XIII. Osning, Teutoburger Wald und Egge.
Teutoburger Wald.
Das 100 km lange, schmale Gebirge, das mit dem niedrigen Huckberg unfern der Ems beginnt und bei Horn in Lippe in dem Velmerstot gipfelt und endet, hat im Mittelalter den Namen Osning, auch Osnegge, geführt; diese Bezeichnung umfaßte zugleich den südlich anschließenden Zug vom Velmerstot bis zum Diemeltale, der heute kurzweg Egge genannt wird. Egge, hochdeutsch Ecke, bedeutet soviel wie Schneide, enthält also eine ähnliche Bildvorstellung wie der Ausdruck Kamm. Asen-Egge ist also der Götter-Bergkamm. Jetzt wird der Name Osning besonders der Strecke von Örlinghausen bis Osnabrück beigelegt. Der aus Tacitus' Annalen stammende Name Teutoburger Wald wurde erst im neunzehnten Jahrhundert, nach den Befreiungskriegen, auf unser Gebirge, und zwar zunächst auf den sogenannten Lippischen Wald bezogen, seitdem der Detmolder Archivrat Clostermeier unter Hinweis auf die alte Befestigung der Grotenburg und auf deren mittelalterlichen Namen Teut den Nachweis zu führen versucht hatte, daß dort der Ort der Varusschlacht sei.
§. Abb. 114. Die Kreuzabnahme, Hochrelief an den Externsteinen. (Zu Seite [118].)
Ohne auf die geologische Erklärung des Gebirges (s. Seite [12] ff.) zurückzugreifen, möchte ich nur daran erinnern, daß wir es mit mehreren — zwei oder auch stellenweise drei — parallelen Ketten zu tun haben. Dazwischen ziehen sich schmale Längstäler hin. Aber auch an Quertälern fehlt es nicht, die in der Regel bis auf den Grund des Gebirges hinabgehen. Zu ihnen gehört die Brochterbecker Schlucht, durch welche die Eisenbahn Ibbenbüren-Gütersloh hindurchgeht, ferner die Pässe von Iburg, Borgholzhausen und Bielefeld, die Dörenschlucht und mehrere kleinere Einschnitte.
Sehen wir von den inselartig aus der Diluvialdecke des Flachlandes links der Ems auftauchenden Hügeln ab, so haben wir das nordwestliche Ende des Osnings bei Bevergern am Dortmund-Ems-Kanal zu suchen.
Die Reise über diesen Bergzug aber werden wir am zweckmäßigsten in Ibbenbüren beginnen. Der Ort (5500 Einwohner), die Hauptstadt der ehemaligen Grafschaft Ober-Lingen, liegt nicht unmittelbar am Osning, sondern am Fuße des nördlich vorgelagerten Schafberg-Plateaus, das uns insofern interessiert, als es neben dem Hüggel und dem Piesberg bei Osnabrück allein in unserem Gebiete die paläozoischen Formationen, und zwar das obere Karbon, vertritt. Es liegen dort sieben abbauwürdige Flöze, die von etwa 800 Bergleuten meist für Rechnung des Staates ausgebeutet werden.
Osning-Wanderung.
Eine Kammwanderung von Ibbenbüren zunächst bis Bielefeld erfordert drei bis vier Tage. Ihre Reize bestehen hauptsächlich darin, daß von den geologisch verschiedenen Parallelketten bald die eine, bald die andere die Führung übernimmt. Folgen wir stets der höchsten, so genießen wir immer wieder wechselnde Landschafts- und Vegetationsbilder. Anfangs schreiten wir auf der Sandsteinkette dahin. Sie hat hier trotz ihrer geringen Höhe etwas Ernstes, Starres. Ihre Flora ist noch ganz die der benachbarten Heide; Birke und Kiefer bilden den spärlichen Wald, Hülse und Wacholder ein niederes Buschwerk, und Heidekraut und Preißelbeere bedecken den Boden. Nur vereinzelt ragen nackte Felsen aus dem sonst abgerundeten Rücken hervor und bringen es uns zum Bewußtsein, daß wir nicht mehr auf Dünen oder auf den Geschieben der Eiszeit dahinschreiten. Unter jenen Steingebilden sind die Dörenther Klippen wegen ihrer grotesken Formen berühmt. Ungehindert aber schweift der Blick über die flacheren Landstriche im Norden und Süden und besonders hier weit hinein in die Münstersche Tieflandsbucht. Von Tecklenburg ab werden wir dagegen auf den buchenbedeckten Plänerhöhen wandern, die uns nur hie und da einen Ausblick aus dem Waldesschatten erlauben, dafür aber auch zuweilen einen recht lohnenden, wie der Große Freden (210 m) bei Iburg. Hier umfaßt das Auge einen weiten Horizont waldiger Höhen. Es sind außer der parallelen Sandsteinkette noch einige besondere Gruppen, die im Norden vorgelagert sind. Unter ihnen überragt der viel besuchte, wuchtige Dörenberg (331 m), zwischen Iburg und Georgsmarienhütte gelegen, den Osningzug selbst um ein beträchtliches. Nach einer längeren Wanderung durch einförmiges Stangengehölz, das bei Borgholzhausen endigt, haben wir zwischen dem Ravensberg und Halle die Wahl, ob wir auf der Südkette im Buchenwalde oder auf der Nordkette über kahle Sandsteinhöhen dahinschreiten wollen. Von Halle ab bilden die letzteren unbestritten den Hauptkamm. Äußerst lohnend ist ein Spaziergang über diesen an sich öden Rücken bei kühlem Herbstwetter, wenn der scharfe Südwestwind uns am Lodenmantel zaust, und wenn zwischen den jagenden Wolken immer neue Landschaftsbilder mit stets wechselnden Beleuchtungen in den beiden so grundverschiedenen Landschaften, dem fruchtbaren Ravensberger Hügellande und der sandigen Münsterbucht, vor unseren Blicken auftauchen. Freilich den würdigen Abschluß erhalten diese Genüsse erst, wenn wir vom Dreikaiserturm, den man in die alte Hünenburg (s. Seite [57]) eingebaut hat, oder vom Schützenhaus auf dem Johannisberge auf das freundliche Bielefeld zu unseren Füßen hinabschauen.
Abb. 115. Lemgo. Nach einer Photographie von Clemens Bolzau in Lemgo. (Zu Seite [121].)
Vergessen wir aber nicht, unterwegs den interessanten menschlichen Siedelungen gebührende Beachtung zu schenken. Da sind zunächst die drei stolzen Hochburgen zu nennen, die der Sage nach einst ein mächtiger Sachsenfürst aus Wittekinds Geblüte für seine Töchter Thekla, Ida und Ravenna erbaut hat. Tecklenburg, Iburg, Ravensberg. Von der Feste Tecklenburg, deren fehdelustige Insassen über einen ausgedehnten Länderbesitz verfügten, stehen nur noch die Ringmauern. Im Jahre 1701 starben die Grafen aus, und ihr Schloß gab man dem Verfalle preis. Wohl aber liegt das malerische Städtchen (1000 Einwohner), das einst im Schutze der Burg entstand, noch heute auf seiner luftigen Höhe (200 m) und lockt durch die Reize seiner Lage zahlreiche Ausflügler herbei ([Abb. 94]).
Der gleichen Gunst erfreut sich Iburg (900 Einwohner), dessen Burg auf einem 142 m hohen Einzelhügel einen wichtigen Paß beherrscht. In dem Benediktinerkloster, das die Osnabrücker Bischöfe im Jahre 1070 hier gründeten, haben sie sechs Jahrhunderte hindurch ihre Residenz gehabt und damit wohl ebensosehr ihren strategischen Blick wie ein tiefes Verständnis für die landschaftlichen Reize dieses Fleckchens Erde bewiesen. Von den ursprünglichen Gebäuden ist infolge wiederholter großer Brände nicht viel auf unsere Tage gekommen, und die Ersatzbauten, die jetzt die Spitze des Hügels krönen — sie dienen zu Verwaltungszwecken — wirken im Landschaftsbilde weniger durch künstlerische Formen als durch ihre imponierende Massigkeit und ihre bevorzugte Lage ([Abb. 95]).
Trauriger noch waren die Geschicke der Burg Ravensberg ([Abb. 96], [97] u. [99]). Wohl ragt noch der gewaltige alte Bergfried und bietet uns ein köstliches Luginsland. An ihn aber lehnt sich eine bescheidene Försterwohnung anstatt des Schlosses, das im Jahre 1673 von dem Bischof von Münster, Bernhard von Galen, zusammengeschossen worden ist. Eine Stadt schließt sich an den Ravensberg nicht unmittelbar an. Borgholzhausen (1300 Einwohner) liegt eine halbe Stunde nördlich, Werther (2100 Einwohner) mehr östlich und das saubere, altertümliche Halle (1800 Einwohner) etwas weiter südlich ([Abb. 98] u. [99]). Erwähnenswert ist, daß hier wie in dem an derselben Bahnstrecke Osnabrück-Bielefeld liegenden Dissen (2000 Einwohner) die Herstellung feiner Fleischwaren fabrikmäßig betrieben wird. Man ist darin uralten westfälischen Überlieferungen treu geblieben. Denn es ist bekannt, daß Westfalen schon seit dem elften Jahrhundert seine Schinken und Würste weithin versandte, und daß sich in Cöln, Frankfurt und Mainz Markt- und Stapelplätze für diesen wohlschmeckenden Handelsartikel befanden ([Abb. 100]).
Bielefeld.
Bielefeld (72000 Einwohner), der Hauptort der Grafschaft Ravensberg, die durch Erbschaft 1346 an Jülich, 1514 an Cleve und 1609 endlich an Brandenburg fiel, wird im Anfang des elften Jahrhunderts zuerst erwähnt ([Abb. 101] bis [104]). Es verdankt einerseits seine Entstehung der wichtigen alten Straße vom Rhein zur Weser, die wie auch jetzt die Cöln-Mindener Bahn das Gebirge hier in einem bequemen Passe durchschneidet, anderseits seine Stellung als Hauptstadt dem schützenden Bergneste Sparenberg, das, geschmackvoll ausgebaut, noch jetzt das reizende Stadtbild wirksam belebt. Dort steht auch das Standbild des Großen Kurfürsten inmitten der von ihm oft und gern bewohnten Baulichkeiten, aus deren Fenstern er auf sein geliebtes »Spinn- und Linnenländchen« herabzuschauen liebte. Das Leinengewerbe, dem auch er seine Förderung durch Anlage von staatlichen Leggen angedeihen ließ, hat recht eigentlich den Weltruf Bielefelds begründet. Mindestens seit dem sechzehnten Jahrhundert ist das Spinnen und Weben von Flachs im Ravensbergischen heimisch. Wie diese Beschäftigung aus den bescheidenen Anfängen eines landwirtschaftlichen Nebengewerbes herangewachsen ist, wie sie sich aus einem ländlichen zu einem städtischen Gewerbe, vom Handwerk zur Fabrikation exportfähiger Ware entwickelte, wie sie nach schweren Krisen der allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse und der besonderen ihres Produktionszweiges durch Anpassung an die veränderten Umstände zu neuer Blüte hinaufstieg, ist hier nicht der Ort zu erzählen. Erwähnt mag nur werden, daß die erdrückende Konkurrenz der Baumwolle und der Maschine um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts glücklich überwunden wurde durch Anlage mechanischer Spinnereien und Webereien. Gegenwärtig sind die Ravensberger Spinnerei und die Bielefelder mechanische Weberei die größten Werke ihrer Art in ganz Deutschland. Aber mit ihnen wetteifern am Orte zahlreiche andere Firmen, die auch verwandte Gewerbe, u. a. Seiden- und Plüschweberei und vor allem die Wäschefabrikation und die Konfektion betreiben. Für diese letzteren Betriebe war die Herstellung von Nähmaschinen zunächst ein Hilfsgewerbe. Doch bildete es den Übergang zur Metallindustrie, die jetzt in Fahrrad-, Automobil-, Maschinen- und anderen Fabriken bereits ein größeres Arbeiterheer beschäftigt als die Gewebeindustrie. Von der Blüte des modernen Bielefeld legt der stattliche Rathaus- und Theaterbau von 1903 ein beredtes Zeugnis ab ([Abb. 104]).
§. Abb. 116. Marktplatz in Lemgo. (Zu Seite [121].)
Bielefelds Umgebung.
Zum Einflußbereiche der Stadt gehören auch die neuerdings zu beträchtlicher Größe angewachsenen Nachbardörfer, von denen u. a. Schildesche mit altem, berühmtem Kloster 7700, Brackwede 9600 Einwohner zählen. Bei letzterem Orte liegen auch die großartigen Krankenanstalten von Bethel, die, im Jahre 1866 aus den Liebesgaben christlicher Freunde gegründet, sich unter der Leitung des unermüdlichen Pastors v. Bodelschwingh zu nie geahnter Ausdehnung entwickelt haben ([Abb. 101] im Vordergrunde). Die ganze Siedelung zählt etwa 5000 Seelen, darunter 4000 Kranke, meist Epileptiker, und arbeitet mit einem jährlichen Budget von drei Millionen Mark. Um dies zu verstehen, dürfen wir nicht vergessen, daß die Grafschaft Ravensberg von jeher ein Land äußerst regen religiösen Lebens gewesen ist, wie auch die großartige Missionstätigkeit daselbst beweist.
Herford.
Die zweitgrößte Stadt Ravensbergs ist Herford (28900 Einwohner), am Einfluß der Aa in die Werre gelegen. Im frühen Mittelalter wegen seines hochberühmten, bis 1803 sogar reichsunmittelbaren Stiftes der Nachbarstadt Bielefeld weit überlegen, hat das »heilige Herford« in wirtschaftlicher Entwicklung nicht völlig gleichen Schritt halten können. Immerhin sind seine Spinnereien, seine Möbel- und seine Zigarrenfabriken von Bedeutung; die alten Kirchen und Bürgerhäuser erfreuen noch heute den Kunstfreund. Wie Herford, so birgt auch der auf Seite [39] erwähnte Flecken Enger Erinnerungen an den Sachsenherzog Wittekind, dessen schönes, allerdings späteren Zeiten entstammendes Grabdenkmal sich in dem ehrwürdigen Kirchlein des Ortes befindet ([Abb. 105]).
Lippischer Wald.
Die weitere Bergwanderung vom Sparenberge nach Südost bietet uns zunächst ähnliche Eindrücke wie vor Bielefeld. Bei dem hochgelegenen, von Sommerfrischlern geschätzten Dorfe Örlinghausen überschreiten wir die Grenze des Fürstentums Lippe; dahinter auf dem Tönsberge besuchen wir die Reste des ehemaligen befestigten Sachsenlagers, das in den Kriegen gegen Karl den Großen eine Rolle gespielt hat. Später müssen wir vielfach tief durch den aus der benachbarten Senne in die Schluchten des Gebirges hereingewehten Sand stapfen, bis wir an der sogenannten Dörenschlucht den eigentlichen Lippischen Wald erreichen ([Abb. 8]).
Hier sind wir an dem reizvollsten Stück des Gebirges angelangt. Die Gliederung des Berggeländes ist mannigfaltiger, die Gipfel höher, die Täler bedeutender geworden. Näher aneinander drängen sich die verschiedenen Landschaftsformen. Frischer Buchenwald, hochstämmige Fichtenbestände, lichte Parks stattlicher Eichen und echte Heide mit Kiefern und Wacholderbüschen wechseln je nach der Beschaffenheit des Untergrundes ([Abb. 1] u. [106]). Dabei werden die Forsten, die meist Staatsgut sind, sorgfältig gepflegt und weisen in den eingehegten Teilen einen stattlichen Wildstand auf. Noch anziehender aber wird die Landschaft durch mächtige Felsen wie die Externsteine und durch hübsche Wasserflächen wie die an ihrem Fuße aufgestaute Lichtheupte ([Abb. 113]) und den Donoper Teich ([Abb. 107]).
Detmold.
Welcher aber von den vielbesuchten Orten ist der Glanzpunkt des Gebirges? Ist es Berlebeck, das hübsche Dorf, das sich im waldumschlossenen Talkessel bis in das Herz des Gebirges hineinzieht, hier überragt von dem Schloßhügel der ehemaligen Falkenburg, dort von dem modernen Pensionshause Johannaberg? ([Abb. 7] u. [108]). Ist es Detmold, die schmucke Residenz mit dem ansehnlichen Renaissanceschloß, mit den geräumigen Plätzen, sauberen Straßen, schattigen Gärten und Spaziergängen und den zahlreichen freundlichen Landhäusern? Detmold (13200 Einwohner) ist zwar ein uralter Ort — denn schon im Jahre 783 besiegte Karl der Große die Sachsen bei Theotmalli, d. h. bei der Volksgerichtsstätte —, aber in seiner heutigen Erscheinung ist es durchaus modern ([Abb. 12] u. [109]). Residenz ist es seit 1511. Einzelne Bestandteile des Fürstenschlosses gehen allerdings auf das fünfzehnte Jahrhundert zurück; seine heutige Renaissancefassade aber gab ihm der Umbau von 1557 ([Abb. 110]). Da die natürlichen wirtschaftlichen Hilfsquellen Detmolds nicht groß sind, so mußte der Staat und der Hof der Stadt geben, was sie zu dem bedeutendsten Platze des Landes machte. So legte der prachtliebende Graf Friedrich Adolf um 1700 die schönen Parks und Promenaden an, und so vermehrten spätere Zeiten die öffentlichen Gebäude und Denkmäler, unter denen der niedliche Donopbrunnen von Hölbe ([Abb. 111]) erwähnt werden mag.
Hermannsdenkmal.
Die eigentliche Sehenswürdigkeit von Detmold ist aber doch die Grotenburg (388 m) mit dem Hermannsdenkmal ([Abb. 1] u. [112]). Von dem Großen Hünenring, der alten Befestigung, die früher den Gipfel des Berges umzog, und in der Clostermeier und neuerdings Schuchhardt die altgermanische Teutoburg erkennen wollen, ist nur wenig erhalten (vergl. Seite [57]). Mehr fällt dem Touristen die am Fuß des Berges gelegene, wohl erst aus der sächsischen Zeit stammende Wegschanze auf, die man den Kleinen Hünenring nennt. Das Denkmal Armins, das die Kuppe des Berges noch um fast 54 m überragt, besteht aus einem besteigbaren steinernen Rundtempel, der eine herrliche Umschau gewährt, und der aus Kupfer geschmiedeten Kolossalfigur des Cheruskerhäuptlings darüber. Es ist Ernst v. Bandels Lebenswerk, dessen Vollendung ihm erst nach fünfzigjähriger Arbeit und nach einer schier endlosen Kette von Enttäuschungen im Jahre 1875 gelungen ist.
§. Abb. 117. Erker mit Laube am Rathaus in Lemgo. (Zu Seite [121].)
Die Externsteine.
Wie diese Stätte ist noch eine andere durch Natur und Kunst in gleicher Weise ausgezeichnet. Ich meine jene gewaltigen Sandsteinfelsen, die am Nordfuß des Gebirges bei dem Städtchen Horn (1100 Einwohner) gleich Riesensäulen phantastisch aus dem Boden emporsteigen und unter dem Namen Externsteine bekannt sind ([Abb. 113]). Der eine der Felsen birgt in seinem Inneren eine Kapelle nebst einigen Nebenräumen. Sie ist im Jahre 1115 von einem Paderborner Bischof geweiht, und man hat lange Zeit geglaubt, daß die Mönche des Klosters Abdinghof in Paderborn, die im Jahre 1093 die Gegend käuflich erwarben, auch die Schöpfer der Grotte seien. Demgegenüber weist Anton Kisa auf ein in den Boden gemeißeltes Becken hin, das er nur aus der Benutzung bei heidnischen Opfern glaubt erklären zu können. Ebenso sei die Anlage einer zweiten Kapelle oben auf dem Nachbarfelsen nur in der Weise zu deuten, daß dort ein heidnisches Heiligtum bestanden habe, an dessen Stelle die Abdinghöfer, dem sonstigen Verfahren der Kirche getreu, ein christliches gesetzt hätten. »Die Externsteine weisen demnach die drei charakteristischen Merkmale altgermanischer Kultusstätten auf, das Grottenheiligtum, das obere Heiligtum und den am Fuße des Felsens vorbeifließenden Bach.« An dem Ufer dieses letzteren haben die Mönche ein »heiliges Grab« angelegt. So war denn das Ganze zum Wallfahrtsorte geworden. Aus dieser Bestimmung erklärt sich auch der merkwürdigste Bestandteil der mittelalterlichen Anlage, das kolossale Hochrelief, das in die Außenwand des Kapellenfelsens hineingearbeitet worden ist, ein Werk einzig in seiner Art, das bedeutendste frühchristliche Skulpturdenkmal Norddeutschlands überhaupt ([Abb. 114]). Da sehen wir staunend die lebensgroßen Gestalten des Nikodemus und des Joseph von Arimathia, wie sie den Heiland vom Kreuze heben; daneben stehen Maria und der Evangelist Johannes. Gottvater aber schwebt darüber mit der Siegesfahne und hält die Seele Jesu in Kindesgestalt auf dem Arme, während Sonne und Mond mit Schleiern ihr Antlitz kummervoll verhüllen. Darunter befindet sich noch eine stark verwitterte symbolische Darstellung des Sündenfalles, ein kniendes Menschenpaar, in die Windungen eines abenteuerlichen Drachen verstrickt.
§. Abb. 118. Fürstliches Schloß in Pyrmont. (Zu Seite [121].)
Egge.
Der Lippische Wald endet mit dem 468 m hohen, aussichtreichen Velmerstot. Da der südwärts gerichtete Zug der Egge, der allmählich breiter und flacher wird, weniger landschaftliche Reize besitzt und uns an ihm nur vereinzelte Siedelungen, wie der bedeutende Eisenbahnknotenpunkt Altenbeken, das kleine Stahlbad Driburg (2700 Einwohner) unter der ehemaligen Sachsenfeste Iburg und das Dorf Neuenheerse mit seiner romanischen Stiftskirche interessieren würden, so nehmen wir hier auf der luftigen Höhe Abschied vom Teutoburger Walde und überschauen das weit vor uns ausgebreitete Hügelland von Lippe, Pyrmont und Südwestfalen, dem unsere letzte Reise gelten soll.
§. Abb. 119. Inneres der Kreuzkirche in Lügde. (Zu Seite [121].)