Der Gewaltmarsch zur Mittellandbahn während der großen Regenzeit

Sergeant Thiele von meiner Kompanie hatte von einer Schleichpatrouille die wichtige Meldung gebracht, daß auf der Straße von Aruscha nach Dodoma eine starke feindliche Abteilung nach Süden vorrücke. Also wieder Methode Smuts! Der Feind hoffte, ohne große Verluste seinerseits, unsere Nordtruppen in der Lembenistellung festhalten und unterdessen mit einer seiner vielen großen Reservearmeen die Mittellandbahn nehmen zu können. Mit dem Fall der Mittellandbahn wäre aber die ganze nördliche Hälfte der Kolonie verloren gewesen.

Dieser neuen Kriegslage entsprechend entschloß sich unser Oberst, in der Lembenistellung nur eine Abteilung unter Major Kraut zurückzulassen und den größeren Teil der Nordtruppen in Eilmärschen von der Nordbahn an die Mittellandbahn zu schicken, die sie nach Dodoma weiterbeförderte. Von Dodoma aus wollte unser Oberst dann dem von Norden heranrückenden Feind entgegentreten.

Als letzte der nach dem Süden gehenden Truppen wurden die beiden Berittenen Schützenkompanien von der Lembenifront weggeschickt. Die Zeit, die wir dort länger verwendet worden waren, sollten wir durch größere Marschleistungen wieder einholen. Wir sollten von der Nordbahnstation Ngombezi nach Kimamba marschieren, um von da aus auf der Mittellandbahn nach Dodoma befördert zu werden.

Am 21. April wurden wir in Same auf die Nordbahn verladen. Als wir aufsaßen, um von unserm Lager oberhalb Same zur Station zu reiten, fiel ich hin. Ich war noch so matt von dem eben überstandenen Fieber, daß ich mit der schweren Kriegsausrüstung nicht mal auf das kleine Maultier klettern konnte, das ich auf diesem Marsch ritt. Oberarzt Klemm wollte mich nach Mombo ins Lazarett schicken, ich konnte mich aber nicht entschließen, meine Kompanie zu verlassen – wußte ich doch aus Erfahrung, wie schwer sie wiederzukriegen war, wenn man erst einmal von ihr abgekommen ist.

Noch eine andere Betrachtung hielt mich bei der Kompanie. Ich mußte und wollte durch mein Alter vorbildlich wirken, war ich doch keineswegs der einzige Rekonvaleszent unter den sowieso schon stark zusammengeschrumpften Europäern. Auf dem Papier hatte die Kompanie um diese Zeit immer noch etwa 70 Europäer – aber nur auf dem Papier. Denn Dr. Sinning mit unsern Fußaskari war bei der Abteilung Aruscha, Unteroffizier Horn und noch zwei Europäer waren unterwegs mit einer Fernpatrouille der Berittenen Achten, Unteroffizier Obst, Truppel, Hugo König und de Beer waren mit einem Spezialauftrage im Rücken der nach Süden vorgehenden englischen Truppen, sechs Europäer hatten wir in den letzten Wochen verloren und 27 Europäer waren bereits als felddienstuntauglich auf Etappe abkommandiert oder lagen in den verschiedenen Lazaretten. Von den 29 Europäern, die noch von Same abrückten, kamen 18 vor Kondoa an – den Rest verschluckte der Marsch.

Es war aber auch ein Marsch voll Höllenqualen, wie sie nur der Tropengürtel, in dem wir uns nun befanden, zur großen Regenzeit aufzuweisen hat. Von den Gottesgaben, die der Landwirt sonst schätzt, gab es zuviel auf einmal: zuviel Wärme und zuviel Feuchtigkeit. Zum Ausgleich hierfür gab es dann auf der großen Etappenstraße so gut wie gar nichts zu essen. Was da gewesen sein mag, hatten die zahlreichen vor uns marschierenden Askarikompanien natürlich aufgegessen, und unsere eigene Bagage kam bei dem befohlenen Marschtempo nicht mit.

Auf der Bahnhaltestelle Ngombezi, 92 Kilometer vor Tanga, wo wir uns am 22. April morgens vier Uhr ausluden, ging die Quälerei schon los. Es hatte geregnet, war drückend schwül, und das Loch wimmelte von Moskiten. Es war zu heiß, um sich den Woilach über den Kopf ziehen zu können, tat man es aber nicht, dann fraßen einen die Moskiten auf. An Schlaf war unter diesen Umständen nicht zu denken. Als es Tag wurde, faßten wir in einem Magazin für Askariausrüstung für unsere Askari, was noch zu haben war, und für uns Europäer je eine Moskitonetztüte. Man denke sich eine mannshohe Spitztüte aus Moskitogaze gefertigt, an deren Spitze sich eine Bandschlaufe befindet. Mit dieser Schlaufe befestigt man die Tüte über dem Kopf an einem Ast und kriecht dann mit Kopf und Händen unter die Tüte. Andere Körperteile brauchen nicht geschützt zu werden, denn in den nächsten drei Monaten sind wir nie anders wie gestiefelt und gespornt zum Schlafen gekommen; die Nachttoilette bestand im Austausch des Tropenhelms gegen die Feldmütze, das Kopfkissen war der Sattel und das Bett die Mutter Erde. Die Moskitonetztüten waren sehr wirksam gegen gewöhnliche ausgewachsene Moskiten und am Tage gegen Fliegen. Gegen die winzig kleine Moskitoart aber, die es auf unserm Marsch von der Nordbahn zur Mittellandbahn fast überall in großen Schwärmen gab, schützte die Tüte leider nicht. Im Gegenteil – die kleinen Biester kamen zu Hunderten durch die Gaze durch und peinigten uns um so mehr, weil wir sie dann nicht mehr verscheuchen konnten. Kopf, Hals und Hände waren stets mit kleinen roten Punkten besät, und die Haut juckte zum Verzweifeln.

Um acht Uhr morgens ritt die Kavalleriebrigade von Ngombezi ab, um bald darauf die alte Karawanenstraße von Korogwe nach Handeni zu erreichen. Auf ihr standen die vier Automobile, die unsere Truppe damals noch besaß, und warteten auf unsern Oberst und seinen Stab. Später am Tage überholte uns unser Oberst. Die Nacht verbrachten wir im Pori bei feinem Regen, südlich der Kautschukpflanzung Zitzmann. Zitzmann ist der Pflanzer mit dem magischen Glasauge.

Wenn er nicht immer persönlich bei seinen Pflanzungsarbeitern stehen wollte, nahm er sein Glasauge heraus, setzte es in Position auf einen Baumstamm und sagte den Arbeitern, das Auge würde ihm schon erzählen, wenn sie faul gewesen wären. Eine Zeitlang standen die Neger im Banne dieses Glasauges und arbeiteten, daß ihnen der Schweiß den Buckel herunterlief. Als dann Zitzmann einmal wieder kam, um nach der Arbeit zu schauen, lagen alle Neger im Schatten und pennten friedlich – ein Schlaukopf hatte seine Kofia [Mütze] vorsichtig über das Glasauge gesetzt, das nun nichts sehen konnte. Zitzmann war als Kriegsfreiwilliger eingetreten und hatte es durch seine glänzenden Sprengpatrouillen bereits zum Vizefeldwebel bei der 21. Feldkompanie gebracht.

Am nächsten Mittag ritten wir bei schwerem Regen in Handeni ein. Hier wurden wir in leider leeren Magazingebäuden untergebracht und warteten auf den Tierarzt Philipp, der unsere Tiere gegen Tsetse mit Atoxyl, dem Mittel, das auch gegen Schlafkrankheit angewandt wird, impfen sollte. Am Abend fand die Impfung statt, und die Tiere mußten jetzt 24 Stunden Ruhe haben. Die Experimente, die im Kriege mit Atoxyl gegen Tsetse gemacht worden sind, sind nach meinen Beobachtungen noch unzureichend; bei Maultieren wenigstens schien es ja zu wirken, aber andererseits hatten wiederholte Atoxylspritzungen bestimmt eine böse Wirkung auf die Herztätigkeit der Tiere, die dann auch zum Teil an Atoxylvergiftungen eingingen. Nachdem die Tiere gespritzt waren, gingen wir alle zu Frau Schlittenbauer, die in Handeni einen Ausschank hatte, und blieben dort so lange, bis ihr Vorrat an Eß- und Trinkbarem rein alle war.

Am Spätnachmittage des nächsten Tages, des 2. April, traten wir auf der Etappenstraße von Handeni nach Kimamba an der Mittellandbahn den Nachtmarsch an. Wir waren noch nicht lange unterwegs, als der Regen, richtiger Tropenregen, losging. In diesem Regen, auf völlig aufgeweichter Straße, oft bis zum Bauch der Tiere im Schlick, ritten wir bis vier Uhr morgens. Wenn es gar nicht mehr gehen wollte und die Stimmung gar zu trübe wurde, dann stimmten wir unser Kompanielied an. Von außen bis auf die Haut durchnäßt und gleichzeitig in unsern dicken Indermänteln bei der greulichen Hitze wie in einem Dampfbade schwitzend, fanden wir in der Etappe Kilima cha mzinga Unterkunft in einer an allen Seiten offenen Trägerbanda [Halle]. Feuer wurden angemacht, und jeder versuchte, sich und seine Sachen nach Möglichkeit zu trocknen. Zu essen gab es ein wenig Reis. Das hübsche Etappenrasthaus war bereits von einigen zur Nordtruppe kommandierten Europäern aus Daressalam belegt. Sie lagen noch in eigenen Feldbetten mit Moskitogestell und -netz, und jeder hatte so rund zehn Lasten bei sich. Sie werden später auch haben lernen müssen, sich mit weniger zu behelfen. Vielleicht war es aber ganz gut, daß sich einzelne Truppenteile in den ersten beiden Kriegsjahren recht hatten schonen und pflegen können – sie konnten dann einspringen, als die Europäer, die vom ersten Kriegstage an der Front mitgemacht hatten, so ziemlich verbraucht waren.

Am folgenden Tag ritten wir bis Lembule, am 26. April bis Kanga. Auf beiden Etappen gab es ein wenig Reis. Auf beiden Märschen kamen wir nur langsam vorwärts; denn die Straße war meistens unergründlich, und alle Augenblicke sackte jemand mit seinem Tier in ein Loch, um zur Freude seiner Kameraden ein unfreiwilliges Schlammbad zu nehmen. Einmal hörte die Straße überhaupt auf. Ich versuchte sie weiter, aber von meinem kleinen Maultier guckten dann nur noch die langen Ohren aus dem flüssigen Dreck. Wir mußten also von der Straße nach rechts abbiegen, was vor uns die vielen Askarikompanien mit ihren Trägerkolonnen bereits auch getan zu haben schienen, ohne dadurch zur Festigkeit des Bodens besonders beigetragen zu haben. Nun lief neben der Straße ein Graben, über den wir springen und dann die Tiere nachziehen mußten. Daß dieser Graben da war, merkten wir erst, als der erste hineinfiel; zu sehen war er nicht, denn hüben und drüben sowie im Graben stand der flüssige Schlamm an der Oberfläche ganz gleich hoch. Die Tiere, die die Breite auch nicht berechnen konnten, sprangen entweder zu weit und stießen drüben den Reiter in den Dreck, oder zu kurz und rissen den Reiter mit in den Graben zurück. Hier sind alle die verunglückt, die bisher gespottet hatten. Der Gefreite Münz saß auch drin bis an den Hals. Rechts von ihm sah ich noch den Kopf seines Maultieres und links von ihm war sein Sattel, der sich vom Tier getrennt hatte, gerade im Begriff abzusacken. Als ihm Leutnant Freund zurief, er solle seinen Sattel fassen, antwortete Münz im schönen Württemberger Dialekt: »Herr Leitnant, Herr Leitnant, i bin erledigt, i kann nit schwimme!« Na, so schlimm war es ja gar nicht. Der Schlick ging dem, der sich nicht, wie Münz es tat, dabei hinsetzte, nur bis an die Brust, und zum Schwimmen war der Modder überhaupt viel zu dickflüssig.

Am 27. April waren wir mittags in Tuliani, das ich nie vergessen werde. Denn hier gab es mal wieder was zu essen. Nicht etwa von der Etappe – bewahre, die hatte, wie die andern Etappen alle, nur ein wenig Reis für uns vorgesehen. Aber von einem menschenfreundlichen und geschäftstüchtigen Missionar aus Mhonda, das oberhalb der Etappenstraße im Gebirge liegt. Wir kauften von dem Missionar ein Schwein, Hühner, Eier und Früchte und lebten für fünf Stunden wie der Herrgott in Frankreich. Denn im Tuliani-Fluß konnte man auch schön baden und währenddessen wenigstens Hemd und Strümpfe waschen und trocknen lassen. Eigentlich hatte das ja wenig Zweck – die Schlammbaderei ging ja doch gleich wieder los. Aber sich mal für einige Stunden rein zu fühlen und nach dem ewigen Reis dreimal am Tage wieder mal ein ordentliches Stück Schweinebraten zu essen, ist doch nicht ohne.

Um fünf Uhr ging es von Tuliani weiter, wieder hinein in den Schlick. Es wurde ein übler Nachtmarsch, denn zu den üblichen Mühseligkeiten der grundlosen Straße kam noch hinzu, daß wir uns verbiesterten. Lange konnten wir im Dunkeln die Furt durch den Mvomerofluß nicht finden, und erst um drei Uhr morgens trafen wir auf der Etappe gleichen Namens ein. Dort herrschte durch seine liebenswürdige Gattin ein verheirateter Etappensoldat, dessen Namen ich leider vergessen habe. Er hatte dort eine Pflanzung, und wir brachten die zwei Stunden Schlaf auf dem Fußboden in einem Zimmer seines Wohnhauses zu. Als wir um fünf Uhr morgens mit Mühe wieder wach wurden, hatte Frau Pflanzer auf der Veranda bereits einen mächtigen Kaffeetisch aufgebaut, und nun konnte jeder soviel heißen Kaffee trinken, wie er wollte. Es gibt auch Lichtblicke im menschlichen Leben, und zur Etappe sollten nur verheiratete Soldaten mit ihren Frauen kommandiert werden.

Um sechs Uhr morgens ging der Marsch weiter, immer noch durch Modder, nach Kidete, wo es zu Mittag wieder etwas Reis und zu Abend – Ochsenfleisch gab. Die Etappe war unschuldig an dem Ochsen, wir vielleicht weniger – der Ochse war uns unterwegs zufällig zugelaufen und wollte durchaus nicht wieder von uns lassen; wenn ich mich recht entsinne, war uns ein Ochsentransport begegnet. Bis Kidete hatten wir bereits drei der Automobile, mit denen unser Oberst am ersten Marschtage an uns vorbeigesaust war, überholt; sie waren im Schlamm steckengeblieben. Nur das leichtere Personenautomobil, in dem unser Oberst selbst saß, war unter allerhand Schwierigkeiten durchgekommen. In Kidete stellte unser tüchtiger Sanitätsrat Stein Rückfallfieberzecken fest mit dem Resultat, daß wir aus der Trägerbanda, die wir des Regens wegen bezogen hatten, vertrieben wurden und draußen auf offenem, schön durchweichtem Felde lagern mußten.

Nach schlafloser Nacht ging es am 29. April in aller Frühe weiter. Gegen Abend kamen wir an den Wamifluß, den breitesten, tiefsten und reißendsten in unserer Marschroute. Die solide Holzbrücke, die ihn überbrückt hatte, war dummerweise in der vorhergehenden Nacht bis auf ein bescheidenes Ende weggewaschen worden. Den Übergang bewerkstelligten wir in folgender Weise: Ein guter Schwimmer schwamm zunächst mal durch den Fluß mit einer langen Leine, zusammengeknüpft aus unsern Fouragierleinen. Sobald die Leine von Ufer zu Ufer gespannt war, schwammen an ihr mehrere Leute durch den Fluß, Kleider und Kriegsausrüstung in einem großen Bündel auf dem Kopf. Man hielt mit der Rechten die Leine, mit der Linken das Bündel fest und arbeitete sich mit den Beinen, die durch die Strömung nach links gerissen wurden, schwimmend langsam durch den Fluß. Dann wurden die Tiere abgesattelt und vom diesseitigen Ufer einzeln in den Fluß geworfen. Das ging sehr fix; denn wir und die Tiere kannten den Rummel schon vom Pangani her. Selbst die wasserscheusten Tiere sind leicht durch einen Fluß zu kriegen, wenn man die Sache richtig anfängt. Zum Übergang wähle man eine Stelle, an der das diesseitige Ufer steil abfällt und das Wasser so tief ist, daß das Tier gleich schwimmen muß; das jenseitige Ufer dagegen muß flach sein, damit die Tiere dort leicht landen können. Wirft man die Tiere dann vom hohen Ufer hinein, dann wenden sie sich nach einigen vergeblichen Versuchen, diesseits hochzukommen, totsicher dem flachen jenseitigen Ufer zu. Die Sättel wurden auf dem Kopf durchgebracht, wie vorher die Kleiderbündel. Loslassen durften wir die Leine nicht, sonst wurden wir wie ein Teil der Tiere vom reißenden Strom mitgenommen und erst einige hundert Meter unterhalb unserer Übergangsstelle wieder an das Ufer geworfen. War es das jenseitige Ufer, so war es gut; war es das diesseitige, dann hieß es: das Ganze nochmal!

Um 7 Uhr 30 abends ritten wir vom Wami ab weiter nach Kimamba an der Mittellandbahn. Es regnete wieder in Strömen. Mir sind diese letzten dreieinhalb Marschstunden ganz unsäglich schwer gefallen. Meine Kräfte waren völlig verbraucht, weniger durch die Marschanstrengungen der letzten acht Tage, das knappe Essen und die kurzen Nachtpausen, als vielmehr dadurch, daß mich die verfluchten kleinen Moskiten in keiner Nacht Schlaf finden ließen. Ich konnte mich auf diesem Marsch nur noch dadurch wach halten, daß ich immer wieder in unser Kompanielied oder andere schöne Soldatenlieder einstimmte – trotz meiner notorischen Unfähigkeit, auch nur zwei Töne beide richtig zu singen. Es wird allen ähnlich gegangen sein – ich meine natürlich, was die Müdigkeit anbetrifft –, denn diese dreieinhalb Marschstunden im strömenden Regen hat die Kompanie ohne Pause gesungen und unsere Kapelle ununterbrochen gespielt. Die Kompaniekapelle war der Bur Alwin Botha mit seiner regenfesten Ziehharmonika, auf der er im Reiten jedes denkbare Soldatenlied spielen konnte.

In Kimamba, wo wir um elf Uhr abends unter den Klängen unseres Kompanieliedes einzogen, nahm sich die Etappenleitung direkt liebevoll unserer an. Ich bemerke dies ausdrücklich, damit es nicht heißt, daß ich auf die Etappe nur schimpfen könne. Man legte uns in einen regensicheren Wellblechschuppen, vor dem draußen einige Riesenkessel voll kräftiger Reis- und Fleischsuppen und Kaffee auf Feuern standen. Beide, Suppe und Kaffee, waren fertig, als wir kamen, und jeder konnte sich sein Kochgeschirr voll Suppe und den Kochgeschirrdeckel voll Kaffee holen. Wir waren ganz verschüchtert von soviel Vorsorge. So etwas war uns im ganzen Kriege bisher auf keiner Etappe passiert – wir sind oft genug hungrig schlafen gegangen, zu müde und abgespannt, noch abzukochen, wenn wir unser Marschziel erreicht hatten. Der Etappenleiter von Kimamba, dessen Namen ich nicht kenne, war ein Menschenfreund; außerdem muß er eine für einen Etappenmenschen ungewöhnliche, zum eigenen Handeln veranlassende, verantwortungswillige Intelligenz besessen haben.

Am nächsten Vormittag verluden wir uns auf der Mittellandbahn und fuhren landeinwärts nach Dodoma. Über Mittag hielt der Zug eine Stunde in Kilossa, und wir haben alle im dortigen Bahnhofshotel noch mal fürstlich gegessen. Wir Dreckspatzen saßen an richtig gedeckten Tischen, Gabel und Löffel waren nicht mehr aus einem Stück, wie die zum Kochgeschirr gehörigen, und wir tranken aus Gläsern anstatt aus dem Kochgeschirrdeckel. Es gab mehrere Gänge Gemüse, viel Früchte und – eisgekühlte Sodagetränke. Man denke: Eis und Sodawasser gab es an der Mittellandbahn noch am Ende des 21. Kriegsmonates! Wir hatten beides im ganzen Kriege noch nie gesehen. Im Kilossa-Bahnhofshotel wurden wir trotz unserem wenig Vertrauen erweckenden Äußeren als willkommene Gäste behandelt und von Wirt, Wirtin und Hotelpersonal liebevoll versorgt. Im Bahnhofshotel zu Dodoma sollte es uns anders ergehen.

Am 30. April abends – volle neun Tage nach unserm Aufbruch von der Nordbahn – trafen wir in Dodoma ein. In Dodoma gab es ein Bezirksamt, Polizeistation, Bahnbeamte, Intendantur, Ortskommando, Etappenkommando, Inderviertel und das Bahnhofshotel. Letzteres interessierte uns von allen diesen großstädtischen Einrichtungen am meisten. Aber es enttäuschte uns. Das Hotel hatte sicher auch einen Wirt, doch verschwand seine Persönlichkeit so gegen die der Wirtin, daß ich mich seiner nicht mehr recht erinnern kann; ich weiß nur noch, daß der Wirt ein junger Kerl war und daß ich mich wunderte, warum der Mann nicht an der Front kämpfte. Frau Wirtin aber war eine geschäftstüchtige Person und schien der Meinung zu sein, daß sie es ihren ortsansässigen, großstädtisch gekleideten Stammgästen schuldig sei, uns dreckige Frontsoldaten aus dem Hotel fernzuhalten. Vielleicht stammte sie aus einer englischen Kolonie und hatte von dort die Auffassung mitgebracht, daß der deutsche Soldat, wie der frühere Söldner Tommy Atkins, zwar gut genug sei, sich für die Sicherheit ihrer Kneipe totschlagen zu lassen, aber nicht gut genug, sie in Uniform zu betreten.

Daß die deutsch-ostafrikanische Kavalleriebrigade, die bereits 21 Monate im Felde gelegen hatte, damit Frau Wirtin in Dodoma in aller Ruhe ihre Großstädter bedienen und deren mapesa [Geld] einstecken konnte, die Sache von einem wesentlich andern Standpunkte ansah, ist weiter nicht zu verwundern. Als Frau Wirtin wiederholt Schwierigkeiten machte, Essen und Getränke gegen Zahlung guter ostafrikanischer Silberrupien zu liefern, wäre die Sache um ein Haar schief gegangen. Ich habe mir erzählen lassen, daß man schon beriet, ob es ein Fall sei zum »plündere, leicht ahnsenge oder vom Grund auf devaschtiere«. Nur die Ruhe einiger älterer Frontsoldaten soll die Situation, d. h. Hotelinventar, gerettet haben.

Daß übrigens die Kavalleriebrigade aus dem Kampfe gegen Frau Wirtin siegreich hervorgegangen war, konnte ich am folgenden Tage beobachten. Wir hatten Ruhetag, denn unsere Tiere, die übrigens der achttägige Marsch im Modder grausam mitgenommen hatte, bekamen wieder eine Atoxylspritze. An diesem Tage besetzte bereits in aller Frühe unsere Kapelle – Alwin Botha mit der Quetschkommode – das Großstadthotel. Spät am Abend spielte die Kapelle immer noch, und die Frontsoldaten sangen dazu so schön und andauernd, daß die ortsansässigen Stammgäste ihren Skatabend verschoben und, soweit sie verheiratet waren, zur Freude ihrer Frauen zu Hause blieben.