Kampf und Liebe
XXXVI. Kapitel.
Was für ein Mann Herr Drögemüller war und was für Lieder deutsche Kinder singen.
Der erste Eindruck, den Asmus Semper von Herrn Drögemüller, seinem Hauptlehrer und Vorgesetzten, empfing, war nicht übertrieben verlockend. Der Kopf des Mannes glich einer stark vergrößerten Billardkugel, der man einen Rettichschwanz als Bart angeheftet und die man im übrigen noch mit einer blauen Brille geschmückt hat. Nase, Mund und Stirn wären in jedem Signalement als gewöhnlich bezeichnet worden. Herr Drögemüller kanzelte gerade einen kleinen, kümmerlich dreinschauenden Buben ab, weil er auf Holzpantoffeln zur Schule kam. Er behandelte das gleichsam wie einen moralischen Defekt, dessen man sich zu schämen habe, und erklärte dem verschüchtert dastehenden Kinde, wenn das noch einmal vorkomme, werde er ihm einen »Tadel in Ordnung« geben.
»Wenn man das hingehen läßt,« sagte Herr Drögemüller, »dann kommen immer mehr mit Holzpantoffeln, und man kann das Geklapper auf den Treppen nicht mehr aushalten.«
Asmus hatte auf der Zunge, zu sagen: »Aus Übermut trägt wohl der Mensch keine Holzklötze an den Füßen; Stiefel sind ihm ohne Zweifel bequemer, wenn er sie hat«; aber er wollte sich nicht gleich opponierend einführen und sagte deshalb nur:
»Gibt es nicht einen Verein, der solche Kinder mit Stiefeln versorgt?«
»Gewiß!« versetzte der Hauptlehrer; »ich könnte ihm ein Paar Stiefel anweisen; aber seine Mutter, das ist eine ganz Renitente. Als ich ihr sagte, sie solle den Jungen doch taufen lassen – getauft ist er nämlich auch nicht – da sagte sie, das täte ihr Mann nicht, und was ihr Mann wolle, daß wolle sie auch.«
»Hm,« machte Asmus. Ein Pestalozzi war dieser Mann nicht, das war schon festgestellt.
Er unterschied sich insofern vorteilhaft von dem »Schulmeister von Stanz«, als er sauber und ordentlich gekleidet war; aber es war Ordnung ohne Geschmack und Gefälligkeit, eine Ordnung mit schlechtsitzenden Hosen und kreuzweis geknoteten Bindeschlipsen, und als Asmus wie hypnotisiert die Karrees des grauen Rockes betrachtete, da las er unaufhörlich 1 × 1 × 1 × 1 × 1 × 1 ....
Nein, ein Dichter, wie der unordentliche Verfasser von »Lienhard und Gertrud« war dieser Mann gewiß nicht, »Abendstunden eines Einsiedlers« träumte er sicherlich nicht; aber das konnte man auch schließlich nicht verlangen, und
als er die Papiere des ihm von der Behörde zugewiesenen Jünglings eingesehen hatte, bemerkte er sogar liebenswürdig, er beglückwünsche sich, einen Mann von solchen Fähigkeiten gerade an der »ihm unterstellten« Schule angestellt zu sehen.
Wie ganz anders ward Asmussen ums Herz, als er sich wenige Tage später mitten in einen Garten von sechzig jungen Menschenpflanzen gestellt sah, wo sechzig lebendige Brünnlein aus roten Lippen sprangen. In einem Punkte freilich hinkte der Vergleich mit einem Garten bedenklich: die Pflanzen haben die gute Gewohnheit, ihren Ort nicht willkürlich zu verändern; diese Menge von Kindern aber war in ihren Bewegungen höchst willkürlich, und Asmussen kam es vor, als habe er einen Topf voll Mäuse zu hüten und müsse aufpassen, daß keine über den Rand springe. Einige zwar saßen bang und verschüchtert da; sie mochten ein unerhört Neues, ein fürchterlich Geheimnisvolles erwarten und waren vielleicht mit der Vorstellung gekommen, daß der Bakel unaufhörlich durch die Schulstube sause wie die Sense des Mähers übers Feld; denn es gibt Eltern, die die Arbeit des Lehrers liebevoll vorbereiten, indem sie Kindern, die sie nicht bändigen können, mit der Aussicht drohen: »Na, warte nur, wenn du zur Schule kommst! Der Lehrer wird dich schon bläuen.« Aber sobald diese Beklommenen merkten, daß der »Herr Lerrer« kein Menschenfresser
sei und sogar großartigen »Spaß« mache, zogen gerade sie die weitesten Konsequenzen und gingen über Tisch und Bänke. Und sieh, da schritt schon einer festen Schrittes auf die Tür zu.
»Wohin?« fragte Asmus.
»Ich will’n büschen ’raus!« versetzte das Bürschchen unbefangen.
»Was willst du denn draußen?«
»Och, ’n büschen spielen.«
»Ja, Mensch, so allein spielen, das macht doch keinen Spaß. Wart’ nur noch einen Augenblick, dann gehen wir alle hinaus und spielen »Jäger und Hund«.
Das leuchtete dem Flüchtling ein. »O djä!« rief er, senkte beide Fäustchen in die Hosentaschen und ging wieder auf seinen Platz.
»Du, ich hab’ Limburger Käse aufs Brot!« rief eine Stimme aus dem Hintergrunde. Asmus ging hin und äußerte seine teilnehmende Begeisterung über den Limburger Käse. Natürlich mußte er jetzt den Inhalt zahlloser Frühstücksdosen bewundern.
»Ich hab’ Leberwurst auf’m Brot!« »Ich hab’ ’ne Apfelsine!« »Ich hab’ Schokolade!« schrie es durcheinander.
»Ihr könnt wohl lachen!« sagte Asmus. »Meine Mutter hat mir keine Schokolade mitgegeben.«
»Da!« Ein Junge sprang aus der Bank und hielt ihm ein Stück Schokolade hin.
Asmus dankte gerührt, löste das Papier
von der Schokolade und wollte sie dem Geber in den Mund schieben; der aber lehnte entschieden ab.
Da sah Asmus zwei brennende Augen in verzehrendem Verlangen auf sich gerichtet; es waren die Augen eines dürftig gekleideten, blassen Bürschchens.
»Soll er sie haben?« fragte Asmus den Spender.
Der nickte eifrig ja, und begierig griff der Verlangende nach der köstlichen Leckerei.
Um den Schwarm endlich zu beruhigen, sagte Asmus: »Soll ich euch mal ’ne Geschichte erzählen?«
»O ja, man zu, man zu!« schrien sie durcheinander. Und er erzählte ihnen das Ur- und Anfangsmärchen vom Rotkäppchen, das sie alle verstehen und das sie beim hundertsten Male ebenso gern hören wie beim ersten Male.
Als er mitten im Erzählen war, kam ein Junge aus der Bank heraus, ging auf Asmussen zu, ergriff dessen Hand und sagte:
»Du, ich mag dir gerne leiden.«
»Soo?« sagte Asmus; »Junge, das ist ja prachtvoll; ich dich auch; aber dann mußt du jetzt auch ganz still sitzen bleiben und zuhören!«
»Ja,« erklärte der Kleine überzeugt und ging ruhig wieder an seinen Platz.
Für einen andern aber hatte Asmussens Erzählung offenbar keinen Reiz. Er erhob sich und steuerte geraden Wegs auf die Tür zu.
»Was willst du denn?« fragte Asmus.
»Ick will noh Hus,« lautete die sehr entschiedene Antwort.
»Jä, dat geiht ober nich; du muß noch’n bitten hierblieben.«
Der kleine dicke Bursche explodierte in einem furchtbaren Geheul.
»Ick will ober noh Huuus!« brüllte er.
»Wat wullt du denn dor?«
»Ick will bi min Mudder sin!«
»Minsch, de Klüten (Klöße) sünd jo noch gornich fertig.«
Der Kleine nahm die Fäuste von den Augen und starrte ihn sprachlos an.
»Du wullt wull gern Klüten un Plum’n (Pflaumen) eeten, wat?« fragte Asmus.
»Jo,« versetzte der Kleine, von so viel Verständnis seiner Seele überrascht.
»Jä, Hein, de sünd jo noch gornich gor! Bliev man noch’n bitten sitten; ich segg Di denn Bescheed, wenn din Mudder se fertig hett.«
Auf diesen Kontrakt ging Heinrich Lohmann ein und verfügte sich langsam wieder an seinen Platz.
Als die Geschichte zu Ende war und die Geisterchen wieder nach allen Himmelsrichtungen anseinanderfielen, sprach er:
»Nun paßt aber mal auf, was jetzt kommt!«
Sie waren plötzlich still.
Mit geheimnisvollen Mienen ging Asmus an einen Schrank.
»Was ich wohl hier im Schrank habe!« sagte er.
»Frühstück!«
»Nein.«
»Schokolade!«
»Nein.«
»’n Bilderbuch!«
»Nein. In diesem Schrank hab’ ich einen Vogel; wenn man den streichelt, dann singt er.«
»Oooh – laß ihn mal ’raus!« riefen einige.
»Ja, ich will ihn mal herauslassen.« Er öffnete den Schrank und nahm einen Geigenkasten heraus.
»O, ich weiß, Herr Lehrer, ich weiß!« riefen ein paar Gescheite.
»Pst! Nichts verraten! Das ist das Vogelbauer. Paßt gut auf, daß er nicht herausfliegt,« sagte er zu den Nächsten, und sie spreizten die Händchen und öffneten die Mäulchen, als wollten sie den Flüchtling mit Mund und Händen auffangen. Die Hintensitzenden stiegen auf die Tische und reckten die Hälse. Asmus öffnete den Kasten und nahm Geige und Bogen heraus.
»Hurra – hallo,« schrien sie alle; aber dann wurden sie noch stiller als zuvor, und nun hatten alle die Schnäbel offen.
Asmus setzte den Bogen an und spielte einen raschen Lauf vom kleinen g bis zum dreigestrichenen.
Da waren sie plötzlich wie »voll süßen
Weins«, sie gingen über Tisch und Bänke, hopsten, sprangen und faßten sich an und tanzten.
»Was soll ich nun ’mal spielen« fragte Asmus.
Ach, was mußte er da für Erfahrungen machen! Einige nannten ein paar Spiellieder, die sie in einem Kindergarten gelernt hatten; die meisten aber nannten Gassenhauer und Operettenmelodien, die auf die Drehorgel gekommen waren. Ein rechtes, gutes Volkslied nannte nicht einer; denn das deutsche Volkslied wird im deutschen Hause nicht mehr gesungen.
Asmus erzählte ihnen von dem Häslein, das der Jäger totschießen wollte, und dann sang er:
Als der Mond schien helle, Kam ein Häslein schnelle, Suchte sich sein Abendbrot, Hu, ein Jäger schoß mit Schrot.
Er sang, wie das Häslein den Mond bat, sein Licht auszulöschen, und wie es dem Jäger entkam.
Häslein ging zur Ruhe, Zog aus Rock und Schuhe, Legte sich ins weiche Moos, Schlief wie auf der Mutter Schoß.
und die Lieblichkeit von Wort und Weise, die Unschuld der Kindertage, da er sie zuerst gesungen, die Schönheit der Stunden, da er sie bei Meister Bruhn gehört und gegeigt, und die
saugende Andacht all dieser reinen Augen, die durstig an seinen Lippen hingen, überströmten sein Herz mit einem so überschwenglichen Glück, daß ihm die Augen feucht wurden.
»Nun will ich’s einmal spielen,« sprach er und spielte das Lied.
»Wollt ihr jetzt ’mal mitsingen?«
Jubelnd ergriffen sie diesen Vorschlag.
Und alle sangen sie mit. Ei, ei, ei, war das eine Musik! Es klang noch ganz furchtbar. Aber sie fanden es schön, und am eifrigsten sang Peter Brandenburg, dessen Gehör und Stimme nur einen einzigen Ton hatten, und der klang wie das Surren einer Hummel, die man in eine Schachtel eingesperrt hat.
»Wer will mir nun ’mal was vorsingen?« fragte Asmus.
Manche getrauten sich nicht; aber die meisten hielten mit ihrem Talent nicht zurück und sangen frisch von der Leber weg.
»Denke dir, mein Liebchen, Was ich im Traume geseh’n«
oder
»Dat Scheunste, wat man hett, Dat is so’n Zigarett’«
oder
»Ach, mein Schreck, ach, mein Schreck! Meine teure Hulda ist weg!«
nein, so viel Asmus auch horchte und forschte und hoffte, er hörte nichts Gutes, Schönes,
Gesundes. Wohl aber begann ein Bürschlein frisch und frei ein ausgesprochenes Zotenlied zu singen.
»Genug, genug!« rief Asmus und hieß das Kind schweigen. Dies Lied, von frischen Kinderlippen ahnungslos gesungen, hatte ihm einen furchtbaren Eindruck gemacht. Die Schule lag in der Hafengegend; unter ihrem Publikum gab es mancherlei Armut und Verwahrlosung, und unter den Schülern waren auch Kinder »anrüchiger« Straßen.
XXXVII. Kapitel.
Herr Drögemüller als Einkassierer des Schicksals.
So groß sein Mitgefühl mit den Kindern der Enterbten und Verachteten war, so schien ihm doch seine Aufgabe um so schöner und lockender, je schwieriger sie war. Die wohlgepflegten Kinder reicher und »guter« Familien erziehen, das war keine Kunst – so dachte er wenigstens damals; er sollte noch anders darüber denken lernen – aber hier galt es, Knoten zu lösen und Hindernisse zu überwinden. Und schon nach wenigen Tagen sollte ihn ein »Riesenerfolg« in seinem Glauben an sein Werk bestärken. Am vierten oder fünften Tage seines Lehrertums kam Herr Drögemüller mit einer Liste in die Klasse und fragte: »Ist Heinrich Lohmann hier?«
Jawohl, Heinrich Lohmann war da; es war derselbe, den am ersten Tage die Sehnsucht nach den Klößen seiner Mutter ergriffen hatte und der dies Gefühl in reinstem Plattdeutsch unverhohlen zum Ausdruck gebracht hatte. Er gehörte in eine Nachbarschule und war irrtümlich in Sempers Klasse gekommen.
»Du gehörst in eine andere Schule, mein Sohn,« sagte Herr Drögemüller. »Pack’ deine Sachen und komm mit.«
»Nee,« sagte Heinrich Lohmann munter, »ick will hier blieben.« Selbst Herr Drögemüller mußte lachen.
»Ja, mein Junge, das geht nicht,« sagte er, »komm nur schnell.«
»Ick will ober leever hier blieben,« wandte Lohmann mit schwächerem Widerstande ein.
»Na, nu’ mach flink, Junge, mach flink!« drängte der Hauptlehrer.
Lohmann packte widerstrebend seine Sachen und folgte Herrn Drögemüller; aber als er nun Sempern die Hand zum Abschied geben sollte, warf er alles, was er trug, auf den Boden, umklammerte Asmussens Bein und schrie: »Ick will bi di blieben! Ick will bi di blieben!«
Asmussen wurde es wunderlich ums Herz.
»Kann er denn nicht hier bleiben?« fragte er den Hauptlehrer. »Vielleicht kann ja ein anderer – –?«
»Nein, das geht nicht!« versetzte Drögemüller kurz. »Er wohnt ja nicht in unserm Bezirk. – Jetz komm, Junge, sonst – –«
Asmus klopfte dem Kleinen die Wangen und sagte: »Na, Heinrich, dann geh nur mit. Wenn die Schule aus ist, besuchst du mich mal, was? Und ich besuch’ dich auch mal, ja?«
Da gab sich Heinrich Lohmann zufrieden,
sammelte unter Tränen seine Bibliothek zusammen und schlich davon.
Asmus Semper war glücklich. Also schien ihm die Kraft gegeben zu sein, die Herzen der Kinder zu gewinnen, und darüber war er unsäglich froh. Überhaupt lebte er wie in einem Rausche. Diese tausendfältigen, rückhaltlosen Offenbarungen der Kindesseele überwältigten seine Beobachtungskraft; er wußte nicht, wie er diesen Reichtum in die Scheuern bringen und verwerten sollte. Und viel zu früh schloß er den Kindern den Mund durch regelrechten Unterricht; seine Taten hinkten noch weit hinter seinen Ideen her. Er hätte noch länger die Eigenart jedes einzelnen Kindes hervorlocken sollen, wenn er den Wegen Pestalozzis folgen wollte; aber er fürchtete, die Kinder würden nicht lernen, was sie nach dem »Pensum der Klasse« lernen sollten, wenn er nicht den stundenplanmäßigen Unterricht beginne. Herr Drögemüller hatte sich ohnedies schon bemerkbar gemacht. Als Asmus eines Tages einen Knaben ein Märchen erzählen ließ, war Herr Drögemüller, der es nicht für ein Gebot der Höflichkeit hielt, anzuklopfen, in die Klasse getreten, hatte durch seine blaue Brille auf den an der Wand hängenden Stundenplan geblickt und gesagt:
»Sie haben jetzt eigentlich Rechnen, nicht wahr?«
»Jawohl,« hatte Asmus gesagt.
»Hm,« hatte dann Herr Drögemüller gesagt,
und er war wieder hinausgegangen. – – Ja, Asmus war glücklich; aber wie es das Schicksal gewöhnlich mit ihm gehalten hatte, so tat es auch diesmal; von dem vollen, hundertprozentigen Glück, das es ihm gegeben, zog es neunzig Prozent Wucherzinsen ab, und der Exekutor, der die neunzig Prozent einkassierte, war diesmal Herr Drögemüller.
Herr Drögemüller war Junggeselle, und so hatte er zu viel Zeit für seinen Beruf. Man hat immer dann zu viel Zeit für seinen Beruf, wenn man sie zur Auffindung neuer und fruchtbarer Gedanken aus einem gewissen inneren Mangel nicht anwenden kann, sie vielmehr mit der Erfindung immer neuer Reglements-Paragraphen verbringen muß. Jedesmal, wenn Herr Drögemüller ein paar freie Stunden gehabt hatte, trug alsbald danach ein Knabe durch alle Klassen eine Verfügung, unter die jeder Lehrer sein »Vidi« setzen mußte. Herr Drögemüller wußte aus der Arithmetik, daß, wenn man unablässig addiert, zuletzt eine hohe Summe herauskommen muß, und so hoffte er durch unermüdliche Hinzufügung von »Verbesserungen« seine Schule auf den Gipfel der Vollendung zu bringen. Wenn ihm aber jemand mit umwälzenden Methoden oder gar mit neuen Lehrzielen kam, dann bekam er Entrüstung mit Fieber. Welche Anmaßung, wenn ein Lehrer es besser wissen wollte als Drögemüllers Seminardirektor! Seine Berufsanschauung ruhte
auf drei Axiomen als auf drei unerschütterlichen Säulen:
1. Die Alten sind klüger als die Jungen.
2. Die Toten sind klüger als die Lebendigen.
3. Die Vorgesetzten sind klüger als alle.
und seine Berufsanschauung war auch seine Weltanschauung; denn er war der Meinung, ein Lehrer habe sich weder um Kunst und Literatur, noch um Politik, noch sonst um etwas anderes als allein um seinen Beruf zu kümmern.
Er verbrachte denn auch seine Tage am Schreibtisch seines Bureaus; seine Wohnung war eigentlich nur Schlafstelle, und in seiner bescheidenen Bibliothek stand kein neues Buch. Trotzdem hielt er sich für einen gewissenhaften Beamten.
Daß er mit diesem Mann nicht lange in Frieden leben werde, davon hatte Asmus eine deutliche Ahnung. Schon wenn er ihn sprechen hörte, wurde ihm unbehaglich. Er war immer so empfindlich gewesen für menschliche Stimmen; die Stimme war ihm der Mensch, und besonders wahr und schön war’s ihm immer erschienen, daß der wahnsinnige Lear von der Stimme der toten Cordelia sprach. Drögemüller aber heulte durch die Nase und sprach, als wenn er einen zu schmal gewölbten Gaumen hätte.
Gleich am ersten Tage sah Asmus etwas, was ihn geradezu erschreckte. Kinder während der Schulpause – das war ihm immer ein Bild befreiter, sprudelnder Jugendlust gewesen.
Es war ihm gar nicht der Gedanke gekommen, daß das anders aussehen könne. Und hier sah er die Kinder, zu Vieren geordnet, langsam hintereinander hertappen, wie Gefangene, die man gerade so viel lüftet, wie zur Erzielung einer guten Gesundheitsstatistik unbedingt erforderlich ist. Und in der Mitte des Schulhofs ging ein Lehrer auf und ab, der darauf achten mußte, daß keiner aus der Reihe trat. Nun bemerkte Asmus freilich bald, daß der größere Teil des Kollegiums die Verfügung des Chefs nicht mehr sonderlich ernst nahm; die Herren ließen denn auch den spazierenden Kindern die Zügel leidlich locker. Dann freilich tauchte gelegentlich Herr Drögemüller auf und verwies laut scheltend die zuchtlosen Elemente in ihre Reihen zurück, um dem Aufseher zu demonstrieren, daß er seine Pflicht verletze. Die Herren, meistens ältere, wohlverdiente und zum Teil ihrem Chef bei weitem überlegene Männer, aßen ihr Frühstück ruhig weiter und taten nach wie vor, was sie für gut hielten. Aber jetzt waren drei junge Herren ins Kollegium gekommen, und die wollte Herr Drögemüller gleich richtig an die Kandare nehmen, damit sie ihm nicht über den Kopf wüchsen.
Als Asmus zum erstenmal die Aufsicht führte, freute er sich über jeden, der die Ordnung der Sektionen verließ. Aber siehe, schon war Herr Drögemüller da und heulte durch die Nase und trieb die Schwarmgeister an ihren Platz.
»Das geht aber nicht, Herr Semper; achten Sie bitte strenge darauf, daß die Schüler zu vieren gehen.«
»Ja, da kann dann freilich von Erholung nicht mehr die Rede sein,« bemerkte Asmus.
»Ooh, das wollen wir doch nicht sagen!«
»Ja, für siebzigjährige Spittelleute mag das ja eine genügende Erholung sein; aber junge Körper, wenn sie stundenlang in der Bank gesessen haben, wollen sich gehörig tummeln und die Lungen reinpumpen.«
»Herr Semper, wenn wir das einreißen ließen, dann würden wir jeden Tag blutige Nasen und gebrochene Gliedmaßen und hinterher die Klagen der Eltern haben.«
»Herr Drögemüller, wir haben uns als Jungen auf dem Schulhof geschlagen wie Hunnen und Nibelungen, und blutige Nasen habe ich mehr als eine davongetragen; ich habe aber Blut genug übrig behalten, vielleicht noch zuviel. Nach Ihren Grundsätzen müßte man den Kindern das Spiel überhaupt verbieten; denn Unfälle, sogar tödliche, sind freilich niemals ausgeschlossen.«
»Was anderswo passiert, ist mir einerlei, in meiner Schule soll aber so etwas nicht vorkommen, und darum muß ich darauf dringen, daß meine Anordnungen befolgt werden.«
In Asmus wirbelte etwas empor; aber der Vorgesetzte hatte bereits den Rücken gewandt und war gegangen.
XXXVIII. Kapitel.
Schon wieder gibt es einen Zusammenstoß.
Sempern erfüllte ein seltsam unbehagliches Gefühl. Sollte ein Lehrer sich wie ein Handlanger traktieren lassen? Sein aufbrausendes Blut, das sich schnell über jedes Unrecht empörte, wollte ihn zu offener Auflehnung fortreißen. Dazu kam, daß seine Jugend, wenn auch nicht von revolutionärem Sinn, so doch von revolutionären Gedanken genährt war. Er hielt es noch immer mit den Tyrannenmördern und Volksbefreiern. Aber andrerseits hatte er zu viel klaren Verstand, um an eine Welt ohne Regierung und Gesetz zu glauben. Jeder mußte sich unterordnen, das wußte er wohl. Und wenn ein Vorgesetzter schwach war, – die, die ihn eingesetzt hatten, waren Menschen und dem Irrtum unterworfen wie er selbst. Aber wenn die Obrigkeit in der Wahl der Oberen gar zu töricht oder gewissenlos war, dann war Auflehnung so natürlich und notwendig wie sonst die Unterordnung, dann war Widerstand Pflicht, vor allem der Kinder wegen. Aus diesem Zwiespalt kam er nicht heraus.
Andere Skrupel und Sorgen kamen hinzu. Er mußte den Kleinen Religionsunterricht geben. Waren nun diese biblischen Geschichten geoffenbartes Gotteswort, dessen Wahrheit sich auch dem kaum erwachten kindlichen Geiste auf wunderbar intuitiven Wegen erschloß? Nein, das glaubte er nicht, konnte er also auch nicht lehren. Sollte er also die Geschichte der Juden und das Leben Jesu kritisch, rationalistisch, liberal-theologisch behandeln? Der Hamburgische Staat nahm es im Gegensatz zu andern deutschen Staaten mit der Gewissensfreiheit leidlich ernst und schrieb seinen Lehrern nicht vor, wie sie die Bibel zu behandeln hätten. Aber wenn dies alles nicht zweifellose, der kindlichen Seele ohne weiteres zugängliche göttliche Wahrheit war – dann war es ja heller Unsinn, diese Materien mit sechs- bis siebenjährigen Kindern zu behandeln, dann waren es Materien für reife Jünglinge und Männer. Diese religiösen Bedenken verfitzten sich mit pädagogischen und künstlerischen. Die biblischen Historien mit den Worten der Bibel erzählen, das hieß nach seiner Meinung, die armen kleinen Kerle mit unverständlichen Worten und Begriffen quälen und war also unmöglich. Die alten Berichte aber mit eigenen, modernen Worten erzählen, dagegen sträubte sich alles in ihm, das schien ihm eine unerhörte vandalische Versündigung gegen die erhabene, ehrwürdige Kraft und Schönheit dieser Mythen. Man konnte ja auch den »Faust«
mit anderen Worten erzählen; aber war das der »Faust«?
Aber das Allerschlimmste war doch, daß diese Geschichten unzweifelhaft einen persönlichen Gott annahmen und von einem Jesus berichteten, der Wunder tat, vom Tode auferstand und gen Himmel fuhr. Sich mit leeren Worten um diese Fragen herumdrücken, war unwürdig, war ihm unmöglich. Freilich, er konnte es machen wie Dr. Korn; er konnte den Kindern sagen: So berichtet die Bibel; was ihr glauben wollt, ist eure Sache. Aber das konnte man vor Jünglingen tun, nicht vor sechs- bis siebenjährigen Knäblein. Die konnten noch nicht sondern und wählen; die hingen mit dem treuen Blick des Glaubens an seinem Munde; die glaubten alles, was er sagte, und ahnten noch nicht, daß ein Lehrer etwas sagen könne, was er selbst nicht glaube.
Endlich blieb noch der Ausweg, sich als »Beamten« zu fühlen, der ein Amt und keine Meinung habe. Er konnte diese Dinge einfach nach der orthodoxen Dogmatik behandeln und zum Beispiel die Stelle von der Schlange, die »denselbigen in die Ferse stechen werde«, als messianische Weissagung hinstellen, am Ende des Monats sein Gehalt einstreichen und die Verantwortung denen überlassen, die den Religionsunterricht verlangten, das war das sicherste. Aber diese handwerkerliche Auffassung von seinem Beruf konnte er sich eben nicht angewöhnen,
so selbstverständlich sie auch Herrn Drögemüller schien. Denn diese sechzig Kinder wurden einmal sechzig Menschen, und was er als winziges Körnchen in ihre Seele warf, war vielleicht nach zwanzig Jahren ein Baum, ein nährender Fruchtbaum oder ein Giftbaum oder ein leeres Gestrüpp. Der Arzt, der nach bestem Wissen und Können in einen lebendigen Menschen hineinschnitt, konnte auch nicht zur Verantwortung gezogen werden; aber es war doch ein verteufeltes Gefühl, einen Menschen unter dem Messer zu haben.
Er beschloß bei sich, diesen Unterricht so bald wie möglich abzugeben, und fand, daß der Modus seines ehemaligen Direktors noch der redlichste und erträglichste sei. Er trug den Kindern die Bibel vor, wie sie war, und enthielt sich jeder kritischen Beleuchtung. Nur sagte er dann nicht: Ihr könnt’s glauben, könnt’s auch lassen, sondern getröstete sich der Hoffnung, daß sie sich bei wachsender Reife in der Stille ihres Herzens wohl selbst mit diesen Dingen abfinden würden.
Ein herzlicher Unterricht konnte das freilich nur in solchen Augenblicken werden, wo die Naivität der biblischen Geschichten mit der Naivität der Kindesseele zusammenfiel; und in solchen Augenblicken atmete das Herz des jungen Schulmeisters erleichtert und beglückt. Und eine Fülle der Freuden quoll fast aus allen andern Stunden. Nur stampfte ihm Herr Drögemüller eines Tages auch in den Leseunterricht hinein.
Herr Drögemüller dachte es sich wunderschön, wenn alle drei neuangestellten Lehrer den Leseunterricht auf völlig gleiche Weise erteilen würden, und zwar auf ebendieselbe Weise, die er vor 25 Jahren auf dem Seminar erlernt habe. In seiner Schule sollte alles ordentlich hergehen: alle sollten auf Schuhen kommen, alle sollten Schulgeld zahlen, alle denselben Glauben haben und auf dieselbe Weise »gebildet« werden.
Einer der neuen Herren tat ihm auch den Gefallen; Asmus aber und der andere gingen ihre eigenen Wege. Herr Drögemüller bemerkte das mit Mißfallen.
»Machen Sie es nicht so, wie ich es Ihnen neulich gezeigt habe, Herr Semper?« fragte er.
»Nein,« lautete die ebenso kurze wie unzweideutige Antwort.
»Warum denn nicht?«
»Weil ich meine Weise für richtiger halte.«
»Aber Herr Semper – Sie werden wohl zugeben, daß ich mehr Erfahrung habe als Sie –.«
»Das mag sein; aber ich muß meine Methode selber finden, und nur nach der Methode, die meiner Überzeugung entspringt, kann ich unterrichten. Wenn es die Jungen immer machen müßten wie die Alten, dann könnten Sie und ich überhaupt noch nicht lesen.«
»Das ist ja wohl sehr geistreich, Herr Semper; aber gleichwohl muß ich Sie bitten, meine Wünsche zu respektieren.«
»Mit Recht sagen Sie »Wünsche«, Herr Drögemüller, und nicht »Befehle«. Denn »Befehle« gibt es hier nicht. Ich bin nur verpflichtet, meine Schüler zu fördern. Welche Methoden ich dabei anwende, ist ganz allein meine Sache.«
Drögemüller war bleigrau im Gesicht geworden und schnappte, als wenn er Luft für einen längeren Satz einnehme; er entschied sich dann aber nur für ein: »Na, wenn Sie meinen –« und ging mit rachsüchtig geschwungenen Beinen hinaus. Als er draußen war, stenographierte er etwas sehr Langes in sein Notizbuch. Die Methode ist frei, dachte Drögemüller, darin hat er recht; aber ich werde schon andere Pfeifen schnitzen, nach denen er tanzen soll.
Zunächst indessen sollte Asmus ein wenig nach den Pfeifen des Exerzierplatzes tanzen. Bei der Generalmusterung im Sommer war er endgültig »gezogen« worden, und nun war die Order gekommen, daß er sich am 1. Oktober auf dem Altenberger Kasernenhofe einzufinden habe.
XXXIX. Kapitel.
Ist teilweise im Kasernenstil geschrieben und belehrt uns durch die Güte des Herrn Schieß-Unteroffiziers, was für ein Mensch dieser Asmus Semper eigentlich ist.
Was ihm an diesen Musterungs- und Gestellungsbefehlen aufgefallen war, das war die Ängstlichkeit, mit der auch der leiseste Verdacht einer höflichen Gesinnung vermieden war. Er fand, daß dieselben Befehle mit derselben Entschiedenheit in einer Form gegeben werden könnten, die mehr nach menschlicher Gesellschaft klang. Sie berührten ihn, als wären sie mit Absicht so schroff wie möglich formuliert, um das persönliche Selbstbewußtsein von vornherein auf den Nullpunkt zurückzutreiben. Überhaupt begann er diese sechs Wochen, die er als »Schulamtskandidat« unter Waffen zubringen sollte, nicht mit gehobenen Gefühlen. Ludwig Semper freilich sprach noch immer von seinen Soldaten- und Kriegsjahren als von einer frischen, fröhlichen Zeit; aber »beim Preußen« war’s anders, und die vielen und abscheulichen Soldatenmißhandlungen, von denen die Zeitungen berichteten, hatten Asmussen immer mit Zorn
und Entsetzen erfüllt. Frau Rebekka schwankte zwischen Stolz und Bangen. Sie war stolz, daß man ihren Sohn für tauglich befunden hatte, und sie bangte, daß man ihn mißhandeln und überanstrengen könne.
Und gleich der ganze erste Tag war eine Mißhandlung, aber keine böswillige. Die Herren Schulamtskandidaten standen nämlich mit kleinen Unterbrechungen von morgens acht bis abends sieben Uhr auf dem Kasernenhof und warteten. Einmal erschien ein Feldwebel und rief ihre Namen auf, und dann warteten sie wieder sechs Stunden. Einmal beobachtete Asmus einen Haufen Offiziere, und ein sehr temperamentvoller Herr unter ihnen schrie: »Denken Sie, der Seckendorff läßt sich wegen Krankheit beurlauben und verzehrt ein großes Beefsteak mit Spiegeleiern.« Asmus fand dies merkwürdig, aber für einen Tag war es nicht Unterhaltung genug. Er gehörte sonst zu den Menschen, die man wohl langweilen kann, die sich aber niemals selbst langweilen, weil die Gedankenmühle von selber geht wie ein perpetuum mobile. Aber so auf einem Fleck stehend und immer wartend, konnte man weder Gedichte machen, noch Gedankenspiele treiben; er litt Höllenqualen der Langenweile. Endlich, um sieben Uhr abends erschien ein Sergeant und erklärte ihnen, sie könnten nach Hause gehen. Denn die Schulamtskandidaten durften zu Hause schlafen und essen.
Am andern Morgen ging es endlich los. Der Sergeant Greifenberg trat vor die Front von Asmussens Abteilung und hielt eine Rede.
»Meine Herren,« sagte er, »ick hoffe, dat Sie als jebildete Herren mir meine Arbeit so leicht wie möglich machen wer’n. Ick werde Se nu mal ausbild’n. Wenn Se ooch noch so jelehrt sind, hier müssen Se doch noch wat zulernen. Sie sind Lehrers; aber ick bin der Lehrer von die Lehrers. Schtilljeschtanden!«
»Un denn merken Se sick jleich,« sagte Herr Greifenberg, indem er auf einen der Kandidaten losging, »jelacht wird nich im Jliede. Wat ick sage, is nich zum Lachen; de Sache is sehr ernst.«
Und nun begannen die Übungen; aber Herr Greifenberg stellte keine unmenschlichen Anforderungen, und Herr von Birkenfeld, der ausbildende Leutnant, noch weniger. Furchtsame Gemüter konnte freilich Herr von Birkenfeld zunächst abschrecken; denn er markierte den rauhen Kriegsmann, der weder Teufel noch Kognak fürchtet und »Sauerei« und »Schweinekram« für verblümte Redensarten hält. Wenn ihm die Richtung eines Gliedes nicht gefiel, so sagte er, in einem milden, väterlichen Tone beginnend:
»Ei, ei, ei, das Glied steht ja schweinemäßig! Der rechte Flügelmann, nehmen Sie den Bauch herein, ins drei Deubels Namen! Der Kerl taugt zum Flügelmann wie der Igel zum Schnupftuch!« Er sagte aber nicht »Schnupftuch«,
sondern ganz etwas anderes, und wenn er von den unteren menschlichen Extremitäten sprach, so gebrauchte er eine Bezeichnung, die man nur unter Männern wiederholen kann, wenn keine Theologen zugegen sind. Im übrigen hatte er mit dem Flügelmann nicht unrecht. Der Schulamtskandidat Plambeck war der längste und dickste von allen; aber als er ein Gewehr mit einer Platzpatrone darin abdrücken sollte, da versagte er.
»Warum drücken Sie nicht ab?« rief Herr von Birkenfeld.
Plambeck hob den Kolben wieder an die bleiche Wange und setzte wieder ab.
»Na, wollen Sie jetzt vielleicht die Liebenswürdigkeit haben, abzudrücken?« schrie der Leutnant.
Plambeck hob schlotternd das Gewehr und ließ es abermals sinken.
Jetzt trat Birkenfeld nahe an Plambeck heran und sagte ruhig:
»Sagen Sie, fürchten Sie sich?«
»Ja,« versetzte Plambeck ehrlich.
»Na, Sie sehen doch, die andern haben auch geschossen und sind auch ganz geblieben. Ich werde jetzt kommandieren und Sie werden schießen. Legt an! – Feuer!«
I, keine Spur von Feuer.
»Heiliges Astloch!« schrie Birkenfeld. »So was ist mir denn doch noch nicht vorgekommen! Sagen Sie mal, wie denken Sie sich das
eigentlich, ’n Soldat, der nich schießt! ’n Soldat, der sich vor seiner Knarre fürchtet! Was wollen Se denn eigentlich machen, wenn –«
»Bums!« Plambeck hatte abgedrückt und lächelte stolz.
»Himmel, Schnaps und Wolkenbruch! Jetzt schießt mir der Kerl gleich in die Visage!« schrie Birkenfeld. »Herrrr, ich werde Sie ins Loch stecken, Herrrr!«
Aber er steckte niemanden ins Loch, nicht einmal Büsing, der es doch einigermaßen verdient hatte. Büsing hatte morgens bei der Schießübung zu viel »Zielwasser« getrunken; die Kneipe lag in allzu verlockender Nähe des Schießstandes. Herr von Birkenfeld, der eine verständnisvolle Leber besaß, hatte gesagt: »Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie aus.« Das hatte Büsing so gründlich besorgt, daß er nachmittags eine Stunde zu spät zum Dienst gekommen war. Büsing war das aber noch immer nicht des Frevels genug gewesen; er hatte sich lächelnden Mundes bei dem Herrn Leutnant gemeldet mit den Worten:
»Vom Ausschlafen zurück!«
Da hatte ihm Birkenfeld zwar drei Tage aufgebrummt; aber er hatte sie ihm noch am selben Tage erlassen. Wenn er fluchend und wetternd und mit gezücktem Degen den Parademarsch abnahm und sein breiter blonder Bart im Winde wehte, dann sah er aus wie ein Eisenfresser, und doch war er ein vom Grund
des Herzens humaner Mann, für den die Worte »gutes, kameradschaftliches Verhalten« nicht nur auf dem Papier standen und der im gemeinen Soldaten den gleichwertigen Menschen und Waffengenossen sah. Einmal hatte er aber doch etwas zu saftig geschimpft. Als der Schulamtskandidat Thölemann, der wie ein künftiger Pastor aussah, sprach und fühlte, gleich einer nassen Unterhose am Reck hing und ebensowenig wie dieses Kleidungsstück einen Klimmzug zu machen imstande war, da schrie Birkenfeld:
»Herrrr, sei’n Se nich so schlapp, Herrrr! Deubel noch’n mal! Kerl hat natürlich die ganze Nacht bei Wachtmann ’rumgeh–t!«
»Wachtmann« war ein ziemlich unethisches Tanz- und Nachtlokal, und das wollte sich Thölemann nicht bieten lassen. Er wollte sich über Birkenfeld beschweren. Und es war das beste Zeugnis für diesen Leutnant, daß die Kameraden Thölemannen abrieten, weil man die Schimpfreden Birkenfelds nicht tragisch nehmen dürfe, und nicht am wenigsten trat Asmus für den Beleidiger ein. Er liebte solche Menschen, die sich von Temperament und Leidenschaft fortreißen ließen und es im Grunde des Herzens doch gut meinten; er fühlte sich ihnen verwandt. Übrigens überlegte sich Birkenfeld seine Diagnose noch einmal, bat Thölemann um Entschuldigung, und die Sache war erledigt.
Daß Schimpfen und Schimpfen zweierlei ist, das bewies Asmussen Seine Exzellenz der Herr
Schießunteroffizier. Asmus hatte durch irgendeinen Zufall keine Exerzierpatronen erhalten und sollte sie sich vom Schießunteroffizier holen. Er suchte den Herrn auf, nahm die vorschriftsmäßige Haltung ein und sagte:
»Darf ich bitten um meine Exerzierpatronen?«
Da sah der Herr Schießunteroffizier Asmus Sempern mit einem langen Blick sprachloser Entrüstung an. Endlich aber fand er Worte und sprach den gewichtigen Satz:
»Mensch, Sie sind doch ebenso dumm wie frech!«
Die grenzenlose Dummheit und Frechheit Asmussens lag nämlich darin, daß er annahm, der Herr Schießunteroffizier werde jetzt, außerhalb der Empfangszeit, Lust haben, ihm die Patronen zu geben.
Asmus, der über die erfahrene Beschimpfung bis hinter die Ohren errötet war, sah dem Manne scharf in die Augen und sagte nur:
»Der Herr Leutnant schickt mich.«
Keineswegs behauptete jetzt der Herr Unteroffizier, daß der Leutnant ebenso dumm wie frech sei; er beeilte sich vielmehr, Sempern die Patronen zu verabfolgen. Es war derselbe avancierte Bauernbursche, der einen Schulamtskandidaten darüber belehrt hatte, daß es nicht »Serschant«, sondern »Schersant« und nicht »Premjé-Leutnant«, sondern »Premihr-Leutnant« heiße.
Als Asmus mit seinen Patronen auf den Kasernenhof zurückkehrte und sich die empfangene Charakteristik wiederholte, da mußte er laut auflachen über die Komik der Situation. Aber als er der Physiognomie dieses Menschen gegenübergestanden hatte, da war es ihm doch heiß ins Gehirn geschossen, dem Lümmel hinter die Ohren zu schlagen; denn aus diesen kaltfrechen Augen hatte ihn die machttrunkene Brutalität der emporgekommenen Roheit, hatte ihn der Typus des Soldatenschinders angestarrt.
Und doch war der Schießunteroffizier noch lieb im Vergleich zu dem Assistenzarzt Dr. Rheinland.
XL. Kapitel.
Was? Hinkt der Kerl auf einem Fuß? Asmus lernt einen dummen und einen klugen Doktor kennen.
Asmus vertrug sich mit seinem Dienste ausgezeichnet; der »langsame Schritt« und die Gewehrgriffe waren ja nicht brennend interessant und mit Rousseau- oder Kantlektüre nicht zu vergleichen; aber er sagte sich, das Leben kann nicht immer kurzweilig sein, und wenn er eine Arbeit anfaßte, so machte er sie so gut wie möglich. Er hatte denn auch die ausdrückliche Anerkennung des Herrn von Birkenfeld und des magister magistorum Greifenberg gefunden. Und die Marsch- und Felddienstübungen waren nun geradezu ein Vergnügen und eine Lust. Sie lehrten ihn seine körperliche Kraft und Ausdauer kennen, die er weit unterschätzt hatte. Wenn er sah, daß er es bei voller feldmarschmäßiger Belastung im Laufen und Springen hügelauf und hügelab den Längsten und Dicksten gleichtat, ja länger aushielt als mancher Schlagetot – denn die Größten sind nicht die Stärksten – dann hob seine Brust ein unaussprechliches Glücksgefühl, das Gefühl
eines Siegers, der sich selbst überwand und seine ganze eigene Welt beherrscht. Oft klopfte ihm wild das Herz, und nicht immer ward es ihm leicht, dies Vorwärtsstürmen und Niederwerfen und Wiederaufspringen und Wiedervorwärtsstürmen; aber wie ein Rausch entzückte ihn das Gefühl, seine Kraft bis auf den letzten Rest und aus den verborgensten Quellen hervorzurufen und durch ein bloßes »Ich will« jede Schwierigkeit zu überwinden. Und zu allem hatte noch dies Kriegsspiel, dies Streifen durch Feld und Heide, dies auf Feldwache liegen und Patrouillengehen seine Schönheit, seinen Zauber, seine Poesie. Aber trotz alledem lahmte er eines Morgens; er hatte es mit dem langsamen Schritt und Parademarsch so gut gemeint, daß er sich eine Zerrung der Achillessehne am linken Fuße zugezogen hatte. Gleichwohl versuchte er regelrecht zu marschieren und den Schmerz zu verbeißen; aber er machte es damit nur schlimmer.
»Melden Sie sich revierkrank!« sagte Herr v. Birkenfeld.
Im Revier saß der Assistenzarzt Dr. Rheinland. Er würdigte die kranken Partien der Patienten kaum eines Blicks, im übrigen sah er sie überhaupt nicht an. Er kurierte ohne Ansehen der Person. Er drückte kräftig mit dem Finger auf die geschwollene Ferse des Musketiers Semper, und dieser zuckte zusammen.
»Was fällt Ihnen ein!« schnauzte der Herr Doktor. Asmus wußte noch nicht, daß ein
Soldat niemals zuckt. Er wußte freilich auch nicht, wie der Arzt sonst von seinen Schmerzen erfahren sollte, da er weder fragte, noch sich irgendwie auf eine weitere Untersuchung einließ. Er erklärte Sempern für dienstfähig; denn er gehörte zu jenen Militärärzten, die die Krankheiten wegmachen, ehe sie sie erkannt haben. Man macht auf diese Weise einen schneidigen Eindruck, schreckt die Simulanten ab, erzielt eine gute Gesundheitsstatistik und reicht weiter mit seinen Kenntnissen.
Natürlich hinkte Asmus weiter.
»Semper, hol’ Sie der Deubel! Sie hinken ja noch immer!« schrie der Leutnant.
Asmus berichtete, wie es ihm ergangen.
»Treten Sie aus und gehen Sie morgen wieder hin!« entschied Birkenfeld.
Am andern Morgen erschien Asmus wieder im Revier. Diesmal drückte Herr Rheinland nicht einmal mit dem Finger; er warf einen verächtlichen Blick auf die gemeine Soldatenferse und schrieb, daß der Musketier Semper dienstfähig sei.
Beim Parademarsch exerzierte der Musketier Semper genau wie ein Musketier Hephästos oder Mephistopheles.
»Semper!« brüllte v. Birkenfeld. »Herr Semper, ich befehle Ihnen, daß Sie das Hinken lassen; ich verbiete Ihnen einfach das Hinken, Herrrr!«
Die Befehle des Herrn Leutnants waren aber der Achillessehne nicht maßgebend.
»Musketier Semper!« schrie Herr v. Birkenfeld. Asmus faßte das Gewehr an und lief hinkend zu seinem Vorgesetzten. »Was hat denn der Arzt gesagt?«
»Er hat mich ohne Untersuchung und ohne ein Wort zu sprechen, dienstfähig geschrieben.«
»Also geh’n Sie nach Hause, legen Sie sich aufs Sofa und fragen Sie ’n studierten Mediziner. Wegtreten!«
Das tat Asmus. Der »studierte Mediziner« legte einen Verband an, und in zwei Tagen war die Sehne geheilt.
Im übrigen schied er von dieser Zeit mit unvergleichlich freundlicheren Gefühlen, als er sie beim Eintritt empfunden hatte. Freilich, das Leben in der Kaserne hatte er nur sehr flüchtig kennen gelernt und wenn er sich vorstellte: drei Jahre in der schrecklichen Banalität dieser Räume, in der erdrosselnden Prosa dieses »inneren Dienstes« verbringen – dann lief es ihm eiskalt den Rücken hinunter. Aber wenn er gerecht sein wollte, dann mußte er bekennen, daß in seiner Erfahrung die guten und heilsamen Eindrücke überwogen. Nicht wenig trug zu dieser Stimmung ein gehobenes Gesundheitsgefühl bei. Er war immer ein gesunder Mensch gewesen; aber jetzt ward ihm seine Gesundheit förmlich bewußt; er fühlte wie in einem Rausch seine Adern strotzen und seine Muskeln schwellen.
Von trüben Seminarzeiten abgesehen, hatte er auch immer einen gesegneten Appetit bekundet; aber nie hatte er solche Wonnen verzehrender Andacht empfunden, wie nach strammem Dienste vor den Würsten und Bierflaschen der Kantine. Wenn er nach vierstündigem Marsche solch eine Literflasche voll Braunbier an den Mund hob – denn der Soldat hat nicht immer ein Glas zur Hand – und minutenlang nicht wieder absetzte, dann schloß er fromm die Augen, und auch das war ein brünstiges Dankgebet an die Macht, die ihn gesund erschaffen und solcher Freuden fähig gemacht hatte. Überhaupt waren diese sechs Wochen ein Leben im Fleische; ihn interessierte nur Körperliches, und wenn er an sein Bücherbrett trat und auf den Rücken der Bände Namen wie »Lessing«, »Comenius« und »Euripides« las, dann kamen ihm diese Zivilisten wie Leute vor, von denen er in längst vergangenen Zeiten einmal hatte reden hören; der Gedanke, ein Buch herauszunehmen und zu lesen, erschien ihm vollkommen absurd. Der Körper ließ dem Geiste nur so viel Kraft übrig, als zu einer sanften Verblödung unbedingt nötig war: Asmus vegetierte in diesen sechs Wochen, und daran änderte selbst das geistige Moment des Dienstes, die Instruktionsstunden über Gewehrputzen, Rangverhältnisse und Kriegsartikel nichts Wesentliches, so schön sie auch manchmal sein mochten. Sergeant Greifenberg, der Lehrer von die Lehrers, wußte selbst die
einfachsten Dinge für die gescheitesten Köpfe unklar zu machen, und wenn er über das Schloß des Infanteriegewehres Modell 71 instruierte, dann hätte der Erfinder des Schlosses, wenn er zugehört hätte, seine eigene Erfindung nicht mehr verstanden. Herr von Birkenfeld hingegen betrieb die subtilsten logischen Sonderungen, besonders wenn er Kognak geladen hatte.
»Was ist Mut und was ist Tapferkeit?« fragte er eines Tages den Musketier Semper.
Asmus mußte sich einen Augenblick besinnen und sagte dann: »Mut und Tapferkeit sind wohl im wesentlichen dasselbe; eine Gemütsstimmung, die sich durch eine erkannte Gefahr nicht schrecken läßt. Man könnte sagen, daß der Mut mehr eine Sache persönlicher Veranlagung und mehr impulsiver Natur ist, während die Tapferkeit ein pflichtbewußtes Ausdauern in der Gefahr in sich schließt .....!«
»Nee, nee, das is nichts,« rief Herr von Birkenfeld abwinkend. »Gemütsstimmung, was Gemütsstimmung! Der Soldat hat keine Gemütsstimmungen! Wenn es heißt: die Mauer da muß hinuntergesprungen werden, dann springt er, und das ist Mut. Tapferkeit is hingegen ganz was andres. Tapferkeit zeigt der Soldat den feindlichen Kugeln und Bajonetten gegenüber!«
Von solchen Stunden kam Asmus immer sehr vergnügt nach Hause, und wenn dann seine Brüder Reinhold und Adalbert dastanden und
Front machten, dann dankte er ganz von oben herunter, etwa wie ein alleroberster Kriegsherr oder wie der Assistenzarzt Rheinland, wenn man ihm eine Achillesferse zeigte. Dann schrien Reinhold und Adalbert: »Seht den Hanswurst, er spielt sich auf!« Und dann zog Asmus das Seitengewehr und rief: »Bei Angriffen auf seine Soldatenehre darf der Soldat von der Waffe Gebrauch machen!« und nahm Aufstellung zum Brudermord.
Und noch an einem der letzten Nachmittage seiner Dienstzeit machte Asmus eine höchst sympathische Bekanntschaft. Ein Leutnant der Reserve erläuterte Plan und Idee der am Morgen unternommenen Felddienstübung, und er machte das so fein, so frisch und so klar, daß Asmussens Schulmeisterherz vor Freuden hüpfte. »Wenn das kein Schulmeister ist, so will ich Erzbischof sein,« dachte Asmus, und als die Entladung aus dem Dienste in der Kantine mit einem gemeinsamen Trunk gefeiert wurde, kam Asmus in die Nachbarschaft desselben Leutnants, der sich bald als Gymnasiallehrer Dr. Rumolt zu erkennen gab.
Man sang das gefühl- und weihevolle Lied:
»Nach so viel Kreuz und ausgestandenen Leiden, ja! Erwarten euch die himmlischen Freuden, ja!«
»Ja, ja, die himmlischen Freuden!« sagte Rumolt. »Jetzt geht’s wieder in die Schulstube.«
»Ja!« versetzte Asmus mit Fröhlichkeit.
»Freuen Sie sich darauf?«
»O ja!«
»Dann sind Sie ein glücklicher Mensch.«
»Sind Sie nicht gern Lehrer?«
»O,« machte Rumolt, »ich wüßte nichts Schöneres als Lehrer sein – wenn man es nur sein könnte.«
»Wie meinen Sie das?« fragte Asmus begierig, und nun kamen sie in ein Gespräch über moderne Erziehung, und Asmus machte in diesem Manne einen Fund, der ihm in den kommenden Kämpfen mit dem System Drögemüller ein Labsal werden sollte.
XLI. Kapitel.
Die Schule am Wiesenhang.
Und die Kämpfe mit diesem System nahmen bald wieder ihren frisch-fröhlichen Anfang, und in Asmussen stiegen lebhafte Zweifel darüber auf, ob es sich angenehmer unter dem Korporalstock oder unter dem Federhalter eines Bureaukraten lebe. Es war gar nicht zu leugnen, Drögemüller hatte meistens den Buchstaben des Gesetzes für sich, und es gab viele Gesetze mit vielen Buchstaben. Diese Gesetze konnten erträglich sein in der Hand eines Mannes, der den Geist vom Buchstaben zu sondern wußte; er aber verschärfte diese Gesetze noch durch seine Persönlichkeit. Wenn man ihm klarzumachen suchte, daß der Lehrer ein Künstler sei, der zu seinem Werk der freien Bewegung, der guten Laune und einer schaffensfröhlichen Stimmung bedürfe, den man deshalb mit Liberalität und mit Achtung vor seiner Eigenart behandeln müsse, dann zeigte Drögemüllers Angesicht ein irres, aber überlegenes Lächeln, als spräche man Chinesisch zu ihm und als verstünde er das
Chinesische besser. Wenn die Verordnung vier schriftliche Hausarbeiten in der Woche vorschrieb und nur drei gemacht waren, dann kümmerte es Drögemüller nicht, daß der Verbrecher mit aufopfernder Begeisterung und treustem Eifer zu arbeiten pflegte und seine Klasse so weit fortgeschritten war wie irgendeine – er kannte keine Scham vor dem Geiste und bestand auf seinem Schein. Nicht das Geschaffene zu würdigen und zu mehren, sondern auf Übertretungen zu fahnden – darin erkannte er seinen göttlichen Beruf. Zu diesem Zwecke schlich er überall mit seinem Notizbuch umher, zu diesem Zwecke horchte er sogar an den Türen, und es verbesserte seine Stimmung gegen Asmussen nicht, als dieser eines Tages eine Tür, hinter der er Herrn Drögemüller ahnte, mit großer Kraft öffnete und dabei den spitzesten Ellbogen des Vorgesetzten traf.
»Pardon,« sagte Asmus, »ich konnte nicht ahnen, daß Sie hinter der Tür ständen.«
Wenn sich nun auch Asmus bewußt war, daß er alles leistete, was eine menschliche Behörde von ihm verlangen konnte, so verdarb ihm doch diese Aufpasserei einen Teil seiner besten Kraft. Ihm war dabei zumute wie dem Reisenden, der eine geweihte Stätte besucht und der aus allen Winkeln trinkgeldsaugende Blicke auf sich gerichtet sieht; eine große, freie Bewegung des Herzens konnte nicht aufkommen. So war es denn Trost und Erquickung, mit
Dr. Rumolt, seinem neuen Freunde, in freien Abendstunden von der Schule der Zukunft wenigstens reden zu können.
Sie waren die Flottbeker Chaussee, die lieblichste Landstraße der Welt, hinuntergewandert, waren in einen zum Flußufer hinabführenden Engpaß eingebogen und hatten sich auf einer Bank in halber Höhe des Weges niedergelassen. Vor ihnen breitete sich ein beblümter Wiesenhang, von Gebüsch umkränzt, und über die Büsche hinweg sah man den großen, stillen, majestätischen Strom. Die Wiese gehörte zu einem Mühlengehöft, und die alte Mühle drehte schläfrig ihre Flügel.
»Sehen Sie,« sagte Rumolt, »das wär’ eine Schulstube, gelt? Was meinen Sie: auf dieser Wiese mit seinen Jungens oder Mädels liegen und von Gras und Blumen sprechen, von Frosch und Schmetterling, von Busch und Baum, von Rind und Schaf, von Müller und Mühle, von Schiff und Seefahrt, von den Flotten der Hansa und von Störtebekers Räuberfahrten, und dann mit Jungen oder Mädchen hinunterrudern oder -segeln und ihnen zeigen, wo die Helden der Gudrunsage auf dem Wulpensande kämpften und wo Hettel von Hegelingen gewohnt. Meinen Sie nicht, daß ihnen da eine andere Welt aufgehen würde als die, die ihnen zwischen vier Mauern als »Welt« vorgetäuscht wird?«
»Das meine ich allerdings.«
»Hinaus ins Freie! – Das ist das ganze Geheimnis der Pädagogik. Die Welt anschauen und anfassen, das ist alles. Sie nennen es bei Gott Anschauung, wenn sie Bilder und Präparate im Zimmer vorzeigen. Das ist, wie wenn jemand einen Vortrag übers Meer halten und zur Veranschaulichung ein paar Tropfen Seewasser in einem Probiergläschen vorzeigen wollte. Sie zeigen ein paar Tropfen vom Meere des Lebens. – Sehen Sie hier, diese Wiese, dieses Gehöft, dieser Strom, so weit wir ihn sehen, dieser Himmel, sie umschließen nahezu alles menschliche Wissen und Erkennen. Auf diesem Fleckchen könnte man eigentlich alles lernen, was der Mensch wissen und brauchen kann.«
»Aber auf die Dauer würde es Ihren Schülern langweilig werden.«
»Gewiß, wir wollen ja auch von Ort zu Ort wandern. Ich will ja nur zeigen, daß die Natur überall Millionen Anknüpfungspunkte bietet, die in der Schulstube nur in der Einbildung vorhanden sind. Denn das Wissen der Schule ist gar kein Wissen. Wissen ist Können; nur was man kann, das weiß man auch. Selbst handeln, selbst schaffen muß das Kind, wenn es lernen soll. Wenn ich frei in meinem Beruf wäre, so müßten meine Schüler ohne Ausnahme Ackerbau treiben. Nicht, daß sie alle Landleute würden, bewahre; viele würden ja gar kein Talent dazu haben – aber der Ackerbau
umfaßt nahezu den ganzen Kreis des menschlichen Wissens und Könnens, und er lehrt dieses Wissen und Können durch Tat!«
»Der Unterricht, wie Sie sich ihn denken,« sagte Asmus, »würde allerdings eine wesentlich kleinere Schülerzahl voraussetzen.«
»Gewiß,« fuhr Rumolt fort. »Ich denke, ein Lehrer kann nur so viele Kinder wirklich erziehen, wie ein Vater allenfalls erziehen kann, und zwölf, die ehrwürdige Patriarchenzahl, erscheint mir da als das äußerste Maß.«
»Da brauchen wir viele Lehrer, und zwar Männer von außerordentlich vielseitiger Bildung.«
»Daß unsere Lehrer eine bessere Bildung empfangen könnten, als sie auf Seminaren und Universitäten meistens finden, daß sie ihre beste Kraft in einem öden Datenwissen verzehren und verzetteln müssen, das wissen Sie so gut wie ich. Im übrigen aber dürfen Sie sich meinen Lehrer nicht wie einen allwissenden Magister von heute vorstellen. Er wird sich nicht schämen, ein Lernender mit Lernenden zu sein, und wird keinen Augenblick zaudern, zu sagen: ‘Das weiß ich nicht, ich werde mich zu unterrichten suchen’, oder ‘Forscht selber nach, und wer es gefunden hat, der sag es uns’.«
»Der banalste Einwand ist der gewichtigste,« meinte Asmus, »das Geld. Der Staat müßte sich einen ganz andern Schulsäckel zulegen als den heutigen.«
»Ja – hahahaha – das müßte er,« lachte Rumolt. »Er müßte sich an den eigentlich doch recht naheliegenden Gedanken gewöhnen, daß er keine höhere Aufgabe hat als die Erziehung seiner Bürger, daß er gar nicht besser für seinen eigenen Bestand sorgen kann als durch die Erziehung seiner Bürger, und daß er darum kein größeres Budget haben sollte als sein Erziehungsbudget.«
»Statt dessen macht er das Einjährigen-Zeugnis zum Erziehungsideal,« bemerkte Asmus.
»Ja!« Rumolt schlug ihm lachend aufs Knie. »Ist eigentlich eine ärgere Posse denkbar? Eine militärische Vergünstigung als Speck in der Seelenfalle! Und nach diesem Zeugnis müssen sie nun alle ohne Unterschied streben – die das Geld dazu haben, natürlich – und alle, die im Leben »etwas Besseres« werden wollen, müssen dasselbe famose Abiturium machen. Da schimpfen sie auf die Gleichmacherei der Kommunisten und Sozialdemokraten – aber gibt es eigentlich eine schlimmere Gleichmacherei als unsere Prüfungsvorschriften? Da hab ich einen Burschen in der Untersekunda, einen Prachtbengel, vorzüglich begabt in der Mathematik und allen Naturwissenschaften, von merkwürdigem Geschick in allem Technischen – was er anfaßt, gelingt ihm, und obendrein noch hochmusikalisch. Aber auf dem Kriegsfuß mit allem, was fremde Sprachen heißt. Nun sitzt er das zweite Jahr in meiner Klasse, und wenn seine
fremdsprachlichen Leistungen nicht besser werden – und dazu ist keine Hoffnung – dann bleibt er zu Ostern wieder sitzen und erreicht nicht einmal das Einjährigen-Zeugnis. Und ich halt es für sehr wohl möglich, daß er nach sieben Jahren der Angst und Mühe hingeht und sich erschießt. Nun frage ich Sie: warum soll dieser Mensch nicht auf die Universität gehen und Naturwissenschaften studieren, warum soll er nicht aufs Polytechnikum gehen und Ingenieur werden dürfen? Wäre nicht denkbar, daß er einmal von seinem Laboratorium aus die Welt aus den Angeln höbe, ohne den Beistand der Herren Xenophon, Ovid und Victor Hugo? Doch –« Rumolt zeigte nach Westen –
»Doch laß uns dieser Stunde schönes Gut Durch solchen Trübsinn nicht verkümmern! – Sie rückt, sie weicht, der Tag ist überlebt!«
Was denken Sie, wenn man bei solchem Anblick mit seinen Schülern von der Sonne spräche, nicht von ihrer chemischen Zusammensetzung und ihrem Kubikinhalt – das würd’ ich am Tage tun –, aber von den Ländern, denen sie jetzt das erste Licht bringt, von der Sonne als Gottheit und Symbol, von Karl Moors Wehmut: ‘So stirbt ein Held’ und von Faustens Sehnsucht, ihr zu folgen? Müßten da nicht in den Seelen der Kinder und Jünglinge wie von selbst die Ewigkeitsgedanken erwachen?«
XLII. Kapitel.
Der Skat und die Metaphysik, das Billard und Emilia Galotti, Herr Strecker und die deutsche Treue, Herr Drögemüller und ein Krach.
Erholung und Stütze fand Asmus auch bei den Herren seiner Schule, und es hatte nicht lange gewährt, bis er, einen einzigen ausgenommen, zu allen in das beste kollegiale Verhältnis kam. Wie natürlich, hatte aber sein Herz unter diesen Männern eine engere Wahl getroffen und am besten hatten ihm zwei gefallen, Fritz Goers, ein wohlbeleibter, jovialer Riese, der Asmussens Vater sein konnte, und Klaus Heide, ein sehniger, knorriger Dithmarscher. Und wenn es nun in den Konferenzen etwas Gutes und Neues durchzusetzen galt, zogen diese Triumvirn an einem Strang.
Aber sie zogen nicht nur an einem Strang, sie sogen auch oft an einem Trank, der bei Herrn Kuhlmann besonders kühl und frisch verzapft wurde. Herr Kuhlmann hieß Akademos, und sein Garten wurde die Akademie genannt. Es war für Asmus zunächst eine Skat- und Billard-Akademie. Dem Skat vermochte er
keinen Geschmack abzugewinnen; er gewann es nicht über sich, diese Kunst mit dem strengen, sittlichen Ernste zu üben, den sie verlangte; er dachte immer an irgend etwas andres, »wimmelte« Aß und Zehn in die Stiche des Gegners hinein und hatte außer fortgesetzten Verweisen wegen Unaufmerksamkeit nichts davon als die Ehre, bezahlen zu dürfen. Dagegen entwickelte er unter Goehrs, des Riesen mildväterlicher Führung das Billardspiel zur Leidenschaft. Um Mitternacht begann dann die pädagogisch-ästhetisch-philosophische Sitzung, die Heide gewöhnlich durch irgendein wildes Paradoxon eröffnete, welches Paradoxon dem Asmus Semper alsbald wie eine Rakete durch den Leib fuhr. Damit es an Meinungen und Temperament nicht fehle, kam gewöhnlich noch Heides Freund, der kleine Stockelsdorf hinzu, und in der Regel endeten diese schweren Verhandlungen morgens um sechs Uhr unter einer Straßenlaterne, mit einem Streit über die Frage, ob Raum und Zeit Anschauungen a posteriori oder a priori seien, oder über ähnliche Bagatellfragen, und die vorübergehenden Milch- und Brotleute pflegten sich über die Erregung der Herren baß zu verwundern. Eines herbstlichen Abends aber, als sie auf dem Hamburger Gänsemarkt, dem Lessing-Denkmal gegenüber, in einem Café saßen, ward Asmus plötzlich stumm.
»Was hast du?« fragte Heide, der Dithmarscher.
»Ich betrachte schon eine ganze Zeit lang dies wunderbare Licht da auf dem Scheitel des Lessing,« sagte Asmus, »und kann mir nicht erklären, woher dieser rötliche Schein kommt. Diese Erscheinung hat für mich etwas Ergreifendes.«
Die andern bestätigten seine Beobachtung und zerbrachen sich den Kopf, wo dieses magische Licht seinen Ursprung haben möge.
»Das ist die Sonne,« sagte der Kellner, der eben eine Runde Grog brachte.
»Wieso Sonne?« rief Asmus. »Die Mitternachtssonne, was?«
»Es ist sechs Uhr,« sagte der Kellner.
Die vier zogen gleichzeitig die Uhr. Es war sechs. Sie hatten in ihrer Unschuld gemeint, es sei ein bißchen nach Mitternacht.
Jetzt tranken sie ihren Grog aus, traten auf den Markt hinaus und hatten vor dem Lessing-Denkmal noch einen dreiviertelstündigen Streit darüber, ob Emilia Galotti den Prinzen liebe oder nicht; dann schlenderten sie in die Vorstadt hinaus und befriedigten auf dem Wege unaufhörlich metaphysische Bedürfnisse.
»Wie kann ein Volk wie das französische ohne Metaphysik leben!« krähte Stockelsdorf um die Wette mit einem Hahn, der aus einem nahen Stalle seinen Weckruf erschallen ließ.
Und Asmus, der nicht ohne Metaphysik leben konnte, bewies Stockelsdorfen, daß man sehr gut ohne Metaphysik leben könne; denn
es war in diesem Kreise stillschweigendes Gesetz, daß keine Behauptung unwiderlegt bleiben dürfe. Das war eine gute Übung; denn was sie dabei an Unsinn produziert hatten, das fiel ihnen am andern Tage von selbst ein und war eine wohltätige Verschärfung ihres Katers.
Trotz dieser außerordentlichen Anstrengungen schnitt Asmussens Klasse bei der Osterprüfung vortrefflich ab, und ein angesehener Spezialist des Rechenunterrichts sagte: »Die Klasse rechnet besser als die meine.« Auch Herr Drögemüller fand nicht das geringste zu erinnern; aber Frieden konnte er darum doch nicht halten. Der Bund der Triumvirn war ihm ein Pfahl im Fleische; denn die Festigkeit der Dreie steifte auch andern Herren den Nacken. Freilich hatte er einen gewissen Trost und eine stille Freude an Herrn Strecker. Herr Strecker war ein Mann, der wiederholt nicht nur vor dem ökonomischen, sondern vor allen möglichen anderen Bankrotten gestanden hatte. Als es am schlimmsten um ihn stand, hatte er Buß’ und Reu’ in sich erweckt; fromme Hände, die gewöhnlich mächtig sind, hatten ihm unter die Arme gegriffen und ihn vor der Katastrophe bewahrt, und nun suchte er den oberen Stellen seine Schönheit zu beweisen durch strotzende Religiosität, heftigen Patriotismus mit gelegentlicher Denunziation von Majestätsbeleidigern und durch lackierte Pflichterfüllung. Seine Schüler sprangen wie ein Mann auf die Füße,
wenn der Herr Hauptlehrer eintrat, gingen auf dem Hofe immer genau zu Vieren, und jeden Morgen eröffnete er mit Gebet und Choral. Zwar kam er manchmal zu spät; aber seine Schüler konnten ihn schon von weitem die Straße heraufkommen sehen, und wenn er dann den Schirm hob, setzten sie sofort ein mit
»Dich seh’ ich wieder, Morgenlicht! –«
so vorzüglich waren sie geschult. Seine Hefte waren immer richtig korrigiert; er hatte aber auch für die Korrektur der Hefte, die größte Plage des Lehrers, ein ingeniöses, zeit- und nervensparendes Verfahren erfunden. Der Präparand nämlich, der bei ihm hospitieren und die Kunst des Unterrichtens erlauschen sollte, stand hinter einer geöffneten Schranktür, hatte im Schrank die Hefte und die rote Tinte vor sich und korrigierte. Wenn dann Herr Drögemüller zur Tür hereintrat, rief Herr Strecker:
»Rieffelstahl! Sitz gerade!« oder
»Rieffelstahl! Schau hierher!«
und »Rieffelstahl!« war immer das Zeichen, daß der Präparand die Schranktür unauffällig schließen und mit einem sittlich reinen Angesichte hervortreten solle. Solche Mannen wie Strecker – »ich bin ein deutscher Mann«, pflegte er zu sagen, – sind nun freilich keine starken Helfer im offenen Streit; aber er trug seinem Hauptlehrer manche schätzenswerte Nachricht über seine Kollegen zu; auch er führte ein Notizbuch. Und so berichtete er Herrn Drögemüller unter anderem,
daß Herr Semper im Zeichenunterricht allerlei Allotria treibe, die gar nicht im Lehrplan dieses Unterrichts stünden.
Asmussens Schüler hatten nämlich schweigend, aber deutlich gezeigt, daß sie die unaufhörliche Fabrikation von senkrechten, wagerechten und schrägen Strichen, von Vierecken, Dreiecken, Sechsecken und ähnlichen schönen Figuren betäubend langweilig fänden, und Asmus hatte ihnen darin von Herzen zugestimmt. Er ließ sie darum im letzten Teil der Stunde allerlei Dinge zeichnen, die ihnen Vergnügen machten und die sie mit Feuereifer nachzubilden suchten. Er verfolgte damit ein Prinzip, von dem ihm schien, daß jeder vernünftige Unterricht es zum Ausgang nehmen solle. Da kam Herr Drögemüller in die Stunde, ging zwischen den Bänken umher und entbot dann Herrn Semper für die nächste Pause in sein Kontor.
»Herr Semper, ich muß Sie abermals ersuchen, sich in Ihren Stunden durchaus an den Lehrplan zu halten.«
Asmus zwang sich zur Ruhe und versuchte, seinem Chef in höflichster Form seine Beweggründe mitzuteilen. Um gerade Striche machen zu lernen, sei es doch nicht nötig, daß man ununterbrochen gerade Striche nebeneinander setze; man könne das doch auch an Figuren lernen, die dem Leben entnommen seien: oberstes Gesetz sei doch, daß der Unterricht lebendig und interessant sei; Striche und Quadrate seien aber
weder lebendig noch interessant für kleine Kinder ...
Aber das waren sozusagen Gedanken, und auf Gedanken ließ sich Drögemüller, um kein Präjudiz zu schaffen, niemals ein.
»O, Herr Semper,« rief er, »Quadrate sind wohl interessant, wenn Sie sie nur vorher mit den Kindern ausführlich besprechen, wie ich es Ihnen gezeigt habe.«
»Was Sie mir gezeigt haben, ist Geometrie und gehört – da Sie doch immer auf den Lehrplan pochen – in eine höhere Klasse. Das würde mich nun zwar nicht hindern; aber eine lange und breite Besprechung des Quadrats würde die Kinder schon deshalb öden, weil sie gar nicht begreifen würden, was ein Quadrat sie überhaupt angehe.«
Mit dem Hinweis auf den Lehrplan hatte dieser fatale Semper recht, und darum wurde Drögemüller jetzt ganz unangenehm.
»Herr Semper,« heulte er nach Art einer Schiffsirene, »ich frage Sie formell und dienstlich, ob Sie sich meinen Anordnungen fügen wollen oder nicht!«
»In diesem Falle nein,« versetzte Asmus.
»Gut. Dann werde ich dem Herrn Schulrat Bericht erstatten.«
»Ich auch,« sagte Asmus und ging.
Nach drei Tagen hatte er die Vorladung vor den Schulrat Dr. Korn.
XLIII. Kapitel.
Von zweierlei Schulräten.
Als er am Abend mit Doktor Rumolt spazierte, zeigte er ihm die Vorladung und erzählte, was vorhergegangen.
»Haha« – Rumolt lachte bitter auf, und dann fuhr er wehmütigen Tones fort: »Das wird Ihnen noch oft begegnen, lieber Freund. Nirgends ist der Fortschritt verhaßter, nirgends werden neue Ideen feindseliger befehdet als in der Pädagogik. Denken Sie z. B. an unsern braven Valentin Ickelsamer. Der fand zu Luthers Zeiten, daß es ein Unsinn sei, die Kinder nach Buchstabennamen lesen zu lehren, man müsse das Wort in seine wirklichen Laute zerlegen und die Kinder lautierend lesen lassen. Er machte das damals schon so klar, daß es ein Schwachkopf begreifen konnte. Und in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts entschloß die Schule sich wirklich, diesen einfachen und darum freilich genialen Gedanken zur Ausführung zu bringen. Aber das ist ein Beispiel von fabelhafter Geschwindigkeit. In den
Klosterschulen des Mittelalters bildete man den Geist am Griechischen und Lateinischen, weil man nichts Besseres hatte; heute bildet man den Geist unserer Jugend am Griechischen und Lateinischen mit der ernsten Gesichtes abgegebenen Versicherung, daß man nichts Besseres habe. Der typische Scholarch weist jede ernste und gründliche Neuerung mit einem durch die kommenden Jahrhunderte gestreckten Arme von sich, und wenn er im Gegensatz zu einem Vorgänger den Aorist vor dem Perfekt behandelt, hält er sich für einen Umstürzler. Ich habe ein Buch erscheinen lassen ‘Das Recht des Schülers’ –«
»Ich kenne es,« sagte Asmus, »und freue mich, daß es so großen Anklang gefunden hat.«
»Anklang, ja aber bei den Kollegen war der Anklang nur schwach, der Widerspruch um so stärker. Das ist kein Unglück, soweit es offener und durchdachter Widerspruch ist. Aber was muß ich erleben? Kaum ein Tag vergeht, daß ich nicht im Konferenzzimmer, recht auffällig auf den Tisch gelegt, irgend eine abfällige Kritik meines Buches finde, in der die Kraftstellen mit roter Tinte angestrichen sind. Kein Gespräch verläuft ohne hämische Seitenhiebe gegen mich und meine Ideen; keine Wochenrede meines Direktors geht zu Ende ohne einige Fußtritte, bei denen die Schüler sich zuraunen: ‘Das geht auf Rumolt.’ Die Herren glauben, daß ihre Kritik mich verletze, und haben keine Ahnung, daß es ihr Wesen ist, das mich verwundet.
Ich habe keinen frohen Tag mehr, und da ich von meinen Ideen und ihrer Verkündung nicht lassen kann, so werde ich über kurz oder lang das Spiel verlaufen müssen.«
»Das ist traurig,« sagte Asmus gedankenvoll, »traurig und schrecklich. Ich gestehe Ihnen offen, daß auch ich gegen Ihre Schrift manches einzuwenden habe; aber das Ganze Ihrer Gedanken und Forderungen erschien mir wahr und herrlich. Und sollten nun nicht die Menschen jubelnd herbeieilen und rufen: Hier ist etwas Neues und Köstliches – es ist noch nicht vollkommen – aber kommt alle herbei, es zu hegen und zu fördern, etwa so wie die Verwandten sich fröhlich um eine Wiege scharen und sich geloben, das Neugeborene zu schützen und zu pflegen, daß es groß und stark werde?«
»Lassen Sie sich zur Antwort darauf erzählen, daß mein Direktor mich seit Wochen an allen Ecken und Enden inspiziert und zurechtweist, obwohl er ganz genau weiß, daß ich meine Pflicht tue. Er will mir zu Gemüte führen, wie vermessen es von einem fehlbaren Menschen gewesen, gegen den von Gott geoffenbarten Gymnasialunterricht zu schreiben. Und gestern war auch richtig der Herr Regierungs- und Schulrat da und hospitierte vier Stunden hintereinander bei mir. ‘Suchet, so werdet Ihr finden,’ sagt der rachsüchtige Gerichtsdiener bei Hebbel. Und natürlich wurde was gefunden. ‘Gebt mir zwei Worte von
einem Menschen, und ich will ihn an den Galgen bringen.’ Laßt einen Schulmeister fünf Minuten unterrichten, und ich will ihm den Hals brechen. Zwar den Hals konnte mir der Herr Regierungsrat nicht brechen; aber hundert Nadelstiche erzielen ja mit der Zeit denselben Effekt. ‘Sie haben die und die Gesänge der Odyssee nicht behandelt.’ – ‘Sie haben am 13. April das vorgeschriebene Extemporale ausfallen lassen.’ – ‘Sie sind mit dem Geschichtspensum im Rückstand’ usw. usw. Es stimmte alles. Und wenn der Mann gesagt hätte: Ihr ganzer Unterricht taugt nichts, so würde er für jenen Tag gewiß und vielleicht überhaupt recht gehabt haben; denn wenn man in den Zwiespalt zwischen Altem und Neuem gestellt ist, kann man nichts Ganzes schaffen. Nach meinen Ideen darf ich nicht arbeiten, und nach den alten kann ich nicht arbeiten, weil es gegen das Herz ist.«
»Aber forschte er denn nicht vor allen Dingen, ob Ihre Schüler geistig frisch und lebendig seien, ob sie einen neuen Stoff mit Begierde und Klarheit ergriffen, ob sie in sittlicher Hinsicht lauter, ehrlich, wahrhaftig seien –«
»Vielleicht tat er das im stillen – ich sah ihn freilich keine Anstrengungen machen. Dazu war er ja auch nicht geholt und geschickt. ’Rumolt soll stranguliert werden,’ flüsterten sich die
Schüler zu. Die Jugend hat jenes intuitive Auge, das durch die Hüllen dringt.«
Die Stimmung, mit der Asmus dem Besuch beim Schulrat entgegensah, war durch das Gespräch nicht gehoben worden. Um so fester war er entschlossen, sich nichts Unwürdiges bieten zu lassen.
Als er ins Amtszimmer des Schulrats gerufen wurde, saß Drögemüller schon da. Asmus verbeugte sich vor dem Schulrat, und dieser rief:
»Juten Tag, Herr Semper. Setzen Sie sich.«
»Herr Drögemüller,« begann alsdann der Schulrat, »hat allerlei Klagen jegen Sie vorjebracht. Meistens handelt es sich um Kleinigkeiten, die ich nich berühren will. Aber Herr Drögemüller beschuldigt Sie der fortgesetzten Renitenz; was haben Sie dazu zu sagen.«
»Herr Schulrat,« sagte Asmus, »ich kann Sie ja selbst als Zeugen darüber anrufen, ob ich in den vierundeinhalb Jahren, da ich Ihr Schüler war, eine renitente Veranlagung bekundet habe –«
»Det haben Se nich,« sagte Korn mit Nachdruck.
»Ich bin auch nicht so töricht, zu meinen, daß ein Hauptlehrer lauter vortreffliche Anordnungen treffen müsse und daß ein Lehrer berechtigt sei, sich gegen jede Verfügung, die ihm verfehlt erscheint, aufzulehnen. Ich füge mich gern, soweit es möglich ist, wenn man mir mit Vertrauen begegnet und wenn man mich nicht
in meinen besten Kräften lahmlegt. Das tut aber Herr Drögemüller. Gleich zu Anfang schon verlangte Herr Drögemüller von uns drei neuangestellten Lehrern, daß wir alle auf dieselbe Weise den Leseunterricht erteilen sollten, und zwar auf die von ihm vorgeschriebene Weise –«
»Aber Herr Semper,« lachte Korn, »det müssen Se mißverstanden haben; sonst müßte ja Herr Drögemüller (er deutete auf seine Stirn) hier nich janz richtig sein!«
Drögemüller erblaßte sehr tief. »Ich habe es keineswegs befohlen,« stammelte er, »ich habe es nur gewünscht –«
»Warum?« fragte Korn.
»Weil – weil es doch wünschenswert ist, daß der Unterricht an einer Schule gleichmäßig erteilt wird.«
»Warum?« fragte Korn.
»Nun – es ist dann doch – alles – übersichtlicher –.« Drögemüller machte eine vage Handbewegung.
»Wieso?« forschte der grausame Korn.
»Man kann doch dann die Fortschritte besser kontrollieren.«
»So. Na, dann weiß ich schon Bescheid. Wat woll’n Sie sagen, Herr Semper?«
»Herr Drögemüller hat allerdings die Form des Wunsches, aber den Ton des Befehls gewählt, und da ich diesen Wünschen nicht nachkomme, verfolgt er mich mit Aufpassereien, die
mich ärgern und kränken müssen und die mir die Lust an der Arbeit vernichten.«
»Na ja, zum Aufpassen ist Herr Drögemüller ja da,« sagte Korn, der das Gefühl hatte, daß er den zusammengesunkenen Drögemüller ein wenig wieder aufrichten müsse; »es gibt leider auch faule und unfähige Lehrer, die einen Aufpasser brauchen. Aber schikaniert wird hier keiner«, fuhr er mit erhobener Stimme und mit einem Seitenblick auf den Ankläger fort. »Wenn ein Lehrer was kann und was will, dann soll er jede mögliche Freiheit jenießen und nicht mit Quisquilien behelligt werden. Aber verjessen Se nich, Herr Semper, dat Se Beamter sind, den Rat jebe ich Ihnen. – Sie können jehen, Herr Drögemüller. Sie bleiben noch, Herr Semper.«
»Soll ick Sie an die Seminarschule versetzen?« fragte Korn, als sie allein waren.
Das war sozusagen eine Beförderung; denn es stand fest, daß die Lehrer an der Seminarschule schneller avancierten als die anderen. Mit dieser Kenntnis hatte Asmus immer die Vorstellung von Karrierenluft verbunden, und diese bloße Vorstellung genügte, ihn zurückzuschrecken. Es mußte ja Aufpasser geben in der Welt; aber er mochte keiner sein. Und wo man Karriere machte, da paßten gar die Strebenden einer auf den andern! Er fand es ungleich schöner, immer in unmittelbarer Verbindung
mit den Kindern zu bleiben. Konnte man sich Pestalozzi als inspizierenden Oberlehrer denken? Asmus sah ihn immer nur unter Kindern.
»Ich danke Ihnen sehr, Herr Schulrat,« sagte Asmus, »aber ich möchte die Kinder, die ich nun einigermaßen kenne, noch einige Jahre weiterführen. Und dann hab’ ich in meinem Kollegium so liebe Freunde gefunden, daß ich mich ungern von ihnen trennen würde –«
»Na, wenn Se nich wollen –« rief Korn in halber Verstimmung, »denn sehn Se zu, wie Sie sich mit dem Drögemüller vertragen. Mit’m Kopp durch die Wand kann keiner, und jefallen lassen müssen wir uns alle was. Ich auch. Adieu!«
»Adieu, Herr Schulrat. Herzlichen Dank!«
Asmus verließ das Gebäude der Oberschulbehörde mit dem frohen Gefühl, daß es Männer gebe, denen alle hierarchische Rangordnung nichts gelte, wenn es sich um Recht und Billigkeit handle. Er war fest überzeugt, daß die Welt überhaupt so eingerichtet sei, und daß man, wenn man sich nur nicht beim Unrecht beruhige, immer zuletzt den Ort finden müsse, wo das Recht in smaragdener Schale ausgehoben und gehütet sei wie das heilige Blut der Welt. So blickte er gläubig und heiter in den schönen Frühlingstag, während zu Hause auf seinem Tische das Schicksal lag und lauerte, um ihm die Krallen ins Fleisch zu schlagen.
XLIV. Kapitel.
Zwei Briefe, und jeder ein Schlag.
Er hatte seinen Eltern nichts von der Vorladung vor den Schulrat gesagt, um sie nicht zu beunruhigen; er sagte ihnen auch nichts von dem Ausgange; denn seine Mutter würde doch Bemerkungen über seinen »Hitzkopf« gemacht haben. Eben weil sie so hitzköpfig war, verurteilte sie alle Hitzköpfigkeit.
»Drinnen auf’m Tisch liegen zwei Briefe für dich,« sagte Frau Rebekka.
Eilig ging er hinein, öffnete den einen der Briefe und las:
Hilde Chavonne
Hermann Kiefer
Verlobte.
Hamburg, den – – – – –
Das Blatt war seinen Händen entfallen.
Er sah nach der Tür – sie war noch offen – schnell ging er hin und drückte sie ins Schloß. Nur allein sein. Dann ließ er sich auf einen Stuhl fallen.
Merkwürdig, wie ihn das traf. War es denn nicht selbstverständlich, daß Hilde Chavonne sich einmal verlobte? Und hatte er denn je geglaubt, sie werde sich mit ihm verloben? Nein, nicht einmal im Traum hatte er das gehofft. Darum hatte er ja auch nie die geringste Anstrengung gemacht, sie zu gewinnen. Er war ihr während des letzten Jahres fast völlig ferngeblieben, nicht eigentlich mit Absicht; aber da es sich so gefügt hatte, daß sie sich nur selten und flüchtig sahen, war es ihm recht gewesen. Vor einem Vierteljahr hatte er sie zuletzt gesehen, an einem Festabend der »Treue von 1880«, als er mit einem hübschen Mädchen zusammen ein Duett gesungen hatte. Das Fräulein Chavonne war an jenem Abend sehr still, sehr ernst, und obwohl freundlich, doch sehr zurückhaltend gewesen.
Und jetzt – verlobt! –
Er war längst wieder aufgesprungen und hatte instinktiv zu seinem Beruhigungsmittel gegriffen: zum Wandern. Auf und ab gehen, immer auf und ab, dann hat man das Gefühl der Bewegung, das Gefühl: Es geht vorüber – es geht vorüber.
Sie ist verlobt! Wie konnte sie ihm das antun! Haha – im selben Augenblick mußte er laut auflachen. Hatte sie denn die geringste Verpflichtung, auf ihn zu warten, auf ihn? Hatte er ihr das geringste Zeichen gegeben, daß sie auf ihn warten solle? Hatte er überhaupt
ans Heiraten gedacht? Nein, er, der als Präparand alles heiraten wollte, was ihm in den Weg kam, er hatte in den letzten Jahren das Heiraten als ein Ding angesehen, das noch in weiter Ferne liege; ja, es war ihm eine gewisse Beruhigung gewesen, daß es mit dem Kniefall und mit der langen Liebeserklärung in Periodenform noch gute Weile habe. Seine Arbeit, sein Beruf hatten sein ganzes Interesse aufgesogen.
Jetzt, jetzt mit einem Male wußte er’s: Nur an Hilde hatte er gedacht, wenn er überhaupt an eine Frau gedacht hatte. Wenn er sich das Weib an sich gedacht hatte, das hehre Weib, das edle Weib, das holde Weib – nur an Hilde Chavonne hatte er gedacht, nur an sie. Wenn er Liebesgedichte gemacht hatte, platonisch-elegische Liebesgedichte in weinenden Odenstrophen – hatte er an sie gedacht. Jetzt wußte er’s, daß er sich nur eine als sein Weib denken konnte: Hilde – und er begriff nicht, daß er das nicht gewußt hatte, bevor er diesen Brief geöffnet. Er begriff es nicht, weil er sich seiner Unreife nicht bewußt war. In ehrlicher Gedankenarbeit war sein Hirn über seine Jahre gereift; aber sein Herz war noch unreif wie ein Apfel im Frühling, und unreif wie der Same in solch einem Apfel war die Liebe in diesem Herzen. Jetzt, da das Schicksal einen tiefen Schnitt in dieses Herz getan hatte, entdeckte er die Liebe darinnen.
So fühlte er nicht den rasenden Schmerz des Betrogenen, Zurückgestoßenen; denn er hatte nicht die rasende Lust des Liebenden und Hoffenden gefühlt; er empfand die Wehmut eines Mannes, der eines Morgens ein zartes Bäumchen seines Gartens erfroren findet und erkennt, daß es sein schönstes Bäumchen gewesen; er empfand eine Trauer, wie sie junge Eltern empfinden, denen ein kaum Geborenes gestorben ist; er empfand den dumpfen, unbefreiten Schmerz um ein Werdendes, das, zu großer Schönheit bestimmt, im Keime vernichtet war.
Mechanisch griff er nach dem zweiten Briefe; mechanisch öffnete er ihn – er war von Rumolt – mechanisch überflog er die ersten Zeilen, aber nur die ersten.
»Mein lieber Freund!
Von Ihnen hätte ich mündlich Abschied nehmen mögen. Aber es durfte nicht sein; denn Sie würden versucht haben, mich zurückzuhalten. Sie sind von festerem Stoff als ich und werden, das weiß ich, den Kampf besser bestehen, den Kampf gegen der Menschen Stumpfsinn, Trägheit und Niedrigkeit. Meiner Hand entsinken die Waffen. Damit Sie es nicht in gehässiger Entstellung hören, was mich zu meinem Scheiden veranlaßt, will ich es Ihnen selbst sagen. Ich habe einem
meiner Schüler – ich glaube, ich habe Ihnen von ihm gesprochen – einem Untersekundaner, der zum zweiten Male hoffnungslos vor dem Examen stand und dessen Qualen ich nicht mehr mit ansehen mochte, in unerlaubter Weise geholfen, habe ihm die Examenaufgaben vorher mitgeteilt. In seiner Freude hat es der Junge nachher selbst ausgeplaudert. So bracht’ die Sonn’ es an den Tag. Hätte er das Examen nicht bestanden, wär’ er aus der Welt gegangen; nun gehe ich, und das ist besser. Leben Sie wohl, teurer Freund; unsere Freundschaft war kurz, aber wahr. Ich danke Ihnen schöne Stunden, von denen ich dort erzählen will, wohin ich gehe.
Rumolt.«
Asmus hatte die letzten Zeilen mit fliegendem Atem gelesen; jetzt sprang er nach der Tür.
»Wo willst du hin?« rief Frau Rebekka, »dein Essen ist fertig!«
»Ich esse nichts – ich muß –«
»Junge, du hast ja keinen Hut auf! Was ist denn los –?«
Er entriß ihr den dargebotenen Hut und stürmte mit dem Rufe: »Ich muß weg!« hinaus.
Ohne Besinnen stürzte er über Stock und Stein nach Rumolts Wohnung. Die Wirtin bestätigte ihm weinend das Schreckliche. Am Ufer
des Kanals hatte man Rock und Hut gefunden, die Leiche war noch nicht gefunden worden.
Aber am nächsten Tage fand man auch sie. –
Das war eine denkwürdige Post gewesen. Zwei Briefe, und jeder ein Schlag. An einem Tage Freund und Geliebte verloren; denn von nun an war sie ihm Geliebte.
XLV. Kapitel.
Wenn’s kommt, dann kommt’s in Haufen.
Was wird nun kommen? dachte Asmus. Denn er glaubte an sein heimatliches Sprichwort: »Wenn’t kummt, denn kummt’t in Hupen.«
Und ein drittes Unglück kam, aber nicht von außen, sondern ganz heimtückisch aus dem tiefsten Innern richtete es sich auf wie eine Natter aus dunklem Dickicht. Ihm kamen Zweifel am Wert seines Berufes.
Mit dem jähen Optimismus der Jugend war er an diesen Beruf herangetreten. Jeder Jüngling, auch der bescheidenste, hat, wenn auch kaum bewußt, das Gefühl: Wenn ich in die Welt eingreife, wird es anders, wird es schneller vorwärtsgehen – wie ein ungestümer Reisender, dem der Zug zu langsam fährt, das Gefühl hat: Könnt’ ich aussteigen und nachschieben!
»Hätt’ ich tausend Arme zu rühren! Könnt’ ich brausend die Räder führen! Könnt’ ich wehen durch die Haine! Könnt’ ich drehen alle Steine!«
und wenn er sich auch sagt, daß vor und mit ihm Bessere und Stärkere wirken und gewirkt haben – er glaubt nicht, daß einer so viel Lust und Mut gehabt wie er, vor allem nicht, daß einer so viel Glück gehabt, wie er haben wird!
Und nun erreichte er nicht mehr als die andern! Nun ja, er leistete vielleicht etwas mehr als dieser und jener, und seine Kollegen und Freunde rühmten zuweilen seine Leistungen; aber ganz etwas anderes hatte er gehofft, ganz etwas anderes! Er wußte ja freilich von früher her, daß Unterrichten kein ununterbrochener Sieges- und Eroberungszug sei; aber doch hatte er sich Erziehung und Unterricht im stillen als eine Fleischwerdung des Lehrwortes gedacht. Aber das Wort ward nicht Fleisch: Seine Jungen konnten am Ende des Jahres etwas mehr als zu Anfang; aber sie waren dieselben Menschen geblieben, wenigsten merkte er keine Änderung. Die Guten, Offenen, Zarten waren zwar offen, zart und gut geblieben; aber die Rohen, Hinterhältigen, Unwahrhaftigen waren sich nicht minder treu geblieben. Es schien ihm auch, daß die Klugen zwar klug blieben, die Dummen aber auch dumm. Und gerade die Dummen waren das ewige Ziel seiner Mühen; zu ihnen kehrte er, wie magnetisch gezogen, immer wieder zurück; denn daß die Klugen etwas begriffen hatten, bedeutete ihm nichts, solange die Dummen im Dunkel saßen. Das
schien ihm die furchtbarste Ungleichheit und Ungerechtigkeit der Welt, daß die einen spielend und lachend erhaschten, was die andern mit Ängsten und Mühen nicht erringen konnten. Und die Welt kommt nicht vorwärts, wenn die Dummen nicht mitkommen, dachte er. Und er machte es sich zur tollkühnen Aufgabe, aus den Dummen Kluge zu machen; alle sollten alles lernen; in seiner Schar sollte keiner zurückbleiben. Herr Drögemüller hielt ihm vor, daß er im Pensum zurück sei, und das war deshalb, weil es ihn immer wieder zu den Schwächsten hinzog, weil ihn immer wieder dies wunderbare Geheimnis der Dummheit lockte. Er konnte sich Viertelstunden, halbe Stunden lang mit solch einem verschlossenen Geiste einkapseln und das verworrene, zerrissene Gespinst seiner Vorstellungen mit langsam tastenden Fragen zu ordnen und zu entwirren suchen; er gab in einer Oberklasse den geographischen Unterricht, und er setzte sich vor, nicht zu ruhen, bis alle die Entstehung der Jahreszeiten aus der Stellung der Erdachse zur Ekliptik begriffen hätten, und zuweilen sprang plötzlich aus solch einem leeren Auge ein Funke wie aus einem toten Stein, und dann kam aus Asmussens Augen ein Strahl, und Licht floß zusammen mit Licht und machte die Erde selig und schön – aber wenn das Hirn sich dem einen erschlossen hatte, verschloß es sich dem andern um so fester, und ob Asmus auch mit zusammengebissenen
Zähnen rang und bohrte – er mußte daran zweifeln, allen seinen Schülern den auf- und abschwebenden Jahresreigen von Licht und Schatten verständlich zu machen.
Dabei quälte ihn mit Recht der Gedanke, daß er über den Schwachen die Starken vernachlässige und sie durch den langsamen Gang des Unterrichts langweilen und unlustig machen müsse. Aber konnte er sich denn überhaupt allen so hingeben, wie es geschehen müßte, wenn man ihm fünfzig, ja sechzig Menschenkinder auf den Hals lud? Es konnte ja alles nur oberflächliche Husch- und Pfuscharbeit, nur äußerlicher Bildungsaufputz werden. Es bemächtigte sich seiner das Gefühl, daß überhaupt alles töricht und falsch sei, was er da treibe, und zwar von der Wurzel aus falsch; von einem tieferen Grunde her müsse alles anders angefaßt, müsse auch ganz anderes erstrebt werden. Er erinnerte sich, daß sein bestes Lernen immer ein Erleben gewesen sei. Aber dies Lernen in der Schule, wie er es nach dem herrschenden Formalismus betreiben mußte, war kein Erleben. Es drang nicht zum Innersten und Tiefsten des Menschen hinab. Und er dachte sich einen Menschen, mitten in den Kampf des Lebens gestellt. Was er da brauchte – gab ihm das die Schule? Non scholae sed vitae! hatte es im Seminar geheißen. Leerer Schall! Das Meiste, was er den Kindern geben mußte, war nicht Lebensbrot, waren nicht Lebensworte, nicht Lebenswerte.
So hoch ihn sein Optimismus getragen hatte, so tief versank er jetzt in Mißmut und Verzagen, und Melancholie bog seinen Mut »wie eine junge Weide bis an den Rand des Lebens«. Jene unversiegliche Federkraft aus tiefstem Lebensgrunde – nun schien sie dennoch versiegt.
Öfter als sonst bezog er in Gemeinschaft mit Heide, Goers und Stockelsdorf die Akademie des Herrn Kuhlmann und war dann nicht selten der Ausgelassenste von allen; aber seine Scherze hatten eine Bitterkeit und Schärfe, die die Freunde oft erstaunt und befremdet aufblicken ließ. Manchmal verstummte er mitten in der tollsten Lustigkeit, mitten im eifrigsten Diskurs und sprach dann den ganzen Abend kein Wort mehr. Dann hatte ihn das Gefühl überfallen: Was soll der ganze Unsinn? Darum ging er auch noch öfter allein ins Wirtshaus. Er hatte ein abgelegenes Hotel entdeckt, in dessen Speisesaal er ganz allein den Abend verbringen konnte. Das liebte er jetzt: ganz allein mit einer Flasche in einem möglichst großen Saale sitzen und sinnen und träumen. Nur wenn der Kellner kam, unterhielt er sich gern eine Weile mit ihm. Es hatte ihn immer schwer geärgert, wenn er einen Kellner schlecht und geringschätzig behandelt sah, wie es ihm überhaupt so schien, als wenn die Menschen diejenigen, die ihnen die härtesten und lästigsten Arbeiten abnahmen, am verächtlichsten behandelten. Er suchte, es
an seinem Teile gutzumachen, behandelt die Kellner nun extra als Gentlemen und gab ihnen so reichliche Trinkgelder, daß einige, allerdings wenige von ihnen zuweilen eine abwehrende Gebärde machten und sagten: »Ooh – lassen Sie doch – ich habe ja erst vorher bekommen!« Sie nahmen es aber immer.
XLVI. Kapitel.
Angetrunkene Einfälle, die bei jedem vernünftigen Menschen nur Kopfschütteln erregen können. Im übrigen ein Beweis, daß die Optimisten nicht immer Optimisten sind.
Wenn er dann so ganz mit sich allein war, dann war er vom Kopf bis zu den Füßen sein Vater Ludwig Semper. Er bemalte dann die hohen Wände des Saales mit ganzen Epochen der Geschichte, mit Werken der Dichtkunst und der Malerei, ließ sich von einem verdeckten Orchester Symphonien und Ouvertüren vorspielen, sah sein ganzes Leben durch den Lichtkreis der einsamen Lampe wandern, kämpfte mit Schopenhauer gegen Hegel, gab Unterrichtsstunden, zog plötzlich ein Kuvert oder eine Rechnung oder sonst einen Zettel aus der Tasche und notierte sich die Idee zu einem wundervollen Gedicht oder Drama, das er schreiben wollte. Auch Gedanken notierte er sich, die ihm des Aufhebens wert dünkten, und wenn er nach Tagen oder Wochen bei einem zufälligen Griff in die Tasche die Zettel wieder
hervorholte, knäulte er sie ingrimmig zusammen und warf sie mit einem gemurmelten »Blech« oder derberen Worten in den Ofen. Je weiter der Abend fortschritt und je öfter der Kellner aufgetreten war, desto eigenwilliger wurden natürlich seine Gedanken; sie kümmerten sich schließlich gar nicht mehr um diesen Herrn Semper, dem sie angeblich entsprungen sein sollten, und schnitten Gesichter wie losgelassene Buben. Einige von diesen Aphorismen, die sich weniger durch dauerhaften Wert als durch den Zufall erhalten haben, mögen hier Platz finden und zeigen, welche Art von Luftblasen in jenen Tagen aus den trüben Wirbeln der Semperischen Seele aufstiegen.