Lebensalter
So wie ich in meinem langjährigen Aufenthalt in Indien den indischen Charakter kennengelernt habe, bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß ihm die grundlegenden menschlichen Leidenschaften, von denen in Europa in so großem Maßstab das Glück oder Unglück der Menschen bestimmt wird, fremd sind. Die Liebe, sowohl die der aufrichtigen, ruhigen, gegenseitigen Form, wie als Leidenschaft, die das ganze Schicksal eines Menschen in ihren Bann schlägt, ist ihm vollständig fremd. In ähnlicher Weise sind auch Ehrgeiz und Ruhmsucht, Streben nach ideellen Gütern um ideeller Werte willen, Selbstlosigkeit, Aufopferung und alle die in tausend verschiedenen Abstufungen das Leben europäischer Menschen bestimmenden Einflüsse für den Inder ohne jede Bedeutung. Die Empfindungen, die ihn bewegen, unterliegen für den Inder ganz anderen Voraussetzungen.
Der Durchschnitts-Inder ist von einer trägen Indifferenz beherrscht. Das hindostanische Sprichwort: „Es ist besser zu sitzen als zu stehen, — besser zu liegen als zu sitzen, — besser zu schlafen als zu wachen“, drückt vielleicht am klarsten und verständlichsten die für den größten Teil der indischen Bevölkerung gültige Lebensweisheit aus.
Selten erreicht ein Inder ein hohes Alter, was wohl besonders mit dem frühen Heiraten zu tun haben mag. Kann man doch schon zwölfjährige Kinder als Mütter sehen. Im achtzehnten Lebensjahr sehen viele weibliche Wesen schon verlebt aus, und eine Frau von fünfundzwanzig ist in Indien nicht selten Großmutter. Der männliche Inder steht ebenfalls mit dreißig Jahren schon an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit, und es ist selten, daß er sechzig Jahre alt wird. Hierzu kommt die außerordentlich sinnliche Veranlagung des Inders, die sich, ohne jede Schranken zu kennen, auslebt. Von den jungen Männern, die ich gekannt habe, gab es nur wenige, die mit 16 und 17 Jahren nicht schon geschlechtskrank waren, wobei noch zu beachten ist, daß derartige Krankheiten in Indien von den damit Behafteten mehr als eine Auszeichnung, denn als gesundheitsschädigende Leiden empfunden werden.
So sind die Heiraten in Indien fast durchgängig Vernunftheiraten. Auch wenn der Maharadscha von Kapurthala sowie eine Anzahl anderer Vasallenfürsten es zu bewerkstelligen verstanden, ihre Zenana durch eine weiße Frau zu bereichern, oder wenn sie sich bemühen, auf ihren Reisen mit weißen Frauen anzuknüpfen — wobei sie in den meisten Fällen doch betrogen werden —, so geschieht dies vielmehr, um gegenüber ihren Stammesgenossen mit ihren Eroberungen prahlen zu können, als daß irgendeine persönliche Neigung dabei in Frage käme. Auch bezwecken sie damit vor allem, den Engländern zu zeigen, welche Erfolge sie, die verachteten „dreckigen Neger“, bei dem weißen weiblichen Geschlecht zu erringen verstehen. Nichts machte dem Maharadscha von Kapurthala mehr Vergnügen, als wenn er dem allmächtigen britischen Sirkar auf diese Weise seine Überlegenheit beweisen zu können glaubte, besonders, wenn er aus irgendeinem Grunde wegen Mißgriffen in seinen Regierungsangelegenheiten zur Rede gestellt worden war.