Nach Engaruka verpumpt

Von Ngorongoro hatten wir in Eilmärschen zurück gemußt, weil der Feind ernstlich anzufangen schien, den Hunderttausend-Tonnen-Hammer zu heben und die große Offensive zu beginnen. Es war ja noch nicht ganz so weit, aber die Vorzeichen hatten sich gemehrt. An der Tavetafront wurde viel gekämpft, und an unserer Front hatte Oberleutnant Bauer, der Führer der 8. Feldkompanie, mit einem Zug Askari am Longido ein siegreiches Gefecht gegen 400 Engländer und Somalis gehabt.

In unserer Kompanie gab es Veränderungen. Der Kompanieführer wurde versetzt, ebenso einige der Soldaten. Unter den letzteren war der Vizefeldwebel Zierold, der Liebling aller. Ich sehe noch, wie die Kameraden mit ihm Abschied feierten. Daß wir nach fünfzehn harten Kriegsmonaten noch soviel Gemüt hatten, hätte ich nicht für möglich gehalten. Etwas erschwert wurde die Feier dadurch, daß von der Abteilung das Singen im Lager verboten worden war, und daß wir unser Kompanielied folglich nur flüstern durften. Seinen ersten Vers will ich hier wiedergeben – die weiteren Verse, wenigstens so, wie die Kompaniebarden sie umgedichtet hatten, eigneten sich nur für rauhe Kriegsgesellen.

Ich hab’ noch zwei, drei Kreuzer, die sind mein ganzes Gut,

Dafür kauf’ ich mir Bier und Wein und einen zuckersüßen Branntewein,

Versoffen, versoffen, versoffen muß es sein.

Es ist seltsam, wie sich ein besonderes Lied in einer Kompanie einbürgern und zu dem Lied der Kompanie werden kann. Meine Kompanie mochte noch so abgehetzt, müde, verdrossen, hungrig oder durstig sein – das Kompanielied zog immer, wo andere, bessere Lieder schon lange nicht mehr zogen, wenn Bana matunda, Günter Frowerk oder ein anderer Vorsänger mit vom Staub rauher Kehle es anstimmte. Der Text dieses eigentümlichen Liedes paßte übrigens wirklich nicht schlecht zur Gesamtstimmung. Alle Farmer und Pflanzer hatten ihr Hab und Gut bereits verloren oder sahen es wenigstens dem sicheren Untergange entgegengehen. Zu verlieren hatten sie nur noch ihr bißchen Leben, das sie täglich auf das Spiel setzten.

Als neuen Kompanieführer bekamen wir den Oberleutnant Freiherrn von Lyncker – zum erstenmal in der Geschichte der Berittenen Neunten einen Kavalleristen und aktiven Schutztruppenoffizier. Er hatte vordem bei der Berittenen Achten gestanden, und es ging ihm der Ruf eines schneidigen Soldaten voraus. Auch neue Unteroffiziere und Mannschaften kamen zur Kompanie: der Nordfarmer Enke, der Nordpflanzer Wolf, von der Küste der Fahnenschmied Runte, ein zuverlässiger, pflichttreuer Soldat, ferner der ehrgeizige nette kleine Barbier Arno Förster, der Bäcker Merzdorf, der Sattler Langrock und der verwegene Windhund und Konditor Dettmar, genannt »Zuckercreme«, weil er richtiggehende Torten machen konnte.

Am Geburtstag der Kaiserin, am 22. Oktober 1915, erlebte ich den ersten und letzten Feldgottesdienst im Kriege. Ein Missionar aus dem Aruschabezirk sprach sehr nett und würde mir noch mehr gefallen haben, wenn er es sich hätte verkneifen können, ausgerechnet bei dieser feierlichen Gelegenheit auf die lokalen Stänkereien zwischen Mission und Siedlern anzuspielen. Das störte meine Andacht sehr, und der Missionar schien mir die Gelegenheit unfair auszunutzen, als er den Aruschasiedlern, die, zum Gottesdienst kommandiert, unter militärischer Disziplin alles ruhig einstecken mußten, ihre angeblichen Sünden gegen die Mission vorhielt.

Der Abend dieses Festtages wurde in mehr weltlicher Weise durch einen gemeinsamen Festkommers sämtlicher Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften gefeiert. Unter einem alten mächtigen Urwaldbaume saßen wir an einer langen, aus allen Tischen und Kisten der Kompanie zusammengesetzten Tafel, und ein donnerndes Dreimal-Hurra erschallte nach der Rede auf das hohe Geburtstagskind, mit der der Kommers eröffnet wurde. Die Kompanie hatte reichlich für Stoff, »Marke Heldentod« und Quellwasser, und der neue Kompanieführer für kalte Platte gesorgt. Auch er wurde an diesem Abend mit Ansprache und Hurra in den engeren, ich möchte sagen seelischen Verband seiner Kompanie aufgenommen, deren Mitglieder sich mit begreiflichem und berechtigtem Stolz für die Elitetruppe der Kolonie hielten. Der Abend verlief ohne die geringste Störung – ein Zeichen, daß die Kompanie becherfest war. Oberleutnant Meyer brachte an diesem Abend der Kompanie mit anerkennenswerter Ausdauer das schöne alte Soldatenlied »Lippe Detmold, o du wunderschöne Stadt, dadrinnen ein Soldat usw.« bei. –

Während unseres Wartens auf die große englische Offensive arbeitete der neue Chef. Unser neuer jugendlicher Kompanieführer wollte naturgemäß Neuerungen einführen und die Kompanie mehr nach rein heimischem Muster umformen. Nun hatte er, was ich ihm sehr hoch anrechnete, das Gefühl, daß es mir altem Papa nicht leicht, jedenfalls sehr unbequem sein würde, mich als Etatsmäßiger in alle diese Neuerungen zu finden. Es war also eine äußerst freundschaftliche Handlung meines Kompaniechefs, daß er mir die schweren Geschäfte des Etatsmäßigen abnahm und mich zum Zugführer machte; Vizefeldwebel Rimpler wurde mein Nachfolger. Um mir den Übergang leicht und angenehm zu machen, verpumpte mich der Kompanieführer für zwei Monate an die Abteilung Aruscha; ich sollte Vizefeldwebel Dr. Sinning im Kommando des Postens Engaruka ablösen.

So stieg ich denn am 2. Dezember 1913 wieder in den Großen Ostafrikanischen Graben hinab, um jenseits der durstigen Tiefsteppe mein neues Postenkommando zu übernehmen. Der Posten Engaruka mit dem ihm unterstellten Posten Ngorongoro war 4 Europäer, 1 Effendi [schwarzer Offizier], 34 Askari, 100 Ruga-Ruga [Hilfskrieger] und 100 Träger stark.

Engaruka und Ngorongoro kennt der Leser bereits. Mein Leben in Engaruka spielte sich sehr ordentlich ab. Ich ließ meine Askari exerzieren und Felddienstübungen machen, baute mit den Trägern und Hilfskriegern eine neue befestigte Stellung sowie gute neue Wohnungen für sie wie für die Askari und Europäer. Da mich der Krieg noch magerer gemacht, als ich von Natur schon bin, und mir mein Kompanieführer den dienstlichen Befehl gegeben hatte, mich gut zu pflegen, ließ ich mir von meinem trefflichen Mohamadi jeden Abend ein Diner von sieben Gängen kochen, von denen, dank dem Stelzlschen Gemüsegarten, mindestens vier Gemüsegänge sein mußten. Gelegentlich ritt ich eine Nahpatrouille mit Jagd oder eine Fernpatrouille von vier Tagen zum Natronsee ohne Jagd, obwohl es dort sehr viel Großwild und Raubwild aller Arten gab. Es war mitten im Sommer und am Natronsee, der, glaube ich, nur siebenhundert Meter über dem Meeresspiegel liegt, so heiß, wie ich es nie zuvor in tropischen und subtropischen Gegenden empfunden hatte. Die Europäer, die später mal das Natron abbauen werden, beneide ich nicht, trotz der guten Jagd dort.

Mein Europäer in Engaruka, Grötzinger mit Namen, ein Bruder des im Ingitogefecht gefallenen Grötzinger, gefiel mir über alle Maßen gut als Soldat und Mensch. Er war ein Halbpalästinenser, d. h. er war noch in Deutschland geboren, aber schon als kleines Kind mit seinen Eltern nach Palästina ausgewandert. Er gehörte, wie die Familie Blaich, zu der kleinen Gruppe von Palästinensern, die am Südmeru Pflanzungen und Farmen hatten und die in ihrer einfachen, fleißigen Art sowie vorbildlichen Lebensweise mir als das idealste Menschenmaterial für eine Neusiedelung vor Augen stehen.

Mein Effendi war ein Wissmann-Veteran, der sich zu Kriegsausbruch wieder zur Truppe gemeldet hatte und auch eingestellt worden war. Da es schon seit Jahren in der Schutztruppe keine farbigen Offiziere mehr gegeben hatte – außer einem einzigen, glaube ich, in Daressalam –, wußten die modernen Askari die Stellung meines alten Effendi nicht recht zu würdigen. Er war auch schon recht klapprig und altersschwach. Um ihn zu schonen, beschäftigte ich ihn mit Lagerdienst und ließ ihn sonst in Ruhe und Beschaulichkeit im Kreise seiner Frauen in seinen deutschen illustrierten Zeitungen älteren Datums studieren, von denen er einen ganzen Haufen bei sich hatte. Er besah sich die Bilder, denn Deutsch lesen konnte er nicht. Jedesmal, wenn er zu dem Bilde eines Militärs in glänzender Uniform kam, brachte er es mir und fragte, ob das Major Wissmann sei. Ich konnte seine Sehnsucht, ein Bild seines alten Führers zu finden, auf die Dauer nicht ungerührt mit ansehen und sagte endlich bei einem besonders prächtigen Bilde Ja. Seitdem hing, wenn ich mich recht entsinne, das Bild eines Herzogs von Sachsen-Altenburg am Ehrenplatz in der Hütte des Effendi. Von seinen Frauen umgeben, saß er andächtig davor und schaute es mit seinen guten alten Augen voll treuer Liebe unverwandt an. –

In Engaruka bot sich auch Gelegenheit zu interessanten kulturgeschichtlichen Beobachtungen – Muße dazu hatte ich ja reichlich. Unten in der Niederung, da, wo jetzt nur Steppenbusch steht, kilometerweit vor der jetzigen Negersiedlung, fand ich noch deutliche Spuren von alten Mashamba [Pflanzungen] und ihren Bewässerungsgräben. Offenbar hat früher – wann, weiß ich nicht – ein jetzt verschollener Negerstamm dort sein Heim gehabt. Massai und andere nomadisierende Viehräuber werden den alten Stamm in der Steppe solange bekriegt und beraubt haben, bis er sich gezwungen sah, sie zu verlassen und zur besseren Verteidigung von Leben und Habe seinen Wohnsitz an den Grabenrand zu verlegen.

Hier sah er sich, während er früher in der Steppe seine Mashamba unbeschränkt, Schritt haltend mit dem Wachstum der Bevölkerung, ausdehnen konnte, nun durch das Gelände gezwungen, die Volksnahrung auf einem ganz beschränkten Raum anbauen zu müssen. Die Art, wie sich der Stamm dem gewachsen gezeigt hat, nötigt uns die größte Achtung für seine Intelligenz ab. Den Grabenrand entlang, kilometerweit südlich und nördlich des Engarukabaches, stellenweise ein Viertel Kilometer tief, hat der Negerstamm Terrassen angelegt und so sein Ackerland planiert. Dieses Stück des Grabenrandes gleicht einer gigantischen Treppe. Wo nicht schon die Natur vorgearbeitet hatte, hat man senkrechte Terrassenmauern aus Findlingen aufgeführt, die – eine Seltenheit bei Negerarbeiten – Hunderte von Metern so gerade und parallel der nächsten Terrasse laufen, daß sie nach der Schnur angelegt zu sein scheinen. Die Breite dieser künstlichen Terrassen ist selten mehr als fünf bis sechs Meter.

Mit dem Bau der Terrassen war aber der Reichtum der neuen Äcker an Steinen lange nicht erschöpft; jedesmal, wenn die Neger ihn umhackten, kamen neue Steine zutage. Fleißige Negerweiber trugen sie in Haufen zusammen, und als auch diese immer noch zuviel Platz wegnahmen, fingen sie an, um noch mehr Bodenfläche zu sparen, die Außenwände der Steinhaufen senkrecht aufzubauen. So entstanden die vielen würfelförmigen mannshohen Steinhaufen, auf denen vielleicht zu Zeiten von Kriegsnot auch Wächter gestanden haben mögen. Auf den ersten Blick und ehe man sich von der Gesamttätigkeit des verschollenen Negerstammes ein klares Bild gemacht hat, kommt man leicht auf den Gedanken, diese vierkantigen, oben flachen Steinhaufen für Grabmonumente zu halten.

Hin und wieder fand ich auf diesen Terrassen die Überreste einer Viehboma, deren Umfassungsmauer ebenfalls aus losen Steinen aufgerichtet war, so wie ich es in Südafrika gesehen hatte. Diese Bomas sind nur klein. Die Massai werden das Großvieh und die Schafe, den Stolz des Stammes, als er noch unten in der Steppe wohnte und über unbegrenztes Weideland verfügte, abgetrieben haben. Der aus seinem Reich verdrängte Negerstamm wird sich oben am Grabenrande mit Ziegenhaltung haben behelfen müssen.

Am meisten aber hat es mir imponiert, wie dieser alte Negerstamm sich die Wasser des Engarukabaches nutzbar machte. Oberhalb der obersten Terrasse, da, wo der Gebirgsbach seinen letzten Wasserfall hinter sich hat, ist er zum erstenmal durch einen künstlichen Steindamm abgeschlossen, der noch heute so gut erhalten ist, daß ich über ihn hinwegreiten konnte. Oberhalb dieses Staudammes zweigen rechts und links heute verfallene Hauptbewässerungsgräben ab. Das Wasser, das durch diese nicht in Anspruch genommen wurde, floß ab über den Staudamm, um sich weiter unterhalb hinter einem neuen Damm aufs neue aufzustauen und andere Hauptbewässerungsgräben zu füllen. Aus diesen Hauptgräben wurden die hinter jeder Terrasse laufenden kleineren Bewässerungsgräben gespeist. Die ganze Anlage, die sich fünf Kilometer nach Norden bis zu dem vom Grabenrande sich ergießenden Engare Rongai hinzieht und auch an diesem weit schwächeren Gebirgsbache fortgesetzt ist, läßt darauf schließen, daß der verschwundene Negerstamm an Kopfzahl sehr stark gewesen sein und kulturwirtschaftlich auf einer hohen Stufe gestanden haben muß.

Während ich in Engaruka war, hoben die Engländer den Hunderttausend-Tonnen-Hammer immer höher, und meine Kompanie machte zwei ganz nette Sachen. Anfangs Januar 1916 legte sich Leutnant Freund mit zwanzig Mann nordöstlich vom Longido, in dem sie ihre Reittiere versteckt hielten, allnächtlich an die große Anmarschstraße des Feindes. Erst in der zehnten Nacht kam der Feind. Es war der Vortrupp der großen Invasionsarmee und bestand aus gemischter Kavallerie südafrikanischer Buren, Inder und Somalis. Der Patrouille Freund gelang es, diesen Vortrupp durch einen Feuerüberfall zu zersprengen. Der Feind ließ neun Tote auf dem Feld, unsere Patrouille hatte keine Verluste. Als ich die Nachricht hiervon bekam, ärgerte ich mich, nicht bei der Kompanie zu sein, und bat um meine Rückversetzung. Ich erhielt zur Antwort, meine zwei Monate seien noch nicht rum.

Mit schwerem Herzen fügte ich mich diesem allerdings unbestreitbaren Einwande. Da griff am 6. Februar unser Kompanieführer selbst mit 40 Gewehren eine feindliche Reiterpatrouille von 120 Indern unter englischer Führung am Nagasseni, nördlich des Meru, an. Er ging so ungestüm und schneidig vor, daß die Kompanie Mühe hatte, mitzukommen. Der Feind wurde vertrieben und ließ zwei Engländer und sechs Inder tot auf dem Gefechtsfelde; auf unserer Seite fiel ein Askari.

Jetzt waren meine zwei Monate um, und jetzt drängte alles in mir zu meiner Kompanie. Herrgott, nun ging es wirklich los, und ich sollte nicht dabei sein! Wie viele Briefe und Gesuche ich an meinen Kompanieführer gerichtet habe, weiß ich nicht mehr, aber das weiß ich gewiß, mich beseelte nur noch ein Gedanke: Zurück zur Kompanie, zurück zu meiner Heimat in Kriegszeiten!

Endlich, am 5. März, traf der Vizesteuermann Seifert der Abteilung Aruscha in Engaruka ein, um mich abzulösen. Mit den Trägern, die er mitgebracht, trat ich am 6. März meinen Marsch zur Kompanie an. Zum viertenmal marschierte ich durch den Großen Ostafrikanischen Graben. Der Marsch war beschwerlich, da Grötzinger, der Malaria hatte, streckenweise getragen werden mußte. Als ich am Mondulwasser war, das seinerzeit die Kompanie vom Untergang durch Durst gerettet hatte, hörte ich aus der Richtung, in der ich marschierte, heftiges Artilleriefeuer des Feindes – denn ich wußte, daß wir an unserer ganzen Front nicht ein einziges Geschütz hatten. Wo das Geschieße war, konnte ich nicht feststellen – es konnte dem Schall nach ebensogut bei Geraragua wie am Engare Olmotonje sein, wo ich vorläufig hin wollte, um von da aus meine von dort abgerückte Kompanie zu suchen. Meine Gefechtsstärke bestand aus drei Gewehren, d. h. aus mir und zwei Signalaskari, die Befehl hatten, sich zum Kommando nach Moschi zu begeben; gehindert als Gefechtskraft wurde ich durch eine lange Trägerkarawane und einen kranken Europäer. Unter diesen Umständen und da ich dem Feind nicht in die Arme laufen wollte, marschierte ich nicht auf dem üblichen Wege weiter, sondern kletterte mit vieler Mühe über das Mondulgebirge weg und pirschte mich vom Südostmondul an Engare Olmotonje heran.

Im früheren Lager der 8. Feldkompanie, das in der Nähe unseres Musterlagers gelegen hatte, fand ich die 28. Feldkompanie noch vor und meldete mich bei ihrem Führer, Hauptmann Rothert. Er sagte mir, daß die Boma [befestigter Platz] Aruscha dabei sei, via Lolkisale nach Süden abzubauen, daß nach den neuesten Nachrichten der Feind wahrscheinlich schon die Moschi-Aruscha-Straße besetzt habe, daß ich zu meiner Kompanie, die am Sanjafluß auf der Farm Kürbis nördlich dieser Straße liege, nicht mehr durchkönne, und daß ich mit den beiden Signalaskari am besten bei ihm bliebe! »Ha, ha! Der will dich vereinnahmen! Gibt es nicht, Herr Hauptmann, so schmeichelhaft es klingt.« Das dachte ich, aber natürlich nicht laut. Ich antwortete mit Hinweis auf die Befehle für mich und meine zwei Askari, daß wir zum mindesten den Versuch machen müßten, unsere Befehle auszuführen.

Nach Erledigung dieser dienstlichen Angelegenheit suchte ich mein altes, jetzt verlassenes Kompanielager auf. Als ich das Kompaniebüro, in dem ich einst gehaust hatte, betrat, merkte ich, daß das Lager doch nicht ganz verlassen war. Alle die alten freundlichen Flöhe hüpften mir erfreut entgegen, um mich zu empfangen. Sie waren in solcher Zahl und so hungrig, daß ich schleunigst ausriß und vorzog, im Freien zu übernachten.

Vom Hauptmann Rothert hatte ich mich, nach einer zweiten Besprechung mit ihm, am Abend schon verabschiedet, und da er immer noch den Befehl, daß ich bleiben müsse, auf der Zunge zu haben schien, verdrückte ich mich noch während der Nacht aus der Nähe seines Lagers und marschierte nach Aruscha. Dort fand ich Leutnant Gärtner der Abteilung Aruscha damit beschäftigt, die letzten Burenwagen beladen zu lassen. Ihm übergab ich meine Träger und Lasten, meinen Koch und die Boys, mit denen ich mich nicht länger belasten durfte.

Ich war gerade dabei, mir meine besten Sachen anzuziehen – denn wann ich meine Boys und Lasten wiedersehen würde, war gar nicht auszudenken; tatsächlich sah ich die Lasten nie wieder –, als sich Bana matunda mit einer Patrouille von sechs Reitern meiner Kompanie bei mir meldete. War das eine freudige Überraschung! Ich konnte mich an den lieben Gesichtern der alten Kameraden gar nicht satt sehen und fühlte mich sofort der Kriegsheimat bedeutend nähergerückt. Sie kamen von einem Erkundungsritt um das Longidogebirge und ritten über Aruscha zur Kompanie zurück. Ich übernahm das Kommando der Patrouille, und gegen Mittag trabten wir an auf der Aruscha-Moschi-Straße, unsere Kompanie zu suchen.

Um zehn Uhr abends am 10. März kam ich wohlbehalten bei meiner Kompanie an und wurde vom Kompanieführer und allen Kameraden auf das herzlichste empfangen. War das schön! Nach über dreimonatiger Abwesenheit endlich wieder zu Hause! Ich leistete innerlich einen feierlichen Eid, mich nie wieder verpumpen zu lassen.

An jenem Abend lernte ich den Oberleutnant v. Ruckteschell kennen, den Führer der 21. Feldkompanie, die neben uns auf Farm Kürbis lag. v. Ruckteschell ist Maler und befand sich zu Kriegsausbruch in Deutsch-Ostafrika, um afrikanische Stimmungsbilder zu malen. Er galt schon damals für einen ausgezeichneten Kompanieführer. Ich bin ihm im weiteren Verlauf des Krieges wiederholt begegnet und habe ihn hochzuschätzen gelernt. Ich sah in ihm einen echten Führer, genial, kurz im Fassen seiner Entschlüsse, ein Draufgänger, derb, wenn es sein mußte, aber stets voll Humor und von kerniger Gesundheit. Kein Wunder, daß sich seine Kompanie unter seiner Führung im Laufe des langen Krieges zu einer der kriegstüchtigsten Askarikompanien entwickelte! Als unser Oberst Ende 1917 in das portugiesische Gebiet durchbrach, war Oberleutnant v. Ruckteschell einer der wenigen ursprünglichen Kompanieführer, die noch bei ihm waren.