiten ohne großen Kunstwert vorhanden ([Abb. 83]). Die Lage aber und der Blick auf das am Berge hängende Dörfchen Rosenthal ist von zauberhafter Schönheit. Auch die Arensburg, welche auf kleinem Hügel den Paßübergang von Rinteln nach Obernkirchen beherrscht, ist ursprünglich eine Ritterburg gewesen, jetzt aber ein Lustschlößchen des Fürsten von Bückeburg mit wohlgepflegten, geschmackvollen Parkanlagen ([Abb. 84]). Das nahe Steinbergen wird als Sommerfrische viel besucht.

Abb. 107. Donoper Teich bei Detmold.
Verlag der Hinrichs'schen Hofbuchhandlung (H. Knöner) in Detmold. (Zu Seite [116].)

Die Porta Westfalica.

Von der Schaumburg bis zur Porta Westfalica führt der Touristenweg nicht über die Kämme der Einzelberge, die sich in regelmäßigem Wechsel erheben und bis zur Höhe der südlichen Vorberge herabsenken, sondern auf einer Zwischenstufe, auf der Grenzlinie des Weißen und Braunen Juras ([Abb. 85]). Von den Gipfeln sind viele bis obenhin bewaldet; ihrer schönen Fernsicht wegen werden hauptsächlich die Luhdener Klippe mit steinernem Turm, der oben kahle Papenbrink, die Nammer Klippe und der Jakobsberg besucht, der bereits einen der Torflügel der Porta bildet. Seinen Namen hat der Berg durch Friedrich den Großen erhalten. Bei einem Besuche der Gegend fand er dort einen seiner Kriegsinvaliden, namens Jakob, der ihm selbstgezogene Trauben[7] vorsetzte. Dies veranlaßte den König, den bisherigen Tönniesberg in Jakobsberg umzunennen.

[7] Weinbau wurde auch sonst an der Weser getrieben. Bei Höxter ging er zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts ein. Wie bei Höxter gibt es auch bei Lübbecke einen »Weinberg«.

In die Porta blicken wir von der auf dem Gipfel errichteten Bismarcksäule oder von der benachbarten Jakobsklippe wie aus der Vogelschau hinab. Durch ein Felsentor von nur etwa 800 m Breite strömt friedlich der blanke Fluß dahin; keine Stromschnelle, kein Strudel zeugt mehr von der Arbeit, die das Wasser hier verrichten mußte, als es diese Bergkette in demselben Maße, wie sie sich hob, langsam durchnagte ([Abb. 86]). Landstraßen geleiten den Fluß auf beiden Seiten; auf dem rechten Ufer freilich ist der Raum für sie und die Eisenbahn erst durch Felssprengungen gewonnen worden. Das fortwährende Rollen der Züge verrät uns, daß wir uns an einer echten Völkerpforte, einem der wichtigsten Tore zwischen Rhein und Elbe, befinden. Der Flecken am Südfuße des Berges, 200 m unter uns, ist Hausberge, genannt nach dem »Haus am Berge« (auch als Schalksburg bezeichnet), das die edlen Herren vom Berge dort besaßen; sie waren angeblich Nachkommen Wittekinds, und ihnen gehörte auch der gegenüberliegende Hof Wedigenstein.

Dieser war wohl der Herrenhof zu der Volksburg oben auf dem Wittekindsberge, der den westlichen Torflügel der Porta und den Anfang des Wiehengebirges bildet. Von dem alten Ringwall ist kaum noch etwas zu sehen. Die kleine graue Wittekindskapelle, der Rest eines ehemaligen Klosters namens Margaretenklus, sowie die merkwürdig hoch gelegene steingefaßte Wittekindsquelle fallen als Zeugen der frühen Besiedelung mehr in das Auge. Die Hauptzier des Berges aber ist das Denkmal, das die Provinz Westfalen durch Kaspar Zumbusch und Bruno Schmitz dem Gründer des Deutschen Reiches hat errichten lassen. Unter hohem steinernem Hallenbau, dessen Fernwirkung aufs beste berechnet ist, steht des alten Kaisers ehrwürdige Gestalt, die Rechte zum Segnen erhoben ([Abb. 87]).

Leider ist dieser durch Natur und Kunst ausgezeichnete Platz wenig geschont worden. Gerade mitten an der schmalsten Stelle des Tales liegt ein garstiges Eisenwerk, das die in der Nachbarschaft gefundenen Erze ausbeutet, und die Talwände sind durch Steinbrüche verunziert. In ihnen wird der wertvolle grobkörnige Portasandstein gewonnen, während der benachbarte Hügelzug Bölhorst, nördlich vom Wittekindsberg, Wealdenkohlen birgt.

§. Abb. 108. Berlebeck. (Zu Seite [116].)

Minden.

Eine Wegstunde stromabwärts liegt die Regierungsbezirks-Hauptstadt Minden (25400 Einwohner), deren Ursprung auf die Zeit Karls des Großen zurückgeht ([Abb. 88]). Dieser gründete hier für das Engerland ein Bistum, das bis zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges reichsunmittelbar blieb. Trotz des Ausmündens der Weserstraße und der Wege vom Rhein und von der Ems (Eisenbahnlinien Cöln-Hannover und Rheine-Hannover) hat sich Minden unter der Ungunst politischer Verhältnisse nur langsam entwickeln können. Immerhin hat es als Umschlagshafen an der Weser jetzt die zweite Stelle eingenommen. Die Industrie des Ortes hat keinen einheitlichen Charakter. Erwähnen möchten wir aber hier einen Gewerbezweig, der sich über ein weites Gebiet auf beiden Seiten der Weser bis nach Osnabrück, Bielefeld und Detmold, ja bis nach Höxter und Carlshafen ausdehnt und von größter sozialer Bedeutung ist. Das ist die Verarbeitung des auf der Weser eingeführten Bremer Tabaks. Vielfach ist die Zigarrenmacherei an Stelle der Weberei getreten, die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zugrunde ging, und wird wie sie als Hausindustrie gepflegt. Meist sind die Arbeiter kleine Grundbesitzer und Pächter, Heuerlinge, die neben der Arbeit für den Verleger auch etwas Landwirtschaft betreiben, und die an ihrer Lohnarbeit auch die Familienglieder teilnehmen lassen. Nach einer Schätzung der Mindener Handelskammer zählen die genannten Bezirke abgesehen von den Oberweserorten rund 27000 ansässige Tabakarbeiter. In den Kreisen Minden, Lübbecke und Herford sind 3500 Häuser im Besitz von Zigarrenmachern, und allein in dem Herfordischen Amte Gohfeld-Mennighüffen wird in 1400 von 3400 vorhandenen Häusern Zigarrenarbeit getrieben.

Abb. 109. Detmold gegen das Hermannsdenkmal. Verlag der Hinrichs'schen Hofbuchhandlung (H. Knöner) in Detmold. (Zu Seite [116].)

§. Abb. 110. Das Fürstliche Schloß in Detmold. (Zu Seite [116].)

Von der Vergangenheit Mindens erzählt uns hauptsächlich der Dom, dessen ehrwürdig plumper Turm aus der romanischen Zeit in einem merkwürdigen Kontrast zu den edlen und freien Formen seines gotischen Schiffes steht ([Abb. 89]). Besonders berühmt sind die »überaus prachtvollen, in dieser Art für Westfalen unerreicht und überhaupt vielleicht unübertroffen dastehenden Fenster« (Lübke).

Nach diesem Abstecher kehren wir zu unserer Gebirgswanderung zurück, deren größter Teil noch vor uns liegt; denn etwa 70 km trennen die Porta von der Hase. Aber es mindern sich die Reize des Gebirges links der Weser mehr und mehr. Die Gliederung ist einfacher, sie geschieht fast nur durch einige tief einschneidende Quertäler. Die Klippen aus Korallenkalk fehlen ebenso wie die malerischen Vorberge, die wir in der eigentlichen Weserkette beobachtet haben. Mißt der Wittekindsberg 277 m über den Meeresspiegel, und erreichen zwei Berge bei Lübbecke noch 320 m, so nimmt das Gebirge weiterhin an Höhe und Breite ab und endigt westlich von Bramsche in Hügeln, welche die Diluvialebene kaum noch überragen. Daß die Bewaldung nur dürftig ist, wurde Seite [30] bereits erwähnt. Von Osterkappeln ab tritt Nadelwald an Stelle der Buchen.

Das Wiehengebirge.

Der Name Wiehengebirge (vielleicht = Wittekindsgebirge) kommt der Kette im Volksmunde nur bis in die Gegend von Lübbecke zu; weiterhin gibt es auf eine längere Strecke hin keinen volkstümlichen Gesamtnamen; und erst im Osnabrückischen wird wieder die Bezeichnung Süntel gebraucht.

Als einheitlicher, ungegliederter Wall zieht sich das Gebirge von der Porta bis zu dem Passe, den man nach dem hoch auf dem Sattel reitenden Dorfe Bergkirchen (163 m) zu benennen pflegt ([Abb. 90]). Bald folgt ein etwas tieferer Paß, die Wallücke; Eisengruben haben hier zur Anlage einer Kleinbahn nach Löhne Veranlassung gegeben. Weitere Erwähnung verdient höchstens noch das Städtchen Lübbecke (4000 Einwohner), das bereits in den Kriegen Karls des Großen eine Rolle gespielt hat, und das Solbad Essen.

§. Abb. 111. Donopbrunnen in Detmold. (Zu Seite [116].)

Oeynhausen.

Wollten wir von Minden die Bahn nach Osnabrück benutzen, so würden wir anfangs dem Laufe der Werre und Else entgegenfahren, dann dem der Hase folgen (vergl. Seite 26). Die Weser überschreiten wir bei Rehme, dem übertausendjährigen, und erreichen dann eine der jüngsten Städte Westfalens, das Solbad Oeynhausen (3400 Einwohner). Die ersten Bohrversuche durch den Berghauptmann v. Oeynhausen, nach dem der Ort genannt ist, gehen auf das Jahr 1830, die Anlage der ersten Bäder bis 1845 zurück. Später nahm der Staat die Ausgestaltung der Anlagen in die Hand. Jetzt besitzt der Ort, der sich seit 1885 der Stadtrechte erfreut, verschiedene warme und kalte Solquellen, die jährlich rund 15000 Gäste zu dem freundlich gelegenen, geschmackvoll und behaglich eingerichteten Bade locken und außerdem zur Gewinnung von Kochsalz dienen ([Abb. 91]). Das tiefste Bohrloch ist bis auf 707 m hinabgetrieben. Löhne ist ein bedeutender Eisenbahn-Knotenpunkt mit verschiedenen industriellen Anlagen, Bünde (5000 Einwohner) ein reizloses Städtchen, bekannt durch seine Zigarrenfabriken, seine Würste und seine Missionsfeste, Melle (3200 Einwohner) ein bescheidenes Solbad inmitten äußerst fruchtbaren Ackerlandes.

Elsetal. Piesberg. Osnabrück.

Nicht mit zum Wiehengebirge oder zum Süntel können wir aber die Berge rechnen, die sich zwischen jener zusammenhängenden Bergkette und der Else-Hase-Rinne, vielfach gegliedert, von Ost nach West ziehen. Sie sind stellenweise, so bei Melle und in der Gegend von Schledehausen, gut bewaldet und entbehren des landschaftlichen Reizes nicht. Ein besonderes Interesse beansprucht der nordwestlich von Osnabrück gelegene Piesberg wegen seines im Jahre 1899 leider eingegangenen Kohlenbergwerkes, das eine ausgezeichnete Anthrazitkohle förderte, und wegen der mächtigen, noch jetzt von etwa 1000 Arbeitern ausgebeuteten Steinbrüche. Der dort gewonnene Kohlensandstein ist außerordentlich hart, aber recht grobkörnig. Er wird besonders als Pflaster- und Schotterstein verwendet. Zum Werkstein eignet er sich nicht; wohl aber wird der ausgewaschene Splitterkies mit Zement zu einem Kunststein namens Durilith verarbeitet, den man in Osnabrück vielfach zum Bau monumentaler Fassaden benutzt.

Abb. 112. Das Hermannsdenkmal.
Nach einer Photographie von H. Baumann in Bielefeld. (Zu Seite [116].)

Osnabrück. Der Osning.

Daß Osnabrück (60000 Einwohner) eine sehr alte Siedelung ist, vielleicht die älteste unseres ganzen Gebietes, dafür spricht mancherlei; so das Vorhandensein zahlreicher Steingräber, wie sie sonst in unserem Gebiete nicht vorkommen, ferner aber auch der alte germanische Name Osnabrück selbst, der vermutlich als Götterbrücke zu deuten sein wird, wie Osning als Götterberg (s. Seite [110]). Schwanken auch die Annahmen über die Entstehungszeit der Steingräber oder Dolmen, deren wir in den Karlssteinen am Piesberg ein treffliches Stück besitzen, so fällt sie doch wohl kaum später als in die Mitte des letzten vorchristlichen Jahrtausends. Die Gründung des Bistums erfolgte wohl bald nach dem entscheidenden Siege der Franken über Wittekind an der Hase (783), jedenfalls aber noch vor 787. Osnabrück ist also das älteste und wohl auch das bedeutendste sächsisch-karolingische Bistum gewesen. Um die Domfreiheit, die — wahrscheinlich schon vor der Gründung der ersten Kirche — von Bauern, später Ackerbürgern, bewohnt war, bauten sich Handwerker und Gewerbetreibende an. So erlangte der Ort, der später dem Westfälischen Städtebunde, sowie auch der Hansa beitrat, eine große Bedeutung als Handelsstadt und betrieb einen schwunghaften Export von Erzeugnissen der Landwirtschaft, besonders der Viehzucht, wie Schinken, Häuten und Wolle, sowie von Leinwand und Tuch. Die Tuchmacherei, die im Jahre 1600 noch über 300 selbständige Meister beschäftigte, erlag in der Folgezeit der englischen Konkurrenz, während sich die Leinweberei zwar länger hielt, aber infolge der Wirren des Siebenjährigen Krieges und infolge des Überganges vom Handbetrieb zum Maschinenbetrieb schwere Krisen durchmachen mußte. Die heutige Regierungsbezirks-Hauptstadt, deren schnelles Wachstum erst seit dem großen Kriege von 1870 beginnt — denn im Jahre 1868 zählte sie noch 19600 Seelen gegen 59600 im Jahre 1905 —, ist nach ihrem industriellen Charakter in erster Linie Metallstadt. Erster Arbeitgeber in diesem Gewerbezweige ist der Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein, der außer der Georgsmarienhütte am Fuße des Dörenberges südlich von Osnabrück noch in der Stadt selbst das Eisen- und Stahlwerk, außerdem aber Erzfelder am benachbarten Hüggel, am Schafberg bei Ibbenbüren (s. Seite [110]), an der Wallücke (vergl. Seite [107]) und bei Werne in Westfalen besitzt. Auch der Piesberg gehört ihm. Im ganzen beschäftigt er weit über 6000 Arbeiter und erzeugte im Jahre 1907 über 300000 Tonnen Roheisen, Halb- und Fertigfabrikate. Als Gegenstände des Osnabrücker Gewerbefleißes sind besonders Eisenbahnbedarfsartikel wie Schienen, Schwellen, Weichen, Wegschranken, ferner aber Drahtröhren, Maschinen allerart, Brücken, Dachkonstruktionen, Kochherde, Kraftwagen und Musikinstrumente zu nennen, die in einer großen Anzahl von Fabriken erzeugt werden. Stark ist der Gegensatz zwischen dem modernen und dem mittelalterlichen Osnabrück, die noch nebeneinander bestehen. Niemand, der vom Gertruden- oder Westerberg das malerische Städtebild auf sich wirken läßt, wird sich diesem Eindruck entziehen können ([Abb. 92]). Zwar hat der Bischof, der seit dem Westfälischen Frieden seine Landeshoheit in der merkwürdigen Weise mit dem Welfenhause teilen mußte, daß abwechselnd ein katholischer Prälat und ein protestantischer Prinz das Fürstentum regierte, seit 1803 seine Reichsunmittelbarkeit verloren. Aber doch werden wir noch einen Begriff von der einstigen Bedeutung dieses kirchlichen Mittelpunktes empfinden, wenn wir den wuchtigen spätromanischen Bau des Domes und die schönen gotischen Gotteshäuser, die Johannis-, Marien- und Katharinenkirche, betrachten. Anderseits zeugen das stattliche spätgotische Rathaus nebst der Ratswage ([Abb. 93]) und die hübschen Wohnhäuser aus dem sechzehnten Jahrhundert von dem stolzen, tüchtigen Bürgersinn, der aus Osnabrück das gemacht hat, was es ist, und der auch bis jetzt nicht geschwunden ist.

§. Abb. 113. Die Externsteine. (Zu Seite [118].)