Der Hunderttausend-Tonnen-Hammer fällt
Als ich am 10. März 1916 wieder zu meiner Kompanie stieß, war der Hunderttausend-Tonnen-Hammer bereits gefallen. Mit einer Gesamtstärke von 185 000 Mann der verschiedensten Rassen, mit Automobilen, Geschützen und Fliegern gerüstet, griffen die alliierten Engländer, Belgier und Portugiesen unsere Kolonie auf allen Fronten gleichzeitig an. Diesem mächtigen Kriegsapparat hatten wir an Europäern, Askaris und Etappenmannschaften im ganzen 15 000 gegenüberstehen. Nach einer Mitteilung englischer Zeitungen soll allein der feindliche Stab in Nairobi an Kopfzahl stärker gewesen sein als die Zahl der sämtlichen Europäer in unserer Schutztruppe. Unsere Zuversicht war, daß wir einen Mann hatten, dessen Genialität und Ausdauer ganze Armeen aufwog – unseren Oberst v. Lettow-Vorbeck. Als in Europa am 11. November 1918 der Waffenstillstand geschlossen wurde, stand unser Oberst dem Feinde noch unentmutigt gegenüber.
An unserer Nordfront, an der 90 000 Engländer, südafrikanische Buren, Inder und Somalis gegen uns vorrückten, waren die beiden gefährdetsten Punkte einmal die Lücke zwischen dem Paregebirge und dem Kilimandscharo und sodann unser bisheriges Operationsgebiet, die Lücke zwischen Kilimandscharo und Meru. Die erstere Lücke verteidigte unser Oberst selbst, unsere Lücke hatte die Abteilung Fischer, bestehend aus den beiden Berittenen und vier Askarikompanien, zu halten. Die Gefahr der Lage bestand darin, daß ein Durchdringen des Feindes in beiden Fällen Moschi bedrohte. Mit Moschi, dem Endpunkt der Nordbahn, mußte aber diese und mit dieser über kurz oder lang der ganze Norden der Kolonie fallen.
Der Anmarschweg der gegen unseren Abschnitt gerichteten Invasionsarmee führte über das uns bekannte Bezil-Lager auf der Automobilstraße am Erok und Longidogebirge vorüber. Major Fischer hatte seinen rechten Flügel, die Berittene 6. Schützenkompanie, bei Geraragua an den Kilimandscharo angelehnt, sein linker Flügel, meine Neunte und die 21. Feldkompanie unter Oberleutnant v. Ruckteschell, lag am Fluß Sanja auf Farm Kürbis.
Als ich am 10. März hier eintraf, waren die Würfel eigentlich schon gefallen. Eine starke feindliche Abteilung mit Artillerie hatte bei Geraragua angegriffen, und die Berittene Achte hatte mit ihr ein siegreiches Gefecht gehabt. Man hat, glaube ich, diese feindliche Abteilung für die Kampfspitze der Invasionsarmee gehalten, während sie tatsächlich nur deren linke Seitendeckung war. Die feindliche Hauptarmee stellte sich überhaupt nicht zum Gefecht, sondern zog am Spätnachmittage des 11. März sieben oder acht Kilometer westlich von unserer Farm Kürbis an der ganzen Abteilung Fischer vorbei. Das war die Taktik, die der Feind unter Leitung des Burengenerals Smuts in der nächsten Zeit immer wieder übte. Er setzte gegen jede unserer Stellungen eine Kampftruppe mit starker Artillerie an, ohne jedoch ernstlich anzugreifen. Während er uns so beschäftigt wußte, zogen seine Hauptabteilungen an unseren Stellungen vorbei. Durch diesen Vormarsch, der unsere rückwärtigen Verbindungen bedrohte, wurden wir immer wieder gezwungen, Stellungen aufzugeben, aus denen uns kein Frontangriff hätte hinausschmeißen können.
Eine von meinem Freund Pfützner geführte Patrouille brachte uns am 11. März um 4,30 Uhr nachmittags die erste Meldung von diesem Manöver des Feindes. Sofort marschierten meine Neunte und die 21. Feldkompanie nach Westen zum Flankenangriff auf die vorbeimarschierenden feindlichen Kolonnen; v. Ruckteschell und Freiherr v. Lyncker waren beide für Angreifen. Schon hatten sich die Kompanien zwei bis drei Kilometer vom Feinde entwickelt, als der Befehl eintraf, nicht anzugreifen, sondern auf Moschi zurückzufallen. Ich kann nur annehmen, daß die Abteilungsleitung, die, durch den Frontalangriff der linken Seitendeckung des Feindes getäuscht, ihre Hauptstärke auf unsern rechten Flügel geworfen hatte, nicht glaubte, noch rechtzeitig zu unserer Unterstützung eingreifen zu können.
Da lagen wir nun untätig, zähneknirschend vor Wut, und ließen den Feind ganz nahe an uns vorbeimarschieren. Jeder Nordfarmer und -pflanzer, der damals mit mir den Feind beobachtete, wußte in diesem Augenblick, daß der schöne Norden unserer Kolonie, um den wir achtzehn Monate erfolgreich gekämpft hatten, jetzt verloren sei; da der Feind auf unserer Front durch war, würde auch unser Oberst seine Front auf die Dauer nicht mehr halten können, ja, er würde sogar bald abbauen müssen, wollte er nicht völlig eingeschlossen werden. In der Tat – wäre der Feind noch in der Nacht nach Kahe, der Bahnstation vor Moschi, weitermarschiert, dann hätten wir alle in einem schönen Wurstkessel gesessen. Daß Major Fischer, an dessen persönlicher Tapferkeit niemals jemand zweifelte, der ihn kennengelernt hatte wie wir, sich erschoß, machte die Lage nicht besser.
Auf dem Marsch nach Moschi erlebten wir zum erstenmal einen Flieger; diesmal tat er uns noch nichts, sondern schien nur das Gelände abzusuchen. Ich hatte im Frühling 1914 den Flugplatz Johannisthal bei Berlin besucht, aber viele meiner Kameraden, die lange nicht in Deutschland gewesen waren, sahen ein Flugzeug hier zum ersten Male. Unsere Askari nannten den Flugapparat »ndege«, großer Vogel, und die Fliegerbomben »mayayi«, Eier. Diesmal sah der Askarizug, der fünfzig Meter vor dem Europäerzug ritt, den Flieger zuerst und schoß auf ihn so dicht über die Köpfe der Europäer weg, daß mir August Dehnecke mit Bauchschuß gemeldet wurde. Glücklicherweise war das ein falsches Gerücht, das so entstand: Dehnecke saß ab, um auch auf den Flieger zu schießen. Er zerbrach dabei seine Schnapspulle, die er in der Brusttasche hatte. Da nun der Schnaps, der diesmal von der roten Sorte »Marke Blutsturz« war, ihm über den Bauch lief und er sich erschrocken mit der Hand an den kalt werdenden Bauch faßte, kamen seine Kameraden auf die Idee, er habe einen Bauchschuß. – Unser lieber August Dehnecke, der so schwer satt zu kriegen war, mit seinem großen schwarzen Vollbart und dem Gemüt eines Kindes, ist heute auch nicht mehr. Er war später einer Patrouille der Berittenen Achten zugeteilt, die auf dem weiteren Rückzuge ganz von der Truppe abkam; acht Monate hat sich diese Patrouille noch hinter der feindlichen Front herumgetrieben, ehe sie sich in der Hans-Meyer-Höhle, hoch oben an der Schneegrenze des Kibo, nach einem letzten Gefecht dem Feinde ergab. Unser braver August Dehnecke, der frühere Gardedukorps, soll bald nachher infolge der überstandenen Strapazen und Entbehrungen an Unterernährung gestorben sein.
Altmoschi, auf einem Vorhügel des Kilimandscharo, und Neumoschi, um die Bahnstation herum entstanden, waren bereits geräumt, als wir einrückten. Der letzte, der sogenannte Sprengzug, hinter dem die Schienen aufgerissen, die Brücken gesprengt und der Telegraph abgebaut wurden, war schon fort. Zurückgeblieben in Moschi waren die griechischen und indischen Kaufleute und Schankwirte. In einem solchen Ausschank aßen wir zu Mittag. Dann besetzten wir südlich von Moschi, in der Nähe der alten Burenstraße von Moschi nach Aruscha, eine Griechenshamba [Pflanzung], so genannt, nicht weil da Griechen wuchsen, sondern weil sie einem Griechen gehörte. Unsere Aufgabe war, die untere Anmarschstraße zu beobachten; die Berittene Achte lag an der oberen Moschi-Aruscha-Straße zum selben Zwecke.
Da ich meine Träger nicht bei mir hatte und meine Boys irgendwo in Deutsch-Ostafrika für sich marschierten, mußte ich mich in dieser und der nächsten Zeit ohne Boy behelfen und so mit durchfuttern. Leutnant Freund lag damals mit einer ausgetretenen Kniescheibe im Lazarett, aber mein Kompanieführer sowie Oberleutnant Meyer nahmen sich meiner so ausgiebig an, daß ich meine Besitzlosigkeit wenig spürte. Trotzdem war ich direkt stolz, als ich einige Wochen später bereits wieder eine Safarikiste und einen Interimsboy besaß. Eine Hose hatte ich mir bereits auf Farm Kürbis gekauft; sie war das erste und blieb leider recht lange das einzige Reservestück meiner Ausrüstung. Immerhin hatte der Besitz dieser Hose etwas Beruhigendes.
Für uns alle sollte sich das Leben von jetzt ab ändern. Früher hatten wir unsere Standlager gehabt, zu denen wir von Patrouille, und wenn sie noch so lange gedauert hatte, wie nach einem festen Zuhause zurückkehrten. Von jetzt ab hatten wir ein solches nicht mehr. Wenn wir jetzt auf Patrouille ritten, wußten wir nie, ob wir die Kompanie dort wiederfinden würden, wo wir sie verlassen hatten. Und da die Träger nicht so rasch beweglich waren wie die berittene Truppe, die stets am Feinde bleiben mußte, sahen wir sie, die Boys, die Lasten und somit ein reines Hemd seltener, als uns lieb war. Omnia mea mecum porto wurde unsere Devise.
Auf der Griechenshamba blieben wir zwei Tage, bis der Feind Moschi besetzte. Wir fielen dann auf die Station Kahe zurück. Diese kleine Bahnstation der Nordbahn, in der Nähe der Pangani-Eisenbahnbrücke, zeichnete sich vor dem Kriege, glaube ich, nur durch scheußliche Hitze und Moskiten aus. Von meiner Reise von der Küste nach Moschi im Juli 1914 war mir der Name der Station Kahe nicht mal im Gedächtnis hängengeblieben; vor dem Kriege war hier nur ein goanesischer Stationsvorsteher, Europäer gab es dort überhaupt nicht. Jetzt war Station Kahe neben Moschi Bahnstützpunkt geworden. Verpflegungsmagazine aus Wellblech und Typhuslazarette aus Gras mit Grasbetten waren in der Nähe der Station entstanden. Als wir nach Kahe kamen, waren die Magazine und Kranken bereits nach Lembeni weiter zurückgeschafft worden. Nur die leeren Strohhütten der Typhuslazarette standen noch und wurden von unserer Kompanie belegt. Da die Magazine im Umzug begriffen waren, funktionierte die Etappe während unseres Aufenthaltes bei Kahe nicht besonders glänzend. Empfangen haben wir nur pro Mann eine Handvoll Kartoffeln, und hätte die Kompanie nicht eigene Ochsen und Schafe und vor allem Zigaretten besessen, hätte es schlimm ausgesehen.
Von Kahe aus mußten unsere Reiterpatrouillen, vor unserer Infanteriestellung, an der Bahn zurück bis Moschi aufklären. Die erste dieser Patrouillen, die gewöhnlich zwei Tage dauerten, führte Oberleutnant Meyer, die zweite ich. Als ich Oberleutnant Meyer einige Kilometer hinter Kahe begegnete, teilte er mir mit, daß eine feindliche Patrouille von etwa hundert Reitern hinter ihm her sei. Ich hatte den Fahnenschmied Runte, die Buren van Wyck und Dievenhagen und vier Askari mit – also acht Gewehre stark! Na, es mußte auch so gehen.
Bald hinter Kahe bis einige Kilometer vor Moschi ist auf beiden Seiten der ziemlich geraden Bahnlinie dicker, fast undurchdringlicher Busch, in dem sich nur einige Gewehre oder ein Maschinengewehr aufzubauen brauchen, um jeden, der auf dem Bahndamm reitet, bequem abzuschießen. Damit, daß meine Patrouille wie Hasen auf der Treibjagd abgeschossen wurde, war weder uns persönlich, noch dem Kommando, das Meldungen über die Stellung des Feindes haben wollte, besonders gedient. Ich mußte, so unbequem es war, im Busch bleiben, ob rechts oder links der Bahn, war Jacke wie Hose.
Ich drang im Busch, etwa hundert Meter links der Bahn zu dieser parallel, in folgender Weise vor: Immer, wenn ich glaubte, etwa zwei Kilometer vorgerückt zu sein, ließ ich halten, absitzen und sichern. Einer von uns vier Weißen, immer nach der Reihe, ging dann zu Fuß an den Bahndamm heran und beobachtete diesen mit dem Glas rückwärts und vorwärts für zehn Minuten. Sobald er zurück war, drang die Patrouille geschlossen wieder zwei Kilometer vor.
Als van Wyck wieder dran war, kam er gleich wieder mit der Meldung zurück, auf dem Bahndamm stehe ein reiterloses englisches Kavalleriepferd mit voller Ausrüstung. Aha, dachte ich, die feindliche Patrouille, von der Oberleutnant Meyer sprach, muß hier herum wo sein. Wäre aber doch schade, den Gaul, dessen Reiter vielleicht mal eben ausgetreten war, da so einsam stehen zu lassen! Ich ließ die Askari bei unseren Tieren und ging mit den andern an den Bahndamm heran. Ohne weitere Komplikationen gelang es, das reiterlose Pferd zu greifen. Schleunigst zogen wir uns mit dem gemachten Mali [Beute] in den Busch zurück. Es wurde mir klar, daß wir an der englischen Patrouille, die im Busch auf der anderen Seite der Bahn in entgegengesetzter Richtung vorging, vorbeigezogen waren – wahrscheinlich hatten wir ein Reittier ihrer Nachspitze erbeutet. Die Reitausrüstung des freundlichen Engländers, dessen Tier wir so für die Kompanie plus gemacht hatten, war funkelnagelneu. Desgleichen der Inhalt der Packtaschen. In den Packtaschen waren Rasierzeug und Spiegel, Haarbürste, Bürste und Striegel für das Pferd, ein Gebetbuch und alle möglichen Salben. Der englische Soldat war also gut ausgerüstet in den Krieg gezogen, nicht nur von seinem Arzt, sondern auch von seinem Geistlichen.
Ich rückte weiter vor. Der nächste, der zur Beobachtung an die Bahn mußte, war Dievenhagen. Ich wartete auf ihn wie üblich, aber er kam nicht wieder. Ich wartete über die übliche Zeit, und als er auch dann noch nicht kam, mußte ich ihn aufgeben. In dem Busch, in dem man keine zehn Schritt sehen konnte, eine verlorengegangene Person suchen zu wollen, wäre Torheit gewesen. Ich war froh, wenn ich den Bahndamm und meine Marschrichtung selbst nicht verlor.
Da ich eine die feindliche Patrouille betreffende Meldung machen mußte und da mir das Beutetier und nun auch Dievenhagens Tier im Busch sehr lästig waren, sandte ich einen Askari mit den beiden Tieren und meiner Meldung nach Kahe zur Kompanie zurück. Er stieß, diesmal auf meiner Seite der Bahn, wieder auf die englische Kavalleriepatrouille, der er nur durch schnelles Sich-Verdrücken im Busch entging. Seine mündliche Meldung, daß die englische Patrouille auf meiner Spur sei, mag die Veranlassung dazu gewesen sein, daß man mich bei der Kompanie bereits auf Verlustkonto buchte. Als ich das später erfuhr, war ich sehr froh; denn für den Soldaten, der einmal irrtümlich tot gemeldet wurde, ist, nach altem Soldatenglauben, keine Kugel gegossen.
Es ging mittlerweile gegen Abend, und ich mußte für Nachtquartier sorgen. Damit wir sechs müden Reiter nicht auch noch Nachtwachen zu schieben hatten, zog ich ein wenig mehr von der Bahn ab und suchte mir im dicksten Busch ein ganz verstecktes Plätzchen, auf dem etwas Gras für die Reittiere wuchs. Wenn uns kein Nashorn angriff, wie auf einer späteren Patrouille über dasselbe Gelände den Unteroffizier Fritz König, der in den Busch geschleudert wurde und sein Reittier dabei einbüßte, fühlte ich mich ganz sicher dort. In diesem dicken Busch, in dem man sich schon bei Tage kaum zurechtfindet, würde in der Nacht sicher kein zweibeiniger Feind herumirren. Als ich dabei war, an einer fetten, am Spieß gebratenen kalten Hammelkeule zu nagen, die ich den Tag über an Runtes Sattel hatte hängen sehen, hörte ich rufen. Also gab es in diesem wilden Busch doch noch was Menschliches außer uns. Wir schwärmten aus und lauschten, denn zu sehen war nichts mehr. Natürlich entpuppte sich der verirrte Wanderer als unser Bur Dievenhagen, der schließlich unsere Spur gefunden, sie, solange es hell blieb, verfolgt und jetzt im Dunkeln sich als letzte Rettung auf das Rufen verlegt hatte.
Am nächsten Morgen rückten wir bis auf drei Kilometer an Moschi heran, bis dahin, wo der Busch anfängt lichter zu werden. Wir versteckten unsere Tiere und suchten uns in dem ebenen Gelände einen hohen Baum, von dem aus wir beobachteten. Mit dem Glas konnten wir gut sehen, was in Moschi vorging, und auch die feindlichen Lager beobachten. Ich machte eine Skizze und schickte sie mit meiner schriftlichen Meldung zurück durch einen Askari und Dievenhagen, die, da letzterer jetzt kein Reittier hatte, abwechselnd reiten und laufen mußten.
Bis zwei Uhr nachmittags setzten wir unsere Beobachtungen fort und traten dann den Rückmarsch an. Der Bur van Wyck ritt Spitze, um auf unserer eigenen Spur zurückzuführen. Diesmal versagte sogar der Poriinstinkt eines Buren. van Wyck bekam Rechtsdrall, führte uns in die offene Steppe westlich vom Busch, wieder hinein in den Busch, und um vier Uhr nachmittags waren wir wieder bei unserem Aussichtsbaum angelangt. Also: das Ganze noch mal! Diesmal – ohne Burenführung – gelang die Sache besser. Wir hielten uns ganz nahe der Bahn, trabten, da es spät geworden war, streckenweise auf dem Bahndamm und stießen, einige Kilometer vor Kahe, auf unsere Ablösung. Der Infanteriefeldwache bei Kahe kamen wir als eine Überraschung. Da wir als tot gemeldet waren, hielt sie uns für Feind und ging in Stellung. –
Die größte Attraktion dieser Zeit waren die feindlichen Flieger. Jeden Morgen und jeden Nachmittag kamen sie, suchten nach unserm 10,5-Zentimeter-Geschütz, das in der Nähe von Kahe irgendwo im Pori stand, fanden es nicht und belegten aus Ärger darüber die Station Kahe und die Eisenbahnbrücke mit Bomben. Da wir nahe an beiden lagen und da die Flieger damals gewöhnlich noch einen halben Kilometer an dem Objekt, das sie treffen wollten, vorbeischmissen, befanden wir uns gar nicht besonders wohl bei der Sache. Das Schießen auf Flieger war verboten worden, weil es Munitionsverschwendung war und unsere Stellungen verriet; Abwehrgeschütze hatten wir natürlich nicht. Mit Bomben beworfen zu werden, ohne sich wehren zu können, ist anfangs ein übles Gefühl. Weglaufen hat keinen Zweck; denn wohin so’n Ding geht, ist gar nicht zu berechnen. Ich habe mich während der Bombenschmeißerei hingelegt, wo ich gerade stand, und mir zur Beruhigung der Nerven eine Zigarette angesteckt. Bekam ich einen Volltreffer, so gab es einen alten Mann in der Welt weniger, und nicht mal zu beerdigen würde man mich brauchen; denn in einem ähnlichen Falle fand man von Roß und Reiter nachher nur die Pferdezunge hoch oben in einem Akazienbaume hängen. Bohrte sich die Bombe aber einen Meter neben mir in den weichen Boden und riß einen Trichter, dann schossen die Sprengstücke über mich weg und kamen erst dreißig Meter weiterhin wieder nieder. Es gab auch andere Verhaltungsmethoden wie meine. Einzelne spielten hinter einem Baum mit der Bombe Versteck, und einen sah ich sogar unter das Grasbett in einem Grashaus kriechen. Allmählich gewöhnten wir uns an die ekligen Bombendinger, wie sich der Mensch eben an alles gewöhnen kann. Weder die Bahnstation noch die Brücke wurden je getroffen, aber vier oder fünf Träger haben ihren Tod gefunden.
Am 21. März 1916 war die Schlacht bei Kahe. Ich sage Schlacht – denn auch wir hatten diesmal nicht nur Infanterie und Kavallerie, sondern auch ein 10,5-Zentimeter-Schiffsgeschütz. Unsere Stellung, mit dem rechten Flügel an das Paregebirge angelehnt, bildete einen Bogen nördlich von Kahe bis an den Panganifluß. Auf dem äußersten linken Flügel dieser Stellung, also an den Pangani angelehnt, lag meine Kompanie.
Am Morgen griffen die Engländer an, und zwar an zwei Stellen. Die Invasionsarmee, die durch die Tavetalücke eingedrungen war, warf sich auf unser Zentrum und bekam von der Abteilung unter Hauptmann Stemmermann die Köpfe blutig geschlagen; die Engländer machten dort Angriff auf Angriff, ohne unser Zentrum eindrücken zu können. Die zweite Invasionsarmee, die zwischen Kilimandscharo und Meru durchgebrochen war, stieß auf unsern linken Flügel. Meine Kompanie und die sich rechts an sie anschließende Berittene Achte kamen gegen 7 Uhr 30 morgens mit der Kavalleriespitze dieser Invasionsarmee ins Gefecht.
Die Gefahr bestand darin, daß ein Teil der letzteren weiter unterhalb über den Pangani gegangen war und versuchte, unsern ganzen linken Flügel zu umfassen. Meine Kompanie mußte daher den Pangani durchschwimmen und auf der linken Seite desselben bis zum Kaheberg, etwa fünf Kilometer südlich der Station Kahe gelegen, sichern. Als wir unsere Tiere durch den Pangani schwimmen ließen, bekamen wir von drei Seiten Gewehrfeuer, und zwar vom Feind, der bereits den Pangani überschritten hatte, vom Feind, der noch diesseits war, und von einem Zug unserer Askari, der uns für Feind hielt.
Der Kaheberg, auf dem meine Kompanie einen Helioposten hatte, wurde von der feindlichen Artillerie andauernd schwer mit Schrapnells belegt, aber trotzdem hartnäckig verteidigt. Erst um ein Uhr nachmittags konnte er von den Engländern gestürmt werden. Unsere ganze Besatzung des Berges, bestehend aus dem Vizewachtmeister Mittag und dem Unteroffizier Kaltenbach, fiel in Feindeshand; ihre beiden Signalaskari hatten sich bereits vor dem Sturm verdrückt.
Daß unser linker Flügel am 21. März bei Kahe nicht eingedrückt oder umgangen wurde, ist in der Hauptsache das Verdienst der Berittenen 9. Schützenkompanie, und die eigentlichen Helden des Tages sind nach einem englischen Bericht über diese Schlacht ohne Zweifel der Vizewachtmeister Mittag und der Unteroffizier Kaltenbach. Die Engländer schreiben, daß sie nur langsam hätten vorgehen können, da sie den Kaheberg für stark besetzt gehalten hätten. Wir wissen, daß nur Mittag und Kaltenbach, treu dem ihnen gegebenen Befehl, den Berg nicht zu verlassen, ihn verteidigten, bis Mittag verwundet und dann beide gefangen wurden.
Mitgeholfen, die Situation zu retten, hat aber sicher auch unsere »Artillerie«, das eine 10,5-Zentimeter-Geschütz, das dann leider an seinem Standort gesprengt werden mußte. Das Geschütz, befehligt von dem Nordpflanzer und Korvettenkapitän Schönfeld, schoß, wie wir beobachten konnten, mit vorzüglichem Resultat und hielt den Umgehungsmarsch des Feindes, dessen Zahl uns zu erdrücken drohte, erfolgreich mit auf. Ich war, als ich nach 20 Kriegsmonaten zum erstenmal einen Schuß aus einer deutschen Kanone hörte, aus alter Anhänglichkeit an diese Waffe direkt stolz. Jedesmal, wenn sie feuerte, sagte ich zu meinem Nebenmann: »Das ist unsere!«
Die Situation war trotzdem ernst genug. Die Engländer hätten an jenem Tage nur energisch vom Kaheberge bis an das Paregebirge nachzudrücken brauchen, so wäre unsere ganze Nordarmee eingeschlossen gewesen und hätte sich durchschlagen müssen. Klaren Auges erkannte unser Oberst, der sich beim Zentrum aufhielt, diese Gefahr. Ein Meister auch darin, wenn er zurück mußte, mitten in einer Schlacht abzubrechen, baute er seine Stellung allmählich ab. Kompanie nach Kompanie ging, da die Kahebrücke von uns gesprengt war, auf Notbrücken über den Pangani und dann an der Bahn entlang zurück nach Kisangiro, der nächsten Bahnstation – als letzte, erst gegen Dunkelwerden, die Abteilung Stemmermann.
Als wir nach rechts keinen Anschluß mehr hatten und daher annehmen mußten, daß die Feld- und Schützenkompanien abgerückt seien, zog auch meine Kompanie sich am Nachmittag an der Bahn zurück. Unteroffizier Horn, zu dem sich später die von einer Schleichpatrouille zurückgekehrten Unteroffziere Dornier und Karl Blaich hinlegten, blieb mit einer Gruppe Askari im Gefecht liegen und deckte unsern Rückzug, bis es dunkel wurde.
Auf dem Marsch nach Kisangiro holten wir die Berittene Achte ein. Im Brigadeverband ritten wir noch eine sonderbare Attacke, nämlich in einem engen Bahneinschnitt mit steilen Wänden gegen einen heranbrausenden Eisenbahnzug, der Nachzügler aufsammeln sollte. Wir mußten nachgeben, und die Achte verlor bei diesem Renkontre zwei Pferde, die totgefahren wurden. Als ich den Landsturmmann und Lokomotivführer Stephan, der in jener Zeit täglich vierundzwanzig Stunden Dienst hatte und dem die Fliegerbomben schon ganz egal waren, solange sie nur hinter seinem Zug auf den Bahndamm fielen, später mal fragte, warum er nicht gehalten habe, sagte er: »Nanu! Ich bremste ja, all ich konnte, als ich Sie anreiten sah, aber so ein Eisenbahnzug ist doch keine Schiebkarre!«
Am 22. März fing die Infanterie an, nach Lembeni, der nächsten Bahnstation, weiter zurückzugehen, wo unsere nächste Stellung sein sollte. Am Nachmittag des 23. März folgte auch meine Kompanie und traf nach Dunkelwerden in Lembeni ein. Da in der Nähe Pferdesterbe sein sollte, durften aber die berittenen Truppen hier nicht bleiben, sondern sollten noch am selben Abend in einen bereitstehenden Zug nach Same verladen werden.
Eine massive Viehrampe, wie sie in Australien jede Buschstation hat, gab es in Lembeni nicht, und da weder die Bahnstation noch der dort haltende Zug der Flieger wegen Licht zeigen durfte, würgten wir dreckigen Kriegsknechte, denen es auf etwas mehr Schweiß und Dreck nicht ankam, eine Stunde lang im Dunkeln mit unsern Tieren herum. Einige feine Europäerherrchen in weißen, gebügelten Anzügen, hohen Stehkragen mit Schlips, glatt rasiert, spazierten oder standen, sich die Fingernägel reinigend, pomadig auf dem Bahnsteig uns im Wege – uns irgendwie behilflich zu sein, fiel keinem ein. Diese weißgekleideten Jünglinge waren die Herren von der Etappe, die der Frontsoldat lieblos Magazinmaden nennt und ohne die leider Kriege nicht geführt werden können.
Dabei fallen mir zwei Geschichten ein, die unsern Oberst und seine lakonischen Befehle charakterisieren: Die Etappe meldet dem Kommando, die Truppe nicht länger verpflegen zu können. Kommandobefehl: »Die Etappenleitung übernehme ich selbst. Gez.: v. Lettow.« Erster und einziger Etappenbefehl: »Jede Kompanie hat sich selbst zu verpflegen. Gez.: v. Lettow.« Da ging es mit einemmal. – Die andere: Eine Abteilung meldet, sich verschossen zu haben. Kommandobefehl: »Munition ist beim Feinde zu ergänzen. Gez.: v. Lettow.« Wurde gemacht. –
Von Same aus gab es wieder viel Patrouillen nach vorne zu reiten. Da man annahm, daß der Feind, der frontal nicht angriff, eine größere Abteilung am Pangani abwärts marschieren lassen würde, um – nach Taktik Smuts – unsere Lembenistellung zu flankieren, ritt ständig eine Patrouille meiner Kompanie den Fluß aufwärts. Von Same aus ging es durch greulichen Busch, in dem ich einmal von einem Skorpion geschlagen wurde, daß mein linker Arm und meine linke Schulter mehrere Tage so abgestorben waren, als wenn sie der Rest des Körpers nichts anginge, zum Negerdorf Opuni, in dem, was sehr interessant war, sich stets ein Hammel, Hühner und Eier kaufen ließen. Die Patrouille ritt dann am Fluß aufwärts bis etwa in Höhe von Lembeni. Hier liegt inmitten einer größeren Buga am Pangani ein einsamer, mächtiger vierkantiger Felsblock, den die Eingeborenen das »Haus von Stein« nennen. Irgendwo in seiner Nähe pflegten wir nun die Nächte im Busch versteckt zu liegen, um jeden Tag am Pangani aufwärts bis nahe an die Stellung des Feindes vorzudringen. Jede Patrouille war sechs Tage draußen und ritt an dem Tage, an dem die nächste Patrouille von Same über Opuni automatisch eintreffen mußte, nach Lembeni, um von dort per Bahn nach Same zurückzukehren.
Ich habe auch eine dieser Patrouillen geführt und mich gefreut über das neue Landschafts- und Naturbild, das sich mir hier auftat. Unten am Pangani wuchsen andere Bäume und Sträucher, als ich bisher in den Hochsteppen gesehen hatte – selbst die Phönixpalme kam hier in kleinen Hainen vor. Der Wasserbock war hier richtig zu Hause, und wenn man den Fluß ruhig beobachtete, konnte man sicher sein, die Nasen von einigen Krokodilen aus dem Wasser gucken zu sehen. Die Krokodile lagen im niedrigen Wasser Kopf stromaufwärts, der Strom brach sich an ihren runden Nasen und rippelte dort wie vor einem gerade aus dem Wasser ragenden Stein. Die Krokodile nehmen gelegentlich ein Negerkind mit oder beißen den Wasser schöpfenden Negern eins der Gliedmaßen ab. Uns haben sie nie belästigt. Zu Anfang feuerten wir einige Schüsse in das Wasser, um die Krokodile zu verscheuchen, ehe wir durch den Fluß ritten oder schwammen. Später taten wir auch das nicht mal; denn sobald wir an den Fluß kamen und unsere Tiere von der Uferbank hineinschmissen, wurden die Krokodile nervös und flüchteten. Wir haben auch im Pangani gebadet, ohne unsere Körper mit einem Zaubermittel gegen Krokodile zu beschmieren, wie es die Opunineger taten, wenn sie durch den Fluß mußten.
Als ich von dieser Patrouille über Lembeni zurückkam und dort beim Kommando meine Meldung machte, sprach ich zum erstenmal seit den Posten Krantz-Zeiten wieder persönlich unsern Oberst, der damals noch frisch und wohl aussah. Er ödete mich scherzweise damit an, daß ich in meinen alten Tagen wohl noch Reserveoffizier werden wolle, und übergab mich schließlich dem Oberleutnant v. Ruckteschell mit der Weisung, mich und meine Leute zu stärken, bis unser Zug da sein würde. Daß dieser Befehl ausgiebig befolgt wurde, brauche ich kaum zu sagen.
Wenn auch nicht seine Krokodile, so forderte der Pangani, der größte Fluß im Norden der Kolonie, doch seine Opfer. Wir Europäer holten uns dort Malaria, und unsere Tiere gingen an Sterbe ein wie Fliegen. Ich holte mir auch Malaria, die erste im Kriege, und lag acht Tage unter dem als Offiziersmesse dienenden Grasdach in Same in hohem Fieber. Während dieser Zeit lernte ich, wenn das Fieber mal etwas herunterging, Patience legen, was ich in meiner Jugend nur von ganz alten Damen gesehen hatte. Zu einer richtiggehenden Patience, in der der Spieler mit sich selbst und gegen seine Ungeduld kämpft, habe ich es allerdings nie gebracht, selbst damals nicht, als ich Fieber hatte. Ich legte nur Streitpatience gegen Leutnant Freund, der inzwischen wieder zur Kompanie gekommen war. So eine Streitpatience hat ihrem Namen nach doch wenigstens den Reiz, daß man sich dabei kabbeln kann. Wenn Geduld nach dem Patiencelegen zu bemessen ist, dann bin ich nicht geduldig, wohl aber mein Kriegskamerad Dr. Sinning. Der breitete sich eine Zeltbahn auf der Erde aus, legte sich auf den Bauch und baute nun mit drei Kartenspielen die Riesen-, Monster- und Dauerpatience auf. So fand ich ihn, als ich ihn mal besuchte. Als ich drei Tage später wieder zu ihm kam, war das Bild genau dasselbe. Das olle Ekel von Patience wollte und wollte nicht aufgehen. Freilich bin ich zu sehr Anfänger in der Kunst, um mit aller Bestimmtheit behaupten zu können, daß es noch immer dieselbe Patience war.
Von Same aus mußte leider unser Kompanieführer v. Lyncker mit chronischer Dysenterie ins Lazarett; ich habe ihn im Kriege nicht wiedergesehen, er wurde nach Daressalam weitergeschafft und lag dort, wie aus seinen Briefen zu ersehen war, sehr schwer krank. Oberleutnant Meyer wurde bald darauf Führer der Berittenen Achten, zwei Tage später wurde Leutnant Berghöfer zu einer Askarikompanie versetzt, neue Offiziere bekamen wir nicht mehr. So war Leutnant Freund unser einziger Kompanieoffizier. Er, der von Kriegsanfang an – der Leser mag sich entsinnen, er war schon mit mir auf Farm Weber – immer bei der Kompanie gewesen ist, war von nun an ihr stellvertretender Führer – bis zu der Katastrophe, die das Ende der tapferen Neunten bedeutete.