An der Kondoa-Front

Bereichert um fünf neue Reittiere, darunter zwei Hengste aus dem Regierungsgestüt Singidda – die letzte Reserve an Pferden in der Kolonie –, begannen wir am 1. Mai nachmittags unsern Vormarsch nach Norden auf der von Dodoma nach Kondoa führenden Straße. Am dritten Tag bogen wir von letzterer rechts ab und erreichten am Abend das uns zugewiesene Ziel, den Kwa-Handu-Paß.

Von den Einzelheiten dieses Marsches weiß ich so gut wie nichts mehr. Ich hatte mir, wahrscheinlich als Andenken an den Marsch von der Nordbahn zur Mittellandbahn, die Rote Ruhr zugelegt, die jetzt zum Ausbruch kam. Der Vormarsch nach Norden bestand für mich eigentlich nur in einem ewigen Auf- und Absitzenüben. Die Schmerzen wurden schließlich so schneidend, daß ich keinen Trab mehr reiten konnte und mich entschließen mußte, mit einigen andern Kranken der Kompaniekolonne im Schritt zu folgen. Seit meinem Fieber in Same stand ich unter einer Chininkur, nun machte ich gleichlaufend mit ihr eine Kalomelkur durch.

Der Höhenzug, auf dem der Kwa-Handu-Paß liegt, verläuft etwa parallel zu dem ihm nach Norden zu vorliegenden Höhenzug, auf dem sich unsere Kondoastellung befand. Unser Oberst war mit allen verfügbaren Truppen sowie den beiden von einem Blockadebrecher gelandeten Haubitzen und einigen Geschützen kleineren Kalibers von Dodoma in Eilmärschen dem Feinde, der bereits über Kondoa hinaus nach Süden vorgedrungen war, entgegengezogen und hatte ihn auf Kondoa zurückgeworfen. Die englische Front befand sich nun in einer Gesamtlänge von etwa 50 Kilometer auf den Höhen nördlich von Kondoa (einem Negerdorf mit Bezirksamt, 158 Kilometer von Dodoma), die deutsche auf dem Höhenzuge südlich von Kondoa. Wir, d. h. die beiden Berittenen Kompanien, kamen zunächst hinter den etwas zurückgebogenen rechten Flügel unserer Front. –

Als Gesamtlandschaftsbild denke man sich sehr zerklüftete Höhenzüge, die teils bewaldet sind, teils nackte Felsen in der Sonne glitzern lassen, und dazwischen weite, mit dichtem niedrigen Dornbusch bewachsene Täler. Aus dem Dornbusch ragt hier und da ein Affenbrotbaum zum Himmel, und wo etwas Licht und Sonne ankommen kann, war der Dornbusch jetzt, kurz nach der großen Regenzeit, von Winden überzogen, deren wunderbare, oft untertassengroße Blumenkelche den zartesten Farbenschmelz zeigten.

In diesem Dornenbusch haben sich die Eingeborenen ihre Mtamamashamba gerodet und ihre Lehmhütten mit dem flachen Dach, »Temben« genannt, gebaut. Ich sah viele und große Mashamba; denn das Bezirksamt Kondoa hatte die Eingeborenen veranlaßt, zur Verpflegung der Truppe besonders stark anzubauen. Der Mtama stand ganz vorzüglich. Ich möchte die Prophezeiung aussprechen, daß in einem Zukunfts-Ostafrika die Gegend von Kondoa und südlich davon ein Teil von Ugogo Tabak bauende Bezirke sein werden – der Boden eignet sich vorzüglich zum Tabakbau. Was Wasser anbelangt, will ich noch erwähnen, daß wir in keinem der zahlreichen Flußbetten tiefer als höchstens ein Meter danach zu graben brauchten, und daß die Engländer auf ihrer Etappenstraße von Aruscha nach Kondoa alle 20 oder 25 Kilometer Brunnen bohrten, Pumpwerke aufsetzten und Tränkstellen einrichteten, aus denen 500 bis 1000 Reittiere getränkt werden konnten. Grundwasser ist also reichlich vorhanden, auch lassen sich Staudämme und künstliche Seen überall leicht anlegen.

Ob die Kondoagegend heute ganz frei von Fieber ist, weiß ich nicht. Was noch an Fieber da sein sollte, würde mit dem Fortschritt der Wirtschaftskultur verschwinden. Malaria läßt sich verdrängen, wie die Beispiele von Ägypten, Panamakanal und Queensland bewiesen haben. –

Auf dem Kwa-Handu-Paß, der von einem Teil der Abteilung Aruscha besetzt war, trafen wir unsern lieben Dr. Sinning wieder. Diese Freude wurde dadurch gedämpft, daß unser guter Sanitätsrat uns verließ; er war zu dem Aufnahmelazarett versetzt, Sanitätssergeant Trimpler wurde sein Nachfolger. Ungern sahen wir unsern weisen Mann und Fundi im Reiskochen scheiden. Ich habe ihn nie wieder gesehen; er ist, wie ich später hörte, am Schwarzwasserfieber gestorben.

Meine erste Nacht im Kwa-Handu-Paß werde ich mein Lebtag nicht vergessen; in strömendem Regen brachte ich sie auf dem Orte zu, für dessen Einrichtung unser Sanitätsrat immer zuerst zu sorgen pflegte, sobald abgesattelt war. Am nächsten Tage, der Gott sei Dank ein Ruhetag war, begab es sich, daß unser einziger Offizier, Leutnant Freund, Fieber bekam und vorläufig nicht weiter konnte; er beschloß, auf unsere Trägerkolonne zu warten und mit dieser der Kompanie nachzukommen. Leutnant Kämpfe, Regierungsrat und Bezirksamtmann des gewesenen Bezirks Aruscha, wurde für die Zeit, bis Leutnant Freund wiederkam, Führer meiner Kompanie.

Nach dem Ruhetag ging die deutsch-ostafrikanische Kavallerie, die immer noch im Brigadeverbande marschierte und operierte, wohl weil man sie in ihrer zusammengeschrumpften Zahl sonst überhaupt kaum mehr hätte sehen können, weiter nach vorne, und zwar in Richtung des äußersten rechten Flügels unserer Front. Wir hatten die Aufgabe, dort nördlich der Straße von Kondoa nach Handeni einen Hügel – später der Büchsel-Hügel genannt, weil unser früherer Kompanieführer ihn mit der 4. Feldkompanie eine Zeitlang besetzt hielt – vom Feinde zu säubern.

Als wir uns dem Hügel frontal näherten, wurde unsere Vorspitze angeknallt, und Lowes von der Berittenen Achten fiel dabei verwundet in Feindeshand; ich habe ihn später in Ahmednagar gesund, aber minus einen Arm wiedergefunden. Nun wurde beschlossen, den Hügel am nächsten Morgen von Osten zu stürmen. Wir lagerten bei Tage hinter einem Mtamafeld im Busch. Hier bekamen wir den ersten sicheren Beweis dafür, daß die Eingeborenen von Kondoa-Irangi auf feindlicher Seite gegen uns mitmachten. Sie näherten sich unseren Askari, und als sich einer von diesen freundlich mit ihnen unterhalten wollte, stach ihm ein Irangimann seinen Stoßspeer durch die Halsmuskeln. In der folgenden Nacht pirschten wir uns an den Büchsel-Hügel heran, um ihn im Morgengrauen zu stürmen. Als es gerade losgehen sollte, kam eine vom Unteroffzier Fokken geführte Schleichpatrouille zurück und meldete, daß der Hügel vom Feinde geräumt sei.

Wir bezogen trotzdem den Hügel nicht, weil er viel zu groß war, als daß wir paar Männeken ihn hätten besetzen und halten können, sondern gingen drei Kilometer südlich davon auf einen kleinen, sehr zerklüfteten, beinahe kreisrunden Berg zurück. Dicht vor uns führte die Kondoa-Handeni-Straße vorbei, und von dem Büchsel-Hügel trennte uns ein Tal mit reichen Mtamafeldern. Überall guckten aus diesen die flachen Dächer der Eingeborenenhütten heraus, und fast auf jedem Dach hockten einige bewaffnete schwarze Landsleute und beobachteten jede unserer Bewegungen, um alles dem Feinde zu melden. Kam man ihnen näher, dann verschwanden sie im dichten Mtama.

Auf unserm Runden Berg haben wir sechs oder sieben Tage gesessen und ständig Patrouillen nach vorne geritten. Zuerst verpflegten wir uns nur aus der Landschaft, denn unsere Bagage war noch weit zurück. Die Tiere lebten von grünen, halbreifen Mtamastauden und von vorjährigem Mtamakorn, das wir noch in einigen verlassenen Hütten vorfanden. Sie gediehen, nachdem sie sich an die neue Kost gewöhnt hatten, dabei besser als früher bei Körnermais. Wir suchten in Eile verlassene Eingeborenendörfer nach Hühnern und Eiern ab und machten reichliche Beute; auch einige versprengte Ochsen der Eingeborenen fielen in unsere Hände. Geradezu glänzend aber wurde die Sache, als Dr. Sinning, der, weil schonungsbedürftig, das Kommando unserer Trägerkolonne erhalten hatte, diese schließlich bis auf 14 Kilometer an unsere Stellung vorgebracht hatte und uns nun nicht nur Brot, sondern sogar fertig gekochtes Essen, Schnaps und Zigaretten vorschickte. Wir ließen den fürsorglichen »alten Stock« hochleben und waren in puncto Verpflegung wieder mal obenauf, besonders da der tüchtige Unteroffizier Horn, der bei unsern kranken Tieren in Dodoma geblieben war, dort Wurst-, Speck- und Butterbeziehungen angeknüpft hatte. Auch Sanitätssergeant Trimpler nahm sich mit Nachdruck der Ernährungsfrage an. War Steins Liebhaberei das blitzartige Ausheben von Erdlöchern und die Errichtung von Sitzstangen gewesen, so wurde die gemeinsame Küche, eine Art tragbare, aus zwei großen Töpfen bestehende Feldküche, Trimplers Steckenpferd. Was war das schön, so ganz mühelos einen Schlag Essen und Kaffee zu erhalten.

Trotz unseres Wohllebens auf dem Runden Berge schrumpfte die Zahl unserer Europäer immer mehr zusammen. Unser Etatsmäßiger wurde schwer krank und mußte ins Feldlazarett Dodoma zurück; sein Nachfolger wurde Fritz König, unser genialer Gouvernementsrat, er hat 1918 den Heldentod gefunden. Das »kleine Nashorn«, das einige Maultiere, die wir an die Gebirgsartillerie abgeben mußten, zu deren Stellung brachte, stürzte unglücklich und verletzte sich den Brustkasten so schwer, daß er gleichfalls ins Lazarett mußte. Mehrere andere – ich meine, es waren Gotthilf Blaich, Bernhard Blaich, Schönbohm und Arno Förster –, die sehr anstrengende Patrouillen hinter die feindliche Front gemacht hatten, um deren Artilleriestellungen zu erkunden, bekamen Malaria, die bei den meisten bereits chronisch war und nach schweren Strapazen immer wieder neu ausbrach. Der Schütze Schreiber war auf Patrouille vom Posten einer unserer Feldkompanien angeknallt, durch die Backe geschossen und nach Dodoma zurückgeschafft worden.

Aber nicht nur an Kranken und Verwundeten hatten wir Abgang, auch gesunde Leute wurden abkommandiert und schließlich versetzt. Ja, die deutsch-ostafrikanische Kavallerie mußte schon im Brigadeverband bleiben, wenn sie noch was vorstellen wollte. Bis auf de Beer, den jungen Youbert und unsere Kapelle Alwin Botha wurden uns alle Buren abgenommen, sie kamen zur Artillerie, um Kanonen und Munition zu fahren. Piet Nievenhuizen und Louis van Rooyen waren schon seit Same beim Oberst als seine Pfadfinder. Auch Vizefeldwebel Thiele und Sergeant Truppel wurden vom Kommando vereinnahmt, zu dem sie ursprünglich nur als Meldereiter kommandiert gewesen waren. Unser Oberst bediente sich ihrer wegen ihrer Porikenntnis und Zuverlässigkeit gern als persönliche Begleiter, wenn er von Stellung zu Stellung ging oder bei seinen nächtlichen Wanderungen von Vorposten zu Vorposten. So kam er auch einmal bei uns auf unserm Runden Berg zu Fuß an, ohne alle Abzeichen, in unscheinbarem Kittel. Er rief mich zu sich und schüttelte mir die Hand. Ich fand ihn grauer geworden als wenige Wochen vorher in Lembeni, und dennoch wundert es mich nicht, daß ihn Leute, die ihn Mitte 1918 noch gesehen haben, als ungebrochen in Energie und Gesundheit beschrieben. Das Leben dieses großen Mannes fand in der Schwierigkeit der ihm gestellten Aufgabe erst seine wahre Erfüllung. –

Von unserm Runden Berg machten wir – ich glaube, es war am 11. Mai – nochmals einen Angriff auf den inzwischen vom Feinde wieder besetzten Hügel vor uns, gemeinsam mit der 4. Feldkompanie, die Oberleutnant Büchsel in Vertretung des kranken Hauptmanns Goering führte. Oberleutnant Büchsel leitete die Operation. Um fünf Uhr morgens begann der Anmarsch. Die Askarikompanie wollte frontal, wir sollten von rechts flankierend angreifen.

Ganz ungehindert kamen wir an die Ostseite des Hügels heran, erkletterten ihn und gingen, nachdem vor uns her fliehende Warangispäher unsern Anmarsch dem die Westseite besetzt haltenden Feind gemeldet hatten, auf dem Kamm des Hügels unter heftigem feindlichen Feuer in Stellung. Als wir wohl eine Stunde im Gefecht gelegen und uns entlang der Langseite des Hügels immer näher an den Feind herangearbeitet hatten, so daß wir außer ihm selbst bereits auch seine Tiere unter Feuer nehmen konnten, kam plötzlich der Befehl von Oberleutnant Büchsel, daß er zurückgehen müsse, da ihn 600 berittene Buren umgangen hätten und abzuschneiden drohten; wenn wir nicht in der Luft hängenbleiben wollten, müßten wir ebenfalls schleunigst abbauen; Treffpunkt: unser Runder Berg. Während wir die befohlenen Bewegungen ausführten, hörten wir dort, wo die 600 feindlichen Reiter zur Entwicklung gekommen sein mußten, Artilleriefeuer und das Krepieren von Schrapnells. Hauptmann Koehl hatte von seiner Artilleriestellung das Gefecht übersehen können und mit seinen Gebirgsgeschützen in die dichten Massen der Reittiere der sich zu Fuß entwickelnden feindlichen Kavallerie hineingehalten.

Als wir zu unserm Runden Berg zurückkamen, hatte ihn die 4. Feldkompanie bereits besetzt, weil man erwartete, jetzt würde der an Zahl stark überlegene Feind seinerseits angreifen. Wir lagen zwei Tage und schliefen zwei Nächte in unserer Gefechtsstellung. Als dann immer noch nichts kam, ging die deutsch-ostafrikanische Kavalleriebrigade noch einmal, diesmal allein und frontal, gegen den Hügel vor. Der Feind war weg. Hauptmann Koehls Gebirgsartillerie hatte ihm doch wohl klar gemacht, daß dieser Hügel für ihn nicht zu halten sei. Die 4. Feldkompanie besetzte nun den Berg und grub sich regelrecht ein. Als wir zu unserm Runden Berg zurückkehrten, fanden wir dort Leutnant Freund und zwei oder drei andere zurückgekehrte Rekonvaleszenten vor; Leutnant Kämpfe nahm Abschied von uns.

Bei diesem letzten Sturm auf den allerdings unbesetzten Büchsel-Hügel war mir wieder so recht zu Bewußtsein gekommen, was für ein kümmerliches Häufchen wir doch geworden waren. Bei diesem Sturme befanden sich in meinem, dem einzigen Europäerzuge meiner Kompanie nur noch sieben Gewehre; etwas, aber auch nicht viel besser sah es im Askarizuge aus. Was war aus meiner stolzen Kompanie geworden, seitdem die große feindliche Offensive begonnen hatte! In den Hochsteppen am Kilimandscharo und Meru war die Zahl der Europäer in neunzehn Kriegsmonaten durch Krankheiten nur wenig oder höchstens mal vorübergehend geschwächt worden, aber die letzten dreieinhalb Monate im schlechteren Klima und die große Regenzeit hatten böse Lücken gerissen. Dazu trug auch bei, daß in den ersten neunzehn Monaten den gewiß oft sehr anstrengenden Fernpatrouillen doch immer Tage, ja Wochen der Ruhe und Körperpflege gefolgt waren – in den letzten dreieinhalb Monaten waren wir dagegen ständig unterwegs gewesen, waren scharf herangenommen worden und hatten unsere Boys und somit reine Kleider usw. nur ganz selten und in großen Zwischenräumen gesehen.

Man könnte meinen, daß unter all diesen Mühsalen die Stimmung der Berittenen Neunten hätte leiden müssen. Sicher, die Leute schimpften über dieses und jenes – welcher rechtschaffene Soldat schimpft nicht mal! –, aber von den Männern, die jetzt noch an der Front waren, wollte keiner zurückbleiben. Aus den Lazaretten rissen sie meistens aus, lange ehe sie auskuriert waren – nur um mit dabei sein zu können. Wollte ich einem die Hölle recht heiß machen, dann drohte ich damit, ihn zur Etappe zu versetzen – sofort wurde er brav und artig und sagte: »Um Gottes willen nicht, Herr Wachtmeister!« Wir waren zu einer großen Familie geworden, deren Mitglieder sich zuweilen zanken, die aber alle wie ein Mann aufstehen, sollte ein Fremder es wagen, einen von ihnen anzurühren. Im Lager ging es stets quietschfidel zu, und ich habe mit stiller Freude beobachten können, mit welcher Ausdauer uns die Europäer anderer Kompanien besuchten, wo auch immer wir zufällig mit ihnen zusammentrafen. Die Kameradschaft war bei uns über alle Begriffe schön. Wenn einer was hatte, hatten es die andern auch, und wenn einer im Dienst schlapp machte, sprangen zehn andere freiwillig für ihn ein. Wurde eine besonders gefährliche Patrouille befohlen, so hatte ich Mühe, die zu beruhigen, die diesmal nicht mitdurften. Hatte die Kompanie abgesattelt nach langem, ermüdendem Ritt, alle froh, endlich mal wieder ein Auge voll nehmen zu können, und brachte in dem Augenblick ein Meldereiter den Befehl zum Weitermarsch irgendwohin, weit weg, dann riß irgendein Witzbold einen faulen Witz, lachend gingen alle an die Tiere, und zwei Minuten später war die Kompanie wieder auf dem Marsch. Ich betrachte die Jahre, die ich in der Berittenen Neunten diente, als die schönsten und bildendsten meines Lebens – denn nie hatte ich vorher Gelegenheit, so deutlich zu erkennen, welch guter Kern in den meisten Volksgenossen unter einer oft recht unscheinbaren Hülle zu finden ist. Man muß den guten Kern nur finden wollen und sich nicht scheuen, harte, faserige, ja sogar ätzende Schalen zu entfernen. –

Da unser erster Auftrag an der Kondoafront, den Büchsel-Hügel vom Feinde zu säubern, dank der Hilfe der Artillerie nun doch noch gelungen war, wurden wir, zur Verfügung des Kommandeurs, auf den Kommandohügel verlegt. Dieser lag Kilometer 148 von Dodoma, etwa im Zentrum unserer Kondoastellung. Wir lagerten etwas unterhalb des Kommandos, im dichten Busch gegen Sicht vor den Fliegern geschützt, zogen unsere Trägerkolonne heran und konnten uns einige Tage ausruhen und pflegen. Während der Zeit fand zwischen unserer schwereren Artillerie, zwei Haubitzen und einem 8,5-Zentimeter-Geschütz, und der des Feindes ein tägliches Duell statt. Was für Erfolge unsere Artillerie hatte, habe ich später bei meinem Abtransport als Kriegsgefangener sehen können; die feindlichen Erfolge hingegen waren wenig bedeutend. Gefallen ist vor Kondoa infolge feindlichen Artilleriefeuers, soviel ich weiß, nur der Regierungslehrer Staub, den ich 1914 auf meiner Ausreise als frohsinnigen Menschen lieben und als erstklassigen Skatspieler fürchten gelernt hatte. Schwer verwundet wurde Oberleutnant Boell, leichter unser Oberst und Piet Nievenhuizen.

Als wir zwei oder drei Tage dem Artilleriekonzert gelauscht hatten, kam der Befehl: »Die beiden Berittenen Kompanien stehen zur Verfügung der Abteilung Hauptmann Schulz, die auf der Kondoa-Saranda-Straße (links von unserm linken Flügel) einer gemeldeten umfassenden Bewegung des Feindes entgegengehen soll.« Also: »Fertigmachen! Satteln!«

Die Abteilung Schulz bestand aus zwei Askarikompanien, uns Reitern und einer kleinen Kanone, deren Rohr von Trägern getragen wurde. Die Lafette und die Munition waren auf etwa 25 Eseln verpackt in einer so primitiven Weise, wie sie eben nur bei unserm Mangel an jedem Kriegsmaterial erklärlich ist. Eingeborene hatten Strohmattensäcke geflochten, und auf jeder Seite des Eselrückens hing solch ein Sack, gefüllt mit Geschossen. Bauchgurt, Vorder- und Hinterzeug, die diese Säcke in der richtigen Lage festhielten, waren aus Stricken von Sansevieren-Fasern gefertigt.

Hauptmann Schulz verwandte seine Kavallerie auf dem Marsch, soweit sie nicht die Spitze bildete – das waren die Glücklicheren – als Artilleriebedeckung. Solch ein Marsch ist mehr als qualvoll. Man denke sich im dichten, heißen Dornbusch einen Fußweg, gerade breit genug für einen Mann, auf dem zwei Askarikompanien, ihr ganzer Troß von Trägern und Boys, die Artillerie mit ihren störrischen Eseln und endlich wir Reiter alle im Gänsemarsch marschierten. So ein Marsch besteht eigentlich nur aus Marschstockungen, die alle mitmachen müssen. Unzählige Male bin ich abgestiegen und habe meinen Hengst geführt. Die Geduld, die mein Hengst – sonst die Ungeduld selber – bei dieser Gelegenheit entwickelte, kam mir schon verdächtig vor. Obwohl er speckfett war und sein Fell noch goldig glänzte, saß der schleichende Tod bereits in ihm. Dieser Marsch war sein letzter. Bald danach traten Tsetsegeschwülste auf, und eine Woche später brach Ottos tapferes Herz.

Während dieser Unternehmung bin ich ein paar Tage stellvertretender Führer meiner Kompanie gewesen, da Leutnant Freund, der in der ersten Nacht mit einer Patrouille vorausgeschickt wurde, sich im Busch verirrte und uns verlorenging. Nach einem fürchterlichen Nachtmarsche – selbst die Tiere schliefen im Gehen ein – trafen wir am Morgen des dritten Tages an unserm Ziele, der Straße von Kondoa nach dem westlich von Dodoma liegenden Saranda, ein, fanden aber keinen Feind. Als dann die nach Norden vorgetriebenen Kavalleriepatrouillen sogar auch den uns bekannten vordersten Posten der englischen rechten Flanke verlassen gefunden hatten, stellte sich heraus, daß die Meldung von einem beabsichtigten Flankierungsmarsch des Feindes zum mindesten verfrüht gewesen sein mußte. Mit unserm auf dem Rückmarsch wiedergefundenen Leutnant trafen wir nach sechs Tagen wieder am Kommandohügel ein.

Nachdem wir hier einige Tage in Ruhe dem Artillerieduell zugehört hatten, wurden wir – es muß inzwischen Ende Mai geworden sein – von neuem in Aktion gesetzt, diesmal wieder auf der rechten Flanke unserer Stellung. Da inzwischen die von uns in der Lembenistellung an der Nordbahn zurückgelassene Abteilung Kraut durch das bloße Gewicht der Zahl und Geschütze des Feindes, tapfer kämpfend, nach Süden zurückgedrängt worden war, stand nun die von Handeni kommende Straße für den Feind als Anmarschweg von Osten auf Kondoa offen, und da gleichzeitig starke feindliche Verstärkungen von Norden her in Kondoa eingetroffen waren, rechnete man auch damit, daß der Feind auf der alten Kondoa-Mpapua-Straße zur Mittellandbahn vorstoßen könnte. Infolgedessen erhielt die Kavalleriebrigade den Befehl, zu dem uns schon bekannten Kwa-Handu-Paß, südöstlich hinter unserer Front, zurückzugehen und von dort aus durch Patrouillen rechts vom rechten Flügel unserer Stellung jene beiden Straßen unter ständiger Beobachtung zu halten. Der geeignetste Punkt hierfür war der 35 Kilometer vom Paß nach Nordosten liegende Kwa-Damas-Hügel, nach dem wir also ständig Patrouillen zu reiten hatten.

Auf dem Kwa-Handu-Paß stellten wir eine starke Feldwache auf, die Kavalleriebrigade selbst lagerte etwas unterhalb des eigentlichen Gebirgspasses, versteckt gegen die häufig erscheinenden Flieger, im dichten Busch am Ufer eines versandeten, trockenen Flußbettes, in dem wir nach Wasser für uns und unsere Tiere graben mußten. Hier beim Kwa-Handu-Paß passierte die schöne Geschichte mit Martin Köhler, Unteroffizier Köhler, im Frieden Schaf-, Hühner-, Bienen- und Brieftaubenzüchter am Meru. Sie beweist, wie wichtig für den Schutztruppler die Ausbildung im Reckturnen ist – rettete doch eine elegant ausgeführte Sitzwelle den Kameraden Köhler vom sicheren Tode.

In unmittelbarer Nähe des Lagers waren, eingedenk der Liebhaberei unseres früheren Sanitätsrates, an einem versteckten Örtchen ein tiefes Loch ausgehoben und an dessen Rand Sitzstangen errichtet worden. Die Sitzstangen befanden sich etwa 45 Zentimeter über der Erde. Als unser Freund Martin eines Mittags auf einer dieser Stangen saß und, da er Geschmack besitzt, tief darüber nachdachte, wie er sich diesen Ort auf seiner Zukunftsfarm am Meru doch etwas weniger primitiv einrichten möchte, sprang ihn von vorwärts aus dem Busch ein Leopard an. Kurz entschlossen machte Martin eine Sitzwelle und kam, da er von Statur man klein ist, zwischen der Stange und dem Boden auch richtig rum. Der Leopard hingegen schoß, Kopf vorwärts, in die tiefe Grube, in der er ohne sonderliche medizinische Kenntnisse feststellen konnte, daß sämtliche Europäer meiner Kompanie magen- und darmkrank waren. Daß Martin, dessen Brust der Leopard im Absinken mit den Krallen der Hinterpfoten arg aufgekratzt hatte, sich nun keine Zeit mehr nahm, seine Toilette zu ordnen, wird niemand wundernehmen. Blutüberströmt, die Hose in der Hand, kam er in das Lager gelaufen, so schnell ihn seine kleinen Beine tragen wollten, und brüllte: »Chui! Chui!« [Leopard].

Am nächsten Mittag, etwa um dieselbe Zeit, besuchte Unteroffzier Obst das stille Örtchen. Er nahm seinen Karabiner mit. Richtig! Da lag der Leopard wieder im Schatten eines Strauches und wartete auf Martin Köhler. Bana matunda schoß dem Katzentier auf 15 Schritt eine Kugel zwischen die Augen. – Zu verwundern ist es nicht, wenn die größeren Raubtiere, Löwe und Leopard, im Kriege Menschenfresser geworden sind. Gelegenheit, sich an Menschenleichen zu üben und auf den Geschmack zu kommen, haben sie genug gehabt. Wer krank oder verwundet im Pori liegenblieb, war rettungslos verloren.

Am Kwa-Handu-Paß lag ich wieder mal einige Tage mit Fieber. Wir waren eigentlich alle malariadurchseucht, wie eine Viehherde mit Küstenfieber durchseucht sein kann. Die Malariaanfälle wurden immer häufiger, aber auch immer schwächer und von kürzerer Dauer. Na, wenn wir einmal kein oder doch nur schwaches Fieber hatten, ritten wir unsere Patrouillen nach dem Kwa-Damas-Hügel, zu dessen Fuß das Negerdorf gleichen Namens liegt. Ich habe zweimal solche Patrouillen geführt, die beide nicht ohne besonderes Abenteuer verliefen.

Das erstemal hatte ich den Nebenauftrag, den Jumbe, den den Engländern freundlichen Dorfschulzen von Kwa Damas, und seine eigene Schaf- und Ziegenherde auf dem Rückwege mitzubringen. Er war ein farbiger Landesverräter. Da wir aus der Richtung der englischen Stellungen an sein Dorf heranritten, hielt der Jumbe uns für Engländer, nahm uns freundlich auf und zeigte uns stolz ein deutsches, vom Feinde irgendwo erbeutetes Infanteriegewehr Modell 71, mit dem die Engländer ihn bewaffnet hatten. Als wir ihn, sein Gewehr, seinen Akida [Schreiber] und seine Hammelherde mitnahmen, machte er uns noch lange Zeit darauf aufmerksam, daß wir falsch marschierten, da die englische Stellung in entgegengesetzter Richtung liege. Seinen Untertanen schien es Spaß zu machen, daß es ihrem Jumben anscheinend schlecht gehen sollte. Wir mußten quer durch sein sich über einige Kilometer hin erstreckendes »Reich«. Die Frauen und Kinder traten vor die Hütten und freuten sich diebisch über ihren Schulzen und seinen Schreiber am gemeinsamen Strick. Die bewaffneten Männer hielten sich in respektvoller Entfernung. Der Schulze und sein Schreiber wurden der Zivilbehörde überliefert, die Schafe und Ziegen aß meine Kompanie.

Weniger vergnüglich war das Abenteuer auf der zweiten Patrouille. Ich hatte eben meine Tiere auf halber Höhe des Kwa-Damas-Hügels hinter Felsen versteckt und oben auf dem Hügel einen Ausguckposten aufgestellt, als plötzlich, wie ein Gewitter aus heiterem Himmel, ein Schwarm wilder Bienen über uns herfiel. Meine Askari rissen sofort aus, ohne sich um ihre Tiere zu kümmern, einige von den Europäern machten es nicht besser, andere banden wenigstens ihre Tiere los und rissen dann erst aus. Jedenfalls saß ich allein da mit sieben hinter verschiedenen Felsen angebundenen Tieren, über die die Bienen herfielen wie ein Heuschreckenschwarm über ein Feld jungen Mais. Gras, um rasch ein Rauchfeuer zu machen, gab es auf dem nackten Hügel nicht. Ich legte mir mein Taschentuch möglichst breit um den Hals und kroch, den Kopf dicht über dem Erdboden, auf allen vieren zu den Tieren, die mit solcher Gewalt an ihren Halfterriemen zerrten, daß ich sie nur durch Durchschneiden der Riemen befreien konnte. Ich konnte mich natürlich nicht damit abgeben, die Tiere zu greifen – einmal frei, mußten sie für sich selber sorgen. Das taten sie denn auch mit viel Klugheit und Überlegung. Von Bienen umschwärmt, sausten sie im Galopp den Hügel hinab, hinein in ein Mtamafeld, und wälzten und rieben sich dort solange gegen die Mtamastauden, bis sie die Bienen loswurden. Zwei Tieren, einem Pferde und einem Maultiere, hatten die Bienen oben am Hügel bereits so schwer zugesetzt, daß sie eingingen; das Pferd krepierte nach einer Stunde, das Maultier am nächsten Morgen. Eins der flüchtigen Maultiere hatten meine Leute unten am Hügel einfangen können, und da es jämmerlich nach seinen Genossen schrie, kamen diese, die schon auf dem Wege zum Kompanielager gewesen waren – Maultiere finden stets ihren Weg zum letzten Lager – zu uns zurück und ließen sich greifen. Das war noch ein Glück im Unglück. Wir hätten sonst alle mit der ganzen Reitausrüstung auf dem Rücken 35 Kilometer tippeln müssen.

Ich hatte 40 Bienenangeln im Kopf und in den Händen – der Bur de Beer hat sie mir ausgezogen und gezählt. Mein Kopf schwoll so dick an wie gut drei Köpfe gewöhnlichen Kalibers. Stundenlang fühlte ich mich sterbenskrank; erst als in der Nacht starkes Erbrechen und gleichzeitig Durchfall eingetreten war, wurde mir leichter. Daß ich dem Tode nahe gewesen bin, ist mir völlig klar. Es dauerte acht Tage, bis mein Kopf zu seiner normalen Dickköpfigkeit zurückgeschwollen war, und vierzehn Tage, bis die letzten Fiebererscheinungen verschwunden waren. Man sagt mir, Bienenstiche seien ein gutes Heilmittel gegen Rheumatismus. Wenn Bienenstiche auch prophylaktisch wirken, dann habe ich von dieser Medizin genug für den ganzen Rest meines Lebens eingenommen.

Bei dieser Gelegenheit habe ich übrigens feststellen können, daß es bei mir mehr als 40 Bienenangeln im Leibe bedarf, ehe ich den Sinn für Humor verliere. Trotz der angeschwollenen Augen und schmerzenden dicken Lippen habe ich doch herzlich über folgendes Intermezzo lachen müssen: Der Schütze Bieleck war, ohne sich um sein Tier zu kümmern, im ersten Schreck nicht den Hügel hinunter-, sondern hinaufgelaufen; den Woilach, auf dem er gerade ruhte, hatte er mitgenommen. Als wir eine ganze Weile später am Fuß des Hügels damit beschäftigt waren, die zurückkommenden Reittiere einzeln einzufangen, kündigten den steilen Hügel herabrollende Steine an, daß von oben noch was kommen würde. Und siehe – ein Berggeist kam am hellichten Nachmittage den Hügel herab. Bieleck ist klein, so klein wie ein Mensch nur sein kann, ohne in die Gattung Zwerg eingeschaltet werden zu müssen. Nun hatte er sich, wohl zum Schutz gegen die Bienen, die inzwischen längst weg waren, seinen langen Woilach über den Kopf gehängt, so daß er selber nichts sehen konnte und die Woilachenden vorne und hinten auf der Erde schleppten. Beim Abwärtslaufen trat er nun bald vorne auf den Woilach und kollerte ein Stück weiter, bald vertüderten sich seine langen Rittersporen hinten im Woilach, und er schoß einige Purzelbäume, um dann wieder weiterzulaufen. So rollte, stolperte, sich alle paar Schritt überschlagend, begleitet von einem Hagel losgelöster Steine, unser Berggeist wie eine Lawine heran und schrie dabei in einer unter der dicken Decke geisterhaft klingenden Stimme: »Ich sterbe! Ich sterbe! Ich bin schon tot!« Als Bieleck endlich unten angekommen und in sich zusammengesunken war, schauten wir uns das Klümpchen Unglück näher an. Wie gesagt, der Bienenschwarm war längst fort, aber Bieleck hatte sich gleich zu Anfang so’n Stücker sechs bis acht Bienen unter seinem Woilach eingefangen, die nun auch nicht wußten, wie sie da wieder rauskommen sollten. Unter ihrem zornigen Gesumme war Bieleck, selbst in Nacht gehüllt, auf dem Hügel herumgeklettert und jetzt zu uns heruntergesaust – immer noch im Wahne, daß der ganze Schwarm hinter ihm allein her sei.

Da ich gerade bei Bieleck bin und mich liebend gerne bei ostafrikanischen Charakterstudien aufhalte, will ich an dieser Stelle noch ein paar Stückchen von ihm erzählen. Bieleck hatte sich bei Kriegsausbruch zur berittenen Truppe gemeldet, weil er sich einbildete, früher mal »Cowboy« in Zentralamerika gewesen zu sein. Als ihn zum Schluß der ersten Reitstunde der Kompanieführer darauf aufmerksam machte, daß in einer Reitstunde zehnmal abzufallen sich mit dem Begriff, den er sich vom Cowboy mache, schlecht vereinigen lasse, antwortete Bieleck: »Halten zu Gnaden, Herr Kapitänleutnant, ich bin halt nur fünfmal abgefallen, die andern fünfmal bin ich noch rechtzeitig an meinen Sporen oben hängengeblieben.«

Kurz vor dem Kriege reiste Bieleck in der Landschaft Usukuma. Warum er dort reiste, weiß auch heute nur er allein. Jedenfalls reiste er als Großgrundbesitzer und trug sein Haar in langen schwarzen Locken, wahrscheinlich, um wenigstens etwas Langes an sich zu haben. Zwei spätere Kompaniekameraden von ihm und mir, die auf Viehsafari auch in Usukuma reisten, erfuhren in einem Negerdorf, daß im nächsten Dorf ein ganz kleiner Mzungu [Europäer] wohne. Richtig! als sie zum nächsten Dorf kamen, fanden sie dort einen Lehmkaten mit der obligaten Veranda davor. Auf der Veranda, die Stirn in Denkerfalten gezogen, anscheinend in die Lektüre eines Buches vertieft, saß Bieleck, der sie natürlich bereits eine Stunde lang auf der Straße hatte ankommen sehen. »Ah, meine Herren, welche Überraschung! Freut mich, daß Sie mich besuchen. Freut mich sehr. Bitte, nehmen Sie Platz. Habe hier Land belegt. So’n kleines Fürstentum groß. Will viehfarmen. Zentralamerikanische Erfahrungen verwerten« – so sprudelte es von den Lippen des kleinen langhaarigen Gastgebers. »Auch auf Viehkauf?« Ein Wort gab das andere, und die beiden Viehkäufer beklagten sich, daß es so schwer sei, in Usukuma Träger zu bekommen. »Was«, rief Bieleck, »schwer? Nichts leichter als das. Ich bin alter Afrikareisender – Bieleck war damals 21 oder 22 Jahre alt – weiß Bescheid, machen Sie’s wie ich! Wenn ich keine Träger kriegen kann, weil die Männer sich verdrückt haben, gehe ich in ein Negerdorf und greife mir 18 Frauen. Reise nach meinem Stande in einigem Staat, wie Sie sehen. War früher beim Gouvernement, habe es mir da so angewöhnt; freilich, Anspruch auf Nachtgeschirr mit Deckel hatte ich noch nicht. Zehn Frauen packe ich je eine Last auf, und acht, immer vier abwechselnd, müssen mich im Liegestuhl hinterhertragen. So übersehe und bewache ich bequem das Ganze. Wenn ich in dieser Weise eine Stunde marschiert bin, dann kommen die Männer der Frauen mir ganz von selbst nachgelaufen und bieten sich zu Trägerdiensten an. ›Seht ihr wohl‹, sage ich zu ihnen, ›es gab also doch Träger in eurem Dorf. Nun, bis zum nächsten Dorf müßt ihr mit, sonst nehme ich eure Frauen mit. Im nächsten Dorf löhne ich euch ab.‹ Sie gehen mit, glauben mir aber natürlich nicht, daß ich sie im nächsten Dorf entlassen werde. Kaum sind wir dort angelangt, bimsen sie aus, und ich spare die Trägerlöhne. So reist man bequem und billig in Afrika, meine Herren.«

Der also in Staat reisende Großgrundbesitzer Bieleck kam zur Truppe zu Fuß ohne die langen Locken und bescheiden mit nur einem Träger. Dieser trug eine alte Petroleumkiste auf dem Kopf, in der sich eine Sammlung von Hotelspeisekarten aller Herren Länder befand.

Daß Bieleck sich gleich zur Schutztruppe meldete, ist gewiß anzuerkenen, aber im Gefecht hatte er doch so seine eigene Taktik. Als die Berittene Neunte am 6. Februar 1916 im Gefecht am Nagasseni über eine größere baum-, strauch- und graslose Fläche im feindlichen Feuer in Sprüngen vorging und mit dem Ungestüm ihres Führers kaum Schritt halten konnte, waren Bieleck und Bana matunda Nachbarn in der ausgeschwärmten Schützenlinie. Nach dem ersten Sprung schmiß sich Bana matunda auf den Bauch – denn natürliche Deckung gab es nirgends – und schoß mit gespreizten Beinen liegend. Kaum hatte er den zweiten Schuß heraus, da krabbelte ihm was zwischen den Beinen, und als er sich vorsichtig umsah, hatte sich Bieleck dort eingenistet. Ehe Bana matunda seine staunende Entrüstung in Worte fassen konnte – der Augenblick muß sehr kurz gewesen sein, denn Bana matunda war sonst nicht auf den Mund gefallen –, hieß es bereits wieder: »Sprung auf! Marsch! Marsch!« Nach diesem Sprung legte sich Bieleck richtig wieder zwischen die Beine von Bana matunda, und dieser fand diesmal zwischen seinen Schüssen die Zeit, ihm einige Kosenamen an den Kopf zu werfen und Fußtritte zu verabreichen. »Halten zu Gnaden«, sagte der ganz bestürzte Bieleck, »wir sind instruiert, jede Deckung auszunutzen, und eine bessere Deckung kann ich in diesem parkettfußbodenähnlichen Gelände nicht finden.«

Bieleck war auch mal interimistisch als Gerichtsvollzieher in Tabora angestellt. Warum er diesen Posten verlor, hat er mir selbst erzählt: »Halten zu Gnaden, Herr Obristwachtmeister, ich war mein ganzes Leben lang immer schlecht bei Kasse, auch noch, als ich Kolonialbeamter war. Komme ich da eines Tages auf das Büro meines Bezirksrichters, um ihm nach einer vollzogenen Pfändung das bezügliche Aktenstück zu überreichen. Mein Bezirksrichter liest halblaut und murmelt: ›Urteilsschuldner Bieleck, hm, den Namen sollte ich kennen.‹ – ›Jawohl, Herr Bezirksrichter‹, sage ich, ›das bin ich.‹ – ›Was!‹ ruft der Bezirksrichter, ›Mensch, Sie haben sich selbst gepfändet?‹ – ›Kleinigkeit‹, sage ich, ›machen wir alles. Ich ging auf meine Bude, fand nichts Pfändbares und habe, wie Euer Gnaden sehen, hier unten auf dem Aktenstück über den Befund mit »Bieleck, Gerichtsvollzier« urkundlich quittiert. Alles in schönster Ordnung, Euer Gnaden.‹ Der Bezirksrichter wollte das nicht für voll nehmen, und ich wurde entlassen, nur weil mein Name zweimal in derselben Gerichtsakte vorkam. So kann’s einem gehen, Herr Obristwachtmeister. Hab’ die Ehr’, Herr Obristwachtmeister.«

Wenn Bieleck dazu aufgelegt war und abends am Lagerfeuer erzählte, saß bald die halbe Kompanie um ihn versammelt und lachte sich gesund. Bieleck hatte eine helle Phantasie, er war unser moderner Münchhausen.