Heilige Tiere

Inwieweit die unglaubliche Unwissenheit der Inder und ihr jeder rationellen Vernunft entbehrender Charakter — an Verstand, um die Ziele ihrer eigenen kleinen Selbstsucht mit Schlauheit und Gerissenheit zu verfolgen, fehlt es ihnen nicht — mit der dem Europäer ganz unverständlichen Tierverehrung zusammenhängt, habe ich, abgesehen von dem Glauben an die Seelenwanderung, nie ergründen können. Oft zwar schien es mir, als sei das eine von dem anderen bedingt.

Von der Heiligkeit der Kuh und allem Rindvieh überhaupt habe ich schon gesprochen, und mein Unverständnis mag entschuldbar scheinen, wenn die Verehrung dieser Tiere soweit geht, daß die Hindufrauen einer auf der Straße ihr Wasser lassenden Kuh von allen Seiten zueilen, um sich in dem heiligen Naß Gesicht und Hände zu waschen.

Kurz nach meiner Ankunft in Baroda war ich eines Morgens nicht wenig erstaunt, den stolzen und selbstbewußten Gaekwar in zeremonieller Gewandung seine Gemächer verlassen zu sehen, um mit tiefen Kultverbeugungen vier, auf dem Innenhofe des Palastes wartende Brahminen der Dschain-Sekte zu begrüßen. Jeder dieser Priester trug einen wenigstens zwölf Pfund schweren Sack mit Streuzucker in den Händen.

Unter dem Gemurmel einiger Sprüche berührte der Maharadscha jeden der Säcke mit der Hand, worauf die vier Brahminen in die vier Richtungen der Windrose aufbrachen, um den Zucker überall dort auf ihrem Wege zu verstreuen — wo sie auf Ameisen trafen.

In Baroda gab es auch eine Menge heiliger Affen. Eine gewisse Kaste hält sie für ebenso verehrungswürdig wie die Kuh. Diese, der Hulmanart angehörenden Affen bevölkerten in großen Herden den Palastpark, wo sie auf den vielen, schönen, großen Tamarindenbäumen lebten.

Der von mir damals bewohnte Bungalow stand mitten im Park, und als Neuling in Indien fand ich an dem Treiben der Tiere reges Gefallen. Ich begann, auf meiner Veranda sitzend, die Affen mit Brot zu füttern. Bald wurden sie zutraulich und fraßen mir aus der Hand. Nur ein altes, großes Tier, anscheinend der Anführer, wurde unmanierlich und versuchte ständig, die anderen kleineren Affen durch Kratzen und Beißen zu verdrängen. Eines Tages wurde er so frech, mir einen halben Laib Brot aus der Hand zu reißen und mich zähnefletschend anzugrinsen. Um die anderen nicht zu verscheuchen, wollte ich ihn nicht schlagen, beschloß aber ihn zu bestrafen und ihm eine Lehre zu geben, ohne daß die anderen es merkten.

Zu diesem Zwecke legte ich am nächsten Tage meine Luftbüchse unter meinen Sitz, so daß sie nicht auffiel, und als der Herr Ober-Affe wieder in seiner unverschämten Art zudringlich wurde, berührte ich den Abzug, um ihm mit der kleinen Kugel einen gehörigen Schrecken einzujagen. Doch anscheinend ist das Fell dieser Tiere sehr dünn, denn die Kugel mußte ihm in die Brust gedrungen sein und das Herz verletzt haben. Er griff nach der Stelle des Einschlages, schwankte dann mühsam die Stufen der Veranda hinab, gefolgt von der ganzen Schar der anderen. Es gelang ihm noch, einen der Bäume in der Nähe zu erklettern, doch nach wenigen Minuten fiel er herunter.

Die anderen hockten sich im Kreise um ihn herum, ohne einen Laut von sich zu geben. Nach einigen Zuckungen war das so unglücklich getroffene Tier tot. Nun kamen die anderen alle, einer nach dem anderen, und befühlten den Toten. Man hätte meinen können, daß sich in ihren Mienen und ihrem Gebahren Betrübnis ausdrücke. Zum Schluß zog sich einer der größeren Affen, wohl der, der ihm in der Anführerschaft folgte, zurück, und die ganze Schar schloß sich ihm an, ohne sich um den Toten weiter zu bekümmern, der von den Gartenwärtern am nächsten Morgen mit ausgekehrt und fortgeschafft wurde.

Trotz meiner damaligen Unerfahrenheit war mir die Angelegenheit sehr unangenehm, denn ich wußte wohl, was diese Affenherden für die Eingeborenen bedeuteten. Glücklicherweise aber waren nur mein „Boy“, mein Dienerjunge, und mein Koch Zeugen des Vorfalls gewesen. Ihre Angst war noch größer als meine Besorgnis vor möglichen Unannehmlichkeiten.

Da von der Angelegenheit aber nicht gesprochen wurde, hielt ich sie für erledigt, bis einige Wochen später der Gaekwar mich fragte, ob es wahr sei, daß ich einen heiligen Affen getötet habe. Ich schilderte ihm den ganzen Vorgang, und er versicherte mir, ihm als Maharatten würde es nur angenehm sein, wenn das ganze Affengesindel aus dem Parke verschwände. Doch da er selbst Rücksicht auf die Gefühle der Eingeborenen in Baroda nehmen müsse, warne er mich, etwas gegen diese Tiere zu unternehmen.

Irgendwie mußten die heimtückischen Brahminen, die den Maharadscha und seine Gemahlin so ziemlich in der Hand hatten, die Todesursache des Affen in Erfahrung gebracht haben und bei dem Fürsten vorstellig geworden sein.

Das eigentümlichste aber war das Verhalten der Affen selbst, die sich seit jenem Tage, während der fünf Jahre meines Aufenthaltes in Baroda, nie mehr in der Nähe meines Bungalows blicken ließen, dafür aber des Nachts auf dem Dache des Hauses den größten Lärm vollführten und möglichst viele Ziegeln loszubrechen suchten, um die Stücke auf den Weg zu werfen. Wenn ich irgendwo im Park spazieren ging und sie mich bemerkten, eilten sie von allen Seiten herbei und begleiteten mich, von Baum zu Baum kletternd, unter großem Geschrei.

Wie weit in Indien das Vorurteil, kein Tier zu töten, geht, brachte mir eine Begebenheit zum Bewußtsein, die von meinen brahminischen Feinden am Hofe zunächst in jeder Weise gegen mich zu verwerten versucht wurde.

Bei einem Spazierritt fand ich in einem Straßengraben einen Esel liegen, der das Bein gebrochen hatte und dort seinem langsamen Tod achtlos überlassen worden war. Obgleich er noch lebte, waren schon die Aasgeier und Krähen an der Arbeit, dem wehrlosen Tiere die Augen auszuhacken. Ich stieg vom Pferde und erlöste den armen Esel durch einen Schuß von seinen Leiden.

Die Brahminen aber klagten mich an und beschuldigten mich, das Tier aus Freude am Töten ermordet zu haben. Ein anwesender Buddhist ging so weit, mir vorzuhalten, daß ich so vielleicht einen Mord an meinem eigenen Großvater begangen habe. Erst als ich ihm antwortete, daß ich genau wisse, mein Großvater habe genügend Verstand besessen, um mir in einer solchen Lage, wie die, in der ich den Esel fand, nur herzlich für meine Tat zu danken, und daß ich bei den hohen Geistesgaben der Anwesenden nur annehmen könne, auch ihre verehrten Großväter wären nicht weniger verständig als der meine gewesen, gaben sie, in dieser Sache wenigstens, Ruhe.

Auch Schlangen werden als heilige Tiere verehrt. In Baroda werden an bestimmten Festtagen der Hindufrauen zwei bis drei Körbe mit Brillenschlangen — Kobras — in einen Saal des Tempels gestellt, wo die Frauen, hinter durchsichtigen Vorhängen versteckt, dem Schauspiel zusehen. Inmitten des Raumes stehen große, flache Schalen mit Milch, zwischen denen die Körbe Platz finden und geöffnet werden. Während die Schlangen hervorkriechen und von der Milch trinken, rufen die Frauen ihre Götter an, die der Anblick der Schlangen besonders günstig stimmen soll.

Den priesterlichen Schlangenbeschwörern ist es ein leichtes Spiel, die dick mit Milch vollgepumpten Tiere wieder in ihre Körbe zurückzubringen. Eigentlich sollen sie, gemäß den Vorschriften der heiligen Bücher, nach beendeter Feier wieder in Freiheit gesetzt werden, doch für die Brahminen ist es einträglicher, sie an herumziehende Gaukler zu verkaufen, die dem Volke ihre Schlangenbeschwörerkünste zeigen.