Ausbildung im Garnisondienst

Im Feldlager auf dem Doppelberg gab es außer der altgewohnten Arbeit auch allerhand Neues. Die Buren wurden von der Berittenen Achten zu uns zurückversetzt, und der Abteilungsarzt, Oberarzt Klemm, vergnügte sich damit, uns allen einen leichten Typhusanfall einzuimpfen; er begleitete jede Einspritzung mit einem teuflischen Grinsen, obwohl er eigentlich ein ganz lieber Mensch war. Karl Blaich baute natürlich wieder. Das Lager war bereits neun Zehntel fertig. Das war sehr fatal; denn nun mußte es notwendigerweise aus strategischen Gründen verlegt werden. Wir schimpften alle, vom jüngsten Rekruten bis zum ältesten Offizier. Der Soldat schimpft gern mal, das gilt als sein gutes Recht. Am meisten schimpft er aber, wenn er zurück soll und nicht versteht, warum; Rückzugsbewegungen aus strategischen Gründen, mögen diese noch so berechtigt sein, liegen dem Soldaten nicht.

Aller Ärger half aber nichts, packen mußten wir doch. Am 5. Juli 1915 war das Lager abgebrochen, nur seine äußere Schale blieb stehen, und die Kompanie trat mit ihrem ganzen Troß die strategische Rückwärtsbewegung an.

Wir lagerten einige Tage vor dem Posten Kamfontein am Nordwesthange des Meru, während oberhalb des Postens am Urwaldrande ein Platz für das Kompanielager frei geschlagen wurde. Benannt wurde dieses neue Kompanielager nach einem in der Steppe vorgelagerten Berge das Lager am Oldonjo Sambu. Karl Blaich baute mit nie rastendem Eifer ein neues Lager von Graspalästen, noch viel schöner als das am Doppelberg.

Wir wohnten hier etwa zweitausend Meter über dem Meeresspiegel. Nachts und bis elf Uhr vormittags war dort eine Hundekälte. Die Schützen trugen fast den ganzen Tag ihre Indermäntel, so genannt, weil sie nach der Schlacht von Tanga den gefallenen Indern abgenommen, chemisch gereinigt und an die Europäer verkauft worden waren. In den kalten Hochsteppen, wo wir operierten, waren diese Mäntel eine reine Gottesgabe. Im Feldwebelbüro ließ ich mir sogar einen Ofen bauen – ein eisernes Zementfaß wurde mit vielen kleinen Löchern versehen und Holzkohle darin gebrannt.

So hätte es auch im neuen Lager eigentlich ganz behaglich werden können, wenn nicht plötzlich ein neuer Befehl eingetroffen wäre, des Inhalts: Die Kompanie ist im Garnisondienst besser auszubilden! – irgend jemand mußte dem Abteilungsführer schwer aufgefallen sein.

Also, nun nach einjähriger Kriegszeit mußten auch die schon bejahrten Kriegsfreiwilligen, die größtenteils schon wegen besonderer Tapferkeit Gefreiter und Unteroffzier geworden waren, noch wie Rekruten ausgebildet werden. Die alten, zum Teil recht alten, ungedienten Krieger konnten einem leid tun. Sie hatten gewiß nicht beabsichtigt, eine Mißachtung des Vorgesetzten zu bekunden, wenn sie im Stehen mit der Hand an der Mütze grüßten. Im Felde und am Feind waren sie die Bravsten der Braven, und schießen konnten die alten Jäger, daß es eine Lust war.

Jetzt wurden ihnen Kriegsartikel vorgelesen. Die alten ungedienten Afrikaner haben gestaunt, was es für eine Masse militärischer Vergehen und Verbrechen gibt, auf die sie von sich aus sicher nie gekommen wären. Ihre Ruhe ließen sie sich aber nicht nehmen. Jeder alte Kolonist, gewohnt, sich seinen Weg selbst zu erkämpfen, hat eine eiserne Ruhe und ein hartes Pflichtgefühl. Unsere jungen, zum Teil blutjungen Rekruten wurden blaß vor Schreck. Ihnen hatte ich ja freilich schon öfters in väterlicher Weise vorgehalten, daß es beim Militär nicht üblich sei, auf den Befehl eines Unteroffiziers zu antworten: »Du Armloch, du kannst mir sonst was.« Ausgeführt hatten sie ja trotzdem auch früher den Befehl des Unteroffziers – jetzt durften sie sich aber nicht mal mehr in Worten erleichtern.

Die gedienten Leute sahen ja recht wohl ein, daß der Garnisondienst auch zur Ausbildung eines guten Soldaten gehöre. Allgemein bedauert wurde nur, daß niemand in den ersten Monaten des Krieges auf den Gedanken gekommen war, die ungedienten Leute hinter der Front zusammenzuziehen und methodisch auszubilden. An andern Fronten war das, glaube ich, gemacht worden.

Im stillen, dunklen Urwalde des Meru wurde eine Schneise geschlagen, so weit entfernt vom Lager, daß die Askari und Träger von der Ausbildung der Europäer weder was sehen noch hören konnten. Hier wurden das Vorbeigehen in strammer Haltung, das Grüßen durch Anlegen der rechten Hand an die Kopfbedeckung und viele andere militärische Sitten und Gebräuche fleißig geübt. Leutnant Freund instruierte die ungediente Mannschaft, ich repetierte mit der alten gedienten. Botha und von Richthofen, die beide nur mit einem Bein vorschriftsmäßig marschieren konnten, weil das andere verletzt war – Botha hinterließ im Sand eine Fährte wie von zwei linken Füßen, die den Feind oft in Staunen gesetzt haben mag –, ersetzten die stramme Haltung durch ihren Eifer. Maushake, dem die Sehnen beider Oberschenkel durchgeschossen waren, brachte das »Leicht-Vornüberliegen« mit dem besten Willen nicht mehr fertig. Unteroffizier Dornier, der Chasseur alpin gewesen war, zeigte uns in den Instruktionspausen, wie man bei den Franzosen »Gewehr über« mache: er schlug mit dem rechten Fuß an den Gewehrkolben, das Gewehr überschlug sich ein paarmal in der Luft und lag dann auf der rechten Schulter – das reine Taschenspielerkunststück. Natürlich ist nicht ausgeschlossen, daß Dornier uns nur veräppelte.