Pythonschlange

Mit dem früheren Emir von Afghanistan, Jakub Khan, der eine sichere Pension der anglo-indischen Regierung dem unsicheren Throne in Kabul vorgezogen hatte, dessen Inhaber, ob gut oder schlecht, ob grausam oder wohlwollend, durchgängig ermordet enden, war ich eines Tages auf einem Jagdausflug in den Dschungeln von Dehra Dun, am Fuße des Himalajagebirges, begriffen, als plötzlich unser Mahout entsetzt rief: „Eh Schaitan utter hai! — Dort ist der Teufel!“

Der Emir und ich saßen zusammen in einer Jagd-Howdah auf dem Rücken eines Elefanten. In dem Dämmerlicht, unter dem dichten Laubbestand der Bäume, konnten wir nicht sogleich feststellen, was den Schrecken des Führers, der vor uns auf dem Nacken des Dickhäuters saß, veranlaßt hatte. Den Mann mit guten Worten beruhigend, damit er in seiner Furcht vor dem Teufel nicht seinen Sitz verließe und uns so ziemlich hilflos den Launen eines führerlosen Elefanten ausliefere, gelang es uns endlich, zwischen den Baumstämmen die Ursache seines Ausrufes zu entdecken.

Von einem schräg ragenden starken Ast hing ein ungeheuer dickes, geschwollenes Etwas herab, das sich mit einer zweiteiligen braunen Kralle an dem Baume festhielt und in den wunderbarsten Schwingungen und Verrenkungen einen lautlosen Tanz in der Luft vollführte. Sonderbar glänzende Schatten, gelbbraun, schwarz und dunkelgrün, liefen über die lange, runde Form der gliedlosen Gestalt.

Wir ließen den Elefanten vorsichtig näherschreiten, der, den erhobenen Rüssel aufgeregt hin und her bewegend, leise Töne des Unbehagens ausstieß. Plötzlich sah ich, daß das, was uns als Kralle erschienen war, verzweifelte Ähnlichkeit mit dem gekrümmten Gehörn eines Antilopenbockes hatte, und gleichzeitig bemerkte ich, daß dies Gehörn, mit einem Teil des dazugehörenden Kopfes, aus dem Rachen einer Schlange ragte. Es war eine „Python“, eine Riesenschlange, die beim Verschlingen des Antilopenbockes bis zu dem Kopf ihres Opfers gelangt war und nun, wegen des großen Gehörnes, die Beute sich nicht weiter einzuverleiben vermochte. Sie war daher auf einen Baum gekrochen, hatte die hakenförmigen Hörner der Antilope zwischen zwei starke Äste geklemmt und sich mit ihrer ganzen Last herunterfallen lassen, um die Hörner, die sie am restlosen Verschlingen der Beute hinderten, abzubrechen oder doch soweit zu lockern, daß sie sie im Rachen vom Kopfe des Tieres abbrechen konnte.

Ein Kopfschuß ließ die Schlange sich aufbäumen, und mit dem Gehörn im Rachen fiel sie tot zu Boden. Sie war über fünf Meter lang und bot, mit dem bis zum Hals verschlungenen Antilopenbock im Leibe, sicherlich einen furchterweckenden Anblick, der im ersten Augenblick so unerklärlich erschien, daß der Ausruf unseres Mahout wohl berechtigt war. Wenn der Teufel so aussieht, wie diese Antilopenhörner tragende Pythonschlange, muß er allerdings ein recht wenig angenehmer Geselle sein!

IX.
Indische Menschen

Als der berühmte amerikanische Schriftsteller Mark Twain Indien besuchte, traf ich mit ihm in Gwalior zusammen. Auf den humorvollen Spott, der seine Bücher besonders charakterisiert, anspielend, fragte ich ihn im Laufe unserer Unterhaltung, wie er wohl glaube, den indischen Verhältnissen und den indischen Menschen in dieser seiner besonderen Weise gerecht werden zu können; denn trotz meiner langjährigen Anwesenheit in Indien und meines ständigen Verkehrs mit Indern wäre mir noch nie irgend etwas, das mit Humor auch nur verwechselt werden könne, zur Kenntnis gekommen.

Mark Twain überlegte meine Worte in seiner ruhigen Art und gab mir dann zu, daß er selbst noch keinen Weg sehe, die indische Welt irgendwie in humorvollen Darstellungen dem europäischen oder amerikanischen Verständnis näher zu bringen. Aus den Erzählungen von Leuten, die wie ich viele Jahre in Indien gelebt hätten, und aus den Beobachtungen seines eigenen Aufenthaltes habe er so viel Unergründliches gesehen und wahrgenommen, daß er es nicht wagen würde, die so sonderbaren Umstände und die von der unseren so ganz verschiedene Auffassung und Denkweise auf seine Art zu schildern. Ihm selbst beginne klar zu werden, daß, je länger man in Indien lebe und je enger man mit der eingeborenen Bevölkerung in Berührung komme, man destomehr begreifen lernen müsse, wie auch in dem seltsamsten Tun und Treiben dieser Menschen, von ihrem eigenen Standpunkte aus, sicherlich nichts Außergewöhnliches zu finden sei. Alles Sonderbare dort, was unserem Gefühl und unserer Ansicht nach oft kaum noch mit dem Maßstab gesunder Vernunft gemessen werden könne, werde, im Winkel indischer Verhältnisse gesehen, wenn auch nicht für uns natürlich, so doch verständlich, da die ganzen Grundlagen des indischen Lebens uns beständig neue, fremdartige und unbegreifliche Ausblicke erschlössen.