III. Gott ist die allein durchschlagende Werbekraft der Moral.
Moralische Vorschriften darlegen, genügt nicht zum moralischen Handeln; gegen diese Vorschriften bäumen im Herzen des Menschen zu viele Sonderinteressen und Leidenschaften sich auf. »Das Fleisch gelüstet wider den Geist«. Es muß zur Darlegung der ethischen Normen ein Anreiz oder Antrieb zur Beobachtung dieser Normen hinzutreten. Darin sind christliche und moderne Ethik einig.
Die christliche Moral nun findet diesen Antrieb zur Beobachtung des Gesetzes Gottes in dem in Aussicht gestellten Lohn oder Zorn Gottes. Der »Modernen« aber erscheint ein solches Vorgehen zu wenig edel, zu »lohnsüchtig«, zu »egoistisch«, dabei zu unwirksam und unwahr. »Gesinnungsmoral, nicht Erfolgsmoral«, ist ihre Parole, und mit dem Deutschen Freidenkerbund hält sie »Bildung, Kenntnisse, gutes Beispiel und materielles Wohlergehen für bessere Erziehungsmittel als das Drohen oder Locken mit der Vergeltung in einem erträumten ewigen Leben«. (Freidenkerflugblatt Würzburg 6. III. 1910.)
Drei Einwendungen werden also gegen den Hinweis der christlichen Moral auf das Jenseits erhoben: er sei zu wenig edel, zu wenig wahr und zu wenig wirksam.
1. Ein sittliches Handeln aus Ewigkeitsrücksichten soll zu wenig edel sein, zu lohnsüchtig, zu egoistisch. Prüfen wir. –
Das Handeln aus Furcht vor Gott und seinen ewigen Strafen scheint zunächst keine wahre Sittlichkeit bewirken zu können. Aber ist denn ein Handeln aus Furcht wirklich menschenunwürdig und unedel? Wenn im Theater plötzlich ein Brand ausbricht und alles, aus Furcht umzukommen, flüchtet, wenn ein kalter Ost weht und man aus Furcht vor Erkältung sich einhüllt, wenn das Kind sich dem Ufer des Stromes naht und nun aus Furcht von der warnenden Mutter zurückgerufen wird, will man da behaupten, daß diese Handlungen alle unsittlich seien? Wenn sie unsittlich sind, dann müßten sie und derartige Taten überhaupt alle verboten werden; denn Unsittliches darf die Menschheit nicht dulden. Das wird niemand aber fordern können; denn diese Handlungen gehen aus einem durchaus einwandfreien Motiv hervor, dem Motiv der Selbsterhaltung. Selbsterhaltung ist aber einer der grundlegendsten moralischen Pflichten.
Wenn es aber gut und notwendig ist, sich schon vor zeitlichem Übel zu schützen, dann ist es gewiß sittlich gut und notwendig, sich vor einer Qual zu bewahren, die ewig dauert und vor einem Verlust, den alle irdischen Dinge nicht aufwiegen können. Sagt doch auch Christus: »Fürchtet nicht diejenigen, welche den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, fürchtet vielmehr denjenigen, der Leib und Seele ins höllische Verderben stürzen kann.« Wir fürchten ja nicht nur knechtisch die Strafe, sondern das Böse, die Sünde selbst, allerdings wegen der Strafe, wir fürchten den Zorn Gottes, »die Furcht Gottes aber ist der Anfang der Weisheit«, also durchaus gut. Darum sagt auch die Schrift: »Fürchte Gott und halte seine Gebote, das ist der ganze Mensch«.
Wenn ferner die Hoffnung auf den Lohn im Himmel uns antreiben soll, das Gesetz zu beobachten, dann kann hierin auch durchaus nichts Tadelnswertes gefunden werden. Der Mensch ist ja seiner Natur nach zur Erlangung des vollkommenen Glückes vorherbestimmt, ebenso wie das Auge zum Sehen, das Ohr zum Hören. Die Anlagen naturgemäß entfalten kann doch nicht unsittlich sein. Wenn die katholische Askese Ehelosigkeit, freiwillige Armut rät, dann erhebt man gegen sie den Vorwurf, daß sie unsittlich handle, indem sie der Natur ihre Rechte verweigere, und hier, wo die katholische Moral dem natürlichen Grundtrieb nach vollem Glück gerecht werden will, da ist sie »unsittlich« oder nicht erhaben genug!
Hoffnung ist eine der Haupttriebkräfte des menschlichen Lebens. Hoffnung auf Sieg verleiht dem Soldaten Ausdauer, Hoffnung auf Entdeckung ferner Länder treibt den Nordpolfahrer in eisige Regionen, Hoffnung auf Gewinn beseelt den geschäftlichen Unternehmer sowohl wie den Landmann und niemanden fällt es ein, all das als unrecht zu brandmarken – er würde ja sonst dem ganzen menschlichen Leben seine Schwungkraft rauben – warum soll es nun plötzlich unerlaubt sein, aus Hoffnung auf ein ewiges, alles Irdische weit überragendes Glück zu handeln?
Zudem weiß doch jeder Christ, daß das Himmelsglück im Wesentlichen im Besitze Gottes besteht. Nach Gott verlangen wir, und um Gott zu erlangen, arbeiten wir! Gott ist aber ein viel edleres Motiv, als alle Tugend um ihrer selbst willen erstrebt. Unser Motiv ist um Himmelshöhe erhaben über alles, was die Neuethik uns in Aussicht stellen kann.
Handelt ferner christliche Moral nur aus Furcht und Hoffnung oder empfiehlt sie nicht das: »Du sollst den Herrn Deinen Gott lieben aus Deiner ganzen Seele, aus Deinem ganzen Gemüte« als das erste und größte Gebot? Und blieb die Mahnung erfolglos? Wo finde ich denn so viele Seelen, die ohne eigenen Nutzen, rein aus Liebe zu Gott, wohltätige Stiftungen machten, ihr Vermögen den Armen schenkten, sich ganz dem Herrn weihten? »Er hat mich geliebt und sich dahingegeben«. Dieser Gedanke erfaßte einen Paulus bis ins Innerste, und es hielt ihn nicht, bis er alles geopfert und alles für Christus gewonnen. Und diesen Hochgesang christlichen Tugendstrebens nehmen die nachfolgenden Geschlechter auf; ihn sangen die Chöre Gottgeweihter in ihrer einsamen Wüste; ihn die Heldenschar der Märtyrer in der Arena; er ward zum Leitmotiv all' der Millionen von Heiligen und Bekennern der Kirche.
Nichts Kleines ist also das Motiv des christlichen Tugendstrebens, sondern Gott; Gott, der zürnende, schreckt vom Bösen ab; Gott, der beglückende, lockt zum Gebotenen an; Gott, der liebende, zieht die Seele mit Gewalt, alle irdischen Bande abzustreifen, Schwingen zu nehmen gleich dem Adler und ihm, dem Höchsten, zuzueilen. Ein Beweggrund, wie er erhabener gar nicht gedacht werden kann!
2. Aber ist das Ewigkeitsstreben auch genügend begründet? Man spricht vom Drohen und Locken mit einem »erträumten Jenseits«.
Die Antwort hierauf ist bereits erfolgt: im ersten Heft dieser Serie von Vorträgen wurde erwiesen, daß es einen überweltlichen, persönlichen Gott gibt, im vierten, daß die Menschheit nach dem Tode weiterleben muß. Damit ist Lohn und Strafe im Jenseits gegeben.
Jeder Gesetzgeber verhängt Strafen auf die Übertretung seiner Gesetze und er muß es; denn wie wäre es sonst möglich, seinen Worten Nachdruck zu verleihen?
Die Macht irdischer Gesetzgeber reicht nur bis zu ihrem Tode. Gott, die ewige Macht, aber umfaßt wie die Sonne am Himmel die diesseitige und jenseitige Hemisphäre. Gott ist in der Ewigkeit, der Mensch lebt weiter in der Ewigkeit, darum ist eine Belohnung oder Bestrafung im Jenseits auf jeden Fall möglich. Wer könnte das leugnen?
Sie ist mehr als möglich, sie ist gewiß. Wenn Gott Gesetze gibt und der Mensch sie übertritt, dann kann und darf Gott sich das nicht bieten lassen. Er muß strafen.
»Aber«, sagt man, »hienieden findet die Tugend ihren Lohn, das Laster seine Strafe.«
Nicht leugnen will ich, daß das oft der Fall ist, aber immer? Wo finden denn die vielen Blinden, Lahmen, Kriegsinvaliden, die vielen gedrückten Gattinnen, gemarterten Kinder, ihrer Ehre und ihres Vermögen grausam Beraubten hienieden ihren Lohn? Und finden all die Hochstapler, Mädchenhändler, Verführer, Tyrannen hienieden ihre Strafe? Sagt nicht der Volksmund: »Die kleinen Diebe hängt man, die großen läßt man laufen?« Und vernimmt man nicht oft genug die Klage, daß den Gottlosen hienieden alles nach Wunsch geht, während das redliche Bemühen der Guten von stetem Mißerfolg begleitet ist? Gewiß ist es, daß nur ein Teil der Bösen hier seine Strafe findet, nur ein Teil der Guten hienieden einen Lohn; wäre es denn gerecht von Gott, wenn die andern leer ausgingen? Und wäre es mit seiner Heiligkeit vereinbar, daß er das Gottwidrige überhaupt nicht verfolgte?
Doch abgesehen von alledem: man übersieht bei diesem Einwand ganz und gar, daß Lohn und Strafe nicht nur da sind, die geschehene Tat zu berichtigen, sondern vor allem, auf die noch zu geschehenden Taten im Sinne der sittlichen Ordnung einzuwirken. Die Sanktion des Gesetzes soll in erster Linie zur Beobachtung des Gesetzes antreiben, nicht den Durchbruch des Gesetzes wieder gut machen.
Wer immer das Recht besitzt, Befehle und Gesetze zu erlassen, muß auch die Macht haben, seinen Willen durchzusetzen. Wie könnte ein Vater seine Kinderschar, ein Lehrer seine Schule, ein Feldherr seine Truppen, ein König seine Untertanen regieren, wenn jene alle den Befehlen ungestraft trotzen könnten?
Wie wird nun der Nachdruck auf Befehl und Gesetz gelegt? Doch wohl durch Hinweis auf Lohn oder Strafe. Vater und Lehrer drohen mit der Rute, Feldherr und König mit Arrest und Tod!
Selbstverständlich, daß auch der König der Könige, Gott, seine Kerker wie seine Kronen zur Verfügung hat. Gottes Sanktion muß nun einer doppelten Anforderung gerecht werden, sie muß einerseits genügende Motive für das sittliche Handeln abgeben und darf dabei doch anderseits die Freiheit des Menschen nicht aufheben; denn mit der Freiheit wäre ja die Möglichkeit, sittlich sich zu betätigen, überhaupt genommen.
Selbstverständlich ist es auch, daß nur ewige Güter und ewige Strafen als Sanktion ausreichen; denn das Sittengesetz ist unter allen Umständen verpflichtend – nie darfst du die Unwahrheit sagen, nie einen Ehebruch verüben. Die sittlichen Imperative sind kategorische Weisungen. Sittengesetze sind absolute Gesetze.
Wenn ich aber das Sittengesetz unter allen Umständen zu beobachten habe, dann kann es vorkommen, daß ich eher alles Irdische, mein Ansehen, mein Vermögen, mein Leben preisgeben muß, als nur einer Übertretung der Gebote Gottes mich schuldig zu machen. Wie oft waren und werden nicht Menschen in diese Lage versetzt! Denken wir an Thomas Morus, an die Märtyrer aller Zeiten, an die katholischen Beamten zur Zeit des Kulturkampfes!
Wären nun die auf Übertretung des göttlichen Gesetzes stehenden Strafen leichter als irdische Verluste – dann könnte ja der Mensch in solchen Lagen sagen: Gut, dann wähle ich lieber das Leben und verachte das Gesetz und seine viel geringere Strafe.
Es müssen also die auf Gottes Gesetz stehenden Belohnungen oder Strafen höher sein als alles Irdische. Höher als das Irdische steht nur das Jenseitige; so weist uns die Logik auf eine jenseitige Sanktion des Sittengesetzes hin.
Die jenseitige Strafe aber muß eine ewige sein. Warum nicht? Ungerecht soll es sein, eine kurz dauernde Sünde ewig zu strafen? Aber richtet sich denn die Dauer der Strafe nach der Dauer der Sünde und nicht vielmehr nach ihrer Bedeutung? Nur einen Augenblick dauert die Tat des Anarchisten, der eine Bombe in einen königlichen Hochzeitszug hineinschleudert, soll er nur einen Augenblick bestraft werden?
Die Größe des Frevels ist ausschlaggebend, nicht die Dauer. Die schwere Sünde ist ein unendlich großer Frevel. Die Größe einer beleidigenden Tat richtet sich ja u. a. besonders nach dem Abstand zwischen dem Beleidiger und dem Beleidigten. Nennt ein Rekrut einen Mitrekruten »Lügner«, so wird ihm das bald verziehen; hält er dasselbe Wort seinem Hauptmann entgegen, wird er schwerer bestraft; würde er seinen obersten Kriegsherrn mit dem gleichen Schimpfwort bedenken, so würde er des Majestätsverbrechens angeklagt und noch schwerer zu büßen haben. Und doch ist die Tat, an sich betrachtet, die gleiche, der Abstand entscheidet über ihre Bedeutung.
Der Abstand zwischen dem gesetzgebenden Gott und dem gesetzübertretenden Menschen ist aber unendlich, darum schließt die Sünde eine unendliche Bosheit in sich, die unendliche Bosheit verlangt eine unendliche Strafe und, da diese dem Maß nach nicht unendlich sein kann, muß sie der Dauer nach ohne Ende sich ausdehnen.
Unbarmherzig soll die ewige Strafe sein? Aber hat der Übertreter des Gesetzes sie nicht selbst gewollt? Er konnte das Gesetz beobachten, Gott hatte ihm genügende Mittel gegeben, hatte ihn gemahnt und gewarnt, hatte ihm alles vorausgesagt, und wenn er nun dem Sünder die mit offenem Blick und freiem Willen heraufbeschworene Strafe zuteil werden läßt, dann soll das unbarmherzig sein? Ein König fordert den Vasallen zum Feldzug auf, sagt ihm: Wenn du mir folgst, ist ein Fürstentum dein, wenn nicht, ein Kerker. Wenn nun der Vasall eigenmächtig das Fürstentum ablehnt, ist es unbarmherzig vom König, wenn er es ihm nie zuteil werden läßt? In der schweren Sünde verzichtet der Mensch auf Gott und seinen Himmel; wer will nun Gott anklagen, daß er ihm beides nicht gibt? Gott gab dir zwei Arme; wenn du einen freventlich abhaust, wie willst du Gott belangen, daß er dir keinen neuen wachsen läßt? Wer aber Gott im Jenseits verloren hat das Licht verloren, Schönheit, Glück und Frieden, das ist ja einer der wesentlichen Bestandteile der ewigen Verbannung.
Gerade weil Gott gütig und barmherzig ist, darum muß er mit einer ewigen Strafe und dem Verlust einer ewigen Belohnung drohen, Gott muß die Menschen vor einander schützen. Durch Mord, Diebstahl, Ehebruch, Gewalttat werden Menschen, zumal die Guten, geschädigt. Darf Gott nun solchen Greueln untätig zuschauen? Müßten dann nicht alle Edlen sich empören, daß Gott sie rücksichtslos den Launen der Bösen überließe? »Sage mir«, bemerkt treffend der hl. Chrysostomus »wenn jemand alle Lasterhaften aller Arten versammelte, sie mit Schwertern bewaffnete und dann befähle, die ganze Stadt zu durchlaufen und jeden ihnen in die Hände Fallenden niederzumetzeln, wäre das menschlicher? … Wenn aber ein anderer alle jene Lasterhaften bände, einkerkerte, wäre das nicht eine menschenfreundliche Tat? Wende das auf das Gesetz an …«. (16. Säul. Hom.)
In der Tat, mit seinem Gesetz und seiner Drohung fesselte Gott alle bösen Leidenschaften mit einem starken Band; wer die Strafe nimmt, entfesselt alle Leidenschaften und läßt sie wie eine wilde Meute auf die Menschheit los. Wo bleibt da Sicherheit, wo Ruhe und Ordnung?
Wer ferner alles aufbietet, um der Menschheit zu ihrem wahren Glück zu verhelfen, der handelt gewiß gut und edel. Tut Gott das nicht auch mit seiner Drohung? »Nicht weniger als das Himmelreich«, sagt derselbe Kirchenlehrer, »offenbart die Androhung der Hölle seine (Gottes) Güte. Und wie? Wenn er mit der Hölle nicht drohte, … so würden nicht viele des Himmelreiches teilhaftig werden; denn das Versprechen von Gütern ruft nicht so erfolgreich die Mehrzahl zur Tugend auf als die Androhung von Übeln« (7. Säul. Hom. 2).
Nur zu wahr. Beides: Versprechen des Himmels und Drohung mit der Hölle führt zu Gott. Gott ist aber das einzige Glück des Menschen; ist nun die Drohung mit der Hölle nicht ein Ausfluß der Barmherzigkeit des Herrn?
Aber für den Übeltäter selbst ist die Strafe zu groß. Gott könnte ihn ja vernichten. Ja, er könnte es, wenn er nur allmächtig, nicht auch allweise und allheilig wäre.
Das Eine ist doch gewiß, Gott muß auf Anerkennung seiner Autorität bestehen. Ein Gott, der sich alles gefallen ließe, würde uns nicht gefallen. Wenn nun der Mensch der Vernichtung anheimfiele, würde er sich dann um Gott überhaupt kümmern, dann, wenn heftige Leidenschaft ihn drängt? Er würde hintreten können und sagen: »Gott gebiete nur, drohe nur, ich entgehe Dir doch.« Der Gedanke an das Nichts würde nicht von der Sünde abschrecken, sondern sie eher befürworten.
Gott muß aber darauf bestehen, daß der Mensch sich ihm unterwirft, ihn anerkennt; erkennt er die Güte nicht an, dann muß die Gerechtigkeit ihn dazu zwingen – aber nur eine ewige Strafe ist dazu imstande, dann, wie gesagt, würde der Sünder mit dem »ich entgehe Gott schließlich doch« sich in seinem gesetzwidrigen Verhalten bestärken.
»Aber Hoffnung auf den Himmel und Furcht vor der Hölle schrecken auch nicht immer von der Sünde ab.« Abschrecken tun sie stets, ganz die Sünde hindern nicht, mit seinem freien Willen kann sich der Mensch über alles hinwegsetzen; es handelt sich aber hier nicht um die Frage, ob die ewige Sanktion tatsächlich jede Sünde unmöglich macht, sondern ob sie – vorausgesetzt, daß die Freiheit des Willens gewahrt bleibt – fähig ist, von der Sünde abzuhalten. Sie ist es.
Und nur sie, die Freidenker, betrachten allerdings Bildung, Kenntnisse, gutes Beispiel und materielles Wohlergehen für bessere Erziehungsmittel.
Wir wollen nicht leugnen, daß manche von diesen Faktoren auch Einfluß auf das sittliche Verhalten haben können, leugnen müssen wir, daß sie aus sich genügend sind, es unter allen Umständen zu sichern.
Reichen denn Bildung und Kenntnisse aus? Dann müßten ja die obersten Kreise gerade die reinsten, demütigsten, treuesten, wahrhaftigsten sein. Ist das der Fall? Man denke an unsere letzten Prozesse – an das alte Rom!
Und materielles Wohlergehen soll ein Antrieb zur Beobachtung des Sittengesetzes sein? Aber liegen diese beiden denn nicht oft genug mit einander im Streit? Wenn materielles Wohlergehen eine genügende Sanktion der Ethik wäre, dann müßten Börsenbarone und Erpresser ja zugleich die größten Heiligen sein.
Wer weiß nicht, daß trotz aller Kenntnisse, Erfolge und Bildung der Mensch im Ansturm der Leidenschaften einer festeren Sicherung bedarf? Erhöhte Kenntnisse ohne erhöhte innere Festigkeit sind, um einen Ausdruck Försters zu gebrauchen, eine besser gearbeitete Laterne in der Hand des Diebes. Und daß nicht erhöhte »Kultur« eine erhöhte Sittlichkeit bedingt, besagt die Geschichte der alten wie heutigen Völker zur Genüge. (Vergleiche den Vortrag II). Die heutige Bildung sanktioniert die ethischen Gesetze nicht, sondern bildet sie nach Belieben um. Die Moral ist ja nach Paul Heyse nichts weiter als die Quintessenz dessen, was in einem Zeitalter für anständig gehalten wird. Heldennaturen springen über die Schranken hinweg. (Briefe an Frau Tout le Monde 111.)
Unsere Zeit besitzt ja Kulturgüter, Mammon, Kunst, Bildung, Ehrengerichte in Menge – ist sie darum moralisch hochstehend? Was sagen die 180 000 Kinder, die in Deutschland allein jährlich, mit dem Brandmal der Sünde bezeichnet, das Dasein betreten? Was die in die Hunderttausende, vielleicht 1½ Millionen zählenden Dienerinnen der Unzucht, was die jährlich in Deutschland verurteilten 55 000 jugendlichen Verbrecher, was die 196 000 Geschlechtskranken, die im Jahre 1900 in den öffentlichen Krankenhäusern Deutschlands gepflegt wurden, von den 30–40% geschlechtskranken Soldaten und 33–69% Studenten gar nicht zu reden? Was soll ich sagen von den erschreckend um sich greifenden Perversitäten, dem weißen Sklavenhandel, der Engelmacherei, dem Rückgang der Geburten? Was von den Schönheitsabenden, den obszönen Tänzen? Ist doch die Klage allgemein: So kann es nicht weiter gehen! Woher nun der Jammer? Die Bildung, weltliche Kultur, nahm doch zu! Ja, aber die Religion mit ihren Ewigkeitsgedanken nahm ab, die Welt vergaß das Schriftwerk: »Denk, o Mensch, an deine letzten Dinge, und du wirst in Ewigkeit nicht sündigen!«
Nicht alle hat die Religion vom Bösen abgeschreckt; aber wer wollte es leugnen, daß sie allein es war, die auf die Massen aller Zeiten den sittigendsten Einfluß ausübte? Die Furcht vor den Göttern oder Gott war es, die in allen Gesetzbüchern anklingt und dem Leben Halt bot. Habe ich keinen Himmel zu hoffen, keinen Gott zu fürchten, auf kein Weiterleben nach dem Tode zu rechnen, was soll mich dann abhalten, mich hienieden ganz auszuleben und durchzusetzen?
Man gibt vor, der Menschheit einen Dienst erweisen zu wollen, indem man sie von der Angst vor der Hölle befreit. Ja, man läßt alle Leidenschaften von der Kette los und hetzt sie auf die Menschheit, man richtet wieder ein Henkermahl an, wie zur Zeit der französischen Revolution; ist das eine Wohltat? Man löscht das Licht aus, das die unheimlichste Klippe aufdeckt, man verschließt dem Menschen den Weg zum wahren Glück, ist das eine Wohltat? Man reißt die Warnungstafel am Abgrund, die Barrieren an der Bahn nieder, den Totenkopf an der Giftflasche herunter – um dem Menschen die Furcht zu nehmen; ist das wirklich weise und edel gehandelt?
Wenn es eine Hölle gibt, da sollte es menschenfreundlich sein, diesen Abgrund zu verdecken und alle auf den Weg zu locken, dessen Abschluß Verderben ist? Dann war auch die Tat des Rattenfängers von Hameln der menschenfreundlichsten eine. Nein, das ist grausam. Menschenfreundlich ist es von der christlichen Ethik, wenn sie sich den im Sinnesrausch dahin Tollenden mit der roten Signallampe entgegenstellt und ein unerbittliches »Halt, nicht weiter!« zuruft.
Wer verurteilt nicht den grausamen Nero, der seiner eigenen Mutter eine herrliche Barke baute, sie eines Abends auf das Schiff lockte und auf hoher See eine verborgene Falltür öffnete, so daß die Mutter in den Wogen versank? Handelt die Diesseitsethik nicht grausamer? Sie stattet der Menschheit ein bequemes, sehr bequemes Schiff zur Fahrt des Lebens aus, sie musiziert und tanzt – aber das Schiff birgt eine unheimliche Gefahr in sich: die Falltür, und sie heißt Tod – und das Ende – Ewigkeit. Ist es nicht grausam, darüber hinwegzutäuschen?
Wohl mag die Moderne die Ewigkeitsgedanken als lästig abweisen, die Ewigkeit selbst bleibt. Auch sie mag sich das Wort gesagt sein lassen, das einer der Makkabäischen Märtyrer zum gottvergessenen Antiochus sprach: »Du, Ruchloser, rühmst dich umsonst deiner Bosheit und deines Übermutes, denn noch nicht bist du entflohen dem Gerichte des allmächtigen und allwissenden Gottes«.
Ja, vielem mag die Moderne entfliehen, sie mag entfliehen der Kirche, mag entfliehen dem weltlichen Gerichte, mag entfliehen den Vorwürfen des eigenen Gewissens, einem ist sie noch nicht entflohen: dem Gerichte des allmächtigen und allwissenden Gottes, und dem entgeht sie nicht. Furchtbar aber ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.
So führt die Sanktion der Ethik wiederum auf Gott zurück, Gott ist der Ursprung der Ethik. Gott die Norm, Gott der letzte Halt. Moral ohne Gott ist ein Leib ohne Seele.
»Eine Spinne«, so erzählt der Dichter Jörgensen, »ließ sich an einem Faden herunter von einem Ast; nun eilte sie hin und her und spann ihr kunstvolles Netz. Lange lebte sie gesichert in ihrer Behausung; da stieß sie auf ihren kleinen Rundreisen eines Tages wieder auf den ersten Faden. Sie hatte seine Bedeutung vergessen und – biß ihn ab – und ihr ganzes Haus stürzte zusammen.«
Von Gott kam die Menschheit, und um den Gottesgedanken baute sie ihr geistiges und ethisches Gebäude – sie zerstört den ersten Faden, und mit ihm sinkt ihr ganzes Haus in Trümmer. Der Ethik letztes Wort lautet: »Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine fremden Götter neben mir haben.«