Durch den ostafrikanischen Großen Graben ins Winterhochland
Ende August 1915 widerfuhr der Neunten wieder einmal eine strategische Rückwärtsbewegung. Diesmal durften sogar alle entbehrlichsten Lasten der Europäer nicht mit nach dem neuen Lager überführt, sondern sie mußten nach dem befestigten Aruscha gebracht werden. Spottlustig, wie nun mal Soldaten sind, nannten sie das seitdem die »Angstlasten«. Daß sie abtransportiert wurden, war an sich recht gut; denn einzelne Leute hatten sich von ihren Farmen allmählich ihre halbe Einrichtung kommen lassen, und die Kompanie war dadurch immer mehr in ihrer Beweglichkeit gehindert. Aber der eigentliche Zweck des Abtransports, nämlich, jene »Angstlasten« in Sicherheit zu bringen, ist nicht erreicht worden. Sie fielen vielmehr sämtlich – darunter auch meine gesamte, für fünf Jahre berechnete Ausrüstung als Zivilmensch und alle meine Farmbücher und -akten – später beim Rückzug der Abteilung Aruscha in die Hände des Feindes.
Wir zogen also gegen Ende August wieder um, diesmal in unser letztes Dauerlager am Engare Olmotonje, unweit Aruscha. Seine Musteranlage habe ich schon oben beschrieben. Ich selbst habe es nur wenig frequentiert, denn zunächst rückte die ganze Kompanie auf fünf Wochen zu einer großen Fernunternehmung aus, und dann wurde ich von meinem Kompanieführer für drei Monate nach auswärts verpumpt.
Die große Monster- und Riesenpatrouille, zu der die ganze Berittene Neunte am 31. August, wenige Tage nach dem Umzuge, ausritt – sie war von vornherein auf eine Dauer von fünf bis sechs Wochen berechnet – wird den Leser hoffentlich nicht schon patrouillenmüde finden. Es hilft ihm nichts – wir durften ja auch nicht patrouillenmüde werden; ich bin es, im Vertrauen gesagt, nie geworden, denn als Etatsmäßiger war ich weit lieber auf Patrouille als unter den Büchern und Akten des Feldwebelbüros. Aber der Leser wird es auch nicht bereuen, uns bei dieser Unternehmung zu folgen – führte sie doch in eine ihm und auch den meisten von uns ganz neue Gegend, nach Westen zu über den ostafrikanischen Großen Graben in das Gebiet der Riesenkrater und in Landstriche, die für Europäerbesiedlung wie geschaffen erscheinen. Dazu lernen wir bei dieser Gelegenheit auch eine Persönlichkeit kennen, für die ganz Jungafrika schwärmte. Der militärische Zweck dieser Unternehmung war, wenn ich ihn richtig verstanden habe, der, den Feind an einer ganz neuen Front zu beunruhigen und ihn dadurch zu zwingen, Truppenverschiebungen zur Entlastung unserer alten Front vorzunehmen.
Von unsern Kompanieoffizieren ritten nur mit der Kompanieführer Oberleutnant Büchsel und Leutnant Berghöfer, der seit einigen Wochen als Ersatz für den vermißten Oberleutnant Trappe von der Berittenen Achten zu uns versetzt worden war. Leutnant Freund wurde gleich in den ersten Tagen der Patrouille krank und mußte umkehren. Oberleutnant Meyer hatte Typhus und lag im Lazarett in Aruscha. Typhus grassierte, bevor Oberarzt Klemm uns impfte, ziemlich stark in der Kompanie – kein Wunder, da unsere Patrouillen so manches Mal, durch den Durst gezwungen, in Versuchung kamen, Sumpfwasser oder verdorbenes Regenwasser aus irgendeiner Pfütze ungekocht zu trinken. Alle mir bekannten Typhusfälle sind aber leichter Natur gewesen, und ich habe überhaupt nie gehört, daß in Ostafrika unter einigermaßen normalen Verhältnissen ein Soldat an Typhus gestorben wäre.
Da wir auf den Reit- und Packtieren nicht für fünf Wochen ausreichende Verpflegung unterbringen konnten, mußten uns Verpflegungsträger für einen Teil des Marsches begleiten. Je zwei Europäer durften eine Last und jeder einen Boy mitnehmen.
Ich nahm meinen einäugigen Boy, den ausgerissenen Missionspetro, auf dieser Patrouille mit. Trotz der oft langen Märsche, die er zu Fuß, mit seinem eigenen Gepäck und Proviant für mehrere Marschtage beladen, machen mußte, war Petro bei jedem Halt mit der Reserveflasche kalten Tees oder Kaffees zur Stelle, und wenn wir abkochten, hatte er sofort ein Feuer im Gange. Ich habe mich oft gewundert, woher der Junge nach zehnstündigem oder längerem Marsch in Staub und Sonne immer noch die Energie hernahm, für mich zu sorgen. Nicht ein einziges Mal habe ich ihn zu rufen brauchen; stets war er da, wo für meine Bequemlichkeit irgend was getan werden konnte. Und dabei machte Petro stets ein freundliches Gesicht, soweit ihm das mit seiner einen Gesichtshälfte gelingen wollte; die andere Hälfte mit dem fehlenden Auge grinste nicht mit, und der Gesamteindruck wirkte daher auf Leute, die ihn nicht kannten, etwas beängstigend. Ich nahm Petro mit, weil mein anderer, mehr rundlicher Boy Sakiva von starken Anstrengungen leicht Fieber bekam. Beide waren Wachagga, aber der hagere Petro hatte, glaube ich, einen Einschlag von Massaiblut.
An Trägern hatten wir etwa achtzig Mann mit, lauter ausgesucht kräftige Leute. Der Stamm unserer Träger bestand aus Wanjamwezi, die von der ehemaligen Abteilung Geraragua und von meinem Olmologposten übernommen worden waren. Sie haben vom ersten Tage des Krieges an mitgemacht, und sie waren noch bei der Kompanie, als ich nach zwei Jahren gefangen wurde. Was die Leute in der Zeit geleistet haben, ist gar nicht auszudenken, und wie viele tausend Kilometer sie mit einer Last auf dem Kopf zurückgelegt haben mögen, möchte ich nicht ausrechnen müssen. Und dabei waren sie bis zu Ende willig und meistens sogar recht vergnügt. Etwas Berechnung ihrerseits mag wohl dabei gewesen sein, daß sie so gern bei der Kompanie blieben. Wären sie weggelaufen oder auf Wunsch entlassen worden, so hätte irgendeine Etappe sie sicher sofort wieder aufgegriffen und als Etappenträger eingestellt. Letzteres galt aber als das größere Übel; der Dienst dort war noch anstrengender, weil er nie unterbrochen wurde. –
In den ersten drei Marschtagen durchquerten wir die Tiefsteppe des ostafrikanischen Großen Grabens – zwischen den Kilimandscharo- und Merusteppen einerseits und dem Winterhochland andererseits (nicht zu verwechseln mit dem Großen Zentralafrikanischen Graben, in dem der Tanganjika- und Albert-Njansa-See liegen). In der Hauptrichtung von Nord nach Süd laufend, hat jener Graben auf der Westseite einen scharf markierten Steilrand, auf der Ostseite aber, von der wir kamen, fällt das Gelände allmählich ab; erst nördlich vom Natronsee ist auch der östliche Grabenrand des hier enger werdenden Grabens klar erkenntlich.
Wir stiegen nordöstlich der Ostausläufer des Mondulgebirges in die Tiefsteppe hinunter und zogen dann zwischen dessen Westausläufern im Süden und dem Ketumbeinegebirge hindurch. In dieser Tiefsteppe ist man ganz auf Regen- und Grundwasser angewiesen. Wir fanden in Felslöchern noch genügend Regenwasser, das freilich weder sehr appetitlich aussah noch besonders schön roch; es wurde natürlich vor dem Gebrauch gekocht. Tausende zierlicher Webervögel in allen Farben frequentierten diese Wasserlöcher und ließen sich durch das Wasserschöpfen der Träger und Boys nicht im geringsten stören. In der Trockenzeit sackt alles Regenwasser ab, man muß dann nach Grundwasser graben. Solches wird man nach einigem Suchen fast immer in den mächtigen, oft haustiefen Koongos finden, von denen die Tiefsteppe zerrissen ist. Freilich darf man nicht damit rechnen, am Ende der Trockenzeit noch so viel zu finden, daß es für große Karawanen oder Viehtransporte genügt. Wer Grundwasser in einem Sandkoongo sucht, grabe dort, wo Wild gescharrt hat oder wo Schmetterlinge sich auf den Sand setzen.
Unser dritter Marschtag bedeutete eine Durststrecke von neun Stunden. Wir wußten, daß wir vom Koongo ya Kabrule bis Engaruka, unserm Ziele am Grabenrand, kein Wasser finden würden, und beschlossen deshalb, besonders unserer Träger wegen, einen möglichst großen Teil der Durststrecke in der Nacht zurückzulegen. Um acht Uhr morgens traf die Kompanie am Engarukabach ein, der, aus dem Winterhochlande kommend, sich in einer Reihe von Wasserfällen lustig den steilen Grabenrand herabstürzt. Bei seinem Wasserreichtum und dem zu erzielenden Wasserdruck würde er, systematisch ausgenutzt, mehrere hundert Farmen mit ausreichendem Wasser versehen können. Jetzt ergießt er sich in die Steppe und bildet dort ein übles, ungesundes Sumpfgelände. Selbst höher hinauf am Graben, wo der Posten lag, litten Europäer und Askari an Malariaanfällen; Stelzl, ein Bayer, der kurz vor dem Kriege hier eine Farm belegt und ein Wohnhaus zu bauen angefangen hatte, klagte sehr darüber.
Den starken Außenposten Engaruka, dem auch der Posten Ngorongoro angegliedert und unterstellt war, kommandierte der Vizefeldwebel unserer Kompanie Dr. Sinning, genannt »der alte Stock«, obwohl er lange nicht so alt ist wie ich. Der Posten selbst wurde von der Abteilung Aruscha gestellt; da diese anscheinend über keinen geeigneten Postenführer verfügte, hatte ihr unsere Abteilung den Dr. Sinning gepumpt. Vom Dezember an bis Anfang März 1916 bin ich sein Nachfolger gewesen.
Der gute Kamerad Sinning hatte für den Empfang und für den Aufenthalt seiner Kompanie alles aufs beste vorgesehen. Es gab Grasbuden für die, die nicht vorzogen, im Freien zu schlafen. Es gab Ochsen- und Ziegenbraten. Es gab Bananen, Papayen, Erdnüsse, Zitronen von den Mashamba [Pflanzungen] der Eingeborenen und, sage und schreibe, europäisches Gemüse aus Stelzls Gemüsegarten. Es gab Eier und Kükenbraten. Es gab Körnermais für die Tiere. Vor allem aber gab es aus dem Bergstrom ein herrliches klares, kaltes, ganz natronfreies Quellwasser zu trinken. Nach dem dreitägigen heißen Ritt durch die Tiefsteppe mit ihrem übelriechenden, abgekochten alten Regenwasser kamen sogar hartgesottene Sünder, am Rande des Engaruka sitzend, beinahe auf den Gedanken, für den Rest ihres Lebens Wassertrinker zu werden. Prächtig war auch die Badegelegenheit im Engarukabach. Den ganze Tag konnte man rauhe Kriegsknechte in Felslöchern sitzen sehen, um sich von den Wasserfällen ihre Haut peitschen zu lassen. Wenn sie genug hatten, lagen sie wie Seehunde auf den Felsplatten und sonnten sich.
Ich sagte oben: »natronfreies Wasser«. Das ist wichtiger, als das Wort ahnen läßt. Der Engaruka und sein Nachbar, der Rongai, sind nach Norden hin die letzten Wasser, die natronfrei sind. Alle Flüsse, die weiter nördlich vom Grabenrand herunterkommen, sind ebenso wie die, die sich aus dem östlich des Grabens liegenden Geleigebirge, aus heißen Quellen gespeist, in den Natronsee ergießen, stark natronhaltig. Natronhaltiges Wasser löscht aber nicht den Durst, sondern vermehrt nur noch das Durstgefühl. –
Der Abschied von Engaruka und unserm liebenswürdigen Wirt am nächsten Nachmittag ist uns allen recht schwer geworden. Um den Grabenrand erklettern zu können, mußten wir noch sieben oder acht Kilometer in nördlicher Richtung an ihm entlangreiten. Wir durchquerten hierbei das um diese Jahreszeit unten in der Steppe ausgetrocknete Flußbett des Engare Rongai und trafen am Fuß des Keremasiberges auf den Anfang des Aufstieges.
Zwei Wege führen hier zum Hochland hinauf. Unsere Trägerkolonne schlug den kürzeren, von Eingeborenen ausgetretenen Fußpfad ein, der sich in steilen Serpentinen hochwindet. Die Kompanie ritt auf dem von Stelzl für den Farmer Adolph Siedentopf angelegten längeren Fahrweg. Stelzl hat bei der Anlage dieses Fahrweges für den Ochsenwagenverkehr großes Geschick bewiesen. Freilich muß, wer hier hinauffahren will, aus dem ff mit Ochsen umzugehen verstehen – für Anfänger ist der Weg nicht gedacht.
Der Höhenunterschied zwischen der Tiefsteppe in der Grabensohle, aus der wir kamen, und der Hochsteppe des Winterhochlandes beträgt etwa tausend Meter; infolge der vielen Schlangenwindungen unseres Weges erfordert der Aufstieg mehrere Stunden. Bei einer Wasserstelle, nach dem zu Beginn des Krieges von den Wasonjo an die Engländer verratenen und bei einem Überfall gebliebenen Schutztruppenfeldwebel Bast »Kambi ya Bana Bast« benannt, traf die Kompanie wieder mit der Trägerkolonne zusammen. Hier wurde für die Nacht gelagert.
Am nächsten Morgen führte uns der Weg scharf am Rande des Elanairobikraters vorbei. Zehn Schritt von seinem Rande ahnt man noch nichts von ihm. Man stelle sich eine grasige, mit leichtem Busch bestandene Ebene vor, in der sich ganz unerwartet ein riesiges, trichterförmiges Erdloch auftut, das ein 1000-Zentimeter-Geschoß, wenn es das gäbe, gewühlt haben könnte. Das kreisrunde Kraterloch, dessen Wände bewaldet sind, ist nach meiner Schätzung etwa sechshundert Meter tief und hat oben einen Durchmesser von vielleicht fünfzehnhundert Meter. Unten im Kraterloch befindet sich ein kreisrunder See von schätzungsweise achthundert Meter Durchmesser, dessen Rand rosig in der Sonne schimmerte. Es sind aber nicht Wasserrosen, die dort leuchten, sondern die Rücken und Flügel von Tausenden von Flamingos, die am Seerande auf einem Bein im Wasser stehen und solange regungslos, den Kopf etwas auf einer Seite, in das Wasser schielen, bis sie ihren Fisch erwischt haben. Zuweilen sahen wir einen Schwarm Flamingos sich träge erheben und wie eine leichte Wolke Apfelblütenblätter über dem Wasser treiben. Ein Kiboko [Flußpferd], deren es viele in diesem Kratersee geben soll, mag sich dem Ufer genähert haben, seine Nasenlöcher aus dem Wasser haben auftauchen lassen und wie ein Walfisch einen Wasserstrahl in die Luft geblasen haben. Das Kiboko verschwand, und die schwärmenden Flamingos ließen sich wieder auf ihre alte Futterstelle nieder. Sicher haben sich die Flamingos nicht ohne geräuschvollen Protest aufscheuchen lassen, aber dort hoch oben, wo wir bewundernd standen, hörte man keinen Laut. Ich hatte das Gefühl, als ob eine ganz andere, fremde Welt dort tief unten zu meinen Füßen läge.
Wir ritten nun durch die saftige, grüne Landschaft des Winterhochlandes und stiegen dann hinein in den riesigen Bulbul-Krater, der beinahe bis an seinen Rand mit Geröll und Asche angefüllt ist. Über dieser Unterschicht hat sich eine dünne Humusschicht gebildet, durch die die Tiere bei jedem Schritt bis zum Knie durchtraten. Außerdem ist diese lose Unterschicht unterminiert von Tausenden von Schakalen. Wer im Bulbulkrater nächtigen wollte, der würde wegen des Gebells der Schakale wenig Ruhe finden. Dieser Krater hat einen Durchmesser von vielleicht zwölf Kilometer. Über eine steile Geländestufe klettern wir aus ihm heraus wieder in das saftige Winterhochland hinein, das immer noch langsam ansteigt.
In dieser Hochsteppe stießen wir auf eine Gnuherde, und ein prächtiger Bulle wurde für die Verpflegung der Kompanie erlegt. Da drei Schützen gleichzeitig auf ihn gefeuert hatten und sich darüber stritten, wessen Kugel – alle drei wußten genau, wo sie abgekommen waren – den Bullen zur Strecke gebracht hätte, wurde unser Sanitätsrat gerufen, um den Fall zu begutachten und den Wettstreit zu entscheiden. Nach längerer Untersuchung der drei Einschüsse, während der die Kompanie andächtig schweigend zusah, gab unser Sanitätsrat sein Urteil dahin ab, daß der Gnubulle an keiner Kugel, sondern am Herzschlag eingegangen sei. Mit lautem, anhaltendem Gelächter wurde dieses Urteil begrüßt.
Unser Sanitätsrat – er wurde sehr böse, wenn er hörte, daß wir ihn so nannten – war der Sanitätsfeldwebel Stein. Bei der Kompanie stand er in dem Ruf ungemeiner Gelehrsamkeit, von der er in selbstloser Weise gern seinen minderbegabten Mitmenschen recht viel mitteilte. Stein hielt sich auch für einen großen Praktiker, und es machte ihm ganz besondere Freude, sein tiefes Wissen auf allen Gebieten auch in die Praxis umzusetzen. Als er im Mai 1915 von der Infanterie zu unserer Kompanie versetzt worden war, hatte er im Lager bald Lernbegierige um sich versammelt, und es war ulkig anzusehen, wie diese alten erfahrenen Patrouillenreiter den Schalk in ihren Augen zu unterdrücken wußten, wenn Stein lange Vorträge darüber hielt, was man auf Patrouille essen und wie man auf Patrouille abkochen müsse.
Als nun unser lieber Sanitätsrat zum erstenmal auf Patrouille mitritt und seinen vorzüglichen Koch nicht mitnehmen durfte, hieß es, selbst seine Weisheit in der Praxis bewähren. Ob ihm dabei etwas unheimlich zumute war, weiß ich nicht. Merken ließ er sich nichts, und auch seine Bewunderer, die ihm zusahen, als er zum erstenmal selber abkochen mußte, machten die unschuldigsten Gesichter von der Welt.
Ich sehe das Bild noch heute deutlich vor mir. Stein kniete, nachdem er ein Feuer angemacht hatte, neben dem Sanitätslastpacksattel und würgte, stark schwitzend, mit Anstrengung aller seiner Kräfte aus demselben etwas wurstartiges Langes heraus, das kein Ende zu nehmen schien. Jemand fragte, was das sei. »Ein Sack mit Reis«, sagte Stein, »Reis ist das einzige richtige Patrouillenfutter. Im heißen Indien und in China leben die Menschen nur von Reis.« »Aber, Mensch«, rief jemand, »Sie haben da gut und gern zehn Kilo Reis in dem Beutel, der reicht ja für zweihundert Mahlzeiten, und die Patrouille soll doch nur sechs Tage dauern.« »Verstehen Sie nicht«, antwortete Stein gekränkt, »Reis kann der Mensch nie zuviel essen – übrigens bin ich kein Mensch, sondern der Sanitätsvizefeldwebel Stein. Merken Sie sich das!«
Nun füllte Stein sein großes Kochgeschirr beinahe bis an den Rand voll trockenen Reis, goß ein wenig Wasser nach und hing das Kochgeschirr über sein Feuer. Steins Bewunderer stießen sich heimlich an und blinkten sich zu, sagen taten sie aber kein Wort. Einige Erzschelme warfen unter dem Vorwande, sich besonders gefällig erweisen zu wollen, noch trockene Reisige auf Steins Feuer, so daß die Flammen hoch über dem Kochgeschirr zusammenschlugen. Bald kochte das Wasser, und die Reiskörner fingen an, sich mollig darin zu dehnen. Da sie im Kochgeschirr bei ihrer Menge hierzu nicht genügend Platz fanden, quollen sie in wildem Ungestüm oben aus ihm heraus. Stein machte ein sehr bedenkliches Gesicht, wie er all seinen schönen Reis ins Feuer kleckern sah. Er goß mehr Wasser zu. Für einen Augenblick beruhigte die kalte Dusche den Reis, und Stein fing an aufzuatmen. Zu früh! Schon wieder quoll der Reis oben aus dem Kochgeschirr – toller, denn zuvor. Energisch griff Stein jetzt zu seinem Löffel, schöpfte während zehn Minuten den überquellenden Reis oben ab und warf ihn wütend unter seine Jünger, die sich scheckig lachen wollten. – Seitdem kochte Stein nie mehr, sondern ließ sich auf Patrouillen seinen Reis von dem Askari kochen, der das Sanitätspacktier mitsamt der Reislast zu führen hatte.
Kurz nach der vorbeschriebenen Gnujagd, die mich auf Stein brachte, überschritten wir den höchsten Punkt der Winterhochlandsteppe. Das Gelände senkte sich, und nach kurzem Marsch erreichten wir den Lemungefluß, der, vom Olmotikratersumpf kommend, das Winterhochland durchfließt und im Ngorongorokrater endet. In seinem Oberlauf hat der Lemunge auch in der Trockenzeit Wasser genug, um bei systematischer Verteilung hundert Farmen zu versehen – ein idealeres Klima, als dort oben im Winterhochlande, kann ich mir für eine Europäerbesiedlung überhaupt nicht vorstellen. Am Ufer des Lemunge wurde abgekocht und für die Nacht gelagert. Am nächsten Morgen wollten wir in den Ngorongorokrater hineinreiten, in dessen Kessel Adolph Siedentopf seit 1905 seine Farm hat.
Adolph Siedentopf – welcher Ostafrikaner kennt diesen Namen nicht? Ich hatte schon in Berlin, ehe ich nach Deutsch-Ostafrika fuhr, von ihm gehört. In allen Erzählungen von Adolph Siedentopf haftete seiner Person eine überirdische Kraft an, etwa wie den Paladinen Karls des Großen. Nur ganz wenige Kompaniekameraden hatten ihn persönlich gesehen, und auf die mußte er einen erschütternden Eindruck gemacht haben, denn sie sprachen nur mit ehrfurchtsvoller Scheu von ihm. Sein Königreich im Ngorongorokessel hatte noch keiner der Kameraden zu betreten gewagt. Einzelne waren auf Viehsafari am Rande desselben vorbeigekommen – den alten Löwen in seinem Bau zu besuchen, hatte sich keiner getraut.
An jenem Abend am Lemungefluß war an jedem Lagerfeuer nur von Adolph Siedentopf die Rede. In ihre Indermäntel gehüllt, hockten die Krieger dicht an den Feuern und ließen die Pulle weitergehen; denn die Nacht war grausam kalt. Umgebung und Stimmung waren dazu angetan, Räuberpistolen zu erzählen und ihnen zuzuhören. Auch an unbeabsichtigten Übertreibungen wird es dabei nicht gefehlt haben, handelte es sich doch für die Erzähler um ihren afrikanischen Helden. Was ich erlauscht, will ich versuchen wiederzugeben. Was Wahrheit, was Dichtung ist, wird nur Adolph Siedentopf selbst beurteilen können.
Adolph Siedentopf ist Hannoveraner. Als Jüngling, nachdem er alle Studien für die Apothekerlaufbahn beendet, trieb es ihn in die Ferne. Vor heute vielleicht vierzig Jahren landete er in Daressalam und nahm Stellung in der dortigen Apotheke an. Seine Abenteuerlust war hiermit keineswegs befriedigt. Bald trieb sie ihn von der Küste ins Innere, und im jetzigen Bezirk Muansa handelte Adolph Siedentopf mit Elfenbein und Vieh. Das war noch zu der Zeit, in der man für drei Gnuschwänze oder eine Nähnadel eine Färse eintauschen konnte. Es unterliegt daher keinem Zweifel, daß Adolph Siedentopf bei diesen Viehpreisen gut vorankam, aber die Behauptung, daß er nahe daran gewesen wäre, sich zum selbständigen König von Muansa ausrufen zu lassen, halte ich dadurch allein noch nicht für begründet.
Im Jahre 1905, kurz bevor das Massaireservat eingerichtet wurde, belegte Adolph Siedentopf den Ngorongorokessel, in dem bisher deutsche Massai ansässig gewesen waren. Das Areal im Kraterkessel ist 24 000 Hektar groß, und von 1905 bis 1915 konnten sich die deutsche Regierung und Adolph Siedentopf nicht darüber einigen, ob, wie die Regierung sagte, 6000 Hektar oder, wie Adolph Siedentopf behauptete, 24 000 Hektar von ihm belegt seien. Erst 1915, im Kriege, hat, wie ich hörte, der frühere Reichstagsabgeordnete Dr. Arning eine Einigung herbeigeführt – ihr Resultat kenne ich nicht.
Als Adolph Siedentopf sein Kraterreich bezog, brachte er zweitausend Stück Großvieh und eine Leibgarde von sechs aus dem belgischen Kongo entlaufenen, bis an die Zähne bewaffneten Askari mit, die früher Menschenfresser gewesen waren. Trekburen aus Südafrika, die damals in jener Gegend Elefanten jagten, halfen ihm für kurze Zeit; sie waren es auch, die ihm das Burenhaus nach südafrikanischem Stil bauten, in dem er 1915 noch wohnte. Adolph Siedentopf hätte es gern gesehen, wenn die Massai alle mit ihrem Vieh im Krater geblieben wären. Die Regierung war aber wieder anderer Ansicht. Ob die Regierung dem alten Muansagerücht doch Glauben schenkte und Adolph Siedentopf, der als Fundi [Kenner, Meister] in der Massaisprache und in Massaisitten galt, Selbstherrschergelüste zutraute? Nur mit Mühe gelang es Adolph Siedentopf, von der Regierung das Zugeständnis zu erhalten, zwanzig während der Rinderpest verarmte Massaifamilien, die kein Vieh mehr besaßen, als Hirten auf seiner Farm behalten zu dürfen. Diese zwanzig Familien waren 1915 noch bei Adolph Siedentopf, und sie besaßen bereits wieder tausend Kopf Rinder und zwölfhundert Stück Kleinvieh. Ob sie die alle selbst gezüchtet oder ob sie auch dazu geklaut hatten, darüber schweigt die Geschichte.
Mit dem Gouvernement stand Adolph Siedentopf aus begreiflichen Gründen lange auf leichtem Kriegsfuße. Daß eine Natur, wie er, und eine bürokratische Regierung sich schwer verstanden, ist eigentlich nicht zu verwundern. Polizeiaskari, die ihm eine Verfügung zuzustellen hatten, wagten sein Reich schon kaum mehr zu betreten, und einmal rückte sogar der Befehlshaber des Militärpostens Umbulu mit größerer Macht gegen Adolph Siedentopf aus. Sein Haus wurde umstellt, und mit »Seitengewehr pflanzt auf!« ging das Militär vor. Natürlich war Adolph Siedentopf viel zu gut unterrichtet gewesen und viel zu klug, um sich bei einer solch windigen Sache zu Hause aufzuhalten.
So und ähnlich erzählte man sich am Lagerfeuer, und ich darf sagen, daß ich selten der Bekanntschaft eines Mannes mit größerem Interesse entgegensah wie damals der von Adolph Siedentopf. –
Am nächsten Morgen brachte uns ein Marsch von drei Stunden von Südosten über den eingestürzten, leicht bewaldeten Rand des Ngorongorokraters in dessen Kessel hinein. Von der Stelle, wo wir ihn betraten, bis zu dem gegenüberliegenden Rande des etwas ovalen Kessels sollen es elf Kilometer sein. Obwohl die Kraterwände an einigen Stellen ein paar hundert Meter aufsteigen mögen, erscheint der Krater dem Auge wegen seiner Riesengröße doch nicht besonders tief. Die Kratersohle ist zumeist flach und baumlos und mit feinem, dichtem, vorzüglichem Weidegras bedeckt. Etwa zwei oder drei Kilometer vom südlichen Kraterrande, dort, wo eine leichte Erdwelle sich aus der Kratersohle erhebt und am Ufer des Lemungeflusses einige Baumgruppen zu sehen sind, liegt das Farmgehöft. Weiterhin endet der Lemunge in einem Sumpf, der sich nach der Regenzeit zu einem See erweitert. Aus der mir bei diesen Beobachtungen gegenüberliegenden Kraterwand ergießen sich drei weitere Gebirgsbäche in den Krater. An dem einen waren Adolph Siedentopfs Massai ansässig, an den beiden anderen, weiter östlich, hatte Friedrich Wilhelm Siedentopf, der jüngere Bruder unseres ostafrikanischen Helden, seit einigen Jahren vor dem Kriege einen vielversprechenden Farmbetrieb eingerichtet.
Dr. Sinning hatte seinen Postenführer in Ngorongoro, den Unteroffizier Oskar Frowerk, von der Ankunft der Kompanie unterrichtet. Sicher kannte auch Adolph Siedentopf, der nicht eingezogen war, genau Datum und Stunde unseres Eintreffens, und wenn er es nicht wußte, mußte er uns die drei Kilometer auf blanker Steppe doch haben anreiten sehen. Tatsache ist, daß, als die Kompanie vor seinem Hof-Fenz [Einfriedigung] absaß und der Dinge oder richtiger der Personen harrte, die da kommen sollten, lange keine kamen. Endlich erschien ein Askari des Postens, um uns über den Hof weg zu der Stelle am Lemungefluß zu führen, die Unteroffizier Frowerk unter Schattenbäumen als Lagerplatz für die Kompanie ausgesucht hatte. Vorbereitungen wie die, mit denen Dr. Sinning uns so angenehm überrascht hatte, waren hier nicht getroffen worden. Auch als die Kompanie über den Farmhof ritt und zum Farmhause kam, zeigte sich kein Adolph Siedentopf. Erst als der Kompanieführer absaß, den kleinen Vorgarten vor dem Hause durchschritt und die Verandastufen hinanstieg, trat die Hünengestalt von Adolph Siedentopf aus der Haustür auf ihn zu. Der offizielle Empfang der Kompanie war also kühl – kalt wie eine Hundeschnauze. Dafür ist dann der inoffizielle Empfang und die Aufnahme der einzelnen Krieger seitens Adolph Siedentopfs und seiner hübschen jungen Frau, wie wir sehen werden, um so wärmer und herzlicher gewesen.
Ich hatte Adolph Siedentopf bei dem offiziellen Empfange nur flüchtig gesehen, da ich mit der Unterbringung der Kompanie zu tun hatte, aber immerhin lange genug, um eine Einladung in sein Haus zu erhalten. Nachdem ich mich so sauber gemacht hatte, wie das auf Patrouille möglich ist – galt es doch zum erstenmal seit langer, ach wie langer Zeit, einer Dame, und noch dazu einer schönen Dame, meine Aufwartung zu machen –, begab ich mich mit Leutnant Berghöfer zum Farmhause zurück, wir beide in der Absicht, zunächst nur einen kurzen Anstandsbesuch zu machen. Unsern Kompanieführer fanden wir dort bereits vor.
Da saßen wir nun gegen elf Uhr vormittags in der niedrigen, trauten, äußerst behaglich eingerichteten Farmhausstube um einen großen Tisch – Herr und Frau Siedentopf, meine beiden Offiziere und ich. Zu Anfang wollte die Unterhaltung nicht recht in Fluß kommen, und da ich das Empfinden hatte, wir dürften den Besuch so kurz vor Tisch nicht ungebührlich lange ausdehnen, trat ich Leutnant Berghöfer auf den Fuß und blinzelte ihm zu. Er gab das Signal an den höheren Vorgesetzten weiter, wurde aber scheinbar nicht verstanden. Der Kompanieführer ging in seiner gewohnten Weise immer noch »Volldampf voraus«, und ich war trotz des unbehaglichen Gefühls, vielleicht aufdringlich zu erscheinen, doch auch wieder sehr neugierig auf den Augenblick, in dem Adolph Siedentopf mehr aus sich herausgehen würde.
In Manchesterreithose und -joppe gekleidet, saß dieser Kraftmensch mit dem herrlichen Imperatorenkopf in unserer Mitte. Er trug zu jener Zeit einen Vollbart, aus dem seine Adlernase kühn hervorstand. Zwei große dunkle Augen unter starken Augenbrauen musterten uns andauernd. Ich hätte mich vor ihnen fürchten können, wenn ich nicht hin und wieder einen argen Schalk in diesen Feuerrädern hätte aufblitzen sehen. Aber nicht nur seelisch ist Adolph Siedentopf trotz seinem langen Aufenthalt in Deutsch-Ostafrika ein Kraftmensch geblieben, sondern auch körperlich. Ich habe letzteres beobachtet, als ich ihn später im Gefangenenlager zu Nairobi wieder traf. Der vierundvierzigjährige Mann sprang im Schlußsprung ohne Sprungbrett 1,20 Meter hoch, blieb unübertroffen im Steinstoßen und schnellte, auf dem Rücken liegend, einen auf seiner Magenhöhle stehenden Turner mit den Bauchmuskeln fünf Zentimeter in die Luft. Für den, der Geist und Körper durch rege Arbeit in Training hält, kann also das Klima der ostafrikanischen Hochsteppen doch nicht ganz unbekömmlich sein.
Ich hatte mich nicht verrechnet. Allmählich geriet Adolph Siedentopf durch seine eigenen Erzählungen selbst immer mehr in Feuer. Der Fragen bedurfte es nicht mehr. Alle, einschließlich Frau Siedentopf, die höchstens mal mit einem »Aber, Adolph!« einfiel, hörten andächtig zu und ließen kein Auge von seinem ausdrucksvollen Gesicht. Ich bin bei solchen Gelegenheiten ein geübter Dauerschweiger und werde daher fälschlich zuweilen für einen ganz netten Gesellschafter gehalten. Hier kam mir diese Eigenschaft sehr zugute. Ich hätte tagelang sitzen, schweigen und zuhören können – nur meine Lachmuskeln, fürchte ich, hätten es nicht ausgehalten. Ich will versuchen, einige von Adolph Siedentopfs Geschichten wiederzugeben, obwohl sie hier nur schwach ausfallen können; denn seine überzeugenden, absoluten Glauben erzwingenden Blicke, die jede Pointe markierten, lassen sich auf dem Papier nicht ausdrücken.
»Ich hatte mal wieder den ganzen Vormittag am fernen Ende des Kessels auf diese Racker von Gnu gejagt. Ich brauchte Gnuschwänze. Ein Assistent wollte sein Monatsgehalt, und Bargeld ist in dieser Gegend noch knapp. Ich schieße Gnu am liebsten mit dem einundsiebziger Gewehr. So ein Bleibatzen haut ordentlich hin, und man verschwendet keine Munition. Als ich so fünfzig Gnu umgelegt und nur noch eine Patrone übrig hatte, gab ich meine Morgenarbeit auf, befahl einigen Massais, die Gnuschwänze zu sammeln, und trollte mich mit meinem Boy, der mein Gewehr trug, und mit meinem Foxterrier durch die blanke Steppe zurück zum Gehöft. Es war glühend heiß geworden. Was half’s – ich wollte Muttern nicht mit dem Essen auf mich warten lassen und stampfte daher tüchtig drauflos. Plötzlich, als ich nur an Muttern dachte – wenn ich allein bin, denke ich stets nur an Muttern (hier bekam Frau Siedentopf den großen Blick und sagte: ›Aber, Adolph!‹) – nahm mich aus gar nicht großer Entfernung ein Nashorn an. Ehe ich mir mein Gewehr von dem Boy geben lassen und dem Nashorn eins aufbrennen konnte, war es bis auf drei Schritt an mich heran. Bautz! sagte die alte Knarre – bums, stand das Nashorn stockstill. Na – eine Patrone hatte ich nur gehabt, und ein Baum, auf den ich hätte klettern, oder ein Erdferkelloch, in das ich hätte kriechen können, waren weit und breit nicht zu sehen. Also sagte ich zu meinem Boy: ›Junge, renn’ fix nach Hause und laß dir von Muttern Patronen geben.‹ Ich blieb drei Schritt vor dem Nashorn stehen. Neben mir lag mein Terrier in der prallen Sonne und ließ seine durstige Zunge weit hängen. Echte Foxterrier sind sehr empfindlich für die Hitze. Das Nashorn stand stockstill. Ich auch. Nur mein Terrier zog es bald vor, sich links neben das Nashorn in dessen Schatten zu legen. Als die Sonne höher stieg und der Schatten des Nashorns kürzer wurde, kroch ihm der Terrier nach. Bald lag er unter dem Bauch des Nashorns und endlich, als mein Boy mit den Patronen kam, ein ganzes Stück rechts vom Nashorn. Aus diesem Schattenspiel konnte ich berechnen, daß mein Boy zwei Stunden gebraucht hatte, die Patronen zu holen, daß ich dieselbe Zeit vor dem Nashorn gestanden hatte und daß Mutter schon mit dem Essen auf mich warten würde.«
Da Adolph Siedentopf schwieg, fragte jemand unvorsichtig: »Ja, aber das Nashorn?« Adolph Siedentopf runzelte die starken Brauen, schoß einen Blick auf den Genauigkeitskrämer und sagte: »Mann, Sie haben aber auch gar keinen Humor. Die Pointe einer guten Geschichte ist doch, daß man die Pointe nicht erklärt. Aber, wenn Sie’s absolut wollen, tue ich auch das. Das Nashorn hatte natürlich Blätter der Euphorbie gefressen, deren Wolfsmilch genau in demselben Augenblick zu wirken anfing, als meine Kugel die Magenwand zerriß und der Wolfsmilch unmittelbaren Zutritt in das Blut des Nashorns gab. Das Nashorn stand folglich unter einer Narkose.« –
»Ja, mit den Assistenten hat man auch seine Plage. Nicht allein, daß sich einige weigern, ihr Gehalt in natura, d. h. in Form von Gnuschwänzen, anzunehmen – seit Jahren die gangbarste Münze bei mir –, sondern auch auf Jagd sind sie schwer zu zügeln, besonders wenn sie neubacken von Deutschland gekommen sind. Hatte ich mal da einen Assistenten – war ein kreuzbraver Mensch und ein tüchtiger Arbeiter, aber von der Jagd konnte er nicht lassen. Lange bevor der Tag graute, pflegte er schon in die Gegend zu ballern. Na, der tut’s nicht weh. Eines Morgens, als ich, wieder mal von anhaltendem Gewehrfeuer geweckt, auf die Veranda hinaustrat, sah ich Stelzl – nun ist mir der Name doch gegen meinen Willen entschlüpft – langsam und, wie mir schien, tief geknickt aus meinem Maisfeld auf mich zukommen. ›Na, Mann‹, rief ich ihn an, ›was haben Sie an diesem schönen Morgen schon aus dem Leben zum Tode befördert?‹ Antwortet mir der Mensch: ›Drei von Ihren Eseln, Herr Siedentopf!‹ – Himmeldonnerwetter! Die Esel waren in der Nacht aus der Boma ausgebrochen, um sich im Mais gütlich zu tun, und dieser Mensch schießt mir die drei besten Reitesel tot. Er hatte in der Morgendämmerung meine Esel für Zebra gehalten. Wenn Sie Stelzl heute fragen, ob er schon mal ›Wildesel‹ geschossen habe, schlägt er Sie tot.« –
»Mal war ich mit Friedrich Wilhelm, meinem Bruder, oben am Kraterrand auf Büffeljagd. Die Jagd war sehr ergiebig gewesen und wir hatten nahezu alle Patronen verknallt. Ich hatte überhaupt keine mehr, aber Friedrich Wilhelm hatte noch zwei Schuß in seinem Siebenmillimetergewehr, das er allen anderen Jagdgewehren vorzieht. Da sahen wir auf zweihundert Meter noch einen prächtigen Bullen stehen, der uns äugte. Ich sagte zu Friedrich Wilhelm: ›Mensch, laß ihn stehen. Du hast nur noch zwei Schuß im Gewehr, es könnte schief gehen.‹ Friedrich Wilhelm, ein vorzüglicher Schütze, war, wie Brüder immer sind, anderer Meinung. Er kniete nieder und schoß beide Kugeln in den Bullen. Beide saßen, aber der Büffel legte sich nicht, sondern nahm wutschnaubend an. Nun war Holland in Not. Ich rauf auf den einzigen, nicht allzu kräftigen Baum, der in der Nähe stand, und Friedrich Wilhelm rin in ein Erdferkelloch, zehn Schritt vor meinem Baum. So ein angekratzter Büffel ist ein gefährliches Vieh, und eine besonders unangenehme Eigenschaft von ihm ist es, daß er nicht weggeht, solange er den Feind noch sehen kann. Krach! lief er gegen meinen Baum, der unter meiner Körperlast so schon bedenklich schwankte. Knack! fuhr sein Gehörn beim Erdferkelloch in den harten Boden, sobald Friedrich Wilhelm den Kopf herausstreckte. So ging es lange hin und her. Ich fürchtete für meinen Baum und ordnete seine Zweige so, daß der Büffel mich nicht mehr sehen konnte. Nun ließ er von mir ab und attackierte nur noch das Erdferkelloch, sobald Friedrich Wilhelm den Kopf heraussteckte. ›Mensch‹, rief ich, ›bleib doch still in deinem Loch, sonst sitzen wir hier noch bis übermorgen!‹ Der Büffel drehte wieder gegen meinen Baum, und Friedrich Wilhelm schrie mir zu: ›Sitz du mal still in einem Erdferkelloch, wenn unten ein Leopard drin ist!‹« –
So, nur noch viel schöner hatte Adolph Siedentopf eine Geschichte nach der andern erzählt, und ich hatte Tränen gelacht, bis ich beinahe hysterisch wurde. – Meine Sünden, für die ich übrigens in diesem Falle meine Vorgesetzten mitverantwortlich mache, fielen mir erst wieder ein, als Adolph Siedentopf seiner Frau, die Zeichen innerer Unruhe gab, zunickte, und diese nun zu uns sagte: »Es ist Mittag vorbei – da die Herren nun doch mal hier sind, bitte ich Sie, zu Tisch zu bleiben.« So, da hatten wir es aber gründlich, und verdient hatten wir es auch.
»Nun müssen wir hier eine kurze Zeit heraus, es soll gedeckt werden«, sagte der Hausherr. »Kommen Sie, meine Herren, ich zeige Ihnen inzwischen meine Apotheke und meine Löwenfelle.« Beide waren sehenswert, aber mich interessierte ein Haufen ungeöffneter Briefe mit dem Dienstsiegel, die auf dem Fensterbrett der Apotheke lagen, doch noch mehr. Lachend erklärte Adolph Siedentopf: »Aus meiner Junggesellenzeit! Jetzt tue ich so was natürlich nicht mehr. Wenn die Behörde etwas von mir wollte, schickte sie mir einen Polizeiaskari mit einem dieser Amtsschreiben. In mein Haus durfte mir der Mann nicht kommen, und annehmen, körperlich annehmen meine ich, wollte ich diese Briefe auch nicht. Ich öffnete also das Fenster und sagte dem Askari: ›Junge, lege deinen Brief da man hin und laß dir von dem Aufseher was zu essen geben.‹ Das tat der Askari denn auch und war froh, so gelinde wegzukommen.« – Als ich Adolph Siedentopf fragend ansah, lag ein kindlich unschuldiges Lächeln in seinen Augen, und er sagte weich: »Ja, ja, da liegt das Erzeugnis vieler kluger Köpfe. Wissen Sie, ich verderbe mir so ungern die frohe Laune, darum habe ich die Briefe nie geöffnet.«
Daß Frau Siedentopf uns glänzend bewirtete, »da wir nun doch mal da waren«, brauche ich kaum zu sagen. Gartenerdbeeren mit Schlagsahne krönten das Mahl. Im Laufe der fünf Tage, während derer die Kompanie in Ngorongoro ruhte, hat Frau Siedentopf nacheinander sämtliche Kompaniekameraden zu Tisch gehabt und mit Erdbeeren und mit Schlagsahne regelrecht genudelt.
Die Kompanie lagerte im Koongo des Lemungeflusses im Schatten alter Wildfeigenbäume unweit des Farmgehöftes. Sie pflegte sich nach Herzenslust. Es war eine fünftägige Zeit der Fettlebe und des Auf-Vorrat-Schlafens. Fette Hammel, fette Schweine, fette Butter, fette Milch und fette Käse gab es von Morgen bis Abend in Quantitäten, wie sie nur Patrouillenreiter, die auch auf Vorrat zu essen gelernt haben, verdrücken können. Frau Siedentopf wirkte und schaffte von früh bis spät, um für die vielen hungrigen Krieger zu sorgen. Außerdem machte sie zum Mitnehmen noch Hammelfleisch und Gemüse in Büchsen ein, die sich in den Satteltaschen unterbringen ließen. –
Die Sehenswürdigkeit des Ngorongorokraterkessels sind seine Gnuherden. Dreißigtausend Gnu bevölkern den Kraterkessel; genau so gut hätte ich auch sechzigtausend sagen können. Wenn Herden von Vieh oder Wild in solchen Massen zusammen sind, geht selbst einem alten australischen Viehzüchter, wie mir, das Schätzungsvermögen aus. Ich habe diese riesige Herde wilder Rinder aus der Entfernung in Ruhe gesehen, ich bin auf meinem Hengst Otto neben der ganzen, im Galopp befindlichen Herde hergaloppiert – so nahe, daß ich einzelne Tiere mit dem Revolver bequem hätte schießen können –, der Boden hat gedröhnt und gezittert, und ich habe gestaunt über die Menge der dicht zusammengedrängten, sich im gleichen Tempo bewegenden Rücken, ich habe, da die Rücken silbergrau in der Sonne leuchten, an Heringsschwärme gedacht, aber die Gnu zu zählen oder auch nur annähernd ihre Zahl zu schätzen, vermochte ich nicht.
Die Gnu sind nicht zu bewegen, den Ngorongorokessel zu verlassen. Man hat es verschiedentlich versucht, einmal sogar mit Militärhilfe, sie aus dem Kessel zu vertreiben. Stets haben sie im letzten Augenblick die Treiberketten durchbrochen. Durch Inzucht und periodischen Futtermangel stark degeneriert, durch Seuchen von Zeit zu Zeit dezimiert, von Mensch und Raubwild gejagt, vermehrt sich die Gnuherde trotzdem von Jahr zu Jahr, und von der süßen Weide im Kessel will sie nicht lassen. Adolph Siedentopf ist nur dadurch imstande, etwas Weide für sein Vieh zu sichern, daß er etwa dreißig Hunde hält, alle auf Gnu dressiert. Diese Hunde halten in unmittelbarer Nähe des Gehöfts die Weide frei von Gnu. Sie bekommen nur Magermilch, ihre Fleischrationen müssen sie sich selber holen. Ich beobachtete eines Morgens, wie eine Meute dieser Hunde aller Rassen ein Gnu von der Herde absonderte und vor die Veranda des Farmhauses hetzte, damit ihr Herr es erschieße. Sonst reißen sie auch ein Gnu mit vereinten Kräften draußen in der Steppe. –
Um sich dem Ehepaar Siedentopf gegenüber für die opulente Bewirtung erkenntlich zu zeigen, veranstaltete die Kompanie am Abend vor dem Weitermarsch ein Sportfest mit anschließender Varietéaufführung. Der Gouvernementsrat Fritz König hatte die Leitung in die Hand genommen und ließ seinem fröhlichen Naturell und seinem goldigen Humor ganz freien Lauf. Der Totalisator war schon vor dem Rennen, sobald bekannt wurde, wer wen ritt, tätig gewesen. Auch der übliche Unfall blieb nicht aus: ein das Pferd markierender Soldat stürzte unglücklich und renkte sich die Hand aus. Dornier, der hübsch auf der Zither spielen konnte, dirigierte die Varietékapelle mit einem einen Meter langen und zehn Zentimeter dicken Bambusknüppel. Unermüdlich und unparteiisch schlug er die Mitglieder der Kapelle auf die Köpfe, daß der Taktstock nur so knackte. Die Instrumente der Kapelle bestanden aus einer Mundharmonika, zwei Kuhhörnern, einem Kessel, einem Taschenkamm und einem Steigbügeleisentriangel.
Die Zuschauer – Herr und Frau Siedentopf, die Offiziere und ich – saßen im trockenen Flußkoongo, die Bühne war das jenseitige Ufer der Schlucht. »Mariechen«, »Gretchen« und »Hänschen« hatten sich hinter Frau Siedentopf gesteckt und steckten jetzt in der Blütenlese ihrer Garderobe. Sie mimten allerliebste kleine Mädel, die beiden ersteren von der zarten, bescheidenen Sorte, Hänschen Kaufmann vom modernen vorlauteren Typus. Der Schütze Bieleck als »Cowboy«, wozu er nur aufzutreten brauchte, wie er immer gekleidet ging, ritt ein dressiertes Gnu in hoher Schule vor; es bestand aus einem richtigen Gnukopf und -schwanz und einem Woilach, unter dem ein o-beiniger und ein x-beiniger Krieger Gangarten vorführten, die bei einem wirklichen Gnu das Eingeben von einigen Flaschen »Stacheldraht« oder »Sarglack« wohl verursacht haben könnte. Der Kaufmann Bruno Muhl aus Aruscha, unser fähiger Magazinverwalter, trat als Taschenspieler auf und ließ Rupienstücke durch den Tisch fallen und verschwinden; zu dieser Nummer schrie die ganze Varietégruppe wie aus einem Munde: »Kein Wunder, daß der Farmer arm bleibt!«, und die Kapelle blies einen Tusch. Bana matunda, der als Sekundaner mal hatte Komiker werden wollen und sicher seinen Beruf nicht verfehlt haben würde, gab unter ungeheuren Heiterkeitsausbrüchen eine Anzahl komischer Schlager im reinsten Berliner Dialekt zum besten, so alt, daß selbst die Ältesten unter uns sich ihrer nicht mehr entsannen. Auch trat er als Affenmensch auf. Die Glanznummer des Abends – wie Herr Direktor König verkündete – war, unter Mitwirkung sämtlicher Artisten, der Überfall der Karawane eines Forschungsreisenden durch Massai. Nach der Vorstellung wurde das Ehepaar Siedentopf unter Vortritt der Kapelle von allen Artisten nach Hause begleitet, und mit einem donnernden dreimaligen Hoch vor dem Farmhause schloß der Abend. Ich glaube nicht, daß der alte Ngorongorokrater in seiner Geschichte je zuvor Ähnliches erlebt hat.
Für den Weitermarsch am nächsten Morgen hatte der Schütze Friedrich Wilhelm Siedentopf, der zur Abteilung Aruscha gehörte und von Jagd- und Viehsafari her die Gegend bis Nairobi kannte, Führerdienste übernommen. Unsere Boys ließen wir in Ngorongoro zurück, von den Verpflegungsträgern nahmen wir nur einen Teil, die kräftigsten, mit, aber auch diese nur noch für einige Tagemärsche.
Wir folgten zunächst im Winterhochlande für einige Stunden dem Laufe des Lemungeflusses und nahmen da, wo wir ihn überschritten, noch reichlich Wasser, da jetzt eine lange Durststrecke kommen sollte. Gegen ein Uhr nachmittags verließen wir den Lemunge, ließen das Olmotigebirge links liegen, schwenkten nördlich davon nach Westen ein und begannen, gerade als es anfing dunkel zu werden, den Abstieg vom Winterhochland zur Albalbalsteppe – eigentlich hätte ich wohl Albalbalkratersohle sagen sollen, aber dieser Krater ist so riesengroß, daß man die Vorstellung eines solchen ganz verliert. Der Abstieg verunglückte. Wir verbiesterten uns im Dunkeln, irrten stundenlang, die Tiere führend, im Geröll umher, um endlich doch auf halber Höhe, zwischen Steinen und auf den harten, schwarzen Stoppeln frisch abgebrannten Steppengrases liegend, das Tageslicht zu erwarten.
Am nächsten Morgen folgte dann ein endlos scheinender Marsch durch die trockene, heiße, sandige Albalbalsteppe, bis wir etwa um zwölf Uhr mittags, also nach dreiundzwanzig Durststunden, das Geierwasser, eine tief im Randgebirge verborgene schwache, natronhaltige Quelle, erreichten. Um an das Wasser zu gelangen, mußten wir in einer Felsschlucht hochklettern über Felsplatten und um Felsblöcke. Mein Hengst war vor Durst so ungeduldig, daß ich ihn nur mit Mühe davon zurückhalten konnte, an den Felsen hochzuspringen; er zerschlug sich den Kopf am Gestein, daß die Hautfetzen flogen, und riß mich öfter um, als mir lieb war. Als ich vom Wasser zurückgekehrt war und mich hinlegte, fühlte ich mich derartig zerschlagen und erschöpft, daß ich für immer hätte liegenbleiben mögen. Die Mittagssonne brannte mitleidlos, und das lauwarme natronhaltige Wasser reizte den Durst mehr, als es ihn löschte. Daß die Massai diese Wasserstelle das Geierwasser nennen, finde ich sehr angebracht. Die vom Durst erschöpften Steppentiere, die in der Trockenzeit an diese Quelle verschlagen werden – also in einer Zeit, in der das stark natronhaltige Wasser nicht durch Regenwasser verdünnt ist –, mögen schwer wieder von ihr wegfinden. Sobald sie von der Quelle zur Steppe zurückgekehrt sind, werden sie aufs neue Durst spüren und immer wieder das Wasser aufsuchen, das fürchterlich durchschlägt, die schon erschöpften Tiere gänzlich ermattet und sie endlich den Geiern zum Opfer fallen läßt. Die vielen weißen Knochen, die im Koongo des Geierwassers bleichten, zeugten davon.
Nur weg von dieser unheimlichen Stelle! Drei Marschstunden weiterhin sollte wieder Wasser sein – natronfreies Wasser! Diese Hoffnung belebte die armen Träger, und vorwärts ging der Marsch in Hitze und Staub über die offene Steppe. Nur Mut – bald gibt es Wasser in Hülle und Fülle! Wir marschierten drei Stunden, wir marschierten vier Stunden – immer noch kein Wasser! Aber neben uns in der Steppe sahen wir mehrere Nashörner und anderes Wild in gleicher Richtung mit uns einem vor uns liegenden Waldstreifen entgegenziehen. Das ließ unsere Hoffnung wieder steigen. Es fing schon an zu dämmern, als wir endlich den Akaziengürtel erreichten, hinter dem das Wasser sein sollte. Noch eine Stunde durchs Buschgelände, dann waren wir glücklich an der Stelle, wo der Arashfluß den obligaten Sumpf bildet. Er heißt wie der Fluß, der sich in der Regenzeit aus ihm weiter in die Steppe hinein ergießt, Malambo. Hier fanden wir ausreichendes süßes und, da wir Sumpfwasser schon lange nicht mehr beanstandeten, trinkbares Wasser. Ein Wildbraten wurde geschossen, und schöne, kräftige Weide erquickte unsere Reittiere; auch das Papyrusgras, das dort wuchs, wurde von ihnen gern gefressen. Um den Trägern, die sich auf dem letzten Marsch fast übermenschlich hatten anstrengen müssen, Zeit zum Ausruhen zu geben, lagerten wir hier bis zum nächsten Nachmittag.
Unser Weitermarsch vollzog sich im Tale des Arash, in dem wir langsam wieder zum Winterhochland hinaufkletterten. Es ist in seinem unteren Teile tief in das Gebirge eingeschnitten und unten am Fluß mit dichtem Urwald bestanden. Unser Weg – der einzige, für den Platz in dem engen Tal war – war ein stark begangener Nashornwechsel; die ganze Gegend stank nach Nashorn, dessen trockene, zertrampelte Losung den Wechsel oft einen halben Fuß tief eindeckte. Auch dieser Nashornwechsel war wieder angelegt, als ob ein Verschönerungsverein im Interesse des Sonntagspublikums tätig gewesen wäre. Er lief auf ausgesucht ebenem Terrain bald rechts, bald links neben dem Fluß her, den er an den bequemsten Stellen kreuzte, oft in der Nähe eines tiefen, mit Wasser gefüllten Felsenbassins, zum Suhlen für Nashörner und zum Baden für Menschen gleich gut geschaffen. Um die Zeit, als wir ihren Wechsel benutzten, müssen die Nashörner unten in der Steppe gewesen sein, wo wir ihrer viele gesehen hatten – begegnet ist uns auf dem Wege kein einziges.
Gegen Mittag des zweiten Marschtages (seit Malambo) kamen wir in eine Gegend, die auf der Karte als weißer Fleck eingezeichnet ist. Der Mensch kann hier also noch nicht oft gewesen sein, und wo er nicht ist, hat Weiß, die Farbe der Unschuld, ihre Berechtigung. Dies merkte man auch der Tierwelt an. Kleine Vögel – in Südafrika nannten wir sie Flapper – umschwirrten meinen Kopf wie Mücken; wie diese verscheuchte ich sie mit der Hand. Gazellen blieben zwei Schritt vor der Kolonne stehen und äugten uns neugierig. Eine Herde Büffel, fünfunddreißig Kopf stark, stand einmal am gegenüberliegenden Uferabfall nur fünfzig Meter entfernt und ließ die ganze Kompanie an sich vorbeipassieren. Nachtvögel, Eulen und Käuze konnten wir mit der Hand greifen.
Ganz allmählich war das Flußtal weiter geworden, und ganz allmählich ging der Urwald in Steppenbusch über. Den ganzen dritten Tag marschierten wir noch im oberen Tal des Arash oder vielleicht eines seiner Nebenflüsse. Die Karte versagte noch immer. Wir hatten hier viel Wasser und schöne Weide in leicht bewaldeter, sanft ansteigender Hochsteppe, durch die ein Steppenbrand sich langsam weiterrollte und die Nacht erhellte.
Am nächsten, d. h. dem vierten Marschtage seit Malambo, nahm die Landschaft mehr und mehr das Gepräge einer offenen Steppe an. Wir waren in die Gegend gelangt nördlich der Serengeti und nordwestlich des Sonjohochlandes, die viele Jahre hindurch vor dem Kriege und noch hinein bis in das zweite Kriegsjahr von englischen, über unsere Grenze eingedrungenen Massai dicht bewohnt gewesen war. Den Lomuruberg – jetzt sind wir wieder auf der Karte – links liegen lassend, fanden wir im Sumpfende des Guasobaches, am Ostfluß des Ojondoberges, reichliches Wasser. Die Steppe, die wir auf dem Marsch zu diesem Wasser durchritten, hat die beste Schafweide, die ich bisher in Deutsch-Ostafrika gesehen hatte.
Aus dieser Steppe stiegen wir am nächsten Marschtage durch einen Urwaldstreifen noch eine Geländestufe höher zu einer Hochsteppe hinauf, die ganz dicht von Massai besiedelt gewesen sein mußte. Sehr wohlhabend müssen diese Massai gewesen sein, denn ihre Bomen waren von solcher Größe und von solcher Solidität im Bau der mit einem Gemisch von Lehm und Viehdung beschmierten niedrigen, flachen Grashütten, wie ich sie im deutschen Massaireservat nie gesehen hatte; fast jede halbe Marschstunde trafen wir auf eine oder mehrere dieser großen Bomen. Diese Gegend mußte sehr stark bestockt, ich möchte sagen überstockt mit Rindvieh und Schafen gewesen sein; denn das Gras war bis an die Wurzel abgeweidet.
Dieser Umstand gab uns schwer zu denken. Vom Guasobach war der Gefreite Kürbis, ein Farmer vom Sanjafluß, mit den Trägern nach Ngorongoro zurückgeschickt worden, und am Guaso hatten wir den Reittieren zum letztenmal Körnerfutter vorsetzen können. Von da ab waren unsere Tiere allein auf die Weide angewiesen, und die gab es hier nicht mehr. Nur unter Dornensträuchern, dort, wo weder das Vieh noch die Schafe sie hatten erreichen können, standen noch einzelne trockene Halme. Die Aussichten für unsere Reittiere waren trübe. Ich fing wieder an, meine Reisrationen mit meinem Hengst zu teilen und für ihn, beinahe halmweise, Gras zu sammeln. Wir lagerten für die Nacht an einem Nebenfluß des Bololedi und überschritten am nächsten Morgen, am sechsten Tage seit Malambo, die Grenze.
Die Hochsteppen, durch die wir in den letzten zwei Tagen geritten waren, bis zu 1800 Meter über dem Meeresspiegel, zeichnen sich durch ganz vorzügliches Weide- und Ackerland und durch einen Reichtum natürlicher, nur auf Verteilung wartender Wasser aus. Hier hätten wir wieder ein ideales Gebiet für rein europäische Kleinsiedlung! Das hier in Frage kommende Gesamtareal ist etwa 50 000 Quadratkilometer oder fünf Millionen Hektar groß: zehntausend Farmen zu fünfhundert Hektar ließen sich dort ausschneiden! –
»Herr Wachtmeister, ein Maultier hat sich über Nacht losgerissen, beide Packtaschen an meinem Sattel geöffnet und meinen Reis, Zucker, Kaffee, mein Salz nebst allen dazugehörigen Beuteln aufgefressen. Meinen Tabaksbeutel hat er nur angeknappert«, meldete mir ein Schütze am Morgen nach dem Nachtlager am Nebenfluß des Bololedi. »Ja, Kinder, von jetzt ab heißt es, mit dem Kopf auf dem Sattel, die Packtaschen und den Brotbeutel im Arm, zu schlafen. Nicht nur werden die Tiere sich öfters nachts losreißen, sondern die, die ihre Tiere liebhaben, werden sogar vergessen, sie ordentlich anzubinden.« So haben wir denn auch schlafen müssen. Denn die Maultiere, mehr noch als die Pferde, entwickelten auf dieser Hungerpatrouille die äußerst beharrliche Neugierde, zu ergründen, was in unseren Pack- und anderen Taschen war. In mancher kalten Nacht hat eine über mein Gesicht fahrende noch kältere Maultierschnauze mich geweckt oder ein Maultiergebiß meinen Sattel gefaßt, um ihn mir sachte, ganz sachte unter dem Kopf wegzuziehen.
Vom Nebenfluß des Bololedi aus unternahmen wir den großen Vorstoß in Feindesland. Vierundzwanzig Stunden lang – zwei Ruhepausen von zusammen drei Stunden eingerechnet – drangen wir im schärfsten Tempo, das den Tieren noch zuzumuten war, vor. Am Tage durchritten wir das Ndassekera-Hochland, hügelig und stark mit Steppenbusch bewaldet. Auch hier fanden wir viele verlassene Massaibomen, nur mit dem einen Unterschied, daß sie erst ganz kürzlich verlassen zu sein schienen, denn der Viehdung war noch frisch. Unsere Nachspitze fand ferner eine ganz moderne europäische Bartbürste, aus der sie auf feindliche Patrouillen schloß. Umfrage ergab allerdings, daß Leutnant Berghöfer die Bartbürste verloren hatte, und die Gemüter beruhigten sich wieder.
Ehe wir aus dem Ndassekerahochland in die Loitahochsteppe hinabstiegen, wurde eine Stunde gerastet. In der Loitasteppe, deren Südecke wir in der Nacht durchritten, wurde von acht bis zehn Uhr abends in einem trockenen Bachbett geruht. Um ein Uhr nachts tränkten wir aus einer Massaiviehtränke in unmittelbarer Nähe einer bewohnten Boma. Um fünf Uhr morgens, als wir uns vor Müdigkeit kaum noch auf den Tieren halten konnten, befanden wir uns jenseits der Loitasteppe in den dicht bewaldeten Ausläufern des Ingurumangebirges, wo wir bei Tagesanbruch ohne Schwierigkeit reichliches und schönes Wasser, aber wieder kein Futter für die Tiere fanden.
Ich hatte einen Aussichtspunkt erklettert und sah jetzt die große, weite Loitasteppe unter mir liegen. Riesige Viehherden weideten dort. Ganz nahe zu meinen Füßen – so nahe, daß ich die Massai sich einander zurufen hören konnte – lagen mehrere Massaibomen, an denen wir in der Nacht, ohne sie zu bemerken, vorbeigeritten sein mußten. Daß wir durch die stark besiedelte Steppe durchgeritten sein sollten, ohne bemerkt worden zu sein, daß die Massai auch jetzt bei Tageslicht unsere Spur nicht entdeckt haben sollten, schien kaum glaublich.
Ich beobachtete weiter. In die Viehherden, die eben noch friedlich weideten, war Bewegung gekommen. Sie wurden an verschiedenen Stellen des Ingurumangebirges hochgetrieben und verschwanden hinter dessen Kamm. Die Massai wußten also, daß wir da waren, und sie brachten eiligst ihr Vieh in Sicherheit. Sie mochten einen Viehabtrieb befürchten.
Meine Überzeugung, daß die Massai uns bemerkt haben mußten, bestätigte sich, als ich zur Kompanie zurückkam. Mehrere Massai waren bereits dort, und Unteroffizier Fokken, der als Missionshandwerker die Massaisprache erlernt hatte, unterhielt sich mit ihnen und versuchte sie zu überzeugen, daß wir keine Viehräuber seien.
Unsere Absicht war es gewesen, die stark von Massai besiedelte Gegend unbemerkt zu durchqueren, um in der Nähe von Nairobi, der Hauptstadt von Britisch-Ostafrika, einen englischen Posten oder günstigen Falles Nairobi selbst durch einen plötzlichen Überfall zu beunruhigen, also, wie man militärisch drastisch sagt, »eine Schweinerei zu machen«, in ähnlicher Weise, wie uns das bei der Magadbahn so glänzend gelungen war. Wir waren darum nachts marschiert, wollten den Tag in unserem Waldversteck verbringen, in der nächsten Nacht weitermarschieren und mit Tagesgrauen angreifen. Jetzt, da uns die Massai entdeckt hatten – in Wirklichkeit waren wir schon seit drei Tagen entdeckt; Massaispäher hatten bereits unser Eintreffen am Guasobach gemeldet –, waren natürlich auch sämtliche englische Posten von unserem Anmarsch längst unterrichtet, und von einem weiteren Eindringen in Feindesland mußte abgesehen werden.
Wir waren alle ob des Fehlschlagens unserer ehrgeizigen Pläne tief enttäuscht. Wir hätten es nicht zu sein brauchen, denn der militärische Zweck unserer Patrouille war vollkommener erreicht, als wir ahnen konnten. Wie ich später in der Gefangenschaft erfuhr, war unsere Patrouille von etwa vierzig Gewehren von den Massai in der üblichen Übertreibung des Negers den Engländern gemeldet worden. Die Engländer, die in uns die Spitze einer deutschen Invasionsarmee auf ganz neuer Front vermuteten, hatten schleunigst ihre kleinen Außenposten eingezogen und zum Schutz ihrer Hauptstadt Nairobi in aller Eile große Truppenverschiebungen vorgenommen. Viele Einwohner hatten schon ihre Sachen gepackt und standen im Begriff, Nairobi zu verlassen. Es war ein Invasionsgespenst, wie wir es zur Zeit des von Vater Krantz organisierten Japanerschreckens ja auch gesehen hatten. Daß zwanzig deutsche Farmer mit zwanzig Askari es gewagt haben könnten, keck bis ins Herz der englischen Kolonie einzudringen, halten die Engländer heute noch nicht für möglich – glauben sie doch heute noch, daß unsere Fernpatrouillen nur von Mannschaften geritten worden sind, die ein Verbrechen begangen und sich nur durch Heldentaten von der Todesstrafe freikaufen konnten. –
Die Beschreibung unseres Rückmarsches bis in das Kompanielager am Olmotonjefluß kann ich ganz kurz fassen; er ging zum Teil über uns schon bekanntes Gebiet.
Unsere Reittiere hungerten weiter, daß es einen jammern konnte. Endlich gingen auch den Reitern die Rationen aus, und sie leisteten den Tieren Gesellschaft im Hungern. Ich hatte in meinem ganzen Leben wissentlich noch kein Ziegenfleisch gegessen, aber als mein Kompanieführer mir bei einem Sonjodorfe die nur halb durchgeröstete Vorderkeule einer Ziege reichte, bin ich mit wahrem Heißhunger über sie hergefallen. Auch darum, ob Wildfleisch Finnen hatte oder keine, kümmerten sich unsere hungernden Mägen nicht mehr.
Als wir den Guasobach verließen, bis zu dem feindliche Massai uns als Beobachter umschwärmt hatten, nahm ein Nashorn die Kompaniekolonne während des Marsches an und mußte erschossen werden. Das Nashorn stand ganz friedlich links unserer Marschlinie etwa fünfzig Meter entfernt und schien zu dösen. Die halbe Kompanie war bereits vorüber, als das Nashorn plötzlich von uns Wind bekam und sofort, wie ein Expreßzug schnaubend und puffend, auf uns lossauste. Diese plumpen Tiere entwickeln eine unglaubliche Geschwindigkeit, und unser Nashorn war bereits auf zwei Schritt an die Kolonne heran, ehe es im Feuer einiger kniender Schützen zusammenbrach. Unsere Reittiere stoben natürlich nach allen Richtungen auseinander, und wer nicht ganz sattelfest war, brauchte für Spott nicht zu sorgen. Später erlegte, zu seiner höchsten Befriedigung, unser »kleines Nashorn«, als es Nachtposten stand, ein großes Nashorn, das in unser Nachtlager eindringen wollte.
Am Malambowasser gab es noch ein Abenteuer mit Löwen. Wir ritten dort mit Sonnenuntergang weg, um die vor uns liegende lange Durststrecke hauptsächlich nachts zu nehmen. Junge Löwen zeigten sich, und irgendeiner schoß einen davon. Die Löwenmama nahm das bitter übel und, unsern Kompanieführer, der gerade aufsaß, für die Tat eines seiner Leute verantwortlich machend, setzte sie in langen Sätzen hinter seinem mit ihm durchgehenden Hengst her. Mit jedem Satz rückte sie dem Reiter näher auf den Pelz. Obwohl die Löwin infolge des Zeitverlustes beim Ansetzen zum Hochsprunge nie auf das galoppierende Pferd hätten springen können, war es uns doch allen wie eine Erlösung, als Alwin Botha, der ihr am nächsten war, hinkniete und die Löwin totschoß. Dies war der Meisterschuß eines kaltblütigen Jägers. Das Büchsenlicht war bereits vorbei, und Reiter, Pferd und Löwin waren in einer dicken Staubwolke eingehüllt.
Zum Malambowasser waren wir nicht wieder durch das Arashtal gelangt, sondern aus nördlicher Richtung durch die Ssalesteppe. Beim Guasobach waren wir nämlich von unserm Anmarschwege nach Osten abgebogen. Südlich des mit dichtem Urwald bewachsenen Manangberges auf Elefantenpfaden reitend, durchzogen wir das Sonjohochland, das um diese Jahreszeit eine blühende Obstbaumsteppe war. Ich wurde lebhaft an die Werdersche Baumblüte erinnert – leider fehlte der Fruchtwein. Aus dem Sonjohochland kletterten wir in die Sonjostufe hinunter und von dieser in die Ssalesteppe.
Im Negerdorfe Ssale konnten wir von den Wasonjo etwas Mtamakorn und wilden Honig kaufen. Leider war es nicht genug Korn, um die Reittiere mehr als einmal gründlich füttern zu können. Wir zerrieben von diesem Korn für uns zwischen zwei Steinen und buken uns aus seinem Mehl Brot. Unglücklicherweise hatten unsere bereits sehr stark entkräfteten und somit für Krankheiten mehr empfänglichen Tiere ein kurzes Stück Weges passieren müssen, an dem die Tsetsefliege schwärmte; mehrere Tiere wurden infiziert und sind ihr später zum Opfer gefallen.
Mit Mühe und Not erreichten wir Ngorongoro. Ein Pferd, ein erbeuteter langbeiniger Australier, war unterwegs verhungert, und Unteroffizier Horns im Liebesleben unverbesserlicher Max mit dem Dromedarkopf war so nahe am Verhungern, daß er nicht mal seinen Sattel mehr tragen konnte. Am oberen Lemungefluß, hoch oben im Winterhochlande, lagerten wir die letzte Nacht vor Ngorongoro. Diese Nacht wird keiner vergessen, der mit war. Es war ausgeschlossen, auch nur eine Minute zu schlafen, so kalt war es. Unterernährt, um nicht zu sagen halb verhungert, hatten wir nichts mehr in uns, das der schneidenden Kälte hätte entgegenarbeiten können. Die Flaschen mit »Stacheldraht« waren natürlich auch längst ausgelaufen.
Wir hatten gehofft, uns in der Oase Ngorongoro bei Siedentopfs acht bis zehn Tage ausruhen zu können. Da traf schon am zweiten Ruhetage ein Befehl des Abteilungsführers ein, der den sofortigen Weitermarsch nötig machte.
In den Großen Ostafrikanischen Graben stiegen wir, um Zeit zu sparen, diesmal nicht auf dem Siedentopfschen Fahrwege hinunter, sondern auf einem Wildwechsel direkt hinter dem Posten Engaruka. Der Abstieg war furchtbar anstrengend. Auf halber Höhe wurden wir durch die Nacht überrascht und mußten auf einer Stufe des Grabenrandes liegenbleiben. Mehrere kurz aufeinanderfolgende Erdbeben haben diese Nacht für immer in mein Gedächtnis eingegraben.
In der Tiefsteppe wäre beinahe die ganze Kompanie, der sich seit Ngorongoro die Boys und Träger wieder angeschlossen hatten, zum Schluß noch verdurstet. Im Koongo ya Kabrule, wo wir auf dem Hinmarsch noch reichlich Wasser gefunden hatten auf das wir jetzt, nach einem Durstmarsch von sechzehn Stunden durch die brennend heiße Tiefsteppe, mit aller Bestimmtheit rechneten, verschwand uns das Wasser unter den Händen. Von nachmittags zwei Uhr bis zum andern Morgen um vier Uhr haben wir ohne Unterbrechung nach Wasser gegraben. Mehrere Meter tief saßen wir schon eingebuddelt im Sand des Koongo, und immer tiefer sackte das Wasser weg. Wir konnten es nur tropfenweise erhaschen, und um vier Uhr morgens war der Durst von Menschen und Tieren stärker denn je. Es war eine schauerliche Nacht, und das Gestöhne und Gejammer der durstenden Träger war schrecklich anzuhören. Es blieb nichts übrig, als in der Morgenkühle, ehe die Sonne hoch stand, durstig die fünf Marschstunden bis zu einem Bach am Mondulgebirge weiterzumarschieren. Für die Berittenen ging es noch an, aber die Boys und Träger fingen an zu versagen. Kleckerweise trafen sie am Mondulbache ein, nachdem denen, die liegengeblieben waren, Wasser entgegengetragen worden war. An einen Weitermarsch war für diesen Tag nicht zu denken. Erst am nächsten Tage, nach einer Abwesenheit von fünf Wochen, trafen wir im Kompanielager ein.