Minister
In Kapurthala war ein brahminischer Minister, Duma Mall. Er hatte sich auf Rechnung des Fürsten und der Bevölkerung so bereichert, daß es ganz allgemein hieß, er verheimliche mehr Geld als der Maharadscha je gesehen habe. Trotzdem pflegte er am Morgen unter dem Bamia-Baume vor seinem Hause zu sitzen und mit einem Rasiermesser Streichhölzer zu spalten, um anstatt eines deren zwei zu haben.
Eines Tages überfiel ihn nun eine schwere Krankheit, und er schloß sich in dem dunkelsten Zimmer seines Hauses in der Stadt Kapurthala ein, wo er sich von dem eingeborenen Doktor, dem „Hakim“, behandeln ließ. Obgleich er niemanden vorließ, konnte er meinen Besuch, den ich ihm im Auftrag des Maharadscha abstattete, nicht gut abweisen. Als ich das Loch, das er als Krankenzimmer gewählt hatte, betrat, begann er sofort, sich zu beklagen, daß der Fürst die treuen Dienste seines treuesten Dieners anscheinend ganz vergessen habe.
Berühmtes indisches Baudenkmal: Shatrunjai-Tempel in Palitana: Balabhai-Tempel
(Original-Photographie: Eigentum des Museums für Völkerkunde in Leipzig)
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GRÖSSERES BILD
Bhulavani-Mittelschrein im Shatrunjai-Tempel zu Palitana
(Original-Photographie: Eigentum des Museums für Völkerkunde in Leipzig)
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Als ich ihm entgegnete, daß gerade mein Besuch das Gegenteil beweise und daß Dschagatdschit Singh das größte Interesse an seiner baldigen Genesung nähme und ihm deshalb riete, diesen dumpfen Platz zu verlassen und sich an die Meeresküste zu begeben, um dort in frischer Luft und unter guter ärztlicher Pflege bald wieder gesund zu werden, versprach er, diesen Rat zu befolgen.
Vorher, sagte er, müsse er aber von einem Zahnübel geheilt werden. Seine Zähne nämlich begännen alle sich zu lockern, und dazu müsse der englische Zahnarzt aus Lahaur nach Kapurthala kommen. Doch dies koste viel zu viel für einen so armen Mann, wie er es sei, und ich möchte doch dem Maharadscha vorschlagen, diese Kosten zu tragen.
Als ich Dschagatdschit Singh über meinen Besuch bei Duma Mall Bericht erstattete und ihm den Wunsch des kranken Brahminen-Ministers vortrug, gab er mir zur Antwort, daß er gar nicht daran denke, auch nur eine Anna für diesen elenden Geizhals auszugeben, der ihn sicherlich ganz ausreichend bestohlen habe.
Als nun Duma Mall diese Absage des Fürsten erfuhr, verfiel er in so tiefen Gram, daß er am folgenden Tage starb. So wenigstens berichteten die Erben, die aber die größte Mühe hatten, das hinterlassene Vermögen aufzuspüren. Erst nach und nach kamen ganze Kisten mit Rupien und Kostbarkeiten aller Art aus den sonderbarsten und unwahrscheinlichsten Verstecken zum Vorschein. Der Maharadscha gedachte nun, einen Teil dieses ihm gestohlenen Reichtums für seine Privatschatulle zu beschlagnahmen. Aber die Kniffe der Erben, die sich mit den anderen Staatsbeamten zu „verständigen“ wußten, vereitelten die Maßnahmen Dschagatdschit Singhs, und es gelang den Erben, den ganzen Schatz auf britischem Gebiet in Sicherheit zu bringen.
Der Versuch des Maharadscha, auf diese Weise wieder in den Besitz von Summen zu gelangen, um die man ihn bestohlen hatte, veranlaßte aber seine anderen Beamten, die wohl Grund hatten, gleiche Maßregeln aus gleichen Gründen befürchten zu müssen, ihre unterschlagenen oder sonstwie auf unehrliche Weise zusammengescharrten Gelder schleunigst über die Grenzen zu schaffen. Sie legten sie in Landgütern und Grundstücken auf britischem Gebiet an, wo der Maharadscha von Kapurthala keine Macht oder Gerichtsbarkeit mehr besaß. In Banken setzen die Inder wenig Vertrauen, was bei dem allgemeinen Mangel an Ehrlichkeit und dem berechtigten Mißtrauen, das ein jeder dem anderen entgegenbringt, auch nicht verwunderlich ist.
Sonst ist es bei den indischen Fürsten die Regel, ihren Untertanen nicht zu erlauben, sich in ihren Vermögensverhältnissen über einen bescheidenen Durchschnitt zu erheben.
Bei dem unglaublichen Geiz der Inder kommt es oft vor, daß sie das Geheimnis des Verstecks ihrer vergrabenen oder sonstwie verborgenen Schätze mit ins Grab nehmen. Kein Suchen, keine Nachforschung der Hinterbliebenen hilft, der Erbschaft auf die Spur zu kommen. Die Lehmwände der Häuser werden eingerissen, die Gärten umgegraben, doch nirgends ist eine Spur des in der Einbildung der jammernden Erben immer größer werdenden Schatzes zu finden. Zu gut ist das Versteck gewählt, zu abgelegen der Ort, den der Tote bei seinen Lebzeiten mit dem Aufgebot seines ganzen Scharfsinns ausgewählt hat.
Auf diese Weise verschwinden in Indien jährlich nicht unbedeutende Summen, die mit den ganz allgemein in sicherem Versteck aufbewahrten Schätzen, die im Lande in Umlauf befindliche Menge an Gold und Silber stark vermindern, welcher Umstand wiederum nicht ohne Einfluß auf die Rupienwährung bleibt. Der Geiz der Inder hat also auch seine volkswirtschaftlichen Folgen, und trägt dazu bei, die Armut der großen Masse der Bevölkerung noch ausgesprochener zu machen.
Doch bei der allgemeinen Unwissenheit und bei der Unfähigkeit auch der sogenannten gebildeten Inder, in anderen Formeln als rein persönlichen, selbstsüchtigen zu denken, worin ihnen allerdings auch ein recht bedeutender Teil der weißen Bevölkerung in Europa und Amerika ziemlich nahe kommt, ist es nicht wahrscheinlich, daß sie, um ihnen so fern liegender allgemeiner Vorteile willen, jemals davon abgehen werden, ihre Gold- und Silbermünzen als das zu behandeln, was sie sind oder doch sein sollten, nämlich als Tauschmittel.
Und wenn schon im Praktischen der Inder sich so stark von den Grundlagen fortschrittlicher europäischer Wirtschaft entfernt, wie sollte er sich dann westlichen Anschauungen gefühlsmäßiger Art zu nähern vermögen?